EUR 20,00
Portofrei*
Alle Preise inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

3 Kundenbewertungen

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren…mehr

Produktbeschreibung
Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines universitären Drittmittelprojekts, steht unter Schock. Letzte Nacht hat er geträumt, dass seine Frau ihn betrügt. In einer absurden Kurzschlusshandlung verlässt er sie, steigt ins erstbeste Flugzeug und reist nach Japan, um Abstand zu gewinnen. Dort fallen ihm die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Basho in die Hände, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen. Auf der traditionsreichen Pilgerroute könnte er sich in der Betrachtung der Natur verlieren und seinen inneren Aufruhr hinter sich lassen. Aber noch vor dem Start trifft er auf den Studenten Yosa, der mit einer ganz anderen Reiselektüre unterwegs ist, dem Complete Manual of Suicide .
Die Kieferninseln ist ein Roman von meisterhafter Leichtigkeit: tiefgründig, humorvoll, spannend, zu Herzen gehend. Im Teeland Japan mischen sich Licht und Schatten, das Freudianische Über-Ich und die dunklen Götter des Shintoismus. Und die alte Frage wird neu gestellt: Ist das Leben am Ende ein Traum?
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 164
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 168 S. 203 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 128mm x 20mm
  • Gewicht: 281g
  • ISBN-13: 9783518427606
  • ISBN-10: 3518427601
  • Best.Nr.: 48057452
Autorenporträt
Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, studierte Germanistik und Slawistik und lebt heute in Berlin. Für ihre Prosa und Lyrik wurde sie vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie den Peter-Huchel- Preis und den Ernst-Meister-Preis für Lyrik; ihr Roman Die Sonnenposition stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gewann den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2013.
Rezensionen
»Marion Poschmann versetzt ihre Leser in einen Schwebezustand, in dem wir als glückliche Leuchtpapierkugeln den Orbit ihres Ruhms bilden.« Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.05.2017
Besprechung von 15.09.2017
Der Mond in der Teetasse
Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis:
Marion Poschmanns schillernder kleiner Roman „Die Kieferninseln“
VON TOBIAS LEHMKUHL
Wer jahrelang achtlos an den Kiefernwäldern der Schorfheide vorüberfährt, der wundert sich ein wenig, wieviel Aufmerksamkeit die Japaner ihrem Nadelgehölz widmen. Wobei hierzulande freilich recht monoton der Chokkan vorherrscht, der streng aufrechte Stamm. Auf den japanischen Inseln dagegen gibt es noch ganz andere Kiefernformen. Den s-förmigen Moyōgi, Sōkan, den Doppelstamm, oder Fukinagashi, die windgepeitsche Kiefer.
In den kaiserlichen Gärten in Tokio, so heißt es in Marion Poschmanns neuem Roman, werden die nur auf den japanischen Inseln heimischen Schwarzkiefern sogar bewusst in eine leicht zerzauste Form geschnitten – als Referenz an die Kiefern in der berühmten Bucht von Matsushima, einer der, wie es in jedem Reiseführer heißt, „drei schönsten Landschaften Japans“, Endziel zudem der berühmten Reise des Haiku-Dichters Matsuo Bashō.
Wie Bashō im Jahr 1688 macht sich über dreihundert Jahre später ein gewisser Gilbert Silvester auf den Weg zu den Kieferninseln. Allerdings ist es eher dem Zufall geschuldet, dass der deutsche Privatdozent über lauter Teeländer hinweg- und in das wohl berühmteste Teeland fliegt, obwohl er Tee doch eigentlich gar nicht mag. Als er eines Nachts träumt, dass seine Frau ihn betrügt, gibt es für Silvester keinen Zweifel und er beschließt traumgeplagt von einer Sekunde auf die andere, den nächsten Kontinentalflug zu nehmen. Und der geht nun eben nach Tokio.
Japan also ist wahrlich nicht das Land seiner Träume, zudem ist es hier sehr schwer, einen Anknüpfungspunkt an seine Arbeit zu finden, denn Silvester ist Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, „gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln.“
Bei japanischen Männern allerdings ist der Bartwuchs bekanntermaßen spärlich, und so sucht sich der Kulturwissenschaftler, der es im Gegensatz zu seiner erfolgreichen Frau versäumt hat, Karriere zu machen und sich nun von Projekt zu Projekt hangelt, eine andere Aufgabe, eine Rechtfertigung seines Aufenthalts so fern der heimischen Bibliothek: Er kauft noch im tokioter Flughafen das Reise-Tagebuch Bashōs und beschließt, sich auf dessen Spuren zu begeben.
Eine zweite Aufgabe fällt ihm ebenfalls eher zufällig zu. Er hält einen jungen, lebensmüden Japaner davon ab, sich vor einen Zug zu stürzen. Und zwar mit dem schönen Argument, ein Bahnhof sei ja wohl kein angemessener Ort für solch ein Vorhaben, viel zu unpersönlich und trostlos. Man wolle doch lieber gemeinsam etwas Würdigeres suchen, das ließe sich dann auch hervorragend mit der Reise nach Matsushima verbinden.
Marion Poschmann, die in diesem Jahr mit dem erstmals verliehenen Preis für Nature Writing ausgezeichnet wurde, hat den Leser schon in ihrem zuletzt erschienenen Essayband „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“ mit dem innigen Verhältnis des Japaners zur Natur bekannt gemacht, seinem Hang zur „flüchtigen Schönheit von Blüten, zur zweideutigen Schönheit von Mondlicht, zur vagen Schönheit in sich zurückgezogener Landschaften“, wie es in „Die Kieferninseln“ heißt.
So wenig vertraut Gilbert Silvester mit Japan ist, so wenig neigt er zu buddhistischer Kontemplation, im Gegenteil, er hält seinem japanischen Begleiter besserwisserische Vorträge über die Stadtentwicklung Tokios, verweigert ihm den Freitod auch im Selbstmörderwald von Aokigahara und zwingt ihn irgendwann sogar dazu, Haikus zu verfassen. Diese beweisen für ihn, den Bartforscher, dann wiederum die „Inkonsequenz jeder Dichtung“.
Man könnte Mitleid mit diesem Gilbert Silvester haben. Verrannt und frustriert ist er einer jener Männer in der Krise, die in diesem Jahr in zahlreichen Romanen ihr graugesprenkeltes Unwesen treiben: Jonas Lüschers ebenfalls mäßig erfolgreicher Geisteswissenschaftler Richard Kraft ist einer von ihnen, der Immobilienmakler Philip in Lukas Bärfuss’ „Hagard“ ein anderer. Alle streben sie auf die eine oder andere Weise nach Friede und Erlösung, sie alle suchen nicht nur räumlich den weitestmöglichen Distanz zu ihrem bisherigen, irgendwie verfahrenen Leben.
Da wäre ein Abschied vom Ich, eine Zeit der Ruhe und des Abstands sicher nicht verkehrt. Gilbert Silvester hat insofern Glück gehabt, dass das erste Flugzeug gleich nach Japan flog und die Flughafenbuchhandlung Bashōs „Auf schmalen Pfaden ins Hinterland“ vorrätig hielt. Wo sonst, als in dieser extrem formellen Gesellschaft, ihrem durchrationalisierten Weg auch zur inneren Einkehr könnte er besser Orientierung finden? Im Weg steht ihm allerdings ein „undisziplinierter Geist, der sich von verworrenen Gefühlen übermannen und sich zu irrationalen und sinnlosen Handlungen treiben lässt.“
Von einem Japaner, fügt Silvester noch hinzu, hätte er mehr erwartet. Denn natürlich ist der Satz auf seinen Begleiter Yosa Tamagotchi gemünzt, obwohl er doch weitaus besser auf Silvester selbst zutreffen würde, ihn, der aufgrund eines Traumes überzeugt ist, seine Frau betrüge ihn.
Es wäre leicht zu behaupten, in diesem Roman prallten der Westen und der ferne Osten aufeinander. Aber es ist vielmehr so, dass hier ein Mann in mittleren Jahren mit seinen eigenen Lebensvorstellungen kollidiert. Japan und die Kieferninseln sind dabei eine Art Angebot, sich diesem Unfall in der Hälfte des Lebens zu stellen und ihn mit vielleicht nur geringen Blessuren zu überstehen. Ob Silvester dieses Angebot annimmt, oder ob ihm am Ende, als er aus dem Fenster auf Matsushima schaut, der Mond nur rein zufällig in die Teetasse scheint, sei hier nicht verraten.
Marion Poschmann auf jeden Fall hat einen fein gewirkten, filigran verästelten Roman geschrieben. Er ist nicht nur klug - das ist Gilbert Silvester auch, und es hilft ihm nicht weiter - er ist zudem („Bartmode und Gottesbild“!) von heiterer Gelassenheit.
Gilbert Silvester ist wenig mit
Japan vertraut und neigt kaum
zu buddhistischer Kontemplation
Kann eine Japanreisende
jemandem helfen, der mit seinen
Lebensvorstellungen kollidiert?
Ein klassischer Sehnsuchtsort, handkoloriert: Matsushima, Reiseziel des großen Haiku-Dichters Bashō.
Foto: getty images
Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.
168 Seiten, 20 Euro.
E-Book 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr