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Benutzername: Mikka Liest
Wohnort: Borgloh
Über mich: Bücher sind für mich wie Kartoffelchips... Eines ist nie genug! ;)
Danksagungen: 72 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 685 Bewertungen
Bewertung vom 24.05.2018
Die Totenflüsterin
Littlejohn, Emily

Die Totenflüsterin


ausgezeichnet

Die junge Polizistin Gemma Monroe ermittelt in einem Mordfall, der nicht nur deswegen ungewöhnlich ist, weil Morde in ihrer kleinen Stadt nicht oft begangen werden.

Der Clown eines herumreisenden Zirkus’ wird mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Als die Fingerabdrücke des jungen Mannes routinemäßig überprüft werden, stellt sich Erstaunliches heraus: Erstens ist er für die Polizei von Cedar Valley beileibe kein Unbekannter.

Zweitens ist er vor drei Jahren schon einmal gestorben.

Außerdem kristallisieren sich schon bald Verknüpfungen zu einem weiteren alten Fall heraus, den Gemma niemals klären, aber auch niemals loslassen konnte.

Vor Jahren entdeckte sie auf einem privaten Skiausflug abseits der vielbefahrenen Strecken den Schädel eines Kindes, wonach die vollständigen Skelette zweier Kinder geborgen werden konnten, die bereits vor 30 Jahren verschwunden waren. Der erhoffte Durchbruch in diesem Cold Case blieb indes aus.

Seitdem hört Gemma die Kinder in ihren Träumen flüstern…

Die Spannung glimmt über lange Passagen intensiv, aber eher unterschwellig, womit ich jedoch keineswegs sagen will, dass das Buch langweilig wäre – ganz im Gegenteil! Mir gefiel sehr gut, dass die Spannung eben nicht auf wilder Action und literweise Blut beruht, sondern auf einem komplizierten Netz von persönlichen Verstrickungen und vielfältigen Ermittlungen. Nichts ist, wie es zunächst scheint.

Auch wenn die Handlung verhältnismäßig ruhig verläuft, passen Takt und Tempo doch perfekt zu Atmosphäre und Aufbau des Buches.

Ich war beeindruckt davon, wie gekonnt die Autorin in ihrem Debüt (!!) die komplexen Strukturen der vielschichtigen Handlung handhabt.

Weder verläuft die Ermittlung meines Erachtens übermäßig verworren, noch ist die Auflösung zu schnell vorhersehbar. Tatsächlich habe ich den/die Schuldige(n) (ich will da noch nichts verraten) erst sehr spät in Betracht gezogen, aber es ergibt absolut Sinn, so wie es ist.

Allenfalls geht es am Schluss vielleicht ein wenig zu schnell, ich hätte über manche Entwicklungen gerne noch etwas mehr erfahren! Aber das ist in meinen Augen eine verzeihliche Schwäche – für mich war “Die Totenflüsterin” ein großartiger Erstling, und ich werde weitere Bände auf jeden Fall lesen.

Ein Highlight war für mich der Schreibstil, der mit wunderbarer Sprachmelodie Atmosphäre aufbaut und die Handlungsorte lebendig beschreibt.

Aber auch die Charaktere haben mir sehr gut gefallen: sie sind sehr glaubhaft und authentisch, abseits der üblichen Krimi-Klischees – auch wenn ich am Anfang ein solches Klischee befürchtete! Denn Gemma wird schon bald gezwungen, mit ihrem Kollegen Finn zu arbeiten, den sie nicht ausstehen kann, aber das verläuft nicht so, wie man vielleicht erwarten würde.

Gemma selber ist eine interessante Protagonistin, mit einer ganz eigenen, prägnanten Stimme: Hochschwanger, hochintelligent, mit psychischen Problemen und einem Partner, dem sie nicht mehr vertraut, aber auch einem guten Sinn für Humor.

Ich hatte schnell das Gefühl einer ‘Verbindung’ zu ihr, so dass die Handlung für mich mehr emotionale Wucht bekam.

Ihren Kollegen Finn konnte ich am Anfang nicht ausstehen. Er kam mir sehr überheblich und von sich selbt überzeugt vor, außerdem hat er schnell mal einen frauenfeindlichen Spruch auf den Lippen… Aber sogar Finn entwickelt im Verlauf des Buches mehr Tiefgang, als ich ihm zugetraut hätte.

FAZIT

Ein ‘Cold Case’ und ein brandaktueller Fall: Ein junger Clown stirbt – zum zweiten Mal! –, und es scheint Verbindungen zu einem zweifachen Kindermord vor 30 Jahren zu geben. Leider ist von dieser Verbindung außer der jungen Polizistin Gemma Monroe niemand so recht überzeugt…

“Die Totenflüsterin” ist ein beeindruckender Debütroman: ein clever konstruierter, vielschichtiger Krimi mit einer sehr interessanten Protagonistin und viel Atmosphäre.

Bewertung vom 15.05.2018
Die Frauen von Ballycastle (eBook, ePUB)
Binder, Sandra

Die Frauen von Ballycastle (eBook, ePUB)


sehr gut

Dieser Roman ist nicht nur was fürs Herz, sondern einfach maßgeschneidert für Vielleserinnen

Fina Ramsay ist eine Heldin, mit der man als Bücherwurm nur mitfiebern kann.

Bücher sind ihr ein und alles, die eigene Buchhandlung war seit jeher ihr Lebenstraum. Man kann ihren Zorn und ihre Verzweiflung daher nur allzu gut verstehen, als die Kunden reihenweise abwandern in den lieblosen ‘Buch-Supermarkt’ schräg gegenüber.

Aber sie hat nicht vor, sich kampflos geschlagen zu geben, und so schreibt sie dem Filialleiter Liam McClary eine gepfefferte Email nach der anderen, auf die er mit gelassenem Amüsement reagiert – was sie erst recht auf die Palme bringt. Und so witzig das oft ist, desto traurig ist der Grund für den herrlichen Schlagabtausch.

Leider ist es im echten Leben ja oft so, dass die inhabergeführte Kleinbuchhandlung einfach nicht mithalten kann mit den großen Ketten, die zehnmal so viele Bücher vorrätig haben können.

An dieser Stelle ein Appell: gebt kleinen Buchhandlungen eine Chance!

Jedenfalls ist Fina eine großartige Heldin: eine starke Frau, die für ihren Traum kämpft, die aber auch Schwächen hat, die sie menschlich und glaubhaft machen. Die größte davon ist sicher, dass sie sich gemütlich eingerichtet hat in ihrem Leben und weder Spontanität noch Abenteuer in irgendeiner Form zulässt. Außerdem fällt sie manchmal sehr schnell Urteile und lässt dann verbohrt lange nicht davon ab!

Auch ihr Gegenspieler Liam ist ein wunderbarer Charakter, der natürlich nicht vollends Finas Feindbild entspricht. In manchem hat sie allerdings recht: ihm fehlen Finas Herzblut und ihre Leidenschaft für die Literatur. Gerade deswegen sind die beiden aber sehr interessante Protagonisten, die sich gegenseitig dazu bringen, eine große persönliche Entwicklung durchzumachen.

Es geht jedoch nicht nur um den Kleinkrieg zwischen Fina Ramsay und Liam McClary.
Die Geschichte nimmt Fahrt auf und wird spannend, als Fina in den Sachen ihrer Alzheimer-geplagten Großmutter einen rätselhaften, unvollständigen Brief findet. Klar ist nur, es muss ein Geheimnis geben, das die Familien Ramsay und McClary miteinander verbindet – ausgerechnet. 1970 ist in Nordirland irgendetwas passiert, und Fina ist sich sicher: das muss der Grund sein, warum ihre Großmutter immer so unglücklich wirkte…

Fina fasst den Entschluss, das Geheimnis aufzudecken, um ihrer Großmutter für ihren Lebensabend möglicherweise noch etwas Glück zu schenken.

Die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin ist so herzerwärmend wie tragisch, denn immer öfter erkennt die alte Frau Fina gar nicht mehr. Die Autorin nimmt sich des Themas Alzheimer mit viel Feingefühl an, und so gesellt sich zu Spannung (und später Romantik) auch ein gewisser Tiefgang.

Apropos Romantik: die Liebesgeschichte fand ich sogar als bekennender Romantikmuffel richtig schön.

Gerade durch die Mischung zwischen Spannung, Humor und ernsten Themen wird es in meinen Augen nie zu kitschig. Überhaupt fand ich den Schreibstil sehr angenehm, locker-flockig und flüssig zu lesen, dabei aber nicht platt oder klischeehaft.

Sehr interessant und spannend fand ich auch die Einblicke in das Leben in Irland zu Beginn der ‘Troubles’, der gewalttätigen Konflikte des großen Nordirlandkonflikts. (Am Ende des Buches findet man dazu noch weitere Informationen!)
Auch dieser Hintergrund trägt zum Tiefgang der Geschichte bei und rundet die Liebes- und Familiengeschichte ab.

FAZIT
Was als witzige Fehde zwischen zwei Buchhändlern beginnt (Fina: Inhaberin einer unabhängigen Buchhandlung, Liam: Filialleiter einer großen Kette), stellt sich schnell als Geschichte eines Familiengeheimnisses heraus, das zurückführt ins Jahr 1970 in Nordirland – und damit die eskalierende Gewalt des Nordirlandkonflikts.

Trotz des zeitgeschichtlichen Hintergrunds und anderer ernster Themen wie Alzheimer ist “Die Frauen von Ballycastle” auch ein echtes Wohlfühlbuch mit einer schönen Liebesgeschichte.

Bewertung vom 13.05.2018
Die Formel
Wells, Dan

Die Formel


ausgezeichnet

Was für ein originelles, witziges, böses, intelligentes und absolut grandioses Buch. Was für ein Geniestreich, wenn eine Hautcreme die Apokalypse auslösen kann und der Leser dabei so richtig Spaß hat – und dennoch zum Nachdenken angeregt wird.

Zitat:
»Wir sind wie das Schiff des Theseus, wir werden in einem unendlichen Zyklus zerstört und geheilt. Ist ihr Körper dauerhaft? Kein Molekül und keine Zelle entsprechen mehr dem, was Sie bei der Geburt mitbekommen haben. (…) Die Erinnerungen branden hoch und schwinden wie Ebbe und Flut. Ihr Bewusstsein hat mehr verloren, als es je wiedergewinnen kann.«

Lasst euch diese tiefsinnige Passage eine Weile auf der Zunge zergehen. Kaum zu glauben, dass aus dem gleichen Buch Sätze wie diese stammen:

Zitat:
»Unsterbliche Supermodel-Lesben sind ein notwendiger Nebeneffekt, und… Meine Güte, klingt das schrecklich, wenn ich es so ausdrücke!«
»Sie sind widerlich«, stellte Lyle fest.

Dan Wells verrät im Nachwort, wie ungemein wichtig ihm “Die Formel” als Buchprojekt war bzw. ist, und das merkt man auch.

Mit seiner ‘Serienkiller’-Trilogie setzte er sich schon über Genre-Grenzen hinweg und beeindruckte mit einer überraschenden und innovativen Mischung aus Horror, Thriller, Urban Fantasy und Jugendbuch – und nun übertrifft er sich in meinen Augen selber mit einem Genre-Mix aus Science Fiction, Humor und Thriller.

Der Humor ist absurd und böse und sicher nicht jedermanns Sache. Der Autor erreicht damit jedoch eine großartige Balance zwischen Science Fiction, die sich mit Bravado selber parodiert (siehe ‘Unsterbliche Supermodel-Lesben’), und bestechend relevanter Sozialkritik. Was er dabei anprangert ist nicht nur die Gier der Pharmaindustrie, sondern auch unser verdrehtes Bild von Schönheit, das in den Medien propagiert wird und das wir viel zu unreflektiert als Maßstab für unseren eigenen Selbstwert nehmen.

Wie glaubhaft das Ganze von einem wissenschaftlichen Standpunkt ist, kann ich nicht beurteilen.

Im Grunde sieht es meines Erachtens so aus: entweder man beschließt nach den ersten Kapiteln, sich einfach darauf einzulassen, oder das Buch ‘funktioniert’ nicht. Aber was hat man dabei schon zu verlieren?

Spannend ist es auf jeden Fall.
Das fängt schon beim ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis an, wenn man feststellt, dass die Kapitel einen Countdown bis zum Weltuntergang herunterzählen – man fragt sich die ganze Zeit, ob es wirklich dazu kommen wird oder nicht. Mit jedem Kapitel wird die Geschichte aberwitziger, bis es manchmal fast etwas von Slapstick hat, aber gleichzeitig legt der Autor die Daumenschrauben an. Es findet ein rasantes Wettrüsten statt, um das Ende der Welt abzuwenden und dabei möglichst noch Profil einzustreichen.

Es wird zunehmend schwieriger, die Charaktere auseinander zu halten, aber das ist sicher ein gewollter Effekt, immerhin geht es hier um eine Hautcreme, die Menschen klont. Und natürlich versucht absolut jeder, das zu seinem Vorteil einzusetzen…

Der Held der Geschichte ist jedenfalls überhaupt kein Held, in keiner Hinsicht.
Lyle Fontanelle hat oft die besten Absichten und sogar ein paar halbherzige Prinzipien – aber leider kein Rückgrat. Er hat der Welt die Katastrophe eingebrockt, aber nicht die Absicht, bei einem Rettungsversuch sein Leben zu riskieren (außer es geht um eine Frau, in die er verliebt ist). Für einen Großteil des Buches war er mir trotzdem irgendwie sympathisch, bis er sich mein Wohlwollen kurz vorm Ende dann doch noch verspielte. Dennoch ist er meiner Meinung nach ein wunderbarer Buchcharakter, weil man immer wissen will, wie es mit ihm weitergeht – egal, wie katastrophal ihm alles misslingt.

Der Schreibstil ist ein wenig durchwachsen.
Es gibt Passagen, in denen die Sätze holpern, sich verschachteln oder im Zusammenhang einen unklaren Sinn ergeben (was allerdings an der Übersetzung liegen könnte), aber dafür gibt es wirklich fantastische Passagen, wo der Autor über sich hinauswächst.

Bewertung vom 12.05.2018
Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1
Sauer, Beate

Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1


ausgezeichnet

Dieses Buch haben wir mit unserem kleinen Krimi-Lesekreis gelesen, weil uns die vielversprechende Verbindung reizte: einerseits Krimi, andererseits realistische Geschichte aus einer hochdramatischen Epoche unserer Historie. Und das mit Protagonisten, die im Krieg noch auf verschiedenen Seiten standen, nun aber notgedrungen zusammenarbeiten müssen… Das klingt nicht nur nach Spannung, sondern auch nach einem gewissen Tiefgang.

Und tatsächlich fühlten wir uns mitnichten enttäuscht, das Buch konnte unsere Erwartungen voll erfüllen.
Der Kriminalfall an sich hat schon alles, was ein guter Krimi in meinen Augen braucht: er ist gut durchdacht, sauber recherchiert und nahtlos konstruiert. Es gibt natürlich unerwartete Wendungen, sowie Irrungen und Wirrungen seitens der Ermittler – tatsächlich sprach eine Teilnehmerin unseres Lesekreises an, dass es ausgesprochen viele Handlungsstränge gibt, die erst spät zusammenlaufen, und dass sie das manchmal etwas verwirrend fand.

Gerade das hat mir aber gut gefallen, weil man dadurch bis zum Schluss nie sicher sein kann, was wirklich passiert ist, wer dahintersteckt und warum. Ich hatte jedoch nie das Gefühl, dass Fakten nicht zusammenpassten oder dass etwas im Endeffekt nicht ausreichend aufgeklärt wird.

Einig waren wir uns, dass das Buch auf jeden Fall sehr spannend und unterhaltsam ist.
Die Vielzahl von Handlungssträngen (und die damit einhergehende Vielzahl von involvierten Personen) spiegelt meines Erachtens wider, dass wir uns in dieser Geschichte immerhin in einer Zeit befinden, in der schon der ganz normale Alltag unglaublich schwierig war – und geprägt vom gegenseitigen Misstrauen. Nicht nur zwischen Deutschen und Besatzern, sondern auch zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern (beschönigt ‘Fremdarbeiter’ genannt), sogar zwischen Deutschen und Deutschen…

Beate Sauer erzählt die Geschichte mit einem packenden und zugleich intelligent geschriebenen Stil.
Man sieht die zerbombten Städte quasi vor sich, spürt die beißende Kälte und den quälenden Hunger, und dabei wirkt die Darstellung der Zeit immer glaubwürdig und stimmig. Sie schildert diese Zeit so lebendig und mit solch dichter Atmosphäre, dass der Kriminalfall für mich manchmal regelrecht zum Nebendarsteller wurde, was der Spannung jedoch keinen Abbruch tat.

Die Charaktere waren für mich ein weiterer großer Pluspunkt des Buches.
Friederike Matthée von der Weiblichen Polizei entspricht zunächst nicht unbedingt dem modernen Bild einer Polizistin: Sie ist unsicher, besitzt wenig Selbstbewusstsein und hat den Beruf nicht etwa aus Neigung gewählt, sondern um für sich und ihre Mutter wenigstens eine einigermaßen sichere Wohnung zu bekommen. Im Laufe der Handlung erfährt man aber, was sie im Krieg alles durchgemacht hat – was vieles erklärt! –, und sie zeigt auch eine deutliche Weiterentwicklung.

Sie war mir zutiefst sympathisch, ich habe mit ihr mitgefühlt und mitgefiebert… Und gerade wegen ihrer Schwächen fand ich sie sehr authentisch und glaubhaft.

Obwohl sie am Ende immer noch weit von einer perfekten Polizistin entfernt ist, zeigt sie großes Potential, und das macht Lust auf den nächsten Band!
Richard Davies von der britischen Military Police hingegen ist erstmal ein zwiespältiger Charakter. Wie sicher viele der Besatzer tut er sich schwer damit, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten oder mit den halb verhungerten Menschen Mitleid zu empfinden – obwohl der Leser immer wieder erahnen kann, dass er vom Naturell her eigentlich kein grausamer Mensch ist. Man kann seine Gefühle auch durchaus nachvollziehen, die Gräuel des Holocaust sind ja gerade erst passiert.

Über Davies Vergangenheit erfährt man im Laufe des Buches ebenfalls vieles, was seine Haltung erklärt.
Nicht nur die beiden Protagonisten, sondern auch die anderen Charaktere fand ich überzeugend geschrieben, vielschichtig und interessant.

Bewertung vom 05.05.2018
Wo drei Flüsse sich kreuzen
Kent, Hannah

Wo drei Flüsse sich kreuzen


ausgezeichnet

“Wo drei Flüsse sich kreuzen” wird mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben.

Hannah Kent beschwört mit kristallklarer, ausdrucksstarker Sprache ein Bild des ländlichen Irlands von 1825 herauf. Das Leben der Menschen wird nicht nur von Hunger und tiefster Armut bestimmt, sondern auch von Religion und Aberglaube. Beides gibt ihnen Hoffnung und fördert ihren Zusammenhalt, kann aber jederzeit umschlagen in gegenseitiges Misstrauen und Vorurteile.

Die schwierige Allianz zwischen christlichen Glaubensregeln und uralten, tief verwurzelten Volksbräuchen zieht sich als Leitmotiv durch das Buch.

Die Bewohner des Dorfes, in dem die Handlung angesiedelt ist, gehen sonntags zur Messe, befolgen aber im täglichen Leben eine fast schon absurde Vielzahl von Regeln, um sich vor dem ‘bösen Blick’ zu schützen oder sich das Wohlwollen des ‘Guten Volkes’, wie sie die Feen nennen, zu sichern. Denn diese leben, so glauben die Dörfler, ganz in der Nähe und haben viel Einfluss auf das Leben der Menschen: sie können dafür sorgen, dass Kühe keine Milch und Hühner keine Eier mehr geben, sogar Missbildungen und plötzliche Todesfälle verursachen.

Im Dorf geht die Angst um, man habe irgendwie das Unglück heraufbeschworen.

Es gibt Missernten, Unwetter und Totgeburten, und dann verliert die angesehene Bäuerin Nora innerhalb kurzer Zeit erst ihre Tochter und dann ihren Mann. Kerngesund war der, munkeln die Dörfler, und nicht nur das: ist er nicht just zum Schlag des Hammers auf der Kreuzung vor der Schmiede tot umgefallen? Sicherlich ein böses Omen.

Ein Aberglaube, der sich besonders hartnäckig hält, ist der Mythos vom Wechselbalg. Die Feen, so heißt es, entführen die schönsten, klügsten Menschenkinder und lassen im Austausch einen Doppelgänger des entführten Kindes zurück.

Und so ist es Micheál, der kleine Enkel von Nora, der die Menschen am meisten verunsichert.

Vor zwei Jahren war er noch ein gesundes, glückliches Kind, das herumlief und plapperte wie jedes andere. Jetzt ist er stumm, seine Arme und Beine sind mager und verdreht, und er windet sich in Krämpfen und Zuckungen.

Micheál muss ein Wechselbalg sein, ganz klar.

Als moderner Leser zerreißt es einem schier das Herz, wie viel Angst, Widerwille und sogar Hass diesem offensichtlich behinderten Kind fortan entgegen schlägt.

Im Mittelpunkt des sich entfaltenden Dramas stehen drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die überforderte, verzweifelte Nora, ihre 14-jährige Magd Mary und das alte Kräuterweib Nance, der nicht nur ein umfassendes Wissen um allerlei Heilmittel zugeschrieben wird, sondern auch eine Verbindung zum Guten Volk.

Unter Nances Anleitung versucht Nora, den ‘Wechselbalg’ zu bannen, um die Feen dazu zu bewegen, den echten Micheál zurückzugeben – während Mary zunehmend verunsichert zusieht…

Die Autorin zeichnet ihre Charaktere grandios: komplex, glaubhaft und bewegend.

Auch wenn die Protagonistinnen aus heutiger Sicht auf tragische Art und Weise fehlgeleitet erscheinen, sind sie doch in keinster Weise böse. Was sie tun, tun sie mit den besten Absichten, und Nance, die vielleicht zwiespältigste Figur in dieser Geschichte, ist felsenfest überzeugt von ihren eigenen übernatürlichen Fähigkeiten.

Das Buch zeigt die enorme Spannweite der menschlichen Natur und verzichtet dabei auf Stereotypen oder einfache Urteile. Hannah Kent erzählt eine spannende Geschichte, die dennoch einen ungeheuren Tiefgang entwickelt.

Aber es ist mehr als nur eine Geschichte: das Buch beruht auf historisch belegbaren Tatsachen.

Möglicherweise hieß Micheál nicht Michaél, aber es gab einmal einen Jungen wie ihn. Und es gab drei Frauen wie Nora, Mary und Nance. Natürlich möchte ich hier noch nicht verraten, wie die Geschichte ausging, im Buch oder in der Wirklichkeit, aber ich würde Lesern empfehlen, es selber herauszufinden.

Bewertung vom 01.05.2018
Free Souls - Gefährliche Träume (Mindjack #3) (eBook, ePUB)
Kaye Quinn, Susan

Free Souls - Gefährliche Träume (Mindjack #3) (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ich bin mit einer Art mulmig-gespannter Erwartung an den dritten Band der Mindjack-Trilogie heran gegangen. Dabei haben mir die ersten beiden Bände wunderbar gefallen - ich habe sie regelrecht inhaliert und mit großer Begeisterung rezensiert!

Tja, warum dann das "mulmig"?

Weil ich mir ehrlich nicht vorstellen konnte, wie diese Geschichte schlüssig und glaubhaft enden sollte. Ich habe mir schon beim Lesen der ersten beiden Bände immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, aber die Situation erschien mir einfach zu verfahren, der Hass und die Angst zwischen den Parteien zu unüberwindbar... Obwohl die meisten Jacker ihre Kräfte nicht missbrauchen, sind sie dennoch unglaublich mächtig und damit eine große Bedrohung - wie sollte also eine Welt aussehen, in der Jacker und Leser friedlich zusammenleben, ohne ein absurd konstruiertes, aufgezwungenes Happy End?

Asche auf mein Haupt.

Ich hätte mehr Vertrauen in die Autorin setzen sollen, denn das Ende ist perfekt, so wie es ist, ohne in Klischees zu verfallen.

Mich hat in diesem dritten Band wieder tief beeindruckt, wie durchdacht diese Welt ist, bis ins kleinste Detail. Gerade wenn man denkt, man wüsste schon alles darüber, lässt einen Susan Kaye Quinn wieder etwas Neues entdecken! Besonders die Art und Weise, wie Kira und ihre Verbündeten ihre Kräfte erforschen und lernen, sie auf unglaublich kreative Weise immer wieder neu zu nutzen, hat mich begeistert. Wahnsinn, einfach Wahnsinn! (Aber guter Wahnsinn.)

Das Buch war unglaublich spannend, fast noch spannender und Action-geladener als die ersten beiden Bände. Ich habe mir bei vielen Szenen gedacht, was für ein absoluter Knaller eine Verfilmung sein könnte...

Die Charaktere sind einfach großartig. Die, die seit dem ersten Band dabei sind, sind deutlich spürbar gewachsen und von ihren Erfahrungen geprägt worden. Besonders Kira hat nur noch wenig gemein mit der unsicheren jungen "Null" aus "Closed Minds", die doch eigentlich nur sein will wie alle anderen! Sie ist taff, entschlossen und intelligent, mutig und selbstlos. Und dennoch nie zu perfekt, um noch glaubwürdig zu sein. Sie hat ihre Schwächen, sie macht Fehler... Und das fand ich gut.

Auch Julian hat inzwischen deutlich mehr Dimension. Mir hat er im zweiten Band schon sehr gut gefallen, aber in diesem hat er sich endgültig zu meinem Lieblingscharakter gemausert!

Raf... Ach, über Raf sage ich besser gar nichts, um niemanden aus Versehen zu spoilern. Belassen wir es dabei: die Autorin beschreitet, was ihn und Kira betrifft, nicht die üblichen Wege!

Die Liebe spielt in dieser Trilogie auf jeden Fall eine wichtige Rolle, weil sie ein grundlegender Teil dessen ist, was die Charaktere motiviert. Aber in meinen Augen ist die Geschichte eine Dystopie mit romantischen Elementen, keine Liebesgeschichte mit dystopischen Elementen. Wisst ihr, was ich meine?

Der Schreibstil ist schlicht und einfach der Hammer. Rasant und intelligent und voller toller Bilder und irrsinnig einfallsreicher Metaphern. Die Art und Weise, wie die Charaktere sprechen und denken, ist einerseits flüssig und wunderbar zu lesen, und andererseits immer ein kleines bisschen anders, als man heutzutage spricht und denkt...

Fazit:

Mit einem lachenden und einem weinende Augen nehme ich Abschied von der Mindjack-Trilogie. Lachend, weil der Autorin ein 100%ig überzeugendes, perfektes Ende gelungen ist, und weinend, weil die Geschichte jetzt vorbei ist und ich doch noch viel mehr über diese Welt lesen wollte... Gut, dass es wenigstens noch eine Reihe von Novellen gibt, die in dieser Welt spielen!

So muss eine Dystopie für mich sein: rasant, spannend und voller Action, und dabei doch intelligent und durchdacht.

Bewertung vom 01.05.2018
Closed Hearts - Gefährliche Hoffnung (Mindjack #2) (eBook, ePUB)
Kaye Quinn, Susan

Closed Hearts - Gefährliche Hoffnung (Mindjack #2) (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Auf den zweiten Band der Mindjack-Trilogie habe ich mich unheimlich gefreut, weil der erste mich schon richtig begeistert konnte. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil - der zweite Band gefiel mir sogar noch besser als der erste!

Ich war gespannt, wie die Autorin ihre dystopische Welt weiterentwickeln würde, und sie zieht in diesem Band wirklich die Daumenschrauben an. Es herrschen Hass und blinde Panik, und es hat sich eine Art Zweiklassen-Gesellschaft herausgebildet: die Leser, die völlig verunsichert alles glauben, was ihnen Anti-Jacker-Politiker an Gruselgeschichten einflüstern, und die Jacker, die nur noch die Wahl haben, sich entweder ihr ganzes Leben lang zu verstellen, um als normale Leser durchzugehen, oder sich nach und nach in die Ecke drängen und die Rechte entziehen zu lassen.

Es gibt inzwischen richtige Slums für Jacker, in denen das Chaos herrscht. Viele Bewohner haben nur wenig andere Möglichkeiten, als sich als Auftrags-Jacker der Kriminalität zuzuwenden, was wiederum den allgemeinen Hass schürt...

Da kommt schnell Spannung auf, und für mich blieb das Buch dann auch nervenzerfetzend bis zum Schluss!

Ich fand sehr beeindruckend, wie einfallsreich und originell die Autorin ihre Geschichte erzählt und dabei doch rundum glaubhaft bleibt. Es ist einfach alles perfekt durchdacht, die Welt ist in sich stimmig und macht Sinn... Man spürt in jeder noch so alltäglichen Situation, dass wir uns hier in einer ganz anderen Gesellschaft befinden, in der andere Regeln herrschen.

Und das liegt zum Teil sicher auch am Schreibstil, denn man merkt wieder an vielen Redewendungen und Begriffen, dass wir nicht mehr im 21. Jahrhundert sind, sondern in einer fernen Zukunft, in der Gedankenlesen selbstverständlich ist.

Besonders gut gefallen hat mir, dass das Buch interessante moralische Fragen aufwirft, und dass es kein klar definiertes Gut oder Böse gibt. Die Leute haben schließlich gute Gründe dafür, Angst zu haben vor den Jackern! Wen würde es nicht beunruhigen zu erfahren, dass der eigene Nachbar einen jederzeit zur willenlosen Marionette machen könnte?

Tatsächlich gibt es auch Jacker, die sich als Herrenrasse fühlen, als nächste Stufe der Evolution. Manchmal hat mich das Ganze ein wenig an X-Men erinnert... Die guten Mutanten, die bösen Mutanten, und die Menschen, die in dem Konflikt als Kollateralschaden enden.

Kira ist in diesem Band eine sehr, sehr widerwillige Heldin. Sie will nicht die Gallionsfigur der Rebellion sein, und das hat mich wiederum ein wenig an Katniss Everdeen erinnert... Sie sträubt sich mit Händen und Füßen gegen ihre Rolle! Ihr misslingt vieles, sie kann oft nicht jeden retten, sie trifft falsche Entscheidungen oder muss die Wahl treffen zwischen Dingen, die alle schlecht sind... Aber ich fand das sehr realistisch, und sie entwickelt sich im Laufe des Buchs auch deutlich weiter.

Ansonsten tauschen alte Feinde wieder auf, und neue Charaktere werden eingeführt... Am besten davon hat mir Julian gefallen, der Kira eine ganz neue Welt eröffnet, in der es unzählige Arten von Jackern gibt. Ob er Freund oder Feind ist, bleibt lange unklar, und gerade diese Zwiespältigkeit fand ich sehr interessant! Um mal beim Vergleich mit X-Men zu bleiben: Julian ist sozusagen der Magneto dieser Welt, der zu zweifelhaften Mitteln greift, um seine Leute zu retten...

Raf spielte in diesem Band über lange Strecken nur als Druckmittel eine Rolle - wir sehen sehr wenig direkte Interaktion zwischen ihm und Kira, und insofern blieb auch die Romantik für mich etwas auf der Strecke, was ich aber nicht weiter schlimm fand.

Fazit:

Der zweite Band der Mindjack-Trilogie hat mich voll und ganz überzeugt! Es geht rasant und spannend weiter, und mehr und mehr wird klar, dass es kein friedvolles Zusammenleben geben kann zwischen den Gedankenlesern und den Mindjackern... Kira, als widerwilliges Gesicht der Rebellion, wird wieder mitten hineingezogen in den Konflikt.

Bewertung vom 01.05.2018
Open Minds - Gefährliche Gedanken (Mindjack #1) (eBook, ePUB)
Kaye Quinn, Susan

Open Minds - Gefährliche Gedanken (Mindjack #1) (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Susan Kaye Quinn entführt den Leser in eine komplexe, gut durchdachte Welt, in der Gedankenlesen seit vielen Generationen völlig normal ist und sich die ganze Gesellschaft in ihrem Verhalten und Denken dementsprechend entwickelt hat. Zum Beispiel ist es tabu, jemanden einfach so zu berühren, und es gibt gesetzliche Vorschriften, wieviel Abstand man einhalten muss, wenn man ein Haus baut, damit die Bewohner des Hauses nicht ständig die Gedanken ihrer Nachbarn hören müssen.

Diese Fähigkeit des Gedankenlesens entwickelt sich erst in der Pubertät, und manche Jugendliche werden tatsächlich vom ständigen Ansturm fremder Gedanken in den Wahnsinn getrieben. Kira dagegen, die keine Gedanken lesen kann und als "Null" gilt, wandert als Außenseiterin durch eine für sie stumme Welt, denn kaum noch jemand redet laut.

Kira ist anfangs so daran gewöhnt, dass die Leute sie als Null in etwa so sehr schätzen wie den Dreck unter ihren Schuhen, dass sie - natürlich! - an ihrem eigenen Wert zweifelt und nicht unbedingt vor Selbstvertrauen strotzt. Wer würde das schon, wenn man Tag für Tag missachtet oder verhöhnt wird? Manchmal lässt sie sich leicht beeinflussen, und gelegentlich trifft sie eine Entscheidung, bei der ich den Kopf geschüttelt habe... Aber das war in meinen Augen gut so, denn zum einen machte es sie menschlich und authentisch, und zum anderen gab es ihr viel Raum, sich im Laufe des Romans weiterzuentwickeln und mehr über sich und ihre Fähigkeiten zu lernen. Der Leser begleitet sie auf dieser Reise, und ich fand das sehr spannend und schloss Kira schnell ins Herz.

Sie hat viele gute Eigenschaften: sie ist hilfsbereit, freundlich, intelligent, und sie entdeckt nach und nach ihren eigenen Mut und ihre Entschlossenheit. Sie strebt nicht nach großer Macht, sie hat keine Ambitionen, ihre Fähigkeiten für Ruhm oder Reichtum zu missbrauchen...

Raf, ihr bester Freund, ist ein sympathischer Kerl, der auch dann unerschüttlich zu ihr hielt, als alle anderen Freunde sie fallen ließen wie ein Stück Abfall - als immer offensichtlicher wurde, dass sie keine normale "Leserin" war. Er ist überhaupt kein Bad Boy, sondern scheinbar ein rundum guter Mensch, und das fand ich sehr erfreulich! Nur manchmal wünschte ich mir dann doch ein paar mehr Ecken und Kanten...

...doch dafür hat Simon, ein anderer junger Mann, der sich auf einmal in Kiras Leben drängt, genug Ecken und Kanten für zehn Charaktere. Lange konnte ich ihm nur wenig abgewinnen; er schien mir ein skrupelloser Kerl zu sein, der notfalls auch über Leichen gehen würde - aber so nach und nach gewann ich den Eindruck, dass auch Simon im Grunde nur ein Opfer seiner Welt ist. Mehr möchte ich noch nicht über ihn sagen, um nicht zu viel zu verraten!

Nach einem eher ruhigen Einstieg, in der der Leser Kiras faszinierende Welt kennenlernt, nimmt die Geschichte schnell an Fahrt auf, und danach konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen. Die arme Kira verstrickt sich in Lügen und Geheimnisse, und schon bald bricht ihre ganze Welt um sie herum in sich zusammen. Danach geht es nicht mehr nur darum, ob sie eine Außenseiterin ist oder studieren darf - es geht um ihr Leben, und aus der Science Fiction wird eine bedrückende und fesselnde Dystopie. Die Autorin bringt viele unerwartete Wendungen und interessante Ideen ein.

Es gibt eine Liebesgeschichte, es gibt romantische Irrungen und Wirrungen - aber eher am Rande, im Mittelpunkt steht doch Kiras Entwicklung bis hin zu ihrem Kampf ums Überleben. Ich würde die Romantik in "Open Minds" in etwa so bewerten wie die in "Die Tribute von Panem"!

Den Schreibstil fand ich sehr gelungen und gekonnt, wunderbar zu lesen und auch hervorragend übersetzt. Die Autorin streut viele Slang-Ausdrücke in Kiras Gedanken, die verdeutlichen, dass das Buch in einer Gesellschaft spielt, die ganz anders ist als unsere. Es gibt die "Leser", die "Nullen" und die "Wandler", die "Dementen", die "Jacker"...

Bewertung vom 28.04.2018
Sind dann mal weg
Veenstra, Simone

Sind dann mal weg


ausgezeichnet

| MEINE MEINUNG |

“Sind dann mal weg” ist eine bewegende Geschichte über das Altwerden – und das Jungbleiben.

Die Autorin spricht durchaus ernste Themen an: so will ihre Heldin Tina sich ganz am Anfang des Buches umbringen, weil sie sich im Altersheim zutiefst einsam und fehl am Platz fühlt, und der Sohn des alten Kapitäns Ole interessiert sich nicht im geringsten für die Wünsche seines Vaters.

Aber das Buch verbindet diese ernsten Themen mit einem wunderbaren, warmherzigen Humor.

Tina findet wider Erwarten gute Freunde im Altersheim und damit auch wieder echte Lebensfreude. Als der allseits beliebte Kapitän Ole plötzlich stirbt, ist das zwar Anlass zu tiefer Trauer – aber es ist auch der Beginn einer verrückten, aufregenden Reise: Tina, Paul, Hedi und Männi stehlen Oles Asche, um sie ins norwegische Meer zu streuen.

Und das führt zu jeder Menge unvorhergesehener Probleme, aber die entschlossenen Senioren lassen sich durch nichts und niemanden aufhalten.

Ob sie jetzt mit wildfremden Dänen eine wilde Geburtstagsfeier feiern oder Drogenspürhunde mit Leckerli bestechen, ich fand die Geschichte von vorn bis hinten unterhaltsam und spannend. Sogar ein bisschen Romantik darf dabei nicht fehlen, denn Tina und ihre Freunde sind definitiv nicht zu alt für die Liebe.

Die Charaktere sind mir richtig ans Herz gewachsen, und so habe ich auch das ein oder andere Tränchen vergossen.

Das Wunderbare an diesem Buch ist, dass hier beides zugelassen wird: das Traurige und das Lustige. So nach und nach zeigen die verschiedenen Charaktere, dass sie mehr Tiefgang zu bieten haben, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, und das machte sie in meinen Augen sehr lebensecht.

Auch wenn die Geschichte manchmal quietschbunt am Rande der Glaubwürdigkeit entlang schrappt, will man sie glauben, und man will, dass sie ein Happy End findet.

Der Schreibstil führt locker-leicht und beschwingt durch dieses Abenteuer, und bei allem Humor geht die Wahrhaftigkeit der Gefühle nie verloren.

| FAZIT |

Mit Einfallsreichtum und ganz viel Humor erzählt Simone Veenstra die Reise einer Gruppe von Senioren, die aus dem Altersheim ausbrechen und die Asche eines guten Freundes stehlen, um ihn ins norwegische Meer zu streuen – koste es, was es wolle.

Auch wenn ich schon nach wenigen Kapiteln die ersten Tränen vergossen habe: “Sind dann mal weg” ist ein ganz großartiges Buch, das nicht nur ans Herz geht, sondern auch verdammt viel Spaß macht.

Bewertung vom 27.04.2018
Das Schweigen der Bienen
Geary, Valerie

Das Schweigen der Bienen


ausgezeichnet

| MEINE MEINUNG |

Ich schreibe diese Rezension, während draußen der April ein frühsommerliches Ende nimmt – und vom Schweigen der Bienen zumindest in unserem Garten keine Rede sein kann.

Ein wenig früh vielleicht, um zum Klang von Vogelgezwitscher über die Liste meiner Jahreshighlights nachzudenken, die ich Ende Dezember zusammenstellen werde – dennoch bin ich mir fast sicher, dass sich “Das Schweigen der Bienen” darauf wiederfinden wird.

Es ist eines dieser Bücher, die sich von Genregrenzen nicht einschränken lassen: ist es Gegenwartsliteratur, Krimi, magischer Realismus oder Drama? Auf jeden Fall ist es “Coming of Age”, also ein Buch über das Erwachsenwerden, und das passiert hier unter mehr als widrigen Umständen.

Die beiden Schwestern Sam und Ollie müssen sich nicht nur mit dem frühen Tod ihrer Mutter auseinandersetzen, sondern auch das Zusammenlernen mit Vater ‘Bear’ neu erlernen, der als bienenzüchtender Aussteiger in einem Tipi lebt und seinen Töchtern wenig von dem zu bieten hat, was man als stabile familiäre Situation bezeichnen könnte. .

Valerie Geary beschreibt dieses Erwachsenwerden tiefgründig, spannend und mit einer unglaublich dichten Atmosphäre.

Der Leser wird von Anfang an hineingezogen in einen intensiv geschilderten Sommer, der von großer Trauer geprägt ist, aber auch vom Kampf um einen Neuanfang. Bevor die Mädchen in irgendeiner Weise Fuß fassen können, finden sie an ihrer liebsten Badestelle am Fluss die Leiche einer Frau – und die sieht nicht so aus, als wäre sie einfach ‘nur’ bei einem Badeunfall ertrunken.

Für die Menschen in der nächsten Stadt ist der eigenwillige, schroffe Bear der offensichtliche Verdächtige. Und je mehr Sam und Ollie erfahren, desto beklommener müssen sie sich fragen, ob sie ihren Vater überhaupt wirklich kennen.

Valerie Geary zeichnet mit leichter Hand und doch emotionaler Wucht die zwischenmenschlichen Bande.

Die Beziehungen innerhalb dieser kleinen Familie, die auf vielfältige Art zerbrochen ist, aber möglicherweise wieder zusammengesetzt werden kann. Die Beziehungen zu anderen Menschen, die Vater Bear mit Misstrauen und Vorurteilen begegnen. Und natürlich die Beziehung, in der die tote Frau möglicherweise zu ihm stand.

Am bestechendsten gezeichnet und dadurch auch am bewegendsten ist die Beziehung zwischen den beiden Schwestern Sam und Ollie, die abwechselnd als Erzählerinnen zu Wort kommen. Man spürt, dass zwischen ihnen eine tiefe Liebe herrscht, die aber manchmal verzweifelt an Ollies Schweigen, denn das kleine Mädchen hat seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr gesprochen.

Als Leser weiß man von Anfang an, warum das so ist.

Sam hingegen kann nur raten und reagiert oft zornig und ratlos, obwohl (oder vielleicht gerade weil?) ihre kleine Schwester alles für sie ist. Interessanterweise spricht Sam in der Vergangenheitsform, Ollie dagegen in der Gegenwartsform, was gut zu ihren Persönlichkeiten und ihrem jeweiligen Alter passt und es dem Leser auch einfacher macht, die ‘Stimmen’ der beiden zu unterscheiden.

Ollies Schweigen und dessen Grund sind das Element, wegen dem sich das Buch dem Genre “magischer Realismus” zuordnen ließe: sie kann die “Schimmernden” sehen: die Geister von Menschen, die aus irgendeinem Grund nach ihrem Tod nicht loslassen können. Und sie ist nicht bereit dazu, deren Sprachrohr zu sein.

Aber das tut dem Gefühl von Wirklichkeit und Wahrheit keinen Abbruch.

Ich hatte beim Lesen nie das Gefühl, Fantasy zu lesen – die Geschichte ist in sich schlüssig und realistisch. Auch die Charaktere sind ungemein lebensecht und glaubhaft. Ich habe mit Sam und Ollie mitgefühlt auf ihrem schweren Weg hinaus aus der Trauer und hin zu einem Neuanfang, ich habe mitgefiebert bei der Suche nach dem Mörder der unbekannten Frau im Wasser.

Es passt alles zusammen.

Die verschiedenen Aspekte der Geschichte ergänzen sich, statt sich gegenseitig zu behindern, wie man es vielleicht erwarten könnte.