HERKUNFT - Stanisic, Sasa
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Deutscher Buchpreis 2019
HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.
HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach…mehr

Produktbeschreibung
Deutscher Buchpreis 2019

HERKUNFT ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.

HERKUNFT ist ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem die Bundesregierung die Grenzen nicht schloss und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh.

HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist.

In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden.

Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Sasa Stanisic.
  • Produktdetails
  • Verlag: (Luchterhand Literaturverlag)
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: 18. März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 142mm x 35mm
  • Gewicht: 589g
  • ISBN-13: 9783630874739
  • ISBN-10: 3630874738
  • Artikelnr.: 54466943
Autorenporträt
Stanisic, Sasa
Sas_a Stanis_ic wurde 1978 in Vis_egrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Sein Debütroman »Wie der Soldat das Grammofon repariert« wurde in 31 Sprachen übersetzt. Mit »Vor dem Fest« gelang Stanis_ic_ erneut ein großer Wurf; der Roman war ein SPIEGEL-Bestseller und ist mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Für den Erzahlungsband »Fallensteller« erhielt er den Rheingau Literatur Preis sowie den Schubart-Literaturpreis. Sas_a Stanis_ic_ lebt und arbeitet in Hamburg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.09.2019

So viel Kompost war nie im Roman

Die Longlist des Deutschen Buchpreises hat ein prägendes Thema: das Dorf. Warum ist es so inspirierend für die neue Literatur? Eine kursorische Lektüre.

Würde man "das Dorf" als Thema aus der Longlist des Deutschen Buchpreises herausstreichen, wäre sie im Handumdrehen eine Shortlist. Denn allen Horrormeldungen über abgehängte Regionen zum Trotz steht das Dorf in der Hälfte der - möglicherweise von einer tendenziell stadtflüchtigen Jury ausgewählten - Gegenwartsromane im Zentrum des Geschehens. Ohne die Provinz, den Phantasieraum "Land", das einsame Haus am See und die menschlichen Konstellationen, die all diese abgelegenen Räume ermöglichen, hat die deutsche Literatur im Moment scheinbar wenig zu erzählen.

Das ist zum einen nicht verwunderlich. Haben ländliche Gebiete in sich vereinzelnden Gesellschaften doch den großen Vorteil: Hier kann man den Menschen noch beim Leben zuschauen, bei der Gartenarbeit, beim Häuserbauen, beim Kindergroßziehen. Und auch wenn selbst auf dem Land inzwischen alle ständig aufs Handy starren, ist die Natur mit ihrer zuversichtlich stimmenden, erneuernden Kraft doch immer noch unausweichlich - wenn auch auf dem Feld mit Dünger und Glyphosat nachgeholfen wird. Vergleicht man die Biographien einiger Autoren mit ihren Büchern, fällt auf, dass die Dorfherkunft zunehmend als eine Art Migrationshintergrund inszeniert wird. Wer vom Land kommt, verfügt über immer attraktiver werdendes Geheimwissen, das man bei Bedarf auch ins Surreale drehen kann.

Kinofilme wie zuletzt "25 km/h" bedienen das damit verbundene Entschleunigungsklischee etwas zu beflissen. Spannender ist es, sich zum Beispiel die Langzeitreportagereise von Franz Xaver Gernstl durch deutsche Randgebiete im Bayerischen Fernsehen anzuschauen, bei der einen nicht selten das Gefühl beschleicht: Die wahre Subversion, der echte Zeitgeistwiderstand, die interessantesten Menschen kommen aus der Provinz. Von dieser widerständigen, schildbürgerhaften Tendenz ist in den Romanen der Longlist allerdings nicht viel zu spüren.

Vor allem die Uckermark hat es vielen angetan. Dort steht nicht nur der von Lola Randl beschriebene "Große Garten", auch das Wochenendhaus der beiden Hauptfiguren in Miku Sophie Kühmels "Kintsugi" ist dort angesiedelt, und in "Gelenke des Lichts" von Emanuel Maeß kommt die dünnbesiedelte Gegend zumindest in einer Nebenepisode vor. Ansonsten spielt dieser letzte Roman, eine laut Klappentext "Provinzidylle im Schatten des Eisernen Vorhangs", in Urspring an der Werra, also ziemlich genau in der ländlichen Mitte Deutschlands. Was allerdings eine Ausnahme unter den übrigen Dorfgeschichten darstellt, die fast konsequent in hochgelegene Randlagen führen: in die Eifel ("Winterbienen" von Norbert Scheuer), das "erzkatholische Kärnten" ("Vater unser" von Angela Lehner), ein Bergdorf im westlichsten Zipfel Bosniens ("Herkunft" von Sasa Stanisic), auf eine zurückgebliebene griechische Insel ("Miroloi" von Karen Köhler) und bis zum Berg Ararat ("Hier sind Löwen" von Katerina Poladjan). Noch extremer ist die Lage in Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land". Denn wo genau der kleine Gebirgsort Groß-Einland liegt, weiß kein Mensch, nicht einmal die "Österreichische Bundesverwaltung".

Mit dem Titel "Herkunft" benennt Sasa Stanisic, der für seinen 2014 erschienenen Roman "Vor dem Fest" ja auch schon ein Dorf in der Uckermark unter die Lupe genommen hat, das Thema vieler der genannten Bücher. Wobei das Besondere an Stanisics Perspektive darin besteht, dass seine Stoffe sowohl mit der eigenen Migrationsgeschichte verbunden sind als auch immer wieder mit der Bezugsgröße "Dorf", das er aber - aufgewachsen in Visegrad und Heidelberg - aus eigenem Erleben kaum kennt.

In "Herkunft" heißt dieses Dorf Oskorusa und ist der Heimatort von Stanisics väterlichen Vorfahren. Doch der im vierten Kapitel unternommene und dann im Buch immer wieder aufgegriffene Besuch in diesem bosnischen Bergdorf ist keine irgendwie kathartisch wirkende Pilgerreise. Vielmehr wehrt sich der Ich-Erzähler an Ort und Stelle gegen jede Form von "Zugehörigkeits-" und "Herkunftskitsch".

Andererseits bietet ihm die ländliche Kulisse des Bergdorfs Anlass für Sätze wie diesen, in dem der Auftritt Gavrilos, eines mit dem Ort verwachsenen Verwandten, beschrieben wird: "Ein junger Mann, der immer älter wurde, je näher er kam. In seinem Bart steckten Tannennadeln." Wo anders wären solche Zeit und Raum, Geschichte und Natur verflechtenden Sätze denkbar als in dieser urtümlichen Gegend? Und Gavrilo hat noch eine weitere Herausforderung für den Erzähler parat, denn er ist der Meinung, dass man dort, wo der eigene Urgroßvater einen Brunnen gegraben hat, seine Herkunftssuche beenden sollte. Dabei wird deutlich: Heimatgefühl lässt sich nicht rational begründen, es ist gewissermaßen selbsterklärend, tendenziell tautologisch. Was es sowohl gefährlich macht als auch, wie in Stanisics Buch, immer wieder komisch, somit erträglich und, auf ironischen Umwegen, sogar beruhigend.

Wie anders erlebt Eva Gruber, die Hauptfigur aus Angela Lehners Roman "Vater unser", ihre dörfliche Herkunft. Die junge Frau, die gerade von der Polizei in die Psychiatrie gebracht werden soll, weil sie behauptet, eine Kindergartengruppe umgebracht zu haben, beschreibt bei einem Zwischenhalt an einer ländlichen Tankstelle folgende Szene: "Mein Blick trifft auf einen kleinen Altar, der auf einer leeren Villacher Bier-Kiste eingerichtet ist. Auf einem handbestickten Tischtuch liegt ein Rosenkranz neben einem gerahmten Porträtfoto von Jörg Haider. Darüber hängt ein kleiner Jesus auf einem Kreuz herum. ,Mein Gott', sag ich, ,sind wir in Kärnten.'" Hier wird das Ländliche von Anfang an als Klischee ins Bild gesetzt, man meint die inszenierte Pointe für spätere Dichterlesungen herauszuhören.

Ansonsten spielt die Handlung im Wiener Otto-Wagner-Spital, das man aus Thomas Bernhards Erzählung "Wittgensteins Neffe" kennt. In einem Radiointerview wurde die in Osttirol aufgewachsene, heute in Berlin lebende Autorin gefragt, ob man den geographischen Abstand brauche, um über "österreichische Klischeethemen" zu schreiben? Lehner verneint: "Ich hatte ja nicht vor, einen Roman über Kärnten oder Österreich zu schreiben. Das Thema ist viel eher aus der Eva-Gruber-Figur entstanden. Ich bin irgendwann wirklich dagesessen und hab mir gedacht: ,Huch, jetzt sitzen die auf der Baumgartner Höhe!'" Dabei ist die Psychiatrische Klinik, in der die Kindheitstraumata einer Dorfjugend geheilt werden sollen, dramaturgisch gesehen nichts anderes als ein Dorf in der Stadt mit noch weniger Privatsphäre.

Der gallige Blick auf die österreichische Provinz in der Tradition Thomas Bernhards oder Elfriede Jelineks durchzieht auch Raphaela Edelbauers Roman "Das flüssige Land". Auch hier ist der beschränkte Ort der Vorfahren einer, von dem man nicht loskommt. Und so zögert die Erzählerin im "Flüssigen Land" keinen Moment, als es darum geht, dem Wunsch der Eltern nach Bestattung im lebenslang verdrängten Kindheitsort Groß-Einland nachzukommen. Bemerkenswert ist nun, wie die Autorin ihren eigenen Geburtsort - das niederösterreichische Hinterbrühl mit seinem unterirdischen See und seiner Burg Liechtenstein - kafkaesk auflädt und in einer an Fernsehserien wie "Dark" oder "Stranger Things" erinnernden Handlung regelrecht neu entdeckt.

Ist für Schriftsteller wie Sasa Stanisic und Raphaela Edelbauer nun der Stadtflucht oder der Landflucht der Vorzug zu geben? Das ist schwer zu entscheiden. Auch Angela Lehners Land-Stadt-Land-Bewegung hebt die Grenzen auf. Übertroffen wird dieses literarische Pendeln zwischen den Welten aber noch von der in München geborenen, in einer oberpfälzischen Ökokommune aufgewachsenen, heute in der Uckermark lebenden Lola Randl. Bei ihr haben wir es biographisch und literarisch mit einem Stadt-Land-Stadt-Land-Hopping zu tun.

Wie hybrid diese Lebensform ist, beschreibt Randl in ihrem Buch selbst. Das ausgestorbene Dorf in der Uckermark mit den günstigen Häuserpreisen lädt zunächst zur Naturromantik ein, doch die Städter, die es bevölkern, errichten in ihm gleichzeitig eine Parallelgesellschaft, die das Ursprüngliche bedroht. Die weltliterarische Tradition des Rückzugs in den Garten wird auch bei anderen Longlist-Romanen um eine Art Speckgürtel-Perspektive erweitert. Fluchtmöglichkeiten gibt es in beide Richtungen.

Wo aber bleibt der poetische Spürsinn für den zeitkritischen Konflikt zwischen Regionalität und Mobilität, der sich auf dem Dorf, siehe Gelbwesten, besonders radikal bemerkbar macht? In der Longlist kommt er als strukturelles Schreckgespenst eigentlich nur in Karen Köhlers Roman "Miroloi" vor. Die Autorin beschreibt hier eine bedrohlich-patriarchale religiöse Gemeinschaft auf einer abgeschotteten griechischen Insel vor Einführung von Fernsehen und Coca-Cola. Erstaunlich dabei, dass die biographisch urban geprägte Autorin der bäuerlichen Lebensweise trotz allem durchaus offen gegenübersteht. Ihr Buch, sagte sie im Radiointeview, gebe auch "eine Ahnung davon", wie ein Leben aussähe, in dem "Lebensmittel nicht mehr so leicht verfügbar" seien, und verweist auf die Prognose von Zukunftsforschern, "dass jeder Mensch einen Teil der Lebensmittel, die er verbraucht, selbst anbauen werden" müsse.

Dazu passt, dass der schon von Walt Whitman bedichtete "Kompost" bei Randl, Kühmel und Köhler vorkommt und im Garten vor sich hin wächst. Man kann sogar sagen: Das Dorf selbst ist zum Komposthaufen der deutschen Literatur geworden. Alles Mögliche kann auf ihn draufgeworfen, projiziert und von ihm abgeerntet werden. Das ist weder originell noch verwerflich. Guten Humus gibt es aber nur, wenn man den Kompost genau beobachtet und regelmäßig umsetzt.

UWE EBBINGHAUS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.03.2019

Woher,
wohin
An die Elbe mit Saša Stanišić,
der sein bislang persönlichstes Buch
geschrieben hat: „Herkunft“
VON MARIE SCHMIDT
Es ist zu warm für die Jahreszeit, und die Frage, wo jemand herkommt, ist wieder mal Hashtag-Material. Auf Twitter zeigen Leute in kleinen Dialogen, wie sie Deutschen zu verklickern versuchen, dass sie aus Herne, Nürnberg oder Berlin sind, und die fragen immer wieder nach, weil sie einen Migrationshintergrund wittern. „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun“, schreibt der Schriftsteller Saša Stanišić in seinem neuen Buch: „Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Višegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ Man könnte das so lesen, als sei alles, was Stanišić schreibt, eine Art Antwort auf die Frage: „Wo kommst du her?“ Und die fällt in seinen Erzählungen doppelbödig, komisch, elegant, erfunden, erfahren, existenziell aus. Sie ist nur nie einfach „Ottensen“.
Aber da sind wir jetzt, in dem Viertel, in dem Stanišić wohnt, und das der arbeitsamen Hansestadt Hamburg insofern nicht ähnlich sieht, als hier an einem Montagvormittag Leute faul vor dem Café sitzen und die Nasen in die Februarsonne halten. Die Frühstücker sind gerade durch, und im Hinterzimmer sitzt Stanišić, der hier manchmal schreibt. Etwas aufgeregt, sein Buch erscheint bald, und es ist sein persönlichstes. Anders als in früheren Büchern erzählt er als er selbst, Saša Stanišić, von Vorfahren, Eltern, Freunden und von Jugoslawien, dem Land, das es nicht mehr gibt. Vor allem ist dieses Buch aber ein großer, wehmütiger Abschied von seiner Großmutter in Višegrad, die in der Erzählung kurz vor ihrem Tod etwas die Orientierung verliert. Sie glaubt sich an anderen Orten oder zu anderen Zeiten: „Großmutter geht zum Metzger, der Metzger hat aber an der Stelle, wo Großmutter an der Tür rüttelt, seit zehn Jahren kein Geschäft mehr.“ So mitfühlend der Enkel versucht, ihrem flackernden Bewusstsein schreibend hinterherzukommen, spürt man die Angst: dass wenn sie und ihre Erinnerungen weg sind, die Frage nach der eigenen Herkunft noch schwerer zu beantworten sein wird.
Zu den Klärungsversuchen des Buches gehört außerdem eine Coming-of-Age-Story, in welcher der Erzähler erwachsen und deutscher Schriftsteller wird. Sie beginnt mit der Flucht: „In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet – und es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges.“ Da war er vierzehn.
Wir gehen jetzt raus und zufällig in Hamburg spazieren, an die Elbe runter. Als die Kräne auf der anderen Flussseite in Sicht kommen, hört man das Wummern des Hafens. Mit diesem Geräusch wächst jetzt sein kleiner Sohn auf. Und hier haben sie Saša Stanišić gerade zum Klassiker gemacht: Sein zweiter Roman „Vor dem Fest“ ist Abiturstoff an Hamburger Schulen. Abends geht er manchmal hin, wenn Lehrer ihn einladen. Dann lernen die Kinder, dass ein Schriftsteller kein fernes Wesen ist, sondern ein Mann in kariertem Hemd und Parka, der gerne und ausgiebig lacht und wissen will, was sie denken. Stanišić bittet die Lehrer, ihre Schüler selbst etwas schreiben zu lassen. Zum Beispiel könnten sie fotografieren, was sie an einem Tag um 18 Uhr gerade tun und dann die Bilder austauschen, um sich zu erzählen, was da los war: „Dann sehen sie auf den Bildern der anderen Orte, an denen sie selber oft sind, und bekommen ein Gefühl dafür, wie das Leben in ihrem Viertel zusammenhängt.“
So geht nämlich der Roman „Vor dem Fest“ mit dem fiktiven Dorf Fürstenfelde in Brandenburg vor, schlüsselt es in verschiedene Figuren, ihre Redeweisen und Leben auf. Die Lernhilfe „Königs Erläuterungen“ versorgt Abiturienten mit Listen von Charakteren sowie dem Hinweis: „Mit dieser formalen Eigenart weist der Roman eine Parallele zu dem berühmten Vorläufer dieser Erzählweise, dem Roman ,Ulysses‘ von James Joyce auf, der ebenfalls multiperspektivisch und mithilfe verschiedener Textgattungen Handlungen eines einzigen Tages festhält.“ Wahr ist, dass man Saša Stanišićs Sinn für die Poesie verschiedener Idiome, Erzähltechniken und Wahrnehmungsweisen nicht genug bewundern kann. Man spürt seine Lust an Stilwechseln übrigens auch, wenn er auf Twitter Pointen ausspielt. Was er, wie er sagt, manchmal vor dem eigentlichen Schreiben tut, „um reinzukommen“. Vor allem aber muss Stanišić ein genialer Zuhörer sein. Wie er seine Brandenburger hat reden lassen in „Vor dem Fest“, das klang typisch, aber auch besonders, nie denunziatorisch. So kann nur jemand schreiben, der Menschen im Allgemeinen sehr mag.
„Herkunft“ ist nun ein Buch über Menschen, die er liebt. Und damit der hervorragende Fall einer autobiografischen Erzählung, die nicht um sich selbst kreist. Die Antworten auf die W-Fragen, das Woher, Wie und Wann des Lebens, sucht er bei anderen, seine Empathie ist fein, selbst in Seitenblicken. Einmal beschreibt er, wie seine Mutter in einer für sie unangenehmen Situation Kaffee macht, nur ihre Handgriffe, ganz sachlich, aber man sieht durch den bangen Blick des Sohnes, wie es ihr geht.
Sein Verständniswillen ist aber auch so umfassend, dass diesem Buch abgeht, was zurzeit die Diskussionen über Einwanderung nach Deutschland prägt: Wut über die Borniertheit der Deutschen. Wir gehen gerade runter ans Ufer und im Zickzack zwischen den Bürogebäuden und Absperrungen dort entlang, als Stanišić erklärt, was auch in „Herkunft“ steht: Er habe Glück gehabt, mit deutschen Lehrern, mit Freunden und ihren Familien – und als ein „Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde mehr als nur Dienst nach Vorschrift tat“, sodass er nach dem Ende des Bosnienkrieges weiter studieren konnte und nicht abgeschoben wurde. Aber von Glück zu reden bedeute ja, sagt er, dass er auch hätte Pech haben können, weil die Dinge nicht so geregelt sind, dass Immigranten hier leben können, ohne auf die Hilfe wohlmeinender Einzelner angewiesen zu sein. Der Kontrast sei grell gewesen zwischen dem Leben, in dem seine Familie und er auf Zeit geduldet waren, immer nur sechs Monate sicher, und der Zeit nach der Entfristung seiner Aufenthaltserlaubnis: „Mit meinem Geflüchtetenstatus verschwanden die praktischen Hürden“, steht in „Herkunft“. „Je mehr Chancen ich nutzen durfte, desto schwieriger wurde es, mich ins Abseits zu stellen oder zum Opfer zu machen.“
Stanišićs Eltern hatten nicht das gleiche Glück. Sein Vater stammt aus einer serbischen, seine Mutter aus einer bosniakisch-muslimischen Familie, in Deutschland hatten sie schwer und unter ihrer Qualifikation gearbeitet.1998 erwartete man, dass sie in das vom Krieg zerstörte Land zurückkehrten, das nicht mehr ihres war: „In Višegrad wurden Tausende Bosnier und Muslime umgebracht“, sagt Saša Stanišić, „hätte meine Mutter da einfach wieder durch die Straßen gehen sollen?“ Seine Eltern kamen der Abschiebung zuvor und wanderten in die USA aus.
Mittag am Hafen, und wir gehen in ein Lokal, das ein Österreicher führt, weshalb es „Beisl“ heißt: nicht ganz Restaurant, aber auch kein Imbiss. Wir bestellen Fische, die wir vorher googeln, weil wir nicht wissen, was Lumb und Stinte sind. Zwei alte Damen setzen sich in dem komplett leeren Laden direkt neben uns und bitten uns, leiser zu sprechen. Man verstehe ja jedes Wort. Saša Stanišić sagt Ja, selbstverständlich, nicht mal die Idee, sich über die Frauen zu ärgern, scheint ihm zu kommen.
Ein vollkommen freundlicher Mensch. Und es gibt auch in „Herkunft“ keine Bitterkeit, nur diese tiefe Traurigkeit: „Meine Familie lebt über die ganze Welt verstreut“, heißt es da. „Was ich über Herkunft erzählen möchte, hat auch zu tun mit dieser Disparatheit, die über Jahre mitbestimmt hat, wo ich bin: so gut wie niemals dort, wo Familie ist.“ Am Ende bleibt sein nagendes Gewissen, weil er nicht da sein kann, als seine Großmutter gebrechlich wird und stirbt. „Als sich die Trauergäste in ihrer Wohnung versammelten, saß ich mit dem Computer im Nebenzimmer“, erzählt er jetzt wirklich sehr leise. „Ich schrieb an diesem Buch, und darin lebte sie noch. Ich wusste nicht, wie ich weiterschreiben soll, aber ich wusste, dass ich sie in der Handlung am Leben halten wollte.“
Und dann hat ihn offensichtlich sein Formgenie gerettet: „Herkunft“ endet mit einer Erzählung nach dem Modell der „Choose your own adventure“-Kinderbücher der Neunzigerjahre, narrativen Vorläufern heutiger Videorollenspiele. Am Ende jedes Abschnitts wählt man unter zwei, drei Optionen, wie es weitergehen soll, findet seinen Pfad durch die Geschichte. Es muss auf die Art keinen Abschied geben von der Großmutter, oder eigentlich gibt es mehrere, parallel ablaufende. Das ist eine umwerfende Form für eine Elegie. Und nebenbei vielleicht die einzig richtige Reaktion auf die Frage, wo einer herkommt: „Die Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, sind quasi unendlich“, heißt es in „Herkunft“, „Da triff mal die beste.“
Der Schriftsteller Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad geboren. Er studierte in Heidelberg und
am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 erschien sein
Debüt „Wie der Soldat das
Grammofon repariert“.
Foto: picture alliance/Arno Burgi
Saša Stanišić:
Herkunft.
Luchterhand Verlag, München 2019.
360 Seiten, 20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Eines der intelligentesten, geistsprühendsten und - nicht zuletzt - formal innovativsten Bücher dieses Frühjahrs. Eine echte Freude zu lesen!" Denis Scheck / Das Erste "druckfrisch"