Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Lesendes Federvieh
Wohnort: München
Über mich: Hinter dem Namen Lesendes Federvieh verbirgt sich das Blogger-Duo kathiduck und Zwerghuhn. Wir lesen querbeet alles, was uns zwischen die Finger kommt und veröffentlichen die Rezensionen dazu auf unserem Blog. Dort gibt es übrigens noch viele weitere Beiträge rund ums Thema Buch. :)
Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 157 Bewertungen
Bewertung vom 13.02.2019
Anatomie eines Skandals
Vaughan, Sarah

Anatomie eines Skandals


ausgezeichnet

Sophie und James Whitehouse sind ein Vorzeigeehepaar. Beide haben in Oxford studiert und gehören zur Oberschicht. James steht als strahlender, beliebter Parlamentspolitiker vor einer großen Karriere. Doch dann wird er von seiner Assistentin der Vergewaltigung beschuldigt. Ein riesiger Skandal droht. Die Presse wetzt schon ihre Messer. In einem aufsehenerregenden Prozess, der von der erfolgreichen Staatsanwältin Kate Woodcroft auf Seiten der Krone vertreten wird, wird das ganze Drama vor der Öffentlichkeit ausgebreitet.

"Anatomie eines Skandals" hat mir sehr gut gefallen, denn die Autorin seziert, wie es in der Anatomie ja üblich ist, den Skandal in seine kleinsten Puzzleteile. Kraftvoll und fesselnd von der ersten Seite an widmet sie sich dem Thema sexuelle Gewalt und Macht. Im Prozess wird die vermeintliche Vergewaltigung Olivias durch James, einem Mitglied der politischen Elite, aufgearbeitet.

Der Fall ist logisch aufgebaut und wirkt erschreckend authentisch, Sarah Vaughan arbeitet die menschlichen Schwächen und Abgründe hervorragend heraus, ihre Charaktere sind vielschichtig und bilden auf durchaus unheimliche Weise sehr deutlich unsere Gesellschaft ab. Durch Rückblenden in die Studentenzeit in Oxford kann man die Hintergründe des Prozesses noch besser verstehen, denn die Autorin lässt die Zeit wilder Partys, das Gefühl privilegiert zu sein und sich alles erlauben zu können ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen, eindrucksvoll wieder aufleben.

Dem gegenüber sind die Szenen im Gericht kompakt und so kraftvoll geschrieben, dass man Olivias Pein und James‘ Überheblichkeit und Beherrschung spüren kann, ebenso Kates absoluten Willen den Fall zu gewinnen. Eindringlich wird dargelegt, wie schwer es für ein Vergewaltigungsopfer ist generell glaubwürdig zu erscheinen und wie weit Macht vor jeglichen Konsequenzen schützt oder nicht. Aber auch die Auswirkungen auf die Familie des Angeklagten, auf Sophie und die Kinder, werden ausführlich geschildert.

Unerwartete Wendungen machen diese Geschichte spannend und lebendig bis zum Ende, das diesen Roman, man könnte auch sagen die Anatomie einer Gesellschaft, klug abrundet. Alle wichtigen Fragen sind geklärt, dennoch gibt es noch genügend Potential für die eigene Phantasie.

Fazit: Im Grunde ist dieses Buch nicht nur eine erstklassige Anatomie eines Skandals, sondern einer ganzen Gesellschaft. Ich schließe mich den euphorischen Pressestimmen gerne an, mich hat dieser Roman vollkommen überzeugt.

Bewertung vom 13.02.2019
Someone New
Kneidl, Laura

Someone New


sehr gut

"Someone New" ist äußerlich ein absoluter Hingucker und passt in vielerlei Hinsicht so perfekt zu der Erzählung, was man aber erst nach Beenden des Buches in vollem Umfang realisieren und verstehen kann. In diesem Buch wird ein Thema ganz groß geschrieben und das ist Diversität. Den Grundgedanken dahinter finde ich wirklich genial, vor allem das Geheimnis, das hinter Julians Verhalten steckt und es ist traurig betonen zu müssen, wie toll und bewundernswert ich es finde, dass Laura Kneidl sich an dieses explosive Thema herangetraut hat. Zu diesem Aspekt möchte ich eigentlich gar nicht recht viel mehr sagen, weil es ansonsten einen Teil der Spannung herausnehmen würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich schon sehr früh erahnt habe, worauf das schlussendlich rauslaufen wird und die feinen, versteckten Hinweise deshalb ziemlich offensichtlich waren. Spätestens bei den Narben hätte auch Micah langsam aber sicher stutzig werden sollen, doch sie war bis zum großen emotionalen Showdown vollkommen ahnungslos, was mich dann doch ein bisschen gewundert hat, aber das ist noch im Rahmen des Vorstellbaren. Was mich hingegen zunehmend gestört hat, war die Fülle an Randgruppen mit all ihren eigenen Problemen, die in dieser Erzählung thematisiert wurden. Ich verstehe und bewundere Laura Kneidls Begeisterung und Engagement für die unverstandenen, teils übel beschimpften und ausgestoßenen Minderheiten sowie ihr edles Bestreben für Aufklärung und Verständnis zu sorgen, doch manchmal ist weniger einfach mehr. Neben dem homosexuellen Bruder, der von Zuhause rausgeworfen wird, spielen der dunkelhäutige Kumpel, der sich in LARP-Veranstaltungen auslebt, die Teenie-Mom, die mit der Unterstützung von Freunden und Familie ihren Highschool-Abschluss nachholt sowie die pakistanische Kommilitonin, die zu ihrem Glauben steht und neben dem Jurastudium erfolgreich einen Foodblog betreibt, tragende Rollen. Nicht zu vergessen, dass Micah Vegetarierin ist und dann gibt es natürlich noch das große Geheimnis rund um Julian. Irgendwann war mir das einfach zu viel, was die Geschichte an Glaubhaftigkeit hat einbüßen lassen. Viele Tretminenthemen wurden angerissen, aber richtig vertieft wurde eigentlich keine, was ich rückwirkend betrachtet ziemlich schade finde, vor allem wenn man bedenkt, dass einige der Protagonisten einen eigenen Folgeband bekommen werden. Selbst die Liebesbeziehung von Micah und Julian, die wunderschön zu verfolgen ist, wird auf den letzten Seiten meiner Meinung nach zu abrupt zu einem runden Abschluss gebracht, obwohl es in meinen Augen doch einige offene Fragen gibt, zumal Micah wirklich vollkommen ahnungslos war. Ich an ihrer Stelle hätte eine Million Fragen gehabt und das Ganze auch erstmal sacken lassen wollen. Davon abgesehen fand ich den Charakter von Micah aber genial, denn sie ist eindeutig nicht auf den Mund gefallen und steht zu den Menschen, die sie liebt. Ihre schamlosen, trockenen Kommentare während der verpflichtenden Dinner-Parties mit ihren Eltern, die ein Teil des Deals als Gegenleistung für die Finanzierung ihrer eigenen Wohnung sind, brachten mich jedes Mal zum Lachen, vor allem weil sie in dem eingestaubten, versnobten Klischee einer pikfeinen, reichen Familie, die jedes Wort mit Bedacht auf die Waagschale legt, so erfrischend natürlich heraussticht. Manchmal schießt sie zwar auch darüber hinaus, weshalb ich nicht in ihrer Haut stecken möchte, aber herrlich zu lesen ist es allemal.

"Someone New" thematisiert wichtige Aspekte rund um die Frage nach der eigenen Identität, Akzeptanz und Toleranz sowie dem Ausbleiben selbiger. Dabei wird die Erzählung, die sich ab und zu in kleine Seitenstränge verirrt, von einem mitreißenden Schreibstil in gewohnter Laura Kneidl Manier getragen, die mit diesem Buch edel für mehr Verständnis für Diversität strebt.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.02.2019
Nudel im Wind
Lippe, Jürgen von der

Nudel im Wind


sehr gut

Lisa, Justus und Gregor kreieren eine neue Fernsehshow. Was sie dabei so alles erleben, ist hier auf kurzweilige Weise beschrieben.

Diese Rezension möchte ich diesmal mit einem dicken Lob auf das Cover beginnen, das angenehm auf den Büchertischen hervorsticht und wunderschön gezeichnet ist. Darauf abgebildet ist ein entspannter Autor vor seinem Laptop, der gerade dabei ist einen kurzweiligen Roman zu schreiben. Und das ist "Nudel im Wind" (auf solch einen Titel muss man erstmal kommen) auch.

Jürgen von der Lippe schreibt über die Entstehung eines neuen Showkonzeptes bis hin zur Umsetzung im Fernsehprogramm. Er gewährt dem Leser auf amüsante Weise Einblicke hinter die Kulissen der Medienwelt. Locker und flüssig geschrieben, mit dem für den Autor so eigenen Schreibstil, verfliegen die Seiten im Nu. Seinen Wortwitz mochte ich schon in seinen zahlreichen Fernsehshows sehr gerne.

Die Charaktere sind natürlich auch vom Feinsten, liebevoll ausgearbeitet, schrullig und mit Ecken und Kanten. Witzig finde ich auch die Passagen im Gespräch mit seiner Frau. Deren Meinung zu seinem bisher Geschriebenen und seine Reaktion darauf lockern die Geschichte erfrischend auf. Dieses Buch als Hörbuch bringt den Humor sicher noch besser zur Geltung, jedoch musste ich bei der Printversion oft genug lachen. "Nudel im Wind" ist eine unterhaltsame Lektüre, genau so wie ich es mir von Jürgen von der Lippe erwartet habe.

Fazit: Eine Fernsehshow zum Lesen, das hat was!

Bewertung vom 12.02.2019
Dunkelgrün fast schwarz
Fallwickl, Mareike

Dunkelgrün fast schwarz


sehr gut

Seit ihrer ersten Begegnung auf dem Spielplatz sind Raffael und Moritz, fortan nur noch als Raf und Motz bekannt, unzertrennlich. Raf mit seinem in Stein gemeißelten Gesicht, den eisblauen Augen und dem entwaffnenden Lächeln geht voran, während ihm der sanftmütige Motz, in dem eine zarte Künstlerseele schlummert, ohne Widerrede überallhin folgt. Motz Mutter Marie sollte sich eigentlich über die Freundschaft der beiden freuen, denn als Zugezogene hat die Familie es nicht leicht Anschluss in dem kleinen konservativen Dorf zu finden, doch sie erkennt scheinbar als einzige das Böse, Teuflische, das von Raf ausgeht und alle um ihn herum in den Abgrund zu ziehen droht. Als in der letzten Klasse der Schule ein neues Mädchen in ihre Klasse kommt, weitetet sich das Band zwischen Motz und Raf zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten niemanden unverletzt lassen. Sechzehn Jahre nach einigen verheerenden Ereignissen treffen die drei erneut aufeinander und innerhalb kürzester Zeit fallen sie wieder in ihre alten Rollen zurück, bis die Vergangenheit sie einholt und alles zu eskalieren droht.

Der unheildrohende Titel "Dunkelgrün fast schwarz" in Kombination mit dem düsteren Einband ist in vielerlei Hinsicht passend für dieses sprachgewaltige Debüt, das den Leser zusehends in einen Strudel aus verzehrender, zerstörerischer Freundschaft, Sehnsucht, Verzweiflung und nicht zuletzt Liebe hineinzieht, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Die klare Erzählstimme ist intensiv und zeigt ungefiltert die dunklen Seiten sämtlicher agierender Charaktere auf. Sei es die jahrelange Affäre zur Befriedigung körperlicher Begierden, die zunehmende Eskalation einer entmündigenden, asymmetrischen Freundschaft oder die Selbstaufgabe in der Hoffnung auf bedingungslose wertschätzende Liebe. Interessanterweise entspinnt sich die Geschichte aus den Erzählsträngen dreier Personen - Marie, Moritz und Johanna - der Zugang zu Raffaels Gedanken bleibt verwehrt und doch ist er es, der die Handlung durch sein Handeln und das Ausbleiben von selbigem dominiert. Er ist das zerstörerische Bindeglied, unter dessen attraktiver Oberfläche ein Monster schlummert, das nach außen hin so undurchsichtig ist. Selten habe ich es erlebt, einen Charakter so schlecht einschätzen zu können, da er sich - wie bei genauer Betrachtung die gesamte Personenkonstellation - jeglichem herkömmlichen Erzählschema entzieht. Motz, Raf, Jo und auch Marie sind rau, ungeschliffen, jeder auf seine Weise Außenseiter, die in einer unbarmherzigen Welt ihren Platz suchen. In erschreckender Eindringlichkeit wird hierbei eine große Bandbreite an menschlichen Abgründen aufgezeigt, in deren Abnormität man sich förmlich in einem Wald voller Intrigen, Verzweiflung und Verrat verirrt, dessen dunkelgrüne Blätter in den Facetten der Freundschaft schillern, wo sich Licht und verdunkelnde Gewitterwolken abwechseln. Dunkelgrün fast schwarz beschreibt Moritz, der die Welt mit all ihren vielfältigen Eindrücken wahrnimmt, die Aura, die seinen einstmals besten Freund umgibt, als dieser ihm nach sechzehn Jahren Funkstille plötzlich gegenübersteht. Die Wiedersehensfreude währt nur kurz, denn schon bald verfällt Moritz, der sich mit seiner hochschwangeren Freundin Kristin endlich sein eigenes Leben aufgebaut hat, in alte Muster und wird der unterwürfige Motz, der zu seinem unerreichbaren Vorbild Raf bewundernd aufsieht und zusehends in dessen Strudel aus dunkler, manipulativer Verzweiflung gezogen wird, was schlussendlich unvermeidlich in ein furioses Finale gipfelt.

"Dunkelgrün fast schwarz" ist zweifelsohne ein herausragendes Debüt einer vielversprechenden Autorin, das den Leser durch die immense sprachliche Eindringlichkeit, die scharfkantigen Charaktere sowie den unnachahmlichen Erzählton in einen Sog aus menschlichen Abgründen zieht, der von zarten Lichtstrahlen der Hoffnung und Liebe durchbrochen wird.

Bewertung vom 11.02.2019
Der Kruzifix-Killer / Detective Robert Hunter Bd.1
Carter, Chris

Der Kruzifix-Killer / Detective Robert Hunter Bd.1


ausgezeichnet

In Los Angeles wird die Leiche einer einst wunderschönen Frau gefunden, zu Tode gequält und bestialisch verstümmelt. Der Fundort weist keinerlei Spuren auf den Täter aus, der lediglich ein Symbol im Nacken des Opers hinterlassen hat, was Detective Robert Hunter die Haare zu Berge stehen lässt. Denn dieses Doppelkreuz ist ein Teufelsmal, das Erkennungszeichen eines hingerichteten Serienkillers. Hunter wird schnell klar, dass der Kruzifix-Killer lebt und auf spektakuläre Art und Weise weitermordet. Stets ist er den Profilern einen Schritt voraus, denn er kennt Hunter besser, als dieser ahnt.

Auf Chris Carter bin ich Ende letzten Jahre bei einer Lesung zu seinem neuesten Thriller "Blutrausch" aufmerksam geworden, was ich innerhalb kürzester Zeit verschlungen habe, weshalb ich umso neugieriger auf den ersten Band der Krimireihe rund um Profiler und Detective Robert Hunter und seinen Partner Carlos Garcia war. "Der Kruzifix-Killer" ist nichts für Zartbesaitete, wie schon in den ersten Szenen offenkundig wird, denn neben einem unmittelbaren Spannungsanstieg wird es mit dem Fund der Leiche blutig wie grausam abschreckend. Unvorstellbar scheint jene Grausamkeit, beinahe schon unrealistisch, doch genau das Gegenteil ist der Fall: Durch seine jahrelange Arbeit als Kriminalpsychologe muss Chris Carter nicht auf Filmszenen zurückgreifen, sondern schildert die eindringlichen Bilder, die sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt haben. In ihrer schonungslosen Eindringlichkeit und Authentizität wirken jene Szenen somit übelkeiterregend realistisch, was den schnörkellosen Erzählstil Carters auszeichnet. Er verzichtet auf ausschweifende Darstellung der familiären Verhältnisse und psychischen Probleme seiner Protagonisten und fokussiert sich stattdessen auf den Kriminalfall, wodurch das ohnehin hohe Spannungslevel sich nur in eine Richtung entwickelt, nach oben. Die allesamt sehr kurzen Kapitel, die stets mit einem Cliffhanger enden, auf welche meist obendrein ein Perspektivwechsel folgt, tragen weiterhin dazu bei, dass der arme Leser noch weiter auf die Folter gespannt wird. Das Konzept des genialen Profilers Hunter funktioniert gerade deshalb so gut, weil er einen höchst psychopathischen und nicht minder intelligenten Killer als Gegenspieler hat, dessen Raffinesse man nur mit eigener Genialität und Einfallsreichtum übertrumpfen und schlussendlich besiegen kann. Sein neuer Partner Carlos Garcia, der zweifelsohne eine makellose Vita mit hervorragenden Beurteilungen besitzt und ebenfalls einen hohen IQ aufweist, könnte daneben scheinbar blass wirken, möchte man beinahe meinen, doch Hunter und Garcia funktionieren als Team perfekt, gerade weil sie in einigen Lebensbereichen so unterschiedlich sind und sich dennoch innerhalb kürzester Zeit blind vertrauen können. Grandios ist die Auflösung des Falles auf den letzten Seiten, auf die man als Leser unmöglich kommen kann, da einige dafür relevante Informationen diesbezüglich geschickt die ganze Geschichte über heimlich still und leise in Nebensätze eingestreut werden und andere wiederum keinerlei Erwähnung finden und der Aufarbeitung eines alten Falles dienen.

"Der Kruzifix-Killer" ist der mitreißend Auftakt des grandiosen Ermittlerduos Hunter und Garcia, die es im Morddezernat mit besonders grausamen und psychopathischen Killern zu tun bekommen, wovon man hier einen sehr eindrucksvollen blutigen Vorgeschmack auf die Irrungen der menschlichen Psyche und ihrer Abgründe bekommt.

Bewertung vom 11.02.2019
BECOMING
Obama, Michelle

BECOMING


ausgezeichnet

"BECOMING" von Michelle Obama ist eines derjenigen Bücher, auf das ich mich letztes Jahr am meisten gefreut habe, denn sie ist eine wahre Inspiration. Sie steht für weibliche Stärke, das Vertrauen in das eigene Können, für seine Rechte auf beispielsweise Bildung einzustehen und vor allem Durchhaltevermögen in jedweder scheinbar aussichtslosen unlösbarer Situation. Diese Autobiografie, die sehr geschickt in die Abschnitte "Becoming Me", "Becoming Us" und "Becoming More" untergliedert ist und so von den unterschiedlichen Lebensbereichen ihres immer noch andauernden Prozesses des Werdens erzählt, ist schonungslos ehrlich, authentisch und vor allem echt geschrieben. Darin beschönigt Michelle Obama nichts und hat keine Probleme damit, ihre Schwächen und Fehler zuzugeben, von ihren mitunter wiederkehrenden Selbstzweifeln zu schreiben eben doch nicht gut genug zu sein, was die nach außen hin so starke, scheinbar unnahbare First Lady menschlich macht, denn jeder Mensch hat Phasen, in denen er an sich selbst zweifelt. Sie gibt einen sehr persönlichen Einblick in ihr Leben ab der frühesten Kindheit, erzählt auf berührende Art und Weise von den Menschen, die sie geprägt haben, ohne sie dabei allzu sehr zu glorifizieren, vielmehr analysiert sie ihre Lebensbegleiter rückwirkend und zeigt dabei die guten Eigenschaften wie die kleinen und großen Eigenheiten auf. Selbst das Kennenlernen mit ihrem zukünftigen Ehemann Barack Obama, der ihr zunächst als Sommerpraktikant in der Anwaltskanzlei Sidley & Austin unterstellt war, wie auch ihre Eheberatung, spart sie dabei nicht aus. Michelle Obama hält nicht viel von Politik und kann sich auch nur schwer mit den diesbezüglichen Ambitionen ihres Mannes anfreunden, wenngleich sie ihn immer tatkräftig unterstützte und hierin einen Einblick in die frustrierende Welt der Politik gibt: Trotz Baracks zahlreicher grandioser Ideen, die das Leben zahlreicher Menschen hätten verbessern können, schmetterten die Republikaner diese im Kongress rigoros ab, aus dem einzigen traurigen Grund, dass sie Obama scheitern sehen wollten. Dieses Bestreben stellten sie über das Wohl der Bevölkerung Amerikas, was einiges über die Missstände in der Politik aussagt, sei es nun in Amerika oder in anderen Ländern dieser Welt. Unter dem Aspekt "Becoming More" erzählt Michelle Obama kritisch von den Privilegien und der damit verbundenen Verantwortung als First Family, wie sie ihren beiden Töchtern ein möglichst normales Leben zu ermöglichen versuchten, Michelle unter den bösen Stimmen der Presse zu leiden hatte und im Hintergrund an ihren insgesamt vier nachhaltig erfolgreichen Initiativen zur gesünderen Ernährung für Kinder, Gewährung von Bildungschancen für benachteiligte Kinder und Mädchen auf der ganzen Welt sowie einer Unterstützung für die Hinterbliebenen von Kriegsversehrten arbeitete. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir ihre amüsanten Anekdoten zu ihren Begegnungen mit der Queen, die sie als gewitzte, feine Dame beschreibt, ihrer Nervosität vor ihrer Gesangseinlage mit James Corden bei Carpool Karaoke und den musikalischen Auftritten im Weißen Haus. Gänsehautmomente lässt Michelle Obama ebenfalls nicht vermissen, indem sie auf den letzten Seiten das schwierige Thema des Verlustes anspricht, von Beerdigungen junger Menschen erzählt, die infolge einer Verwechslung mit einer rivalisierenden Gang auf dem Schulweg erschossen wurden oder von ihren nachhallenden Begegnungen mit Soldaten und ihren Angehörigen im Militärkrankenhaus. Ein weiteres meiner zahlreichen persönlichen Highlights in dieser fesselnden Biografie ist Michelle Obamas Umgang mit dem amtierenden Präsidentin Donald Trump, den sie verbal ordentlich in die Schranken verweist, ohne sich dabei auf sein Niveau herabzulassen: "Dominanz ist eine Form der Entmenschlichung, selbst wenn sie nur als Drohung daherkommt. Sie ist die hässlichste Form von Macht."

Bewertung vom 07.02.2019
Das kleine Café in Kopenhagen
Caplin, Julie

Das kleine Café in Kopenhagen


sehr gut

Kate arbeitet in einer renommierten PR Agentur in London. Sie hat endlich den ganz großen Auftrag an Land gezogen, denn sie soll die Werbekampagne von Lars Wilders für die Eröffnung seines dänischen Kaufhauses Hjem organisieren. Dazu ist erstmal eine Pressereise nach Kopenhagen vorgesehen, um ausgewählten Journalisten nahezubringen, warum die Dänen als glücklichste Nation der Welt gelten. Innerhalb kürzester Zeit muss Kate sechs Journalisten für diese Reise finden. Bis auf den bärbeißigen Journalisten Benedict Johnson lassen sich alle schnell überzeugen. doch Ben ist ein harter Brocken - auch in Kopenhagen...

Als großer Dänemarkfan stand dieses Buch natürlich ganz oben auf meiner Leseliste - und ich wurde nicht enttäuscht. Kopenhagen ist so toll beschrieben, dass ich sofort wieder dort war und alles ganz genau vor mir sehen konnte. Wenn ich nicht schon im wunderschönen Kopenhagen gewesen wäre, würde ich sofort meine Koffer packen.

Julie Caplin schafft es mühelos das ganz besonders angenehme Lebensgefühl der Dänen dem Leser zu vermitteln. Kates Reisegruppe kann sich diesem Gefühl ebenso wenig entziehen. Diese zusammengewürfelte Gruppe ist einfach genial zusammengestellt. Das liegt vor allem an den teilweise sehr eigenwilligen Charakteren, die gerade deshalb perfekt zusammenpassen. Gerade ihr Verhalten ist authentisch und lebendig geschildert. Da sind die grazile, verwöhnte Avril, der Genießer Conrad, die begeisterte Sophie, der schlecht gelaunte Ben, die eher zurückhaltende Fiona, der ruhige David und Kate, die für die Gruppe verantwortlich ist und ihren Job besonders gut machen möchte, um endlich einmal auch Karriere zu machen und nicht immer übersehen zu werden. Sie ist eine liebenswürdige und sympathische Protagonistin und es ist schön zu lesen, wie sie es schafft ihrem "Hamsterrad" zu entkommen und neue Wege zu gehen. Kate hat Hygge eben verstanden, ebenso ihre Reisebegleiter, denn auch sie alle haben begriffen, dass kleine Freuden und Freundschaften viel zu einem glücklichen Leben beitragen.

"Das kleine Café in Kopenhagen" ist eine richtig schöne Lektüre um abzuschalten und den grauen Alltag zu vergessen. Fluffig und flott geschrieben, verfliegen die Seiten im Nu. Ganz nebenbei schleicht sich das Hygge Wohlgefühl von Buchstabe zu Buchstabe in das Leserherz ein.

Fazit: Hygge macht nicht nur Dänen glücklich!

Bewertung vom 07.02.2019
Der Andere
Svensson, Anton

Der Andere


sehr gut

Leo beseitigt die Blutlachen im Flur, in der Küche und versucht alle Spuren der Tat seines Vaters zu beseitigen. Doch die Tatsache, dass die eigene Mutter vom eigenen Ehemann beinahe tot geprügelt wurde, das werden die drei minderjährigen Brüder Leo, Felix und Vincent niemals vergessen.
Jahre später wird Leo nach einer Serie von Raubüberfällen aus dem Gefängnis entlassen. Doch er kann seine dunkle Seite nicht reinwaschen, er steht kurz vor seinem finalen großen Coup. Diesmal ohne seine Brüder, die es geschafft haben sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Sein neuer Partner ruft Kriminalinspektor Broncks, seinen Erzfeind, erneut auf den Plan und die Jagd auf Leo beginn von Neuem...

"Der Andere" ist ein ganz besonderer Thriller, der mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Er ist spannend und mitreißend geschrieben und bis zum Ende hin undurchsichtig, wie sich die Entscheidung zwischen Leo und Broncks entwickelt. Obwohl dies das Folgebuch zu "Der Vater" ist, den ich noch nicht gelesen habe, war es überhaupt kein Problem den Protagonisten zu folgen.

Der große Coup, der für Leo das große Ziel ist, ist detailliert und authentisch geschildert und so fiebert man bis zum Schluss mit, ob er gelingen kann. Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen, durch einige Rückblenden in die Vergangenheit, die von tatsächlichen Ereignissen inspiriert ist, entsteht ein gruseliges Gänsehautfeeling. Es ist erschreckend, welche Weichen in der Kindheit gestellt werden können. Das steigert für mich das Thrillerpotential dieses Buches noch einmal erheblich.

Durch die klare, kühle Sprache wird eine Atmosphäre geschaffen, die perfekt zur logischen und gut aufgebauten Handlung passt. Obwohl das Buch taff geschrieben ist, sind die Charaktere facettenreich, sensibel und authentisch geschaffen. Das Verhältnis von Leo zu seinen Brüdern, der brüchige Familienfrieden, all das ist so realitätsnah geschildert, dass man die Konflikte und Spannungen förmlich spüren konnte.

Dem Autorenduo Anders Roslund und Stefan Thunberg, das diesen Thriller unter dem Pseudonym Anton Svensson veröffentlichten, ist ein mitreißendes und fesselndes Buch gelungen, das mir spannende Lesestunden beschert hat.

Fazit: Spannend und durch Bezüge zu tatsächlichen Ereignissen in der Vergangenheit ein ganz besonderer Thriller

Bewertung vom 31.01.2019
Das Geheimnis der letzten Schäferin
Maxian, Beate

Das Geheimnis der letzten Schäferin


sehr gut

Die österreichische Fernsehköchin Nina soll zusammen mit dem Münchner Koch Julian Leroy in einer gemeinsame Kochshow auftreten. Zuerst ist sie nicht sonderlich begeistert, aber als sie erfährt, dass die Aufzeichnung in einem Bauernhof im Heimatort ihrer Großmutter Lieselotte stattfinden soll, sagt sie doch zu. Die Dreharbeiten sind für Nina aufregend, denn nicht nur Julian entpuppt sich als angenehmer Zeitgenosse, sondern sie kommt auch dem Geheimnis ihrer Großmutter immer näher...

Beate Maxian entführt den Leser diesmal nach Salzburg und ins ländliche Hofberg. "Das Geheimnis der letzten Schäferin" ist ein unterhaltsamer Familienroman, der in zwei Zeitebenen spielt. In der Gegenwart bei Nina, die eine renommierte Fernsehköchin, Buchautorin und Restaurantbesitzerin ist. In der Vergangenheit wird die Geschichte ihrer Oma Lieselotte erzählt, die den Leser teilhaben lässt am Leben auf dem Dorf und auf einer Alm. Beate Maxian verknüpft diese beiden Erzählstränge gekonnt, so dass am Ende die Lösung des Geheimnisses als Dessert serviert wird. Für mich ist dieses Buch eine perfekte Kombination aus Kochshow, Liebesgeschichte und Heimatroman. Alles ist so authentisch geschildert, dass ich beim Lesen von leckeren Küchendüften umwoben wurde und am liebsten mit gekocht hätte. Die Passagen mit Liesl auf der Alm wirkten für mich richtig nostalgisch und entschleunigend, eben wie ein Teil aus alten Heimatfilmen.

Durch die detailliert und authentisch ausgearbeiteten Charaktere spürt man die Enge im Dorf und das eingeschränkte Leben Liesels. Daneben hat ihre Enkelin in der Stadt schon viel mehr Möglichkeiten ihren Berufswunsch durchzusetzen und Karriere zu machen.
Wie immer bei Beate Maxian hat mich ihr flüssiger, lockerer Schreibstil begeistert. Neben einem kurzweiligen Frauenroman gab es für mich auch viel Wissenswertes über Schafhaltung zu lesen.
Das war mal etwas anderes und hat mir gut gefallen.

Fazit: Kurzweiliger Zutatenmix aus der Küche, dem dörflichen Leben gewürzt mit einer Prise Liebe.

Bewertung vom 20.01.2019
From Ashes - Herzleuchten
McAdams, Molly

From Ashes - Herzleuchten


gut

Bei dem New Adult Roman "From Ashes - Herzleuchten" habe ich mir eine frische, mitreißende Liebesgeschichte eines Mädchens erwartet, das es in der Vergangenheit nicht leicht hatte und nun fernab von Zuhause ein neues Leben beginnt, um dort neues Vertrauen in die Menschen und die Liebe zu gewinnen. Grundlegend bekommt man auch genau das serviert, doch die Art und Weise war leider nicht so mein Fall, denn die Geschichte wirkte doch recht überdramatisierend und bediente sich dabei in großen Maßen an der Kiste gängiger Klischees ganz nach dem Motto, je mehr davon, desto realistischer wird die Erzählung. Nach wenigen Kapiteln war also klar, dass Augenrollen und ab und zu genervte Seufzer vorprogrammiert sind. Der Geschichte muss man jedoch zugute halten, dass sie auf einem vielversprechenden Gerüst aufgebaut ist. Cassidy Jameson war das Licht im Leben ihres Vaters, der sie wie eine Prinzessin bis zum Tag seines überraschenden Todes vergötterte. Ihre Mutter versank daraufhin in Trauer und wusste diese nur mit Alkohol zu ertränken, bis ein neuer Mann in ihr Leben trat, was zugleich das Ende von Cassidys unbeschwerter Kindheit markierte. Nahezu täglich wurde sie über einen Zeitraum von elf Jahren mit Händen und Gegenständen verprügelt, ohne sich dabei zur Wehr zu setzen. Ihre einzige Stütze in dieser Zeit war ihr bester Freund Tyler, der direkt nebenan wohnte und sie immer verarztete. Für Tyler ist es deshalb auch die logische Konsequenz, dass Cassidy ihn nach Texas begleitet, wo er sein Studium beginnt. Jeder trauert zwar auf seine eigene Art und Weise aber ich finde es einfach ungeheuerlich, wie jemand die Hand gegen das eigene Kind erheben und ein gerade einmal siebenjähriges Mädchen sich komplett alleine ernähren und versorgen lassen kann. Cassidy hat auf einen Schlag beide Eltern verloren, denn der sie verprügelnde Tyrann in ihrem Haus hatte nichts mit ihrer Mutter gemein als die äußere Gestalt. Texas soll nun also Cassidys Start in ein neues, selbstbestimmtes Leben sein, doch mit ihrer Ankunft dort beginnt das ganze Drama. Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass es Liebe auf den ersten Blick geben kann, aber in diesem Fall war die Szene des Kennenlernens zwischen Gage und Cassidy sowas von drüber. Er hat sie einmal erblickt, spürt beim Händeschütteln elektrisches Britzeln und verteidigt sie gleich gegen den erstbesten Typen, der nur mit ihr reden möchte? Das war dann doch etwas zu weit hergeholt und der Beginn einer aufgebauschten Erzählung voller Drama, das größtenteils hätte vermieden werden können, wenn man dem anderen einen Hauch von Vertrauen entgegengebracht und einfach mal miteinander geredet hätte. Normalerweise habe ich wirklich nichts gegen Romantik mit Ansätzen von Kitsch einzuwenden, aber dieses Buch trieft leider nur so vor unrealistisch kitschiger Szenen. Sind Dreiecksgeschichten auf Dauer schon anstrengend, bekommt man hier gar eine Quartettbeziehung vor die Nase gesetzt, die beinahe zu einer Fünferbeziehung ausartet. Obwohl ich Cassidy für ihre innere Stärke bewundere, dass sie trotz ihrer grausamen Kindheit zu einem selbstbewussten Menschen herangewachsen ist, wurde mir die Darstellung von ihr als Heilige ab einem gewissen Punkt echt zu viel. Jedes männliche Wesen, das ihr begegnet, verfällt sofort ihrer Schönheit sowie ihrem Charme und betet sie an. Dachte ich, ich hätte mich langsam an den immensen Kitschfaktor gewohnt, den man sicher nicht mehr steigern könnte, so wurde ich am Ende nochmal eines Besseren belehrt. Das absurde Feuerwerk an Kitschigkeit toppte wirklich alles.

"From Ashes - Herzleuchten" ist in meinen Augen ein ziemlich seichter New Adult Roman mit zahlreichen Schwachstellen, besonders was die doch recht spezielle Personendynamik sowie das großzügige Bedienen sämtlicher Rollenklischees angeht.