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7 Kundenbewertungen

Dieser phantastisch düstere, grell komische und unendlich traurige Roman ist der erste des Autors, der ohne autobiographische Züge auskommt. Ein Strunkbuch ist es trotzdem ganz und gar. Sein schrecklicher Held heißt Fritz Honka - für in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche der schwarze Mann ihrer Kindheit, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der…mehr

Produktbeschreibung
Dieser phantastisch düstere, grell komische und unendlich traurige Roman ist der erste des Autors, der ohne autobiographische Züge auskommt. Ein Strunkbuch ist es trotzdem ganz und gar. Sein schrecklicher Held heißt Fritz Honka - für in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche der schwarze Mann ihrer Kindheit, ein Frauenmörder aus der untersten Unterschicht, der 1976 in einem spektakulären Prozess schaurige Berühmtheit erlangte. Honka, ein Würstchen, wie es im Buche steht, geistig und körperlich gezeichnet durch eine grausame Jugend voller Missbrauch und Gewalt, nahm seine Opfer aus der Hamburger Absturzkneipe "Zum Goldenen Handschuh" mit.

Strunks Roman taucht tief ein in die infernalische Nachtwelt von Kiez, Kneipe, Abbruchquartier, deren Bewohnern das mitleidlose Leben alles Menschliche zu rauben droht. Mit erzählerischem Furor, historischer Genauigkeit und ungeheurem Mitgefühl zeichnet er das Bild einer Welt, in der nicht nur der Täter gerichtsnotorisch war, sondern auch alle seine unglücklichen Opfer. Immer wieder unternimmt der Roman indes Ausflüge in die oberen Etagen der Gesellschaft, zu den Angehörigen einer hanseatischen Reederdynastie mit Sitz in den Elbvororten, wo das Geld wohnt, die Menschlichkeit aber auch nicht unbedingt. Am Ende treffen sich Arm und Reich in der Vierundzwanzigstundenkaschemme am Hamburger Berg, zwischen Alkohol, Sex, Elend und Verbrechen: Menschen allesamt, bis zur letzten Stunde geschlagen mit dem Wunsch nach Glück.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 10. Aufl.
  • Seitenzahl: 252
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 256 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 136mm x 24mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783498064365
  • ISBN-10: 3498064363
  • Best.Nr.: 42750940
Autorenporträt
Heinz Strunk, Musiker und Schauspieler, wurde 1962 in Hamburg geboren. Er ist Gründungsmitglied des Humoristentrios Studio Braun und hatte auf VIVA eine eigene Fernsehshow.
Rezensionen
Besprechung von 24.02.2016
Im schwarzen Loch
Gegenschrecken als Ohnmachtsbewältigung: Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“
erzählt von dem Frauenmörder Fritz Honka und dem Hamburger Absturzmilieu der Siebzigerjahre
VON TEX RUBINOWITZ
Zum Goldenen Handschuh“, das ist eine schimmlige Kaschemme in Hamburgs deprimierendem Stadtteil St. Pauli, vor mehr als fünfzig Jahren von einem Berufsboxer namens Herbert Nürnberg gegründet, daher der Name; sie hat an 365 Tagen 24 Stunden geöffnet, es gibt keinen, der das Licht ausmacht, immer gibt es noch einen Allerletzten.
  Heinz Strunk ist ein Autor, der vor mehr als fünfzig Jahren auf der falschen Seite der Elbe geboren wurde, im deprimierenden Hamburg-Harburg, im Schatten einer Autoreifenfabrik. Er spielte zwölf Jahre Querflöte in einer Tanzmusikcombo auf unfidelen Feuerwehrfesten, darüber hat er ein Buch geschrieben, „Fleisch ist mein Gemüse“, das sich 500 000 Mal verkauft hat. Nach weiteren biografisch gefärbten Büchern über seine trostlose Kindheit, seine verheerende Akne, den Tod seiner Mutter und seine Versuche als weitgehend ignorierter Komiker mit Themen wie endlose Masturbationen (Melken), Christoph Grissemann in Afrika und Schorf als Chance für eine straffere Haut schrieb er nun ein Buch über jene Boxerkneipe, und speziell einen Stammgast: Fritz Honka.
  „Die Frau, die reinkommt“, heißt es bei Strunk, „zittert vor Kälte und ist ziemlich klein. Wie schmutziger Schaum ergießt sich farbloses, dünnes Haar über die Rückseite ihres eierförmigen Schädels. Ihr Blick ist leer, das Gesicht einer Kriegsgefangenen. Sie könnte fünfzig sein oder siebzig. Unter dem Mantel trägt sie nur einen Kittel, einen schrecklichen, blauen Putzfrauenkittel. Je länger man sie anschaut, desto furchtbarer sieht sie aus, gerade wenn man Alkohol getrunken hat, so rum geht’s nämlich auch. Man kann sich schon nicht mehr vorstellen, wie die früher mal ausgesehen hat als Frau.“
  Fritz Honka ist ein schmächtiger, gedemütigter Mann mit riesigen Händen, dramatisch schielend, das rechte Auge wie ausgelaufen, die Nase nach links gebogen. Er arbeitete als Nachtwächter, brachte zwischen 1970 und 1975 vier ältere, zahnlose Gelegenheitsprostituierte um, die er im Handschuh kennenlernte. Er nahm sie zu sich mit nach Hause, in seine überheizte Dachwohnung, man trank bis zur Besinnungslosigkeit – zwei Nichtschwimmer, die sich aneinanderklammern, um ihre unartikulierbare Verwirrung zu teilen. Bis sich Kräfte zusammenballen, die außerhalb ihres kontrollierten Bewusstseins liegen, eine zunächst nach innen gerichtete Gewalt, eine ständig kratzende Bedrohung, die irgendwann aufbrechen muss und in unregelmäßigen Zeitabständen auch aufbrach, und in der Katastrophe kulminierte.
  Am Ende wachte er neben den Leichen auf, ohne sich an den genauen Tathergang erinnern zu können. Überfordert und zu schwach, um sie fortzuschaffen, zersägte er die Frauen, stopfte die Leichenteile hinter eine Wand, wo sie vor sich hingammelten. Dem beißenden Geruch versuchte er mit Klosteinen und Wunderbäumen beizukommen. Honka denkt: „Das ist alles, was von uns eines Tages übrigbleibt, sinnlose, blutende Löcher und Flecken.“ Niemand vermisste diese seelenlosen Frauen, auch weil sie, als sie noch lebten, ihr untotes Leben ohne viel Hoffnung in Wohnsitzlosigkeit abwickelten. Eine dieser schwachen Frauen macht sich in seiner Wohnung kleiner als sie ist, „sie weiß, dass sie keinen schönen Anblick abgibt, je weniger von ihr da ist, desto weniger gibt es, um sich darüber zu ärgern. Draußen ist es kalt, und sie möchte noch ein wenig bleiben.“
  Fritz Honka war Mitte der Siebzigerjahre so eine Art Gespenst des Grauens, von der misanthropischen Bild-Zeitung in kalkuliert populistischer Ekelfaszination aufgebaut als Synonym für das Böse per se. Jedem, der in dieser Zeit aufwuchs, ist der Name Honka nicht bloß ein Name, sondern mehr noch ein angstschürender Begriff. Max Müller von der Band Mutter nannte seine erste, primitiv rumpelnde Band Honkas, so als sei das eine Art Vergangenheitsbewältigung mit Mitteln des Gegenschreckens. Mit belegter Stimme besang er alte Männer hinter vergilbten Gardinen, in dumpfen Zimmern, die nach Schweiß, Magensäure und Leid riechen, Aussätzige, über die die Kinder auf der Straße lachen.
  Der Grat zwischen Mitleid und Ekel ist klein, bei Müller wie bei Strunk. Es gibt keine Fotos aus jener Zeit aus diesem untersten aller nur denkbaren Absturzmilieus, aber der schwedische Fotograf Anders Petersen hat etwa zur gleichen Zeit seine viel beachtete Reportage über die unweit vom Handschuh gelegene, relativ milieugleiche Stehbierhalle Café Lehmitz gemacht, kürzlich wieder aufgelegt als Buch bei Schirmer/Mosel. Es zeigt Verrutschte des Daseins, die den Ausstieg verpasst haben, und andere Resignierte, die komatös vielleicht noch von ihrer Rettung träumen können, zumindest bis die Wirkung des Alkohols nachlässt und jemand einen zum nächsten Schnaps einlädt, Motto: Bitte nicht nach Hause schicken. Wenn man Strunks Bericht, Müllers Musik und Petersens Bilder übereinanderlegen würde, bekäme man vermutlich Düsternis in 3-D.
  Nun hat Heinz Strunk nicht nur eine klassische Milieustudie der Verzweiflung abgeliefert, sondern er versucht, die Ohnmacht zu spiegeln, versucht zu zeigen, dass nicht nur, wer von unten kommt, in den meisten Fällen unten bleiben und unten untergehen muss, sondern, dass vom Handschuh auch eine magische Bedrohung „nach oben“ ausgeht, zu wissen, dass es so etwas gibt, dass man nur einmal in die Hölle blicken muss, sozusagen als nützliche Hölle, um sich seiner eigenen vermeintlichen Unverwundbarkeit und geschützten Herkunft zu versichern.
  Deshalb hat Strunk in seinem Buch einen zweiten Erzählstrang eingebaut, mit Personal aus der scheinbar sicheren Welt des alten Geldes, den Reederdynastien der gepflegten Vororte Hamburgs, einen Strang, der sich unaufhaltsam dem anderen Strang nähert, dem der schlaffen Marionetten in der Hand eines müden Gottes an diesem schauerlichen Ort. Aber diese Parallelen werden sich nie kreuzen, weil sie sich dann beide in dem Moment, wo es passieren könnte, wieder voneinander entfernen, in ihre jeweiligen sprachlosen Unendlichkeiten, manchmal wird eben doch nicht wahr, was wahr werden könnte. „Langeweile ist verdünnter Schmerz (. . .) sie ist gewissermaßen ein der Depression vorgeschalteter Zustand (. . .) keine echte Verzweiflung, nur ein seltsames Vakuum“, wie einer von der angeblich sonnigen Seite sinniert.
  Es gibt aber im Buch auch so etwas wie blasse Graduierungen der Hoffnung in vollkommener Glücksabwesenheit, etwa wenn Honka ausbricht, um eine Hafenrundfahrt zu machen. Er lässt sich beeindrucken von den aggressiv „witzigen“ Sprüchen des Schiffsführers, er versucht, sich alles zu merken, um in der Gesellschaft wenigstens mit etwas Eloquenz bestehen zu können, merkt indes nicht, dass diese Witze auf Kosten der Zuhörer gemacht werden. Auch hier wieder nur hierarchische Verachtung, an deren unterem Saum die verstummten Ahnungslosen zurückbleiben, fassungslos und in Katalepsie verharren, all die „veridioteten Witzwesen, Fickfehler, mit Gesichtern aus zerschmolzenen Horrormasken“.
  Nun könnte man Strunk Perfidität vorwerfen, er stelle sein Personal aus, führe es ohne Gnade vor, weil es sich nicht wehren kann und auch noch nie konnte, aber es sind eher Protokolle einer sprachlosen Gesellschaft, deren Münder nur noch große schwarze Löcher sind. Keiner hilft keinem, wenn man sich selbst ganz fremd und immer fremder geworden ist, mit vor Schmerzen verkrümmten Seelen. Selten war die hohle Phrase vom „Scheitern als Chance“ mehr entlarvt als das, was sie ist: hohntriefender Dünkel, zumindest hier an Orten wie dem Goldenen Handschuh. Das Buch analysiert nichts, dazu ist es genauso ohnmächtig wie seine Opfer, distanziert sich aber auch nicht von ihnen, und es leistet sich ihnen gegenüber auch nur so viel Empathie, wie nötig ist, um zu erkennen: Brauchst gar nicht wegzuschauen, das könntest nämlich genauso gut auch du sein.
  Im Handschuh gibt es eine trostspendende Musicbox, einige Musiktitel daraus werden im Buch „angespielt“, Gittes „Ich hab die Liebe verspielt in Monte Carlo“ oder „Ich wünsch mir ’ne kleine Miezekatze“ eines Zeichentrickhunds namens Wum. Monte Carlo und Miezekatze als allerletzte Ausfahrten ins Glück. Doch man wird nie ankommen.
Honka war Mitte der Siebziger
so eine Art Gespenst des Grauens,
das personifizierte Böse
Strunk leistet sich nur so viel
Einfühlung, wie nötig ist, um zu
erkennen: Wegschauen zwecklos
Bitte nicht nach Hause schicken, lautet das Lebensmotto der Gestrandeten in den Kneipen von St. Pauli.
Foto: Andre Luetzen / laif
            
  
  
  
  
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016.
256 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensentin Sabine Vogel weiß nicht, womit sie es zu tun hat bei Heinz Strunks Roman. Derart übel spielt ihr der Autor mit, führt ihr den "Schmiersuff" und das "suffgeile" Ficken und Morden vor Augen, den unvermeidlichen Absturz seines früh kaputten Helden, des Hamburger Frauenschänders Fiete Honka, dass sie schwankt zwischen Schreien und Lachen. Ein irres Lachen muss das sein, denn Strunk, erklärt Vogel, nimmt die Leserin tatsächlich mit auf die schiefe Bahn, in die vernichtenden Kaschemmen, wo die untoten Huren furzen und und die zerfetzte Seele bei Fanta Korn ihren Kick wegbekommt. Gut recherchiert, exzellent beobachtet, keine Frage, meint Vogel. Doch auch scharf an der Ekelgrenze, meint sie.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 17.02.2016
Solange es solche Menschen gibt

Goethe will von keinem Verbrechen gehört haben, zu dem er selbst nicht auch in der Lage gewesen wäre. Heinz Strunk zeigt mit seinem Serienmörder-Roman, wie weit Einfühlung gehen kann.

Darf Literatur trostlos sein? Die Antwort ist leicht: Da sie alles soll, was sie kann, darf sie natürlich auch dies. Dass sie trostlos sein sollte, werden hingegen nicht einmal die behaupten wollen, die in Trost Kitsch wittern und finden, dass Literatur andere Aufgaben hat als Lesevergnügen. Doch wenn man ein Buch in Händen hält, das vollständig, wirklich vollständig trostlos ist, kommt man um die Frage schlecht herum, aus welchen Gründen man es jemandem anderen empfehlen soll. Anders formuliert: Kann Literatur vollkommen trostlos sein und trotzdem bedeutend?

Heinz Strunks kommende Woche bei Rowohlt erscheinender Roman "Der goldene Handschuh" ist ein Testfall auf diese Frage. Er handelt von etwas Furchtbarem, das durch nichts kompensiert werden kann. Nicht durch Spannung, wie sie Kriminalromane und Thriller pflegen; nicht durch den Trost, dass es aufgeklärt wurde; nicht durch eine Moral, die man dem Geschehen entnehmen könnte; nicht einmal durch eine jener sozialpsychologischen Erzählungen, die uns - geteiltes Leid ist halbes Leid - beruhigen, am Entsetzlichen seien irgendwie der Kapitalismus, eine falsche Erziehung oder die bürgerliche Kälte schuld.

Strunk erzählt von einem Verbrechen ohne jeden Bedeutungsüberschuss. Der Stoff seines Romans sind Episoden aus dem Leben des Hilfsarbeiters Fritz Honka, der zwischen Dezember 1970 und Januar 1975 in Hamburg vier Frauen ermordet, anschließend zerlegt und teils weggeworfen, teils in der Abseite seiner Mansardenwohnung verstaut hat. Zu Tage kam das nicht durch Fahnder, sondern durch die Feuerwehr, die bei einem Hausbrand auf Leichenteile stieß. Wer damals ein Kind war, konnte auf den hinteren Seiten von Illustrierten, die beim Zahnarzt lagen, darüber lesen. Honka versorgte Albträume, die mitteilten, dass das Böse nicht weit weg ist, damals mit einem Bild.

In Kriminalromanen verdient man sich mit so etwas seit Längerem schon den Titel "Serienmörder" und die Empathie von irrenärztlich informierten Rätsellösern. Doch Strunk erzählt von einer Tat, die keinen Anhalt bietet für komplizierte Motivkonstruktionen und ein angestrengtes Herumstochern im Inneren eines Täters. Denn wie soll man sich das Innere von jemandem vorstellen, der über die von ihm drangsalierte alte, zahnlose Frau denkt, wenn sie sich sturzbetrunken neben ihm durch das eiskalte Morgengrauen schleppt: "Wenn die hinfällt, lass ich sie einfach liegen." Für den Sex eine Form ist, andere kaputtzumachen. Für den am Willen anderer nur gut ist, dass man ihn brechen kann, und der die Hässlichkeit seiner Frauen hasst und genießt, weil er weiß, dass andere als die ganz Heruntergekommenen für ihn gar nicht erreichbar wären.

Honka, den alle "Fiete" nennen, ist ein kleiner Mann mit eingedrücktem Gesicht, zerschlagen schon in der Kindheit. Er sitzt tag- und nachtein, nachtaus in jener von einem Ex-Boxer geführten Kaschemme "Zum Goldenen Handschuh", die das ganze Jahr und rund um die Uhr offen hat, und trinkt und flucht und bramarbasiert und trinkt. So gut wie alle, die dort sitzen, sind schwer betankt, manche halb ohnmächtig, manche auch schon tot, andere nässen sich gerade ein. Ruinen von Menschen, kriminell, vom Fusel zerfressen. Auf einer der ersten Seiten notiert Strunk über einen solchen Insassen der Hafenkneipe, dass das Wort "sterbliche Überreste" irrigerweise nur auf Verstorbene angewendet wird, und etwas später über die vom Leben Geprügelte: "Ihre Gleichmut erlaubt es ihr, bei lebendigem Leib zu verrotten." Nur Gisela von der Heilsarmee kommt ab und an wie zur Erinnerung vorbei, dass Menschen auch Personen sein können.

Strunk, dem das Stilwunder gelungen ist, ohne Kälte lakonisch zu schreiben, enthält sich jeder Erklärung: ob sie trinken, weil sie leer sind, oder leer sind, weil sie trinken. Wie sollte man es auch herausfinden? Auch zwischen Honkas Geilheit, in die sich das Bedürfnis nach Ruhe mischt, zwischen Sentimentalität - "Es geht eine Träne auf Reisen" - und Sadismus lässt sich nicht unterscheiden, weil all das, die Geilheit wie der Traum vom Schönen, ob der Enttäuschungen, die ihm folgen, seine ekelhaften Gewaltausbrüche anheizt. Am Tiefpunkt seiner Niedertracht lässt Honka eine ihm Ausgelieferte unterschreiben, sie sei mit allem einverstanden, was er mit ihr mache, und werde von nun an keine eigene Meinung mehr äußern. Zehn Seiten später findet er aber, weil sie nicht mehr am Gespräch teilnimmt, so mache das ja auch keinen Spaß. Wille und Bosheit sind in dieser Welt dasselbe, aber Schopenhauer hätte sich nicht träumen lassen, wie es aussieht, wenn seine Philosophie wirklich wird.

Strunk schildert ein Leben diesseits von Gut und Böse. Als Honka überraschend als Wachmann angestellt wird, denkt er, jetzt wende sich alles, so mit Uniform und festen Aufstehzeiten. In der Abseite schmoren währenddessen blaue Plastiksäcke. Sie tun es wie zum Zeichen, dass der Versuch, ein normales Leben zu führen, ja, überhaupt das Leben zu führen und nicht von der unheilvollen Beschäftigung mit sich selbst getrieben zu werden, trotz Hafenfahrt, Betriebsfeier und Zoobesuch vergebens ist. Das Umkippen des Bewusstseins aus der Begleitung solcher alltäglicher Szenen in Kontrollverluste schildert Strunk mit erschreckender Genauigkeit.

Dabei interessieren ihn die Tathergänge selbst nur mittelbar. Die Morde sind an die erzählerische Akte Honka mehr angeheftet; der erste erschließt sich nur aus der Leiche, von den anderen, die im Laufe eines Jahres geschahen, berichtet Strunk im letzten Fünftel des Buches. Es ist, als wollte die Ermittlung sagen, dass schon vorher ausweglos Schreckliches genug geschehen sei, um uns vollkommen ratlos zu machen, noch bevor es zur Tötung im Blutrausch oder aus Verachtung kommt. Heinz Strunk treibt die Empathie mittels erlebter Rede, die er unfassbar präzise einsetzt, bis dahin, wo sonst niemand mehr mitfühlen will. Das ist nicht nur die Leistung eines Erzählers, der den schiefen Blick der missratenen Kreatur aushält. Dadurch fällt seinen tränenlosen Beschreibungen auch ein geradezu filmischer Realismus zu. Von der Ambition des Ausstatters zeugen Wendungen von "nicht ganz schussecht" über den Ausruf "Thööölke!" bis zur "Braunschen Röhre" als Name für eine Cola.

Um aber das naheliegende Missverständnis zu zerstreuen, es werde hier eine Milieutheorie des deformierten Lebens veranschaulicht, wechseln sich die Episoden in Honkas Welt mit - "gleicher Tag, andere Gegend" - Szenen einer absteigenden, verbitterten und zerstrittenen Hamburger Reederfamilie ab. Deren jüngstes Mitglied, ein Siebzehnjähriger, und sein Onkel sind Vergleichspräparate für Honka; ihnen gibt Strunk ebenfalls Lebensschäden mit. Der von Akne zerfurchte und durch eine Erbkrankheit "vermorphte" Knabe, der für eine Mitschülerin entbrennt, denkt genauso wie der adelige Rechtsanwalt, der Theorien über Sexualität als Krankheit ventiliert und selbst nur eine Sekunde von einem sadistischen Frauenmord entfernt ist, bloß an die eigene Lust, die ausbleibt. Für sie alle, die Strunk ebenfalls in den "Goldenen Handschuh" führt, gibt es, wie für Honka, nur sie selbst, ihr Eingesperrtsein in sich und in ihre Phantasien. Die von der Elbchaussee würden es, wie es an einer Stelle heißt, "nur etwas anders ausdrücken" als Honka. Und ihre Gewaltphantasien haben noch andere Objekte als Frauen, sie sind gewissermaßen durch andere Gesichtspunkte (Familie, Konkurrenten, Jungsein, Kranksein) abgelenkt.

Verlangen ist ein Feuer des Bösen, heißt es im Roman, und es ist offen, ob an dieser Stelle der unglückliche und erniedrigte Reederssohn spricht oder der Erzähler, dem man jeden anthropologischen Pessimismus abnimmt. Seinem Buch hat er ein Zitat vorangestellt, das von einem anderen Serienmörder stammt. Darin stellt dieser die Frage: "Warum muss es überhaupt Menschen geben, die so sind?" Heinz Strunk gibt darauf keine Antwort. Seine unglaubliche erzählerische Leistung bezieht sich nur auf einen Teil der Frage, das "so Sein". Wie sind solche Menschen denn? Indem es das zeigt und indem es die Mittel einsetzt, die nötig sind, das zu zeigen - soll man ergänzen: aber auch "nur" diese? -, ist dieses Buch eine Zumutung, eine große und zugleich humane Zumutung. Jedenfalls dann, wenn es zu bedeutender Literatur gehört, den Blick von nichts abzuwenden.

JÜRGEN KAUBE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Ein faszinierend unheimlicher Roman, der Facetten aufzeigt, die die Gegenwart hinter sich gelassen hat, die aber weiterhin in ihr gären. Dirk Knipphals, die tageszeitung
Ein todtrauriges Leben in Suff und Unglück, ein großartiges Buch.
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