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Benutzername: Fannie
Wohnort: Oelsnitz/Erzgebirge
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Danksagungen: 33 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 118 Bewertungen
Bewertung vom 20.05.2021
Weg ins Leben
Weissenberg, Tami

Weg ins Leben


ausgezeichnet

Ungeschönte Fortsetzung der Autobiografie eines männlichen Opfers von häuslicher Gewalt

Das stereotype Bild von Gewalt in der Partnerschaft zeigt eine dem Mann körperlich unterlegene Frau, die den Attacken des Partners wehrlos ausgesetzt ist. Dass sich eine solche Gewalt sehr wohl auch von einer Frau ausgehend gegen den Mann richten kann, mutet für manche Menschen seltsam an. Und doch: Diese Form der Gewalt gegen Männer gibt es - allerdings meist verborgen hinter einer unüberwindbaren Mauer aus Scham.

Der unter dem Pseudonym Tami Weissenberg publizierende Autor aus Sachsen hat in seinem ersten Buch "Darjeeling Pur" mit bedrückender Intensität die sich sukzessive aufbauenden Gewaltexzesse durch seine damalige Ehefrau geschildert. Unglaublich, aber wahr: Die namentlich nicht genannte, zierliche Frau drangsalierte einen beruflich erfolgreichen, hundert Kilo schweren und fast zwei Meter großen Mann, der sich niemals wehrte oder gar zurückschlug.

Im zweiten Band seines autobiografischen Berichts, der den Titel "Weg ins Leben" trägt und am 30. März 2021 in der Edition Outbird erschienen ist, beschreibt Tami Weissenberg, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass er in den Teufelskreis der Abhängigkeit von seiner Frau geriet. Eine Abhängigkeit, die er fast mit seinem Leben bezahlt hätte. Es ist schmerzlich, aber unverzichtbar, vor der Lektüre von "Weg ins Leben" zuerst "Darjeeling Pur" zu lesen.

In sachlich-nüchternem Ton reißt der Autor in seinem aktuellen Buch die Fassade der vermeintlichen Bilderbuchfamilie ein, die mit mondänem Haus, großem Garten und teuren Autos Nachbarn und Bekannte zu beeindrucken wusste. Mit psychologischer Scharfsinnigkeit zeichnet er den Worst Case nach, der seinen Anfang nahm, als er und seine Exfrau sich kennenlernten: Sie weckte in ihm den Beschützerinstinkt, er, unerfahren in Partnerschaftsdingen, gab nach und nach sein eigenständiges Leben für sie auf und fand sich schließlich in seinem eigenen Albtraum wieder.

Wie weit er gegangen ist, welche Grenzen und Gesetze er überschritten hat, nur um seine damalige Frau ruhigzustellen, schildert Tami Weissenberg mit ehrlicher Reue, ohne sich dabei selbst in Schutz zu nehmen. Er steht zu seinen Fehlern und seinen Worten merkt man an, dass er heute, mit einigen Jahren Abstand zum Erlebten, und nach vielen Stunden Psychotherapie, geläutert und befreit ist.

Klipp und klar formuliert er, dass er weder Rache an seiner Exfrau üben möchte noch mit den Erlösen aus den Buchverkäufen reich werden will. Denn Letztere fließen ausschließlich in den von ihm gegründeten Weissenberg e. V. - Männernetzwerk Plauen. Der Verein betreibt eine von staatlicher Seite mitfinanzierte Schutzwohnung für von häuslicher Gewalt betroffene Männer und verfügt über ein kompetentes Netzwerk zur Beratung der Opfer.

Inzwischen ist Tami Weissenberg viel herumgekommen, war in Presse, Funk und Fernsehen vertreten. Er erzählt seine Geschichte nicht, um Mitleid oder Ruhm zu erhaschen. Tami Weissenberg ist ein unglaublich engagierter Kämpfer. Im Anhang des Buchs zeugen Presseartikel und Fotos von seinen zahlreichen Auftritten, in deren Rahmen er dem Thema Gewalt gegen Männer ein Gesicht gibt - sein Gesicht.

So ist aus etwas Furchtbarem dennoch etwas Gutes erwachsen. Doch bis dahin war es ein steiniger, schmerzhafter und langer Weg, an dem Tami Weissenberg den Leser offen und ehrlich teilhaben lässt. Er hat viel über sich selbst gelernt. Mit Fleiß und Hingabe hat er ehrenamtlich ein Hilfsprojekt initiiert, das es damals, als er selbst Gewaltopfer war, nicht gab. Und das Wichtigste: Er ist endlich glücklich.

Bewertung vom 20.12.2020
Willst du Blumen, kauf dir welche
Berg, Ellen

Willst du Blumen, kauf dir welche


sehr gut

Humorvolle Abrechnung mit den Tücken des Online-Datings

Lena liebt ihren Kater Dewey, ihre eigene kleine Buchhandlung und die Romane von Jane Austen. In herzergreifenden Büchern findet sie, wonach sie nach einigen Enttäuschungen im echten Leben gar nicht mehr sucht: Romantik und Liebe. Nicht mal der Bestsellerautor Benjamin Floros, den sie zu einer Lesung in ihre Buchhandlung einlädt, kann sie mit seinem Verkaufsschlager „Die ultimative Liebesformel“ davon überzeugen, dass sich die Suche nach Mr. Right lohnen wird. Überhaupt hält Lena Floros für einen Scharlatan – einen gut aussehenden zwar, aber das ändert nichts an ihrer Antipathie für den erfolgsverwöhnten Schriftsteller. Zu dumm nur, dass sie sich nach einer gemeinsam geleerten Flasche Sherry auf eine fatale Wette mit Benjamin einlässt …

Wer humorvolle Bücher mag, kommt an Ellen Berg nicht vorbei. Die Autorin hat bereits sage und schreibe 17 Romane veröffentlicht, die sich hauptsächlich um ein Thema drehen: Die Liebe. Die beleuchtet Ellen Berg in sämtlichen Facetten – und das stets mit viel Humor. In ihrem aktuellen Roman „Willst Du Blumen, kauf dir welche – (K)ein Romantik-Roman“ nimmt sie sich den Mysterien des Online-Datings an. Ihrer Hauptfigur Lena wird dabei so einiges abverlangt, denn sie trifft bei ihren Dates größtenteils auf äußerst kauzige Kandidaten. Ellen Berg hat sogar ihre eigenen Erfahrungen aus der Welt der virtuellen Liebe einfließen lassen.

Auch bei Band 17 zeichnet (im Wortsinne!) wieder einmal der Cartoonist Gerhard Glück für die unverwechselbaren Cover der Ellen Berg-Romane verantwortlich.

Obwohl es Bücher gab, in denen Ellen Berg richtiggehende Gag-Feuerwerke zündete und ihr das in ihrem aktuellen Roman nur zuweilen gelingt, ist „Willst du Blumen, kauf dir welche“ dennoch ein äußerst kurzweiliger Roman, der für gute Laune sorgt. Gleichzeitig ist das Buch eine hinreißende Hommage an die Literatur und alle passionierten Leseratten, denn Lena denkt oft in Buchtiteln und geht ganz in ihrer Berufung als Buchhändlerin auf. Ihrem zackigen, wortschatzreichen Schreibstil bleibt Ellen Berg auch in ihrem aktuellen Roman treu. So macht Lesen Spaß!

Die Charaktere sind unverwechselbar und die meisten davon sympathisch. Und obwohl die Geschichte relativ vorhersehbar ist, eignet sie sich dennoch für kurzweilige Stunden auf der heimischen Couch und hilft dabei, den Corona-Blues zu vertreiben.

Bewertung vom 14.12.2020
Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück
Bernstein, Lilly

Trümmermädchen - Annas Traum vom Glück


sehr gut

Aufwühlender Roman mit eindringlicher Mahnung

Anna ist noch ein kleines Mädchen, als ihre Freundin Ruth mitsamt ihrer Familie von heute auf morgen plötzlich verschwindet, ihr geliebter Onkel Matthias zum Kriegsdienst eingezogen wird und sich ihre Heimatstadt Köln mehr und mehr in eine Trümmerwüste verwandelt.

Sie wächst bei ihrer Tante Marie auf und ist von jüngster Kindheit an ein Leben voller Entbehrungen gewöhnt. Hunger, Kälte, Verlust und Mangel sind ihr nur allzu vertraut. Doch aus dem Mädchen wird eine junge Frau, die sich entschlossen gegen die Widrigkeiten des Krieges stemmt, um für die zu sorgen, die ihr am Herzen liegen: ihre Familie und ihre Freunde.

Einfühlsam erzählt Lilly Bernstein in ihrem 512-seitigen Roman „Trümmermädchen – Annas Traum vom Glück“ eine Geschichte, die die Jahre 1941 bis 1947 umspannt. Der unglaublich bildhaften Sprache der Autorin und Journalistin, deren bürgerlicher Name Lioba Werrelmann lautet, ist es zu verdanken, dass man das zerbombte Köln klar vor sich sieht. Mit der Veröffentlichung ist für Lilly Bernstein ein Traum in Erfüllung gegangen und es sei ihr bisher persönlichster Roman, heißt es. Und tatsächlich lässt dieses Buch unschwer erkennen, wie viel Herzblut darin steckt.

Mit großer Liebe zum Detail hat die Autorin an ihren Figuren gefeilt und einen Plot erarbeitet, der manche Überraschungen bereithält – das gilt für die guten ebenso wie für die schlechten.

Die Not, die die Menschen damals litten und die Umstände, unter denen sie leben mussten, sprengen heute jegliche Vorstellungskraft. Aus diesem Grund ist Lilly Bernsteins Buch mehr als ein Roman, sondern zeitgleich eine Mahnung, wie dankbar wir heute für alle Annehmlichkeiten des Alltags, volle Supermarktregale und ein gemütliches Zuhause sein müssen.

Dank vieler Gespräche mit Zeitzeugen und umfangreicher Recherchen gelingt es Lilly Bernstein in ihrem Buch mühelos, die unvorstellbaren Lebensbedingungen von damals in Worte zu fassen und für ihre Leserschaft regelrecht erlebbar zu machen.

„Trümmermädchen“ ist außerdem ein Buch, das Mut macht, denn was Anna und ihre Familie leisten, ist unvorstellbar. Ja, sie hadern, sie sind erschöpft, doch sie kämpfen entschlossen für ihren Traum. Ohne ein paar für meinen Geschmack zu glückliche Zufälle ließe sich der allerdings nicht realisieren.

Dennoch ist „Trümmermädchen“ ein bildgewaltiger Roman, der mit Anna über eine gleichermaßen sympathische wie starke Protagonistin verfügt, die stellvertretend für eine ganze Generation steht, die sich mit bewundernswerter Tatkraft nach dem Krieg dem Wiederaufbau eines ganzen Landes gewidmet hat.

Bewertung vom 27.09.2020
An Liebe stirbst du nicht
Dalban-Moreynas, Géraldine

An Liebe stirbst du nicht


ausgezeichnet

Aufwühlendes Romandebüt aus Frankreich

„Es gibt Geschichten, an deren Anfang man sich das Ende einfach nicht vorstellen kann.“

(Zitat aus dem Buch, Seite 181)

Ob sich Elle und O., die beiden Protagonisten in Géraldine Dalban-Moreynas‘ Debütroman „An Liebe stirbst du nicht“, zu Beginn ihrer Amour fou überhaupt ein Ende vorstellen können, darf bezweifelt werden. Unversehens stürzen sich die beiden neuen Nachbarn, die bislang bequeme und unaufgeregte Leben führten, in eine Affäre. Die Anziehung zwischen den beiden ist einfach zu groß. Ihre Treffen häufen sich bald ebenso wie die Lügen, die sie ihren jeweiligen Partnern auftischen, um sich ein paar gemeinsame Stunden zu stehlen. Über Elle und O. erfährt man nicht viel, nur dass sie beide Anfang 30 sind, er Anwalt und sie Journalistin ist, beide vergeben sind, und in Paris leben. Und doch lernt man als Leser schon beizeiten das verletzliche Innenleben des heimlichen Paares kennen, ihre Träume und ihre Wünsche.

Sie wagen einen Tanz auf dem Drahtseil, können jeden Moment abstürzen und ins Bodenlose fallen. Die Autorin beschreibt mit präzisem Blick die Achterbahn der Gefühle, in der die beiden sich befinden. Schon nach kurzer Zeit wird klar: Es ist Liebe, sie ist tief und wahrhaftig. Doch haben Elle und O. eine gemeinsame Perspektive? O. hat eine Tochter, die noch keine zwei Jahre alt ist. Seine Frau könnte er verlassen, seine Tochter jedoch nicht. So hadern die beiden Teilzeitliebenden (Seite 65), die nichts mehr wollen als zusammen zu sein, mit den Umständen, die genau das verhindern.

„Zum Glücklichsein braucht man Mut.“

(Zitat aus dem Buch, Seite 113)

Doch dieser Mut fehlt vor allem O. Als neutrale Beobachterin führt die Autorin Buch über den Verlauf einer heimlichen Liebe, die so unmöglich wie alles verschlingend ist.

Die Kapitel sind kurz, sie geben auch einige der zahllosen SMS und E-Mails wieder, die sich Elle und O. schicken. Trotz des nüchternen Erzählstils von Dalban-Moreynas, der wohl am ehesten mit „auf den Punkt gebracht“ umschrieben werden kann, schwingt eine feine Melodie in ihren Worten mit. Am Ende war mein Exemplar des Buchs mit unzähligen bunten Klebe-Fähnchen übersät, weil es so viele Zitate, so viele Momente gab, die mich ganz besonders berührt haben, sodass ich schon gefragt wurde: „Liest du oder bastelst du?“

Dieser Roman hat eine unglaubliche Wucht, und auf nur 192 Seiten erzählt die Autorin eine Geschichte, wie sie tagtäglich geschieht, und die doch einzigartig ist. Die Intensität der Gefühle tut beim Lesen fast schon körperlich weh. Als Leser wird man mitgerissen in diesen Abgrund, an dessen Rand Elle und O. tanzen, und sehenden Auges in ihr Unglück rennen. Man leidet mit den beiden, fragt sich, wie wohl das Ende aussehen wird. Der Weg dorthin kann es in puncto Spannung mühelos mit jedem guten Thriller aufnehmen. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – was wird am Ende überwiegen?

Chapeau! Géraldine Dalban-Moreynas hat mit ihrem Debütroman wirklich ein grandioses Stück Literatur geschaffen!

Bewertung vom 01.06.2020
Kann mein Herz nicht mal die Klappe halten?
Greve, Julia

Kann mein Herz nicht mal die Klappe halten?


ausgezeichnet

Ein hinreißendes Stück Unterhaltungsliteratur über die Flaute im Ehebett

Nach 15 Jahren Ehe ist bei Nina und Steffen im Bett die Luft raus. Der Familienalltag mit den beiden Töchtern plätschert gemächlich vor sich hin. Eines Abends schreibt das Paar einen Wunschzettel mit den Dingen, die sie sich in der Horizontalen wünschen, um ihr Sexleben wieder auf Vordermann zu bringen – und plötzlich steht das Thema Partnertausch auf dem Tapet. Während Steffen sich nach einem aufregenden Abenteuer mit einer fremden Frau sehnt, geht Nina mit Skepsis an die Sache heran. Kann sie das? Will sie das? Nach langer Überlegung beschließt sie, sich auf das gewagte Experiment einzulassen. Noch ahnen die beiden nicht, was sie damit in Gang setzen …

Autorin Julia Greve, Jahrgang 1975, nimmt sich in ihrem Roman „Kann mein Herz nicht mal die Klappe halten?“ eines Themas an, das wohl den meisten Menschen in langjährigen Beziehungen vertraut ist: Die Flaute im Bett und wie man da bloß wieder rauskommt.

Ihre Romanheldin Nina – eine herrlich uneitle, teilweise schüchterne und alles in allem völlig normale Frau – lässt sich auf den delikaten Wunsch ihres Gatten ein, obwohl sie von einem erotischen Treffen mit einem fremden Mann alles andere als überzeugt ist. Sex ohne Liebe – geht das denn überhaupt?

Julia Greves am 18. Februar 2020 bei Rowohlt erschienener Roman ist ein hinreißendes Stück Unterhaltungsliteratur mit spritzigen Dialogen und sympathischen Darstellern, die glatt nebenan wohnen könnten. Das Buch ist fluffig geschrieben und mit viel Witz gewürzt. In diesem Kein-Kitsch-Roman macht sich der Leser gemeinsam mit dem sexuell gelangweilten Ehepaar auf eine aberwitzige (S)Expedition, die mit einem wahrlich überraschenden Ende punktet.

Das 384-seitige Buch lief vom Anfang bis zum Schluss vor meinen Augen wie ein unterhaltsamer Film ab, so klar habe ich Nina, Steffen und Co. vor mir gesehen. Dabei überspitzt Julia Greve die Handlung nicht. Genau so könnte sich die Geschichte im wahren Leben zutragen.

„Kann mein Herz nicht mal die Klappe halten?“ ist viel mehr als ein platter Frauenroman. Es ist eine großartig erzählte Geschichte über ein Thema, das – wie schon gesagt – vielen Menschen leider ziemlich bekannt vorkommen dürfte.

Bewertung vom 21.03.2020
Die Stille vor dem Sturm
Heib, Marina

Die Stille vor dem Sturm


sehr gut

Mitreißender Thriller mit spannendem Setting

Auf die Autorin Marina Heib bin ich zum ersten Mal durch ihren großartigen Thriller "Drei Meter unter Null" gestoßen. Deshalb wollte ich natürlich auch ihr aktuelles Buch "Die Stille vor dem Sturm" unbedingt lesen, das am 18. September 2019 im Pendragon Verlag erschienen ist. Dem Genre ist die Autorin dabei treu geblieben. "Die Stille vor dem Sturm" ist ebenfalls ein Thriller.

Die Geschichte spielt auf einer Yacht, die von den drei Söhnen eines Kielers Reeders in die Karibik überführt werden soll. Auch ein paar Freunde werden mit von der Partie sein - so zumindest sieht es der Plan vor. Doch ein paar unvorhergesehene Ereignisse führen dazu, dass sich der entspannte Segeltörn schon bald in einen echten Horrortrip verwandelt ...

Dass Marina Heib auch als Drehbuchautorin arbeitet, merkt man ihren Büchern an. In "Die Stille vor dem Sturm" lässt sie das Geschehen wie einen Film vor dem geistigen Auge des Lesers ablaufen. Das von ihr gewählte Setting ist überaus spannend, denn eine Yacht auf offener See bietet schließlich keinerlei Fluchtmöglichkeiten - und auch mit einer Rettung von außerhalb ist nicht zu rechnen, wenn - wie hier - die gesamte Kommunikationsanlage ausfällt. Deshalb sind die Protagonisten ihrem Schicksal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Doch nicht nur das macht diesen Thriller so mitreißend, sondern auch die Dynamik innerhalb der Gruppe. Genug Zündstoff hat Marina Heib ihren Protagonisten mit auf den Weg gegeben und die unterschiedlichen Charaktere tun ihr Übriges, um die Atmosphäre auf der Yacht alles andere als langweilig werden zu lassen.

Einen Stern musste ich leider abziehen, denn als Landratte war für mich die üppige Verwendung des Seglerlateins nicht oder nur schwer zu verstehen. Ein Glossar im Anhang hätte mir an dieser Stelle das Lesen erleichtert beziehungsweise die Google-Suche erspart.

Dennoch ist es Marina Heib einmal mehr gelungen, mich mit ihrem klugen Plot und der durchweg aufrechterhaltenen Spannung vollkommen zu fesseln. Mit "Die Stille vor dem Sturm" war ein packendes Lesevergnügen!

Bewertung vom 03.02.2020
»Der Tod ist dein letzter großer Termin«
Kuckelkorn, Christoph

»Der Tod ist dein letzter großer Termin«


sehr gut

Vielfältiges Sachbuch über das Leben und Sterben

Wer in Köln die Friesenstraße entlangläuft, kommt früher oder später am Bestattungshaus Kuckelkorn vorbei. Im Kölner Karneval begegnet einem der seltene Familienname wieder, denn Christoph Kuckelkorn ist nicht nur Inhaber eines der ältesten Bestattungshäuser Deutschlands, sondern auch Präsident des Festkomitees Kölner Karneval.

Mit seinem am 29. Januar 2020 bei FISCHER Scherz erschienenen Sachbuch "Der Tod ist Dein letzter großer Termin - Ein Bestatter erzählt vom Leben" berichtet Christoph Kuckelkorn von dem Spagat, den er tagtäglich zwischen diesen beiden völlig fremden Bereichen vollführt - und dass der Unterschied so groß dann auch wieder nicht ist.

In 18 Kapiteln nimmt der 1964 geborene Unternehmer gemeinsam mit seiner Co-Autorin Melanie Köhne den Leser mit in eine für Otto Normalverbraucher unbekannte Welt. Er erzählt unbekümmert, mit welcher Selbstverständlichkeit er als Kind schon in der Schreinerwerkstatt zwischen den Särgen umherrannte und schließlich in fünfter Generation die Führung des Bestattungshauses übernahm.

Beim Lesen wird einem schnell klar, dass Christoph Kuckelkorn keiner ist, der sensationslüstern Details seiner täglichen Arbeit preisgibt. Diskretion ist für ihn ein hohes Gut. Dabei könnte er sicherlich ohne Weiteres aus dem Nähkästchen plaudern, denn er hat unter anderem die Bestattungen von Dirk Bach und Guido Westerwelle durchgeführt. Doch darüber erzählt Christoph Kuckelkorn in seinem 288-seitigen Buch nichts, denn es seien ohnehin die leisen Sterbefälle, die ihn tief berühren. So einer wie im Prolog beispielsweise, der dem Leser unweigerlich Tränen in die Augen treibt.

Einfühlsam, respektvoll und mit Würde begegnet er den Menschen, denen einen letzten Dienst zu erweisen er als seine Berufung ansieht. Und deshalb berichtet er auch niemals flapsig, aber mit einem Augenzwinkern von skurrilen Begebenheiten, die ihm in seiner beruflichen Laufbahn widerfahren sind.

Vor dem Tod selbst habe er keine Angst, vor dem Sterben sehr wohl. Und deshalb erzählt er nicht nur von Trauerfällen, die ihn selbst betroffen machen, oder wie der Alltag in einem Bestattungshaus aussieht, sondern Christoph Kuckelkorn macht sich in seinem äußerst vielfältigen Buch ebenso Gedanken darüber, wie er sich das Leben nach dem Tod vorstellt.

Ein bloßes Sachbuch über die Arbeit eines Bestatters ist "Der Tod ist Dein letzter großer Termin - Ein Bestatter erzählt vom Leben" mitnichten. Im Gegensatz, es ist ein sehr persönliches Werk mit autobiografischen Zügen. Ganz offen spricht Christoph Kuckelkorn vom Unfalltod seiner ersten Ehefrau, um deren Leichnam er sich selbst vor der Beerdigung gekümmert hat, und davon, wie die tägliche Begegnung mit der Endlichkeit sein Leben bereichert - so kontrovers das auch klingen mag.

Außerdem wirbt er dafür, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Der eigene Tod wird noch immer zu sehr tabuisiert. Doch wie wichtig es ist, bereits im Vorfeld darüber zu sprechen, wie man sich seine eigene Bestattung vorstellt, illustriert Christoph Kuckelkorn an einigen Beispielen. Denn wenn die Hinterbliebenen wissen, wie sich der Verstorbene seinen letzten Weg vorgestellt hat, wird vieles einfacher. Auch bei mir hat er mit seinen eindringlichen Worten etwas ausgelöst: Ich habe mich inzwischen nach einer Sterbegeldversicherung umgeschaut.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.01.2020
Die Weihnachtsgeschwister
Hennig von Lange, Alexa

Die Weihnachtsgeschwister


ausgezeichnet

Unterhaltsame Familiengeschichte ohne Kitsch

Obwohl die letzten Weihnachtsplätzchen längst vernascht sind und die Weihnachtsdekoration wieder in Kisten und Kästen verstaut ist, möchte ich Euch heute auf ein Buch aufmerksam machen, das mich durch die Adventszeit begleitet hat: „Die Weihnachtsgeschwister“ von Alexa Hennig von Lange. In diesem gerade einmal 144 Seiten starken Büchlein dreht sich alles um die drei Geschwister Tamara, Elisabeth und Ingmar. Längst ihren Kinderschuhen entwachsen, kehren sie Jahr für Jahr zurück in ihr Elternhaus, um in Familie das Weihnachtsfest zu feiern. Richtig Lust darauf hat allerdings niemand von den dreien. Die Bande der Kindheit zwischen den Geschwistern sind zerrissen und man geht sich lieber aus dem Weg. Doch dieses Weihnachten geschieht etwas, das Tamara, Elisabeth und Ingmar unversehens in ihre Kindheitstage zurückkatapultiert. Ob es allerdings auch ein weihnachtliches Happy End gibt, wird hier natürlich nicht verraten.

Alexa Hennig von Lange ist längst keine Unbekannte mehr in der zeitgenössischen Literatur. Vor allem als Autorin erfolgreicher Kinder- und Jugendbücher hat sich die 1973 in Hannover geborene Autorin einen Namen gemacht. Am 1. Oktober 2019 erschien mit „Die Weihnachtsgeschwister“ ihr neuester Roman im DuMont Buchverlag. Nicht nur seiner hübschen Aufmachung wegen ist dieses Buch eine tolle Geschenkidee, sondern vor allem natürlich aufgrund seines Inhalts.

Die Autorin schaut mit messerscharfem Blick hinter die Masken der Geschwister und entlarvt schonungslos deren Ängste und Unsicherheiten, die sich hinter vermeintlicher Arroganz oder Besserwisserei verbergen. Tamara, Elisabeth und Ingmar sind drei ebenso unterschiedliche wie stark dargestellte Charaktere. Authentische Dialoge und geschickt platzierter Humor machen „Die Weihnachtsgeschwister“ zu einer absolut unterhaltsamen Lektüre. An manchen Stellen geht es auch ein bisschen wehmütig zu, aber Alexa Hennig von Lange driftet zu keinem Zeitpunkt ins Kitschige ab. Der Balanceakt zwischen Tiefgang und Unterhaltung gelingt der Autorin spielend. Sie schreibt so anschaulich, dass man das Geschehen wie in einem Film vor sich ablaufen sieht.

Ein wirklich tolles Buch – und das nicht nur zur Weihnachtszeit!

Bewertung vom 17.12.2019
Geister
Lüddecke, Pia

Geister


sehr gut

Spannender Stilmix mit Gruselfaktor

Eins gleich vorweg: Fantasy ist ein Genre, das ich bisher immer mit spitzen Fingern angefasst habe. Dann kam ich (als wahrscheinlich letzter Mensch dieser Erde!) auf Harry Potter und begeisterte mich prompt dafür. Vielleicht hat mich das ja ein bisschen zugänglicher gemacht für diese Art von Literatur. Jedenfalls war ich wild entschlossen, mich auf das Experiment "Geister" von Pia Lüddecke einzulassen. Denn ihr Roman, der am 13. September 2019 bei Edition Outbird, einem Imprint des Telescope Verlags, erschienen ist, vereint verschiedenste Arten der Belletristik miteinander - und trägt auch einen Teil Fantasy in sich.

Im Mittelpunkt des 342 Seiten starken Buchs steht Tomas, von allen nur Tom genannt. Er ist ein ganz normaler, ja sogar unauffälliger Junge, der seine Tage am liebsten mit alten Gruselschockern verbringt. Als er 1999 mit seinen Eltern und seiner großen Schwester ins Ruhrgebiet zieht, lernt er Juri kennen. In seiner Klasse ist Juri ein Außenseiter, denn er lebt in einer heruntergekommenen Villa gegenüber von Toms Elternhaus, trägt seltsame Klamotten und riecht nach Mottenkiste. Trotzdem freundet sich Tom mit ihm an - aber was er gemeinsam mit Juri erlebt, verändert sein Leben für immer ...

Der Germanistin Pia Lüddecke ist mit ihrem Roman "Geister" ein echter Stilmix gelungen. Coming of Age, Horror, Fantasy, Abenteuer - da ist für jeden Lesegeschmack etwas dabei. Der Verlag bezeichnet "Geister" auf der Buchrückseite als "Schauerroman in der Tradition der Schwarzen Romantik" - sehr treffend, wie ich finde. Denn eine geheimnisvolle, dunkle Aura liegt über dieser Geschichte, die den Leser sofort zum Miterleben einlädt und schon von der ersten Seite an einfängt. Die Story beginnt harmlos, doch nach und nach offenbaren sich finstere Geheimnisse. Kontinuierlich steigert die Autorin die Spannung und hält den Leser somit bei der Stange. Denn natürlich möchte man wissen, was wohl als Nächstes um die Ecke kommt. Beim Finale wurde es für meinen Geschmack dann ein wenig verwirrend, aber das kann der spannenden Erzählweise Pia Lüddeckes nichts anhaben. Ihre Art zu schreiben könnte man als "poetisch-pointiert" bezeichnen. Sie erschafft mit Worten üppige, dreidimensionale Bilder, kommt dabei aber vollständig ohne langatmige Ausschweifungen aus. Und es wird an einigen Stellen richtig gruselig!

Ihre Figuren hat Pia Lüddecke mit spürbar viel Liebe zum Leben erweckt. Man kann gar nicht anders, als den Sonderling Juri ins Herz zu schließen - Mottenkiste hin oder her.

Fazit: "Geister" ist ein hervorragend geschriebener Roman, mit dem man dem Alltag entfliehen kann. Diese Geschichte vereint das gleichförmige, alltägliche Leben eines Teenagers mit dem Unbekannten, dem Übersinnlichen - und ist wahrscheinlich genau deshalb so spannend!

Bewertung vom 18.02.2019
Die Leben danach
Pierce, Thomas

Die Leben danach


sehr gut

Was kommt nach dem Tod?

Jim Byrd ist ein ganz gewöhnlicher Mann mit einer ungewöhnlichen Geschichte: Er war schon einmal tot. Nur für wenige Augenblicke zwar, nämlich als er im Parkhaus nach einer „Fehlzündung“ seines Herzens regungslos aufgefunden wurde – aber tot ist schließlich tot, oder? Seitdem treibt ihn die Frage um, was uns Menschen nach dem Tod erwartet. Gesehen hat Jim während seines vorübergehenden Ablebens nämlich nichts: weder gleißendes Licht noch seine Ahnen, die ihn an der Himmelspforte begrüßten. Eifrig begibt er sich auf die Suche nach dem großen „Danach“.

Ich war gespannt, welche Art von Geschichte mich zwischen den Buchdeckeln des Romans „Die Leben danach“ erwarten würde. Eine schwermütige Betrachtung des Lebens und vor allem des Sterbens? Eine Abhandlung aus wissenschaftlicher Sicht? Oder eine launige Story, die der Thematik mit Humor begegnet? Die Antwort lautet: eine gelungene Mischung aus allem. Der US-amerikanische Autor Thomas Pierce vereint in seinem Debütroman, dessen Originaltitel „The Afterlives“ lautet, all diese Elemente miteinander.

Für seinen Titelhelden Jim Byrd hegt man von Beginn an große Sympathie. Man kann gar nicht anders, als den kleinstädtischen Kreditberater zu mögen. Dieser Durchschnittstyp steht stellvertretend für den Otto Normalverbraucher, der mit dem klassischen Nine-to-five-Job ein geregeltes Leben in relativ vorgezeichneten Bahnen führt und sich irgendwann unweigerlich fragt: Was passiert eigentlich nach diesem Leben? Kommt da noch was?

Jim tut das auf ganz unterschiedliche Weise: Er befragt ein Medium, schließt sich der Kirche der Suchenden an, wandelt auf den Spuren von ruhelosen Seelen und ist nahezu besessen von der Wiedervereinigungsmaschine, mit der eine Wissenschaftlerin für Erstaunen sorgt.

Ich gebe zu, dass besonders die Erwähnung der Geister in der Buchbeschreibung mein Interesse geweckt hat. Thomas Pierce hat sich dafür das Ehepaar Lennox ausgedacht, das vor vielen Jahren just in dem Haus lebte, in dem Jim seine Jugendliebe Annie wiedertrifft, und das einst auf tragische Weise den Tod fand. Eine Geschichte in der Geschichte also, die parallel zu Jims Erlebnissen erzählt wird. Mit der wissenschaftlichen Betrachtungsweise des Todes, der im Buch eine große Rolle zukommt, wurde ich dagegen nicht warm – zu futuristisch und zu fantastisch erschien mir die Welt der Hologramme und der Kryonik.

Obwohl auch der Humor in „Die Leben danach“ nicht zu kurz kommt, zieht Thomas Pierce das Thema Tod nie ins Lächerliche. Er geht stellenweise allerdings wohltuend unbefangen damit um und rückt eher die Neugier denn die Angst in den Vordergrund. Und für diese Betrachtungsweise hätte er sich keinen besseren Protagonisten als den liebenswerten Jim Byrd ersinnen können.

„Die Leben danach“ ist wunderbar geschrieben, treffend, bildhaft, pointiert, mit lebendigen Dialogen. Das ist ohne Frage auch ein Verdienst des Übersetzers Tino Hanekamp. Doch dieses Buch hat mich über 400 Seiten hinweg nicht einfach nur hervorragend unterhalten – es hat mich auch bis ins Mark gepackt und ins Grübeln gebracht: Was mag nach dem Tod geschehen? Woran glaube ich? Mit dem Zuklappen des Buchs war also für mich noch nicht Schluss. Und womöglich war genau das eine der Absichten des 1982 geborenen Autors: die Leser dazu anzuregen, sich mit dem tabubehafteten Thema Tod zu beschäftigen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.