Streulicht - Ohde, Deniz
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Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in…mehr

Produktbeschreibung
Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis nicht nur der Hausrat, sondern auch die verdrängten Erinnerungen hervorquollen. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, bis sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst - zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden. Wahrhaftig und einfühlsam erkundet Deniz Ohde in ihrem Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Satz für Satz spürt sie den Sollbruchstellen im Leben der Erzählerin nach, den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind, der Kluft zwischen Bildungsversprechen und erfahrener Ungleichheit, der verinnerlichten Abwertung und dem Versuch, sich davon zu befreien.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 285
  • Erscheinungstermin: 17. August 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 133mm x 31mm
  • Gewicht: 378g
  • ISBN-13: 9783518429631
  • ISBN-10: 3518429639
  • Artikelnr.: 59006109
Autorenporträt
Ohde, Deniz§Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik in Leipzig, wo sie auch lebt. 2016 war sie Finalistin des 24. open mike und des 10. poet bewegt Literaturwettbewerbs, 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Wortmeldungen-Förderpreis. Für ihren Debütroman Streulicht wurde sie mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020 ausgezeichnet.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensentin Sinem Kilic liest Deniz Ohdes Geschichte nicht als Betroffenheits- oder Bildungsroman, der die Herkunft der Protagonistin denunziert, auch wenn die Enge und Aussichtslosigkeit einer bildungsfernen, von Rassismen geprägten Kindheit und Jugend am Rand eines westdeutschen Industrieparks in den späten 90ern für Kilic in den Erinnerungen der Figur spürbar wird. Wie der Heldin schließlich über eine eigene Sprache der Ausbruch aus dem Milieu gelingt, zeigt die Autorin laut Kilic in überzeugenden "Nahaufnahmen". Für Kilic ein empfehlenswertes deutsches Gegenstück zu Eribon oder Ernaux.

© Perlentaucher Medien GmbH
»[Deniz] Ohde beobachtet und beschreibt präzise, was jeder sieht, worüber aber niemand spricht. Gerade für all jene, die sich selbst als Arbeiterkind identifizieren, dürfte dieser Roman, der Erlebtes zur Sprache bringt, ohne jedoch Lösungen zu finden, eine aufwühlende Erfahrung sein.«
Anna Hoffmeister, der Freitag 13.08.2020

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 24.08.2020

Rußgeboren
Die charismatischsten Bücher der letzten Jahre handeln von Herkunft und
Klassenscham. Jetzt kommt Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ dazu
VON HUBERT WINKELS
Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte. Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann.“ Mit diesen Eingangsworten gibt Deniz Ohde die Tonlage des Romans vor. Sie beschwört die Schwelle zu einer anders gearteten Welt, eine umfassende Veränderung elementarer Funktionen des Lebens und der Kommunikation: der Luft, des Atmens und Sprechens. Eine moderne, chemisch induzierte Variante der berühmten Warnung über dem Höllentor bei Dante: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Kaum ein Horrorfilm, der nicht diese Schwelle evozierte, kaum eine Dystopie, die ohne solche Weltentrennung auskommt. Schon allein, weil der Beobachter und Erzähler nicht vollends Teil des totalitär ausgreifenden Schreckens sein kann. Er muss ihn ja beschreiben.
Um zwei prägende Eigenheiten von „Streulicht“ sogleich zu benennen: Der Roman ist von einer solch beschreibungsmanischen Düsternis, dass kaum ein Lichtstrahl ausdrücklicher Erkenntnis durch seine stilistisch-methodischen Barrikaden fällt. Aber die versteckte reflexive Arbeit des Romans liegt genau in dieser nahezu perfekten Machart. Die Erzählerin schreibt von ihrer elenden Herkunftswelt mit solch präzis abwägender, sanft schattierender, hartnäckig ausbuchstabierender Hingabe, dass die Einzelheiten hyperrealistisch hervortreten und ohne Forcierung ins Sinnbildhafte gleiten.
Das muss gesagt sein, bevor man mit dem Inhalt eine Fährte ins Immer-schon-verstanden-Geglaubte legt. „Streulicht“ ist nämlich ein Bildungsroman aus der Unterschicht, dem Industrieproletariat, angereichert mit bitteren migrantischen Erfahrungen. Die namenlose Erzählerin, Studentin in einer fernen Stadt, kommt an „ihren Ort“ zurück, riecht und schmeckt ihr altes Leben und erzählt dann, formal gesehen, eine Geschichte der familiären und schulischen Erziehung, von der Kernfamilie mit türkischstämmiger Mutter, von toxischem Lebensraum, erstarrten Beziehungen, Großvater und Eltern in engsten Wohnverhältnissen, der Arbeit des Vaters im Chemiepark, wo er Aluminiumbleche in ätzende Säure taucht „vierzig Jahre lang vierzig Stunden die Woche“. Sie erzählt von ständigem Streit, Gewalt und Sprachlosigkeit. Von ihren Freunden Picka und Sophia aus besseren Verhältnissen, die sie eine Strecke lebenslustig mitnehmen und doch nie zu ihrer Unsicherheit und Scham durchdringen. Sie ist gehemmt und immer in Alarmbereitschaft, auf Spuren der Abwertung und Diskriminierung zu treffen. Das treibt sie so weit, dass nichts anderes mehr überhaupt zu ihr durchdringt. Sie ist der Mittelpunkt einer Welt verhüllter Mikroaggressionen. Ist nicht schon der anders klingende Name, der nie genannte, ein Menetekel? Das Erzähler-Ich ist gemacht aus der Angst, verdächtigt zu werden.
Der stärkste Strang der in Episoden extrem dicht erzählten Geschichte handelt von der wechselhaften Schullaufbahn, die die begabte Schülerin erst stärkt, dann erniedrigt, erneut hochspült und schließlich entlässt in eine andere Stadt. Dort studiert die Erzählerin ein nicht genanntes, in den Augen des Vaters zu nichts taugendes Fach. Deniz Ohde hat Germanistik in Leipzig studiert, und man wird den Gedanken nicht los, dass ihre hoch ausgebildete, ästhetische Nichtsnutzigkeit in der Übersetzung von Einsicht in szenische Konkretheit zum Tragen kommt: das Buch, ganz frühromantisch, als Ziel des gelingenden Bildungswegs.
Deniz Ohde betreibt eine virtuose sprachliche Mimikry an eine menschenunfreundliche Dingwelt, in der kaputtes Geschirr sich mit Tapetenfetzen und lauten Industriebrücken verbrüdert. Sie tut das in zwei Schritten: Sie tritt aus dieser Dingwelt ein Stück hinaus, hat einen geringen Abstand zu ihrer peinigenden Herkunftswelt gewonnen, um diese umso bitterer, ja schmerzlich lustvoll zu bejahen, sie zu ihrem eigenen Schicksal zu verhärten.
Dieses dialektische Verfahren bringt äußerst anrührende Momente hervor. So, wenn die junge Erzählerin den Vater, einen Krakeeler und Säufer, der zugleich ein zuverlässiger Schichtarbeiter ist, in der benachbarten Großvater-Wohnung toben hört, durch die offenen Betonlöcher für die Kupferrohre der Wasserleitung. Anschließend watet sie durch die Scherben der elterlichen Wohnung. Nach und nach begreift man, dass der so gut wie stumme Vater seine Ehefrau vor seiner eigenen Wut schützen will. Er traktiert deshalb die banalen Dinge, die ihr Leben rahmen. Zugleich sammelt der Vater obsessiv Kaputtes, Altes, Nutzloses. Er erstickt sich und die seinen in der Wohnung mit den Billigprodukten aus Ein-Euro-Läden, Aldi-Sondertischen und Flohmärkten. Der Ausgesonderte verbirgt sich im Ausgesonderten.
Auf andere Weise als die Tochter, aber doch vergleichbar, verschreibt sich auch der Vater den Dingen. Das Statische, die ewige Wiederholung, ist sein Leben, oder, wie es im Roman heißt, das Leben des Vaters sei „eine einzige Übersprungshandlung“. Wenn er hilflos schweigend vor der klugen Tochter steht, spürt man über alle Gräben hinweg Sympathie. Deniz Ohde gelingt es, die strukturelle Verwandtschaft zweier ganz unterschiedlich Depravierter spürbar zu machen.
Nach dem Tod des Großvaters und der Mutter der Erzählerin erstarrt der Vater in seinem Gehäuse. Ein Säulenheiliger des Industrieproletariats, nicht mehr ganz von dieser Welt. Eine Gestalt des Schreckens und am Ende gar einer gewissen Größe seines Schicksals. Die Tochter ordnet sich ihm zu, dem sozialen Verlierer, als maßstäblichem Teil ihrer Welt. Die dingbezogene Beschreibungsmanie der Erzählerin lässt sich als eine verschobene imitatio patri lesen. Das Haus, der Fluss, das Kraftwerk, der Industriepark sind die Insignien des Schicksals für den Handarbeiter wie für die Kopfarbeiterin. Sie schreibt das Dingverhältnis auf, dem der Vater unterliegt. Zahlreich die Verweise im Buch auf die Codierung der sozialen und dinglichen Welt, die es also zu entziffern und zu lesen gilt. Die Dinge als Zeichen zu deuten, bedeutet einen Akt der Befreiung. In dieser seltsamen Form der Emanzipation ist die Zwangsherrschaft der niederdrückenden Außenwelt eben nicht aufgehoben, sondern fortzuschreiben. Das macht den Roman auf eine perverse Weise leicht. Es kann nur so sein. Es schreibt sich scheinbar wie von allein.
Der Preis für dieses Verfahren liegt auf der Hand. Es gibt außerhalb dieser stilistischen Distanzierung keine Erlösung vom Joch der Herkunft und des Außenseitertums. Die kluge Schülerin, die immerhin von der Abendschule zum Abitur und zum Studium gekommen ist, darf von keiner einzigen schönen Stunde erzählen, von keinem Erfolgserlebnis, von keiner Stärkung des Selbstbewusstseins. Sie schweigt und duldet und sieht alles in seiner Verkommenheit so grausam gelungen und genau.
Trotzdem spricht die Erzählerin von einem anderen Ort aus. Sie versteht zwar das Plakat am Tor eines Friedhofs als Schreckensnachricht: „Einmal der Ort, immer der Ort!“, steht da. Doch für die Erzählerin dieses Ortes gilt das performativ gerade nicht. Sie ist bereits woanders, sie hat das alles vor sich gebracht. Wir können es lesen und die Botschaft umkehren. Wie auch die schrecklich schöne Selbstbeschreibung der Erzählerin als Aphrodite des Industriegebiets nicht ohne negativen Narzissmus ist: „Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“
Deniz Ohde:
Streulicht. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020.
291 Seiten, 22 Euro.
Deniz Ohde, Jahrgang 1988. „Streulicht“ ist ihr Debütroman und steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.09.2020

Sie wirken doch ganz intelligent

Fremdenfeindlichkeit kann es gar nicht sein: Deniz Ohde erzählt in ihrem für den Buchpreis nominierten Debüt von Ausgrenzung.

Die Schulkrankenschwester hatte es einen Unfall genannt. Sie sei ja auch etwas schmächtig, hatte die Lehrerin ergänzt. Sie könne gar nicht gemeint sein, entscheidet die Mutter, als sie ihre Tochter aus der Schule abholt: "Du bist Deutsche." Dabei ist das Mädchen, als es nach einem Probealarm wieder zurück ins Schulgebäude gehen sollte, von einem größeren Schüler nicht nur "Kellerkind" genannt worden, sondern es hat noch ein anderes Wort gehört, "das auch mit K begann, ein anderes", kurz vor dem Stoß in den Rücken, nach dem es auf dem Schulhof liegenblieb, allein, bis es gefunden wurde.

Das Spannungsfeld, in das Deniz Ohde ihre Erzählerin in "Streulicht" stellt, ist grausam, schmerzlich selbst beim Lesen. Es ist ein Leben in fortwährender Alarmbereitschaft: zu Hause, wo Wünsche keinen Platz haben und körperliche Warnzeichen missachtet werden, wo die Mutter das Kind in den Rücken kneift, damit es den Nachbarn gegenüber höflich ist, wo die Mutter eines Tages geht, ganz leise, ohne das Licht hinter sich zu löschen. Hier führt schon die kleinste falsche Bewegung ins Verderben. Dann erwacht der Vater aus seinem Schweigen und wird gewalttätig. "Ich schlage dich nicht", sagt er dann, "ich bin nicht so jemand", die flache, angespannte Hand knapp vor ihrem Gesicht. Stattdessen wirft er mit Glasaschenbechern. Aus der Wohnzimmervitrine ist längst ein Regal geworden.

"Sei still", heißt es zu Hause, "sprich lauter" in der Schule: Hier führt die Unauffälligkeit der Erzählerin, ihre Sprachlosigkeit, ihre Angst dazu, dass sie von den Lehrern übergangen und abgeurteilt wird. Selbst die beste Freundin hat keinen Blick für das, was die Erzählerin hindert und hemmt. Für Sophia besteht der Heimatort aus dem Reitstall, in dem sie voltigierte, und dem Turnverein, in dem sie Ballett tanzte, aus den schönen Straßen mit den Einfamilienhäusern und den "Willkommens"-Schildern an den Gartentoren, "die gewissenhaft ausgetauscht wurden, wenn die Sonne sie ausgeblichen hatte", während "die Landschaft" der Erzählerin der Himmelsausschnitt mit startenden Flugzeugen beim Blick aus ihrem Fenster ist, der nahe Industriepark, der dem Vater Arbeit gibt, seit er sechzehn war, dessen Kochsalzabluft sich auf die Autodächer legt und der den Ort, wenn es kalt ist, mit klebrigem Schnee bedeckt. Deniz Ohde lässt diese Kulisse des Künstlichen, in der sich der Frankfurter Industriepark Höchst mit angrenzendem Stadtteil Sindlingen erkennen lässt, immer wieder in die Geschichte ihres Debütromans hineinragen - bedrohlich für alle Anwohner, zugleich größter Arbeitgeber; eine ausweglose Maschine, die Menschen ernährt und zerstört.

Als sich die beiden einmal "in einen anderen Stadtteil" verirren, stellt Sophia fest, ihre Freundin, die Erzählerin, sehe allen Leuten dort ähnlich. Und drapiert ihr ihren Seidenschal ums Haar: "Jetzt siehst du noch mehr aus wie alle hier, wenn du jeden Tag so rumlaufen würdest, würden es alle sehen." Sie sei nicht so wie andere mit türkischem Elternteil, sagt die Erzählerin einmal, verbunden mit der stummen Bitte, auch nicht so behandelt zu werden. Sie weiß, wie sie sich anzuziehen, wie sie sich zu geben hat, sie weiß, welcher ihrer beiden Vornamen sie eher vor Vorverurteilungen schützt, und dass sie sich besser die Oberlippe und die Stelle über der Nase rasiert, an der die Augenbrauen zusammenwachsen. Es hilft nicht.

Mit feinen Beobachtungen zieht Deniz Ohde ihre Leser immer tiefer in die Gefühlswelt ihrer Erzählerin. Sie werden selbst zu Spurenlesern, die schon in den leisesten Anzeichen - einem Hörsturz der Mutter, ersten Anzeichen von häuslicher Gewalt, der beiläufigen Erwähnung eines Suizids mit Handgranate in einer gefüllten Kirche an Heiligabend, der sich Mitte der Neunziger tatsächlich in Sindlingen zugetragen hat - Warnsignale hören und flacher atmen.

Mit "Streulicht", auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis zu finden, hat Deniz Ohde einen Roman der Unausweichlichkeit geschrieben. Selbst die besten Freunde der Erzählerin, Sophia und Pikka, mit ihren privilegierten Lebenswegen, schaffen es nicht aus dem Ort heraus. Sie kommen nicht einmal bis zum Bedürfnis zu gehen. Es ist ein bestürzender Bildungsroman, der, fein erzählt und unauffällig kunstvoll geknüpft, bis in kleinste Bewegungen sichtbar macht, wie Ausgrenzung und Abwertung funktionieren. Wie sich aus Hoffnungslosigkeit zu Hause und fortwährender Entmutigung draußen unerbittlich eine Falle formt.

Auf dem Gymnasium spricht der Lehrer früh vom "Aussieben". Sie betreffe das ja nicht, sagt der Vater seiner Tochter. Als der Lehrer ihr Jahre später ein Zeugnis mit dem Vermerk "Muss die Schulform verlassen" überreicht, gratuliert er ihr geistesabwesend - wie allen anderen in der Reihe, die er abschreitet. Der Lehrer habe überhaupt nicht gewusst, wer seine Tochter sei, erzählt der Vater einmal nach einer Elternsprechstunde, die der Lehrer mit allgemeiner Plauderei über die Klasse gefüllt hat: ein rarer Moment, in dem der Vater sich nicht hinter Allgemeinplätzen versteckt, in dem er sich dem eigenen Erleben stellt - und eine Gelegenheit für die Autorin, diese Figur selbst als Verlorenen zu zeigen, auf seine Weise zum Schweigen gebracht. Kein Monster.

Es ist Ratlosigkeit, die sie nach Abendschule, Gymnasium und Abitur, nach dem Studium fürs Erste eine Putzstelle annehmen lässt. Schnell finden sich in ihrem Gesicht Spuren der charakteristischen Erschöpfung. Auf ihre Bewerbungen kommt keine einzige Antwort. Unerklärlich auch für die Bewerbungshelferin: "Sie wirken doch ganz intelligent auf mich", sagt sie ihr.

"Ob man sich in die Luft sprengt, oder ob man geht, sehr leise geht, ohne das Licht hinter sich zu löschen - das schienen mir früher die beiden Möglichkeiten zu sein", heißt es einmal, bevor der Roman unmerklich enger um den Freitod damals mit der Handgranate zu kreisen beginnt.

FRIDTJOF KÜCHEMANN

Deniz Ohde: "Streulicht". Roman.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 284 S., geb., 22,- [Euro].

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