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Der Bestseller jetzt im Taschenbuch! Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann. Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt…mehr

Produktbeschreibung
Der Bestseller jetzt im Taschenbuch! Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann.
Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher .19663
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Artikelnr. des Verlages: 101313, 8511
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 23. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 123mm x 27mm
  • Gewicht: 265g
  • ISBN-13: 9783596196630
  • ISBN-10: 3596196639
  • Artikelnr.: 49539708
Autorenporträt
Ein Schriftsteller? Ein Dichter? Ein Erzähler? Christoph Ransmayr erhebt keinen Anspruch auf Titel: "Nennen Sie mich, wie sie wollen." In "Geständnisse eines Touristen - ein Verhör" (2004) verrät er vielmehr, dass er in Formularen am liebsten die Felder mag, in die man das Wort "Tourist" eintragen kann, "denn Ahnungslosigkeit, Sprachlosigkeit, leichtes Gepäck, Neugier oder zumindest die Bereitschaft, über die Welt nicht bloß zu urteilen, sondern sie zu erfahren, zu durchwandern, von mir aus: zu umsegeln, erklettern, durchschwimmen, notfalls zu erleiden, gehören wohl mit zu den Voraussetzungen des Erzählens."Geboren 1954 in Wels, Oberösterreich, wuchs Ransmayr in Roitham am Traunsee auf und besuchte das Stiftsgymnasium der Benediktiner in Lambach. Nach dem Studium der Philosophie und Ethnologie in Wien arbeitete er zunächst als Kulturredakteur bei der Wiener Monatszeitschrift Extrablatt und als Verfasser von Reportagen und Essays für Zeitschriften wie TransAtlantik, Merian oder Geo. Ransmayr verfasste Romane wie "Der Schrecken des Eises und der Finsternis" (1984), "Die letzte Welt" (1988), "Morbus Kitahara" (1995) und "Der fliegende Berg" (2006) sowie Prosaarbeiten zu Spielformen des Erzählens wie "Geständnisse eines Touristen" (2004), das Theaterstück "Odysseus, Verbrecher" (2010) oder den "Atlas eines ängstlichen Mannes" (2012), eine Erzählung, die in siebzig Episoden durch die ganze Welt führt.Wie in seinem neuen Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" (2016) verknüpft Ransmayr in vielen seiner literarischen Werke historische Begebenheiten mit Fiktionen. Oftmals schildert er dabei grenzüberschreitende Erfahrungen und bearbeitet historische Ereignisse, verbindet und bricht sie mit Momenten aus der Gegenwart.Wegen seiner poetischen und rhythmischen Sprache, seiner stilistischen Eleganz und seiner bildmächtigen Traum- und Albtraumwelten wurde sein Roman "Die letzte Welt" (1988) von der Kritik gelobt. Dessen historischer Ausgangspunkt ist die Verbannung des römischen Dichters Ovid durch Kaiser Augustus im Jahr 8 nach Christus. Als Gerüchte um den Tod Ovids in Rom umgehen, macht sich der Römer Cotta am Schwarzen Meer auf die Suche nach dem Verbannten, in deren Verlauf er immer rätselhaftere Zeichen der "Metamorphosen" in Bildern, Figuren und wunderbaren Begebenheiten findet.In dem Roman "Der fliegende Berg" (2006) erzählt Ransmayr die Geschichte zweier Brüder, die im Transhimalaya, in dem Land Kham und in den Gebirgen Osttibets wider besseres, durch Satelliten und Computersysteme gestütztes Wissen nach einem namenlosen Berg suchen, dem vielleicht letzten weißen Fleck auf der Weltkarte. Zentrales Motiv in Ransmayrs Werk ist "die Erfahrung des Fremden, die das Geheimnis von Menschen, Orten und Geschichten nicht zu lüften versucht", wie die Kritikerin Felicitas von Lovenberg schreibt. Diese Erfahrung steht auch im Mittelpunkt von Ransmayrs neuestem Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit."
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

Aus dem Nebel taucht ein britischer Dreimaster auf, Uhrmacher Cox & Co. sind am Ziel: Als Gäste von Qiánlóng, dem Kaiser von China, gehen sie an Land. Des Volkes Schaulust gilt anderem: der Hinrichtung von Wertpapierhändlern, die ihre Luftgeschäfte mit Steuergeldern decken wollten. Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr überantwortet üble Finanzhaie einem grausamen Herrscher. Einem Machtbesessenen, dem auch eine musisch-kindliche Seite eignet. Qiánlóng dichtet, sammelt fantastische Uhren - und trotzt so der keimenden Rebellion in seinem Reich. Cox und Qiánlóng sind historische Figuren. Ransmayr ändert ihre Vornamen und überhöht ihre Biografien, um von Macht, Hasard, existenzieller Prüfung oder Liebe zu erzählen - und von der Vergänglichkeit: "Wie schnell die Zeit vergeht", zitiert Qiánlóng das barocke tempus fugit, und lässt die Briten magische, luxuriöse Zeitmesser bauen, etwa für das subjektive Zeitempfinden eines Kindes/Verliebten/Sterbenden. Vor allem aber will er eines: das Perpetuum mobile - wie Cox insgeheim auch. Doch diese ultimative Ewigkeits-Uhr würde Qiánlóng, den selbst ernannten "Herrn der Zeit", überdauern, ihn zum gewöhnlich Sterblichen machen - und für Cox & Co. das Todesurteil bedeuten. Welch teuflisches Spiel!

© BÜCHERmagazin, Ingeborg Waldinger (wal)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.09.2018

Im Uhrwerk liegt die Erfindung der Welt

Christoph Ransmayr stellt in seiner Literatur das Erfundene über das Gefundene. Und doch hat sein Werk viel mit der Wirklichkeit zu tun: Auf den Spuren des historischen Romans "Cox oder Der Lauf der Zeit" durch das Peking von heute.

PEKING, im September

Am Ende von Christoph Ransmayrs 2016 erschienenem Roman "Cox" zögert der Kaiser von China, der "Herr der zehntausend Jahre", die neu gebaute Uhr für die Ewigkeit tatsächlich in Gang zu setzen. Würde sie die Allmacht jenes Mannes, der Herr über die Zeit ist, mehr noch: "die Zeit selbst war", nicht in Frage stellen und an eine Maschine abtreten? Ransmayr erzählt in seinem Roman vom Kaiser Qiánlóng, genannt der Himmelssohn, der Gottgleiche, der Allerhöchste, der Erhabene, der Herr der Welt. Für ihn soll ein Team englischer Uhrenbauer, damals die besten überhaupt, ein Wunderwerk der Zeitmessung konstruieren.

Länger als jeder andere Kaiser herrschte Qiánlóng im achtzehnten Jahrhundert, insgesamt mehr als sechzig Jahre. Das war in der mandschurischen Qing-Dynastie, die seit 1644 ganz China beherrschte. Erst 1911 endete sie mit Puyi, wie wir alle aus Bernardo Bertoluccis unvergesslichem Film "The Last Emperor" (1987) wissen. Auch wenn Ransmayr in einem Epilog betont, dass Qiánlóng wie andere wirklichkeitsnahe Figuren seines Romans "keine Gestalten unserer Tage" seien und lediglich als Vorwurf für seine "Erfindung eines Landes" dienten, so schimmert gleichwohl zwischen den Zeilen überall auch der Machtgestus des neuen Reichs der Mitte hindurch.

Das beginnt mit der grausamen Abstrafung einiger Börsenhändler und der qualvollen Hinrichtung von zwei Ärzten wegen angeblicher Verbreitung von Gerüchten, reicht über die "Observationsprotokolle" des "Mienenspiels" Verdächtiger in der Verbotenen Stadt und der Sommerresidenz Jehol und kulminiert in dem Wunsch nach uneingeschränkter, ewiger Macht. Dass Staatspräsident Chi Jinping sich diesem Ziel mit der am 11. März 2018 aufgehobenen Amtszeitbegrenzung jetzt nähert, konnte Ransmayr vor drei Jahren freilich noch nicht wissen.

Seit seinem Ovid-Pastiche "Die letzte Welt" verteidigt der Schriftsteller sich energisch gegen den Verdacht des historischen oder - noch schlimmer - des postmodernen Romans. Dennoch hat sein Anspruch einer narrativen "Erfindung der Welt", so der Titel seiner Kafka-Preisrede, ungeheuer viel mit der Wirklichkeit zu tun. Vieles ist aus der früheren Beschäftigung mit Reisereportagen hervorgegangen, nicht erst mit dem "Atlas eines ängstlichen Mannes". Darin erfasst Ransmayr die gesamte Welt in siebzig prägnanten Miniaturen, die alle mit dem fast biblisch-mythischen "Ich sah" beginnen.

Teils erlebte, teils geschaute oder zusätzlich erlesene Schauplätze und Ereignisse liegen allen seinen Büchern zugrunde: "Morbus Kitahara" führt in den Kurort Moor am Traunsee zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In den "Schrecken des Eises und der Finsternis" geht es mit dem Marineleutnant Carl Weyprecht und seinem späteren Spurensucher Josef Mazzini hinauf ins sibirische Polarmeer. Im modernen Epos "Der fliegende Berg" besteigen zwei Brüder im Himalaya einen unbenannten Berg, von dem - wie im Fall des befreundeten Reinhold Messner - nur einer zurückkehrt. Und "Cox oder Der Lauf der Zeit" führt uns nach Peking, dort in die Verbotene Stadt und den Sommerpalast mit dem wunderbaren Kunming-See sowie die in den nordöstlichen Bergen gelegene Sommerresidenz Chengde mit dem älteren Namen Jehol.

Im kurzen Epilog mit dem Titel "Zuletzt", der so vehement das Erfundene über das Gefundene erhebt, räumt Ransmayr ein, dass ihm am Anfang jene Uhrenausstellung in den Pavillons der Verbotenen Stadt "den Takt ins Innere meiner Geschichte geschlagen" habe. Wer sie selbst besucht, kann die Verzauberung durch diese oft phantastischen Chronometer verstehen. Ein einziger langer Satz des Romans fasst dieses bunte Wunderkabinett am besten zusammen: "Tischuhren, Pendeluhren, Standuhren, Wasser- und Sanduhren, sogar aus Goldblech gehämmerte und ziselierte Sonnenuhren, die, von einem Rad nun erloschener Fackeln beleuchtet, einen Sonnentag zu allen Jahreszeiten nachspielen konnten, Hunderte, Aberhunderte mechanische Werke, die, auf Podesten oder unter Glasstürzen und in Vitrinen stehend, eine Art Museum der gemessenen Zeit präsentieren, in dem auch Maschinen gesammelt worden waren, deren Funktionsweise selbst Meister wie Cox und Merlin nur erahnen konnten." Wie Ransmayr einmal mit Canettis "Stimmen von Marrakesch" vor sich auf dem Teetisch den Jemaa el Fna, den Platz der Toten, in der marokkanischen Stadt beobachtete, so gehen wir mit "Cox" in der Hand durch die kaiserliche Uhrensammlung. Viele der schmuckvollsten Modelle verbinden sich mit dem Namen von James Cox (1723 bis 1800), der im Roman leicht verfremdend Alister mit Vornamen heißt. Sein Sohn John Henry betrieb seit 1781 einen Laden im kantonesischen Guangzhou, dem Zentrum des chinesischen Uhrenhandels.

Cox senior gewann 1775 in London einen Preis mit einer genial funktionierenden, aber ganz schlicht aussehenden Uhr, die in Peking aber gar nicht gezeigt wird: Ihren Antrieb bildet eine durch Luftdruckschwankungen auf- und absteigende Quecksilbersäule. Diese bizarr wirkende Idee einer "Perpetual Motion", eines Perpetuum mobile, übernimmt Ransmayr für die dritte, raffinierteste Konstruktion der englischen Tüftler. Voraus gehen eine Uhr in Form einer silbernen Dschunke, die ihre Energie aus geblähten Segeln bezieht, und eine Feueruhr in Gestalt der Großen Mauer, die in fünf Glutpfannen menschliche Substanzen zu Aromen verbrennt, den "Gestank des Alters", den "Geruch des Angstschweißes" und die "Parfüms der Erinnerung".

Die Pekinger Ausstellung schafft einen Pfad in die phantastische Zauberwelt dieses Romans, in dem Uhren wie "helle, funkelnde Gleichnisse und Vorahnungen der Ewigkeit" wirken. Der beschriebene überbordende Schmuck von Figürchen, Tieren und Pflanzen auf Pagoden und Türmen, die Sonnen, Monde und Sterne, bei denen sich außer Zeigern auch sonst alles Mögliche dreht, bewegt und zum Klingen gebracht wird, ist hier auf viele Modelle verteilt zu bewundern. Eine Uhr ließ sich Ransmayr dabei seltsamerweise entgehen, die bestens in den Roman gepasst hätte: Da sitzt ein Gelehrter in seinem Uhrenbauwerk und vermag zu bestimmten Zeiten acht verschiedene chinesische Schriftzeichen in ein Buch zu schreiben.

Kalligraphie ist der zweite große Komplex in "Cox", der Zeit als "kostbarste aller menschenmöglichen Güter" ausweist. Denn die Kunst der Kalligraphie verbindet den Bestand uralter, literarisch tradierter Zeichen mit dem Hauch vorübergehender Flüchtigkeit. Der Kaiser wirft seine Wünsche nach der kaum vorstellbaren "Zeitlosen Uhr" der Ewigkeit als Gedicht auf Reispapier, das er anschließend in einem Glutbecken verbrennt. Gleiches geschieht zum Schluss mit der geheimnisvollen Anleitung - einer "unbeholfenen Kalligraphie" - zur Aktivierung der Himmelsmaschine, weil Qiánlóng sie als "ungeteiltes Geheimnis" längst im Gedächtnis birgt.

Bei der dritten, unfassbar gleichberechtigten Zusammenkunft mit dem Herrn über die Zeit und Ewigkeit erscheint der Kaiser den englischen Uhrenbauern in den frühen Morgenstunden am heißen Fluss (so lediglich die wörtliche Übersetzung von Jehol) - ganz einfach gewandet wie ein Hirte oder Fischer. Mit einem Kalligraphenpinsel tupft er Gedichte auf die glatten Steine, die rasch wieder verdampfen. Diese wundervoll mythische Szene über Schrift, Kunst und Vergänglichkeit verdankt sich einer anderen Reisespur Ransmayrs.

Festgehalten hat er sie im "Atlas eines ängstlichen Mannes" (2012) unter dem Titel "Kalligraphen". Gemeint sind jene älteren Männer, die mit Bambusstöcken klassische Wasserzeichen aus dem ruhig daliegenden Kunming-See auf die flachen Ufersteine pinseln. Auch wir haben sie dort im weiten Areal des Sommerpalastes unweit der Peking-Universität gesehen. Sie bieten ein einzigartiges Bild von Ruhe und Gelassenheit, das auch vom Roman "Cox" ausgeht.

ALEXANDER KOSENINA

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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ein großer Beschreiber. [...] Man kann in seinen Büchern ins Kino gehen, so sehr sind sie Wort für Wort [...] fein ziseliert. Jörg Magenau taz 20161026

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Andreas Platthaus dachte schon, Christoph Ransmayrs Kunst zu kennen. Allein, erst in diesem Roman, den Platthaus überschwänglich das Ereignis des Bücherherbstes nennt, bringt der Autor laut Rezensent seine "elegante Prosa" zur Vollendung. Das Buch, das von der Reise eines englischen Uhrmachers im Jahr 1757 zum Hof des chinesischen Kaisers erzählt, ist für Platthaus ein Roman über die Zeit an sich, über ferne Zeiten und die heutige Zeit, ein meisterhafter Versuch zudem, zwischen Orient und Okzident zu vermitteln, und sei es auch nur, indem der Autor Grausamkeit und Autokratie hüben wie drüben vergleicht. Aus dem Nachwort erfährt Platthaus, was an dieser Geschichte authentisch ist und was nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.10.2016

Die Uhr
aus Worten
Christoph Ransmayrs Roman
„Cox oder Der Lauf der Zeit“ über
Schönheit und Vergänglichkeit
VON THOMAS STEINFELD
Vom Reisen handelt der jüngste Roman des vielgereisten österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr, so wie die meisten der gut zwei Dutzend Bücher, die er bislang veröffentlicht hat. Zu einer Reise gehört, so will man meinen, die Begegnung mit dem Unbekannten und Unerwarteten (dadurch unterscheidet sich das Reisen im engeren Sinn vom Tourismus wie von den Reisen für das Geschäft), und das heißt auch: durch das Risiko und die Gefahr.
  Zu einer Reise gehört aber ebenfalls, dass sie das Zufällige und Willkürliche in eine geschlossene Form überführt. Denn sie kennt den Aufbruch, die Ankunft und ein Ende, was niemand besser weiß als der Heimgekehrte, der von dieser Reise erzählt. Das gilt auch für die Reise, von der Christoph Ransmayr in „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erzählt. Sie führt irgendwann um die Mitte des 18. Jahrhunderts den Reisenden in ein fernes, unbekanntes Land.
  „Cox“, das ist Alister Cox, ein Mann, der aus Liverpool aufbricht, um zusammen mit drei Gefährten an den Hof des Kaisers von China zu reisen. Uhrmacher und Automatenbauer ist er von Beruf, weithin bekannt für besonders komplizierte und schmuckvolle Instrumente der Zeitmessung, und seine drei Begleiter sind erfahrene Handwerker, die ihm zuarbeiten. Die Gestalt dieses Alister Cox ist aus der Geschichte entlehnt, in der es tatsächlich einen Londoner Uhrmacher namens James Cox gab, dessen außerordentliche Schöpfungen bis nach St. Petersburg und nach Peking gelangten.
  Alister Cox dagegen ist eine literarische Figur, einem Märchenhelden ähnlicher als dem Helden einer Abenteuergeschichte. Sieben Monate währt seine Reise, zweimal erleidet das Schiff einen Mastbruch, sie führt an malariaverseuchten Küsten entlang, doch am Ende erreicht der Barkschoner das chinesische Festland: „Nebelbänke zogen an diesem milden Herbsttag über das glatte Wasser des Qiántáng.“ Es war Aufbruch, und es war Ankunft, und in diesem Augenblick verwandelt sich die Reise in eine geschlossene Form.
  Eine geschlossene Form ist aber, wie es sich erweist, auch das Ziel der Reise: Das China des Kaisers Qiánlóng, eines bürokratischen Feudalstaats von gigantischen Ausmaßen, und mitten darin die Stadt des Herrschers, ein Gemeinwesen, in dem jede Bewegung der Kontrolle zu unterliegen scheint und in dem es dennoch lauter unerwartete Bewegungen gibt. Ein plötzlich aufkommender Wind, eine Verschiebung in der Formation der Soldaten, vier langnasige Fremde, die wie Fürsten aufgenommen werden – all das wird mit einer Aufmerksamkeit wahrgenommen, die man mit der Betrachtung eines Kunstwerks assoziieren würde.
  Siebenundzwanzig Steuerbeamten und Spekulanten werden die Nasen abgeschnitten, Wasserbüffel ziehen ihre Gespanne durch Reisfelder, dem Kaiser tränen die Augen. Das alles ist, wie es ist. Aber es ist doch in einer Ordnung gefasst. In dem Maße, wie die geschlossene Form das Zufällige, das Willkürliche und auch das Schreckliche in sich aufzunehmen vermag, ohne ihnen das jeweils Eigene zu rauben, entwickelt sie einen ästhetischen Reiz. Dieser Reiz ist ohne ein schmerzliches Bewusstsein von Vergänglichkeit nicht zu haben.
  Alister Cox wurde nach China gerufen, weil der Kaiser eine Leidenschaft für Uhren hegt. Aber er ist nicht nur Sammler, der alle Zeiten unter seinem Dach zusammenführen will, sondern auch Forscher, und so verlangt er nach einer Uhr, wie es sie nie zuvor gab. Die Arbeit daran führt den Uhrmacher und seine Gefährten zuerst zum Bau einer „Winduhr“, die das Zeitempfinden eines Kindes wiedergeben soll, dann zur Konstruktion eines zweiten Instruments, einer „Glutuhr“, welche die Zeit eines Sterbenden erfassen soll, so, wie sie ihm schmerzlich als schwindende Zeit bewusst wird, und schließlich zu einem Werk, das „über alle Menschenzeit in den Sternenraum hinausschlug, ohne jemals stillzustehen, und deren Grenzen allein in der Dauer und im Geheimnis der Materie selbst lagen“.
  James Cox, der historische Uhrmacher, hatte etwas Verwandtes im Sinn gehabt, als er um das Jahr 1760 eine „atmosphärische Uhr“ schuf, die von Luftdruckschwankungen betrieben wurde, was den Eindruck erweckte, sie arbeite aus eigener Kraft, sei also ein „perpetuum mobile“. Christoph Ransmayr lässt für seinen Helden die Wirkung als die Sache selbst gelten und die Geschichte ins Märchen übergehen. Und so bekommen Meister Cox und seine Gefährten den Auftrag, eine geschlossene Form zu produzieren, die alle anderen geschlossenen Formen – und mit ihnen das darin enthaltene Zufällige und Willkürliche – in sich birgt und aufhebt. Er soll eine „zeitlose Uhr“ bauen.
  Die Uhr ist das Instrument der Aufklärung schlechthin, und sie hat eine doppelte Wirkung: Sie überträgt ihren mechanischen Charakter nach außen, auf den Rest der Welt, und sie überträgt ihn nach innen, auf ihren Benutzer. Sie ist Beherrschung der Zeit und Unterwerfung unter die Zeit zugleich. Sie kann diesen doppelten Charakter nur besitzen, indem sie absolut gleichmäßig tickt, alles und jeden einem gleichen Maß unterwirft. Christoph Ransmayrs Cox aber ist ein Dichter unter den Erfindern. Er kennt unterschiedliche Zeitmaße, kriechende, schleichende, hüpfende, scheinbar stillstehende Zeiten, Zeiten für jungen Menschen, Zeiten für alte Menschen und Zeiten für chinesische Kaiser.
  Alister Cox ist nicht ganz Teil der Aufklärung, oder er ist über die Aufklärung hinaus. Und dennoch verwandelt die Uhr, eben weil sie eine Uhr ist, alles, was zuvor eine mythologische Idee gewesen war, in ein technologisches Projekt. Auch die Uhr ist eine geschlossene Form. Sie ist eine geschlossene Form, die viele andere geschlossene Formen in sich birgt.
  Einen Augenblick gibt es in diesem Roman, in dem alle geschlossenen Formen transzendiert werden. Alister Cox verliebt sich in Ān, die Konkubine des Kaisers. Ihre Begegnung währt nur für die kurze Zeit, in der sich die beiden anschauen, beinahe zufällig: „Er empfand, dass dieser eine Augenblick im Angesicht des Kaisers und seiner Geliebten keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und ohne Ende war, um vieles kürzer als das Aufleuchten eines Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen.“ Man kann diese Szene für einen Anfall von schwerem Kitsch halten, aus gutem Grund. Aber er gehört zur Konstruktion dieser Geschichte, und dieses Märchen handelt von den prekären Verhältnissen, die zwischen Schönheit und Vergänglichkeit walten. Dann ist dieser Augenblick vorüber, und die absolute Maschine, die Uhr aller Uhren, wird zwar vollendet, und selbstverständlich funktioniert sie. Und doch ist sie für immer beschädigt.
  Nun fürchten die englischen Uhrmacher um ihre Heimkehr. Warum sollte der Herr der Welt sie gehen lassen, da sie doch ihren Zweck erfüllt haben? Aber auch der Kaiser ist ein Dichter, und allmählich entdeckt sich ihm das Wesen der geschlossenen Form. Zu Beginn der Geschichte gilt seine Leidenschaft dem fertigen Werkstück, allmählich aber ändert sich seine Perspektive. Immer wieder besucht er die Uhrmacher in ihrer Werkstatt. Von der Begeisterung für den vollendeten Apparat geht er über zum Genuss der Schönheit des Vollzugs, des Machens, die einer fertigen Maschine nicht anzusehen ist.
  Am Ende sitzt der Kaiser vor der „Zeitlosen Uhr“ und bedenkt das Vergehen der Zeit und das Vergehen der Macht – und setzt die Maschine nicht in Gang. Der historische Kaiser Qiánlóng, verrät Christoph Ransmayr im Nachwort, sei der einzige Herrscher über China gewesen, der auf den Thron verzichtete, nach Jahrzehnten an der Macht.
  Doch schon lange bevor die Geschichte an diesem Punkt angekommen ist, versteht der Leser, dass dieses Märchen nicht lediglich von geschlossenen Ordnungen handelt, sondern selbst eine geschlossene Ordnung ist. Er versteht, dass die Muße, die Aufmerksamkeit und die Präzision, die Alister Cox seinen Uhren oder die der Kaiser seinem Reich zuwendet, aufgehoben sind in einem System, das alle anderen Systeme transzendiert. Diese Ordnung ist die Sprache. Sie ist das Schönste an diesem Buch.
Die Uhr überträgt ihren
mechanischen Charakter auf
ihre Benutzer – und die Welt
Vollkommene Instrumente
sind schön. Das schönste
Instrument ist hier die Sprache
Wie misst man
die fließende Zeit?
Eine Wasseruhr in
Gestalt eines Elefanten, konstruiert im
13. Jahrhundert.
Foto: dpa Picture-Alliance

    
      
    
    
    
            
Christoph Ransmayr:
Cox oder Der Lauf der Zeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 304 Seiten, 22 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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