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Benutzername: Angela Herrmann
Wohnort: Freiburg
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Bewertungen

Insgesamt 14 Bewertungen
12
Bewertung vom 14.11.2020
Tyll
Kehlmann, Daniel

Tyll


ausgezeichnet

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist einer der nicht so häufigen historischen Romane, die scheinbar mühelos Bilder ihrer Zeit zeichnen können, die Personen in die Webarbeit einflechten, die leuchten und funkeln oder dunkel und düster sind.

Ich bin eingetaucht und wurde fast Teilnehmerin der Geschichte. Einer Geschichte wie ein Breughel-Gemälde, gleichzeitig farbkräftig, aber auch in zarten Lasuren gemalt, wenn es gilt, Verletztheiten darzustellen (Tyll und die Marodeure). Ein Sittengemälde mit all seinen Bräuchen, Aberglauben und zwei sich bekämpfenden Religionen.

Ich fand die Gestaltung sehr gelungen – das Leben der sehr unterschiedlichen Personen in ihrer jeweiligen Sprache zu erzählen: Etwas gröber das des fahrenden Volkes, etwas eleganter und auch ironischer das der Königlichen Hoheiten.

Der Roman ist sehr spannend, auch deshalb, weil aus unterschiedlicher Sichtweise im Verlauf der Geschichte vor- und nachgetragen wird. Diese „Technik“ führt zu einer Verdichtung des Stoffes – Stück für Stück werden Personen und Lebenssituationen zusammengetragen. Interessant fand ich, dass ich mich als Leserin immer nur mit den mir bereits bekannten Aspekten der jeweiligen Figur auseinandersetzen kann, um dann schließlich am Ende ein Gesamtbild vor Augen zu haben.

Dass zur Erhöhung der Spannung vom Autor nicht in die Kiste der allzu drastischen Schilderungen hochnotpeinlicher Befragungen und daraus resultierenden Folterungen gegriffen wurde - dafür danke ich ihm.

Die Personen sind – mit allem romaneigenen Zubrot – eindrücklich gezeichnet. Wie gut das gelungen ist, habe ich der Literatur entnommen, die ich unbedingt ergänzend dazu lesen musste, nachdem ich wusste, dass es sich um real existierende Zeitgenossen und Geschehnisse handelte.

Es war folglich für mich auch ein Buch, das neugierig machte und zu zusätzlicher Lektüre anregte!

Bewertung vom 14.11.2020
Cox
Ransmayr, Christoph

Cox


ausgezeichnet

Nach dem ersten Mal Lesen war ich berauscht von Ransmayers Einfällen, Geschichten, seiner Sprache, seiner Poesie, seinen fabelhaften Vergleichen, den Worten, die er findet, um ungewöhnlich Schönes und ungewöhnlich Schreckliches so sorgsam und gewählt zu fassen, wie kostbare Edelsteine gefasst werden.

Ich ließ mich mit großer Freude durch seine Worte entführen in das Leben des englischen Uhrmachers Cox und seiner traurigen Familie, in das Leben am Hof eines mächtigen Mandschu-Kaisers. Kurz: in Zeiten und Geschehnisse in einer weit entfernten vergangenen, fremden Welt, die mich an die Geschichten von Sindbad den Seefahrer und auch Gulliver erinnerten, die ich als Jugendliche verschlungen habe.

Nach dem zweiten Mal Lesen war der erste Rausch verflogen, ich hatte mich an die wunderbare Sprache gewöhnt und empfand jetzt seine Worte immer stärker als rein äußerliche, kunstvolle Beschreibung von Menschen und Geschehnissen, die stets die Distanz wahrt und vielleicht sogar sucht. Und das irritierte mich. Die Sinnlichkeit der Nähe zu den Figuren, das Mitfiebern bei zu bestehenden Abenteuern, überraschende Wendungen, eine spannende Dramaturgie – all das, was die Geschichten von Sindbad und Gulliver – neben ihrer ebenfalls schönen Sprache - so sehr aus anderen fernöstlichen Werken herausgehoben und mich gefesselt hatte, kam hier nicht so recht zum Zuge.

War ich beim ersten Mal Lesen einer – um bei meinem Bild zu bleiben ¬– leeren, wenngleich kostbaren Fassung aufgesessen, der der Edelstein fehlte?
Ganz und gar nicht. Nur hat der Edelstein so fein geschliffene Fassetten, dass sie erst einmal nicht leicht zu erkennen waren. Und dieser Edelstein ist die Zeit. Die Zeit ist die eigentliche Protagonistin dieses Romans.

Der Autor hat einen gewaltigen Recherche- und Einfallsaufwand betrieben, um diese Zeit in ihren ganz unterschiedlichen Wesensarten darzustellen und sich zu eigen zu machen – einmal als zeitlichen Rahmen – dem 18. Jahrhundert. Dann als begreifbare Vergänglichkeit, eingefangen in Uhrwerken, die unaufhaltsam und unerbittlich die Zeit vorantreiben. Und als grausames Maß der Marter und in ihrer Verwandlung in zartestes Spielzeug, das die Momente ihrer Flüchtigkeit in rieselndem Silberstaub misst, Figürchen tanzen lässt, den Himmel zum Klingen bringt. Und – vielleicht in ihrem wichtigsten Wesen – als gleichbleibenden Rhythmus, der den Text und das Lesen des Textes bestimmt.

Was nicht zum Wesen dieser Zeit gehört, ist der Glockenschlag des Endes einer Zeiteinheit, einer Stunde oder eines Maßes, eines Liebesglücks, das erfüllt ist, auf das mit Spannung gewartet werden kann. Diese Erwartung erfüllt sich nicht. Die Zeit geht ihren Gang, in ihrem selbstbestimmten Tempo, weiter und weiter, unbeirrt. Nur einmal, ist es, als „habe die Zeit ihre Richtung umgekehrt“, als der „Herr der zehntausend Jahre“ auf die „Zeitlose Uhr“ wartet, die aus einem Sommer einen Winter werden lässt.
Doch: „(Denn) nur wer den Luxus der Langsamkeit genießen konnte, durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichen Güter zu besitzen: Zeit.“

Bewertung vom 14.11.2020
Baba Dunjas letzte Liebe
Bronsky, Alina

Baba Dunjas letzte Liebe


ausgezeichnet

Es ist eine junge, schöne Frau, die sich in den Körper, die Gedanken, die Befindlichkeiten einer sehr Alten, ca. 90 Jährigen, begibt, und damit zeigt, dass die körperliche Zerbrechlichkeit, die Beschäftigung mit der eigenen Vergänglichkeit, Verletzlichkeiten und Ängste uns ein Leben lang begleiten – nur kommt bei Baba Dunja eine gewisse Form der Furchtlosigkeit und Gelassenheit hinzu.

Eine Gelassenheit, die sie immer wieder sagen lässt, dass ihr großes Altersglück darin besteht, selbstbestimmt leben zu können (Brecht: Die unwürdige Greisin). Dabei ist sie bescheiden und respektiert ihre Grenzen. Aber sie respektiert nicht nur die eigenen, sondern auch die der anderen. Die wenigen Menschen, die es „nach dem Reaktor“, wie Baba die atomare Katastrophe nennt, verschlagen hat, leben jeder für sich, und scheinen damit ganz zufrieden zu sein.

Der Kontakt zur Außenwelt ist gleich Null, das Telefon funktioniert höchstens einmal im Jahr, die Bushaltestelle erfordert einen mühsamen Marsch vom Ort aus – nur die dringendsten Einkäufe, die neben der Selbstversorgung aus dem Garten mit seinen erschreckend monströsen Gemüsen anfallen, und das Abholen der Post machen einen Besuch in der nächstgelegenen Stadt gelegentlich notwendig. Und nach den Laboranten und Gutachtern, die das Dorf „nach dem Reaktor“ vermaßen, kategorisierten und seine Grenzen zur „sauberen“ Umwelt absteckten wie die eines Claims, kam kein Fremder mehr hierher.

Ihre Tochter trifft Baba sehr selten. Irina ist Ärztin, verheiratet und hat eine Tochter, die Baba nur von Fotos kennt. Und sehr liebt. Vor Kurzem hat sie einen Brief von ihr bekommen, den sie aber nicht lesen kann. Ansonsten ist sie noch weniger ein Wesen aus Fleisch und Blut für sie als die Toten, die Babas Leben bevölkern. Die hat sie immerhin erlebt. Diese Toten sind trotz ihrer durchscheinenden Gestalt erstaunlich lebendig. Wie gut, möchte man fast sagen, dass Baba Dunja sie um sich hat. Vor allem ihren Mann, der im Leben ein rechter Tunichtgut war und nun ein Freund und manchmal sogar Ratgeber.

Baba Dunja hat nach einem langen anstrengenden Leben als Krankenschwester und Mutter, die sich praktisch allein um die Erziehung ihrer beiden Kinder gekümmert hat, diesen nun recht einsamen und gefährlichen Ort ihrer Vergangenheit aufgesucht. Sie sagt, dass sie hier wieder sie selbst sein kann. Sie fühlt sich frei. Sie hat sich von allem emanzipiert, auch von ihren Kindern. Es ist ihr altes Zuhause, sie kann endlich so leben, wie sie möchte. Sie kann sich in Ruhe ihren Gedanken hingeben, alles, was sie sieht oder hört, ist Anlass nachzudenken, löst Erinnerungen aus.

Und dann, ungefähr nach einem Drittel des Romans, kommt der Umschwung, wechselt die Geschichte ihr Tempo: sie ist nicht mehr länger eine sehr anschauliche, oft humorvolle, manchmal witzige und stilistisch gelungene Schilderung Babas inmitten der wenigen ziemlich ungewöhnlichen und sehr lebendig geschilderten Menschen, sondern es passiert plötzlich etwas, das uns fast mit ihr zusammen in die Gegenwart versetzt. In diesen so schaurig friedlichen Ort, in dem selbst Spinnen eindrucksvollere Netze weben als andernorts, und die Vögel lauter singen, bricht das Böse von außen ein. „Bei uns gibt es keine Zeit … unsere täglichen Abläufe sind eine Art Spiel“. Aus diesem Spiel herausgerissen wird Baba, als sie ins Gefängnis kommt. Doch sie überlebt auch dieses und kommt – fast – heil nach Hause.

„Man hat ihm ziemlich viele Organe rausgenommen“ – mit diesen fast unscheinbaren wenigen Worten beschreibt sie in einem Nebensatz einen ihrer Nachbarn – und beschreibt doch auch gleichzeitig die Folgen einer atomaren Katastrophe. Der Autorin ist es gelungen, den Roman zu einem sehr beeindruckenden Beispiel von nicht anklägerischen aber auch nicht verheimlichenden Lebensumständen nach Tschernobyl zu machen, ohne dass dieser Ort lediglich zu einer Hintergrundfolie wird.

Bewertung vom 14.11.2020
Die Unsterblichen
Bjørnstad, Ketil

Die Unsterblichen


ausgezeichnet

Es ist ein Buch über das Alter, das Älterwerden, das Nichtälterwerdenwollen, und es ist ein Buch über - wenn es so etwas gibt - Vernachlässigung aus Güte.

Interessanterweise werden gleich zu Anfang des Buches alle Mitspieler, die das Buch besiedeln, vorgestellt. Ihr Charakter ändert sich nicht in der kurzen dargestellten Zeit, die Umgebung bleibt immer dieselbe. Niemand tritt plötzlich auf, um der Geschichte eine andere Wendung zu geben. Wie in einer Ouvertüre werden bereits alle Themen angespielt, um im Verlauf des Stückes ausgeführt und in Beziehung zueinander gesetzt zu werden.

Bliebe man bei diesem Bild, wäre das tägliche Leben des Protagonisten und seiner Frau der Bühnenhintergrund oder das immer wiederkehrende Thema, das sich zusammensetzt aus den Forderungen, Rücksichtslosigkeiten und Wünschen ihrer betagten Eltern und erwachsenen Kinder, einer Krankheit, die immer mehr Raum einnimmt, Geldknappheit und hoch verschuldete Elternhäuser.

„Die Unsterblichen“ hat mir ausnehmend gut gefallen. Ich fand es spannend erzählt, wunderbar aufgebaut, die Geschichte in sich schlüssig, den Ton sehr gut getroffen, stilistisch sehr gut. Das Leben in dieser für mich ungewöhnlichen Familie ließ mich nicht los, verstand es immer wieder, meine Aufmerksamkeit wachzuhalten.

Ich glaube, dieses Gefühl des Gefesseltseins hat mit der Art und Weise zu tun, mit der sich die Erzählerstimme der Hauptperson Thomas annimmt. Stets hatte ich das Gefühl, der Erzähler sei Thomas selbst. Doch es ist eine Art „sehr persönliche und gleichwohl distanzierte Außensicht“, die ihn erkunden, begreifen möchte. In seinen Gedanken packen, die ihn streifen. Die er aber wieder fallen lässt oder in einem Bogen auf sie zurückkommt - immer dann, wenn sie sich zu sehr seinem Innenleben nähern. Er lässt sie fallen, wenn sie ihm zu nahe kommen, Furcht in ihm erregen, oder findet erst wieder in diesem Bogen zu ihnen zurück, wenn sie durch die durchlaufene und ablenkende Zeit an Furcht verloren haben und die Distanz sie „ungefährlich“ macht. Er entwischt also dieser Erzählerstimme immer wieder.

Was mich außerdem fasziniert hat, ist die dazu passende „Wortlosigkeit im Gespräch“, die der Erzähler und seine Frau miteinander und gegenüber den Töchtern und Eltern entwickelt haben. Es sieht aus wie Höflichkeit, Rücksicht, Verständnis füreinander und Toleranz, ist aber vorsichtige und vielleicht unbewusst kalkulierte Distanziertheit vor den Reaktionen der anderen, Angst vor Konsequenzen, die mit Mühe oder Leid beschwert sein könnten.

So sehr Thomas und Elisabeth den Forderungen von Eltern und Kindern mit größter Hingabe begegnen, so sehr nachlässig gehen sie mit ihren Krankheiten um. Endlich hatten sie das Alter erreicht, das ihnen mehr Freiheiten versprach. Und nun meldet sich immer konkreter nicht der erhoffte sorglosere Lebensabend, sondern die bedrohliche Nähe seines Endes. Doch wird ihm nicht entschlossen entgegengetreten, sondern schon fast so, als sei er irgendeine Art von Erlöser von Pflichten und Ängsten. Die Angst regiert sehr vieles in diesem Buch - bis sie dem Tod Platz macht.

Bewertung vom 14.11.2020
Moralische Unordnung
Atwood, Margaret

Moralische Unordnung


ausgezeichnet

Erzählt werden die Geschichten – denn es ist eher eine Sammlung von Geschichten als ein Roman – aus der Perspektive von Nell, der Stellvertreterin Margret Atwoods, die uns in Rückblenden und aus der erzählerischen Gegenwart in den Personenkreis und das Leben ihrer Familie und Freunde einführt. Aus den Beschreibungen und Analysen gewinnen wir ein abgerundetes Bild der Zeit und Lebensumstände von ziemlich ungewöhnlichen Menschen.

Es ist eine nachdenklich und sehr angenehme Sprache, derer sich die Autorin bedient. Sie verfügt über ein unglaublich großes Erinnerungspotential, aus dem sie mühelos zu schöpfen scheint. Ich bin immer wieder verblüfft, wie genau sie sich an kleinste Details erinnern kann, Dialoge wiedergeben, Lebendigkeit in ihren Erinnerungen schafft. Ob es sich um Kindergeschichten handelt oder um Gefühle und Gedanken als Erwachsener.

Sehr gut gefallen hat mir übrigens auch, wie sie zu Einsichten in sich selbst findet. Wie klar und offen sie damit umgeht. (S.73) Und auch, aus welch changierenden Perspektiven sie die unterschiedlichen Rollen sieht, in die sie schlüpft, als sie von ihrer Freundin (?) Oona zu einer Art Zweitfrau für deren Gatten auserkoren wird („Was soll ich überhaupt darstellen“, S.127, fragt sie Tig); oder auch, dass sie diese Rollen als „Tarnungen“ vor den anderen bezeichnet, S.128). Oona hält in den Geschichten über die Autorin meinem Empfinden nach den größten Spannungsfaden in der Hand – in ihrer Beziehung zu dieser ebenso wie für ihre Leserschaft (Haus, Aufmerksamkeit, Ansprüche).

Außerordentlich spannend – nur hat es weniger mit der Familie der Autorin als mit einer vom Vater nacherzählten Abenteuergeschichte aus dem Jahr 1903 zu tun –, ist die ungewöhnliche und wahre Geschichte über zwei Männer, „die sich einen Namen machen wollen“, und einen Führer, die bei ihrem Vorhaben kläglich scheitern.

Beobachtungen von Natur und Landschaften, Stimmungen des Geistes und Empfindungen werden so behutsam und eindrücklich beschrieben, dass sie ganz nahe rücken. Man spürt förmlich die Hitze des August und die Verlorenheit der kleineren Schwester. Es ist ein ganz besonderer Ton, den die Autorin für sich – und ihre Figuren – gefunden hat, und den ich als erstaunliche und gut gelungene Spiegelung ihrer Figuren bei mir als Lesender wiederfinde.

Hervorzuheben sind sehr schöne Vergleiche und Bilder der Autorin:
„Ein Schlafzimmer, das wie der Umschlag eines Taschenbuchkrimis wirkte“.
„Er sieht leicht schurkisch aus…wie ein Führer in den nördlichen Wäldern, die Sorte, die plötzlich über Nacht m it dem besten Gewehr verschwindet, kurz bevor die Wölfe auftauchen“
„Es kann sein, dass ich mich an die Einzelheiten ihrer Stiefel…besser erinnere als an ihr Gesicht, weil sich die Stiefel nicht änderten.“
„(Auf Fotos:) Die Schatten der Sonne vertieften ihre Augenhöhlen und Stirnfalten und legten kleine Schnurrbärte unter ihre Nasen.

Ein Buch, das auf jeden Fall sehr zu empfehlen ist.

Bewertung vom 14.11.2020
Ein einfaches Leben
Lee, Min Jin

Ein einfaches Leben


ausgezeichnet

Sehr eindrucksvoll und fast schon exemplarisch werden Politik und Geschichte anhand einer koreanischen Familie dargestellt, die uns von Anfang letzten Jahrhunderts an über mehrere Generationen hinweg durch die Entwicklungen ihres Lebens führt. Ausgerüstet mit Hoffnung und Fleiß und erfüllt von dem Wunsch nach einem Verdienst, der ihr Überleben sichert, versuchen sie der japanischen Fremdherrschaft zu entkommen und in Japan selbst eine neue Heimat zu finden.
Wir begleiten sie zu den Arbeitsplätzen der Frauen, die u.a. als Köchinnen zuerst in Eigenregie, dann als Angestellte Geld verdienen. Sie finden hier auch die erhoffte Anerkennung, aber nur innerhalb ihrer eigenen koreanischen Emigranten-Gesellschaft.
In der von koreanischen Männern dominierten Welt der Pachinko-Spielhallen ist der Kampf um Anerkennung durch die japanische Gesellschaft noch größer. Es ist zwar eine – fast die einzige - Karrieremöglichkeit, die zu Reichtum führen kann. Aber sie zieht nicht Anerkennung, sondern die Verachtung der Japaner nach sich. Hat mich ein wenig an Juden und Christen im Osmanischen Reich erinnert, die nur bestimmte Berufe ausüben durften, die ihnen zu Wohlstand verhalfen (Geldverleiher) aber die dafür verächtlich behandelt wurden.
Nur allzu deutlich wird dies am Beispiel des in „Sippenhaft“ für seine Spielhallenfamilie genommenen Solomon, der gnadenlos einem boshaften japanischen Deal um Land zum Opfer fällt.
Ob koreanische Frauen, Männer oder Kinder: Sobald sie ihre eigene Gesellschaft verlassen, werden sie zurückgestoßen.
Auch die Teilhabe an Bildung, die erhoffte Lösung, im Leben weiterzukommen, führt selbst unter größten Anstrengungen der Schüler oder Studenten kaum weiter.
Zu spüren bekommt das der kleine Schüler Tetsuko, der unter der Verachtung seiner Schulkameraden so zu leiden hat, dass er sich das Leben nimmt.
Anpassung bis zur Selbstverleugnung, mit der ständigen Angst, als Koreaner „aufzufliegen“ und dann schließlich doch den Tod zu wählen, dafür steht Noa, der mit einer akademischen Karriere alle Fallstricke besiegt zu haben schien.
Sein Bruder Mozasu hingegen hat den Weg des Reichtums, des von Japanern verachteten Pachinko-Besitzers gewählt. Es ist der Autorin sehr gut gelungen, die beiden unterschiedlichen Brüder Noa und Mozasu stellvertretend für beide Seiten darzustellen:
Doch das sind nur einige wenige Ansichten, auf die das Buch den Blick freigibt. Es geht um den Alltag einer koreanischen Familie, um das Leben unter einer Fremdherrschaft und in der Fremde, um Zwangsarbeit, Ausgrenzung und Minderwertigkeitsgefühle. (Vorurteile gegen die deutschen Flüchtlinge aus dem Osten nach dem zweiten Weltkrieg oder bei späteren Ost- und Westdeutschen).
Lee, selbst Koreanerin, bedient sich einer Erzählperspektive, die es ihr erlaubt, den Erzählbogen von 1900 bis 1989 zu spannen. Sie verliert dabei weder die knapp vorgetragenen politischen Hintergründe noch die vor allem für uns westliche Leser eher unbekannten koreanischen Eigenheiten des täglichen Lebens aus den Augen – ich bin richtig eingetaucht in die Arbeits- und Geruchswelt bei der Herstellung von Kimchi.
Sie bedient sich dabei einer Sprache, die ruhig ist, nie mit erhobenem moralischen Zeigefinger argumentiert, sachlich bleibt. Dass aus all den von ihr zusammengetragenen Interviews, Berichten, Rechercheergebnissen eine überaus spannende Lektüre entstehen konnte, ist wirklich ein großer Verdienst.
Und sie bedient sich auch einer Sprache, die ich immer geschätzt habe. Ich empfand sie als moderne amerikanische Wiederbelebung der alten englischen Erzählstimmen wie Dickens – eine Leidenschaft, die ich mit Noa teile.
Diese kurze Skizzierung wird dem Buch in seiner Fülle natürlich keineswegs gerecht. Es ist vielmehr – um abschließend den Spiegel zu zitieren –
„Eine Geschichte, so universell wie wenige.

Bewertung vom 12.11.2020
Die Geschichte der Bienen
Lunde, Maja

Die Geschichte der Bienen


ausgezeichnet

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen. btb 2015, 508 Seiten

Dieses Buch ist eine glückliche Verbindung von Fakten und spannend geschriebener Fiktion.
Ob es sich tatsächlich um einen Roman handelt, wie der Verlag angibt, oder nicht doch eher um drei Geschichten, die die Bienen als einen gemeinsamen Nenner haben, finde ich nicht so wichtig.
Und ob die Abbrüche der jeweiligen Geschichten mitten in ihrem Geschehen wirklich notwendig waren, da sie nur eine Art zusätzlicher künstlicher Spannung herbeiführen, interessiert mich eigentlich auch nicht, denn ein Wiedereintauchen in die einzelnen Geschichten gelingt mühelos.
Mich interessierte vor allem alles Neue, das ich durch dieses Buch erfuhr. Und wie hier auf engstem Raum, ohne jede Sentimentalität, der Bogen gespannt wird über nahezu drei Jahrhunderte und - illustriert durch drei Menschen - eine ganze Entwicklungsgeschichte über das gestörte Zusammenspiel von Mensch und Ernährung/Natur aufgerollt wird.
Ich muss an dieser Stelle vielleicht bemerken, dass ich das „Faction“ genannte Genre ab und zu sehr gern mag. Für dieses Buch jedenfalls trifft das zu. Es belehrt nicht, es bleibt meist sachlich, es informiert. Und ist dabei mit allen guten Seiten eines Romans ausgerüstet: Intelligent, spannend, anschaulich geschrieben - mit glaubwürdigen und sehr unterschiedlichen Charakteren, die stilistisch und individuell sehr gut herausgearbeitet sind.
• Ob es Tao (2098) ist, die chinesische Blütenbestäuberin, mit ihrer Energie und Beharrlichkeit bei der Suche nach ihrem Sohn und seiner seltsame Krankheit, die uns zum Schluss des Buches mit der Hoffnung entlässt, dass die Welt doch noch aus ihrer Verdammtheit zur Künstlichkeit (synthetische Stoffe und Mahlzeiten) herausgeführt werden kann;
• Oder George (2007), der raubeinige und erdverbundene Amerikaner, der Bienen zur Bestäubung von Obstplantagen vermietet und alles in dem Großen Kollaps verliert;
• Oder William (1852), der zu Trübsal und allzu schneller Entmutigung neigende Engländer, der sich erfolglos dem Bau von Kästen widmet, während er „wie die Drohnen sein Leben der Fortpflanzung opfert“.
Gerade die beiden Letzten setzen alles daran, die Oberhand über die Natur zu gewinnen – sei es durch die „Zähmung der Königin durch Absperrgitter“, sei es durch Transparenz in den Bienenkästen, die den Menschen eine immerwährende Kontrolle über die Bienen gestatten. Merkwürdig, dass der Wunsch nach Kontrolle sich so oft auf andere bezieht und nicht auf den Wünschenden selbst.
Jede der drei Geschichten bietet andere Aspekte über die Bienen. Jede Geschichte kann natürlich auch für sich gelesen werden. Was ich beim zweiten Mal lesen auch tat. Die Spannung bleibt, ja, vielleicht lesen sich die Geschichten einzeln noch spannender.
Sehr schön wird dann schließlich alles zusammengeführt in dem Buch des Blinden Imkers aus England, das zwei Jahrhunderte nach seiner Niederschrift in einer Bibliothek in China entdeckt wird, und in den Konstruktionszeichnungen von besonderen Bienenkästen, die von England nach Amerika auswanderten.

Bewertung vom 12.11.2020
Die Unschärfe der Welt
Wolff, Iris

Die Unschärfe der Welt


ausgezeichnet

Iris Wolff, Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, 2020. 213 Seiten
Ein Roman, der vor allem in Rumänien und dort im multikulturellen Banat spielt und von mehreren Generationen einer Familie und ihren Freunden so unterschiedlicher Herkunft handelt, dass der Wunsch nach der Zubereitung einer „einheimischen Suppe“ die Frage aufwirft, was damit gemeint sei: „schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch“?
Die Autorin versteht es wie selten jemand, mit wenigen, sorgsam gesetzten Worten Bilder über die Lebensumstände der sieben (!) Hauptpersonen vor unserem inneren Auge entstehen zu lassen und die unterschiedlichen unscharfen Perspektiven so zusammenzuführen, dass aus dem Streulicht klare Konturen werden.
Das gelingt ihr aber auch deshalb so gut, weil sie mit oft drastischen Gegenüberstellungen arbeitet. So werden wir am Anfang auf eine fast altmodische Weise in eine ruhige, leise Winterlandschaft hineingeführt, um kurz darauf mit brutalen Krankenhauserlebnissen attackiert zu werden. Und nicht nur das: So wie die ruhige Winterlandschaft gleichzeitig etwas über den Charakter der jungen Frau verrät, so wird die Krankenhaussituation zum Sinnbild der politischen Situation des Landes. Das ist ein Muster, das sich durch viele der Lebensgeschichten der Mitwirkenden zieht.
Beim Lesen empfand ich immer wieder eine Art wohltuender Melancholie. Der Ton der Autorin ist nachdenklich, ich würde sagen, sie geht fürsorglich mit ihren Figuren um. Und sie findet sehr zutreffende Bilder und ungewöhnliche Ausdrücke, um ihren Beobachtungen gerecht zu werden und ihren Darstellungen noch näher zu kommen.
Einen Drachen als Entsprechung für eine Diktatur zu finden, das ist schon ungewöhnlich. Oder eine Geburt in einem Sturm, der mit „Scheppern, Dröhnen und Knarren“ einhergeht, als Metapher als Beginn einer neuen Zeit, hier einem autoritären Staatssystem, gleichzusetzen. Doch nicht nur Sinnbilder stehen stellvertretend für die Gräuel der Ceausescu-Regierung, sondern auch ein Mann, der an Leib und Seele durch die politischen Repressalien aufs Hässlichste verbogen wurde.
„Vielleicht wäre es besser, die frühen glücklichen Erinnerungen nicht zu haben. Doch vielleicht wäre es ohne sie überhaupt nicht zu ertragen.“ so heißt es einmal zu dem herrschenden „starren, totalitären System, das, wie alle Systeme, irgendwann gegen statt für den Menschen arbeitet“.
Abschied, Trauer, Schmerz, aber auch Zuneigung, Freude und Freundschaft sind die Hauptthemen des Romans. Traurigkeit und Zärtlichkeit sind die Töne, die wie eine Grundmelodie das Buch durchziehen. Wie überhaupt die Erzählsprache voller Zärtlichkeit und Zugewandtheit ist.
So wie das Lob der Bücher in diesem Roman auch Ausdruck einer inneren Zugewandtheit der Autorin ist, indem sie ihr „zugleich Heimat und Entgrenzung des eigenen Horizontes“ sind. Und so tritt mit der Letztgeborenen der Familie, die Autorin selbst, aus dem Buch heraus in unsere Gegenwart, und setzt eine Tradition fort, die ihre Urgroßmutter begonnen hat - Geschichten zu erzählen, damit sie nicht verloren gehen.

Bewertung vom 08.07.2015
Vor dem Fest
Stanisic, Sasa

Vor dem Fest


ausgezeichnet

Eine Rhapsodie überbordender Erzähllust

Nach und nach setzt der Komponist die einzelnen Stimmen ein, um einen Klangteppich aus Worten und Personen zu weben. Es wird ein ungewöhnlicher, ein prächtiger Teppich, abwechslungsreich, in gedämpften und in leuchtenden Farben, aus lauten und leisen Tönen, mit kurzen Zwischenstücken und längeren Passagen.
Wir sehen ein Dorf vor unserem inneren Auge entstehen, dem eine Handvoll Dorfbewohner ihre Stimme geliehen hat, eine Füchsin, die im nahen Wald mit ihren Jungen lebt, und die vereinte Stimme des WIR, des Ortes selbst, die zu Wort kommen. Es ist – mit Ausnahme eines Jungen, der über seine Mutter spricht - ein WIR, „das das Ihr ausschließt“, das aus einer ordnenden Distanz berichtet, allerdings ohne, wie der Autor sagt, „eine moralische Instanz sein zu wollen, nur Bewusstsein und Körper“. Es ist ein in der Jetztzeit aufgeführtes Klangwerk, und es ist Herbst, die Nacht vor dem Annenfest, das wie jedes Jahr groß gefeiert werden soll.
Doch genauso absonderlich wie dieses „Fest“ anmutet, über das eigentlich nur gesagt wird, dass es die Verbrennung einer (Stroh)Frau zum Höhepunkt hat, genauso absonderlich ist die Tatsache, dass das Dorf fast nur aus recht skurril anmutenden älteren Menschen besteht, nimmt man den Lehrling des Glöckners und die Jungen der Füchsin einmal aus.
Und als reiche es nicht, die Geschichten dieser ziemlich skurrilen Menschen zu erzählen, werden zwischen die Geschichten Mythen und Märchen – einige aus des Autors alter Heimat, dem alten Jugoslawien, einige aus der neuen – Auszüge aus scheinbar alten Dokumenten eingestreut und auch in die Geschichten selbst immer wiederkehrende kuriose Gestalten hineingesetzt, kurios ihrem Aussehen nach und in ihrer sich reimenden Sprache.
Und so hat sich zu der Erzählstimme und dem nachempfundenen alten Deutsch der historischen Dokumente eine weitere Sprachform gesellt, die das Kunstvolle des Textes noch betont.
Unbedingt empfehlenswert ist es übrigens, eine Lesung mit dem Autor zu erleben. Liest Stanisic vor, kommt eine zusätzliche Dimension zu den bereits erlesenen Genüssen hinzu – seine unüberhörbare Freude am Geschichtenerzählen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.07.2015
Gruber geht
Knecht, Doris

Gruber geht


ausgezeichnet

Zwei Menschen, Gruber, ein Banker, und Sarah, eine D-Jane. wie sie beide unterschiedlicher nicht sein könnten, begegnen einander unter ungewöhnlichen Umständen, kommen sich näher, entfernen sich wieder voneinander und bleiben sich schließlich näher, als sie ursprünglich gedacht hatten.

Der Roman spielt in Wien und Berlin und auf für mich ungewohnt präsente Weise in der Gegenwart, wenn man das so sagen kann.

Er ist mit flotter Feder geschrieben, trifft Charaktere und Situationen knapp, gekonnt und schnörkellos und bedient sich mit großer Sicherheit der unterschiedlichen Sprachen und Denkweisen von Frauen und Männern, die fast wie Stimmen aus dem Off heraus erzählen.
Die Erzähler sind Gruber, selten seine Schwester Kathie, und dann Sarah. Und während Sarah ein eigenes „Ich“ hat, wird über Gruber berichtet, aber so nah an ihm dran, als spräche auch er selbst. Beide treffen sich gelegentlich in ihrem Erzählten.

Es gelingt der Autorin auf die vergnüglichste Weise, durch Rückblenden und Episoden den Erzähltext durch Aberwitziges oder Abscheuerregendes aufzubrechen, um Situationen zu erläutern oder exotische Verhaltensweisen darzustellen. – Diese Textstellen könnten „Kolumnen des Bizarren“ oder „Studien für Stillleben“ heißen.

Wie immer ist das Ruchlose natürlich interessanter als das Gute, und deshalb wirkt Gruber wesentlich mehrdimensionaler als Sarah. Sarah – vielleicht die Autorin selbst? – ist jemand, die sich und die Anderen behutsam sich vortastend begreifen will, die Gruber eher mit einer für mich nicht immer nachvollziehbaren, fast mütterlich freundlichen Nachsicht behandelt. Sie gleicht als Figur anfangs ein wenig einem Pastell, gewinnt jedoch in den letzten Kapiteln enorm an Farbe und Temperament, wenn wir sie bei dem Verlust des werdenden Kindes erleben.

Gruber hingegen platzt mitten hinein in die Geschichte als Perfektionist, Widerling und Alles-nur-nicht-sich-selbst-Verächter, „selbstbeobachtender Kontrollfreak“, den Willkür und Chaos, „aus dem Konzept werfen“, was er sehr „persönlich nimmt“. Der überzeugt ist, dass sein Leben durch „sein vorausschauendes Zupacken“ und seine immer wieder geübte „eklatante Selbstmitleidlosigkeit“ mit der gewohnten „Gruberschen Perfektion“ belohnt wird.

Er ist ständig auf der Flucht vor seinen Gefühlen, bläht sich auf, um sich mit lautem Krakeelen und Unflätigkeiten vor unguten Situationen zu schützen – und dann. Gruber, der plötzlich aus seiner Umlaufbahn um lieb gewordene Vorurteile, sexistische Sprüche und Männlichkeitswahn geworfen wird, als er heftig erkrankt. Dass er Sarah begegnet, ist sein Glück.

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