Anna und der Schwalbenmann - Savit, Gavriel
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Krakau, 1939. Anna ist noch ein Kind, als die Deutschen ihren Vater mitnehmen, einen jüdischen Intellektuellen. Sie versteht nicht, warum. Sie versteht nur, dass sie allein zurückbleibt. Und dann trifft Anna den Schwalbenmann. Geheimnisvoll ist er, charismatisch und klug, und ebenso wie ihr Vater kann er faszinierend viele Sprachen sprechen. Er kann Vogellaute imitieren und eine Schwalbe für sie anlocken. Und er kann überleben - in einer Welt, in der plötzlich alles voller tödlicher Feindseligkeit zu sein scheint. Anna schließt sich dem Schwalbenmann an, lernt von ihm, wie man jenseits der…mehr

Produktbeschreibung
Krakau, 1939. Anna ist noch ein Kind, als die Deutschen ihren Vater mitnehmen, einen jüdischen Intellektuellen. Sie versteht nicht, warum. Sie versteht nur, dass sie allein zurückbleibt. Und dann trifft Anna den Schwalbenmann. Geheimnisvoll ist er, charismatisch und klug, und ebenso wie ihr Vater kann er faszinierend viele Sprachen sprechen. Er kann Vogellaute imitieren und eine Schwalbe für sie anlocken. Und er kann überleben - in einer Welt, in der plötzlich alles voller tödlicher Feindseligkeit zu sein scheint. Anna schließt sich dem Schwalbenmann an, lernt von ihm, wie man jenseits der Städte wandert, sich im Wald ernährt und verbirgt. Wie man dem Tod entkommt, um das Leben zu bewahren. Aber in einer Welt, die am Abgrund steht, kann alles gefährlich werden. Auch der Schwalbenmann.

  • Produktdetails
  • Verlag: Cbt
  • Seitenzahl: 271
  • Altersempfehlung: ab 14 Jahren
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 272 S. m. 12 SW-Abb. 215 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 139mm x 30mm
  • Gewicht: 449g
  • ISBN-13: 9783570164044
  • ISBN-10: 3570164047
  • Best.Nr.: 44123272
Autorenporträt
Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Nach seinem Abschluss an der Universität von Michigan - als Musicaldarsteller - zog er nach New York, um dort seine Bühnenlaufbahn zu verfolgen. Als Schauspieler und Sänger ist Gavriel Savit inzwischen auf drei Kontinenten aufgetreten, von New York bis Brüssel und Tokyo. Er lebt in Brooklyn. "Anna und der Schwalbenmann" ist sein erster Roman.
Rezensionen
Besprechung von 01.04.2016
Die Zukunft
der Erinnerung
Ein geheimnisvoller Mann
rettet ein jüdisches Kind
Mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Erzählen über Nationalsozialismus und Holocaust unverändert wichtig. Im besten Fall informiert es, immunisiert gegen jede Form totalitären Denkens und Handelns. Es greift in die Gegenwart ein. Denn Erinnerung braucht und macht Zukunft.
  Gerade für ein jüngeres Publikum will ein Genre-Mix aus historischen Elementen mit solchen des Fantastischen, der Spannung, der Unterhaltung, des Krimis, des Thrillers oder des Abenteuers zeitgeschichtliche Romane interessanter machen. Nicht immer ist ein derartiges Aufpeppen zum Besseren der Bücher und ihrer Leser. NS-Folklore vernebelt Fakten, bloße Betroffenheit erschwert Erkenntnis, Sensation verhindert Selbstdenken. Aber literarischer Anspruch und formaler Wagemut sind größer geworden.
  Anna und der Schwalbenmann, das Debüt des amerikanischen Schauspielers, Sängers und Autors Gavriel Savit, ist dafür ein Beispiel, das auch erwachsene Leser in seinen Bann zieht. Sprache und Sprechen als Mittel der Verständigung, der Begegnung jenseits aller Ängste und Vorurteile, als Ausgangspunkt jeder Erkenntnis und Poesie, sind der rote Faden. Der siebenjährigen Anna ist ein solches Sprach- und Selbstverständnis vertraut. Sie kennt dank ihres vielsprachigen Vaters selbst viele Sprachen. Als er, Professor an der Universität, abgeholt wird, ist ihr behütetes Leben als jüdisches Kind in Warschau plötzlich zu Ende. Sie bleibt allein auf der Straße. Sie trifft den Schwalbenmann. Er wird dafür sorgen, dass Anna überlebt.
  Wie ein Zauberer kommt er ihr vor, wie er die Vögel anlockt, weil er ihre Sprache versteht. In seiner alten Arzttasche sein ganzer Besitz. Zu dem gehören der feine Anzug des Intellektuellen, Hemd und Hose des einfachen Mannes, als seien es Kostüme. Und es stimmt ja: Davonkommt nur, wer sich unsichtbar macht, oder, so die erste Lektion an Anna: „Gefunden werden heißt für immer verloren zu sein.“ Wie ihr Vater. Dass er von den Nazis ermordet werden wird, ahnt sie zunächst nur: „Anna fühlte sich in der Stille ertrinken. Zum ersten Mal hatte sie es gesagt: Sie glaubte nicht, dass ihr Vater zurückkam.“ Und so wird sie mit dem Schwalbenmann durch das Land mitten im Krieg ziehen, er in immer anderen Rollen, die sie beide schützen.
  Ihnen schließt sich Reb Hirschl an, Musiker und Gegenpol zum Schwalbenmann. Er singt und lacht mit Anna. Überleben wird er nicht. Weil er zugleich für die zahllosen verfolgten und ermordeten Juden steht, bleibt seine Identität ein Geheimnis. So wie auch die des Schwalbenmanns: Er könnte zu den vielen gehören, die, vormals geistige Elite, jetzt als Vogelfreie gejagt werden. Sogar der Wald, den er und Anna jahrelang durchwandern, weist über den konkreten Ort hinaus. Zwar überqueren sie die reale Grenze zwischen Polen und dem damaligen Deutschen Reich, zwar überstehen sie Hunger, Durst, Einsamkeit, doch der Wald ist zudem märchenhafte Kulisse, eine Allegorie für zeitlose Aussage: Finster und auch so bitterkalt lehrt er das Fürchten in einer bewusstlosen Zeit.
  Denn der Roman, klug und konsequent konstruiert, macht die Möglichkeit neuen Erzählens vor: Die Sprache des Überlebens ist selten brachial, vielmehr poetisch. Vieldeutigkeit als narratives Muster, gilt für die eindringlichen Bilder genauso wie für Figuren und Situationen. Der Zwiespalt einer Annäherung ohne Nähe etwa, um nicht schutzlos zu werden, war so noch nicht zu lesen. „Die Worte, die er nicht sagte, waren genauso bedeutungsvoll wie die, die er sagte“, heißt es über den Schwalbenmann. Dies gilt genauso für den Roman. Der stellt Fragen und lässt sie stehen, weil es keine Antworten gibt. Der sucht und benennt in der Andeutung das Konkrete, im Konkreten das Allgemeingültige, im Real-Zeitgeschichtlichen das Zeitlose und wird so zu einer Parabel des Überlebens für eine Zukunft der Erinnerung. (ab 14 Jahre und Erwachsene)
CHRISTINE KNÖDLER
  
Gavriel Savit: Anna und der Schwalbenmann. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz-Ventura, cbt 2016. 288 Seiten, 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 25.04.2016
Wovor die Sprache hilflos fliehen muss

Gavriel Savit geht mit "Anna und der Schwalbenmann" das große Wagnis eines Holocaust-Romans für Jugendliche ein.

Dieses Buch wendet sich an junge Erwachsene und handelt von Ereignissen, die auch ein älteres Publikum überfordern können - historischen wie der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten, dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht und dem Schicksal Polens im Zweiten Weltkrieg, aber auch persönlichen wie dem Verlust des Vaters und einer Vergewaltigung.

Solche Dinge verharmlost ein literarischer Text in gewisser Weise notwendigerweise selbst dann, wenn die Schilderung des Grauenhaften nicht in den Bitterkitsch ostentativen Mitleidens tunkt. Denn der im Wortsinn unbeschreibliche Schrecken derartiger Ereignisse liegt nicht zuletzt darin, dass die Opfer ihnen nicht entkommen konnten, während man einen Text jederzeit weglegen kann.

Gavriel Savit weiß das und reagiert darauf in seinem Roman "Anna und der Schwalbenmann" sozusagen mit Kunstgriffen ins Leere, die sich ihrer Hilflosigkeit nicht schämen: "Dennoch will ich dem Leser die Details ersparen, was Reb Hirschl widerfahren war" - dieser Satz, der das düstere letzte Drittel des Buches vorbereitet, enthält, so spürt man, die Auslassung, von der er aber doch spricht, genau wie zwei andere Sätze, fünfzig Seiten später, beide protokollarisch trocken, von denen einer ein Erlebnis, der andere dessen Wirkung benennt: "Sie tat die Dinge, die er verlangte" und "Sie wünschte, die Sache im Hinterzimmer der Apotheke wäre nie passiert."

Die sehr junge Frau, von der hier die Rede ist, kann man an diesem Punkt kaum noch "Kind" nennen; erwachsen aber ist sie auch nicht, wenn zum Erwachsensein gehört, dass man sich einen Platz im Weltgefüge erarbeitet hat. Im Umkreis der großen Menschheitsverbrechen gab und gibt es Millionen von Traumatisierten, denen der Erwachsenenstatus in diesem Sinn auch dann, wenn sie überleben, bis zum Tod versagt bleibt.

Kinder sind Leute, die manchmal Fragen stellen wie die, an die der Rezensent, seit er sie 1981 in einem deutschen Klassenzimmer aus einem Kindermund gehört hat, immer wieder denken muss: "Warum haben die Nazis die Juden nicht in Ruhe gelassen?" Es gibt keine befriedigende Antwort, deshalb ist die Frage so gut, so schlimm.

Unter ihrer Überwindlichkeit duckt sich "Anna und der Schwalbenmann" freilich erst einmal weg, wenn er Anna, deren Vater 1939 in Krakau als jüdischer Hochschullehrer von den Nazis verschleppt und getötet wird, einem Retter begegnen lässt, der offenbar die Sprache der Vögel kennt und in mehrerlei Hinsicht Geheimnisträger ist (der Einfall, diesen Mann etwas wissen zu lassen, das die Mörder gern auch wüssten, gehört zu den klügsten des Autors, weil sich daran zeigen lässt, wie wenig technisch verwertbare Kenntnisse manchmal beim Überleben nützen). Ob der Fremde, der Anna beibringt, dass sie ihren Namen ablegen muss, weil die Vernichtungsmaschine sie, genau wie ihn, nicht finden darf, überhaupt ein Mensch ist, fragt sich die Gerettete noch, als der Text sich längst entschieden hat: Da der Schwalbenmann Fehler macht, kann er kein Engel sein. Dass er aber Geschichten erzählt und mit den Riesenschritten mithalten kann, die Annas vom Vater in mehreren Sprachen unterrichtete Vorstellungskraft auf der Flucht vor dem Tod riskiert, passt als maßgeschneiderter Trost fast ein bisschen zu gut zur Not dieses besonderen Kindes. Dass Fantasien zum Menschenleben gehören, auch und gerade zum bedrohten, bekräftigt der Schwalbenmann durch sein bloßes Vorhandensein, und man wird sagen dürfen, dass Savit es sich damit an wichtiger Stelle etwas zu leicht gemacht hat, weil er sich das Recht, sein Thema dichterisch zu verfremden, damit einfach nimmt, statt es sich zum Problem zu machen - so wie Ramona Ausubel es in ihrem ebenfalls aus kindlicher Perspektive erzählten, aber sprachlich entschieden mutigeren Schoa-Roman "No one is here except all of us" aus dem Jahr 2012 getan hat.

Manchmal wird das Fantasieren in "Anna und der Schwalbenmann" zum Spekulieren, ja zum Fantasy-affinen Kalenderspruch: "Kein Labyrinth ist so heimtückisch wie das ohne Wege oder Gänge." "Doch es ist die besondere Gabe der Kinder, ganz im Moment zu sein, ohne sich mit der Voraussicht zu belasten." Auch die Übersetzung wirkt nicht immer ganz sattelfest (eine Sprache ist auf jemanden "zugeschneidert", man liest von der "Ausführung" statt "Durchführung" einer Aktion, wo doch das, was man ausführt, "Befehl" heißt, und Ähnliches mehr). Dies aber sind Ausrutscher, die man vielleicht nur deshalb nicht übersieht, weil die Sorgfalt, mit der hier sonst gearbeitet wurde, eine strenge Aufmerksamkeit weckt, die sie dann bemerkt.

Dass Menschen fähig sind, anderen Dinge anzutun, über die man eigentlich nicht reden kann, ganz gleich, wie alt man ist, und dass man dennoch immer wieder versuchen muss, über diese Taten zu reden, weil sie nicht verschwiegen werden dürfen, wenn wir sie in Zukunft verhindern wollen: Das ist die wichtige Mitteilung, die dieses Buch nie aus den Augen verliert. Das junge Publikum wird mit ihr, darf man hoffen, nicht leicht fertig werden.

DIETMAR DATH

Gavriel Savit: "Anna und der Schwalbenmann"

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz-Ventura. Verlag CBT, München 2016. 272 S., geb., 16,99 [Euro]. Ab 14 J.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Es ist ein rätselhaftes und trotz seines schweren Themas traumschönes Buch."

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Nicht immer tut es Büchern über historische Stoffe gut, zumal über so schwierige wie den Zweiten Weltkrieg, wenn ihnen fantastische Elemente beigefügt werden, weiß Christine Knödler. Im Falle von Gavriel Savits Debütroman "Anna und der Schwalbenmann" bereichern sie das Buch aber ungemein, findet die Rezensentin. Als Annas jüdischer Vater in Warschau aufgegriffen wird und verschwindet, hilft ihr der ominöse Schwalbenmann bei der Flucht, erklärt Knödler. Wie der Wald, durch den die beiden fliehen, haben die Figuren dieses Romans etwas Märchenhaftes und die konkrete Geschichte öffnet sich als Parabel für weit allgemeinere Gedanken, lobt die Rezensentin, die in Savits Buch eine neue Art des Erzählens erkennt.

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Nicht immer tut es Büchern über historische Stoffe gut, zumal über so schwierige wie den Zweiten Weltkrieg, wenn ihnen fantastische Elemente beigefügt werden, weiß Christine Knödler. Im Falle von Gavriel Savits Debütroman "Anna und der Schwalbenmann" bereichern sie das Buch aber ungemein, findet die Rezensentin. Als Annas jüdischer Vater in Warschau aufgegriffen wird und verschwindet, hilft ihr der ominöse Schwalbenmann bei der Flucht, erklärt Knödler. Wie der Wald, durch den die beiden fliehen, haben die Figuren dieses Romans etwas Märchenhaftes und die konkrete Geschichte öffnet sich als Parabel für weit allgemeinere Gedanken, lobt die Rezensentin, die in Savits Buch eine neue Art des Erzählens erkennt.

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