Autor im Porträt

Toptitel von Ian McEwan

Die Kakerlake

Buch mit Leinen-Einband
Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens - und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und noch nicht mal von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die Kopf steht.…mehr

 

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Die Kakerlake (eBook, ePUB)

Die Kakerlake (eBook, ePUB)

eBook, ePUB
Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens - und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht.
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Ian McEwan

Briony Tallis ist die wohl bekannteste literarische Figur, die der britische Schriftsteller Ian McEwan erschaffen hat. Das 13-jährige Mädchen aus gutem Hause steht im Zentrum des Romans "Abbitte" (2001), der 2007 verfilmt wurde. Mit ihrem pubertierenden Übereifer, ihrer dunklen jungen Sexualität und ihrem starken Ehrgeiz, Schriftstellerin werden zu wollen, stürzt sie ihre ältere Schwester Cecilia und deren Geliebten Robin Turner ins Unglück. McEwan wirft in dem Roman, der ihn endgültig zu einem Autor von Weltrang machte, meisterhaft die Frage nach der Macht der Literatur und nach der Moral ihrer Autoren auf, indem er die Tiefenpsychologie der Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander mit einem scharfen Skalpell seziert. Hat der Leser das Buch beendet, hat er unweigerlich das Gefühl, einem Organismus zu entsteigen, dessen zitternde Nervenbahnen noch lange an ihm haften und arbeiten.



Dieses Gefühl nach der Lektüre ist typisch für McEwans Bücher. Der 1948 im englischen Aldershot geborene Autor, der von der Times als einer der besten 50 britischen Schriftsteller nach 1945 eingestuft wurde, ist ein Meister der abgründigen Seelenstudien, die den Menschen als Spielball des Schicksals und dessen emotionaler Sogkraft zeigen. Immer wieder konfrontiert McEwan seine nabokovhaften Figuren mit überraschenden Situationen, die ihnen offenbaren, dass das Leben nicht planbar ist. Das zeigen bereits McEwans verstörende, ja schauderhafte Geschichten und Romane aus seiner frühen Schaffenszeit. Für seinen Roman "Amsterdam", der 1998 mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet wurde, ergründet er sprachlich virtuos das Beziehungsgeflecht zwischen zwei Freunden, die dieselbe Geliebte hatten und die sich schwören, im Falle einer schweren Krankheit dem jeweils anderen beim Selbstmord zu helfen.



Seine Kindheit verbrachte McEwan, der sich auch häufig zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen äußert, zu großen Teilen in Libyen oder Singapur, wo der Vater in der Armee diente - in Gegenden mit gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Wohl deswegen spielen McEwans Romane auch immer wieder vor dem Hintergrund weltpolitischer Geschehnisse wie dem 11. September in "Saturday" (2005), dem Klimawandel in "Solar" (2010) oder wie der Gefahr der totalen Überwachung in seinem aktuellen Roman "Honig". "Es ist sehr schwer", hat McEwan einmal gesagt, "den Überblick und die Standhaftigkeit zu behalten, wenn einen das Unvorhersehbare erwischt." Es ist ein Satz, wie ihn auch Briony Tallis sagen könnte.

Kundenbewertungen

Solar

Bewertung von MaWiOr aus Halle am 17.09.2010
Michael Beard ist Professor der Physik. Er gehört zu jener Sorte Mann, die auf gewisse schöne Frauen irgendwie anziehend wirkt. Dabei ist der 53jährige nicht besonders attraktiv, sondern übergewichtig, ein Säufer und Kettenraucher. Der Frauenheld hat bereits vier gescheiterte Ehen und zig Affären hinter sich. Auch die fünfte Beziehung ist keine Musterehe, denn seine Frau tut es ihm gleich und hat ein Verhältnis mit einem anderen, natürlich attraktiveren Mann. Erfolgreicher war da Beards Berufskarriere. Bereits als junger Wissenschaftler von knapp dreißig Jahren erhielt er für seine Forschungen auf dem Gebiet der Quantenphysik den Nobelpreis. In den letzten Jahren verwaltet er jedoch nur noch seine wissenschaftlichen Pfründe und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus. Jetzt wartet eigentlich noch einmal eine berufliche Herausforderung auf Beard, denn er wird wissenschaftlicher Leiter eines Forschungszentrums, dass alternative Energiequellen entwickeln soll, um so einen Beitrag gegen die Klimaerwärmung zu leisten. Doch Beard leitet mehr schlecht als recht. Während seine jüngeren Mitarbeiter voller Ideen und Tatkraft stecken, ist er auf Dienstreisen unterwegs und hält überall schöne Reden. Als jedoch ein jüngerer Assistent stirbt, der die theoretischen Grundlagen für die künstliche Photosynthese konzipiert hat, gelangt er in den Besitz von dessen Aufzeichnungen, die ihn praktisch über Nacht zum Aktivisten der Umweltbewegung machen. Doch der „Weltretter“ Beard versucht, daraus privaten Nutzen zu schlagen, was zunächst auch zu gelingen scheint. In seiner selbstzerstörerischen Art gerät aber sein Leben schließlich völlig aus den Fugen. Der britischer Schriftsteller Ian McEwan hat mit „Solar“ ein aktuelles Thema unserer Gesellschaft aufgegriffen. Gekonnt verknüpft er naturwissenschaftliche und politische Frage-stellungen mit einer Charakterstudie. Es ist der erste große Roman über den Klimawandel aus der Feder eines renommierten Schriftstellers. Zugleich ist das Buch aber auch eine bitterböse Satire sowie eine gnadenlose Abrechnung mit der Politik und dem Wissenschaftsbetrieb - und natürlich auch mit einer gewissen Sorte Mann und dessen allzu menschlichen Schwächen. Manfred Orlick

Kindeswohl

Bewertung von Winfried Stanzick am 14.01.2015
Ian McEwan, Kindeswohl, CD, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-80358-7 Das Warten auf jedes neue Buch des englischen Schriftstellers Ian McEwan lohnt sich. In großer Regelmäßigkeit legt er handwerklich perfekte Romane vor, deren Zauber und sachlicher Präzision man sich nicht entziehen kann. Er schreibt in einer verständlichen Sprache, er analysiert kühl sowohl gesellschaftliche Verhältnisse wie menschliche Beziehungen und Seelen. Wer das große sprachliche, gar poetische Kunstwerk sucht bei Romanen, wird bei den Büchern von Ian McEwan mehr oder weniger enttäuscht werden. So ist es auch bei seinem neuen Roman „Kindeswohl“, dessen eröffnende Sätze sehr typisch sind für McEwans ganzen Stil: „London. Sonntagabend, Eine Woche nach dem Ende der Gerichtsferien. Nasskaltes Juniwetter. Fiona Maye, Richterin am High Court, lag zu Hause auf der Chaiselongue und starrte über ihre bestrumpften Füße hinweg quer durch den Raum.“ McEwan geht sofort mitten hinein in die Szene und das Leben seiner Hauptpersonen. Fiona, 59 Jahre alt, hat soeben einen schrecklichen Streit hinter sich gebracht mit ihrem Mann, einem 60-jährigen Professor für Alte Geschichte, der ihr ganz locker gesagt hat, er wolle eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau beginnen. Das sei sein Recht, er wolle noch einmal richtig Sex, an dem sie ja wohl kein Interesse mehr habe. Fiona wirft ihren Mann aus dem Haus und ergeht sich in Überlegungen über den körperlichen Verfall im Alter. Doch für weiteres Selbstmitleid fehlt ihr die Zeit, es stehen wichtige Entscheidungen an bei Gericht. Da ist der 17- jährige Sohn von zwei Zeugen Jehovas. Damit sein Leben gerettet werden kann, braucht er dringend Bluttransfusionen. Das lehnen aber sowohl seine Eltern, als auch der Junge selbst heftig ab mit Verweis auf ihre Religion. Die Klinikverwaltung will per Gerichtsentscheidung erzwingen, dass Fiona dieses Recht auf körperlicher Selbstbestimmung aufhebt. Wie schon 2005 in „Saturday“ (damals ging es Gehirnchirurgie) von McEwan bis ins Kleinste recherchiert, wird der Leser staunender Zuschauer einer Verhandlung, einem juristischen Konflikt um Leben und Tod. Die Zeit drängt, doch bevor Fiona eine Entscheidung fällt, nimmt sie ihr Recht wahr, und besucht den kranken Adam in der Klinik. Als sie, aus ihrer professionellen Rolle fallend, den Jungen singend begleitet, als der ein von Benjamin Britten vertontes Gedicht von Yeats auf seiner Geige spielt, passiert in der Beziehung der beiden etwas Entscheidendes, das den weiteren Verlauf der Handlung des Buches wesentlich beeinflussen wird. Neben dieser sich langsam aufbauenden Dramatik beschreibt McEwan immer wieder andere Gerichtsfälle, wo es um das „Kindeswohl“ geht. So interessant das auch ist, es lenkt ein wenig ab vom dem eigentlichen Thema: wie Fiona Maye die Begegnung mit dem jungen Adam erlebt und bewältigt. Doch bei aller Kritik im Detail: Ian McEwan hat wieder einen großen Roman geschrieben und zeigt sich als Könner und Meister seines Faches. Das hier eingespielte Hörbuch gelesen und eine nun gekürzten Fassung von den Schauspielerin Eva Mattes lässt insbesondere die Hauptfigur Fiona Maye zur Geltung kommen und betont die kühle und analytische Sprache McEwans gut.

Honig

Bewertung von Winfried Stanzick am 30.12.2014
Ian McEwan, Honig, Diogenes 2014, ISBN 978-3-257-24304-8 Die Freunde der Bücher von Ian McEwan haben lange diesen Roman gewartet. Ich persönlich habe ihn mit Begeisterung gelesen und halte ihn für ein starkes Werk. Ein Roman, der im Geheimdienstmilieu der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt und dennoch von Literatur und vom Literaturbetrieb handelt. Das hängt damit zusammen, dass die ich-erzählende Serena Frome, behütet aufgewachsene Tochter eines anglikanischen Bischofs, nach einem von ihr ungeliebten Mathematikstudium und ersten eigenen Schreibversuchen den alten Tony Canning kennenlernt und mit ihm einen wunderbaren Sommer verlebt. Tony Canning war früher Mitarbeiter des Geheimdienstes und lehrt nun in Cambridge. Durch seine Vermittlung offenbar wird Serena als Mitarbeiterin für den MI 5 rekrutiert, wo sie in einem Projekt namens „Honig“ zunächst in untergeordneter Rolle tätig wird. Dem amerikanischen CIA nacheifernd, wollen die Chefs des MI 5 Einfluss gewinnen im Bereich der Kultur und der Literatur. Schon an dieser Stelle des Romans lässt Ian McEwan keinen Zweifel daran, wie er jedenfalls aus heutiger Sicht die Weltlage damals einschätzt – er lässt an den Linken nicht nur seines Landes kein gutes Haar, weil sie auf unterschiedliche Weise die Unterdrückung im Sowjetblock herunterspielen. Weil auch ein Romanschriftsteller bei „Honig“ mit dabei sein soll, wird Serena angesetzt auf den jungen Dozenten Tom Haley. Als sie ein Dossier mit Aufsätzen und Erzählungen des Autors liest, die Ian McEwan auch ausführlich beschreibt, ist die passionierte Leserin nicht nur von den Texten begeistert, sondern sie spürt schon, bevor sie den Mann kennenlernt, eine ihr zunächst unerklärliche Nähe. Es dauert nicht lange, da haben sie sich verliebt und Tom Haley hat Serenas als Stiftungsgelder getarntes Angebot der finanziellen Unterstützung durch den MI 5 angenommen. Immer wieder will sie in der Folge – Tom Haley schreibt unterdessen an einem großen Roman und ist mit einer Novelle, die noch kein Mensch kennt, für den Jane Austen Preis vorgeschlagen- ihm die Wahrheit gestehen, doch sie schafft es nicht. Innerhalb des MI 5 ist ihre Position wackelig, auch deshalb weil ihr Kollege und Vorgesetzter Max sich in sie verliebt hat, und ihre Beziehung mit Tom Haley beargwöhnt. Die Geschichte liest sich unterhaltsam, spannend , aber auch sehr informativ, entführt die Handlung den Leser doch in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts in ein Großbritannien, dass durch Wirtschaftskrise, Ölkrise und IRA-Terror am Abgrund steht. Ich selbst bin als Jugendlicher in dieser Zeit über mehrfach in England gewesen und fühlte mich bei der Lektüre in diese Zeit der „troubles“ und der unglaublichen Depression meiner Gastfamilie zurückversetzt. Als durch beispiellose Tricksereien seines bekannten Verlegers ein eher mittelmäßiger, düsterer Kurzroman von Tom Haley den Austen Preis gewinnt, ohne dass vorher auch nur ein Kritiker das Werk hatte lesen können (!), da spitzt sich die Lage innerhalb weniger Tage zu. Nun nimmt die Handlung dramatische Fahrt auf und Ian McEwan führt sie zu einem Ende, das ich nie für möglich gehalten hätte. Gute, spannende und informative Unterhaltung.

Bewertung von Havers am 04.01.2014
Ian McEwan ist mittlerweile einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren Großbritanniens. Sein letzter Roman "Honig" spielt im England der siebziger Jahre: Die Großmächte lassen die Muskeln spielen, Ost und West beharken sich, der Kalte Krieg beherrscht die Politik. Großbritannien hat Probleme: das "Empire" ist verloren, das Land versinkt international immer mehr in der Bedeutungslosigkeit und man hat mit ökonomischen Problemen zu kämpfen. Aber die Geheimdienste, in diesem Falle der MI5, verfügen noch immer über genügend Mittel, um junge Intellektuelle finanziell zu fördern, die an den traditionellen Werten festhalten und sich kritisch mit den kommunistischen Diktaturen auseinandersetzen. Und diese Operationen werden unter dem Decknamen "Honig" geführt. Serena Frome arbeitet nach Beendigung ihres Studiums im Archiv des MI5, bis man auf sie aufmerksam wird und sie als Lockvogel auf den jungen Autor Tom Haley ansetzt. Als angebliche Vertreterin einer Literatur-Stiftung soll sie Einfluss auf dessen schriftstellerisches Wirken nehmen, was aber nur solange funktioniert, bis sich die beiden ineinander verlieben. Wird sie Tom ihre wahre Identität offenbaren? Und wenn ja, welche Auswirkungen wird dies haben? McEwans Roman erzählt viele unterschiedliche Geschichten. Mal ist es ein Agententhriller, dann wieder ein Liebesroman, ebenso ein Buch über Literatur und natürlich ein Stück weit auch ein Kaleidoskop der Siebziger. Aber der Autor schildert nicht nur die politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit, sondern verarbeitet auch Aspekte seiner eigenen Biografie in der Figur des jungen Schriftstellers Tom Haley. Kaum eine der Figuren spielt mit offenen Karten, Tricksen und Täuschen kennzeichnet ihre Handlungen und auch der Autor setzt diese Mittel äußerst gekonnt ein und führt damit den Leser bis zum Schluss an der Nase herum. Auch wenn dies lediglich intellektuellen Spielereien sind, elegant und ungewöhnlich ist der Plot, den McEwan in "Honig" konstruiert hat, allemal. Ein Buch, das zum wiederholten Lesen einlädt, um alle Facetten der Geschichte abschließend einordnen zu können und zu verstehen.

Solar

Bewertung von R.E.R. am 09.08.2011
Ein Nobelpreisträger gilt als Vorbild. Ein Mensch der auf einem bestimmten Gebiet etwas so außergewöhnliches geleistet hat, das er mit dieser Auszeichnung geehrt wird, muss etwas ganz besonders sein. Ein Muster an Integrität und Seriosität. Der gelebte Inbegriff des Genius. Ein Ideal dem nachzueifern als nobles Ziel gilt. Ian McEwan entzaubert in seinem Buch “Solar” diesen Mythos und lässt den Leser nicht nur vor Erleichterung auflachen. Michael Beard hat als junger Physiker in den 1970er Jahren den Nobelpreis für ein Theorem erhalten, dass die Interaktion zwischen Materie und elektromagnetischer Strahlung erklärt, also die Nutzung der Sonne als Energiequelle beschreibt. Jetzt ist er über fünfzig und ruht sich seit fast dreißig Jahren auf diesen Lorbeeren aus. Gerade scheitert seine fünfte Ehe. Diesmal nicht an einem seiner zahlreichen Seitensprünge, sondern weil seine Frau den Spieß umdreht und er der Betrogene ist. Bevor er sich versieht ist er in einen Strudel privater Katastrophen geraten, die ihn auch beruflich ruinieren können. Ian McEwan hat mit “Solar” zwei Bereiche verbunden. Er thematisiert die drohende Klima Katastrophe und lässt seinen Protagonisten Wege suchen und finden diese zu verhindern. Gleichzeitig führt er dieses wichtige Thema ad absurdum, weil er die persönlichen Befindlichkeiten der Hauptfigur stets wichtiger nimmt. Was ist schon das Schicksal des Planeten Erde gegen die Midlife Crisis eines alternden, übergewichtigen, genusssüchtigen Mannes! Der Roman beginnt im Jahr 2000. Beard steht einem Londoner Institut vor, dass Wege zur Nutzung erneuerbarer Energien finden und nutzbar realisieren soll. Er ist umgeben von jungen, motivierten Wissenschaftlern die eine solche Fülle guter Ideen entwickeln, das man eigentlich nur auswählen müsste. Allein, das alternde Genie hat keine Lust bzw. andere Sorgen. Die Methoden seine Frau zurückzugewinnen sind grotesk. Man stelle sich einen Nobelpreisträger vor, der nackt auf Händen und Füße rückwärts die Treppe hinuntersteigt und sich dann mit einer Stimme im Radio unterhält um seiner Frau zu signalisieren er sei ebenfalls nicht allein. Das derselbe Mann der fatalistischen Meinung ist, “dass es der Welt egal sein konnte, ob Bush oder Gore, Tweedledum oder Tweedledee, in den ersten vier oder acht Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts Präsident der Vereinigten Staaten war” verwundert nicht. Der Autor läuft in diesem Roman zur altbekannten erzählerischen Hochform auf. Beard ist auf einer Expedition in der Arktis um sich vor Ort vom Schmelzen der Gletscher zu überzeugen. Die Schilderung seiner ersten Begegnung mit dem ewigen Eis ist eine Abfolge derart skurriler Missgeschicke, dass einem vor Lachen die Luft wegbleibt während man mit schmerzverzerrtem Gesicht die körperliche Pein selber zu spüren scheint. Nur soviel: Bei Minus dreißig Grad in eine Gletscherspalte zu urinieren sollte man tunlichst unterlassen. An anderen Stellen überzeugen die ironische Spitzfindigkeiten. “Beard beeindruckte auch die Recherchearbeit, der Fleiß, mit dem diese rastlosen Zeitungsfritzen binnen weniger Tage tief in die dunklen Regionen, die Slums seines überbevölkerten Privatlebens eingedrungen waren und dem älteren Bruder seiner dritten Frau, einem nahezu taubstummen Einsiedler, der Beard noch nie ausstehen konnte und der ohne Telefon an einem Feldweg auf einer menschenleeren Halbinsel im Nordwesten von Bruny Island vor der Küste Tasmaniens lebte, im Handumdrehen ein buntes Bouquet boshafter Bemerkungen entlockt hatte. In Zeitsprüngen folgen wir der Hauptperson in die Jahre 2005 und 2009. Am Ende erinnert die Biographie Beards sehr an Heinrich den Achten von England. Auch dieser ein gichtgeplagter, aufgeschwemmter Fettkloß der ständig Frauen loswerden musste. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen liest sich der Roman sehr gut. Er ist intelligent formuliert, wandlungsreich konzipiert, durchaus lehrreich was die Fakten zum Klima betrifft und von einer bizarren Komik.

Am Strand

Bewertung von Enno Kleinhans aus Hochzoll am 08.06.2007
Nachdem ich "Abbitte" großartig fand, bin ich mit hohen Erwartungen an den neuen Roman gegangen. Das Ergebnis war eine gewisse Enttäuschung. "Roman" ist eine zu hochtrabende Bezeichnung für "Am Strand", denn im Mittelpunkt steht eine einzige Szene: die Hochzeitsnacht der Protagonisten Florence und Edward im prüden, unaufgeklärten Jahr 1962. Die beiden stellen sich unglaublich ungeschickt an, und McEwan traut dem Leser so wenig Einfühlung in die Zeit zu, dass er wiederholt erklärt, wie die Leute damals so waren, was mich nervte. Entweder einer kann das mit erzählerischen Mitteln transportieren, oder er schweigt. Der Schluss versöhnte mich wieder mit dem im übrigen sehr gut erzählten und beobachteten Buch.

Am Strand

Bewertung von Polar aus Aachen am 11.09.2007
Mißverständnisse, darauf beruhen einige der besten Romane, kommt dann noch eine verklemmte Sexualität hinzu, die durch eigene Ängste ins Übermenschliche gesteigert wird, hat eine frisch gestiftete Ehe es schwer, aus den Startlöchern zu kommen. Wie fehlgeleitetes Geschlechtsleben Schicksale erzeugt, das Leben in Bahnen lenkt, die jemand sich zuvor anders ausgemalt hat, beschreibt Ian McEwan nicht erst in diesem Roman. Neben Zementgarten hat er vor allem in Abbitte erzählt, wie allein die fehlgeleitete Vorstellungskraft einen Menschen unschuldig in eine Tragödie hineinschlittern lassen kann. Was in Abbitte noch als großes Panorama erscheint, wird Am Strand zum kleine Kammerspiel, das zwischenzeitlich das Kennenlernen des Liebespaars und deren Familien kurz umreißt, aber sich weitgehend auf die Ereignisse, Hoffnungen wie Enttäuschungen der Hochzeitsnacht zwischen Edward und Florence konzentriert. Wer dabei von beiden die größere Schuld auf sich nimmt, ist nicht die entscheidende Frage, vielmehr schafft es McEwan durch seine meisterliche Führung und Sprache ein Pschogramm zweier Menschen zu beschreiben, die sich besser nie kennengelernt hätten, da sie eigentlich jemand an ihrer Seite benötigen, der ein ganzes Leben auf sie aufpaßt. So schnell platzt die Zukunft, und auf den letzten Seiten erzählt McEwan davon, wie selbst die Zukunft nach der Trennung eine Geschichte der verlorengegangen Träume ist. Kurz und schonunglos, faszinierend in der Hilflosigkeit.

Solar

Bewertung von Max aus Penzberg am 14.10.2010
Ian McEwan wird allgemein bescheinigt, dass er mit seinem neuen Roman "Solar" als einer der ersten Großen das Thema Klimawandel literarisch verarbeitet. Ich finde eher, dass es ein bitterböser Roman über die Machenschaften im Wissenschaftsbetrieb ist, die wesentlich eitler ist, als man sich das von außen vielleicht vorstellt. Wenn zwei Superhirne auf Podiumsdiskussionen aufeinander treffen, kann es offenbar schon mal sein, dass man sich gegenseitig demontiert, nur um als Sieger die Arena zu verlassen, nicht der Sache wegen. Die Hauptfigur Micheal Beard ist sicher kein Sympathieträger, aber für diesen süffigen "Wissenschafts"roman hervorragend gezeichnet. Streckenweise ein bisschen viel theoretische Physik, die man als Laie aber nicht bis ins kleinste Detail verstehen muss.
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