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An einem Mittsommertag im Jahr 1937 küsste Boris Bibikow seine beiden Töchter zum Abschied und verschwand für immer. Eine der beiden, Mila, verliebt sich viele Jahre später, mitten im Moskau des Kalten Krieges, in einen jungen Engländer und beginnt mit ihm eine gefährliche, leidenschaftliche Affäre. Ihr Sohn Owen Matthews trägt die Puzzleteile seiner Familiengeschichte zusammen: Zugleich ein mitreißendes Stück Zeitgeschichte und die Schilderung des Dramas Russlands von innen heraus.…mehr

Produktbeschreibung
An einem Mittsommertag im Jahr 1937 küsste Boris Bibikow seine beiden Töchter zum Abschied und verschwand für immer. Eine der beiden, Mila, verliebt sich viele Jahre später, mitten im Moskau des Kalten Krieges, in einen jungen Engländer und beginnt mit ihm eine gefährliche, leidenschaftliche Affäre. Ihr Sohn Owen Matthews trägt die Puzzleteile seiner Familiengeschichte zusammen: Zugleich ein mitreißendes Stück Zeitgeschichte und die Schilderung des Dramas Russlands von innen heraus.
  • Produktdetails
  • List Taschenbücher Bd.61274
  • Verlag: List Tb.
  • Originaltitel: Stalin's Children
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 391
  • Erscheinungstermin: 11. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 29mm
  • Gewicht: 284g
  • ISBN-13: 9783548612744
  • ISBN-10: 3548612741
  • Artikelnr.: 41783715
Autorenporträt
Matthews, Owen§Owen Matthews, geboren 1971 in London, studierte Neuere Geschichte in Oxford und begann seine Karriere als Journalist in Bosnien. 1995 ging er als Redakteur nach Moskau und schrieb von dort als freier Korrespondent für The Times, The Spectator und The Independent. Seit 1997 ist er Korrespondent für Newsweek.Er lebt heute mit seiner russischen Frau und zwei Kindern in Istanbul.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Regelrecht berauscht ist Cathrin Kahlweit von diesem Buch des britischen Journalisten Owen Matthews. Als überwältigend schön und überwältigend voll mit Geschichten über die Liebe und die Politik und darüber, wie eine Nation sich nicht nur in das Herz, sondern auch in die Seele eines Menschen und einer Familie einprägen kann, "wie ein medizinischer Eingriff in Kopf und Herz", beschreibt Kahlweit die Lektüre. Das Buch ist ihr Reportage, Liebesgeschichte und Geschichtsbuch in einem. Wenn der Autor aus dem Leben in zwei Welten, der englischen und der russischen, berichtet und das Drama seiner durch den Stalinismus getrennten Familie anhand von erhaltenen Briefen und KGB-Akten erzählt, empfindet das Kahlweit nicht als Denkmal für eine Familie, sondern als lebendige Geschichte, die auch für Leser spannend ist, die sich für sowjetische Geschichte nicht interessieren.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.05.2014

Das Pendel hing am tiefsten Punkt
Überleben, sich verlieben – Owen Matthews’ bewegende Familiengeschichte aus Russland und England
Ganz zum Schluss seines überwältigend schönen Buches benutzt Owen Matthews eine Formulierung, die vieles erklärt: Russland, schreibt der britische Journalist, habe in ihn „eingegriffen“ – wie auch zuvor schon in seinen Vater. Ein Land, das eingreift nicht nur in die Schicksale von Menschen, sondern auch in ihre Seelen, das sich hineinfrisst, hineinfräst wie ein medizinischer Eingriff in Kopf und Herz – wie kann das gehen? Nach der Lektüre von „Winterkinder“, in dem Familienbiografie und Liebesgeschichte, Geschichtsbuch und sachliche Reportage auf das Großartigste verbunden sind, ist diese Frage irrelevant. Die Geschichte zeigt, dass es gar nicht anders sein kann.
  Denn Owen Matthews berichtet aus dem Leben in zwei Welten, der englischen und der russischen, wobei es die russische ist, die das Drama dieser Familie über fast ein Jahrhundert hinweg dominiert. Kurz und prägnant ginge deren Geschichte so: Boris Bibikow und seine Frau Marta stammen aus der ukrainischen Sowjetrepublik; er ist Kommunist der ersten Stunde und glühender Verfechter der Idee vom neuen Menschen. Bibikow zieht daher aus, um in den frühen 30er Jahren eine ganze Traktorenfabrik in die schwarze Erde des Bauernlandes zu pressen und wird zum Helden der Arbeit: Der neue Sowjetmensch, an den Bibikow glaubt, bricht alle Rekorde, das Werk wird zum Vorzeigeprojekt der Industrialisierung.
  Stalins Schergen aber antworten nicht mit Lohn und Lob, sondern mit dem Golodmor, der Waffe des Sowjetsystems gegen die Bauern, die im großen Hungern und Sterben endet, und später dann mit den großen Säuberungen, denen Bibikow zum Opfer fällt. Seine Frau Marta kommt ins Lager, wo sie verbittert und verstummt. Die Töchter Lenina und Ljudmila werden in Kinderheimen untergebracht, werden getrennt, hungern und leiden, und finden sich im Zweiten Weltkrieg auf unfassbare, glückliche Weise wieder.
  Matthews’ Mutter Ljudmila, die Tochter von Boris und Marta, lernt drei Jahrzehnte später seinen Vater Mervyn Matthews kennen, der an der Botschaft in Moskau arbeitet. Große Liebe, lange unerfüllt. Moskau lässt keine Bürgerin ausreisen, nur weil sie sich in einen Mann aus dem kapitalistischen Westen verguckt hat. Was über Jahre bleibt, sind Briefe, hunderte, tausende. Mervyn versucht alles, um Ljudmila herauszuholen hinter dem eisernen Vorhang; Er fraternisiert mit dem KGB, schreibt Bittbriefe, spricht jeden Politiker an, dessen er habhaft werden kann, reist illegal in die Sowjetunion ein, schmiedet Fluchtpläne. Nach Jahren: Erfolg im Rahmen eines Agentenaustausches. Und doch ein Misserfolg zugleich. Denn: „Als meine Eltern sich wiedersahen, mussten sie feststellen, dass kaum noch Liebe übrig war. Sie war zu Tinte geworden und auf tausende Seiten Papier geflossen.“
  Zwei Jahrzehnte später geht Owen Matthews selbst nach Russland, er gerät nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Taumel der 90er Jahre, in die Zeit des Raubtierkapitalismus und der Morallosigkeit, als Moskau „vulgär, korrupt, brutal, manisch, obszön, laut und vom Mammon besessen“ war. Er lernt seine Frau, eine Russin, kennen, und geht schließlich fort. Warum? Er hat genug von diesem Land.
  Wer „Winterkinder“ gelesen hat, kann das verstehen – und doch wieder nicht: Als fasse der Autor all seine Gefühle, Abwehr, Verbitterung, Ratlosigkeit und tiefe Zuneigung in zwei kleinen Worten zusammen, zitiert er eine Freundin seiner Mutter. Die schrieb dieser nach dem Fall der Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion eine Karte nach England, wo Ljudmila Matthews seit der Emigration lebte: „Neuscheli doschili?“ Es ist eine Formulierung, wie sie wohl nur in der komplexen und schönen russischen Sprache möglich ist und die in etwa heißt: „Kann es wirklich sein, dass wir überlebt haben?“ Diesen Wahnsinn überlebt haben?
  Matthews hat den Aufstieg und Fall seines Großvaters wie auch die spätere Familiengeschichte von Liebe und Zweifeln, Verrat und Anbiederung, Trauma und Abscheu zu Teilen in den Akten des KGB in Moskau, zu Teilen in den Briefen seiner Eltern und Schriften seiner Großeltern ausgegraben. Dabei hat er seiner Familie kein Denkmal gesetzt. Dazu ist dieses Buch viel zu lebendig, es strotzt geradezu vor Geschichten in der Geschichte.
  Und es strotzt vor Liebe, was den besonderen Reiz ausmacht: der Liebe der unter Stalin im Krieg getrennten zwei Töchter Bibikows. Und der Liebe seiner Eltern, die er mit der ganzen Indiskretion eines Journalisten vor dem dankbaren Leser ausbreitet: „Im Herbst 1963 sah ich dich zum ersten Mal“, schreibt Ljudmila an Mervyn, „ich spürte eine Art inneren Impuls, eine flüchtige, sengende Gewissheit, dass Du genau der Mensch seist, in den ich mich endlich verlieben würde. Es war, als habe sich ein Stück meines Herzens abgelöst und ein eigenes Leben in Dir begonnen.“
  Tatsächlich übersteht diese Liebe zwar die Ost-West-Trennung des Kalten Kriegs, aber nicht den Alltag im kalten, fremden England. Die Eltern bleiben zusammen, aber es ist von da an ein freudloses Glück.
Neben der Liebe ist es die Politik, die Matthews beschäftigt; er hat das im Blut. Als junger Reporter war er ohne Aufträge und Erfahrung nach Bosnien gegangen und hatte später in Moskau für die Times und den Independent gearbeitet. Dann beschloss er, „drei Generationen Liebe und Krieg“ zu schildern – so der Untertitel seines Werks, das schon 2008 in Großbritannien erschien, zum Bestseller wurde und das nun von Vanadis Buhr einfühlsam ins Deutsche übersetzt wurde. Wem die sowjetische Geschichte von den Zwanzigern bis ins neue Jahrtausend hinein egal ist, der wird in „Winterkinder“ gleichwohl fasziniert eintauch. Denn der Autor rechnet politisch auch mit dem neuen Russland ab, das sein „Blut wie ein Fieber infiziert“.
  Wenn er heute an Moskau denke, schreibt Matthews, beschwöre das in ihm immer ein „Bild der Wildnis herauf, von Trümmern aufgezehrter Energie. Ich verließ die Stadt, nachdem die große Blase der Neunzigerjahre geplatzt und der Kater am schlimmsten war. Das Pendel hing am tiefsten Punkt zwischen dem Rausch des ungebremsten Kapitalismus und dem, was sich als tiefe Sehnsucht nach Autorität und Ordnung entpuppen sollte.“
  Er habe als Reporter in Russland das Gefühl gehabt, er werde dem „wahren Leben“ nie wieder so nahe kommen, bekennt der Autor. Und dann wird er, was er sonst auf wundersame Weise vermeidet, doch einmal sehr pathetisch: Der durchschnittliche Russe habe, wie er aus seinen „jahrelangen Wanderungen auf der schlimmeren Seite des neuen Russland gefolgert habe, „schon mehr echten Missbrauch und Hoffnungslosigkeit und Korruption und Ungerechtigkeit erlebt als die meisten meiner britischen Freunde in einem ganzen Leben.“ Das Glück anderswo, folgert Owen Matthews in seinem berührenden Dokument einer Hassliebe, könne daher „mit der Intensität ihres Leids“ nicht mithalten.
CATHRIN KAHLWEIT
Moskau lässt keine Bürgerin
ausreisen, nur weil sie sich in
einen Westler verguckt hat
Owen Matthews erzählt von der Liebe in den Zeiten der Mangelwirtschaft: Ein provisorischer Straßenstand mit Bananenkisten in Leningrad 1977.
Foto: Manfred Vollmer
  
  
  
Owen Matthews:
Winterkinder. Drei Generationen Liebe und Krieg. Deutsch von Vanadis Buhr. Graf Verlag, München 2014. 400 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
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"Ein überwältigend schönes Buch... lebendig, es strotzt geradezu vor Geschichten in der Geschichte.", Süddeutsche Zeitung, Cathrin Kahlweit, 09.05.2014