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Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht - doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine…mehr

Produktbeschreibung
Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht - doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Best.Nr. des Verlages: .505/25655, 505/25655
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 348
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 352 S. 221 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 148mm x 32mm
  • Gewicht: 540g
  • ISBN-13: 9783446256552
  • ISBN-10: 3446256555
  • Best.Nr.: 48010797
Autorenporträt
Colson Whitehead, geboren 1969 in New York, studierte an der Harvard University und arbeitete für die Zeitschriften Vibe, Spin und New York Newsday sowie als Fernsehkritiker für "The Village Voice".
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Julian Weber staunt über die nüchterne Präzision, Faktizität und Aktualität, mit der Colson Whitehead die gewaltreiche Geschichte einer jungen Sklavin im Georgia des 19. Jahrhunderts erzählt. Erinnerung und Mahnung an die Sklaverei in den USA ist das Buch für Weber. Dass der Autor von der Emazipation seiner Figur berichtet, täuscht den Rezensenten nicht darüber hinweg, dass dem erlittenen Unrecht nie ganz zu entkommen ist. Wie der Autor Handlungsstränge dirigiert und ungeschminkt und gänzlich frei von Paternalismus schreibt, findet Weber beeindruckend. Nikolaus Stingls Übersetzung scheint ihm angenehm frei von Eindeutschungen von Slang. Das Buch ist für den Rezensenten ein Meisterwerk, möglicherweise der totgesagte "Great American Novel".

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 24.08.2017
Geraubte Körper, geraubtes Land
Colson Whiteheads „Underground Railroad“ über den Rassismus im 19. Jahrhundert ist
in den USA das Buch der Stunde. Die Schwächen des Romans steigern seine moralische Wucht
VON CHRISTOPH BARTMANN
Fast jedes Schulkind in den USA hat schon einmal von der „Underground Railroad“ gehört, jener geheimen Infrastruktur aus Pfaden und sicheren Häusern, auf denen, unterstützt oft von weißen Fluchthelfern und Schleusern, afroamerikanische Sklaven in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Weg in die Freiheit fanden. Seit Bill Clintons Präsidentschaft ist dieses legendäre „Network to Freedom“ ein Teil des „National Park Service“ und kann in seinen Überresten vielerorts zwischen dem Mittleren Westen und Neuengland besichtigt werden. Auch die Erinnerungen der glücklich Geflohenen sind wohl dokumentiert, etwa in den „Underground Railroad Records“ des Abolitionisten William Still von 1872. Die „Underground Railroad“, dramatisch, wahr, positiv und „inspirational“, wie sie ist, hat alle Qualitäten einer „Great American Story“.
Gerade die vergangenen Jahre haben, wohl auch beflügelt von Obamas Präsidentschaft, einen neuen Boom von dokumentarischer Literatur zur „Underground Railroad“ ausgelöst. Im Sommer 2016 erschien dann Colson Whiteheads gleichnamiger Roman, gerade noch rechtzeitig, dass der bald scheidende Präsident es zu seiner Ferienlektüre erklären konnte. Vorher hatte schon die New York Times, was sie sonst selten tut, größere Teile des Buches vorab gedruckt. Etwas später wählte Oprah Winfrey das Buch für ihren „Book Club“ aus, im Herbst folgte der „National Book Award“ und in diesem Jahr der Pulitzer-Preis. Weitere Ehrungen dürften folgen. Dass inzwischen im Weißen Haus ein Präsident regiert, von dem keiner weiß, ob und was er im Urlaub liest, hat der Wichtigkeit von Whiteheads Buch eher noch Auftrieb gegeben. Nach Trump, Bannon und dem Ku Klux Klan in Charlottesville hat „Black lives matter“ eine Dringlichkeit bekommen, die auch Colson Whitehead nicht hat vorhersehen können.
Was ist nun dran an „Underground Railroad“, nicht am Phänomen, sondern an Whiteheads Buch selbst? Zunächst fällt auf, dass ihm die vielfach überlieferten historischen Tatsachen ziemlich egal sind. Whitehead hat vieles davon gelesen, aber noch mehr frei erfunden. Nichts anderes war, wenn man schon einmal etwas von ihm gelesen hat (etwa „The Intuitionist“ von 2001), zu erwarten. Die „Underground Railroad“ selbst ist bei Whitehead eine Erfindung, es gibt sie hier nämlich wirklich, als unterirdisch, wenn auch unregelmäßig, verkehrende Dampfeisenbahn, und nicht etwa nur als Metapher für ein undercover betriebenes Verkehrsmittel.
Es wird nicht klar, wann genau Whiteheads Roman spielt. Als einzige Jahreszahl taucht einmal 1820 auf. Zu dieser Zeit gab es jedenfalls weder Züge noch gar Dampflokomotiven, die zum Zweck der Tarnung unterirdisch fuhren. Und eine „Underground Railroad“ existierte südlich der Mason-Dixon-Linie, welche die Nord- von den Südstaaten trennte, nicht einmal im metaphorischen Sinn. Die sagenhafte Bahn, mit deren Hilfe Whiteheads Protagonistin Cora von der Plantage des grausamen Sklavenhalters Randall durch mannigfache Gefahren in die Freiheit entkommt, hat es nie gegeben. Auch an anderen Stellen bewegt sich Whitehead, wohlwissend, wie zu vermuten ist, auf anachronistischem Boden. Das Griffin Building in South Carolina hat zwölf Stockwerke und sogar einen Fahrstuhl, mit dem auch Cora einmal fährt. Der erste Personenaufzug wurde erst 1853 in New York in Betrieb genommen.
Das kann dem Romancier herzlich egal sein, die Frage bleibt indes, was ihn bewegt haben könnte, seiner Geschichte diesen Drall ins Fantastische zu geben. Whitehead ist ein Modernist, ihn interessiert Thomas Pynchon sicher mehr als Harriet Beecher Stowe. Vielleicht sind ja die Dampfeisenbahn und der Aufzug als Elemente einer afrofuturistischen Science Fiction zu verstehen. Wenn schon kein Raumschiff zur Bergung der Entlaufenen auf die Erde herabsinkt, dann müssen wenigstens auf der Erde technische Lösungen bereitgestellt werden, die das aktuell Machbare imaginär überschreiten.
Wir begreifen dann die „Underground Railroad“ (deren Anfälligkeit für Störungen aller Art Whitehead nicht genug betonen kann) als Allegorie einer Befreiung, nicht nur aus den Ketten einer empirisch belegten Sklaverei, sondern aus dem Gefängnis der Tatsachen überhaupt hinein in neue Dimensionen von Zeit und space. Überhaupt nährt Whitehead, wo er kann, Zweifel an einer realistischen, moralisierenden Lesart seines Romans. Als modernistischer afro-amerikanischer Autor ist er durch zu viele Schulen der Popkultur und der „Appropriations“-Fragen gegangen, als dass er hier lediglich einen Beitrag zur Erinnerungskultur im Sinn hätte. Das Allegorische der Gesamtanlage findet seinen Ausdruck auch in der Art, wie die einzelnen Bundesstaaten in ihrer Rassen- und Sklavenpolitik gezeichnet werden.
Wie das Inhaltsverzeichnis verrät, handelt der Roman nicht sehr ausführlich von Personen (Coras Großmutter Ajarry, dem Sklavenjäger Ridgeway, dem Sklaven Caesar, der Cora zur Flucht überredet hat und anderen), dafür umso ausführlicher von Staaten (Georgia, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana, „Der Norden“), in denen er seine Handlung ansiedelt. Gewiss, wir nehmen am Schicksal der geflohenen Cora Anteil, aber das scheint nur die Route zu sein, auf der die Empathie der Leser auf die sicherste Weise ans Ziel gelangt. Viel interessanter ist etwa Georgia, der Staat, in dem bei Whitehead (und nur bei ihm) die Plantagensklaverei auf eine geradezu Tarantino-hafte Weise verwirklicht zu sein scheint, erkennbar an den furchtbaren Körperstrafen, die Randall, der Sklavenhalter, gegen entlaufene und wieder eingefangene Sklaven verhängt.
Anders ist die Lage in den Carolinas, hier ist die Sklaverei bereits abgeschafft. In South Carolina hat man die eigene Gewaltgeschichte in einen Themenpark verwandelt, in dem auch Cora, als Darstellerin ihrer selbst, eine zeitweilige Anstellung findet. Zu dieser Art Rassenpolitik gehört indes auch ein Programm, bei dem die Freigelassenen eugenischen Experimenten unterzogen werden. In North Carolina haben weiße Suprematisten mit der Sklaverei gleich auch die Sklaven selbst abgeschafft, deren Leichen nun von den Alleebäumen eines sogenannten Freedom Trail herabhängen. Tennessee wiederum ist für Menschen gleich welcher Hautfarbe anscheinend so unbewohnbar wie der Mond geworden. „Schwarze Bäume neigten sich, verkrüppelte schwarze Arme zeigten wie auf einen fernen, von Flammen noch unberührten Ort. Sie fuhren vorbei an unzähligen schwarzen Gerippen von Häusern und Scheunen, Schornsteinen, die wie Grabmale aufragten, den leeren Mauern verwüsteter Mühlen und Kornspeicher.“ Nichts ist realistisch an dieser Rede, alles (die schwarzen Bäume, Arme, Gerippe ebenso wie der „ferne, von Flammen unberührte Ort“) wird zur Allegorie.
Und welcher Bundesstaat repräsentiert nun das ganze, in unbewältigter rassistischer Vergangenheit und Gegenwart gefangene Amerika? Natürlich keiner, oder alle zusammen. Überdies ist ja die Verschleppung und Versklavung von Afrikanern in die USA Teil einer noch größeren Unterwerfungsgeschichte. Der Roman erinnert gelegentlich daran (oder er lässt Cora sich erinnern): „Das Land, das sie beackert und bearbeitet hatte, war indianisches Land gewesen. Sie wusste, die Weißen prahlten mit der Gründlichkeit der Massaker, bei denen sie Frauen und kleine Kinder getötet und deren Zukunft in der Wiege erstickt hatten.“ Und dann weiter, und wahrscheinlich nicht mehr Coras Gedanken: „Geraubte Körper bearbeiteten geraubtes Land.“
Wie in vielen intelligenten Romanen hat der Autor mehr Intelligentes zu sagen, als er seinen Figuren realistischerweise in den Mund legen oder denken lassen kann. Solche Stellen, an denen die Autorenperspektive den Figuren in die Quere kommt, sind nicht selten: „Cora dankte dem Herrn dafür, dass ihre Haut nie auf diese Weise gebrandmarkt worden war. Dabei sind wir alle gebrandmarkt worden, innerlich, wenn nicht äußerlich“. Der gewaltige Erfolg von Whiteheads Roman mag mehr mit solchen Schwächen zu tun haben als mit seinen Stärken. Das Realistische, Identifikatorische und generell Mutmachende der (so könnte ein Werbetext formulieren) „Reise einer jungen Frau in die Freiheit“ führt den Autor verlässlicher in Oprah’s „Book Club“ als fraktale Experimente mit der Vergangenheit. Wer sich als Leser in den Sog einer so gut wie wahren moralischen Fabel ziehen lassen will, kommt bei „Underground Railroad“ auf seine Kosten. Und erliegt zugleich einer Illusion, vor der derselbe Roman aufs Deutlichste warnt.
Was mag den Autor bewegt
haben, seiner Geschichte diesen
Drall ins Fantastische zu geben?
„Wir alle sind gebrandmarkt
worden, innerlich,
wenn nicht äußerlich.“
Weiße Gegner der Sklaverei helfen schwarzen Sklaven bei der Flucht in die Nordstaaten: Charles T. Webbers „The Underground Railroad“ (1893).
Foto: mauritius images
Colson Whitehead:
Underground Railroad. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Carl Hanser Verlag,
München 2017.
349 Seiten, 24 Euro.
E-Book 17,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 16.08.2017
Der Zug, den niemand je sah

"Underground Railroad" ist einer der meistdiskutierten Romane aus Amerika. Wer wirklich die Geschichte dieses zerrissenen Landes bis hin zu den Exzessen von Charlottesville verstehen will, muss das Buch lesen. Eine Begegnung mit dessen Verfasser Colson Whitehead in New York.

NEW YORK, im August

Dass Colson Whitehead ein guter Pokerspieler ist, glaubt man sofort, wenn man ihm gegenübersitzt. Er ist jemand, der vermutlich jedes Blatt auszureizen versuchte. Als ich "Frankies" im westlichen Village betrete, ist er schon da. New York ächzt unter der Hitze, in dem Eckrestaurant aber herrschen Temperaturen wie in einem Kühlschrank. Die Schwüle, der Verkehr, der Lärm - das alles scheint dem Autor nichts auszumachen. Er sitzt da in weißen Jeans, blauem Hemd, die langen Haare offen, er ist freundlich und kommt augenblicklich zur Sache. Fünfzehn Jahre habe er gebraucht, um dieses Buch zu schreiben, erzählt er. Fünfzehn Jahre, in denen er den Stoff mit sich herumgetragen, ihn immer aufs Neue hervorgekramt und nach wenigen Zeilen wieder weggelegt habe.

Zu groß, zu komplex erschien ihm das, was sich als Sujet mit jenem Gedanken verband, der ihm eines Nachmittags im Jahr 2000 in den Sinn kam. Vielleicht war er auch zu naheliegend. Welchen Erwartungen würden sich an einen afroamerikanischen Autor stellen, der einen Roman über Rasse und Freiheit schriebe? Whitehead hatte nicht vor, sich vereinnahmen zu lassen. Also schrieb er andere Bücher. Über das Erwachen einer neuen Mittelschicht ("Der letzte Sommer auf Long Island"), einen New Yorker Zombieroman ("Zone One") und das Pokerbuch "The Noble Hustle".

Der Gedanke, der ihm damals gekommen war, war ein Kindergedanke: "Was, wenn es die Underground Railroad wirklich gegeben hätte?" Was, wenn Underground Railroad nicht bloß das Codewort für ein geheimes Netzwerk von schwarzen und weißen Abolitionisten im neunzehnten Jahrhundert gewesen wäre, die unter Lebensgefahr Sklaven aus dem Süden bei ihrer Flucht in den Norden halfen? Als Kind hatte sich Whitehead das so vorgestellt. Und wie er jetzt erzählt, ließ ihn das wörtlich genommene Bild, die Idee einer real existierenden U-Bahn im neunzehnten Jahrhundert, mit Schienen und Schaffnern, mit Lokführern und Lichtsignalen und natürlich Passagieren auf der Fahrt ins Ungewisse, nicht mehr los.

Irgendwann konnte er nicht anders, als sich dem zu stellen, wovor er "am meisten Angst" hatte. Also räumte er alles beiseite, vergrub sich in die Recherche zur amerikanischen Geschichte, las Sklavenberichte von Harriet Tubman, Solomon Northup und vielen anderen - und schrieb. Der Roman, der jetzt in der Übersetzung von Nikolaus Stingl im Hanser Verlag auf Deutsch erscheint, gehört in seiner Schonungslosigkeit zu den wichtigsten Büchern der vergangenen Jahre aus Amerika. Und zählt zugleich zu den erfolgreichsten. Will man etwas über dieses Land erfahren, die tief- und untergründigen Strömungen begreifen, muss man ihn lesen. Dabei zeichnet den historischen Roman aus, dass er sich direkter Anspielungen auf die Gegenwart enthält. Sie sind nur gedanklich angelegt, so dass der Leser nicht erst seit den Ereignissen in Charlottesville immer wieder Parallelen zwischen der Zeit des Antebellum um 1850 und heute zieht. Vor allem aber entwickelt Whitehead aus dem Stoff eine literarische Phantasie, deren Kühnheit und Raffinement einen Autor auf der Höhe seiner Möglichkeiten zeigt. "Ich mag es, mir seltsame Dinge auszudenken", sagt er.

Auf den ersten siebzig Seiten schildert Whitehead noch klassisch-realistisch den Horror einer Baumwollplantage in Georgia. Der quälerische Einfallsreichtum der Randall-Brüder führt zu einer Entmenschlichung nicht nur bei ihnen, sondern auch bei den Opfern ihrer Gewaltexzesse. So etwas wie Solidarität, wie dies der Hollywoodstreifen "12 Years a Slave" tränenreich zeigt, ist unter diesen Umständen niemandem mehr möglich. Whitehead erlaubt sich kein Pathos des Schmerzes. Vielmehr zeigt er analytisch präzise, wie die Scham über die eigene Machtlosigkeit alle einander zu Feinden macht.

Auch das Mädchen Cora lebt bei den Randalls, wie schon ihre Mutter und deren Mutter, die einst aus Afrika in die feuchte Hölle des amerikanischen Südens verschleppt wurde. Dass Männer an Bäumen aufgehängt und Frauen mit der neunschwänzigen Katze blutig geschlagen werden, dass tote und lebendige Körper auf Scheiterhaufen geworfen und Sklaven die Füße abgehackt werden, um ihre Flucht zu verhindern, gehört zu Coras Alltag. Wer widerspricht, dem wird die Zunge abgeschnitten. Etwas anderes kennt Cora nicht, weshalb ihr der Gedanke an Flucht auch unvorstellbar ist - "um das zu tun, musste man von allen guten Geistern verlassen sein". Und doch wagt sie das Undenkbare. Sie flieht, schafft es in der Dunkelheit durch die todbringenden Sümpfe und gelangt zu einer geheimen Station der Underground Railroad.

Das ist der Schlüsselmoment des Romans, der rhetorische Turn, an dem Whitehead die klassische Sklavengeschichte verlässt, um erzählerisch etwas anderes zu wagen. Indem er Cora in ihrem Versteck tatsächlich unter die Erde kriechen und einen geheimnisvollen Zug mit unbekanntem Ziel besteigen lässt, verlässt der Roman sein zuvor so sorgsam aufgebautes realistisches Setting und weitet sich zur Phantasie.

Der erste Part des Romans ist in seinem brutalen Furor grausam, aber erst die unheimliche Phantastik macht aus dem Buch große Literatur. "Ich wollte mit literarischen Mitteln zeigen", sagt Whitehead, "wie albtraumhaft und surreal die Erfahrung von Sklaverei an sich war." Wie ein dichtender Träumer macht er die Metapher der Underground Railroad konkret und stellt der Geschichte eine alternative Erzählung an die Seite. Kaum ein amerikanisches Kind lerne heute in der Schule, wovon dieser Roman erzählt, sagt Whitehead. Nicht zuletzt deshalb wird die Erzählung der Underground Railraod hier zum Gründungsmythos einer anderen Kultur - mit dem Clou, dass die Helfer nicht nur als die Guten aufscheinen, das wäre zu einfach. Und Whitehead mag es nicht einfach.

Seine alternative Geschichtsschreibung folgt keiner Besänftigungsstrategie. Sie liest sich wie ein Fiebertraum. Jede Station auf Coras Flucht erweist sich nach kurzem Hoffnungsschimmer als neuerliche Hölle, deren Qualen es zu überwinden gilt. Dreimal wird sie die unterirdische Bahn besteigen, jede Station auf dieser subterranen Odyssee steht für eine andere Phase der Unfreiheit. In South Carolina gerät Cora in einen vermeintlich humanen Staat, in dem Schwarze frei leben und arbeiten dürfen, doch erweist sich das bald als trügerisch, auch hier ist Freiheit keine wirkliche. Schlimmer wird es in North Carolina. Zwar wurde die Sklaverei dort abgeschafft, zugleich aber will man sich aller Schwarzen entledigen. Menschen werden gejagt und gelyncht und immer freitags vor Publikum auf dem Marktplatz gehängt, was Cora von einer Dachkammer aus beobachtet. Ein Ehepaar hat sie in seinem Haus versteckt und endet dafür selbst am Galgen - nicht nur die entlaufenen Sklaven, auch deren Helfer wurden gnadenlos verfolgt.

Seine Zufluchtsorte muss das Mädchen jeweils nach kurzer Zeit wieder aufgeben. Ein Sklavenjäger ist ihm auf den Fersen. Er ist besessen davon, Cora einzufangen, um eine frühere Schmach zu rächen. Immer wieder brechen sich diese temporeichen, realistischen Szenen an der eigenwilligen Phantastik des Buchs. Whitehead schreibt in diesen Passagen, als habe er den magischen Realismus eines Gabriel García Márquez mit Tarantino-Filmen und der Literatur Octavia Butlers überkreuzt. Imaginierte Albträume und historische Faktizität fließen ineinander, wobei einzelne Sätze herausstechen, die sich jeder Zeitlichkeit entziehen: "Erst im Tod wurde der Neger zu einem Menschen. Erst da war er dem Weißen gleichberechtigt."

Hier im Village, dem südlichen Teil von Manhattan, der sich auf wundersame Weise seine alten Backsteinbauten und baumgesäumten Straßen erhalten hat, lebt der achtundvierzigjährige Autor mit seiner Familie, ganz in der Nähe ist er aufgewachsen. Seine Eltern sind Unternehmensberater, er besuchte Privatschulen an der Upper West Side, auf die auch Trumps Söhne gingen, studierte in Harvard. Die Sommer verbrachte er auf Long Island.

Im Gespräch ist er ernst und konzentriert, dann wieder sehr witzig, immer professionell. Der Rummel um seine Person und dass er jetzt unentwegt zu politischen Debatten im Fernsehen und an Universitäten eingeladen wird, ist ihm nicht geheuer. Er sei Schriftsteller, kein Historiker, sagt er. Und trotzdem bat man ihn gerade wieder auf ein Podium über "Trump and race". Er wollte absagen, nahm dann aber teil, weiß er doch selbst am allerbesten, wie wichtig das ist, und nicht etwa als Werbung für sein Buch.

Seit seinen literarischen Anfängen hat Whitehead eine Fangemeinde um sich versammelt, aber erst "Underground Railroad" hat ihn im vorigen Jahr ins ganz große Rampenlicht katapultiert. Der Roman wurde mit den beiden wichtigsten Literaturpreisen des Landes ausgezeichnet, dem Pulitzer und dem National Book Award, eine Ehre, die seit 1950 nur vier Autoren, darunter Faulkner und Updike, zuteil wurde. Jetzt ist er auch für den britischen Booker Prize nominiert. Die Originalausgabe hat sich eine Million Mal verkauft, derzeit wird das Buch in 35 Sprachen übersetzt. Dabei ist die Rezeption keinesfalls als politische Kurzschlussreaktion zu sehen - das Buch erschien in der Prä-Trump-Ära.

Zu Kopf steigt ihm der Erfolg nicht. Lieber witzelt Whitehead darüber, als so etwas wie Bedeutsamkeit auch nur im Ansatz zuzulassen. Über seinen Tick etwa, mechanische Transportwege zu literarisieren. Sein erster Roman handelte von einer Fahrstuhlinspektorin, sein zweiter, "John Henry Days", von einer Tunnelbohrmaschine. Und natürlich will er damit eine Struktur, die gesellschaftliche Systeme definiert, visualisieren. In "Underground Railroad" ermöglicht es erst die Transitmetapher, das Geschehen seinem zeitlichen Rahmen zu entziehen. Aber auch, dass der ehemalige Popkritiker der "Village Voice" sich im Buch jener ironisch-distanzierten Sicht auf die Welt enthält, die im Gespräch manchmal aufblitzt, holt den Leser so nah an den Stoff heran, dass es weh tut.

Tatsächlich habe er viel spekulativer begonnen, räumt er ein. Und erzählt, wie er die einzelnen Stationen ursprünglich wie in einem Science-Fiction nicht nur jeweils an einen anderen Ort, sondern auch in eine andere Zeit führen wollte - was an seine früheren Bücher erinnert. Doch er hat den Gedanken fallenlassen, weil es ihm "irgendwann um zu viel ging". So ein Roman ist auch eine Reise in die eigene Familiengeschichte, über die Whitehead erschreckend wenig wusste. Seine Mutter entstammt freien Tabakfarmern aus Virginia, sein Vater kommt aus Florida. Viel mehr fand er nicht heraus. Was aber bedeutet es für all jene Amerikaner, dass sich der Grund ihrer Geschichte durch ein Menschheitsverbrechen so rasch im Diffusen verliert, während andere ihren Stammbaum über Generationen zurückverfolgen können? Das lasse sich nicht verallgemeinern, entgegnet Whitehead: "Wir sind vierzig Millionen, alles Individuen, so etwas wie schwarze Identität, das gibt es nicht".

Aber natürlich wird sein Roman auch als Kontrapunkt zur all American story gelesen, in der auf Mut und Kampf stets die Belohnung folgt. Cora lernt stattdessen, dass die Zukunft nicht allen im promised land versprochen ist. Die Auswirkungen der Sklavenzeit wirkten bis heute nach, aber "man muss gar nicht so weit zurückgehen, um über die Traumata der Schwarzen zu sprechen", sagt Colson Whitehead jetzt überraschend ernst. "Schauen Sie sich doch nur einmal um: Sehen Sie Schwarze in der Regierung? Im Vorstand eines großes Unternehmens?" Diskriminierung sei gegenwärtig, ihr Wesen heimtückisch: "Selbst der größte Rassist des Landes liebt Michael Jackson!", entfährt es ihm.

Freiheit als erlösendes Finale ist mit ihm deshalb nicht zu haben. Auch nicht im Roman. Schutz wird dort nur temporär gewährt, bei Familien, die ihr Leben riskieren, in Kommunen, die dem Erdboden gleichgemacht werden. Cora wird auch ihre Mutter nicht finden, nur der Leser erfährt, wie deren Geschichte zu Ende ging. Und wenn in den klassischen Sklavenromanen der Gerettete am Ende lesen lernt, das fast schon sakrale Versprechen auf Freiheit, so wendet Whitehead dieses Stereotyp neu: Als Cora das Wort "Optimist" zu lesen versucht, versteht sie es nicht. Ob er Pessimist sei, frage ich zuletzt, als er schon im Aufbruch ist. Nein, sagt er, er sei Realist. Dann steht er auf. Er hat einen Zug zu bekommen. Richtung Long Island. Dort warten Frau und Kinder am Strand. Auch das ist Colson Whitehead: ein Familienvater.

SANDRA KEGEL

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"Es ist der große Roman über die Sklaverei in Amerika, aber er ist auch mehr als das. ... Eine historisch akribische Aufarbeitung. ... Ich kann mir niemanden vorstellen, der ungerührt aus dieser Lektüre herauskommt." Martin Ebel, SRF Literaturclub, 05.09.17 "Das Wissen über die Sklaverei, das Colson Whitehead einem aufbürdet, verändert einen." Rüdiger Safranski, SRF Literaturclub, 05.09.17 "Atemberaubend vermischt Colson Whitehead Fakten und Fiktion der Sklavenflucht." Berthold Seewald, Welt am Sonntag, 03.09.17 "Mit 'Underground Railroad' ist Whitehead etwas Großes gelungen: literarisch zu verdichten, wie die Folgen der Sklaverei Amerika bis heute zerreißen. Ein Roadmovie in die amerikanische Finsternis." Brigitte Kleine, ARD titel, thesen, temperamente, 27.08.17 "'Underground Railroad' ist der Roman für diesen Moment, es ist das Buch, um den andauernden amerikanischen Bürgerkrieg zu verstehen, Trump und Charlottesville und die ökonomische und emotionale Versklavung der Schwarzen, die doppelte und dreifache Schuld der Weißen. ... Whitehead gelingt in diesem Buch das Besondere, er verbindet die Klarheit einer sehr gegenwärtigen Sprache mit der Vergangenheit, die er greifbar macht, verständlich und damit auch politisch zugänglich." Georg Diez, DER SPIEGEL, 35/2017 "Der historische Roman ist hochaktuell. Nur vor dem Hintergrund, der Sklaverei lässt sich der heutige Rassismus wirklich verstehen, der sich über Generationen eingeschrieben hat ins Erbgut der weißen wie der schwarzen Amerikaner. Und wohl nur dann überwunden werden kann, wenn man sich traut, dem Damals wie dem Heute ins brutale und ins gebrochene Auge zu schauen.Wie Colson Whitehead es tut." Gabriele von Arnim, Deutschlandfunk Kultur, 23.08.17 "Colson Whitehead will eine andere Perspektive auf die Geschichte der Sklaverei eröffnen, die bislang vor allem von Weißen geschrieben wurde. Mit 'Underground Railroad' ist ihm das auf fulminante Art gelungen." Christian Schröder, Der Tagesspiegel, 22.08.17 "Der Roman erzählt derart berührend intensiv von jenen Wurzeln, aus denen das Ausmaß des verhärteten Rassismus in den USA heute wuchs, dass danach alles, was unter Trump an die Oberfläche kochte, klarer verortet werden kann. ... Absolut unverzichtbar, um den Horror des Vorgestern zu fassen zu bekommen, und somit zu begreifen, wie dünn die Tünche ist in der Gegenwart." Anne Haeming, SPIEGEL online, 22.08.17 "Whiteheads Stärken liegen in der Formulierungskunst, die Ungeheuerliches immer wieder in einzelnen Sätzen verdichtet. In der Lakonie, die das Schreckliche verdichtet, in der Üppigkeit, die das Schöne ausmalt - Letzteres meist nur in der Vorstellung, im Traum. Sie liegen in der Struktur des Romans, der Porträt- mit Staatenkapitel wechselt, der Road Novel mit Verfolgungsjagd und Stationendrama kombiniert." Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 21.08.17 "Wie oft war die Rede von der 'Great American Novel', die angeblich niemand mehr zu schreiben imstande sei, weil es zu kompliziert sein, Geschichte und Gegenwart in eins zu setzen und zu fiktionalisieren. 'Underground Railroad' ist nichts weniger als ein Meisterwerk, ein Roman, dessen historische Implikationen natürlich Schatten auf heute werfen." Julian Weber, Die Tageszeitung, 21.08.17 "'Underground Railroad' ist eindeutig große Literatur, die ins Jetzt hineinragt: Wer verstehen will, wie es zu Auswüchsen wie jüngst in Charlottesville kommen konnte, greife zu diesem Buch." Christoph Schröder, Frankfurter Rundschau, 21.08.17 "Ein überwältigender Roman... Die Geschichte der Sklaverei ist nicht abgeschlossen. Ihre Folgen durchziehen bis heute den amerikanischen Alltag. So muss man dieses Buch lesen, das Erzählungen, Erfahrungen und Erinnerungen aus dreieinhalb Jahrhunderten in sich aufgenommen hat und als neue, alle Spuren berührende und zusammenführende Geschichte vor uns steht, als The Great American Novel." Verena Lueken, Frankfurter Allgemeine Sonntagszei…mehr