Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Bücherliese


Bewertungen

Insgesamt 13 Bewertungen
12
Bewertung vom 02.10.2017
Der gefährlichste Ort der Welt
Johnson, Lindsey Lee

Der gefährlichste Ort der Welt


gut

Calista Broderick und ihre Freunde leben in Mill Valley, einer Kleinstadt über der Bucht von San Francisco. Reich, verträumt, ein kleines Paradies. Gerade ins Teenageralter gekommen, werden erste zarte zwischenmenschliche Bande geknüpft und natürlich auch über die Stränge geschlagen. Cally hängt mit ihren Freundinnen Abigail und Emma ab, das Leben hält alle Wege für sie offen und dann erhält sie einen Brief. Tristan Bloch, Außenseiter in allen Lebenslagen, gesteht Cally seine Liebe. Als die Zeilen auf Facebook gepostet werden, fühlt sich Tristan verraten, steigt auf sein Fahrrad und radelt auf die Golden Gate Bridge. Fünf Jahre später treffen wir Calista und ihre Freunde wieder.
„Der gefährlichste Ort der Welt“ hat sich leider auch als etwas fad herausgestellt. Nach einem gelungenen und sensibel erzählten Auftakt verlief sich die Geschichte leider im Sande. Die einzelnen Kapitel waren in der Hauptsache einer Person gewidmet und sie glichen sich sehr. Jedes Klischee nicht nur amerikanischer Teenager wurde erfüllt: faul in der Schule, Drogen, Alkohol, mit Papis teurem BMW durch die Straßen heizen. Langweilig? Ja, so würde ich es wohl beschreiben. Der Brief und dessen Folgen hätten dem Roman viel Substanz verleihen können. Hier ist es aber nicht gelungen, eine durchgehende Verbindung zu knüpfen. Schade, denn erzählen kann Lindsey Lee Johnson gut, inhaltlich konnte mich des Buch aber nicht überzeugen.

Bewertung vom 02.10.2017
QualityLand Bd.1 (graue Ausgabe)
Kling, Marc-Uwe

QualityLand Bd.1 (graue Ausgabe)


ausgezeichnet

Qualityland. Das Land der Superlativen, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. QualityPartner, die weltgrößte Datingplattform, Everybody, das weltgrößte soziale Netzwerk, und TheShop, der weltweit beliebteste Versandhändler, bilden ein Dreigestirn der Glückseligkeit. Kein Wunsch bleibt unerfüllt, mag er auch noch unbewusst geäußert sein. Man muss nur wollen. Die Menschen werden in unterschiedliche Levelstufen eingeteilt. Von 2 bis 99 ist alles möglich, man muss sich nur anstrengen, im Strom nach oben schwimmen. Peter Arbeitsloser will das nicht mehr. Einst ausgebildet, um Maschinen und Anlagen instandzusetzen, hat ihm das Konsumschutzgesetz, das auch Reparaturen jeglicher Art verbietet, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt ist er, der als Familiennamen den Beruf seines Vaters tragen muss, Maschinenverschrotter und im Level 10 trennt ihn auch nur noch ein Level von den Nutzlosen. Nutzlose warten länger beim Arzt, auf den Drohnenanflug des Versandhandels und dürfen jederzeit auch ohne Anlass von der Polizei kontrolliert werden. Und während der Leser mit Peter Arbeitsloser die Gesellschaft von unten betrachtet, zeigt ihm „Qualityland“ auch die Vogelperspektive. Wahlen stehen an und die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft ziehen die Strippen. Conrad Koch, der Ängste vor Überfremdung schürt, will das weltweit beliebteste Land ebenso regieren, wie John of US, Kandidat der Fortschrittspartei. Aber John of US ist kein Mensch wie jeder andere, John of Us ist Androide.
„Ein verblüffende Zukunftssatire über die Verheißung und die Fallstricke der Digitalisierung.“ heißt es gleich auf der Innenklappe des Buches. Liest man „Qualitiyland“, und das kann ich guten Gewissens nur raten, wird man immer wieder merken, wie nah wir diesem Szenario schon gekommen sind. Amazon, Facebook & Co. lassen herzlich grüßen. Personifizierte Nachrichten und Werbung, Konsumgüter, die einfach weggeschmissen werden, weil die Reparatur sich nicht lohnt, endlose Kundendienstwarteschleifen, Löhne, die ihren Namen so gar nicht verdient haben, und Politik, der man kaum noch Glauben schenken kann … Erschreckend ist wohl die am ehesten zutreffende Beschreibung der Geschichte. Und doch habe ich Tränen gelacht und meine Mitmenschen mit spontanen Lesestellen beglückt. Natürlich gibt es nicht nur John of Us, den Androiden, sondern auch selbst fahrende und sprechende Autos, Drohnen, die schmollig werden, wenn sie bei der Paketzustellung nicht bewertet werden und noch jede Menge andere technische Spielereien, die dem ganzen Buch die Spur Science-Fiction einhaucht, die dem Roman die nötige Distanz zu einer Verschwörungstheorie gibt. Gesellschaftskritik verpackt in großartigen Wortwitz. Und ein Mal linst sogar das Känguru um die Ecke … ;-) Ab in den Buchladen!

Bewertung vom 06.09.2017
In tiefen Schluchten / Tori Godon Bd.1
Chaplet, Anne

In tiefen Schluchten / Tori Godon Bd.1


weniger gut

Tori Codon, 42 Jahre alt, Patentanwältin im Ruhestand und verwitwet, lebt im Süden Frankreichs. Am Fuße der Cevennen haben ihr Mann Carl, der an einem Hirntumor erkrankt war, und sie ein Haus gefunden. In direkter Nachbarschaft zur Kirche scheint es das älteste Haus im kleinen Dorf Belleville zu sein. Nach dem Tod Carls versucht Tori nun, sich in die Dorfgemeinschaft einzufügen. Als ein holländischer Urlauber verschwindet und sich scheinbar niemand für seinen Verbleib interessiert, wird Tori stutzig. Bald darauf stürzt einer der ältesten Einwohner unglücklich die Kellertreppe hinab und stirbt, nachdem er Andeutungen über ein lange gehütetes Geheimnis rund um die Einwohner von Belleville gemacht hat. Zufall?
Anne Chaplet ist es mit ganz besonders detaillierten Beschreibungen über die Landschaft, die reiche Pflanzenvielfalt und die rauen Charaktere der Menschen gelungen, mich in die Geschichte zu ziehen. Man spürt förmlich die Liebe zur Gegend, ein persönlicher Bezug wird auch im Dankeswort erwähnt. Ebenfalls eine Besonderheit des Buches sind die vielen geschichtlichen Informationen. Die Hugenotten waren ein Thema ebenso wie der Zweite Weltkrieg und die Besetzung Frankreichs. Aber genau diese geschichtlichen Hintergründe haben „In tiefen Schluchten“ weit weg vom Genre Krimi gedrängt. Es gab Geheimnisse, die um jeden Preis gehütet werden sollten, es gab Tote, die im Zusammenhang mit der Vergangenheit standen und es gab sicher auch spannende Momente, aber ein Kriminalroman ist dieses Buch nicht. Hier hat man sowohl mit dem Untertitel als auch mit dem Klappentext wohl weder der Autorin noch den künftigen Lesern einen Gefallen getan. In die Irre geleitet, wird es mit Sicherheit für die ein oder andere Enttäuschung sorgen. Für Liebhaber Frankreichs und geschichtlicher Hintergrundinformationen ist dieses Buch sicher zu empfehlen. Freunde der Kriminalliteratur sollten ein anderes Buch wählen.

Bewertung vom 01.09.2017
Underground Railroad
Whitehead, Colson

Underground Railroad


ausgezeichnet

„Irgendwo, vor Jahren, war sie vom Pfad des abgekommen und fand nicht mehr zur Menschenfamilie zurück.“ Cora wurde schon als Sklavin geboren. Bereits ihre Großmutter Ajaary und ihre Mutter Mabel waren Unfreie gewesen. Ajaary war längst tot, Mabel gelang vor Jahren die Flucht von der Farm und Cora blieb als kleines Mädchen auf sich allein gestellt auf der Baumwollplantage zurück. Die harte Arbeit auf der Plantage, der ständige Kampf um das kleine Stück Land, auf dem sie Rüben und Wurzeln zog, um ihre karge Nahrung aufzubessern, und die Einsamkeit hatten Cora zu einer Einzelgängerin gemacht. Jahre später trifft sie auf Caesar. Nach dem Tod seiner früheren Besitzerin war er als neuer Farmsklave gekauft worden und plante seine Flucht. Gemeinsam mit Cora wollte er mit der Railroad, der unterirdischen Eisenbahn, die, von wem auch immer gebaut, über ein Netz aus geheimen Stationen verfügte und deren Helfer Leibeigenen zur Flucht verhalfen, in die Freiheit aufbrechen. Ein gefährliches Unterfangen, denn Sklaven waren lebenslang Eigentum ihrer Besitzer und kein Aufwand war zu hoch, um sie zurück zu bringen.
In anschaulichen Bildern erzählt Colson Whitehead über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit, die Sklaverei. Unterdrückung, schwere körperliche Misshandlungen, die Hatz auf entlaufene Sklaven durch Häscher werden thematisiert und durch die Geschichte von Cora zum Leben erweckt. Als roter Faden durch den Roman zieht sich neben ihr auch der Sklavenjäger Rideway. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt durch die Rückbringung Geflohener. Gnadenlos und brutal jagt er Cora, nachdem ihm schon ihre Mutter Mabel entwischt war. Cora ist eine starke und unerschütterliche Frau. Überhaupt fällt im Roman auf, dass wenig auf weiche Emotionen gesetzt wird. Das Leben dieser Zeit ist unerbittlich und so hat es auch die Menschen hart gemacht. Whitehead erzählt interessant und spannend von Rasseunterschieden, der „Farbigenfrage“ und vom Abolitionismus, dem Kampf für die Abschaffung der Sklaverei. Ohne Rücksichtnahme wurde jeder, der Sklaven versteckt hat oder auch nur Schriften, die sich gegen die Sklaverei aussprachen, besaß, am nächsten Baum aufgeknüpft. Ebenso wie die Bestrafung der Sklaven wurde dies in einem Volksfestcharakter gehalten. Trotz ihrer Flucht fühlte sich Cora weiter in Gefangenschaft. Versteckt, gehetzt, von ständig drohendem Denunziantentum in die Enge gedrängt, die Lebensbedingungen anders, aber nicht besser.
Ein eindringlicher Roman ist „Underground Railroad“ und eines der, wenn nicht das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Vielleicht ist nicht jedes Buch, das mit einem Preis ausgezeichnet wurde, ein besonderes Buch. Das Buch, das den Pulitzerpreis 2017 erhalten hat, ist es aber auf jeden Fall. Ich möchte diesen Roman unbedingt empfehlen!

Bewertung vom 01.09.2017
Der Vater, der vom Himmel fiel
Henderson, J. Paul

Der Vater, der vom Himmel fiel


ausgezeichnet

„Schön, dass wir uns noch mal gesehen haben, Junge. Dass wir noch mal miteinander reden konnten. Solange man am Leben ist, denkt man immer, man hätte noch ewig Zeit, um mit anderen Menschen zu reden.“ Lyle ist 83 Jahre alt, als er auf dem Weg zum günstigeren Schokoriegel über die Straße schlurft und es zum tödlichen Zusammenprall mit einem Bus kommt. Beim Check-in im Himmel kommt es dann zu einer Verwechslung mit einem Namensvetter aus Amerika. Bedauerlich, aber natürlich könne es zu Fehlern kommen. Gern wäre man aber bereit, ihm als kleine Entschuldigung einen nochmaligen Besuch auf der Erde zu ermöglichen. Zwei Bedingungen: Nur an einem von ihm bestimmten Ort darf er sich aufhalten und nur einer Person kann er in diesen zwanzig Tagen begegnen. Lyle entscheidet sich für sein bisheriges Zuhause und seinen jüngeren Sohn Greg, das schwarze Schaf der Familie. Ein durchaus willkommenes Angebot für Lyle, denn ein, zwei Angelegenheiten gibt es schon noch zu klären. Schließlich kam Gevatter Tod doch sehr überraschend.
Auf dem Klappentext heißt es: „Eine wunderbar menschliche Geschichte über durchgeknallte Typen in rebellischer Grundstimmung. Erzählt auf dem schmalen Grat zwischen großer Komik, bittersüßer Trauer und tiefstem Ernst.“ Ich könnte das jetzt in meine eigenen Worte fassen, aber besser würde ich es auch nicht sagen können. Auch mit seinem zweiten Roman hat Henderson mich wieder mit einem wunderbar englischen Humor ausgezeichnet unterhalten und dabei das Thema aufgegriffen, was unser aller Leben nie langweilig werden lässt. Die Familie. Seit sieben Jahren hatten die Söhne Lyles keinen Kontakt mehr miteinander. Der Streit über die Farbgebung einer Regenrinne ließ nur noch den wechselseitigen Austausch von Weihnachts- und Geburtstagskarten zu. Billy, der ältere seiner beiden Söhne und mit der zänkischen Jean verheiratet, und Onkel Frank, Lyles kauziger Bruder, hauchen der skurrilen Geschichte mit ihren verborgenen Wünschen und Problemen Leben ein. Über Liebe wird in dieser Familie nicht gesprochen, heißt es an einer Stelle im Buch, man bekäme dann immer das Gefühl, es wäre etwas Schlimmes passiert. Und so leben alle nebeneinander her und scheinen ein wenig seltsam zu sein. Natürlich hält das Leben auch für Greg noch eine ganz besondere Überraschung bereit. Für ganz besonders gelungen fand ich Onkel Franks Dispute mit Reverend Tinkler über die Bibel. War Jesus wirklich so besonders? Passten tatsächlich alle Tiere auf die Arche Noah? Und wie wurden sie versorgt? „Sie haben die Bibel aber schon gelesen, oder?“ Eine wunderbar menschliche Geschichte, die ich sehr gern weiterempfehle!

Bewertung vom 28.08.2017
Ermordung des Glücks / Jakob Franck Bd.2
Ani, Friedrich

Ermordung des Glücks / Jakob Franck Bd.2


ausgezeichnet

Vierunddreißig endlos lange Tage sind vergangen, seit der 11-jährige Lennard Grabbe von der Schule nicht nach Hause kam. Vierunddreißig endlos lange Tage und an jedem einzelnen haben die Eltern gehofft, dass ihr Sohn plötzlich wieder vor der Tür stünde. Doch nun überbringt Jakob Franck die entsetzliche Nachricht: Lennard wurde tot aufgefunden. Wie Müll in einem Waldstück entsorgt. Jegliche Hoffnung ist dahin. Und auch die Polizei hat wenig Hoffnung, noch verwertbare Spuren zu finden. Was der Regen nicht vernichtet hat, bedeckt inzwischen Schnee. Ein Fall für den ehemaligen Kommissar Jakob Franck.
„Ermordung des Glücks“ ist nach „Der namenlose Tag“ bereits der zweite Band der Reihe um den Kommissar a. D. Jakob Franck. Früher Ermittler bei der Münchener Polizei ist er heute als „polizeilicher Hilfsdienstleister und Zuhörer in Notzeiten“ tätig. Friedrich Ani hat eine sensible, beharrliche Hauptfigur geschaffen, die sich in geduldig durch Protokolle liest, Ermittlungsergebnisse neu bewertet und vor allem mit den Beteiligten spricht. Gedankenfühligkeit heißt das Zauberwort. Viel Raum bleibt für die Entwicklung der Figuren. Die Mutter, die sich völlig verschließt und ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Bruder, Lennards Onkel, hat. Der trägt ein jahrelang gut gehütetes Geheimnis mit sich, von dem er sich reinwaschen möchte. Der Vater, der kurz vor dem Verschwinden seines Jungen eine Entscheidung getroffen hat, und nun in einer Schockstarre verharrt.
Francks Verhältnis zu seinen ehemaligen Kollegen ist schwierig. Schon während seiner aktiven Dienstzeit war er gern als Überbringer schlimmer Nachrichten gesehen und nur allzu gern nimmt man ihn heute noch dafür in Anspruch. Im Gegenzug sind Francks Kritiken an der Polizeiarbeit zu ertragen. Die Tatsache der inoffiziellen Mitarbeit hat mich im gesamten Buch auch immer wieder Zweifeln lassen. Ist so etwas überhaupt möglich? Werden Ermittlungsakten Außenstehenden zugänglich gemacht? Abgesehen davon gefällt mir die Reihe, die durch Sprache und ausführliche Entwicklung der Charaktere auffällt, außerordentlich gut.
Ein Krimi, den man auch als Einzelband lesen kann und den ich durchaus empfehlen möchte!

Bewertung vom 16.08.2017
Finster ist die Nacht / Macy Greeley Bd.3
Salvalaggio, Karin

Finster ist die Nacht / Macy Greeley Bd.3


sehr gut

Der bekannte Radiomoderator Philip Long wurde entführt. Bevor ihm die Flucht gelingt, ruft er bei seiner Frau an, um ein Lebenszeichen zu geben. Das Telefon wird überwacht und Detectiv Macy Greeley ist eine der Polizisten, die sich sofort auf den Weg macht. Doch plötzlich läuft ihr ein Mann aus der Dunkelheit vor den Wagen. Sie weicht aus, überschlägt sich und muss hilflos mit ansehen, wie ein Motorradfahrer angebraust kommt und den Mann, den geflüchteten Philip Long, mit ihrer Waffe erschießt. Wer ist der Mörder? Warum wurde Philip Long entführt? Macy Greeley macht sich auf Spurensuche.
Der Einstieg in „Finster ist die Nacht“ ist rasant und verspricht Spannung. Macy triff es hart, dass der Täter Philip Long mit ihrer eigenen Dienstwaffe erschossen hat. Eine Tatsache, die mir sehr, sehr weit hergeholt schien. Die Waffe fällt, während sich das Auto überschlägt und auf dem Dach in einem Wassergraben landet, aus dem Handschuhfach so auf die Straße, dass der Täter, der den über eine Obstplantage auf die Straße laufenden Moderator mit einem Geländemotorrad jagd, diese mühelos in nebliger Nacht und Dunkelheit aufheben und zielgerichtet schießen kann. Peng! Und der Mörder fährt davon. Wir sind in dem Städtchen Montana, in dem niemand so recht etwas sagen will, dafür Waffen und Drogen eine Rolle spielen.
Nach dem Auftakt kommt der Krimi, der bereits der dritte Teil um die Ermittlerin Macy Greeley ist, dann aber in ein solides Fahrwasser. Emma Long, die Tochter des Getöteten, gibt Einblicke in das Leben ihres Vaters und bringt Hinweise auf ein mögliches Motiv. Auch wenn relativ viele Personen im Spiel sind, bleibt die ganze Sache übersichtlich und interessant. Macy, alleinerziehende Mutter eines fast dreijährigen Sohnes und beziehungsgestört, hat Karin Salvalaggio genau das Maß an Privatleben mitgegeben, das bei mir noch auf Interesse stößt. Ihr Kind hat sie gemeinsam mit ihrem früheren Vorgesetzten. Der sitzt inzwischen als verurteilter Straftäter für lange Zeit im Gefängnis. Die Hintergründe waren für diesen Fall nicht wichtig und sind leider auch nicht verraten worden. Mich hat es aber neugierig genug gemacht, um nach dem ersten und dem zweiten Teil der Reihe Ausschau zu halten.

Bewertung vom 15.08.2017
Sonntags in Trondheim / Die Lügenhaus-Serie Bd.4
Ragde, Anne B.

Sonntags in Trondheim / Die Lügenhaus-Serie Bd.4


ausgezeichnet

Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit das unglaubliche Geheimnis der Neshovs gelüftet wurde. Der Hof, der die Familie einst ernährte, liegt brach und verfällt. Jeder geht seine eigenen Wege und man ist sich fremd geworden, lebt in seiner kleinen Welt. Margido führt immer noch sein Bestattungsunternehmen. Penibel und zuverlässig in seiner Arbeit, zurückgezogen und einsam in seinem Leben. Er kommt gelegentlich noch auf den Hof, nutzt einen Teil der Scheune als Sarglager. Ein schon beinahe symbolisches Bild für die Familie. Erlend, der zweite Sohn, ist immer noch glücklich mit seinem Mann Krumme. Inzwischen sind die Kinder, die sie mit dem lesbischen Paar Jytte und Lizzi gezeugt haben, geboren. Leon und die Zwillinge Ellen und Nora sind inzwischen drei Jahre alt und ergänzen die beiden Paare zu einer wahrhaft faszinierenden siebenköpfigen Familie. Torunn, die Tochter des dritten, bereits verstorbenen Bruders Tor, lebt noch mit Christer, dem Schlittenhundezüchter, der sich die Nächte erfolgreich mit Aktienhandel um die Ohren schlägt, zusammen. Längst ist es nur noch eine Zweckgemeinschaft und Torunn auf dem Absprung.
Anne B. Ragde bringt die Neshovs wieder zurück und ich habe mich selten über den vierten Teil einer Trilogie gefreut wie über „Sonntags in Trondheim“. Besonders hat es mir schon von Beginn an Erlend angetan. Dieser Mann ist einfach unglaublich. Unglaublich unterhaltsam, unglaublich hysterisch, unglaublich komisch, unglaublich liebevoll. In den Hörbüchern der ersten drei Teile wird er ganz großartig von Gustav Peter Wöhler gesprochen. Aber auch bei allen anderen Figuren wird der Charakter ganz sorgsam eingefangen: Der beinahe depressive Margido, die trotzende Torunn. Natürlich ist auch Tormod, der Alte, drei Jahre später noch in der Geschichte zu finden. Auch ihn, dem das Geheimnis am meisten zugesetzt hat, hat Anne B. Ragde seinen Platz finden lassen.
Gut gelungen finde ich die ganz vorsichtigen Fäden, die zu den ersten drei Büchern hin gesponnen werden. Es werden ganz geschickt die notwendigsten Informationen der Vorgeschichte eingeflochten, so dass man „Sonntags in Trondheim“ auch sehr gut als Einzelbuch lesen kann. ABER: Ich wüsste nicht, warum man auf „Das Lügenhaus“, „Einsiedlerkrebse“ und „Hitzewelle“ verzichten sollte. Wenn ich jemals in einem Roman zu Gast sein dürfte, wäre ich mittendrin bei Familie Neshovs. Ich hoffe sehr, dass diese Trilogie auch noch durch einen fünften Teil ergänzt wird!

Bewertung vom 12.08.2017
Wildeule / Gesine Cordes Bd.3
Wieners, Annette

Wildeule / Gesine Cordes Bd.3


sehr gut

Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes ist erstaunt. Die pompösen Gestecke und Kränze, das riesige Herz aus Rosen, das auf dem Boden vor dem Sarg ausgebreitet ist. Sie hatte mit einer Beerdigung für eine prominente Persönlichkeit gerechnet. Viele Menschen, gar den Auftritt der Presse hatte die zurückgezogen lebende ehemalige Kommissarin befürchtet. Doch nur ein einziger Trauernder hatte sich eingefunden. Und der Bruder der Verstorbenen weilt nur widerwillig den Trauerfeierlichkeiten bei. Als der Sarg dann in Richtung Grabstätte geleitet wird, fallen Gesine zunächst die klappernden Scharniere am Sarg auf. Ein Blick in den Sarg bringt Unglaubliches ans Licht: Im Sarg liegt der Bestattungsunternehmer Carsten Schellhorn. Wo ist Madeleine Jablin, die eigentlich beerdigt werden sollte? Ganz schnell gerät Gesines Freund Hannes als einer der Konkurrenten Schellhorns in Verdacht.
Im mittlerweile dritten Fall ermittelt Gesine Cordes. Auch dieser Fall hat natürlich wieder einen unmittelbaren Bezug zum Friedhof, dessen düstere Atmosphäre sehr gut mit dem menschenscheuen Wesen Gesines harmoniert. Die Friedhofsgärtnerin war bis vor zehn Jahren selbst Kommissarin bei der Kriminalpolizei. Dann kam ihr kleiner Sohn ums Leben. Er hatte, kurze Zeit unaufsichtigt, im Garten der Eltern giftige Pflanzen gegessen und jede Hilfe kam zu spät. Für Gesine folgte der Absturz und Jahre später ein Neuanfang als Friedhofsgärtnerin. In diesem Fall beginnt sie sich mehr und mehr zu öffnen, immerhin ist ihr bester Freund Hannes mit schweren Vorwürfen belastet. Das bekommt der Reihe auch sehr gut, die ewig zurückgezogene Friedhofsgärtnerin wäre auf Dauer auch schwer zu ertragen. Auch die aktuelle Ermittlerin Marina Olbert bekommt eine größere Rolle zugeschrieben. Sie bringt einen angenehmen ironischen Ton mit ins Spiel, der eine feine Balance zur dunklen Friedhofsstimmung bringt. Gemeinsam machen sich die beiden Frauen auf Spurensuche. Madeleine Jablin und der Mörder von Carsten Schellhorn wollen gefunden werden und es gibt weitere unliebsame Zwischenfälle. Interessant sind die Einblicke in das Bestattungswesen, einem scheinbar in sich geschlossenen System, in dem sich niemand gern in die Karten schauen lässt. Und natürlich muss noch das Notizbuch über giftige Pflanzen, das Gesine seit dem tragischen Unglück akribisch führt, erwähnt werden. Das macht die Reihe wirklich besonders. In loser Folge finden sich Einträge zwischen den Kapiteln wieder. Von vielen Pflanzen, die ich auf dem Fensterbrett stehen habe oder die direkt hinterm Haus wachsen, wusste ich gar nicht, dass sie giftig sind. Ein solider Krimi, den man in der Reihenfolge oder auch als Einzelband lesen kann.

Bewertung vom 12.08.2017
Der Sandmaler
Mankell, Henning

Der Sandmaler


ausgezeichnet

„Die Engländer hatten ihre koloniale Arbeit gut gemacht. Sie hatten ein Land an Afrikas Westküste in hoffnungsloser Armut und Misere hinterlassen. … Die koloniale Unterdrückung hatte keine Rücksicht auf die Menschen genommen, durch deren Arbeit die Engländer ihren Reichtum vermehrten. Man hatte die Rohstoffe des Landes geplündert, die billigen Arbeitskräfte ausgebeutet, und dabei in Sicherheit gelebt, weil man Bildung und Wissen unterband.“ Henning Mankell reist 1971 das erste Mal nach Afrika und schreibt kurze Zeit darauf seinen Roman „Der Sandmaler“.
Elisabeth und Stefan haben gerade die Schule beendet und sich beide noch nicht für ihren weiteren Weg entschieden. Er ist ein Kind reicher Eltern und jobbt im Betrieb des Vaters. Sie lebt in ärmlicheren Verhältnissen mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester, die wegen einer Behinderung ständiger Pflege bedarf und ist sozial engagiert. Zufällig treffen sich die beiden, die eine kurze Affäre während Schulzeit verband, auf dem Flughafen auf der Reise nach Afrika. Schnell wird klar: Sie kommen nicht nur aus unterschiedlichen sozialen Schichten, sie könnten auch ungleicher nicht sein. Stefan ist oberflächlich, herablassend und stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Elisabeth zurückhaltend, beinahe ängstlich, mitfühlend und hat immer ihre Umwelt im Blick. Und so wundert es auch nicht, dass Stefan während des Aufenthalts in Afrika nur schwer für das Land zu begeistern ist, sondern sich dem Alkohol und der Jagd nach den weiblichen Bewohnern des Landes widmet, während Elisabeth sich vorsichtig auf die Spuren Afrikas hinter der Touristenkulisse begibt. Ein Afrika, das sie überrascht und aufrüttelt.
Für mich war es der erste Roman von Mankell und ich bin ganz angetan. Seine Worte fließen zu einer Erzählung, seine Figuren sind sorgsam gezeichnet und reiben sich vorsichtig aneinander. Eingeflochten über eine Nebenfigur sind im Roman Details über die Entwicklung Afrikas, die die Geschichte nicht einfach nur dahinplätschern lassen. Beeindruckend war für mich auch der kleine Afrikaner Ndou, der Elisabeth sein Afrika gezeigt hat, das abseits von allen mitteleuropäischen Vorstellungen liegt. Ein kleiner, feiner Roman, den ich gern empfehle.

12