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In seinem Kultbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In "Homo Deus" stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen - schöpferische wie zerstörerische - und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom…mehr

Produktbeschreibung
In seinem Kultbuch Eine kurze Geschichte der Menschheit erklärte Yuval Noah Harari, wie unsere Spezies die Erde erobern konnte. In "Homo Deus" stößt er vor in eine noch verborgene Welt: die Zukunft. Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen - schöpferische wie zerstörerische - und das Leben selbst auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben? Wie wird es dem Homo Sapiens ergehen, wenn er einen technikverstärkten Homo Deus erschafft, der sich vom heutigen Menschen deutlicher unterscheidet als dieser vom Neandertaler? Was bleibt von uns und der modernen Religion des Humanismus, wenn wir Maschinen konstruieren, die alles besser können als wir? In unserer Gier nach Gesundheit, Glück und Macht könnten wir uns ganz allmählich so weit verändern, bis wir schließlich keine Menschen mehr sind.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 576
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 576 S. mit 57 teils farbigen Abbildungen. 217 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 154mm x 42mm
  • Gewicht: 890g
  • ISBN-13: 9783406704017
  • ISBN-10: 3406704018
  • Best.Nr.: 45621673
Autorenporträt
Yuval Harari, geboren 1976, ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem. Er hat sich auf Universalgeschichte spezialisiert und veröffentlicht eine regelmäßige Kolumne in "Haaretz". Im November 2012 wurde Harari mit 25 weiteren Nachwuchswissenschaftlern in die neugegründete "Junge israelische Akademie der Wissenschaften" gewählt.
Inhaltsangabe
Kapitel 1 Die neue menschliche Agenda

Teil I: Homo sapiens erobert die Welt

Kapitel 2 Das Anthropozän

Kapitel 3 Der menschliche Funke

Teil II: Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn

Kapitel 4 Die Geschichtenerzähler

Kapitel 5 Das seltsame Paar

Kapitel 6 Der moderne Pakt

Kapitel 7 Die humanistische Revolution

Teil III: Homo sapiens verliert die Kontrolle

Kapitel 8 Die Zeitbombe im Labor

Kapitel 9 Die große Entkopplung

Kapitel 10 Der Ozean des Bewusstseins

Kapitel 11 Die Datenreligion

Danksagung

Anmerkungen

Bildnachweis

Register
Rezensionen
Besprechung von 21.03.2017
Die allerjüngste Zukunft
Und warum sie noch viel lernen muss: Yuval Noah Hararis rasante Prophetie „Homo Deus“ hält sich fern von der Philosophie
Dass die Menschheit vor entscheidenden Durchbrüchen stehe, dass sie bald die schlimmsten Krankheiten besiegen, die organische Alterung aufhalten, mechanische Arbeiten überflüssig machen, mit gigantischen elektronischen Rechenleistungen die Gesellschaft steuern und Kriege von blutigen Schlächtereien in technische Entwaffnung verwandeln könne; dass der Mensch selbst optimierbar sei, durch genetische Ummodelung, psychopharmakologische Unterstützung, durch Verbindung von organischer mit künstlicher Intelligenz, dass er gottgleich ins Räderwerk der Natur eingreifen werde – dergleichen liest man öfter. Aber meistens sind es Naturwissenschaftler, Technikutopisten, die solche Hochrechnungen von aktuellen Fortschritten auf die Zukunft vornehmen.
Als Historiker kann man das mit Interesse lesen und sich doch zurücklehnen: Wie viel vergangene Zukunft ist nicht schon den Zeitenbach heruntergegangen! Meist war sie ein kurioser Mix aus partiellem Scharfsinn und vollkommenem Danebenliegen. Das Industriezeitalter imaginierte seine Zukunft industriell, nur umfassender. Die Neuordnung der Welt in global vernetzten Algorithmen sah kaum jemand, bevor sie da war. Noch vor einem Vierteljahrhundert war sie unvorstellbar, obwohl alle Elemente längst bereitlagen.
Yuval Noah Harari aber ist kein Technikfreak, sondern Historiker. Er ist ein Vertreter der jungen Disziplin der „Big History“, die Naturwissenschaft und Menschheitsgeschichte überspannt, also auch die Zivilisationsgeschichte in eine kosmologische, erst am Ende auch biologische Fluchtlinie bringt. Eine ihrer wichtigsten Fragen lautet, was die Menschen von den anderen Lebewesen unterscheidet. Darum fragt sie auch mit eigener Autorität danach, was die vom Menschen geschaffene Technik mit ihm als Gattung anstellt.
Mit seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, der 2011 in Israel erschien und seither in vierzig Sprachen übersetzt wurde, hat Harari das populärste Buch der „Big History“ überhaupt geschrieben. Dazu ist der 1975 geborene Historiker auch ein seriöser Forscher, vor allem der Kriegsgeschichte Europas seit dem Mittelalter, ein eher konventionelles Forschungsgebiet. Er hat sein Fach also ganz handwerklich gelernt. „Homo Deus“ ist als „Geschichte von Morgen“ das Sequel der Menschheitsgeschichte. Das Buch zeigt, wie der Mensch seine Umwelt als ganze übernimmt, am Ende aber von seinen eigenen Schöpfungen verschlungen werden könnte. Auch das ist als Gedankenfigur nicht neu.
Dafür muss Harari einiges aus dem Vorgängerbuch rekapitulieren. Er zeigt, wie es dem Menschen gelungen ist, sich zum Herrn der Erde zu machen und diese in ein riesiges Nutztierlager und Anbaugebiet zu verwandeln. Worauf beruht dieser Vorsprung? Menschen können in anonymen Großgruppen kooperieren, in gigantischen, sozial differenzierten und technisch-wirtschaftlich spezialisierten Verbänden. Man nennt es „Gesellschaften“, ein Begriff, den Harari auffällig meidet. Auch Tiere arbeiten zusammen, aber immer nur in Gruppen auf Hör- und Sichtweite, Menschen aber bilden Städte, Imperien, Nationalstaaten, Firmen. Was für ein Wunder: Ich befolge die schriftlichen Anweisungen einer Finanzbeamtin aus einem fremden Ort, die ich nie sehen werde!
Das gelingt, weil Menschen sich nach einer „kognitiven Revolution“ (gleichzeitig mit der Sesshaftwerdung und dem Übergang vom Wildbeuterdasein zur Agrarwirtschaft), gestützt von Sprache und Schrift, auf „Fiktionen“ wie Götter, Geld, Rechtsvorschriften und vieles mehr einigen konnten, die Umgang und Vertrauen in immer weiteren Kreisen von Fremden ermöglichten. Götter zum Beispiel bedrohen Regelverletzungen mit drakonischen Strafen – Verbände, die an Götter glauben, können Recht durchsetzen, lange bevor sie staatliche Strukturen kennen. Harari bringt diese Gruppenfiktionen in eine Reihe bis zu modernen Einrichtungen wie globalen Unternehmen und, hier beginnt die Zukunft, zu Computeralgorithmen, die demnächst schon Rechtspersonen werden und wie heutige Unternehmen Verträge schließen, Prozesse führen, Hochhäuser oder Gelddepots besitzen könnten.
Harari nennt all das also „Fiktionen“, oft auch „Religionen“, einmal und erst spät „Intersubjektivität“. Das sind begriffliche Vorentscheidungen, die sein rasant geschriebenes Buch selbst wie ein Algorithmus prägen und Gedankenschritte nahelegen, leider solche, die ihm nicht guttun. Schwerblütigere Geschichtsphilosophien und Sozialtheorien haben für die von Harari so schmissig synthetisierten Phänomene längst eine kleinteilige, weit beschreibungsgenauere Terminologie erarbeitet, die vor elementaren Denkfehlern schützt. Hegel etwa sprach vom „objektiven Geist“, Niklas Luhmann von „Kommunikationen“. Beide Denker spalteten das minutiös in Sachgebiete auf, um deren besondere Logiken zu untersuchen. So entstanden eigene Theorien der Politik, des Rechts, der Künste, der Technik und des Geldes.
Für Hararis großräumigen Durchblick aber geht alles viel schneller und einfacher. Der Mensch steht kurz davor, mit den beispiellos leistungsfähigen Algorithmen der künstlichen Intelligenz zu verschmelzen. Glaubte er einst an Götter oder den einen Gott, später an sich selbst – Harari nennt das umstandslos die „humanistische Religion“, alles ist ihm „Religion“ –, so stehe nun in einem kühnen dritten Riesenschritt die nächste „Religion“ bevor, nämlich der „Dataismus“, der Glaube an die selbst gesteuerte Datenverarbeitung.
Auch biologische Organismen seien Daten verarbeitende Algorithmen, nur eben längst nicht so leistungsfähig wie die Supercomputer, an denen wir heute basteln. Mit ihnen aber werde die bisherige Vorstellung von Subjektivität und menschlicher Autonomie hinfällig. Der Mensch erkennt sich als Produkt biochemischer Prozesse, er wird zunehmend ausrechenbar, und bald könnten die Rechenmaschinen selbst das Regime übernehmen – in einem Evolutionsschritt, der die „Big History“ erst richtig big macht, weil sie nun vom mit seiner Nährlösung kommunizierenden Einzeller bis zum von Nanorobotern besiedelten Mensch-Maschine-Cyborg reicht, bald auch den Kosmos einbeziehen könnte.
Fairerweise muss man sagen, dass das in einer kurzen Zusammenfassung deutlich irrsinniger klingt als in Hararis terminologisch schwankenden, gelegentlich sogar reflektiert zweifelnden Darlegungen. Trotzdem bleiben seine Begriffe viel zu grobschlächtige Algorithmen, um seriöse Hochrechnungen zu erlauben. Denn was heißt „Ende des Humanismus“? Marktsubjekte oder Wahlbürger mögen ausrechenbar sein, aber was ist mit den Rückkoppelungen solcher Befunde? Bleibe ich ausrechenbar, wenn ein optimiertes Facebook mir sagt, ich sei es, und meine geheimsten Wünsche offenlegt?
Wie alle technoiden Geschichtsphilosophen tut sich Harari schwer mit dem kaum greifbaren Faktum, das wir „Bewusstsein“ nennen. Mal scheint er der jüngsten Hirnforschung anzuhängen, die den freien Willen bezweifelt, mal schreckt er selbst vor Folgerungen zurück, die wie ein Update des Films „Matrix“ wirken, also doch nur nach jüngstvergangener Zukunft aussehen. Yuval Noah Harari ist so jung und supersmart wie sein Fach: Beide sollten im nächsten Arbeitsgang eine Runde Philosophie einlegen.
GUSTAV SEIBT
Bald kommt der „Dataismus“,
der Glaube an die selbst
gesteuerte Datenverarbeitung
Yuval Noah Harari:
Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. Aus dem
Englischen von Andreas Wirthensohn. Verlag C.H. Beck, München 2017.
576 Seiten, 24,95 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 18.03.2017
Wir Angestellten des großen Google

Was das nächste Ufer bringt: Der Historiker Yuval Noah Harari blickt in die Zukunft des menschlichen Geschlechts und entdeckt dort viele Algorithmen und eine neue Religion.

Von Hannes Hintermeier

Im Jahr 1993 kam Yuval Noah Harari das erste Mal in Kontakt mit dem Internet. Eine Erfahrung, die er mit Millionen von Menschen teilt, die sich früh für die neue Technologie interessierten. Ein Nerd an der Highschool demonstrierte seinen Freunden, wie er seinen PC - nach dem damals obligatorischen "Piepsen, Fiepsen und Summen" - mit dem Zentralrechner der Universität verband. Auf die Frage, was dort zu finden sei, wusste der Pionier keine rechte Antwort. Man könne dort "alle möglichen Dinge ablegen". Das beeindruckte seine Kommilitonen nicht sonderlich, sie gingen lieber Tischtennis spielen und machten sich in den Wochen danach über ihren begeisterten Freund lustig. "Das war vor nicht einmal 25 Jahren", schreibt Harari und fährt fort: "Wer weiß, was in 25 Jahren sein wird?"

Niemand. Aber das hat noch nie jemanden davon abgehalten, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Schon gar nicht einen quirligen Themenverdauer wie den 1976 geborenen Historiker Yuval Noah Harari, der Militärgeschichte zu seinen Spezialdisziplinen zählt. Mit seinem vor vier Jahren auf Deutsch erschienenen Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" landete er einen weltweit beachteten Erfolg. Seither wird er als "Jungstar" - auf dem Sachbuchmarkt setzt der Ruhm meist später ein als in der Belletristik - herumgereicht. Politiker lesen und empfehlen ihn, und mit dem Nachfolgeband "Homo Deus" hat er es auch hierzulande innerhalb kurzer Zeit auf die Bestsellerliste geschafft.

Harari holt tief Luft und verspricht das Unmögliche, für das sich sonst nur Science-Fiction-Autoren und Zukunftsforscher, nicht aber Historiker zuständig fühlen - "Eine Geschichte von Morgen", so der Untertitel. Den an der Hebrew University in Jerusalem lehrenden Autor interessieren die Grenzen seines Faches nicht im Geringsten. Er möchte den Leser an die Hand nehmen, ihm zeigen, wie man groß und neu denkt. Man befasse sich mit Geschichte, "um sich von der Vergangenheit zu befreien und sich andere Ziele auszumalen". Fünfundzwanzig Seiten zuvor hatte er noch behauptet, Wissenschaftler, die versuchten, das Jahr 2100 vorherzusagen, betrieben reine Zeitverschwendung.

Wo Francis Fukuyama 1992 in seinem Welterfolg "Das Ende der Geschichte" den Liberalismus als Sieger über totalitäre Herrschaftsformen ausmachte, ist Harari nicht nur mit dem Liberalismus ganz schnell fertig. Er weiß: "Geschichte duldet kein Vakuum", es geht immer weiter, im Augenblick so schnell wie noch nie zuvor in der Geschichte der Spezies Homo sapiens. Harari will zeigen, dass die Menschheit einen Weg eingeschlagen hat, angesichts dessen Sarrazins deutsche Abschaffungsängste ein Treppenwitz sind.

"Morgen" ist freilich ein dehnbarer Begriff, das wird im Verlauf der mehr als fünfhundert Seiten schnell deutlich. Morgen kann in zwanzig Jahren und vielleicht erst in hundert Jahren sein. Noch leben wir im Anthropozän, aber wir ahnen schon, dass wir mit der Bindung an die Maschinen einen Weg eingeschlagen haben, der uns am Ende überflüssig machen könnte. Harari präsentiert in mehreren Zusammenhängen ein düsteres Bild, in dem er der Menschengattung das Schicksal der Nutztiere prophezeit. Wir nähmen keine Rücksicht auf die subjektiven Bedürfnisse der Tiere; ebenso mies wie wir mit diesen umgingen, werde es uns eines Tages selbst ergehen. Harari ist "vielleicht" überzeugt, wir würden demnächst eine "niedere Lebensform".

Selbstredend haben wir - wie die Nutztiere auch - keine Seele, die hat man schließlich nirgends entdeckt im Körper. Wir wissen wenig bis nichts über Geist und Bewusstsein, falls es so etwas überhaupt geben sollte. Dennoch haben wir einen Vorteil, der uns im Lauf der Evolution an die Spitze gehievt hat: Wir können "viele Menschen miteinander in Verbindung bringen." Hätten wir das nicht gelernt, "würden unsere schlauen Hirne und flinken Hände noch immer Feuersteine spalten und nicht Urankerne."

Eingestreut in diese Demontage-Vorhersage sind viele lehrreiche, gut geschriebene Ausflüge in alle möglichen Wissensgebiete sowie zahlreiche Anekdoten. Der Autor erzählt die Geschichte des Rasens als Statussymbol; er deutet den Zusammenhang von Grillfesten und Orthodoxie; erläutert die Bedeutung der Schwulenparade in Jerusalem; interpretiert den Moment des Umsturzes, als einer der Jubelperser vor dem Palast des rumänischen Diktators Ceausescu beschloss, "Buh" zu rufen. Harari zeigt, wie Bonobos Sex als Deeskalationsstrategie einsetzen; warum wir immer wieder auf Demagogen und erfundene Ordnungen hereinfallen und wie Aristides de Sousa Mendes 30 000 Juden vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten rettete. Er zieht mit den Engländern in den Krieg gegen das Reich des Mahdi im Sudan und versetzt sich auch mal in den Kopf eines jungen englischen Kreuzritters, um "Sinngeflechte" herzustellen.

Mit Gott geht Harari, wie er in der Danksagung vermeldet, "nachsichtig" um. Das liest sich freilich anders, denn Gott, eine Erfindung des Sapiens, ist naturgemäß "tot - es dauert nur eine Weile, den Leichnam loszuwerden". Man glaube nicht an Gott, man glaube in Wirklichkeit an sich selbst. Die Bibel - ein Buch voller Mythen und Irrtümer, ein Buch der Autorität, nicht der Kreativität, eine Innovationsbremse. Religionen insgesamt: Note ungenügend. Der Katholizismus verlange "im Kleingedruckten blinden Gehorsam gegenüber einem ,unfehlbaren' Papst". Judentum und Islam seien einer Vergangenheit verhaftet, die keine Antworten auf Heute und Morgen gebe. Das gelte besonders für den radikalen Islam, dem zur Gegenwart gleich gar keine Strategie einfalle, die auf irgendjemand außerhalb seines Dunstkreises attraktiv wirken könnte.

"Religionen, die den Bezug zu den technologischen Realitäten der Gegenwart verlieren, verlieren ihre Fähigkeit, die Fragen, die gestellt werden, überhaupt zu verstehen." Rabbinern und Muftis sei im zwanzigsten Jahrhundert nichts eingefallen, was sich nur annähernd mit der Entdeckung von Antibiotika, Computern und Feminismus vergleichen könne. Und auch der Humanismus ist eben ein Auslaufmodell.

Immer wieder zieht der Autor Analogieschlüsse, die auf dem Angebot-Nachfrage-Mechanismus fußen. "So wie im heutigen San Francisco John bei Google arbeitet, während Mary bei Microsoft beschäftigt ist, so war im antiken Uruk der eine Angestellter des großen Gottes Enki, während seine Nachbarin für die Göttin Inanna tätig war (...) Für die Sumerer waren Enki und Inanna genauso real, wie es Google und Microsoft für uns sind." Wenn Götter aber Unternehmer sind, und die heutige Menschheit auf dem Weg ist, sich selbst zu einem Homo Deus zu entwickeln, wird auch sie im Unternehmerlager enden, sofern sie nicht mehrheitlich in virtuellen Spielewelten ruhiggestellt wird. Dass Google, Facebook, Apple et alii private Firmen sind, die mit allen Risiken für eine endliche Lebensdauer behaftet sind, kann nur ignorieren, wer sie bereits als gottgegeben verbucht hat. Dass wir sie, die wir eigentlich "keine Götter brauchen, die unsere Macht begrenzen", freiwillig als Götter in unser Leben integrieren, das steht für Harari ebenso fest wie einst für Mose die Zehn Gebote.

Der Gottesmenschsucher ist niemals um ein starkes Wort verlegen. Coca-Cola stelle ein weitaus größere Bedrohung für den Durchschnittsamerikaner oder -europäer dar als Al Qaida. Terrorismus gilt ihm als " reine Show", der Tod als Verbrechen gegen die Menschheit, weswegen man "totalen Krieg" gegen ihn führe. Bestimmte Fragestellungen - wie etwa jene, woher die ganze Energie für diese von Algorithmen beherrschte Welt kommen soll, lässt er aus. Auch zum Ende der Demokratie entwickelt der Autor starke Meinungen, die Populisten gefallen dürften. Menschen fühlten sich durch demokratische Wahlen nur dann gebunden, "wenn sie mit den meisten anderen Wählern eine grundlegende Beziehung verbindet". Fehle diese Gemeinsamkeit bei Meinungsverschiedenheiten, würden Wahlentscheidungen auch dann nicht akzeptiert, wenn man hundertfach überstimmt werde.

Zum Finale dann der "Dataismus", die Datenreligion, das Internet aller Dinge, das am Ende ins Universum ausgreifen werde. Gefühle gehen in den Ruhestand, und mit ihnen die ganze Menschheit: "Im Augenblick sitzt nur ein Kandidat im Empfangsraum der Geschichte und wartet auf ein Vorstellungsgespräch. Dieser Kandidat ist die Information. Die interessanteste Religion, die gerade entsteht, ist der Dataismus, der weder Götter noch den Menschen verehrt - er huldigt den Daten."

Harari schreibt auf den Schultern von Riesen, und er bedient ein Genre. Viele seiner Prognosen findet man in Romanen der Science-Fiction, 1985 hat Bruce Sterling in "Schismatrix" den Transhumanismus ausgemalt, in dem eine Hälfte der Menschheit mittels Gentechnik Gehirne manipuliert, die andere sich mit Computerhilfe zu Robotern umbaut. Dass man die nachmenschliche Zivilisationsentwicklung ab dem Punkt nicht mehr vorhersagen könne, ab dem die Technologie die Oberhand gewinnt, hat Vernor Vinge 1993 in dem Aufsatz "The Coming Technological Singularity" beschrieben. Zur gleichen Zeit betrat Raymond Kurzweil die Bühne, den Harari zitiert.

"Homo Deus" demonstriert über weite Strecken ein Denken, das sich hoch über den Dingen wähnt. Aber das Hochrechnen einer oder einiger weniger Tendenzen auf ein Zukunftsbild hat nichts mit dem Verlauf der Geschichte zu tun, die stets mehrgleisig fährt. Hararis Leistung bei dieser Form von Tendenzgeschichtsschreibung ist seine überschäumende erzählerische Wucht. Ob ein kreativer, widerspenstiger Kopf wie er in der Welt, die er hier wortreich entwirft, seinen Platz finden wird, ist nicht auszumachen. Aber es kann ja alles noch ganz anders kommen.

Yuval Noah Harari: "Homo Deus". Eine Geschichte von Morgen.

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn.

C.H. Beck Verlag, München 2017. 576 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Keine leichte Lektüre, doch wer auf den Horizont blickt, kann diesen auch erweitern."
Thorsten Schäfer-Gümbel, vorwärts.de, Lesetipp von SPD Spitzenpolitikern, 15. August 2017
"Das beste Buch dieses Frühjahrs."
Thorsten Giersch, Carina Kontio, Handelsblatt online, 29. Juni 2017
"Ein Sachbuch, so anregend, dass man dazu tanzen möchte!"
Denis Scheck, ARD Druckfrisch, 2. Juli 2017
"A thoughtful look of what may be in store for humanity (...). It is a deeply engaging book with lots of stimulating ideas (...). It makes you think about the future, which is another way of saying it makes you think about the present."
Bill Gates, via Facebook, 4. Juni 2017

"Yuval Noah Harari's insights are compelling."
Paul Collier, TLS, 25. November 2016

"Challenging, readable and thought-provoking."
Bill Gates, Gates Notes, Bill Gates' Sommer-Buchtipps, 22. Mai 2017

"Man sollte alle Geschichtslehrer von Harari coachen lassen."
Christian Jostmann, Die Furche, 20. April 2017

"Vielleicht brauchen wir ja düstere Szenarien, wie Hararis Buch 'Homo Deus', um den Mut für neue Utopien zu finden."
Sven Waskönig, ARD ttt, 30. April 2017

"In einer verblüffenden Tour d'Horizon durch die Menschheitsgeschichte beschreibt Harari, wie der Mensch in einem Akt wachsender Selbstermächtigung zum Homo Deus avanciert."
Adrian Lobe, Zeit Online, 10. April 2017

"(Harari) hat ein anmaßendes Buch geschrieben. Und ein aufregendes."
Erik Raidt, Stuttgarter Nachrichten Online, 31. März 2017

"Intelligent, scharfsinnig und manchmal sogar überraschend witzig (...) eröffnet einen ganz anderen Blick auf Geschichte."
Klaus Bittermann, taz literataz, 22. März 2017

"Überraschend, informativ, abwechslungsreich und leicht zu lesen."
Hildegard Lorenz, Münchner Merkur, 21. März 2017

"Sehen, wie die Welt ist, ohne auf die Bremse zu treten. Das ist der Sound von Yuval Noah Hararis 'Homo Deus'."
Adolf Holl, Die Presse, 18. März 2017

"Hararis packendes Buch ist ein Bekenntnis zum Humanismus."
Thomas Vasek,P.M., 10. März 2017

"Überaus anregende und fesselnde Lektüre."
Wolfgang Schneider, SWR2, 19. Februar 2017

"Fulminant, klug und düster."
Deutschlandradio Kultur, März 2017

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