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Benutzername: 
carowbr
Wohnort: 
Rheinland-Pfalz

Bewertungen

Insgesamt 87 Bewertungen
Bewertung vom 06.07.2022
Was ich nie gesagt habe / Gretchen Bd.2
Abel, Susanne

Was ich nie gesagt habe / Gretchen Bd.2


sehr gut

Nachdem es im im ersten Band der Reihe um die Geschichte von Tom's Mutter Greta ging, beschäftigt sich der zweite Band nun mit Tom's Vater Konrad. Dieser verlor im Krieg seine ganze Familie und baute sich mit Greta ein neues Leben als Arzt auf. Besonders im Vordergrund steht dabei die Thematik der medizinischen Experimente der Nazis und deren Ansichten zu 'unwertem Leben', Fortpflanzung und deren Unterdrückung, sowie auch die gererationenübergreifende Auseinandersetzung mit Schuld in der eigenen Familie.

Der Aufbau des ersten Bandes setzt sich auch hier fort und die Geschichte springt zwischen der Vergangenheit, in der Konrad aufwächst und seinen Weg findet und der Gegenwart, in der sich Tom um seine demente Mutter kümmert und seinen neuen Alltag als Partner und Vater genießt. Der Stil ist mitreißend und eingängig und stellt das Leben der Handelnden auf umfassende Weise dar. Besonders gelungen empfand ich, wie auch im ersten Band bei Gretchen, den Erzählstrang aus Konrads Vergangenheit, dieser wird detailgetreu und einfühlsam ausgeführt. Durch die Alzheimer-Erkrankung von Greta bleibt ihr Charakter in der Gegenwart etwas blass und das Buch konzentriert sich auf die übrigen Personen. Diesen fehlt es weder an Zeit noch an Geld, um sich voll und ganz auf den Protagonisten Tom zu konzentrieren, der zwischen untrübbaren Glücksgefühlen und Alkoholabstürzen hin- und her pendelt. Dennoch bleibt die Handlung der Jetztzeit irgendwie platt und klischeehaft.
Aufgrund der zeitübergreifenden Thematik und der Auseinandersetzung mit Konrads Vergangenheit hat mir das Buch im Gesamten dennoch gut gefallen.

Bewertung vom 29.06.2022
Stay away from Gretchen / Gretchen Bd.1
Abel, Susanne

Stay away from Gretchen / Gretchen Bd.1


sehr gut

Der erfolgreiche Moderator und Journalist Tom Monderath sieht sich damit konfrontiert, dass seine schlagfertige und einst so selbstständige Mutter Greta an Demenz erkrankt ist. Dies rüttelt sein geschäftiges Leben durcheinander, denn längst verdrängte Erinnerungen seiner Mutter werden bei ihr immer präsenter. Tom forscht in ihrer Vergangenheit und erkennt, wie wenig er eigentlich über Greta weiß..

In Rückblenden springt die Erzählung zwischen der Gegenwart im Jahre 2015 und Gretas Kindheit und Jugend im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland der 40er und 50er. Der Schreibstil ist fesselnd und einfühlsam, die Geschichte spannend aufgebaut. Tom wird als gehetzter und arroganter Mittvierziger beschrieben, für den die Krankheit seiner Mutter eine Belastung darstellt. Bedingt durch ihre Demenz, bleibt der Charakter von Greta in der Gegenwart etwas blass, dafür ist die Darstellung ihrer Jugend sehr lebendig und zeigt eine starke junge Frau. Die Thematik des Rassismuss in der Nachkriegszeit habe ich so noch nicht gelesen und empfand ich als aufschlussreich und aufrüttelnd. Die Ereignisse überschlugen sich gegen Ende hin sehr und doch lief alles irgendwie vorhersehbar ab, das hat mich dann doch etwas gestört. Auch wurde Tom über die 400 Seiten hinweg nicht unbedingt sympathischer und sein Charakter blieb mir irgendwie fremd.
Dennoch hat mir das Buch an sich gut gefallen, der Aufbau der Geschichte ist gelungen und lässt einige offene Fäden zurück, die dann hoffentlich im zweiten Band aufgegriffen werden.

Bewertung vom 24.06.2022
Virginia und die neue Zeit / Die Liebenden von Bloomsbury Bd.1
Martin, Stefanie H.

Virginia und die neue Zeit / Die Liebenden von Bloomsbury Bd.1


sehr gut

Dieses Buch ist der erste Band einer Reihe über diesen illustren Kreis von Künstlern, Autoren und Philosophen, genannt die Bloomsberries, im Besonderen über Virginia Woolf, Vanessa Bell und Vita Sackville-West.
Anfang des 20. Jahrhunderts müssen die Schwestern Virginia und Vanessa den Verlust ihrer Eltern verkraften und ziehen mit ihren Brüdern in ein Haus am Gordon Square. Durch die Freunde der Brüder bildet sich bald ein Freundeskreis, in dem philosophiert, unkonventionell gedacht und sich ohne Tabus ausgetauscht wird. Für die Schwestern sind die gesellschaftlichen Konventionen dieser Zeit wie Fesseln und jede möchte ihren eigenen Weg gehen..

Auch wenn der erste Band Virginia zum Titel hat, handelt er doch gleichermaßen von ihr und ihrer Schwester, ihrer Verbundenheit aber auch ihrem ständigen Wettkampf und ihrer Eifersucht. Obwohl die Erzählung zeitweise ihre Längen hat, fängt sie den Zeitgeist ein und stellt vor allem den komplexen Charakter von Virginia in seiner Zerrissenheit zwischen Depression und Genialität dar. Die aufwendige Recherche entfaltet beim lesen ihre Wirkung, nie kam es mir vor wie eine Aneinanderreihung von zusammengetragenen Informationen, sondern klang wie aus einem Fluss. Gespickt mit Briefwechseln des Freundeskreises, erweitert die Autorin die Perspektive der Leser:innen um die Leben und Blickwinkel ebendieser. Besonders sympathisch fand ich am Ende des Buches niemanden, war jedoch fasziniert von der Darstellung der verschiedenen Gedanken und Schicksale. Frei von Kitsch oder Romantisierung, stellt es das Leben der Gruppe auf nahbare Weise dar und man kann eintauchen in eine Welt voll literarischer Ergüsse. Mit diesem Buch im Hinterkopf, werde ich mich demnächst an Virginia Woolfs Werke heranwagen.

Bewertung vom 23.06.2022
Wie man sich einen Lord angelt
Irwin, Sophie

Wie man sich einen Lord angelt


sehr gut

Um ihre vier Schwestern und das Familienanwesen zu schützen, muss sich Kitty auf die Suche nach einem reichen Ehemann machen und reist darum nach London, um dort bei den zahlreichen Bällen, Dinnern und Veranstaltungen Ausschau zu halten. Sie taucht ein in das Leben und die Gepflogenheiten der vornehmen Londoner Gesellschaft und findet bald einen passenden Kandidaten. Doch seine Familie, vor allem sein älterer Bruder Lord Radcliffe, sind keineswegs besonders angetan von ihr. Doch so leicht lässt sie sich nicht unterkriegen.

Die Darstellung der unkonventionellen Kitty ist vielleicht nicht unbedingt realitätsnah, aber dafür sehr unterhaltsam zu lesen. Sowieso sind die Charaktere der handelnden Personen präzise herausgearbeitet, sodass sich vor dem inneren Auge die Handlung darlegt und man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Beschrieben ist es als Mischung aus Jane Austen und Bridgerton - dies trifft es ziemlich gut. Prunkvolle Bälle, dramatische Geschehnisse und Geheimnisse, alles etwas romantisiert dargestellt, aber von den tatsächlichen Lebensumständen und Einschränkungen für Frauen zu Anfang des 19. Jahrhunderts möchte man wohl in einem Liebesroman dieser Art nicht zu viel lesen. Dennoch kommt auch dies zur Sprache und auch der herrschende Klassismus wird aufgezeigt. Inhaltlich hatte die Geschichte einen klaren roten Faden und doch ergaben sich entlang des Weges immer unerwartete Wendungen, welche das Ganze noch spannender gestalteten.
Meine Befürchtung, dass die Schreibweise kitschig sein würde, hat sich keinesfalls bewahrheitet, die Autorin (bzw. die Übersetzung) schreibt treffend, kurzweilig und humorvoll. Ich bin schon gespannt, ob es einen weiteren Band geben wird und würde ihn auf jeden Fall lesen.

Bewertung vom 13.06.2022
Kalte Seelen
Brand, Christine

Kalte Seelen


sehr gut

Gerade noch sollte die Journalistin Milla Nova vor Gericht aussagen, um einen Mörder hinter Gitter zu bringen, schon gibt der eigentlich abgeschlossene Fall neues Rätselraten auf. Für eine Reportage lässt sie sich dann in ein Frauengefängnis sperren und erfährt dort von Gerüchten, dass unregistrierte Immigranten spurlos verschwinden. Während Milla auf Spurensuche ist, ermittelt ihr Freund Sandro Bandini von der Kantonspolizei im rechtsextremen Milieu.

Spannend und raffiniert beschreibt die Autorin diesen Krimi aus unterschiedlichen Perspektiven, auch der Mörder kommt zu Wort. Besonders die weitreichenden Verwicklungen fand ich interessant und die sich daraus ergebenden Zusammenhänge ausgeklügelt konstruiert. Für manche Hintergründe hätte man wohl ein vorheriges Buch lesen müssen, aber auch ohne Vorkenntnisse habe ich mitgefiebert und konnte es gegen Ende nicht aus der Hand legen. Beim Schreibstil hat mich immer wieder die Präsensform irritiert, da ich einfach lieber in Vergangenheitsform lese, aber dies ist eine persönliche Präferenz. Für Krimifans ist das Buch auf jeden Fall zu empfehlen.
Das Covermotiv finde ich sehr passend und stimmig gestaltet.

Bewertung vom 09.06.2022
Aller Anfang
Sullivan, J. Courtney

Aller Anfang


sehr gut

Die vier Freundinnen Celia, Bree, April und Sally lernten sich auf dem College kennen und begleiten sich seitdem durch die Höhen und Tiefen des Lebens. Dass sie Freundinnen wurden, ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass ihre Zimmer im ersten Jahr nebeneinander lagen, denn ihre Charaktere sind grundverschieden. Da ist Sally, die ihre Mutter verloren hat, ordentlich und organisiert ist und bald heiraten wird. April, eine feministische Aktivistin, die für eine bessere Welt kämpft und sich im Gegensatz zu den Anderen das College selbst finanzieren musste. Die schöne Bree, die mit ihrer Jugendliebe verlobt war und sich im College in eine Frau verliebte und Celia aus dem Süden, die eine katholische Schule besuchte und die Gruppe mit ihrer liebevollen Art zusammenhält.

Die Autorin zeichnet einfühlsam ein vielschichtiges Bild dieser vier Frauen, ihrer Charaktere und unterschiedlichen Lebensentwürfe. Sie zeigt, wie Freundschaften entstehen, was sie uns geben und wie sie unser Leben beeinflussen. Die Kapitel werden immer aus der Sicht einer der Frauen geschildert, dadurch erlebt man sie alle aus unterschiedlichen Perspektiven, und die Charaktere wirken sehr realistisch.

Das Buch beinhaltet viel Smith-College-spezifisches, was für Außenstehende etwas zu detailliert geschildert ist. Die Freundschaften empfand ich jedoch als rührend und echt geschildert, was für mich das Buch auch ausmachte. Denn so unterschiedlich Freundinnen auch sein mögen, das was einen miteinander verbindet, ist etwas ganz Besonderes.

Bewertung vom 03.06.2022
Leo und Dora
Krup, Agnes

Leo und Dora


sehr gut

Der ehemalige Autor Leo reist nach dem zweiten Weltkrieg nach Amerika, um dort nach Einladung seiner Agentin den Sommer zu verbringen und sein vor Jahren begonnenes Buch zu beenden. Dort angekommen, ist nichts wie erwartet und er muss im Hotel Roxy unterkommen, welches von Dora geführt wird. Mit der Zeit lernt er sie und die anderen Einwohner kennen und beginnt, sich mit den offenen Fragen seines Lebens auseinander zu setzen.

Unaufgeregt erzählt die Autorin von den Gedankengängen des Protagonisten, eingebettet in eine atmosphärische Beschreibung des Sommers und der Landschaft. Trotz der historisch bedingten politisch aufregenden Zeiten, deren Vakuum treffend beschrieben wird, ist die tatsächliche Handlung ein Gegenpol der Ruhe. Auch die Liebesgeschichte entwickelt sich eher gemächlich, sodass nicht sonderlich viel passiert. Die Stimmung des Sommers und Leo's Überdenken seines Status quo's wurde jedoch auf eine stimmige Weise vermittelt, sodass man beim Lesen ganz eintauchen konnte in einen Sonntag am See, mit Limonade und Mohnkuchen.
Einzig verwirrend empfand ich die Geschichte der spukenden Exfrau, welche für die Geschichte oder Entwicklung der Charaktere nichts tat.

Bewertung vom 25.05.2022
Die Enkelin
Schlink, Bernhard

Die Enkelin


sehr gut

Als Kaspars Frau Birgit stirbt, entdeckt er Teile ihrer Vergangenheit, von denen sie ihm nie erzählt hat. So begibt er sich auf die Suche nach ihrer Tochter und taucht ein in Birgits Jugend in der DDR, ihr Kennenlernen, die Schwierigkeiten, die sie hatte und vor ihm geheimhielt und lernt schließlich auch seine Enkelin kennen, die in einer völkischen Gemeinschaft lebt und so ganz anders ist als er.

Einfühlsam und voller Zerrissenheit schildert Bernhard Schlink diese Geschichte, die sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und rechtem Gedankengut auseinandersetzt. Dabei wird nicht in schwarz und weiß unterteilt, sondern in Grautönen zum Nachdenken angeregt. Denn wie soll man jemanden erreichen, der eigentlich außer Reichweite ist?
Auch Kaspars Trauer findet ihren Platz, wie wenig er im Nachhinein über seine Frau wusste, hat beim lesen etwas verwundert, jedoch für den Erzählfluss nicht weiter gestört.

Insgesamt hat mich das Buch vor allem zum nachdenken angeregt, der Stil ist angenehm zu lesen, manchmal durch philosophische Gedankengänge ergänzt. Ein angenehmes Mittelmaß zwischen leichter Unterhaltung und schwerer Kost.

Bewertung vom 18.05.2022
Eine Frage der Chemie
Garmus, Bonnie

Eine Frage der Chemie


ausgezeichnet

Die Chemikerin Elizabeth Zott muss sich Anfang der 60er Jahre gegen konservative Wert- und Moralvorstellungen behaupten, um ihren Weg in der Wissenschaft gehen zu können. In Calvin Evans findet sie ihren Seelenverwandten. 10 Jahre später ist sie eine bekannte Fernsehköchin und versucht durch ihre abendliche Sendung, ihren Zuschauerinnen Selbstvertrauen und Mut mitzugeben, aus ihren gesellschaftlichen Rollen auszubrechen und ihren eigenen Weg zu gehen.

Unterhaltsam, berührend und scharfsinnig schildert die Autorin das Leben ihrer inspirierenden Protagonistin, mal spürt man die tiefe Liebe von Calvin und Elizabeth, mal erklärt sie ganz rational das alltägliche Leben, mal leidet man unter den Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren. Zwar wird Elizabeth‘s Geschichte erzählt, aber in der Interaktion mit ihren Mitmenschen wird auch deren Perspektive eingebunden, was ihrem Charakter weitere Dimensionen hinzufügt. Außerdem lernt man, wie die Chemie unser tägliches Leben zusammenhält und beschreibt und dass ohne sie nichts funktioniert. Inhaltlich spricht die Autorin mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Wissenschaft auch heute noch ein wichtiges Thema an, wo sich noch viel tun muss.

Immer wieder musste ich über die Situationskomik lachen, war gerührt wegen der Schicksale und durchgängig fasziniert von diesem wundervollen Leseerlebnis. Ich kann das Buch nur jedem ans Herz legen, der Stil ist eingängig zu lesen und Elizabeth eine bewundernswerte und inspirierende Protagonistin.

Bewertung vom 12.05.2022
30 Women
Mallon, Lina

30 Women


sehr gut

Die Autorin Lina Mallon schreibt in diesem Buch über 30 Frauen, die sie in ihrem Leben begleitet, unterstützt, inspiriert, angespornt und auch verletzt haben. Dabei geht es vor allem auch darum, wie sie sich selbst entwickelt hat und erwachsen geworden ist.
Besonders gut haben mir die Kapitel gefallen, die etwas länger waren und eine Geschichte enthielten, andere Kapitel hingegen waren etwas kurz und von den Frauen wurden nur einzelne Gesprächsausschnitte wiedergegeben. Zwischendrin werden auch vereinzelt Personen des öffentlichen Lebens vorgestellt, dies habe ich eher überflogen, da mich die persönlichen Einblicke mehr interessiert haben.
Eine schöne Idee ist der Platz, der für eigene Gedanken da ist und wo die Leserin selbst ihre Inspiration und Vorbilder eintragen kann.