Männer in Kamelhaarmänteln - Heidenreich, Elke
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"Wir vergessen die Namen, die Geschichten, aber fast nie vergessen wir die Kleider." - Die große Erzählerin Elke Heidenreich über die schönste Nebensache der Welt
Elke Heidenreich kennt sich aus, mit Jacke und Hose, Rock und Hut - vor allem aber mit den Menschen. Gut aussehen wollen alle, aber steckt nicht noch viel mehr dahinter? Warum sind einem die Jugendfotos im Faltenrock so peinlich? Warum kauft man sich etwas, was einem weder passt noch steht? Wenn Elke Heidenreich von Kleidern erzählt, dann erzählt sie vom Leben selber: von sich mit sechzehn, von Freundinnen und Freunden, von Liebe…mehr

Produktbeschreibung
"Wir vergessen die Namen, die Geschichten, aber fast nie vergessen wir die Kleider." - Die große Erzählerin Elke Heidenreich über die schönste Nebensache der Welt

Elke Heidenreich kennt sich aus, mit Jacke und Hose, Rock und Hut - vor allem aber mit den Menschen. Gut aussehen wollen alle, aber steckt nicht noch viel mehr dahinter? Warum sind einem die Jugendfotos im Faltenrock so peinlich? Warum kauft man sich etwas, was einem weder passt noch steht? Wenn Elke Heidenreich von Kleidern erzählt, dann erzählt sie vom Leben selber: von sich mit sechzehn, von Freundinnen und Freunden, von Liebe und Trennung, erzählt Geschichten, komisch und traurig wie nur sie es kann, in denen jeder sich wiedererkennt: sei's in ausgeleierten Jeans, sei's in der wunderbaren Bluse, die schon keine Farben mehr hat, oder schlimmstenfalls im Kamelhaarmantel.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/26838
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 221
  • Erscheinungstermin: 21. September 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 128mm x 27mm
  • Gewicht: 333g
  • ISBN-13: 9783446268388
  • ISBN-10: 3446268383
  • Artikelnr.: 59017672
Autorenporträt
Elke Heidenreich, geboren 1943, lebt in Köln. Seit 1970 ist sie freie Autorin und Moderatorin bei Funk und Fernsehen. Seit 1983 ist Elke Heidenreich Kolumnistin bei der Zeitschrift "Brigitte" und schreibt regelmäßig Buchbesprechungen für verschiedene Fernseh- und Rundfunksender. 2008 wurde sie mit dem "Hans-Bausch-Mediapreis" ausgezeichnet und 2010 erhielt sie den "Julius-Campe-Preis".
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Eine Liebeserklärung von Tanja Rest an - na, nicht unbedingt an die Autorin, aber doch an ihren besonderen Blick auf das Thema Mode. Dieser Blick ist der einer oft durch Mode gequälten, oder nein, von der eigenen Sehnsucht nach dem umwerfenden Auftritt gedemütigten Frau. Denn der eigene Auftritt war dann doch nicht so umwerfend und der Prinz hebt einen wieder nicht aufs Pferd und der Vater hat mit seinen Kamelhaarmänteln immer andere betören wollen. Ganz hinreißend findet die Kritikerin, wie hier Lieblingskleider und die Lust an den Schöpfungen früher Schneiderinnen bedacht sind. Und sie fühlt sich am Ende fast ebenso in ihrer Überheblichkeit gegenüber der Autorin gedemütigt wie die zwei Damen auf einer Salzburger Festspiel-Toilette, die über die Festrednerin herzogen, die zwar "gscheit" aber nicht "fesch" sei, um ihr dann beschämt ins Gesicht blicken zu müssen. Und die flötete ihnen im Abgang zu: "Aber fesch sind doch Sie!"

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.10.2020

Gscheit. Fesch. Modisch
„Ziehen Sie das wieder aus. Das sind Sie nicht.“
Elke Heidenreich beschreibt, wie und warum Kleider Leute machen
VON TANJA REST
Am 26. Juli 2008 hält Elke Heidenreich die Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Jürgen Flimm hatte sie gefragt, wie hätte sie da Nein sagen können? Was sie nicht weiß: Dass sie in der Felsenreitschule zu 1500 Menschen in Samt und Seide sprechen und live im Fernsehen sowie auf Großleinwänden in der ganzen Stadt zu sehen sein wird. Nun hockt sie da in Reihe eins mit ungemachten Haaren und dilettantischem Make-up und trägt rote Ballerinas zu einem Kleid ihrer Mutter. „Es war von 1935, schwarze Seide mit weißen Punkten, und es hatte auf dem Rücken Mottenlöcher, aber ich liebte dieses Kleid.“ Von den Kulturherrlichen umgeben, kommt sie sich plötzlich schäbig vor.
Dass ihre Rede trotz hochschießender Nervosität souverän über die Bühne geht, hat mit der mütterlichen Seide dann schon auch zu tun. „Irgendwie gab mir dieses alte, geliebte, durch den Krieg gerettete Kleid Kraft.“ Hinterher sitzt sie, innerlich aufschluchzend vor Erleichterung, auf der Toilette und hört vor der Kabinentür zwei Damen plaudern. „Die Heidenreich“, sagt die eine, „gscheit ist sie ja schon.“ – „Ja“, sagt die andere, „aber fesch ist sie nicht.“
Diese kurze Episode sei hier deshalb so ausführlich nacherzählt, weil exakt das ja der Reflex ist. Die Heidenreich! Moderation kann sie, Comedy kann sie, Schwätzen insgesamt. Von Musik versteht sie viel, von Literatur ohnehin, auch als Autorin ist sie gar nicht übel. Aber ein Buch über Mode – was glaubt die, wer sie ist?! Hätte irgendjemand, der in den letzten 50 Jahren hier und da den Fernseher eingeschaltet hat, festgestellt, dass sich die Heidenreich für Mode interessiert, geschweige denn, dass sie was davon versteht?
Nachdem man das Buch höhnisch aufgeklappt und es 221 Seiten später betreten wieder zugeschlagen hat, weiß man: Man ist eine genauso doofe, oberflächliche und arrogante Kuh wie die geputzten Weiber auf dem Salzburger Festspielklo.
„Männer in Kamelhaarmänteln“ ist nämlich alles, was ein aus 60 autobiografischen Episoden zusammengefügtes Buch über Kleidung idealerweise sein sollte. Witzig, sinnlich, sentimental. Todtraurig stellenweise. Gscheit, na klar. Und dabei immer, immer: persönlich. Das ist insofern angenehm uncool und erdverbunden, als sich die Mode längst zu einem Gegenstand kultureller Betrachtung aufgeschwungen hat. Namhafte Verlage bringen kiloschwere Bildbände heraus, im Kino laufen Dokus über wegweisende Designer, in großen Museen wird ihr Werk ausgestellt und hysterisch bewundert.
Am Ende aber handelt die Mode nicht von Chanel-Kostümen, Kamelhaarmänteln und mütterlichen Pünktchenkleidern mit dem einen oder anderen Mottenloch. Sie handelt davon, was Chanel-Kostüme, Kamelhaarmäntel und gewisse Pünktchenkleider aus und mit uns machen und wie wir uns in ihnen in Erinnerung behalten.
Der Anschaulichkeit halber: Was hatten Sie damals beim Abschlussball an, und wie ging es Ihnen damit? Fanden Sie Ihre Erscheinung glamourös, sodass Sie ganz neue, hochtrabende Möglichkeiten in sich entdeckt haben, oder einfach nur grauenhaft? Wen haben Sie (falls denn) in diesem Aufzug nach Mitternacht geküsst? Und heute, wenn Sie die Fotos betrachten (auf denen Sie schlimm aussehen, gar keine Frage, allein die Frisur, wie konnten Sie nur!): Welches Gefühl regt sich als Erstes?
Das ist der Heidenreich-Ansatz. Garderoben im Kontext von Anlass, Zeit und eigener Mangelhaftigkeit, im Rückblick erbarmend intoniert, emotional aber voll auf die Zwölf. Schritt sie selbst mit 16 nicht wie eine Prinzessin zum Ball, in grüner Seidenduchesse, die sie im Stoffladen entdeckt und Tante Erni zu einem Traum zusammengestichelt hatte, der Kaiserin Sisi Ehre gemacht hätte? Kippte ihr Ulrich Vosskühler dann nicht ein Glas Rotwein all over, worauf ihre Cinderellahaftigkeit verpuffte, sie das Kleid in den Müll warf und wieder ein Aschenputtel namens Elke war?
Mode ist eben auch ein Medium der Demütigung (eher Selbsterniedrigung, denn die Mode selbst tut einem ja nichts). Weil man am Ende niemals so groß und glamourös ist wie ein Pariser Mannequin. Weil man dünnes Haar hat und kurze Beine und einem die Männer auch dann nicht hinterherguckten, wenn man bei Dior gekauft hätte. Diese hundsgemeine Niederlage: Elke Heidenreich hat dazu einiges zu sagen.
Da ist der Hutverkäufer an seinem Stand in Sanary-sur-Mer, dem sie so gerne ein rotes Hütchen abkaufen würde; wenn er sie denn beachten würde. Da ist Jil Sander, die ihr einen goldenen Hosenanzug erst aufnötigt und dann befiehlt: „Ziehen Sie das wieder aus, das sind Sie nicht.“ Da ist ihr eigenes kornblumenblaues Kleid, das die Neue, Jüngere trägt, als sie ein letztes Mal in die gemeinsame Wohnung zurückkehrt, um ihre Sachen abzuholen. Sowieso die Männer: „Andere spritzen Heroin, meine Methode ist letztlich gesünder, sie bricht einem nur immer wieder das Herz, aber damit kann man leben.“
Dem einen, der sie partout nicht zurückbegehren will, klaut sie die Jacke, streift sie sich über, inhaliert seinen Duft und fühlt sich geliebt. Dem nächsten, dem Jugendschwarm, begegnet sie in der Oper, „er kam in einem jägergrünen Jackett mit Einstecktuch, passendem Schlips und Goldknöpfen“, da ist es mit der Liebe auch wieder vorbei. Der Übernächste, Vielversprechende, schickt ihr zum Geburtstag ein Präsent, das sie in Gegenwart ihrer Freundinnen auspackt. Reizwäsche. Fuck you. Und hinter all den Männern lauert immer der Vater, der Kamelhaarmäntel so eindrucksvoll zu tragen verstand und damit Frauen bezauberte, die nicht die Mutter waren.
Zwischendurch, wenn es mit den Kalamitäten zu viel wird, schreibt Heidenreich über sich in der dritten Person oder fügt eine Huldigung an ihre textilen Göttinnen und Götter ein: An Coco Chanel, die so schön schnippisch war und eine Revolution auslöste. An Frida Kahlo, die ihre körperlichen Qualen unter lodernd buntem Stoff begrub. An den stets penibel-distinguierten Maurice Ravel. An Charles Schumann, wie er im weißen Kittel hinter seiner Bar im Münchner Hofgarten sitzt und Kartoffeln schält in der Sonne, selbstvergessen, mit müheloser Eleganz. „Das Einfache, das muss man können“, schreibt sie. „Das Aufgeblasene kann jeder.“
Spätestens hier versteht man: Elke Heidenreich liebt – ja nun, wohl nicht die Mode. Jedenfalls nicht Mode in ihren diktatorischen, ausgrenzenden, narzisstischen Bedeutungen. Aber sie liebt Kleidung. Das Schimmern und Gleiten des Stoffs, die Verwandlung, die Patina aus Erinnerungen, die bestimmte Teile an sich tragen. Sie liebt Kleidung mit allen Fasern ihres vollen, manchmal enervierend vollen Herzens und so sehr, dass sie in Venedig einmal ein Kleid in Größe 34 gekauft hat, das ihr natürlich nicht passte. Aber was für ein Kleid! „Es ist ein Kunstwerk der Stoff- und Schneiderkunst: aus grauem Seidensamt das hüftlange Oberteil, lange weite Ärmel aus hellgrauer Seide, ein weitschwingender Seidenrock in mehreren Schichten.“ Und sie kauft es, in Venedig, für ein Heidengeld. Einfach so. Weil es schön ist.
Kleider können uns trösten und stützen – wer das nicht weiß, hat etwas Wichtiges verpasst. Aber manchmal ist ein flottes Mundwerk auch nicht schlecht. Die Festrednerin nämlich verließ die Salzburger Toilette damals exakt in dem Moment, als die erste Dame der zweiten bestätigte, nee, fesch sei die Heidenreich wirklich nicht, worauf beide Damen erbleichten und sich in Grund und Boden schämten. Sie flötete zuckersüß zurück: „Aber fesch sind doch Sie!“ und verließ das Örtchen im Triumph.
Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln. Kurze Geschichten über Kleider und Leute. Hanser Verlag, München. 224 Seiten, 22 Euro.
Was hatten Sie damals
beim Abschlussball an?
Und wie ging es Ihnen damit?
Das Kleid passt ihr nicht.
Sie kauft es trotzdem. Einfach so.
Weil es schön ist
„Das Einfache, das muss man können“, schreibt Elke Heidenreich. „Das Aufgeblasene kann jeder.“
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"Ein Bild von Frida Kahlo im Herrenanzug ist auf dem Umschlag von diesem wunderschönen Erzählband zu sehen, der noch viele Schrankfächer mit überraschenden Geschichten von Kleidungsstücken aus edlem Kaschmir, verführerischer Spitze und praktischer Baumwolle enthält. ... Direkt, ungeschminkt, frei von der Leber weg - so kennt und schätzt man Elke Heidenreich und so sind auch ihre Geschichten über Kleider und Leute." Annemarie Stoltenberg, NDR Kultur, 13.10.20

"Dieses Buch steckt nicht nur voller überraschender Szenen und Anekdoten, sondern liefert auch Anregungen für die eigene Erinnerung." Claudia Voigt, Der Spiegel, 10.10.20

"'Männer in Kamelhaarmänteln' ist alles,was ein aus 60 autobiografischen Episoden zusammengefügtes Buch über Kleidung idealerweise sein sollte. Witzig, sinnlich, sentimental. Todtraurig stellenweise. Gscheit, na klar. Und dabei immer, immer: persönlich." Tanja Rest, Süddeutsche Zeitung, 05.10.20