Winterbienen - Scheuer, Norbert
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Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten. Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in "Winterbienen" einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.…mehr

Produktbeschreibung
Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.
Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in "Winterbienen" einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 318
  • Erscheinungstermin: 18. Juli 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 132mm x 30mm
  • Gewicht: 430g
  • ISBN-13: 9783406739637
  • ISBN-10: 3406739636
  • Artikelnr.: 56007156
Autorenporträt
Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane "Die Sprache der Vögel" (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und "Am Grund des Universums" (2017). Sein Roman "Überm Rauschen" (2009) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 "Buch für die Stadt Köln".
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.07.2019

Im Bienenstock werden sie zuallerletzt suchen
Aus dem Tagebuch eines Flüchtlingshelfers: Norbert Scheuers jüngster Eifelroman

Deutschland, 1944. Im Westen des Reiches lebt ein Mann, der seit Jahren Juden bei der Flucht hilft. Ihm geht eine schriftliche Nachricht zu, wenn er neue Flüchtlinge in seine Obhut nehmen soll. Er versteckt sie in einer Höhle und wartet wochenlang auf die nächste Instruktion mit dem Termin für den Weitertransport. Dann bringt er sie mit einem Pferdefuhrwerk an die Grenze zu Belgien, wo sie erwartet werden. Nach getaner Arbeit wartet er noch stundenlang, für den Fall, dass die Abholer nicht zur Stelle waren. Nach Hause zurückgekehrt, setzt er sich an den Schreibtisch und führt Tagebuch. Über die Erledigung seines Auftrags berichtet er dort im Zusammenhang mit den übrigen Verrichtungen seines Tages. Aus den Tagebuchblättern dieses Egidius Arimond, eines aus dem Schuldienst entlassenen Lateinlehrers, der im Eifelstädtchen Kall die Bienenzucht seines verstorbenen Vaters fortführt, besteht der neue Roman von Norbert Scheuer.

Ein Manuskriptschatzfund, eine Tasche oder Kiste voller Papiere: Das ist ein Kniff, der so alt ist wie das Handwerk des Romaneschreibens. Er macht dem Schriftsteller, der sich die Geschichte ausgedacht hat, die Vortäuschung von Unmittelbarkeit möglich, von Gleichzeitigkeit des Berichts und Alltäglichkeit des Berichteten. Wann ist diese Erfindung glaubwürdig? Man muss sich vorstellen können, dass der vermeintliche Verfasser die Niederschrift wirklich zu Papier gebracht hat. Hatte er inmitten dramatischer Ereignisse überhaupt die Muße dazu? Und falls er Geheimnisse verrät: War es nicht zu gefährlich, sie dem Papier anzuvertrauen?

Die Antwort auf die erste der beiden Fragen liegt im Fall des Erzählers von "Winterbienen" auf der Hand. In der Eifel passiert nicht viel. Das weiß auch, wer dieses Hinterland des Rheinlands nie betreten hat und das Reich der erloschenen Vulkane nur aus der Fernsehserie "Mord mit Aussicht" kennt. Egidius Arimond hatte also alle Zeit der Welt, um seine Beiträge zur versuchten Judenrettung aufzuzeichnen, zumal der Zweite Weltkrieg bis weit ins Jahr 1944 hinein buchstäblich über die Köpfe der Eifelbewohner hinwegging, in Gestalt der alliierten Bomber, die ihre Last nicht über den verstreuten Dörfern im westdeutschen Niemandsland abwarfen, weil sie zunächst die Städte Köln und Bonn zerstören wollten. Aber wie konnte Scheuers Held Buch führen über Handlungen, die ihn zum sicheren Tod verurteilt hätten, wenn seine Akten der Gestapo in die Hände gefallen wären?

Der Autor hat Egidius Arimond mit einem Handicap ausgestattet, das ihn - ein makabres Paradoxon - vor dem Kriegsdienst verschont, weil sein Leben nach der Doktrin der Nationalsozialisten ohnehin nichts wert ist. Er ist Epileptiker. Aber die Annahme, dass der Tagebuchautor sowieso jederzeit damit rechnen musste, selbst abtransportiert zu werden, und sich deshalb vor dem leeren Blatt keinen Zwang antat, ist zur Erklärung der Existenz des Tagebuchs nicht erforderlich. Die Hypothese bleibt Spekulation, wie ohnehin in diesem Roman alle psychologischen Erwägungen spekulativ, will sagen: dem Leser anheimgestellt sind, weil der fingierte Autor sich an die Tatsachen hält, die sich naturwissenschaftlich ausweisen lassen.

Warum musste der Lehrer außer Diensten keine Angst vor der Entdeckung seines Diariums haben? Er hat es gut versteckt: in einem seiner Bienenstöcke. Der Verschlag mit den Bienenvölkern wäre erst durchsucht worden, wenn der Flüchtlingshelfer schon aufgeflogen wäre.

Die Meisterschaft des Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt. Sich am Feierabend hinzusetzen, das Tagwerk in Schriftform zu gießen und das Protokoll dann am Arbeitsplatz zu deponieren - das ist für den Bienenzüchter im Erbgang das Natürlichste auf der Welt, wie seine Bienen ein Programm der Natur ausführen, das sie den Nektar, den die Blüten absondern, sammeln lässt, um den Honig herzustellen, den ihr Züchter erntet.

Unter dem Datum des 27. Novembers 1944 schreibt Egidius Arimond: "Vielleicht sollte ich alle meine Notizen vernichten, nichts mehr aufschreiben, außer das, was die Bienen betrifft; aber das bringe ich nicht über mich, denn das Einzige, was bleibt, sind diese Notizen. Sie halten mich am Leben, sind meine einzige Erinnerung." Zum Zeitpunkt dieses Eintrags liegen drei Wochen Haft im Kölner Gestapokeller bereits hinter dem Lebensbuchhalter. Die Medikamente, die er mit dem Kutscherdienst für die Flüchtlinge bezahlte, wurden konfisziert. So treffen ihn die Angriffe seiner Krankheit, die jedes Mal einen Haufen Gehirnzellen absterben lassen, in immer kürzeren Abständen, und der Idealismus, der ihn wie die Protagonisten früherer Romane Scheuers seit jeher zu der Vermutung neigen ließ, dass die Erinnerung das wahre Leben sei, nimmt wahnhafte Züge an. Und doch ist auch in diesem Zustand der fortschreitenden Auflösung des erzählenden Subjekts die Erinnerung keine Einbildung, sondern das genaue Gegenteil: Materie, in Form eines Stapels von beschriebenem Papier.

Steht das Verhalten des Imkers unter demselben Gesetz wie die Bewegungen seiner Bienen? Die Frage treibt Egidius Arimond um - aber schon das ist ein Grund, sie zu verneinen. Denn die von den Menschen seit jeher bewunderte Koordination der arbeitsteiligen Bienengesellschaft kommt offenbar ohne Befehle oder andere Willensakte und Geistesblitze zustande. Der Geschäftsbericht des Bienenjahres, der Teile des Tagebuchs einnimmt, schildert auf den ersten Blick einen Staat nach dem Geschmack der NS-Propaganda: Alles ist auf das Überleben des Volkes ausgerichtet, die Winterbienen opfern sich, und unter den Drohnen wird ein Massenmord veranstaltet. Aber das Durchhalten kommt ohne Parolen zustande, so dass der Kreisleiter der Partei, mit dessen Frau der ausgemusterte Pädagoge eine Affäre anfängt, in seinen Reden wohl nicht auf das zoologische Exempel zurückgreift.

Ein Modell geben die Bienenvölker eher insofern ab, als der Krieg spurlos an ihnen vorübergeht. Als die Menschen von Kall von den Luftangriffen nicht länger verschont werden, müssen sie sich auf ihre Reflexe verlassen. Sie verwandeln sich der Natur an. Der lakonische Ton des Tagebuchs simuliert die Normalität eines Jahreslaufs, der von der Natur regiert wird. Eingelegt ins Tagebuch sind Blätter, die ein anderer Arimond beschrieben hat, ein angeblicher Vorfahr, welcher der Legende nach als Mönch die Bienen in der Eifel ansiedelte und ihnen den Trick abschaute, mit denen das zur Bestattung an der Mosel bestimmte Herz des Kardinals Nikolaus von Kues vor der Verwesung bewahrt werden konnte.

In den Aufzeichnungen des Mönchs Ambrosius Arimond findet der Lehrer Egidius Arimond ein Cusanus-Exzerpt, die Skizze einer Theorie der absoluten Ähnlichkeit, in der größte und kleinste Ähnlichkeit zusammenfallen. Dass Menschenvolk und Bienenwelt sich ähneln, ist keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine poetische Idee, die in Scheuers Roman mit den Mitteln seiner Romane nahegelegt wird, das heißt: beiläufig.

Die Notizen Egidius Arimonds sind alles, was von ihm bleibt, seine ganze Geschichte. Sie erinnern auch an das Wichtigste, was er tat, nicht nur dadurch, dass in ihnen davon die Rede ist, sondern auch durch die materiellen Bedingungen ihrer Überlieferung. Die Flüchtlinge rettete er nämlich genauso wie das Tagebuch: Er versteckte sie auf der Fahrt an die Grenze unter den Bienen. Diese ließen sich auf den Schutzbedürftigen nieder, weil er Lockenwickler an deren Kleidern befestigt hatte, in denen Königinnen gefangen waren. Die Röhrchen waren Souvenirs, die er seinen Geliebten geklaut hatte. Er unternahm die lebensgefährlichen Touren, weil er das Geld für seine Medizin brauchte. Nichts anderes nimmt er im Tagebuch für sich in Anspruch. Norbert Scheuers Romane sind so gebaut, dass sie mit aller Macht von dem zeichenhaften Sinn ablenken, den Koinzidenzen nahelegen. Um so verführerischer das Symbol des Lockenwicklers: die Denkmöglichkeit, dass der hoffnungslos vereinzelte Judenretter aus Liebe gehandelt hat.

PATRICK BAHNERS

Norbert Scheuer: "Winterbienen". Roman.

Verlag C. H. Beck, München 2019. 319 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.09.2019

Der Bienenflüsterer
Entspannte Meisterschaft: Norbert Scheuers
Roman „Winterbienen“ besingt die Einheit aller Dinge
VON HUBERT WINKELS
Wegreißend, umstürzend, durchschüttelnd, verkrampfend – Epilepsie ist eine Krankheit, die den Körper in einen Paroxysmus stürzt und das Ich außer sich. Es ist eine uralte Nervenkrankheit, so alt wie die menschliche Zivilisation, zu antiken Zeiten galt sie als heilig, morbus sacer wurde sie genannt, und der Kranke war ausgezeichnet, stigmatisiert. Mal im Guten, mal im Bösen. Bei den Nazis war die Krankheit ein Todesurteil für den Betroffenen. Egidius Arimond, der Held und Ich-Erzähler in Norbert Scheuers neuem Roman „Winterbienen“, ist Epileptiker. Mit Medikamenten hat er die Symptome einigermaßen im Griff, doch die sind in den Kriegsjahren 1944/45 schwer zu bekommen.
Tatsächlich aber sind es die Zeiten und Tage, ist es die Außenwelt, die außer Rand und Band geraten ist. Es tobt der Luftkrieg, die Bomber der Alliierten überqueren vom Westen die Eifel, um ihre tödliche Fracht im Ruhrgebiet und über den rheinischen Großstädten abzuwerfen, schließlich wird das Vulkangebirge mit seinen versprengten Dörfern und Kleinstädten selbst zum Zielgebiet. Vergeblich donnert die Flugabwehr und schickt nachts ihre Suchlichter in den lärmenden Himmel. Am Ende stehen die kämpfenden Bodentruppen in den Gaststätten und vor den Ställen und Bienenkörben der Eifelbauern. Die Welt hat einen epileptischen Anfall, der Paroxysmus tötet ihre Nervenzellen, ihre Funktionssysteme also, und er reißt alles und jeden mit.
In dieser Zeit, von Januar ’44 bis Ende Mai ’45, hält Egidius Arimond das Geschehen auf einzelnen Tagebuchblättern fest. Der soziale Außenseiter tut es unaufgeregt, sachlich, lapidar. In einem Duktus, als ob im Inneren des Wirbelsturms der ruhigste Ort der Welt sei. Wenn wir die Gegenstände seiner Aufzeichnungen nach Häufigkeit und Bedeutung ordnen wollten, müssten wir seine Bienen zuerst nennen, die Organisation ihres biologischen Gesamtkörpers, ihre unablässige Arbeit für Königin und Volk. Egidius’ Sorge und Pflege gilt ihnen ganz. Und er liebt die Frauen, mitten im tobendem Lärm träumt er von ihnen und geht neue Verhältnisse ein, schließlich gar mit der Ehefrau des Kreisleiters der NSDAP.
Egidius liest viel, in der Ortsbibliothek von Kall hat er seine eigenen verbotenen Bücher versteckt, und er geht dort den schriftlichen Spuren seines Urahns Ambrosius Arimond nach, der Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Tessin in die Eifel gekommen war, als Begleiter des ambulanten Herzens des verstorbenen Philosophen, Bischofs von Brixen und Generalvikars des Vatikans Nikolaus von Kues. Ambrosius’ Aufzeichnungen, den Tagebüchern des Egidius eingefügt, erzählen vom mühseligen Transport des heiligen Herzens des Cusanus über die Alpen, und wie zu dessen Schutz und als seine Begleitung die Bienen aus dem Tessin in den armen Nordwesten Deutschlands gelangten. Übersetzungsfetzen von Nicolaus Cusanus sind unter Ambrosius’ Herzensgeschichten gemischt, eine Philosophie der Zusammengehörigkeit und Ähnlichkeit aller Dinge in der Welt ist so gerade noch erkennbar.
Doch die eigentliche Botschaft ist wie immer bei Norbert Scheuer konkreter Natur. Hier sind es die viel vermögenden Bienen, in deren antibiotischem Harz das Herz des Heiligen einbalsamiert ist und deren komplexe Lebensform sich in einem stetigen, nach Tag- und Nachtzeiten, nach Jahreszeiten und Arbeitsanfall unterschiedenem Surren und Summen dem Aufmerksamen offenbart. Immer wieder liegt Egidius vor den Bienenstöcken im Gras und lauscht sich in den Schlaf, die Seelenruhe oder ins Tagträumen.
Der Epileptiker und die Flucht vor der großen gewalttätigen Geschichte ins Kleine und Allerkleinste. Das Abseits als sicherer Ort. Die Schönheit der feinen und leisen Ränder der schreienden lauten Welt – so scheint es manchmal bei der Lektüre, so möchte man es manchmal lesen, so möchte man sich manchmal selbst retten. Doch so ist es nicht, so lässt es der Roman nicht zu. Er hat seinen Helden vielfältig mit den Schrecken seiner Zeit verknüpft, doch er tut das so antiklimaktisch bedächtig, so antiepileptisch ruhig, dass man die starken Tathandlungen aus der sachlich-meditativen Verpackung eigens herausarbeiten muss.
So muss man in Egidius Arimond einen tapferen Fluchthelfer für bedrohte Juden in Nazideutschland erkennen. Er ist Teil einer anonymen Organisation, die Flüchtende über die nahe Grenze nach Belgien bringt. Von mehreren solcher lebensgefährlichen Unternehmungen berichtet Egidius im Tagebuch. Er versteckt den Heroismus dieser Taten in mehreren Schichten. Die Aktion wurde ihm von Fremden angetragen, mit Zetteln und schriftlichen Zeichen in Büchern der städtischen Bibliothek. Er macht es nur, weil er Geld braucht für seine teuren Medikamente. Er kann es leichter als andere, weil er ein Loch, einen Spund, wie es heißt, im Sandsteinfelsen hinter seinem Haus kennt, das zu einem ausgedehnten Stollensystem aus Bergbauzeiten gehört. Zudem liegt eine Wiese mit weiteren Bienenstöcken von ihm gleich an der belgischen Grenze und was der Tiefstapeleien mehr sind.
Und dann lesen wir nur kurz von der eigentlichen abenteuerlichen Rettungsaktion, dafür staunen wir umso mehr, wie Egidius diese mit der Bienenliebe, und diese mit der Frauenliebe verknüpft. Er transportiert die Flüchtenden in vergrößerten Bienenkörben, heftet ihnen fünf Lockenwicklerröllchen an die Kleidung, in denen jeweils eine Bienenkönigin gefangen ist. Im Fall einer Durchsuchung des nächtlichen Transports durch Polizei und Militär würden Tausende schwirrende Bienen die Versteckten bedecken; diese würden gleichsam zum Bienenkörper, einem Traum des Schreibers auch von sich selbst: Bienen werden! Und die Haarröllchen, der weiblichen Schönheit zugeordnet, hat Egidius seinen Geliebten gestohlen, seinen Königinnen des Herzens.
Über solche Nähe, Berührung, Übertragung, analogische oder symbolische Verbindungen, hier zwischen Krieg und Cusanus, Bombern und Bienen, Krankheitsleiden und Liebeslust, hängen alle Elemente des Romans aufs Innigste zusammen. Doch keine dieser tiefen Verknüpfungen wird exponiert oder gefeiert. Im Gegenteil: Der lapidare Tonfall des Erzählers, eigentlich nur ein Berichterstatter im Tagebuchformat, ist ein rhetorischer Schutz vor geschichtlichem und rhetorisch-literarischem Heldentum. Die Tathandlung selbst ist eine Zeichenhandlung, ein performativer Akt mit ungewöhnlichen Bedeutungsträgern: klug eingesetzte tanzende Bienen als schützendes Cover eines designierten Opfers. Naturnutzende Vortäuschung als versierte Zeichennutzung. Egidius kann dabei an der Raffinesse der Bienenkommunikation selbst anknüpfen, ihrer Art, Botschaften an ihresgleichen in Tanzbewegungen zu codieren. Schon der spätmittelalterliche Ambrosius, Übersetzer des Cusanus, hatte über die Bewegungen der Bienen als Ausdrucksformen gerätselt. Der Verhaltensforscher Karl von Frisch schließlich war der Erste, der die analogische Hinweisfunktion des Bienenflugs erkannte. Mit ihm hat unser Bienen beobachtender, Bienen liebender, Bienen verstehender Roman-Egidius gar einen kurzen Briefwechsel. Kurz, die biologischen, dinglichen, sozialen und alltäglichen oder historischen Handlungsmilieus sind allesamt über die Ähnlichkeiten ihrer Funktions- und Bedeutungsstruktur ineinander konvertierbar.
Die Kunst Norbert Scheuers besteht darin, diese Übertragbarkeit klug und schön zu nutzen; die größere Kunst ist es aber, die weiteren und tieferen Verbindungen zwischen den Welten lediglich bereitzustellen, sie dem Leser anzubieten, ihn zum selbsttätig ausführenden Organ dieser Übertragung zu machen. Der Leser ist es, der immer weitere Schichten des inneren Zusammenhangs der Dinge als Zeichen entdeckt, bis hinunter zur naturphilosophischen Denkweise der Cusanus und herauf zur Analogie von Spundloch im hölzernen Bienenstock, durch das die Tiere aus- und einfliegen können, zum „Spund“ im Sandsteinfelsen, durch welchen die Flüchtenden in die Freiheit geführt werden.
„Winterbienen“ ist Norbert Scheuers neuntes erzählendes Buch über die Eifeler Gegend rund um die Kleinstadt Kall. Jeder Roman hat dabei ein historisch und räumlich reales Bezugssystem, auf dass sich alle Emotionen, Gedanken und Geschichten beziehen lassen. Im Roman „Der Steinesammler“ sind es tatsächlich die Steinbrüche, das Zementwerk und die mineralogischem Besonderheiten der Gegend. In „Überm Rauschen“ sind es der Fluss, die Fische und die bizarren Köder der Fliegenfischer; in „Die Sprache des Vögel“ sind es exotische Vögel in Afghanistan, heimische in der Eifel; in „Am Grund des Universums“ sind es der Stausee und die Gruben und Stollen des aufgelassenen Bergbaus. Sie bilden jeweils einen die Romanhandlung bergenden realen Raum, und sie dienen als alternatives Universum, auf das sich das alltägliche Leben metaphorisch beziehen lässt.
Einen Höhepunkt hat diese Konjunktion der karg-realen und der sehnsuchtsvoll beschworenen Sphäre oft in einer Verschmelzung, die etwas Wahnsinniges hat, und etwas Heiliges. So wird Hermann Arimond im „Überm Rauschen“ am Ende selbst zum ersehnten Urfisch. Und der Vater des Afghanistan-Heimkehrers Paul Arimond stürzt sich mit ausgebreiteten Armen als Greifvogel von der hohen Talbrücke herab. Sparsam gesetzte, große Romanmomente. Natürlich kann man die Bienen, das Bienen-werden-Wollen des Egidius Arimond in „Winterbienen“ hier einreihen. Am Ende, schon im Danksagungsnachspiel des Romans, gibt es den Verschmelzungsmoment als perverses Kriegsgeschehen, und dennoch in aller Scheuer’schen Großartigkeit – auch mit Wink Richtung Cusanus und seiner Alleinheitsidee: So heißt es, nun von Dritten reportiert, über Egidius: „er war durch die Explosion des schweren Sprengkörpers in Abertausende Partikel zerrissen worden. Schwärme von Bienen hatten angeblich gerade ihre Stöcke verlassen, sie schwebten in Wolken von schwirrenden Schleiern übers Feld, so als wäre gar nichts geschehen; sie erschienen wie tanzende Sterne eines summenden Universums.“
Menschenglieder, Bienen, Sterne: Die beiläufige Entfaltung einer doppelten und dreifachen Welt, nämlich einer historisch realen und darin real eingelagerter und trotzdem ganz eigener metaphorischer Welten, ist zu einem Markenzeichen Norbert Scheuers geworden. In „Winterbienen“ zeigt sich seine Kunst in entspannter Meisterschaft.
Norbert Scheuer: Winterbienen. Roman, C. H. Beck Verlag, München 2019. 319 Seiten, 22 Euro.
Im antibiotischen Harz der
Bienen ist das
heilige Herz einbalsamiert
Alle Elemente des Romans
hängen aufs
Innigste zusammen
Die beiläufige Entfaltung
metaphorischer Welten ist ein
Markenzeichen dieses Autors
Immer wieder liegt der Protagonist in Norbert Scheuers neuntem Buch über die Eifel vor den Bienenstöcken im Gras und lauscht sich in den Schlaf.
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"Was mich an diesem Buch so begeistert hat, ist, wie leise jemand vom lauten Krieg erzählen kann (...) Leute, lest dieses Buch, es ist großartig!" ZDF, Christine Westermann "Die verschiedenen Charaktere fand ich großartig (...) ich habe sehr, sehr viel gelernt." ZDF, Volker Weidermann "Ein schönes, überraschendes, leises, abenteuerliches, ziemlich naturmystisches Buch. Handke mit Handlung." Der Spiegel, Volker Weidermann "Dieses Buch geht in die Tiefe und unter die Haut [...] Es geschähe nichts Schlechtes, bekäme Norbert Scheuer den Deutschen Buchpreis dafür." NDR Kultur, Ulrich Kühn "Scheuers Romane und Erzählungen sind larger than life und zugleich größer als jede vermeintlich authentische Story." Die Welt, Richard Kämmerlings "Wir können nur staunen über Norbert Scheuers Kunst: Was für ein reifes, reiches, unaufdringlich überwältigendes Buch." Die Zeit, Markus Clauer "Scheuer [...] geht es in seiner kunstvoll geschichteten Komposition mehr ums Beobachten von Menschen, Situationen und Natur: nicht um das Provinzielle der Region zu betonen, sondern um aus dem Kleinen allgemeingültige Wahrheiten abzuleiten." Münchner Merkur, Ulrike Frick "Ein großer Roman." Der Standard, Alexander Kluy "Ein herausragend guter Stilist und Erzähler, mit einer ganz eigenen lapidaren Erzählweise." Deutschlandfunk Kultur Lesart, Hubert Winkels "Doch erzählen seine Bücher wie nebenbei, auf subtile Weise, ohne dass auf bestimmte Ereignisse einer Zeit hingewiesen wird, auch von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen; in einer Sprache, die präzise und klar ist, die auf der Oberfläche leicht und leicht lesbar erscheint, darunter aber sehr poetisch ist." Der Tagesspiegel, Gerrit Bartels "Sein kluges Porträt vom bienenaffinen Einzelgänger entwickelt sich von einer stillen Studie zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte. (...) Scheuer beschreibt die Suche nach Normalität in Zeiten des Ausnahmezustands." Landshuter Zeitung, Günter Keil "Der souverän erzählte Roman (...) nimmt seinen Leser von Anfang an gefangen und hält die Spannung bis zum düsteren Ende." Rheinische Post, Ronald Schneider "Die Bücher von Norbert Scheuer habe ich in den letzten Jahren am liebsten gelesen. Seine leisen und wuchtigen Bücher, seine verrätselten und traumklaren. Wenn Sie sie verpasst haben, dann holen Sie es nach!" Deutschlandfunk Kultur Lesart, Frank Meyer "Die deutsche Gegenwartsliteratur ist im oberen Niveau stark geprägt von regional grundierten Romanen: Walsers Bodensee, Günter Grass und die kaschubischen Rübenäcker, Masuren von Siegfried Lenz, Johnson und Mecklenburg. Da würde ich Norbert Scheuer einreihen. Norbert Scheuer und die Eifel. Wenn man sein Werk liest, dann kommt man über die Provinz immer im Mittelpunkt der Welt an. Ein Autor, den ich allerdringlichst empfehlen kann. Ein Buch, das mich tief beeindruckt hat." Deutschlandfunk Kultur Lesart, Jörg Magenau "Mit Eleganz und Feingefühl vermeidet [Scheuer] es, die Primärreize des Schreckens abzuschöpfen (...) eine großartige Lektüre." Deutschlandfunk Büchermarkt, Christoph Schröder "Ein Roman mit einem großen Resonanzraum, reich an wiederkehrenden Motiven, deren Variationen mal heller und mal dunkler klingen (...) faszinierende Lektüre." Frankfurter Rundschau, Martin Oehlen "Ein Buch voller leichter Sätze, in denen doch das gesamte Gewicht des Lebens enthalten ist: die Hoffnung, die Angst, die Lust." Stern, Oliver Creutz "Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt." Frankfurter Allgemeine Zeitung, Patrick Bahners "Ein wunderbares Buch über den Duft der Frauen, den Duft des Honigs und das Schicksal eines Mannes, der, so wie die Winterbienen, das Überleben seiner Artgenossen schützt." Kölnische Rundschau, Susanne Schramm "Wie Scheuer seinen Egidius das s…mehr