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Benutzername: Sikal
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Bewertungen

Insgesamt 529 Bewertungen
Bewertung vom 19.10.2019
Das kleine Buch: Naturseifen aus Wald und Wiese
Nedoma, Gabriela

Das kleine Buch: Naturseifen aus Wald und Wiese


ausgezeichnet

Nicht nur Seifen

Spätestens wenn man durch das Inhaltsverzeichnis schmökert, erkennt man, dass dieses Buch nicht nur die Herstellung von Seifen vorstellt, sondern auch Shampoos, Duschgels und einiges mehr. Nachdem ich mich bereits seit einiger Zeit mit der Seifensiederei beschäftige, war dieses Büchlein ein interessanter Zusatz – hier wird nur mit Substanzen aus der Natur experimentiert. Das hat nun den großen Vorteil, dass man ohne viel Aufwand auch mal schnell ein Rezept versuchen kann und alles dafür ist normalerweise zu Hause verfügbar (oder zumindest im nächsten Bioladen zu kaufen).

Als Grundzutaten werden beispielsweise Rosskastanien, Asche, Erde oder Milch verwendet. Abgefüllt in Glasflaschen oder Gläsern, können diese wiederverwendet werden und Verpackungsmüll beinahe zur Gänze vermieden.

Die Autorin Gabriela Nedoma ist Naturpädagogin und Expertin für biologische Hautpflege und Grüne Kosmetik. Von ihrem Wissen berichtet sie in mehreren Büchern und so profitiert man von dieser Expertin je nach Interesse enorm. Dieses Mal gibt es eine Vielzahl an Rezepten zur Körperpflege und so kann jeder umweltbewusste Mensch sich sein individuelles Produkt herstellen – ohne großen Aufwand versteht sich.

Beispielsweise eine Gesichtsreinigung mit Rosskastanien oder ein Shampoo mit Zitronenmelisse. Die Flüssigseife mit Kokosmilch finde ich sehr interessant und wird bestimmt bald ausprobiert. Kräuterkugeln, Peelingpralinen oder ein Seifengugelhupf sind ein großartiges Geschenk …

Die Anleitungen sind einfach gehalten und sehr verständlich verfasst. Kurz und knackig, so wie man es gerne hat.

Es können aus einfachen Mitteln tolle Produkte hergestellt werden, Kräuter findet man meistens im eigenen Garten oder auch bei Freunden. Manches bringt man auch aus dem Urlaub mit (Olivenbaumblätter beispielsweise). Von den zu verwendenden Utensilien, die man für die Herstellung benötigt, finden sich wohl alle in einer vernünftigen Küche.

Gerne empfehle ich diese Ideen weiter und gebe natürlich 5 Sterne dafür.

Bewertung vom 19.10.2019
Das kleine Buch: Kekse für die Weihnachtszeit
Oberndorfer, Andreas

Das kleine Buch: Kekse für die Weihnachtszeit


ausgezeichnet

Ein Vorgeschmack auf Weihnachten

Die Reihe „Das kleine Buch“ aus dem Servus Verlag ist wieder um einige Besonderheiten erweitert worden. Mit diesem Büchlein über die Kekse für die Weihnachtszeit taucht man in Kindheitserinnerungen, riecht die feinen Gewürze und meint, die Zimtsterne bereits schmecken zu können.

Der Autor Andreas Oberndorfer hat hier eine kleine Auswahl an traditionellen und auch neuen Rezeptideen zusammengetragen und lädt dazu ein, selbst einiges auszuprobieren.

Am Anfang liest man ein wenig darüber, wie die Kekse die Weihnachtszeit eroberten. Einst ein Luxusgut aufgrund der exotischen Gewürze und dem teuren Zucker, wurden diese nur an besonderen Feiertagen in den Klöstern zubereitet. Erst durch die Habsburger wurde Süßes in Österreich salonfähig, 1522 wurde eine Hofzuckerbäckerei gegründet.

Das wohl berühmteste Weihnachtskeks ist das Vanillekipferl, welches der Legende nach bis zur Türkenbelagerung zurückreicht.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte der Kekse widmet sich das Buch natürlich dem Wichtigsten: den Rezepten und Ideen. Anfangs wird in einem ausführlichen Glossar auf diverse Fachbegriffe hingewiesen, was für manche sicherlich sehr hilfreich ist. Es gibt auch mehrere Tipps, wie man Vanillezucker selbst machen kann.

Die angeführten Rezepte sind alphabetisch geordnet und reichen von Anisbögen bis zu Zwickerbusserl. Dazwischen findet sich natürlich eine Vielzahl an Rezepten, die es allesamt zu probieren lohnt. Welche man bevorzugt, ist vor allem dem eigenen Geschmack geschuldet – angeboten wird eine breite Palette, wie beispielsweise die obligaten Vanillekipferl, Zimtsterne, Nervenkekse oder Honiglebkuchen sowie Steiererkekse und einiges mehr.

Ich hatte gleich eine Idee für Weihnachten – so wird es als Geschenk eine Dose mit selbstgebackenen Keksen geben und dieses Büchlein kommt mit dazu. Ich weiß, dass dieses Geschenk bestimmt gut ankommt und freue mich schon darauf, das ein oder andere selbst zu vernaschen (und die Kalorien lassen wir beiseite und denken nach Weihnachten wieder daran). Gerne vergebe ich 5 süße Sterne.

Bewertung vom 13.10.2019
Das flüssige Land
Edelbauer, Raphaela

Das flüssige Land


sehr gut

Ein abstraktes Leseerlebnis

Die Physikerin Ruth schreibt seit Jahren an ihrer Habilitation und kommt irgendwie nicht vom Fleck. Als ihre Eltern plötzlich bei einem Unfall sterben, will sie deren Wunsch erfüllen, in Groß-Einland begraben zu werden. Ruth macht sich auf die Suche nach dem Ort und scheint beinahe zu scheitern. Endlich dort angekommen, findet sie eine verschworene Gemeinschaft vor, die ein ungewöhnliches, abgeschottetes Leben führen – gelenkt von einer Gräfin, die keine ist und mit zum Teil merkwürdigen Forderungen an Ruth herantritt.

Das Buch dreht sich rund um Ruth und Groß-Einland, die dortige verdrängte Geschichte, fiktive Erzählungen, das Absinken einzelner Teile der Stadt und dem schier unerschöpflichen Geldfluss – bis es doch plötzlich knapp wird und als Rettung der Tourismus gesehen wird. Obwohl Ruth nur kurz bleiben wollte, scheint sie von diesem Ort nicht loszukommen.

Die Autorin Raphaela Edelbauer hat hier einen sprachlich sehr anspruchsvollen Roman geschrieben. Die surrealen und fantastischen Elemente sind nicht jedermanns Sache und so brauchte ich zwischendurch ziemliches Durchhaltevermögen um weiterzulesen. Man meint, keine einzige reale Person in diesem Städtchen zu treffen, sondern mitten in einer Fantasiewelt gelandet zu sein. Trotzdem konnte ich mich irgendwie nicht losreißen und das Buch endgültig zuklappen – also irgendwie hat diese Geschichte was …

Das flüssige Land ist für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis nominiert und man darf gespannt sein, wie die Entscheidung ausfällt.

Während des Lesens war mir unklar wohin das Ganze denn führen soll, wie die Autorin die Geschichte aufzulösen gedenkt. Das tatsächliche Ende finde ich dann jedoch zu sehr konstruiert.

Für meine Begriffe zu surreal mit zu vielen bizarren Charakteren. Dafür wird man mit einem herausragenden Schreibstil belohnt, somit war es für mich ein ungewöhnliches Leseerlebnis. 4 Sterne.

Bewertung vom 12.10.2019
Gebirgswasser, Schnee und Eis
Walter, Mooslechner

Gebirgswasser, Schnee und Eis


ausgezeichnet

Eine Hommage an unser Wasser

Der Autor Walter Mooslechner huldigt in seinem Buch „Gebirgswasser, Schnee und Eis“ dem wohl wichtigsten Gut, das wir besitzen: dem Wasser. Österreich gilt als eines der wasserreichsten Länder Europas, wir sind umgeben von Quellen, Seen, Bächen, sind beeindruckt von Wasserfällen und genießen das Tosen und Rauschen, um den Kopf frei zu bekommen oder klettern darin, um die Herausforderung zu suchen. Jeder hat hier wohl einen anderen Zugang und doch verbindet das Wasser.

Walter Mooslechner hat durch seine Arbeit als Förster und durch seine Naturverbundenheit ein enormes Wissen, an dem er uns teilhaben lässt. Wertschätzung und Respekt vor diesem Element stellt er in den Fokus. Wie sorglos oftmals damit umgegangen wird, zeigt der Autor auf und ermahnt, dieses kostbare Gut nicht nur für die großartige Faune in den Nationalparks zu schützen sondern vor allem für die Nachfolgegeneration zu erhalten.

Viele eindrucksvolle Bilder untermalen die wunderbaren Texte und lassen uns in eine (so scheint es) unberührte Natur eintauchen. Wenn man dann aber das Bild der Paterze sieht (und vielleicht vor Jahren bereits mal am Großglockner war) dann kann man erkennen, wie gefährdet dieses Wunderwerk bereits ist. Der Klimawandel ist zwar in aller Munde, doch Maßnahmen greifen viel zu langsam, dass wir hier erkennbar Verbesserungen sehen. Seit dem Jahr 2000 verlieren die Alpengletscher zwei bis drei Prozent an Volumen. Wie sich diese Veränderungen auswirken können, liest man auch in diesem Buch.

Beeindruckend die Schilderung von so mancher Klamm, die zum Teil enormen Besucherströmen standhalten müssen. Doch auch über die Gefahr und die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen berichtet der Autor.

Das vielfältige Spektrum unseres Wassers wird hier aufgezeigt und man meint, sofort auf Erkundung gehen zu müssen. Die Vielfalt der Tiere und Pflanzen zwischen Wasser und Land, die alpine Tierwelt und auch die Flora zwischen Schnee und Eis wird ausführlich beschrieben.

Heilende Quellen, Brunnen, Eishöhlen und vieles mehr werden aufgezeigt und laden zu so mancher Entdeckungstour ein.

Der Autor beschreibt ohne erhobenen Zeigefinger und zeigt trotzdem so manche Missstände auf.
Eine Hommage an unser Wasser, das wir schätzen und schützen sollten. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dieses jederzeit verfügbar zu haben.

Das Buch ist sehr hochwertig verarbeitet und sicherlich auch ein wunderbares Geschenk für Naturliebhaber. Gerne vergebe ich 5 Sterne und empfehle es weiter.

Bewertung vom 12.10.2019
Die im Dunkeln sieht man nicht
Götz, Andreas

Die im Dunkeln sieht man nicht


sehr gut

Kriminalfall, Zeitgeschichte, Liebesgeschichte

München 1950: Nachdem Karl Wieners viele Jahre in Berlin verbrachte, alles in seinem Leben verloren hat und an den Auswirkungen des Krieges abgestumpft ist, kehrt er wieder in seine Heimatstadt München zurück. Ein Schulfreund bietet ihm eine Stelle als Journalist an. Es gilt eine heikle Story zu recherchieren. Karl soll herausfinden, wohin die Kunstschätze aus dem Führerbunker in den letzten Kriegstagen verschwunden sind.

Unterstützt wird er von seiner Nichte Magda, die sich mit eher zweifelhaften Gestalten herumtreibt und ihr Geld auf dem Schwarzmarkt verdient. Außerdem sind die beiden einander sehr verbunden, wenngleich Karl zu Gefühlen nicht mehr fähig scheint und auch ein Problem mit der Onkel-Nichte-Verbindung hat.

In einem weiteren Handlungsstrang begegnen wir Ludwig Gruber, der als Kriminalbeamter einen Mord an einem Spediteur aufzuklären hat. Lange tappt Ludwig im Dunkeln und erkennt kein Motiv. Als noch zwei Leichen aufgefunden werden, beginnen sich die Schatten ein wenig zu lichten und Verbindungen können hergestellt werden. Außerdem muss ich Ludwig noch mit dem Kollegen Emil Brennicke herumärgern, der ihn unterstützen soll, aber Ludwig etwas suspekt erscheint. Als sich Emil im Gasthof von Karls Bruder einquartiert, kreuzen sich nicht nur deren Wege sondern auch die von Emil und Magda …

Bald sind die Vorgänge so dermaßen verstrickt, dass es scheint, die Protagonisten kommen aus dem Chaos nie mehr heraus. Wem ist noch zu trauen? Wer steckt hinter diesen Machenschaften? Und werden Karl und Magda doch noch ihr Glück finden?

Der Autor Andreas Götz hat hier einen Kriminalfall mit etwas Zeitgeschichte und einer Liebesgeschichte verbunden. Wobei für meinen Geschmack die Liebesgeschichte zu sehr im Fokus steht. Gut kann man in die Atmosphäre der Nachkriegszeit eintauchen, die verschleppten Nazi-Gedanken, der blühende Schwarzhandel, der Kampf um ein besseres Leben.

Der Schreibstil ist flüssig, die Handlung spannend – obwohl vieles vorhersehbar, ist man doch neugierig, wie der Autor dieses Labyrinth an Handlungen aufzulösen gedenkt.

Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und man vermutet mehr hinter der Oberfläche als es anfangs den Anschein hat. Hier finde ich, dass der Autor gute Arbeit geleistet hat – man denkt über die Figuren nach.

Auch wenn für meine Begriffe die Liebesgeschichte zu sehr im Vordergrund war, habe ich das Buch gerne gelesen und vergebe dafür auch 4 Sterne.

Bewertung vom 07.10.2019
Liebling, hast du meine Zähne gesehen?
Brater, Jürgen

Liebling, hast du meine Zähne gesehen?


gut

Alt werden oder alt sein?

Hubertus Humpff ist 76 ½ Jahre alt. Seit 11 Jahren ist er mit Hulda verheiratet und die beiden wollen gemeinsam alt werden … Doch plötzlich merken sie, dass sie dies ja bereits sind.

Der Autor Jürgen Brater lässt uns hier teilhaben an lustigen, zum Teil skurrilen Alltagsgeschichten von Hubertus und Hulda. Und wie das Leben eben so spielt, bleibt auch hier manches Mal das Lachen im Hals stecken – oftmals scheint es, der Autor hat jemanden aus der unmittelbaren Umgebung beobachtet und diese Geschichten in sein Buch einfließen lassen.

Manche Anekdoten scheinen überzeichnet, andere wieder sind dermaßen vorhersehbar, dass der Witz zu kurz kommt. Doch über vieles musste ich herzhaft lachen – die kleineren oder größeren Gebrechen werden hier zum Thema gemacht, nervige Marotten oder ein Spiegeleier-Bauch aber auch ein Abend mit Freunden werden erzählt.

Auf jeden Fall wollen die beiden nicht am Abstellgleis stehen sondern noch aktiv am Leben teilhaben, auch wenn sie das vielleicht nicht mehr zu 100% können und sie in Situationen kommen, die früher nicht passiert wären. Auch die Paarbeziehung der beiden kommt nicht zu kurz und lässt uns zumindest darüber schmunzeln.

Dass man dies alles nicht zu ernst nehmen darf, versteht sich von selbst. Doch ich fühlte mich während des Lesens gut unterhalten und so gibt es von mir auch 3 Sterne.

Bewertung vom 07.10.2019
Von Glückssuchern und Weltentdeckern

Von Glückssuchern und Weltentdeckern


sehr gut

Was bedeutet schon Glück?

Dieses kleine Buch stellt 16 Geschichten über das Leben in den Fokus. Bekannte Persönlichkeiten erzählen vom Glück im Alltag, von Gedankenexperimenten, von Reisen ins Unbekannte oder von Heimkehr, von Freund und Feind, vom Fernen und Nahen.

Die Geschichten sind sehr vielfältig und sprechen dem ein oder anderen aus der Seele. Es sind Erzählungen aus dem Leben gegriffen, mal mehr oder weniger spannend oder humorvoll, erinnerungswürdig.

Von Autoren wie Eva Rossmann, Alfred Komarek, Vea Kaiser, Thomas Maurer, René Freund, Franzobel, Thomas Raab und viele anderen liest man. Geschichten, die man genießen kann und auf sich wirken lässt.

Das Buch ist ein perfektes Geschenk, auch der Leineneinband gibt dem Buch das gewisse Etwas. Gerne vergebe ich für dieses nette Buch 4 Sterne.

Bewertung vom 02.10.2019
Die verspielte Welt
Lendvai, Paul

Die verspielte Welt


ausgezeichnet

Ein Kosmopolit schwelgt in Erinnerungen

Ob Polen, Albanien oder Ungarn – ob Milosevic, Orban oder Soros, nichts wo er nicht wüsste was es zu berichten gäbe. Paul Lendvai ist sicherlich einer der größten Publizisten der letzten Jahrzehnte – wie er zu diesem Ruf gekommen ist, das veranschaulicht er in seinem neuen Buch auf beeindruckende Art und Weise.

Gleichgültig in welchem Land Südosteuropas sich Veränderungen abzeichneten, gleich wie groß die Krise war, ob als Journalist, Publizist oder Karikaturist – der Autor der „verspielten Welt“ war mit dabei. Und in den meisten Fällen nicht nur mit dabei sondern mittendrin. Wie sonst ließen sich so detaillierte Berichte aus Kriegsschauplätzen und Krisenherden erstellen.

Aber auch bei freudigeren Anlässen wie der Wiedervereinigung Deutschlands oder der friedlichen Spaltung der einstigen Tschechoslowakei wusste Paul Lendvai immer objektiv und sachbezogen zu berichten.

Wie er zu dieser Fülle an Wissen kam - und vor allem, wie es ihm immer wieder gelang, die vielen Hintergrundinformationen zu erlangen, welche für seine Berichterstattung von so großer Bedeutung waren und sind - wird klar, wenn man die unzähligen Begegnungen in diesem Buch Revue passieren lässt.

Kaum ein Land Südosteuropas, in dem er nicht einen führenden Politiker persönlich kennt oder kannte. Kein Land in welchem er nicht zu Kollegen aus dem Journalismus Verbindungen unterhielt.

In dreizehn Kapiteln erzählt Paul Lendvai die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse aus jenen Teilen Europas. Und er lässt uns teilhaben an jenen Begegnungen, die es ihm ermöglichten, seine Berichte immer wieder authentisch zu gestalten.

Wer also sonst sollte nach so vielen Jahrzehnten die Geschichte Südosteuropas erzählen und diese Geschichte mit seiner eigenen so eindrucksvoll in Verbindung bringen können? Eben nur jemand der nicht nur dabei war sondern mittendrin. 5 Sterne

Bewertung vom 02.10.2019
Morphium, Mokka, Mördergeschichten / Nechyba-Saga Bd.7
Loibelsberger, Gerhard

Morphium, Mokka, Mördergeschichten / Nechyba-Saga Bd.7


ausgezeichnet

Nechyba ist Kult

Gerhard Loibelsberger hat mit seiner Figur des Joseph Maria Nechyba einen Kult-Ermittler geschaffen, der mit seiner beleibten, gemütlichen Art sehr sympathisch wirkt. In diesem Buch sind nun Kurzgeschichten gesammelt, die Nechybas Wege nachzeichnen und teilweise skurril anmuten.

Den Anfang macht die Geschichte rund um ein Gespenst vom Kadoltsberg bei der Nechyba bereits als 13-jähriger ein Gespür für Wahrheit und Kombinationsgabe vorweisen kann. Sein Instinkt lässt ihn die richtigen Fragen stellen, was der Wahrheitsfindung am Ende dient.

So begleitet man Nechyba auf etlichen Stationen seines Berufslebens, begegnet zum Teil wahren Begebenheiten. Auch die private Entwicklung Nechybas kann man verfolgen, wie auch die politischen Veränderungen.

Dem Autor gelingt es auch in diesen Kurzgeschichten das Wiener Flair des ausklingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts einzufangen. Einen besonderen Stellenwert nehmen die kulinarischen Köstlichkeiten ein. Besonders interessant, dass Nechyba einigen bekannten Persönlichkeiten begegnet, beispielsweise Sigmund Freud. So schlendert man quer durch Wien, besucht den Naschmarkt und macht auch einen Ausflug nach Maria Taferl. Immer zugegen der Wiener Dialekt – ergänzt von Fußnoten und einem ausführlichen Glossar, sodass auch Nicht-Wiener einen Lesegenuss erleben können.

13 unterhaltsame Kurzgeschichten, die ich sehr gerne gelesen habe. Die besondere Atmosphäre dieser Nechyba-Krimis genieße ich immer wieder. Dafür gibt es natürlich 5 Sterne.

Bewertung vom 29.09.2019
Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud
Carey, Edward

Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE, besser bekannt als Madame Tussaud


sehr gut

Alle wollen Köpfe

Marie Groholtz wird 1761 im Elsass geboren. Ihre Mutter zieht mit der kleinen Marie bald nach Bern und kommt dort als Haushälterin zu Doktor Curtius. Als Maries Mutter stirbt, kümmert sich Curtius um das kleine Mädchen. Dort kommt Marie auch mit der Kunst in Berührung, verschiedenste Körperteile (hauptsächlich Organe) aus Wachs herzustellen. Diese fertigt Curtius für das Berner Krankenhaus. Doch als Curtius plötzlich fasziniert von Köpfen ist, kommt es zum Bruch mit dem Krankenhaus und Curtius muss mit Marie verschwinden. Die beiden kommen nach Paris und haben große Hoffnung in das dortige Leben. Doch bald müssen sie erkennen, dass diese Stadt erkämpft werden muss.

Der Weg führt Marie von der herrischen Witwe Picot über Versailles zurück zur französischen Revolution bis nach London, wo sie dann das Wachsfigurenkabinett eröffnet. Doch bis dahin ist es ein sperriger Weg, auf dem Marie nicht nur fasziniert von Wachsköpfen ist, sondern auch in einem Schrank leben muss, die Liebe erst spät erleben darf und viele viele Male über sich hinauswächst.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt und nimmt den Leser mit auf diesen Weg. Gerne bin ich Marie gefolgt und habe mit ihr gelitten, geweint, gehofft und ihre Hingabe beobachtet. Dass sie ein solch aufregendes Leben hatte, war mir nicht bewusst. Ihre Faszination für Menschen aus Wachs kommt in dem Roman gut hervor.

Der Autor Edward Carey ist selbst bildender Künstler und konnte sich vermutlich sehr gut in den Charakter der Marie hineinversetzen. Ebenfalls ausdrucksstark wurde die Witwe Picot gezeichnet, die mit ihrer herrischen, dominanten Art Marie das Leben zur Hölle machte. Curtius wird hier als weichherzig und abhängig dargestellt. Er erkennt Zeit seines Lebens nie das große Potential, welches in ihm steckte. Zum Glück hat Marie irgendwann den Schritt gesetzt, sich zu emanzipieren und gegen die Unterdrückung aufzustehen.

Der Schreibstil ist etwas ungewöhnlich, man muss sich an die Schreibweise gewöhnen bevor man in der Geschichte versinken kann.

Ich habe zwar das Wachsfigurenkabinett in London noch nie gesehen, doch nun kenne ich zumindest ein wenig die Geschichte Madame Tussauds. Gerne vergebe ich für diesen Roman 4 Sterne.