Eurotrash - Kracht, Christian
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»I'll see you in twenty-five years.« Laura Palmer.»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, 'Faserland' genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung:…mehr

Produktbeschreibung
»I'll see you in twenty-five years.« Laura Palmer.»Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Es war ganz schrecklich. Aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun nicht mehr einfällt, 'Faserland' genannt hatte. Es endet in Zürich, sozusagen auf dem Zürichsee, relativ traumatisch.«Christian Krachts lange erwarteter neuer Roman beginnt mit einer Erinnerung: vor 25 Jahren irrte in »Faserland« ein namenloser Ich-Erzähler (war es Christian Kracht?) durch ein von allen Geistern verlassenes Deutschland, von Sylt bis über die Schweizer Grenze nach Zürich. In »Eurotrash« geht derselbe Erzähler erneut auf eine Reise - diesmal nicht nur ins Innere des eigenen Ichs, sondern in die Abgründe der eigenen Familie, deren Geschichte sich auf tragische, komische und bisweilen spektakuläre Weise immer wieder mit der Geschichte dieses Landes kreuzt. »Eurotrash« ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Artikelnr. des Verlages: 4001956
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 224
  • Erscheinungstermin: 4. März 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 149mm x 30mm
  • Gewicht: 422g
  • ISBN-13: 9783462050837
  • ISBN-10: 3462050834
  • Artikelnr.: 60477659
Autorenporträt
Kracht, Christian§
Christian Kracht, 1966 in der Schweiz geboren, zählt zu den modernen deutschsprachigen Schriftstellern. Seine Romane »Faserland«, »1979«, »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, »Imperium« und »Die Toten« sind in über 30 Sprachen übersetzt. 2012 erhielt Christian Kracht den Wilhelm-Raabe-Preis, 2016 den Schweizer Buchpreis und den Hermann-Hesse-Literaturpreis.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.03.2021

Falsche Fische

Die grotesken Filmszenen der Erinnerung: In seinem Roman "Eurotrash" betrachtet Christian Kracht die eigene Familiengeschichte in einem Zerrspiegel. So entsteht eine Parodie auf die Mode des autobiographischen Schreibens, die uns fragt: In welcher Fiktion wollen wir leben?

Von Jan Wiele

Kann man noch deutlicher machen, dass etwas eine Parodie ist? In seiner Frankfurter Poetikvorlesung von 2018 sagte Christian Kracht: "Alles, was sich selbst zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie." Er meinte nicht zuletzt die Vorlesungsreihe, in der er sprach. Und schon damals entstand der Eindruck, Kracht parodiere die Textgattung, in der er sich äußert, indem er seine eigene Lebensgeschichte in grotesk überzeichneten Episoden erzählte und nach Schilderung einer Missbrauchserfahrung aus seiner Jugend sein ganzes literarisches Werk im Lichte dieser Erfahrung mit der Methode des Biographismus selbst auslegte. Er nannte dann explizit die Parodie eine "Heilung für den Missbrauch".

Nun erscheint Krachts neuer Roman. Er heißt "Eurotrash". Der Begriff bezeichnet oft eine triviale, obszöne Form der Popmusik - der Künstler Friedrich Liechtenstein sprach etwa gegenüber dieser Zeitung einmal von "Eurotrash der Skihütten". Aber laut dem für das Verständnis gegenwärtiger Kultur oft hilfreichen Online-Medium "Urban Dictionary" kann "Eurotrash" auch Menschen meinen, die sich durch zur Schau getragenen Wohlstand und gleichzeitig durch inszenierte Verlotterung, durch Modesucht in schmerzhaft empfundenem Ironiebewusstsein und durch Weltmüdigkeit auszeichnen.

Worauf also zielt die Parodie des Romans "Eurotrash"? Zum einen auf den konsumistischen, oberflächlichen Lebensstil, mit dem Kracht seit seinem Debüt "Faserland" (1995) wie kein anderer Gegenwartsautor in Verbindung gebracht wurde, weil er diesen Lebensstil darin vermeintlich affirmativ beschrieben hatte. Das war eine Fehlrezeption, allerdings eine äußerst produktive: Sie hängt der deutschsprachigen Popliteratur als Stigma bis heute an, teils auch nicht zu Unrecht. Im neuen Roman, der als Fortsetzung von "Faserland" beworben wird, malt Kracht in einer an Thomas Bernhard gemahnenden Spottlust die Schweiz als Hort des Eurotrashs aus. Und setzt sich mit der Frage auseinander, ob er und seine Familie vielleicht selbst "Eurotrash" sind.

Wenn man aber man den Titel auch als ironische Selbstdenunziation des Romans versteht, zielt die Parodie sogar auf dessen eigene Form: Seine zur Schau gestellte Mode wäre dann die des autobiographischen Erzählens, das seit ein paar Jahren nun zu einem regelrechten Kult vermeintlich authentischer Memoir-Literatur geführt hat. Ebenden hatte Kracht in seiner Vorlesung parodiert, und der Roman ist die konsequente Fortsetzung auch davon.

Sein Erzähler heißt Christian Kracht, und vieles dürfte damaligen Zuhörern der Vorlesung bekannt vorkommen: das Aufwachsen in kaltem Wohlstand, maximal entfremdet von den desinteressierten Eltern, die Hassliebe zur Schweizer Heimat, das angebliche Anzünden der Schule im Alter von sieben Jahren, der Vater, ein Manager im Verlag Axel Springers, als Parvenu im internationalen Jetset, der Expressionisten-Originalbilder unter dem Bett hortet, die nationalsozialistische Vergangenheit der Großeltern, ein kurioser Onkel. Neu allerdings ist nun die Geschichte der Mutter: Sie wird zum Zentrum des Romans, löst seine Handlung aus, indem sie den in Amerika lebenden Sohn zum Besuch in die Schweiz bittet, von dem man ahnt, es könnte der letzte sein. Diese Mutter ist es, die diesmal für die qualvolle Nabelschau sorgt, wenn erzählt wird, dass auch sie im Alter von elf Jahren missbraucht worden sei und doch nicht verhindern konnte, dass ihrem Sohn später das Gleiche geschah. "Der Zerfall dieser Familie, ja, die Atomisierung dieser Familie, als deren Tiefpunkt man den achtzigsten Geburtstag meiner Mutter im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur bezeichnen muss, war von einer bodenlosen Hoffnungslosigkeit", heißt es zu Beginn. Die Mutter wird beschrieben als stark trinkendes, tablettenabhängiges Wrack. Die Wiederbegegnung mit dem Sohn ist denkbar schmerzhaft für beide, und doch haben beide sie bitter nötig.

Beide haben sich nämlich mit traumatischer Vergangenheit auseinanderzusetzen, wenn man so will, Trauerarbeit zu leisten. Der Erzähler gibt ohnehin zu, er lebe seit Jahrzehnten nur in der "ewig präsenten" Vergangenheit. Und gibt dann noch einen bedeutsamen Hinweis: "Ich lebte in Filmen."

Damit ist etwas Entscheidendes über die Erzählstruktur von Kracht-Romanen gesagt: Denn oft werden darin, ausgehend von einem Stichwort, Szenen filmisch ausfabuliert - Stilprinzip auch seines Kino-Romans "Die Toten" (2016). Unmittelbar nach dem Filmhinweis folgt hier eine vorgestellte Erinnerung aus der Kriegskindheit der Mutter, in der Deserteure an Laternenpfählen aufgeknüpft sind, Körperteile aus zerbombtem Häusern hängen. Dann folgt eine Betrachtung über den Vater, der aus Angst vor seiner Provinzialität zum Snob zu werden versucht - und schwups, sehen wir ihn in Londoner

Fortsetzung auf der folgenden Seite

Klubs zwischen Roastbeefwagen und weißen Schürzen, wie er verzweifelt versucht mitzuhalten. Es klappt leider nicht, vielleicht weil der Vater, wie es noch später heißt, als "sonderbarer kleiner Mann dem Schauspieler Louis de Funès sehr geähnelt hatte"? Auch die Erinnerung des Erzählers an seine eigene Kindheit ist filmgesteuert: "Meine Träume sahen ungefähr so aus wie die Schlußszene in der Dürrenmatt-Verfilmung Es geschah am hellichten Tag", sagt er einmal: Stoff für Albträume.

Sein Hass-Bild der Schweiz wiederum scheint grundiert von Filmen des antikapitalistischen Revolutionärs Guy Debord, dessen Kritik an der "Gesellschaft des Spektakels" (1967) hier nicht nur gegen den Konsumismus der Eidgenossen, sondern auch gegen den der falsch verstandenen Popliteratur in Stellung gebracht wird: Die Barbourjacke aus "Faserland" weicht einem kratzigen Öko-Pullover.

Und doch besteht die Pointe des Romans "Eurotrash" darin, sich den vorgestanzten Film-Träumen nicht willenlos zu unterwerfen, sondern sie selbst zu gestalten: als Tagträume. Der sagenhafte Roadtrip, auf den sich der Erzähler darin mit seiner von Krankheit gezeichneten Mutter begibt, ist so eine Flucht in die Tagtraum-Realität.

Das dämmert dem Leser, wenn die Mutter den Sohn ständig bittet, Geschichten zu erzählen, und der bereitwillig losfabuliert. Aber immer deutlicher wird dann, dass auch die innerhalb der Romanfiktion als wahr ausgegebene Erzählung einer Taxifahrt kreuz und quer durch die Schweiz, bei der Mutter und Sohn mit Tausendfrankenscheinen aus Plastiktüten um sich werfen, bei Öko-Nazis übernachten, Borges' Grab besuchen, erst nach München und dann nach Afrika zu fliegen beschließen und doch am Ende wieder auf einem Klinikparkplatz landen, selbst eine solche Tagtraum-Fiktion sein könnte.

Die Schlüsselszene eines Fischessens wirkt wie ein poetologisches Emblem dieser Erkenntnis: "Im milchiggekochten Auge der Forelle", die vor den Protagonisten als "straff zusammengezogene hellblaue Leiche" unappetitlich auf dem Teller liegt, "spiegelte sich nichts", heißt es, und dann: "Was hätte sich auch spiegeln sollen?" Daraus erhellt nicht nur, dass die Figuren, die da am Tisch sitzen, gar nicht wirklich da sind. Sondern auch, da das lang herbeigesehnte Forellenmahl eine so drastische Enttäuschung ist: dass die falschen Fische der Fiktion eben oft schöner sind als die Wirklichkeit. Die Drastik dieser Wirklichkeit zu mildern durch steile Geschichten: das ist das Prinzip Christian Krachts, das er den aufrichtigen Memoir-Schreibern trotzig entgegenschleudert. Manchmal sogar mit Humor, wenn die Mutter etwa sagt, die Schweiz sei ja auch nur eine Erfindung der Engländer.

Das Ende des Romans schildert berührend die Übereinkunft von Mutter und Sohn, die Tagtraum-Welt gar nicht mehr zu verlassen. Und so landen beide am Ziel einer Reise, die sie nie angetreten haben: Heilung durch Fiktion.

Christian Kracht: "Eurotrash". Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 210 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Jan Wiele zieht den Hut vor Christian Krachts etwas anderer Memoiren-Kunst. Wie der Autor und sein Erzähler diesmal antreten, die dunklen Ecken ihrer Familiengeschichte mit Fiktion zu überkleistern, findet Wiele schon lesenswert. Parodistisch, mit der Spottlust eines Thomas Bernhard geht das laut Wiele vor sich. Wiele folgt dem Erzähler und dessen Mutter durch eine Pappmaché-Schweiz, die der Roman filmisch und (alp-)träumerisch ausstaffiert. Das ist manchmal sogar witzig, findet der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.03.2021

Dreckiges deutsches Geld
In Christian Krachts neuem Roman „Eurotrash“ ziehen
Mutter und Sohn aus, um das Fürchten zu verlernen
VON FELIX STEPHAN
Muss man sich, um sich für Christian Krachts neuen Roman „Eurotrash“ zu interessieren, auch für Christian Kracht selbst interessieren? Und muss man 1995, als Krachts Debüt „Faserland“ erschienen ist, schon dabei gewesen sein? Der Roman scheint mit solchen Lesern jedenfalls zu rechnen.
Am Anfang des Romans schlägt ein Erzähler namens Christian Kracht in einem Zürcher Hotel auf. Alle zwei Monate schaut er in Zürich vorbei, der „Stadt der geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis“, um seiner tablettensüchtigen und alkoholkranken Mutter Blumen zu bringen, die dort seit Jahrzehnten in einer Wohnung am Seeufer lebt und die Bunte liest, weil diese „ohne Unterlass eine immerwährende Gegenwart zeigte“.
In seinem eigenen Kopf hingegen ist immer Vergangenheit. Der Erzähler denkt also daran, wie seine Mutter an ihrem 80. Geburtstag zusammengekauert im Gemeinschaftszimmer der Nervenklinik Winterthur gesessen hat, „das Gesicht vom betrunkenen Hinfallen zerschrammt und mit dunkelroten Blutkrusten überzogen“, vor sich einen Blumenstrauß zu 800 Franken. Er denkt an den Vater seiner Mutter, NSDAP-Parteimitglied seit 1928, Untersturmführer der SS, in dessen Haus nach seinem Tod zahllose sadomasochistische Sextoys gefunden wurden. Für heimliche Kellertreffs hatte er ausschließlich Mädchen aus Island angeheuert, denn „nur sie, so hatte der Großvater, mein Großvater, gedacht, würden das nordische Ideal angemessen vertreten“.
Und er denkt an die Wirbelsäulenoperation, vor der seine Mutter so schreckliche Angst hatte. Er hatte am Telefon noch versucht, diese vollkommen berechtigte Angst zu zerstreuen, aber natürlich gab es Komplikationen, seine Mutter lag monatelang im Koma, am Leben gehalten nur von Schläuchen und Apparaten während der versammelte Ethikbeirat der Klinik auf den Sohn einredete, doch endlich seine Zustimmung zu geben, „dass man nichts mehr unternehme, nur noch den kleinen Plastikhahn am Morphiumschlauch etwas weiter aufdrehe, weil, wie solle sie sich denn davon erholen, was für ein Leben sei das schließlich noch? Das Leben, was sei es denn?“
Diese Erinnerungen, die so schmerzhaft sind, dass man sie sich am liebsten aus dem Hirn herausmeißeln würde, sind in diesem Roman mit den traurigen Geldsymbolen, die in der neureichen Familie des Erzählers Christian Kracht stets aufsteigerstolz ausgestellt wurden, zu einem Gesamtbild verschmolzen: das Teeservice aus reinem Gold, angefertigt vom Juwelier Wilm in Hamburg, die englische Fliegeruhr von Longines, die Taschen von Hermès, dieüber Jahrzehnte angehäufte Sammlung Hunderter hauchzarter Teedosen, all die Villen in Cap Ferrat, auf Sylt, auf Sea Island, am Genfer See, in deren Treppenhäusern deutsche Expressionisten ungewisser Herkunft hingen.
Aus einfachen Verhältnissen hat sich der Vater des Erzählers an die Spitze des Axel-Springer-Konzerns gearbeitet, dabei ein Vermögen angehäuft und sich schließlich energisch bemüht, seine Herkunft zu verschleiern, indem er sein ganzes Leben mit Mahagoni und Gold auskleidete. Aber auch die Millionen machen aus dem Sohn eines Hamburger Taxifahrers keinen englischen Gentleman, und der Erzähler erinnert sich, dass es die Hemdkragen gewesen seien, an denen er immer als Neureicher erkennbar war. Die Hemden seines Vaters seien immer neu gewesen, obwohl sie in den Kreisen, zu denen er so dringend gehören wollte, doch fadenscheinig getragen wurden, löchrig und abgerieben, „foxed mußten sie sein“.
Dieses Ineinander von Luxus und Verleugnung, von notdürftig entnazifizierter Selbstherrlichkeit, blasiertem Herrenmenschentum und grotesker Niedertracht war auch schon die Rezeptur, aus der einst die nervös-depressive Erzählstimme von „Faserland“ hervorgegangen war, und bis heute fragt man sich, was in den Leuten genau vorging, die das damals tatsächlich affirmativ gelesen haben.
Die Gegenwelt zum deutschen Wirklichkeitshorror ist in Krachts Romanen stets der Mythos, die Sprache, das Erzählen. Schamanistische Riten und englische Lyrik. Wer weiß schon, wonach der junge Christian Kracht auf der Suche war, als er als Volontär bei dem damals maßgeblichen Magazin Tempo angefangen hat. Aber dass auch in der deutschen Medien- und Werbewelt der Neunziger das Bewusstsein noch auf Verdrängung moduliert war und alle über ihre Urlaube, Autos und Uhren redeten, obwohl das Blut der Juden im deutschen Boden noch kaum versickert war, von dieser Entdeckung und der haltlosen Verzweiflung darüber handelte damals „Faserland“.
Der Erzähler erinnert sich auch an diese Zeit. Er sei damals in erster Linie hemmungslos betrunken durch Berlin gewankt. Einmal habe er Joschka Fischer körperlich angegriffen, bei anderer Gelegenheit Frank Schirrmacher über die Haare gestrichen, bis der gesagt habe: „Laß das bitte sein, Christian, das mag ich nicht.“ Und weil der Erzähler in diesem Roman der Schriftsteller Christian Kracht ist, der Autor des Romans „Faserland“, sind seine persönlichen Erinnerungen zwangsläufig auch kollektive. Einige dieser Geschichten kann man schon mal gehört haben, wenn man in den Neunzigerjahren Zeitungsartikel über Literatur gelesen hat.
„Eurotrash“ wurde vom Verlag als Fortsetzung von „Faserland“ angekündigt, aber hier, auf den ersten Seiten, ist es eher eine Art programmatische Rückschau, die die kollektiven Erinnerungen an die popliterarischen Neunziger noch einmal aus der Perspektive seines Protagonisten rekapituliert, Krachts „Dichtung und Wahrheit“. Das dauert aber nicht lang, schon bald ändert das Buch seine Gestalt und wird zu einem großen, heiteren Abenteuerroman, bestimmt dem herzlichsten, den es von Kracht bislang zu lesen gab.
Mutter und Sohn beschließen also, in die Welt zu ziehen und sich von dem Ballast der Vergangenheit rituell zu befreien, indem sie das dreckige deutsche Geld, mit dem in ihrer beider Leben stets sämtliche Probleme begonnen haben, an die erstbeste Person verschenken, die ihnen über den Weg läuft. Mit 600 000 Franken in bar setzen sie sich in ein Taxi und fahren scheinbar intuitiv Orte an, die sich dann jeweils als zentrale Ortsmarken ihre Seelenlandschaft herausstellen. Von hier an geht es zu wie in Herrndorfs „Tschick“: zwei emotional defizitäre Figuren auf großer Fahrt, die sich aneinander festhalten, um nicht vollends ins Leere zu kippen.
Und auch auf dieser Reise spielen die Geschichten eine tragende Rolle, die in Krachts Romanen immer die Geborgenheit spenden, und die die wirkliche Welt nicht zu bieten hat. Allerdings verkehren sich die Verhältnisse. Bislang waren es meist die männlichen Protagonisten seiner Romane, die im Reich der Legenden Halt gesucht haben. In „Eurotrash“ aber ist es der Protagonist, der diesen Halt spendet.
Immer wenn seine todkranke Mutter Angst hat oder panisch wird, weiß die Figur Christian Kracht, was gegen dieses vertraute Gefühl der Fundamentalverlorenheit die beste Medizin ist, und erzählt ihr eine Geschichte. Und siehe da, es wirkt, seine Mutter beruhigt sich. Während er sein Leben lang Angst hatte vor ihrer Allmacht, ihrem Manipulationstalent, ihrer Härte gegen sich selbst, erlebt er jetzt, wie sie sich, den Tod vor Augen, in seine Hände begibt.
Clemens Setz hat einmal über den Erzähler von „Faserland“ geschrieben, dieser wolle sich vollkommen umstülpen, sich einmal komplett von innen auf außen drehen. Wenn der Erzähler in „Eurotrash“ auch nur halbwegs derselbe ist, dürfte die Verwandlung vollzogen sein. Das blendende Sfumato, mit dem Kracht sein Werk routiniert überzieht, ist natürlich immer noch da: das konsequente Abstreiten jeder Programmatik, das Herbeireden abseitiger Einflüsse, der virtuose Einsatz fremder Gedanken und Motive. Darunter aber legt der Roman einen Kern frei, der wie immer, wenn alles kompliziert scheint, am Ende ganz einfach ist. Die Mutter spricht es an einer Stelle aus: „‚Erzähl mir noch eine Geschichte (...) das kannst Du so gut.“
Krachts Deutschland ist
ein Ineinander von
Luxus und Verleugnung
Der Erzähler erlebt, wie sich
seine Mutter, den Tod vor Augen,
in seine Hände begibt
Zürich und der Zürichsee von oben: Auf welcher Seite liegt noch mal die Goldküste?
Foto: mauritius images / enricocacciafotografie
Christian Kracht:
Eurotrash. Roman.
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2021.
224 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Krachts 'Dichtung und Wahrheit' (...) wird zu einem großen, heiteren Abenteuerroman, bestimmt dem herzlichsten, den es von Kracht bislang zu lesen gab.« Felix Stephan Süddeutsche Zeitung 20210304