Berlin, 1919: Als Hans die junge Stiefmutter seines Schulfreunds Hellmut Quandt kennenlernt, ahnt er nicht, welche Rolle Magda in seinem Leben spielen wird – für ihn persönlich, aber auch Jahre später als fanatische Nationalsozialistin und Vorzeigemutter des Dritten Reichs. Noch ist die Weimarer Republik im Aufbruch und Hans hoffnungslos in Hellmut verliebt. Doch nach einem Unglücksfall beginnen Hans und Magda eine Affäre, von der sie sich Trost und Vorteile versprechen: Sie will aus ihrer Ehe ausbrechen, er seine Homosexualität verbergen. Als Magda Joseph Goebbels kennenlernt und der NSDAP beitritt, kommt es zwischen ihnen zum Bruch. Ungekürzte Lesung mit Cédric Cavatore 1 mp3-CD | ca. 7 h 6 min
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Oszillation zwischen Fakt, Fiktion und Faszination
Bewertung am 23.12.2025
Bewertungsnummer: 2683368
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Klappentext von Reichskanzlerplatz mag einen anderen Inhalt vermuten, als tatsächlich drinsteckt. Auf den Roman muss man sich einlassen und muss altbekannte Literatur über den Nationalsozialismus kurzzeitig vergessen. Bossong hat mit dem Reichskanzlerplatz eine neue Art der Literatur über das Dritte Reich geschaffen: hier kommen die verschiedenen Diskurse zusammen, Tabus werden gebrochen und Emotionen konkret dargestellt.
Genau wie der Erzähler und die Figur Hans Kesselbach legt sich der Roman nicht auf eine Emotion fest. Es ist ein ständiges Oszillieren zwischen Bewunderung und Hass. Das paradoxe hierbei ist, dass feste Dichotomien wie Schwarz/ Weiß oder Gut/ Böse sowie Opfer/ Täter aufgebrochen werden, aber eine Konnotation hiervon dennoch erkennbar ist. Magda Goebbels tritt hier in den verschiedensten Formen auf: als frühe Mutterfigur, bewundernswerte Frau, Liebhaberin, naive junge Frau und als Mutterfigur des Nationalsozialismus sowie als Ehefrau von Goebbels. Durch die Narration wird hierbei aber kein Schwarz-Weiß-Denken gefördert, sondern immer auf verschiedene Bilder der Figur verwiesen.
Eine weitere Besonderheit des Romans ist dessen diskursive Vielfalt: hier werden Diskurse wie Homosexualität, Nationalsozialismus, Politik, Familie, Freundschaft, Liebe etc. verhandelt und miteinander verwoben. Die Zeitspanne wird durch die verschieden Abschnitte kontextualisiert, sodass manche Diskurse oder Handlungsstränge durch vorhandenes geschichtliches Wissen eingeordnet und interpretiert werden können. Die diskursive Entfaltung geht aber über diese Zeitspannen hinaus und lässt dabei die Fragen offen, wo und wer wir heute sind.
Die Autorin hat einen gewaltigen Sprachstil, der in vielerlei Hinsicht wenig Erklärung bedarf, sondern viel für sich spricht. Ich empfehle, dass man auf jeden Fall dranbleiben soll, da der Schreibstil eine Sogwirkung mit großem Interpretationsspielraum entfaltet. Bezeichnend für den Schreibstil ist, dass viele bekannte Termini nicht explizit genannt werden (beispielsweise wird das Wort "Hitler" nur dezidiert verwendet, aber dafür alternative Bezeichnungen). Bossong weißt weder plakativ noch explizit auf etwas hin, sondern lässt es für die Rezipient:innen offen und entfaltet einen diskursiven Interpretationsspielraum.
Kleinere Kritikpunkte sind unter anderem der Klappentext, der etwas anderes vermuten lässt. Das Werk hat diesen Klappentext auf keinen Fall nötig, da der Inhalt auf so vielen Ebenen für sich spricht und überzeugt. Gegen Mitte/ Ende hat der Roman durchaus seine Längen, die konträr zum schnellen Anfang sind. Die Längen sind aber nicht übermäßig störend.
Reichskanzlerplatz ist ein Porträt von Magda Goebbels aus einer abgeschotteten, aber nicht distanzierten Sicht; es ist vielmehr ein Porträt einer Zeit sowie ein diskursives Netzwerk. Wer mehr als den Klappentext erwartet, ist hier auf jeden Fall richtig. Bossong hat ein Werk über eine Zeit geschrieben, über die im Übermaß geschrieben worden ist, aber noch nicht genug. Reichskanzlerplatz ist ein literarisch gut ausgearbeiteter Perspektivenwechsel, der neue Möglichkeiten eröffnet und einen mit vielen Gedanken zurücklässt. Eine absolute Empfehlung für alle, die einen anderen Blick mit einem Queeren Twist lesen möchten.
Lesenswert
Lesepartie aus Bielefeld am 27.08.2025
Bewertungsnummer: 2579199
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach dem Ersten Weltkrieg kommt Hellmut Quandt in die Klasse von Hans Kesselbach. Die beiden Jungen freunden sich an. Hans ist vom Reichtum der Quandts eingeschüchtert und fühlt sich nie dazugehörig. Besonders beeindruckt ist Hans von der jungen Stiefmutter Magda Quandt, die nur wenig älter ist als ihre Stiefsöhne.
Als Hellmut viel zu früh verstirbt, finden Hans und Magda in ihrer Trauer zueinander. Hans ahnt noch nicht, was die Zukunft für sie bereit hält. Denn Magda wird eines Tages die erste Frau im nationalsozialistischem Reich sein und Hans wird um sein Leben bangen müssen.
Der fiktive Charakter Hans Kesselbach ist der Erzähler dieser Geschichte, die Fakten und Fiktives gekonnt vermischt. Als sehr junge Frau heiratet Magda den Industriellen Günther Quandt, doch dieser interessiert sich mehr für seine Geschäfte als für seine junge Frau. Sie wiederum findet Trost in Affären. Nach der Scheidung lernt Magda Quandt Joseph Goebbels kennen und heiratet ihn.
Hans berichtet von der ersten Begegnung mit der jungen Frau, deren Ausstrahlung er sich trotz seiner homosexuellen Neigungen nicht entziehen kann. Zwischen ihnen gibt es eine Verbindung, die über die Jahre bestehen bleibt. Hans ist Einzelkind, sein Vater ein verdienter Soldat, er genießt eine gute Schulbildung und soll in den diplomatischen Dienst eintreten. All das erfüllt Hans, ohne jemals zu hinterfragen, ob es wirklich sein Weg ist. Er erfüllt einfach die Erwartungen, die an ihn gestellt werden. Er dient der Weimarer Republik ebenso wie dem Dritten Reich. Nur eine Erwartung erfüllt er nicht, er weigert sich zu heiraten, obwohl es ihm immer wieder Nahe gelegt wird.
Hans ist ein typischer Mitläufer, der aufgrund seiner Stellung genau weiß, was vor sich geht und doch wegschaut und darauf hofft, dass es bald ein Ende hat. Nur am Schluss kann man erahnen, dass Hans wohl doch Rückgrat bewiesen und aufbegehrt hat.
Für mich ist Hans Kesselbach die zentrale Figur des Romans, weitaus mehr als Magda Goebbels. Er ist ein Kind seiner Zeit, gehorsam, hat seine Emotionen im Griff und ist unauffällig. Die einzigen Ausbrüche aus diesem Leben sind die kurzen Liebschaften mit Männern und die Liaison mit Magda. Mich hat der Roman überzeugt, weil er anhand von seinen Charakteren sehr gut diese Zeit zwischen den Weltkriegen beschreibt. Und weil Nora Bossong einfach wunderbar intensiv erzählen kann.
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