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Bellis-Perennis
Wohnort: 
Wien

Bewertungen

Insgesamt 179 Bewertungen
Bewertung vom 06.08.2022
Schöner Neuer Himmel (eBook, ePUB)
Geipel, Ines

Schöner Neuer Himmel (eBook, ePUB)


sehr gut

Ines Geipel hat sich in diesem Buch mit einem schwierigen und spröden Thema auseinandergesetzt: Der Aufarbeitung der verbrecherischen und menschenfeindlichen Aktivitäten der DDR. Sei es durch Tier- oder Menschenversuche, die zu Ruhm und Ehre des Staates beitragen sollten oder sei deswegen, um dem Westen eins auszuwischen.

Die Autorin, Jahrgang 1960, war in ihrer Jugend selbst Sportlerin und kann aus eigenem Erleben berichten.

Wir Leser begleiten Ines Geipel durch die Archive der Stasi, lesen mit Erstaunen, wie sie vom Hundersten ins Tausendste kommt, dass zahlreiche Kubikmeter Akten vernichtet worden sind und trotzdem Beweise der staatlichen Skrupellosigkeiten zu finden sind.

„Aufarbeitung ist fragil. Es geht vor und zurück. Mitunter fängt man auch wieder bei minus Null an.“

Meine Meinung:

Dieses Buch ist keine leichte Kost. Manchmal vermisse ich einen roten Faden, vermutlich deswegen, weil ich als Österreicherin zu wenig Einblick in die Machenschaften der DDR habe. Als Kind und Jugendliche habe ich mich immer nur gewundert, wenn Sportler aus der DDR Wettbewerbe bei EM, WM oder Olympischen Spielen gewonnen haben. Viele von ihnen kamen aus Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und manche sahen einander so ähnlich, dass ich vermutet habe, dass sie dort „gezüchtet“ worden sind. Nun ja, heute weiß ich es besser.

Ines Geipels Schreibstil ist dem Thema angepasst eher spröde. Die Dramatik dieses Buches fesselt.

„Die alte Ohnmacht der Opfer und die alte Macht der Täter, die sich im Hier und Jetzt ein zweites Mal gegenüberstanden.“


Fazit:

Ein wichtiges Buch, das gelesen werden sollte. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 03.08.2022
Die Passage nach Maskat
Rademacher, Cay

Die Passage nach Maskat


ausgezeichnet

Man schreibt das Jahr 1929. Es ist Spätsommer und Cay Rademacher entführt seine Leser auf einen Luxusliner, die Champollion, der in Marseille in See sticht und in den Orient fährt.

An Bord ist eine illustre Gesellschaft: Anita Berger, Femme Fatale und Nackttänzerin aus Berlin, ein undurchsichtiger Anwalt aus Rom, eine englische Lady und ein Amerikaner, der vorgibt ein Ingenieur zu sein sowie das schwerreiche Kaufmannsehepaar Rosterg, das mit seinem Prokuristen Bertold Lüttgen, der Tochter Dora und deren Ehemann Theodor Jung Richtung Maskat unterwegs sind, um Gewürze einzukaufen.

Theodor, ein traumatisierter Kriegsveteran, ist den Rostergs nicht fein genug, fristet er doch seinen Lebensunterhalt als Reporter der Berliner Illustrierten. Während die Schwiegereltern in einer Suite logieren und mit ihrem Reichtum protzen, sind Theodor und Dora in einem anderen Teil des Schiffes untergebracht. Noch immer gediegen.

Kurz nach der Abreise verschwindet Dora plötzlich und nichts, aber auch wirklich nichts, erinnert daran, dass sie überhaupt an Bord war.
Kapitän, Zahlmeister sowie die Eltern und andere Gäste behaupten, Dora wäre in Hamburg geblieben, um sich ihren Geschäften zu widmen. Man zeigt Theodor Telegramme, die Dora gesendet haben soll.

Dann geht ausgerechnet jener Passagier, der Dora doch an Bord gesehen haben will über Bord und ein Schläger, eines der berüchtigten Ringvereine aus Berlin, der im Zwischendeck reist, wird ermordet.

Wem kann Theodor noch trauen? Ist er durch den langjährigen Gebrauch seiner Medikamente verwirrt?

Meine Meinung:

Cay Rademacher versteht es ausgezeichnet, die zunächst ausgelassene Stimmung an Bord des Ozeanriesen darzustellen: Es wird getafelt, Champagner fließt in Strömen und der Kokainverbrauch steigt mit jedem Tag. Inmitten dieses Tanzes auf dem Vulkan verschwindet Dora.

Die verzweifelte Suche nach seiner Ehefrau bringt Theodor an den Rand des Wahnsinns. Lange ist nicht klar, wer für das Verschwinden von Dora verantwortlich ist. Die Auflösung ist so fesselnd wie ungewöhnlich. Nein, ich verrate nichts - selbst lesen ist angesagt!

Wie wir es von Cay Rademacher gewöhnt sind, sind seine Charaktere bis ins kleinste Detail ausgearbeitet - die Guten wie die Bösen. Und zwielichtige Gestalten gibt es an Bord der Champollion jede Menge. Kaum jemand zeigt sein wahres Gesicht. Auf der Suche nach Dora enthüllt Theodor einige Geheimnisse und gerät mehrmals in akute Lebensgefahr.

Fazit:

Eine komplexe und teilweise verstörende Geschichte, die sowohl Krimi als auch historischer Roman ist. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Bewertung vom 03.08.2022
Auge um Auge, Mord um Mord
Wehle, Peter

Auge um Auge, Mord um Mord


ausgezeichnet

Nach einer größeren Pause lässt Autor Peter Wehle seinen Hofrat Magister Ludwig Halb wieder ermitteln. Eigentlich hat er gar keine Zeit dazu, denn er steckt mitten in den Vorbereitungen zur Hochzeit mit seiner Delia.

Der fünfte Fall für Halb und sein Team beginnt recht eigenartig: Eine Gruppe Ritter überfällt zwei ältere Ehepaare und raubt ihre Wertsachen. Ein Mann kommt nach einem Herzinfarkt gerade noch mit dem Leben davon. Dieser Überfall wird nicht der einzige bleiben und letztlich gibt es auch Tote.

Nun fragt man sich, wer dahinter steckt bzw. wohin die Truppe verschwindet, denn Ausrüstung und Pferde lassen sich ja nicht ganz so leicht verstecken. Bei den Ermittlungen trifft Hofrat Halb auf einen alten Bekannten, der im neuen Gewand seine Verbrecherkarriere weiterführt. Und auch Delias Vergangenheit, die man tunlichst unter den Tisch kehren möchte, kommt wieder ins Spiel.

Meine Meinung:

Peter Wehle hat mit seinem Hofrat Halb einen sympathischen Ermittler geschaffen. Immer wieder macht sich der Autor über die Titelsucht in Österreich lustig. Überhaupt trägt Humor, manchmal schwarz und bitterböse, zum Erfolg dieser Reihe bei. Daneben wird den Tafelfreuden inklusive Mehlspeisorgien gefrönt.

Obwohl es zu Beginn ziemlich gemächlich zugeht, nimmt der Krimi schnell an Fahrt auf und entwickelt sich zu einer komplexen Geschichte, die in einem furiosen Showdown endet.

Die Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet. Immer wieder blitzen Wiener Charme sowie das für Österreich typische „ein bisserl was geht immer“ durch.

Mir ist Hofrat Ludwig Halb und sein Team ans Herz gewachsen. Ich freue mich schon auf einen nächsten Fall und hoffe, diesmal nicht so lange darauf warten zu müssen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem 5. Fall für Hofrat Magister Ludwig Halb, der mich bestens unterhalten hat, 5 Sterne.

Bewertung vom 02.08.2022
Marlene Dietrich
Katz, Gabriele

Marlene Dietrich


gut

Eine Frau ist, was sie aus sich macht.

Ich war sehr gespannt auf diese Biografie von Marlene Dietrich. Vor allem der Untertitel „Die Kleider ihres Lebens“ hat mein Interesse geweckt.


In elf Kapitel, deren Überschriften sich auf Marlenes Modestilen beziehen, wird der Werdegang des Mädchens aus gutem Hause zur Diva erzählt. Hier kommt es da und dort zu Längen, weil über diverse Querelen mit Schauspielerkollegen oder Regisseuren berichtet wird.

Die maßgeschneiderten Kleider spielen zwar in Zusammenhang mit Dietrichs Filmen eine gewisse Rolle, aber nicht übermäßig. Es sind wohl einige Fotos sowie Skizzen aus den Couture-Ateliers abgebildet. Hier hätte ich mir doch mehr erwartet.

Während die große Marlene Nazi-Deutschland den Rücken kehrt und gegen das Unrechtsregime auftritt, ist ihre Schwester Elisabeth mit einem Nazi verheiratet. Die beiden betreiben im KZ Bergen-Belsen ein Kino für Wehrmachtsangehörige und leben inmitten des Grauens ein bequemes Leben. Dies ist der Autorin gerade einmal einen halben Satz wert.

Aufgefallen ist mir, dass die Autorin als Quelle vor allem die Biografie von Marlene Dietrichs Tochter, Maria Riva, für dieses Buch heranzieht. Manche Stellen sind wortwörtlich übernommen.

Es scheint, als hätte ich überzogene Erwartungen gehabt, denn ich habe nicht allzu viel Neues erfahren. Wer einen Anstoß braucht sich mit Marlene Dietrich zu beschäftigen, ist hier richtig. Wer mehr über die Person, die hinter der Modeikone steckt, lesen möchte, muss zu anderen Büchern greifen.

Fazit:

Wer gerne eine Mischung aus Biografie und Mode lesen möchte, ist hier richtig. Ich habe nicht mehr viel Neues erfahren, daher nur 3 Sterne.

Bewertung vom 02.08.2022
Die Welt im Sucher
Martin, Michael

Die Welt im Sucher


sehr gut

Michael Martin ist Geograf und fotografiert seit seiner Kindheit an - damals mit einer Kodak Instamatic. Wie er zu dem Profifotografen und -filmer geworden ist, der er nun ist, das schildert er in diesem Buch, das ein wenig als Werbung zu seinem neusten Projekt „TERRA“ zu sein scheint. Diese mehrteilige Film-Doku findet mehrmals Erwähnung.

In 22 Kapiteln, von denen einige so launige Titel haben wie „Fotografieren und Filmen sind keine Freude“ oder „Als die Kameras fliegen lernten“, erzählt Michael Martin seinen Werdegang. Er verschweigt auch nicht, dass Fotoreisen und Familie sich nur ganz schlecht vereinbaren lassen.

Mich persönlich haben besonders die technischen Details der Fotografie interessiert. Also die verschiedenen Kameratypen sowie der Umstieg auf die Digitalkameras oder Wahl des richtigen Objektives oder wie er ein Bild komponiert. Martin ist ja, wie er sagt, ein Autodidakt, daher kann er Anfängerfehler vermeiden helfen.

Ich wollte schon die kleinen Fotos und ihre nicht so prickelnde Druckqualität anmeckern, doch nach dem Lesen „Gedruckte Fotografie“ ist mir einiges klarer geworden.

Dies ist mein erstes Buch von Michael Martin, der bereits rund 30 Bildbände in verschiedenen Verlagen herausgebracht. Ich freue mich auf den schwergewichtigen Bildband „TERRA - Gesichter der Erde“, der demnächst erscheinen wird. Dort wird er auf rund 450 Seiten die verschiedenen Gesichter unserer Erde in sicherlich atemberaubenden Bildern, die in drucktechnisch höchster Qualität ausgearbeitet sind, präsentieren. 4 Sterne

Bewertung vom 02.08.2022
Flammen über der Marsch
Denzau, Heike

Flammen über der Marsch


ausgezeichnet

Mit diesem 8. Fall für Lyn Harms ist Autorin Heike Denzau ein wahres Meisterstück gelungen.

Eigentlich soll einem Brandstifter das Handwerk gelegt werden, der in der Marsch sein Unwesen treibt. Als die Feuerwehr abermals zu einem Brand gerufen wird, werden zwei tote Frauen gefunden, wobei eine der beiden in einem nahen Bach ertränkt worden ist. Hat der Brandstifter seine „Arbeitsweise“ geändert? Denn bislang gab es nur Sachschaden.

Die Ermittlungen von Lyn Harms und ihren Kollegen führen sie nicht nur zur Familie der beiden Opfer, sondern auch zu einem Vermisstenfall, der bereits vier Jahre zurückliegt.

Je mehr sich die Polizei mit dieser Familie beschäftigt, desto klarer wird: Hier liegen zahlreiche Geheimnisse verborgen. Wie tief diese Abgründe sind, lest bitte selbst.

Meine Meinung:

Als Vielleserin bin ich schon zahlreichen KrimiautorInnen begegnet, doch kaum eine schafft es, mich so zu fesseln wie Heike Denzau.

Der Krimi beginnt beinahe ruhig und entwickelt sich immer mehr zu einer Abfolge von Verbrechen, um das Vorhergegangene zu vertuschen. Das Sprichwort der alten Römer „crimen criminem invocat“ übersetzt: „Ein Verbrechen zieht weitere nach sich“, passt hier perfekt.

Ihre Figuren sind durchdacht, scheinen Menschen wie du und ich zu sein, doch niemand weiß um die tiefen Abgründe dieser Personen. Dass sich einige der irdischen Gerichtsbarkeit entziehen, ist durchaus verständlich, wenn auch mehr als feige.

Sehr gut sind die Passagen, in denen die Leser quasi im Kopf des Täters sitzt, gelungen. Dieses Selbstmitleid, in dem sich der Täter suhlt, ist sowohl für die Ermittler als auch für die Leser schwer zu ertragen. Das beweist auch Reaktion der Polizisten.

So quasi als „Gegenmittel“ zur intensiven Polizeiarbeit dürfen wir aktiv am Familienleben von Lyn Harms teilnehmen. Hier sorgen die beiden Töchter und das Nesthäkchen Emil für heitere Momente. Die Autorin schafft hier eine ausgewogene Mischung, die mir sehr gut gefällt. Bin schon neugierig, ob die Figur der Doro in den nächsten Fällen eine Rolle spielen wird. So Spökenkieker sind eine Bereicherung in jedem Krimi.

Fazit:

Ein kriminalistisches Meisterstück, dem ich gerne eine Leseempfehlung und 5 Sterne gebe.

Bewertung vom 30.07.2022
Fürst der Füchse
Hechelhammer, Bodo V.

Fürst der Füchse


gut

Walt Disney ist auf der ganzen Welt bekannt, Rolf Kauka weniger. Bodo von Hechelshammer hat nun eine Biografie des Selfmademan und Verlegers geschrieben.

Der Autor zeichnet ein ziemlich einseitiges und unsympathisches Bild des Mannes, der Comics wie „Fix & Foxi“ und „Bussi Bär“ (die mir am geläufigsten sind) in Deutschland salonfähig gemacht hat.

Rolf Kauka (1917-2000) kommt in dieser Biografie nicht sehr gut weg. Er ist nicht der Märchenonkel Rolf, als der er sich gerne selbst bezeichnete, sondern ein knallharter Emporkömmling, der es mit der Wahrheit nicht gar so genau nimmt, vor allem was seine Zeit während der NS-Diktatur betrifft. So schmückt sich der gelernte Drogist mit einem erfundenen Doktortitel. Er jammert in den Jahren nach 1945 herum, dass er als bekennender Nazi und hochdekorierter Soldat von den Amerikanern keine Erlaubnis zur Gründung eines Verlages erhält. Mit dieser mangelnden Selbstreflexion auf seinen Beitrag während des Unrechtsregimes steht er nicht alleine da. Und prompt findet er auch Gleichgesinnte.

Dem Leser wird allerdings, und das ist ein großer Kritikpunkt an dieser Biografie, äußerst detailreich jede Flak-Stellung und/oder Munition mitgeteilt (um nicht zu sagen zugemutet). Diese Aufzählung liest sich wie ein Kriegstagebuch, verschweigt aber trotzdem Wesentliches. Diese Passagen hätten doch gestrafft werden können.

Wenn der Titel dieser Biografie „Fürst der Füchse“ heißt, ist der passend und auch gleichzeitig unpassend gewählt. Passend, weil sich der Selfmade-Millionär wie ein Feudalherr seinen Untertanen verhält. So ist er zum Einem, ganz Kind seiner Zeit maßlos enttäuscht, dass ihm seine erste Frau „nur“ drei Töchter geboren hat. Als wenn das, das alleiniges Verschulden der Frauen sei, bei dem Männer keinen Anteil hätten. (Nun ja, das kenn ich aus eigener Familie.) Zum anderen verhält er sich zu seinen Mitarbeitern mehr als schäbig. Teilweise keine Fixanstellung, gibt deren Ideen als seine aus etc. etc.. Unpassend, weil zum Enstehungsprozess der Füchse - meiner Meinung nach - viel zu wenig erzählt wird. Aber, vielleicht ist dies auch nicht ordentlich überliefert.

Rolf Kaukas Verdienst ist es, Comics in Deutschland salonfähig gemacht zu haben. Allerdings hat er dazu auch gnadenlos bereits bekannte Figuren und Texte kopiert und für deutsche Verhältnisse adaptiert. Hier ist vor allem „Bambi“ zu nennen, dem er sein „Kizzi“ gegenüberstellt. Er nimmt starke Anleihe bei der Geschichte des österreichischen Schriftstellers Felix Salten alias Siegmund Salzmann, der diesen Roman 1922 geschrieben hat und der 1942 von Walt Disney verfilmt worden ist. Ob Kauka die jüdische Herkunft Saltens bekannt war?

Autor Bodo von Hechelshammer ist Mitarbeiter beim BND sowie Historiker, was sich in dieser Biografie deutlich niederschlägt. Ihm stehen sichtlich zahlreiche Quellen zur Verfügung, die vielleicht sonst nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären. Ob die Familie Kauka wirklich alles diese Details gerne veröffentlicht gesehen haben wollte, wie es im Klappentext steht?

Der Schreibstil ist trocken und stellenweise wie ein Bericht aus Akten. Das verwundert mich ja nicht, wenn man die Vita des Autors kennt.

Dieses Buch enthält eine Menge Fotos von Rolf Kauka, aber nur wenige Skizzen und Entwürfe zu seinen Comic-Figuren. Außerdem fehlen mir die Sichtweisen seiner Mitarbeiter und Weggefährten. Die sind vermutlich nicht (mehr) zu bekommen, da die Biografie mehr als 20 Jahre nach seinem, Kaukas, Tod erscheint.

Fazit:

Die Biografie eines überaus ehrgeizigen, unsympathischen Menschen, der es mit der Wahrheit nicht so genau nahm und dem sich alle Menschen in seiner Umgebung unterzuordnen hatte. 3 Sterne.

Bewertung vom 27.07.2022
Mit Moby Dick aufs Containerschiff
Schwarz, Roland

Mit Moby Dick aufs Containerschiff


sehr gut

Autor Roland Schwarz hat insgesamt 27 Anekdoten über Lieblingsbücher, die entscheidend die Leben deren Leser beeinflusst haben, gesammelt. So hat sich Martin aus Graz, nach der Lektüre von Moby Dick, den Wunsch Kapitän Ahab nachzueifern, erfüllt. Martin fährt nun als Kapitän eines Containerschiffs über die Weltmeere.

Auch Kinder- und Jugendliteratur gibt unterschwellig Ratschläge zur Berufswahl: Ein Salzburger Mädchen war von Thomas Brezinas „Knickerbocker-Bande“ so begeistert, dass sie nun als rasende Reporterin ihre Brötchen verdient.

Doch nicht nur aktueller Lesestoff wie Harry Potter beeinflusst Berufswahl oder Selbstwahrnehmung, nein auch Klassiker wie Schiller und Goethe prägen unsere Gedanken. Zahlreiche Leser aus mehreren Jahrzehnten haben sich auf Goethes Spuren nach Italien begeben und ihre Liebe zu unserem südlichen Nachbarland entdeckt.

Meine Meinung:

Was man schon immer über Bücher wusste: Sie können das Leben nachhaltig verändern!

Ich habe mich während des Lesens gefragt, welches Buch meinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hat, bin aber auf keinen Titel gestoßen, der aus meiner mehr als 5.500 Bücher umfassenden Bibliothek, so besonders herausgestochen hat. Vielleicht Mario Puzos „Der Pate“, der mich schon in jungen Jahren ein Krimi-Fan hat werden lassen.

Eine nette Idee des Autors ist es, weitere Geschichten über Bücher, die einem eine neue Welt eröffnet oder nachhaltigen Einfluss auf das eigene Leben haben, zu sammeln und in einer Fortsetzung zu veröffentlichen.

Fazit:

Gerne gebe ich dieser Sammlung von Anekdoten 4 Sterne.

Bewertung vom 27.07.2022
Kuriositäten aus der Reisetasche
Sandler, Boris

Kuriositäten aus der Reisetasche


sehr gut

Boris Sandler entführt seine Leser in eine längst versunkene Welt: in die jiddische Welt. Er ist vielen Lesern unbekannt, schreibt er doch auf jiddisch, quasi der Alltagssprache (alt)österreichischer Juden. Die gelungene Übersetzung stammt von Andrea Fiedermutz.

Der Autor ist 1942 in Beltz, damals Bessarabien heute Moldawien, geboren und ist ein Meister der Erzählkunst. In 21 Essays blickt er in die Seele jüdischer Familien, die seit je her zum Spielball der Politik geworden sind. Dabei fördert er skurrile Geschichten, historische Fakten sowie die Traumata, die durch die Shoa entstanden sind zu Tage.

Mit der dem für das Jiddische so eigenem Humor eröffnet Boris Sandler einen interessanten, für manche Leser, neuen Blickwinkel auf die Reisen der Juden, die jene häufig nicht freiwillig unternommen haben. Selbst die Auswanderung ins Gelobte Land (Israel) oder in die USA hat sich oft zwangsläufig ergeben.

Der Schreibstil ist feinsinnig, humorvoll, mit der für das Jiddische so übliche Ironie. Ein Beispiel dafür ist jene Geschichte („Der schwarze Teller“) der Mutter des Ich-Erzählers, die sich für das „Konzert laut ihren Bestellungen“ von Radio Moskau ein jiddisches Lied wünscht. Tatsächlich wird dann das Lied „Itzig hat schon Hochzeit gehalten“ gespielt. Allerdings bleibt das nicht ohne Folge für die Bestellerin und in der Folge hat Radio Moskau nie wieder ein jiddisches Lied gespielt.

Für Leser, die sich bislang nur wenig oder gar nicht mit dem Jiddischen beschäftigt haben, finden sich Erläuterungen im Anhang.

Fazit:

Diesem Buch, das einen tiefen Einblick in eine verloren gegangene Welt eröffnet, gebe ich gerne 5 Sterne.

Bewertung vom 27.07.2022
Wie ein lebendiges Stadtviertel entsteht
Wasner, Manfred

Wie ein lebendiges Stadtviertel entsteht


sehr gut

Gleich vorab: Dieses interessante Buch ist für Politiker, Stadtplaner und Architekten gedacht. Es holt 18 große Wiener Wohnsiedlungen vor den Vorhang, die nach dem Prinzip „Wohnen & Arbeiten“ in den 80er und 90er Jahren errichtet worden sind.

Diese 18 Wohnsiedlungen sind:

Assanierungsgebiet Ottakring
Wohnpark Alt-Erlaa
Wohnpark Sandleiten
Wohnpark Rennweg
Wohnpark Kornäusl
Wohnpark Handelskai
Wohnpark Dresdner Straße
Wohnpark Erdberg
Meiselmarkt
Zentrum Muthgasse
Wohnpark und Hochhaus Neue Donau
Wohnpark Kreuzgasse
Trillerpark
Millenium City
Wohnpark Molkereistraße
Kabelwerk
Liesinger Brauerei
Schloss Liesing

Allen Projekten ist gemeinsam, dass sie unter der Ära von Finanzstadtrat Hans Mayr initiiert und durchgeführt wurde, der Ansatz eine gute Mischung zwischen Wohnen, Arbeiten und Freizeit anzustreben. In der Vergangenheit haben ja reine Wohnschlafstadtteile für mehr Verkehr und gettoähnliche Zustände gesorgt, die nicht mehr anzustreben waren.

Meine Meinung:

Autor Manfred Wasner, selbst Architekt und in einige Projekt eingebunden, berichtet in insgesamt sieben Abschnitten über die Erkenntnisse dieser Wohnbauära. Leider sind die ersten Kapitel ziemlich trocken und voller Statistiken, was keine leichte Kost ist, aber für den Erkenntnisgewinn (Kapitel 5), wie ein gelungener Mix aus Wohnen & Arbeiten aussehen kann und soll, wichtig ist.
Interessant sind dann Kapitel 6 und 7, in der zahlreiche Anekdoten aus der Arbeitsweise der Wiener Stadtpolitik eingeflochten sind.

Als Wienerin, die mehrere Arten zu wohnen kennengelernt hat, hat mich dieses Buch sehr interessiert, vor allem deswegen, weil ich einige Zeit einem Architekten gearbeitet habe.

Man kann aus diesem Buch Erkenntnisse gewinnen, warum das eine Stadtviertel lebendiger als so manch anderes ist. Daher sei dieses Buch den Stadtplanern ans Herz gelegt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Buch, dessen Zielgruppe sich eher aus Stadtplanern, Architekten und Politikern zusammensetzt als aus „normalen“ Lesern, 4 Sterne.