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Benutzername: Bellis-Perennis
Wohnort: Wien
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Bewertungen

Insgesamt 33 Bewertungen
Bewertung vom 24.05.2020
Pest und Corona (eBook, ePUB)
Fangerau, Heiner; Labisch, Prof. Dr. Alfons

Pest und Corona (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Das Autoren-Duo Heiner Fangerau und Alfons Labisch beleuchtet in diesem Sachbuch das Thema Nr. 1 dieser Monate: Corona-Virus bzw. Covid-19.

Beide sind Mediziner und Historiker, also bestens gerüstet sich des Themenkomplex „Pandemien gestern, heute und morgen“ anzunehmen.

In folgenden acht Kapiteln stellen sie Vergleiche mit vergangenen Seuchen an und ziehen Schlüsse für die Zukunft:

Covid-19: die aktuelle Situation (Stand 2020-04-16)
„Skandalisierte Krankheiten“ und „echte Killer“: Historische und aktuelle Beispiele
Mehr als Fieber und Tote: Seuchen, die Geschichte machten
Wenn der Tsunami kommt: Seuchen und die Gesundheitssicherung
Agens - Vektor - Wirt: Krankheiten im individuellen und öffentlichen Leben
Im Spannungsfeld: Der Mensch, die Öffentlichkeit und die Gesellschaft
Die neuen Seuchen: Biologie und Gesellschaft - Ausbreitung und Abwehr
Was ist zu tun?

Die Autoren betrachten diese komplexe Materie sachlich, ohne Polemik. In einer wohltuend ruhigen Art werden ähnliche Ereignisse aus der Vergangenheit aufgezählt. Hinweise auf Epidemien in der Gegenwart, die, weil außerhalb Europas wenig Beachtung in der Allgemeinheit finden, aber dennoch tausende Opfer fordern, werden ebenfalls zu Vergleichszwecken herangezogen. Ein Beispiel ist die Malaria, die in weiten Teilen der Welt als die häufigste Todesursache gilt, in Europa aber, weil gut behandelbar, kaum jemanden interessiert.

Sehr interessant finde ich jenen Teil, in dem erklärt wird, warum wir so reagieren, wie wir reagieren.

Das Buch ist Mitte April erschienen und kann daher noch nicht alle Erkenntnisse, die wir jetzt Ende Mai haben, beinhalten. Das ist auch wegen dieses neuartigen Virus auch kaum zu erwarten. Das Virus ist wie eine komplexe mathematische Gleichung, in der mehr unbekannte als bekannte Größen vorhanden sind.

Gut gelungen sind der Rückblick in die Vergangenheit und die interdisziplinäre Seitenblicke in mit der Medizin verwandte Wissenschaften.

Der Schreibstil ist sehr sachlich, aber eingängig. Eine kleine Einschränkung ist vielleicht, dass nicht jeder Leser mit den Fachtermini vertraut ist. Ich fühle mich durch dieses Buch bestens informiert, bringe aber auch einiges an Vorwissen mit.


Fazit:

Ein umfassendes, gut recherchiertes Buch zum Thema, dem zahlreiche Quellen hinterlegt sind. Das Autoren-Duo stimmt nicht in den Chor der Populisten ein, die zwischen Angst und Verschwörungstheorie hin- und her pendeln, sondern geben ein wohltuend neutrales Bild der aktuellen Situation ohne reißerische Aspekte. Gerne gebe ich dafür 5 Sterne.

Bewertung vom 13.12.2019
Der Attentäter
Schiewe, Ulf

Der Attentäter


ausgezeichnet

Autor Ulf Schiewe entführt die Leser in die Woche vor dem 28. Juni 1914. Das tödliche Attentat auf Habsburgs Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie ist der willkommene Anlass der Kriegstreiber in Deutschland und Österreich-Ungarn, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Die verheerenden Folgen hat wohl keiner bedacht.

Obwohl der Ausgang des Buches bekannt ist, liest sich dieser historische Roman wie ein Thriller. Der Leser kann sich manchmal nicht des Gefühls erwehren, ein anderes Ende der Geschichte zu erwarten, zu erhoffen. Doch mit alternativer Geschichtsschreibung hat der Autor nichts am Hut.

Akribisch sind die ZDF (Zahlen, Daten, Fakten) recherchiert, sind die Viten der Beteiligten bzw. Betroffenen sowie die Orte nachgelesen und in Szene gesetzt. Nur wenige Figuren wie die des k.und k. Geheimdienstoffiziers Rudolf A. Marković, seinem Mitarbeiter Heribert Simon, der Puffmutter Svetlana Marić sowie die der Baronin von Prittwitz, sind erfunden. Alle anderen Personen, von Franz Ferdinand bis Vojislav Tanković, sind historisch belegt. Selbst Vukosava Čabrinović, die Schwester von Nedeljko, einem der Attentäter, spielt ihre Rolle.
Großen Raum nimmt die Arroganz und das Unvermögen des Feldzeugmeisters Oskar Potiorek, dem Militärgouverneur und Landeschef von Bosnien-Herzegowina, ein. Er lässt jegliche Umsicht bzw. Vorsicht bei diesem heiklen Besuch vermissen und zeichnet sich durch offen zur Schau getragenen Antisemitismus aus.
Anders als im wirklichen Leben lässt der Autor den k. und k. Geheimdienst nicht gar so schlecht dastehen. Der engagierte Marković versucht, trotz Widerstand und Ignoranz seitens Potiorek, ohne ausreichende Ressourcen, die Attentäter ausfindig und unschädlich zu machen. Doch wie der Lauf der Geschichte gezeigt hat, vergeblich.

„Dafür ist er Feldzeugmeister. Du weißt doch, Rang verpflichtet. Je höher der Dienstgrad, desto dümmer der Mann.“ (S. 376)

In Wirklichkeit war der Geheimdienst mehr als ahnungslos und hat die eine oder andere halbherzige Warnung über ein mögliches Attentat in den Wind geschlagen.

Obwohl Oskar Potiorek die Verantwortung für die laxen Sicherheitsmaßnahmen hatte und den Thronfolger samt Gemahlin nach dem ersten Anschlag nicht umgehend aus der Stadt bringen ließ, bleibt er im und wird sogar noch belobigt. Das wirft ein schlechtes Licht auf Kaiser Franz Joseph und seine Ratgeber. Potiorek wird sogar Oberkommandierender der Balkan-Streitkräfte und scheitert auf Grund von weiteren katastrophalen Fehlern bei der Planung. Erst am 01.01.1915 wird er seines Kommandos enthoben und zwangsweise pensioniert. Eigentlich hätte er sich, dem Ehrenkodex eines Offiziers entsprechend, nach dem Attentat selbst erschießen müssen. Hat ihm das niemand nahegelegt?

Interessant ist der Blick auf die Attentäter und ihre Führungsoffizier und Hintermänner: Nedeljko Čabrinović, Gavrilo Princip, Trifun „Trifko“ Grabež, Cvetko Popović sowie Muhamed Mehmedbašić.
Auch die Rolle der serbischen Regierung und der diversen Geheimbünde wird beleuchtet.


Fazit:

Ein akribisch recherchierter historischer Roman, der auf Grund der Ereignisse und deren Folgen zum fesselnden Thriller wird. Für mich ein besonderes Highlight dieses Jahres. Deshalb gebe ich 5 Sterne (mehr geht leider nicht) und eine unbedingte Leseempfehlung.

Bewertung vom 08.03.2019
Die Spionin der Charité
Hardinghaus, Christian

Die Spionin der Charité


ausgezeichnet

Berlin im Zweiten Weltkrieg: Während die Truppen der NS-Diktatur die Welt in Trümmer legen, konstituiert sich in Berlins bekanntestem Krankenhaus, der Charité, ein kleine, eingeschworene Widerstandsgruppe. Nachdem man sich, mit Unterstützung von Prof. Sauerbruch, immer donnerstags trifft, der „Donnerstagsclub“. Der Club setzt aus acht Mitarbeitern Sauerbruchs zusammen, unter anderem seine junge Privatsekretärin Lily Hartmann. Der kommt dann auch eine große Rolle zu: Sie soll Fritz Kolbe, einen unscheinbaren Beamten in Joachim Ribbentrops Außenministerium, zur Mitarbeit bewegen.

„Über die Sinnlosigkeit des Krieges kommt ihr ins Gespräch. Außerdem hat Kolbe zwei Schwächen: Eine für das Schachspiel und eine für junge, blonde Frauen. Hier kommst nur du infrage, Lily Hartmann.“

Lily gelingt es, Kolbe zur Mitarbeit zu überreden und nicht nur das, sie werden ein Liebes- und Ehepaar.

Da sich Sauerbruch nicht alle Mitarbeiter aussuchen kann, gibt es auch einige, die Anhänger des Regimes sind. So treibt der Psychiater de Crinis trotz gegenteiliger Anweisung Sauerbruchs sein Unwesen und lässt einen jugendlichen Patienten in eine der Euthanasie-Anstalten überstellen.

Je länger der Krieg dauert, desto gefährdeter ist der Donnerstags-club. Sauerbruch wird seitens Gestapo und Ernst Kaltenbrunner persönlich unter Druck gesetzt.

Mehrmals steht der Donnerstagsclub knapp vor der Aufdeckung. Die einzelnen Mitglieder geloben Verschwiegenheit bis zum Tod.

Sauerbruch kann die teilweise zerstörte Charité bis Kriegsende halten und arbeitet mit den Russen zusammen.

Jedes Jahr wird den Widerstandsgruppen und da vor allem jener rund um Claus Schenk von Stauffenberg gedacht, die nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, ihren Mut mit dem Leben bezahlten. Nicht gedacht wird der Gruppen, die sich heimlich und unerkannt, dem Widerstand verschrieben haben, wie der Donnerstagsclub.

Als es 1974 wieder einmal Gedenkreden zum 20. Juli gibt, beschließt Lily, auch aus persönlichen Gründen, ihr Schweigen zu brechen und gibt einen amerikanischen Journalisten ein Interview, nichts ahnend, dass dieser ein falsches Spiel mit ihr treibt.
Wird es Lily gelingen, rechtzeitig die Machenschaften des Reporters aufzudecken?

Meine Meinung:

Historiker und Buchautor Christian Hardinghaus hat wieder einen packenden Roman geschrieben, der geschickt Wahrheit und Fiktion miteinander verknüpft. Wir begegnen einigen Personen wie Prof. Ferdinand Sauerbruch, Fritz Kolbe oder Ernst Kaltenbrunner unter ihren Klarnamen, andere wie Lily Hartmann, Wettstein oder Neumann sind erfundene Namen. Ihr Pseudonym wird im Anhang gelüftet.

Schon der Einstieg in die Geschichte ist spannend. Wir erleben Lily im Jahr 1974, als wieder einmal dem 20. Juli 1944 gedacht wird, ohne die Widerstandsgruppe wie den Donnerstagsclub zu nennen. Da die acht Mitglieder absolute Geheimhaltung geschworen und sie bislang eingehalten haben, ist das natürlich klar. Aus Kränkung, dass ihrem Mann Fritz Kolbe sowohl von den USA (für die er spioniert hat) als auch von Deutschland nach dem Krieg übel mitgespielt worden ist, beschließt sie die Ereignisse um den Donnerstagsclub öffentlich zu machen. Wir sind hautnah dabei, wie Lily dem amerikanischen Journalisten Eddie Bauer die Geschichte ihres Lebens erzählt. Dass sie dabei in Lebensgefahr gerät, ist anfangs nicht vorauszusehen.

Hardinghaus‘ bildhafter Schreibstil bringt uns die NS-Zeit näher, als uns oft lieb ist. Die persönlichen Schicksale der Akteure lassen kaum einen Leser unberührt. Wir erhalten einen recht realistischen Einblick in den Krankenhausalltag, in den Kriegsalltag und das Verhalten der NS-Schergen, ohne voyeuristisch zu sein.

Fazit:
Ein endrucksvoller hist. Roman, dem ich gerne 5 Sterne geb

Bewertung vom 05.05.2018
Schönbrunner Finale
Loibelsberger, Gerhard; Loibelsberger, Gerhard

Schönbrunner Finale


ausgezeichnet

Wir schreiben das Jahr 1918. Die Habsburgermonarchie liegt in den letzten Zügen. Soldaten desertieren und die Spanische Grippe hat die ausgehungerten Menschen fest im Griff. Wer noch ein wenig Vermögen hat, setzt dies bei Schwarzmarkthändler in Lebensmittel um. Die kleine und große Kriminalität halt auch Oberinspektor Nechyba in Atem. Da sind zum einem Kinder, die um nicht zu verhungern auf dem Naschmarkt Zwetschken stehlen und zum anderen langjährige Ganoven, die sie nun Zinshäuser kaufen können, weil der Schwarzmarkt floriert.

Obwohl gemordet, gestohlen und anschließend ermittelt wird, ist dieser sechste und letzte Band rund um Oberinspektor Joseph Maria Nechyba, kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Er ist vielmehr ein Sittengemälde des zerfallenden Vielvölkerstaates.

Die desaströse Versorgungslage in Wien, lässt auch Aurelia Nechyba, die Gemahlin des Oberinspektors und Köchin von Hofrat Dr. Schmerda, zu Waren vom Schwarzmarkt greifen, denn „eine Bohnensuppe ohne irgendein Fuzerl Fleisch ist eine Zumutung.“ – O-Ton des Genussmenschen Nechyba.

Meine Meinung:

Autor Gerhard Loibelsberger versteht es meisterhaft, diese Zeit im Kopf der Leser wieder auferstehen zu lassen. Es sind keine schönen Bilder. Und wenn heute über “Fake News” gelästert wird, so sind diese keine Erfindung der letzten Jahre. Die zu Beginn des Buches geschilderte Inspektion Kaiser Karls bei den Truppen an der italienischen Front, hat im Großen und Ganzen so ähnlich stattgefunden. Die Propagandafilmteams und Fotografen für den Kriegspressdienst waren immer wieder unterwegs, um Stimmung für den längst verlorenen Krieg zu machen.

Geschickt verquickt Loibelsberger echte Mordfälle und historische Persönlichkeiten mit seiner fiktiven Figur des Kriminalinspektors. Ein Verzeichnis der historischen Personen findet man zu Beginn des Buches. Akribische Recherche machen den Krimi zu einem erweiterten Geschichtsbuch.

Die Reihe um Joseph Maria Nechyba ist nun zu Ende, denn sie ist, wie Autor Loibelsberger glaubhaft versichert, auf genau 6 Bände ausgelegt. Ich finde das ausgesprochen schade, denn Nechyba wird ja jetzt in der Ersten Republik zum “Ministerialrat” befördert. Ein krönender Abschluss seiner Kriminalbeamtenlaufbahn.

Als Wienerin sind mir die Örtlichkeiten und der Wiener Dialekt ja bestens vertraut. Für Leser, die des Wienerischen nicht kundig sind, gibt es im Text Fußnoten und im Anhang ein ausführliches Glossar.

Fazit:

Ein grandioser Abschluss dieser Serie. Nechyba wird mir fehlen. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Bewertung vom 21.01.2018
Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1
Sauer, Beate

Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1


ausgezeichnet

Im strengen Winter des Jahres 1947 wird in der Eifel der Schwarzmarkthändler Jupp Küppers erschlagen. Einziger Zeuge ist der kleine Peter Asmuss, der mit seiner Mutter als Flüchtling nun hier lebt. Peter spricht seit seiner Beobachtung kein einziges Wort. Die englische Militärpolizei, in Person von Lieutnant Richard Davies, soll den Fall aufklären. Er fordert eine englisch sprechende, weibliche Polizistin an und bekommt Friederike Matthée, eine junge Frau, die mit ihrer Mutter aus ihrer ostpreußischen Heimat geflohen ist, zugeteilt. Als Tochter eines Gutsbesitzers muss sie nun, als eine der ersten weiblichen Polizistinnen Kölns, sich selbst und ihre kranke Mutter durchbringen.

Die Ermittlungen gestalten sich als schwierig, weil nicht klar ist, wer aller noch dem Nazi-Regime nachtrauert. Friederike schafft es, den kleinen Jungen zum Sprechen zu bringen. Noch bevor die beiden Entscheidendes herausfinden, wird ein Pfarrer ermordet, der mit dem ersten Mordopfer befreundet war.


Meine Meinung:

Beate Sauer zeichnet ein authentisches Abbild der rauen Wirklichkeit im britisch besetzten Nachkriegsdeutschland gelungen. Sowohl die tristen Lebensumstände zwischen den Ruinen als auch die Ressentiments Fremden und Juden gegenüber sind gut getroffen. Wenn die Vermieterin meint, dass Friederike und ihre Mutter ihrer Albträume wegen in die Irrenanstalt gehörten, anstatt „ordentlichen“ Deutschen die Wohnmöglichkeit zu nehmen, hat sich mit dem verlorenen Krieg wenig in den Köpfen der meisten Menschen geändert.
Der Argwohn der Displaced Persons in den Lagern der deutschen Polizei gegenüber ist berechtigt, wie das Ende des Krimis beweist.
Die Autorin hat gewissenhaft recherchiert. Die Person Richard Davies steht für viele Emigranten bzw. deren Söhne, die als „German Legion“ an der Befreiung Deutschlands und Österreichs von den Nazis mitgeholfen haben.
Eindringlich, jedoch ohne Pathos sind die Zweifel und Rachegefühle von Richard dargestellt. Ich habe gleich zu Beginn an so eine Verbindung gedacht – und recht behalten.

Der Schreibstil ist elegant und sehr gewählt. Ich konnte hier die Gutsherrentochter gut heraushören. Dass Friederike unsicher wirkt, hat nicht nur mit der Vertreibung aus Ostpreußen und den schrecklichen Erlebnissen auf der Flucht zu tun. Man gibt ihr immer wieder zu verstehen, dass sie als Ostflüchtig nicht willkommen ist. Das nagt natürlich an der Psyche. Andererseits gewinnt sie das Vertrauen mancher Zeugen und hat eine gute, manchmal auch kritische Auffassungsgabe. Ich denke, Friederike wird es gelingen, auch gegen den Willen ihrer strengen Vorgesetzten ihren Weg machen.

Die historischen Begebenheiten sind behutsam in die Kriminal-Geschichte eingeflochten, die durchaus als politisch angesehen werden darf.

Fazit:

Ein fesselnder Auftakt einer Krimi-Reihe. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und vergebe 5 Sterne.

Bewertung vom 18.09.2017
Erzähl mir vom Tod / Kommissarin Anne Kirsch Bd.3
Albracht, Mareike

Erzähl mir vom Tod / Kommissarin Anne Kirsch Bd.3


sehr gut

Anne Kirsch, Kriminalpolizistin mit starkem Hang zu Eigenmächtigkeiten während der Ermittlungen, wird von ihrem Vorgesetzten zu einem Seminar „Teambuilding“ verdonnert. Allenfalls müsste sie in die Polizeischule zurück oder gar ihren Dienst quittieren.

Doch Anne macht das Seminar überhaupt keinen Spaß, vor allem, weil Micha, der Seminarleiter, einige sehr fragwürdige Methoden anwendet. So nimmt er z.B. den Teilnehmern die Mobiltelefone weg, hetzt sie ohne Verpflegung von einem Geo-Cache zum anderen und hat es vor allem auf die Teilnehmerinnen abgesehen. Anne, fest davon überzeugt, sich nicht klein kriegen zu lassen, ficht einen Strauß nach dem anderen mit ihm aus.
Da passt es thematisch ganz gut, dass in Obermarsberg gerade ein Mittelalterfest abgehalten wird.
Doch auch hier ist nicht alles eitel Wonne. Nicht alle Einwohner sind von diesem Spektakel begeistert, weil es doch auch Kollateralschäden wie Betrunkene, Raufereien, erhöhtes Müllaufkommen sowie Sachbeschädigungen und Parkplatznot mit sich bringt.
Dann wird ein Bäckergeselle wie einst im Mittelalter an den Pranger gefesselt. Als man wenig später einen weiteren Bewohner mit einem historischen Brandeisen geblendet findet, kommt Anne gerade recht und gibt unerkannt Anweisungen.

Dann verschwinden ein Mann und seine Geliebte. Dafür gibt es die erste Leiche. Während die chronisch unterbesetzte Polizei allerlei Spuren nachgeht, muss sich Anne weiter mit Micha herumschlagen.

Endlich, endlich schmeißt Anne das Seminar, obwohl sie damit ihre weitere Berufslaufbahn aufs Spiel setzt. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen und Thorsten Seidl, ihr Chef, lässt Anne ermitteln.

Auffallend an den Verbrechen ist, dass hier alte Sagen aus dem Umfeld nachgestellt werden. Hellmann, der ermittelnde Polizist vor Ort, kann sich für Annes Theorien erwärmen. Wird es den beiden gelingen, die Darstellung der nächsten Sagen zu verhindern?


Meine Meinung:

Gekonnt führt uns Mareike Albracht an der Nase herum. Was jetzt nicht ganz so schwer ist, weil es ja ein paar unsympathische Charaktere in der Geschichte gibt.
In diesem, ihrem dritten Fall, tritt Anne Kirsch anfangs eher nur im Hintergrund auf. Figuren aus den beiden Vorgängern wie die nervige Mutter fehlen ganz oder spielen nur eine untergeordnete Rolle (wie Chef Thorsten Seidl oder Freund Heiko). Das ist für mich ein wenig ungewohnt, doch hat der Spannung keinen Abbruch getan.
Dass Anne diesem Micha mehrfach gerne eine gescheuert hätte oder ihn recht handlich mit dem Polizeigriff gefaltet hätte, ist ausgezeichnet herübergekommen. Ich glaube, an Annes Stelle hätte ich das Seminar schon viel früher verlassen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Mit Hellmann wird ein neuer Charakter eingeführt, der möglicherweise gut zu Annes Arbeitsweise passt. Es ist den beiden (und uns Lesern) zu wünschen, dass sie in einem vierten Band wieder gemeinsam ermitteln dürfen.

Fazit:

Ein Krimi mit viel Lokalkolorit, der auch tief in die verwundete Seele eines Außenseiters blicken lässt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 08.08.2017
Schampus, Küsschen, Räuberjagd
Kruse, Tatjana

Schampus, Küsschen, Räuberjagd


ausgezeichnet

Pauline Miller, Operndiva und Hobby-Kriminalistin, gibt ein Gastspiel in Bayreuth. Mit von der Partie sind wieder Boston-Terrier Radames, Managerin Bröcki, Mädchen-für-alles Yves sowie jede Menge Koffer und Designerklamotten.
Vorab schwebt sie im 7. Wagner-Himmel, der dann durch zwei garstige Ereignisse getrübt werden: Erstens singt Intimfeindin Silke von Hermann ebenfalls in „Tristan und Isolde“ und Zweitens wird Pauly von der Polizei verdächtigt, einen kostbaren Diamanten gestohlen zu haben.
Seit einiger Zeit hat sich nämlich ein Juwelendieb auf Paulines Spuren geheftet. Überall dort wo die Diva auftritt, verschwinden diverse Pretiosen.
Als dann Yves den gestohlenen Klunker in seiner Tasche findet, ist Feuer auf dem Dach. Also plant Pauly eine Rückgabeaktion bei der sie und Bröcki auf dem Gerüst eines Hauses herumturnen, dabei dem echten Dieb in die Hände laufen und Bröcki von einer resoluten Dame eine Ladung Schrot in den Allerwertesten bekommt.
Das Auftauchen von Arnaldur, ihrem isländischen Lover, sowie des Paulys Vater verheißen Spaß und Action für die Leser. Pauline selbst hat ein wenig Stress, denn einerseits gelingt die Rückgabe des Schmuckstücks nicht so einfach und zweitens will Arni ein Engagement an der Oper in Perm annehmen.
Meine Meinung:
Tatjana Kruse hat eine neue Gattung Krimis kreiert: Die KRIMÖDIE. Handfester Spaß, witzige Dialoge, kreative Wortschöpfung sowie Gedanken, die sich manche nicht aussprechen traut (wie z. B.: "Und Wagner konnte alles, nur keine Quickies." Zitat Seite 50)  lassen ihre Fans Tränen lachen. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen, denn Hermännchen und Paulys Vater kommen sich näher. Die werden doch wohl nicht  …? Doch das, liebe Leser, ist eine andere (neue??) Geschichte.
Über die vielen Charaktere, die vielfältig und liebevoll ausgestaltet sind, muss ich regelmäßig herzlich lachen.
Wortwitz und skurrile Gestalten begleiten uns Leser durch das Buch, das durchaus als neues Fitnessgerät – nämlich als Lachmuskeltrainer – gelten könnte.
Ein Feuerwerk voll Gags sorgt für vergnügliche Stunden. Schade, dass die Seiten so schnell verflogen sind. Doch Paulines nächster Auftritt ist schon angedeutet: Auf ein Wiedersehen in WIEN.
Fazit:
Wer Spaß an schrägen Krimödien hat, ist hier richtig. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Bewertung vom 08.08.2017
Der Duft des Teufels
Jasmund, Birgit

Der Duft des Teufels


ausgezeichnet

Köln 1695: Die verwitwete junge Hebamme Katharina weist den hartnäckigen Verehrer Fritz Haan ab. Haan, der wegen schlechter Arbeit als Weber nun auch noch seine Arbeit verloren hat, zeigt Katharina aus Rache wegen Hexerei an. Da die weltliche Obrigkeit diese Anzeige nicht weiterverfolgt, schließt er sich dem Dominikanermönch Martin an, der mit Hetzreden die Bürger aufstachelt, wieder Jagd auf Hexen zu machen.
Auslöser dafür ist das Gerücht, dass ein teuflisches Duftwasser im Umlauf sei, das Frauen dazu treibt, eine Buhlschaft mit dem Höllenfürsten einzugehen. Das Parfum wird tatsächlich verteilt und verhilft so mancher eingeschlafener Beziehung zu neuen Höhenflügen. Aber ist es wirklich teuflischer Herkunft?
Doch der Mönch heizt mit seinen Hassreden die Stimmung der Stadtbewohner an und so werden willkürlich Frauen und Mädchen verhaftet und in das Dominikanerkloster gebracht.
Um Katharina aus den Fängen des Mönches zu befreien, setzt ihr Geliebter Daniel alle Hebel in Bewegung. Er arbeitet mit dem Parfumeur und Krämer Giovanni Paolo Feminis zusammen, der das Duftwasser nachbauen will, um die menschliche Herkunft zu beweisen.
Wird es Daniel und Giovanni gelingen die festgenommenen Frauen zu befreien?
Meine Meinung:
Die Autorin macht es wirklich spannend. Fehlschlag um Fehlschlag bei der Rekonstruktion des Wässrchens lassen Feminis beinahe aufgeben, aber nur beinahe. Die Zweifel an seiner Nase und seinem Können kann ich gut nachvollziehen. Auch die Angst, die ihn und seine Familie in Bann hält, ist deutlich spürbar. Er ist ja nur ein „zugereister Italiener“ und denen traut man alle Böse zu.
Gut beschrieben ist wie die Stadt in zwei Lager geteilt ist: In jene, die an den Fortschritt glauben und in jene, die – aus welchen Gründen auch immer – engstirnig sind, und nach wie vor an die Existenz von Hexen und Teufeln glauben. Bruder Martin und ein Teil der Mönche aus dem Kloster gehören leider zu den Hetzern und Uneinsichtigen.
Die Standesunterschiede, die eine Heirat zwischen Katharina und Daniel unmöglich scheinen lässt, die Zivilcourage, die einige Bewohner Kölns doch an den Tag legen und die Hysterie, die unter den Menschen ausgebrochen ist, sind authentisch dargestellt.
Wer der Teufel in Menschengestalt ist, lässt sich unschwer aus dem Prequel „Das Rezept des Bösen“ erkennen. Bis ihm das Handwerk gelegt werden kann, rinnt einiges Wasser den Rhein hinunter.
Für Spannung sorgen die verschiedenen Charaktere, die sich auch manchmal ambivalent verhalten sowie das Schwanken zwischen altem Glauben und neuem Wissen.
Fazit:
Ein fesselnder historischer Roman, der mich auf den 464 Seiten sehr gut unterhalten hat. Gerne gebe ich 5 Sterne.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.08.2017
Kaiserwasser
Hallé, Fyona A.

Kaiserwasser


ausgezeichnet

Nach dem Prequel „Hotel Welt“ begegnen wir Margret Mondo, ihrer Tochter Conny und der Fürstlichen Familie von und zu Finsterfels zwei Jahre später wieder. Conny und ihre fürstliche Freundin Tony sind nunmehr fünfzehn und beinahe junge Damen, aber nur beinahe.

Neu in der Geschichte ist Margrets Freundin und Bestseller-Autorin Cassie Herno, deren Buch ebenfalls „Kaiserwasser“ heißt und just an diesem der Öffentlichkeit vorgestellt wird: Also eine klassische „Buch-im-Buch-Geschichte“, die aufmerksam gelesen werden muss.

Neu auch Connys (Halb)Brüderchen, dessen Vater ein (noch) streng gehütetes Geheimnis ist.

Conny und Tony versuchen herauszufinden, was mit Cassie Hernos hässlichen Mops geschehen ist, der bei einem Bad in der Alten Donau auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Genauso spurlos wie jede Menge Hunde, deren Besitzer den koreanischen Koch in Verdacht haben, ihre Lieblinge zu koreanischen Eintopf verarbeiten.

Tony, ausgestattet mit einer Tauchausrüstung und dem entsprechenden Können, erforscht das trübe Kaiserwasser und ... Nein, das verrate ich euch nicht. Bitte lest selbst!

Wie wir es schon aus „Hotel Welt“ von der Autorin gewöhnt sind, spart sie nicht mit schrägem Humor und Lokalkolorit. Natürlich darf der eine oder andere Seitenhieb auf Wiens Stadtpolitiker auch nicht fehlen. Herrlich die Bemerkung des Fürsten von und zu Finsterfels, dass er mit dem Vizebürgermeister um mehr als sieben Ecken verwandt ist, und den man um eine kleine Gefälligkeit schicken kann.

Fazit:

Ein Krimi beinahe zum Totlachen, der ohne Leichen und Blutvergießen (wenn man von den Hunden absieht) auskommt. Vor allem, wenn die Gegend kennt und mögliche reale Vorbilder zu erkennen glaubt. Gerne gebe ich 5 Sterne und hoffe ganz stark auf eine Fortsetzung.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.08.2017
Wenn der Platzhirsch röhrt
Bleyer, Alexandra

Wenn der Platzhirsch röhrt


ausgezeichnet

Das idyllische Mölltal mit seinen unterschiedlichen Bewohnern ist nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Krimis.

Anton Nowak, Schwiegersohn von Heinrich Belten, will seinen Schwiegervater ins Altersheim abschieben und sich neben unserem wackeren Aufsichtsjäger Sepp Flattacher häuslich niederlassen. Doch da hat Anton die Rechnung ohne den Wirt, pardon ohne den Sepp, gemacht. Obwohl Flattacher auch auf Heinrich Belten nicht gut zu sprechen ist, schmieden die beiden Pläne den ungeliebten Wiener loszuwerden.

Während Sepp und Heinrich GEGEN Anton arbeiten, bemühen sich Bettina und Martin ZUEINANDER zu finden. Doch auch das ist nicht immer einfach und so reden (oder vielmehr schweigen) die beiden aneinander vorbei.

Da kommt Martin die Leiche, die in Antons verbrannten Auto gefunden wird, gerade recht.

Ist es wirklich Anton? Dann wären ja die Probleme von Heinrich Belten gelöst.

Meine Meinung:

Alexandra Bleyer bietet wieder ihr ganzes Können auf, um ihre Leser zu unterhalten. Wieder mit dabei sind die zum Teil schrulligen Figuren aus dem ersten Band „Waidmannsdank“ wie der Postenkommandant Treichel, der immer wieder mit kreativen Wortschöpfungen auffällt oder Kurt Acham, der Kotzbrocken vom LKA Klagenfurt, gegen den ein Elefant im Porzellanladen grazil wie eine Gazelle aussieht. Auch Bettinas Bruder Reini erhält eine größere Rolle und Sepp Flattacher kann seine Bedeutung als Strippenzieher voll ausspielen.
Das Buch beschert uns sprachliche Genüsse, pendelt die Autorin zwischen Deutschem, Wiener und Kärntner Dialekt leichtfüßig hin und her. Herrlich ist es, den Freunden wider Willen beim Kochen zuzusehen. Fleischlaberl oder Frikadellen, das ist hier die Frage!

Keine Bange - es gibt ein ausführliches Glossar, dass Wiener, Kärntner und Jägersprachliche Ausdrücke erklärt und ins Hochdeutsch übersetzt.

Mit „Wenn der Platzhirsch röhrt“ ist Alexandra Bleyer wieder ein toller Krimi gelungen, der ohne den ersten Band „Waidmannsdank“ gut zu lesen ist. Allerdings entgeht dem interessierten Leser ein Feuerwerk an Wortwitz.

Fazit:

Ein Krimi, in dessen Fokus, eher die unterschiedlichen Charaktere als das Verbrechen stehen. Gerne gebe ich 5 Sterne und warte (un)geduldig auf eine Fortsetzung.