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Benutzername: Bellis-Perennis
Wohnort: Wien
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Bewertungen

Insgesamt 30 Bewertungen
Bewertung vom 05.05.2018
Schönbrunner Finale
Loibelsberger, Gerhard; Loibelsberger, Gerhard

Schönbrunner Finale


ausgezeichnet

Wir schreiben das Jahr 1918. Die Habsburgermonarchie liegt in den letzten Zügen. Soldaten desertieren und die Spanische Grippe hat die ausgehungerten Menschen fest im Griff. Wer noch ein wenig Vermögen hat, setzt dies bei Schwarzmarkthändler in Lebensmittel um. Die kleine und große Kriminalität halt auch Oberinspektor Nechyba in Atem. Da sind zum einem Kinder, die um nicht zu verhungern auf dem Naschmarkt Zwetschken stehlen und zum anderen langjährige Ganoven, die sie nun Zinshäuser kaufen können, weil der Schwarzmarkt floriert.

Obwohl gemordet, gestohlen und anschließend ermittelt wird, ist dieser sechste und letzte Band rund um Oberinspektor Joseph Maria Nechyba, kein Krimi im herkömmlichen Sinn. Er ist vielmehr ein Sittengemälde des zerfallenden Vielvölkerstaates.

Die desaströse Versorgungslage in Wien, lässt auch Aurelia Nechyba, die Gemahlin des Oberinspektors und Köchin von Hofrat Dr. Schmerda, zu Waren vom Schwarzmarkt greifen, denn „eine Bohnensuppe ohne irgendein Fuzerl Fleisch ist eine Zumutung.“ – O-Ton des Genussmenschen Nechyba.

Meine Meinung:

Autor Gerhard Loibelsberger versteht es meisterhaft, diese Zeit im Kopf der Leser wieder auferstehen zu lassen. Es sind keine schönen Bilder. Und wenn heute über “Fake News” gelästert wird, so sind diese keine Erfindung der letzten Jahre. Die zu Beginn des Buches geschilderte Inspektion Kaiser Karls bei den Truppen an der italienischen Front, hat im Großen und Ganzen so ähnlich stattgefunden. Die Propagandafilmteams und Fotografen für den Kriegspressdienst waren immer wieder unterwegs, um Stimmung für den längst verlorenen Krieg zu machen.

Geschickt verquickt Loibelsberger echte Mordfälle und historische Persönlichkeiten mit seiner fiktiven Figur des Kriminalinspektors. Ein Verzeichnis der historischen Personen findet man zu Beginn des Buches. Akribische Recherche machen den Krimi zu einem erweiterten Geschichtsbuch.

Die Reihe um Joseph Maria Nechyba ist nun zu Ende, denn sie ist, wie Autor Loibelsberger glaubhaft versichert, auf genau 6 Bände ausgelegt. Ich finde das ausgesprochen schade, denn Nechyba wird ja jetzt in der Ersten Republik zum “Ministerialrat” befördert. Ein krönender Abschluss seiner Kriminalbeamtenlaufbahn.

Als Wienerin sind mir die Örtlichkeiten und der Wiener Dialekt ja bestens vertraut. Für Leser, die des Wienerischen nicht kundig sind, gibt es im Text Fußnoten und im Anhang ein ausführliches Glossar.

Fazit:

Ein grandioser Abschluss dieser Serie. Nechyba wird mir fehlen. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Bewertung vom 21.01.2018
Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1
Sauer, Beate

Echo der Toten / Friederike Matthée Bd.1


ausgezeichnet

Im strengen Winter des Jahres 1947 wird in der Eifel der Schwarzmarkthändler Jupp Küppers erschlagen. Einziger Zeuge ist der kleine Peter Asmuss, der mit seiner Mutter als Flüchtling nun hier lebt. Peter spricht seit seiner Beobachtung kein einziges Wort. Die englische Militärpolizei, in Person von Lieutnant Richard Davies, soll den Fall aufklären. Er fordert eine englisch sprechende, weibliche Polizistin an und bekommt Friederike Matthée, eine junge Frau, die mit ihrer Mutter aus ihrer ostpreußischen Heimat geflohen ist, zugeteilt. Als Tochter eines Gutsbesitzers muss sie nun, als eine der ersten weiblichen Polizistinnen Kölns, sich selbst und ihre kranke Mutter durchbringen.

Die Ermittlungen gestalten sich als schwierig, weil nicht klar ist, wer aller noch dem Nazi-Regime nachtrauert. Friederike schafft es, den kleinen Jungen zum Sprechen zu bringen. Noch bevor die beiden Entscheidendes herausfinden, wird ein Pfarrer ermordet, der mit dem ersten Mordopfer befreundet war.


Meine Meinung:

Beate Sauer zeichnet ein authentisches Abbild der rauen Wirklichkeit im britisch besetzten Nachkriegsdeutschland gelungen. Sowohl die tristen Lebensumstände zwischen den Ruinen als auch die Ressentiments Fremden und Juden gegenüber sind gut getroffen. Wenn die Vermieterin meint, dass Friederike und ihre Mutter ihrer Albträume wegen in die Irrenanstalt gehörten, anstatt „ordentlichen“ Deutschen die Wohnmöglichkeit zu nehmen, hat sich mit dem verlorenen Krieg wenig in den Köpfen der meisten Menschen geändert.
Der Argwohn der Displaced Persons in den Lagern der deutschen Polizei gegenüber ist berechtigt, wie das Ende des Krimis beweist.
Die Autorin hat gewissenhaft recherchiert. Die Person Richard Davies steht für viele Emigranten bzw. deren Söhne, die als „German Legion“ an der Befreiung Deutschlands und Österreichs von den Nazis mitgeholfen haben.
Eindringlich, jedoch ohne Pathos sind die Zweifel und Rachegefühle von Richard dargestellt. Ich habe gleich zu Beginn an so eine Verbindung gedacht – und recht behalten.

Der Schreibstil ist elegant und sehr gewählt. Ich konnte hier die Gutsherrentochter gut heraushören. Dass Friederike unsicher wirkt, hat nicht nur mit der Vertreibung aus Ostpreußen und den schrecklichen Erlebnissen auf der Flucht zu tun. Man gibt ihr immer wieder zu verstehen, dass sie als Ostflüchtig nicht willkommen ist. Das nagt natürlich an der Psyche. Andererseits gewinnt sie das Vertrauen mancher Zeugen und hat eine gute, manchmal auch kritische Auffassungsgabe. Ich denke, Friederike wird es gelingen, auch gegen den Willen ihrer strengen Vorgesetzten ihren Weg machen.

Die historischen Begebenheiten sind behutsam in die Kriminal-Geschichte eingeflochten, die durchaus als politisch angesehen werden darf.

Fazit:

Ein fesselnder Auftakt einer Krimi-Reihe. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und vergebe 5 Sterne.

Bewertung vom 18.09.2017
Erzähl mir vom Tod / Kommissarin Anne Kirsch Bd.3
Albracht, Mareike

Erzähl mir vom Tod / Kommissarin Anne Kirsch Bd.3


sehr gut

Anne Kirsch, Kriminalpolizistin mit starkem Hang zu Eigenmächtigkeiten während der Ermittlungen, wird von ihrem Vorgesetzten zu einem Seminar „Teambuilding“ verdonnert. Allenfalls müsste sie in die Polizeischule zurück oder gar ihren Dienst quittieren.

Doch Anne macht das Seminar überhaupt keinen Spaß, vor allem, weil Micha, der Seminarleiter, einige sehr fragwürdige Methoden anwendet. So nimmt er z.B. den Teilnehmern die Mobiltelefone weg, hetzt sie ohne Verpflegung von einem Geo-Cache zum anderen und hat es vor allem auf die Teilnehmerinnen abgesehen. Anne, fest davon überzeugt, sich nicht klein kriegen zu lassen, ficht einen Strauß nach dem anderen mit ihm aus.
Da passt es thematisch ganz gut, dass in Obermarsberg gerade ein Mittelalterfest abgehalten wird.
Doch auch hier ist nicht alles eitel Wonne. Nicht alle Einwohner sind von diesem Spektakel begeistert, weil es doch auch Kollateralschäden wie Betrunkene, Raufereien, erhöhtes Müllaufkommen sowie Sachbeschädigungen und Parkplatznot mit sich bringt.
Dann wird ein Bäckergeselle wie einst im Mittelalter an den Pranger gefesselt. Als man wenig später einen weiteren Bewohner mit einem historischen Brandeisen geblendet findet, kommt Anne gerade recht und gibt unerkannt Anweisungen.

Dann verschwinden ein Mann und seine Geliebte. Dafür gibt es die erste Leiche. Während die chronisch unterbesetzte Polizei allerlei Spuren nachgeht, muss sich Anne weiter mit Micha herumschlagen.

Endlich, endlich schmeißt Anne das Seminar, obwohl sie damit ihre weitere Berufslaufbahn aufs Spiel setzt. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen und Thorsten Seidl, ihr Chef, lässt Anne ermitteln.

Auffallend an den Verbrechen ist, dass hier alte Sagen aus dem Umfeld nachgestellt werden. Hellmann, der ermittelnde Polizist vor Ort, kann sich für Annes Theorien erwärmen. Wird es den beiden gelingen, die Darstellung der nächsten Sagen zu verhindern?


Meine Meinung:

Gekonnt führt uns Mareike Albracht an der Nase herum. Was jetzt nicht ganz so schwer ist, weil es ja ein paar unsympathische Charaktere in der Geschichte gibt.
In diesem, ihrem dritten Fall, tritt Anne Kirsch anfangs eher nur im Hintergrund auf. Figuren aus den beiden Vorgängern wie die nervige Mutter fehlen ganz oder spielen nur eine untergeordnete Rolle (wie Chef Thorsten Seidl oder Freund Heiko). Das ist für mich ein wenig ungewohnt, doch hat der Spannung keinen Abbruch getan.
Dass Anne diesem Micha mehrfach gerne eine gescheuert hätte oder ihn recht handlich mit dem Polizeigriff gefaltet hätte, ist ausgezeichnet herübergekommen. Ich glaube, an Annes Stelle hätte ich das Seminar schon viel früher verlassen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Mit Hellmann wird ein neuer Charakter eingeführt, der möglicherweise gut zu Annes Arbeitsweise passt. Es ist den beiden (und uns Lesern) zu wünschen, dass sie in einem vierten Band wieder gemeinsam ermitteln dürfen.

Fazit:

Ein Krimi mit viel Lokalkolorit, der auch tief in die verwundete Seele eines Außenseiters blicken lässt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Bewertung vom 08.08.2017
Schampus, Küsschen, Räuberjagd
Kruse, Tatjana

Schampus, Küsschen, Räuberjagd


ausgezeichnet

Pauline Miller, Operndiva und Hobby-Kriminalistin, gibt ein Gastspiel in Bayreuth. Mit von der Partie sind wieder Boston-Terrier Radames, Managerin Bröcki, Mädchen-für-alles Yves sowie jede Menge Koffer und Designerklamotten.
Vorab schwebt sie im 7. Wagner-Himmel, der dann durch zwei garstige Ereignisse getrübt werden: Erstens singt Intimfeindin Silke von Hermann ebenfalls in „Tristan und Isolde“ und Zweitens wird Pauly von der Polizei verdächtigt, einen kostbaren Diamanten gestohlen zu haben.
Seit einiger Zeit hat sich nämlich ein Juwelendieb auf Paulines Spuren geheftet. Überall dort wo die Diva auftritt, verschwinden diverse Pretiosen.
Als dann Yves den gestohlenen Klunker in seiner Tasche findet, ist Feuer auf dem Dach. Also plant Pauly eine Rückgabeaktion bei der sie und Bröcki auf dem Gerüst eines Hauses herumturnen, dabei dem echten Dieb in die Hände laufen und Bröcki von einer resoluten Dame eine Ladung Schrot in den Allerwertesten bekommt.
Das Auftauchen von Arnaldur, ihrem isländischen Lover, sowie des Paulys Vater verheißen Spaß und Action für die Leser. Pauline selbst hat ein wenig Stress, denn einerseits gelingt die Rückgabe des Schmuckstücks nicht so einfach und zweitens will Arni ein Engagement an der Oper in Perm annehmen.
Meine Meinung:
Tatjana Kruse hat eine neue Gattung Krimis kreiert: Die KRIMÖDIE. Handfester Spaß, witzige Dialoge, kreative Wortschöpfung sowie Gedanken, die sich manche nicht aussprechen traut (wie z. B.: "Und Wagner konnte alles, nur keine Quickies." Zitat Seite 50)  lassen ihre Fans Tränen lachen. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen, denn Hermännchen und Paulys Vater kommen sich näher. Die werden doch wohl nicht  …? Doch das, liebe Leser, ist eine andere (neue??) Geschichte.
Über die vielen Charaktere, die vielfältig und liebevoll ausgestaltet sind, muss ich regelmäßig herzlich lachen.
Wortwitz und skurrile Gestalten begleiten uns Leser durch das Buch, das durchaus als neues Fitnessgerät – nämlich als Lachmuskeltrainer – gelten könnte.
Ein Feuerwerk voll Gags sorgt für vergnügliche Stunden. Schade, dass die Seiten so schnell verflogen sind. Doch Paulines nächster Auftritt ist schon angedeutet: Auf ein Wiedersehen in WIEN.
Fazit:
Wer Spaß an schrägen Krimödien hat, ist hier richtig. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Bewertung vom 08.08.2017
Der Duft des Teufels
Jasmund, Birgit

Der Duft des Teufels


ausgezeichnet

Köln 1695: Die verwitwete junge Hebamme Katharina weist den hartnäckigen Verehrer Fritz Haan ab. Haan, der wegen schlechter Arbeit als Weber nun auch noch seine Arbeit verloren hat, zeigt Katharina aus Rache wegen Hexerei an. Da die weltliche Obrigkeit diese Anzeige nicht weiterverfolgt, schließt er sich dem Dominikanermönch Martin an, der mit Hetzreden die Bürger aufstachelt, wieder Jagd auf Hexen zu machen.
Auslöser dafür ist das Gerücht, dass ein teuflisches Duftwasser im Umlauf sei, das Frauen dazu treibt, eine Buhlschaft mit dem Höllenfürsten einzugehen. Das Parfum wird tatsächlich verteilt und verhilft so mancher eingeschlafener Beziehung zu neuen Höhenflügen. Aber ist es wirklich teuflischer Herkunft?
Doch der Mönch heizt mit seinen Hassreden die Stimmung der Stadtbewohner an und so werden willkürlich Frauen und Mädchen verhaftet und in das Dominikanerkloster gebracht.
Um Katharina aus den Fängen des Mönches zu befreien, setzt ihr Geliebter Daniel alle Hebel in Bewegung. Er arbeitet mit dem Parfumeur und Krämer Giovanni Paolo Feminis zusammen, der das Duftwasser nachbauen will, um die menschliche Herkunft zu beweisen.
Wird es Daniel und Giovanni gelingen die festgenommenen Frauen zu befreien?
Meine Meinung:
Die Autorin macht es wirklich spannend. Fehlschlag um Fehlschlag bei der Rekonstruktion des Wässrchens lassen Feminis beinahe aufgeben, aber nur beinahe. Die Zweifel an seiner Nase und seinem Können kann ich gut nachvollziehen. Auch die Angst, die ihn und seine Familie in Bann hält, ist deutlich spürbar. Er ist ja nur ein „zugereister Italiener“ und denen traut man alle Böse zu.
Gut beschrieben ist wie die Stadt in zwei Lager geteilt ist: In jene, die an den Fortschritt glauben und in jene, die – aus welchen Gründen auch immer – engstirnig sind, und nach wie vor an die Existenz von Hexen und Teufeln glauben. Bruder Martin und ein Teil der Mönche aus dem Kloster gehören leider zu den Hetzern und Uneinsichtigen.
Die Standesunterschiede, die eine Heirat zwischen Katharina und Daniel unmöglich scheinen lässt, die Zivilcourage, die einige Bewohner Kölns doch an den Tag legen und die Hysterie, die unter den Menschen ausgebrochen ist, sind authentisch dargestellt.
Wer der Teufel in Menschengestalt ist, lässt sich unschwer aus dem Prequel „Das Rezept des Bösen“ erkennen. Bis ihm das Handwerk gelegt werden kann, rinnt einiges Wasser den Rhein hinunter.
Für Spannung sorgen die verschiedenen Charaktere, die sich auch manchmal ambivalent verhalten sowie das Schwanken zwischen altem Glauben und neuem Wissen.
Fazit:
Ein fesselnder historischer Roman, der mich auf den 464 Seiten sehr gut unterhalten hat. Gerne gebe ich 5 Sterne.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.08.2017
Kaiserwasser
Hallé, Fyona A.

Kaiserwasser


ausgezeichnet

Nach dem Prequel „Hotel Welt“ begegnen wir Margret Mondo, ihrer Tochter Conny und der Fürstlichen Familie von und zu Finsterfels zwei Jahre später wieder. Conny und ihre fürstliche Freundin Tony sind nunmehr fünfzehn und beinahe junge Damen, aber nur beinahe.

Neu in der Geschichte ist Margrets Freundin und Bestseller-Autorin Cassie Herno, deren Buch ebenfalls „Kaiserwasser“ heißt und just an diesem der Öffentlichkeit vorgestellt wird: Also eine klassische „Buch-im-Buch-Geschichte“, die aufmerksam gelesen werden muss.

Neu auch Connys (Halb)Brüderchen, dessen Vater ein (noch) streng gehütetes Geheimnis ist.

Conny und Tony versuchen herauszufinden, was mit Cassie Hernos hässlichen Mops geschehen ist, der bei einem Bad in der Alten Donau auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Genauso spurlos wie jede Menge Hunde, deren Besitzer den koreanischen Koch in Verdacht haben, ihre Lieblinge zu koreanischen Eintopf verarbeiten.

Tony, ausgestattet mit einer Tauchausrüstung und dem entsprechenden Können, erforscht das trübe Kaiserwasser und ... Nein, das verrate ich euch nicht. Bitte lest selbst!

Wie wir es schon aus „Hotel Welt“ von der Autorin gewöhnt sind, spart sie nicht mit schrägem Humor und Lokalkolorit. Natürlich darf der eine oder andere Seitenhieb auf Wiens Stadtpolitiker auch nicht fehlen. Herrlich die Bemerkung des Fürsten von und zu Finsterfels, dass er mit dem Vizebürgermeister um mehr als sieben Ecken verwandt ist, und den man um eine kleine Gefälligkeit schicken kann.

Fazit:

Ein Krimi beinahe zum Totlachen, der ohne Leichen und Blutvergießen (wenn man von den Hunden absieht) auskommt. Vor allem, wenn die Gegend kennt und mögliche reale Vorbilder zu erkennen glaubt. Gerne gebe ich 5 Sterne und hoffe ganz stark auf eine Fortsetzung.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.08.2017
Wenn der Platzhirsch röhrt
Bleyer, Alexandra

Wenn der Platzhirsch röhrt


ausgezeichnet

Das idyllische Mölltal mit seinen unterschiedlichen Bewohnern ist nun zum zweiten Mal Schauplatz eines Krimis.

Anton Nowak, Schwiegersohn von Heinrich Belten, will seinen Schwiegervater ins Altersheim abschieben und sich neben unserem wackeren Aufsichtsjäger Sepp Flattacher häuslich niederlassen. Doch da hat Anton die Rechnung ohne den Wirt, pardon ohne den Sepp, gemacht. Obwohl Flattacher auch auf Heinrich Belten nicht gut zu sprechen ist, schmieden die beiden Pläne den ungeliebten Wiener loszuwerden.

Während Sepp und Heinrich GEGEN Anton arbeiten, bemühen sich Bettina und Martin ZUEINANDER zu finden. Doch auch das ist nicht immer einfach und so reden (oder vielmehr schweigen) die beiden aneinander vorbei.

Da kommt Martin die Leiche, die in Antons verbrannten Auto gefunden wird, gerade recht.

Ist es wirklich Anton? Dann wären ja die Probleme von Heinrich Belten gelöst.

Meine Meinung:

Alexandra Bleyer bietet wieder ihr ganzes Können auf, um ihre Leser zu unterhalten. Wieder mit dabei sind die zum Teil schrulligen Figuren aus dem ersten Band „Waidmannsdank“ wie der Postenkommandant Treichel, der immer wieder mit kreativen Wortschöpfungen auffällt oder Kurt Acham, der Kotzbrocken vom LKA Klagenfurt, gegen den ein Elefant im Porzellanladen grazil wie eine Gazelle aussieht. Auch Bettinas Bruder Reini erhält eine größere Rolle und Sepp Flattacher kann seine Bedeutung als Strippenzieher voll ausspielen.
Das Buch beschert uns sprachliche Genüsse, pendelt die Autorin zwischen Deutschem, Wiener und Kärntner Dialekt leichtfüßig hin und her. Herrlich ist es, den Freunden wider Willen beim Kochen zuzusehen. Fleischlaberl oder Frikadellen, das ist hier die Frage!

Keine Bange - es gibt ein ausführliches Glossar, dass Wiener, Kärntner und Jägersprachliche Ausdrücke erklärt und ins Hochdeutsch übersetzt.

Mit „Wenn der Platzhirsch röhrt“ ist Alexandra Bleyer wieder ein toller Krimi gelungen, der ohne den ersten Band „Waidmannsdank“ gut zu lesen ist. Allerdings entgeht dem interessierten Leser ein Feuerwerk an Wortwitz.

Fazit:

Ein Krimi, in dessen Fokus, eher die unterschiedlichen Charaktere als das Verbrechen stehen. Gerne gebe ich 5 Sterne und warte (un)geduldig auf eine Fortsetzung.

Bewertung vom 23.06.2017
Die verlorenen Kinder
Seitz, Michael

Die verlorenen Kinder


ausgezeichnet

Wien 2015 – in zwei Pflegeheimen kommen zwei alte Männer auf dieselbe Art und Weise ums Leben. Obwohl sich in den Jahren 1986-1989 der Pflegeheimskandal rund um die „Mordschwestern von Lainz“ zugetragen hat, scheint die Polizei dem Tod der beiden Männer nicht wirklich nachgehen zu wollen.

Erst als Privatermittler Falco Brunner, ehemals Polizist, von der recht junge Witwe eines der Opfer beauftragt wird, Ermittlungen anzustellen, wird auch die Polizei hellhörig. Zumal es sich bei dem ermittelnden Kriminalbeamten Bruno Horvath um Falcos ehemals bestem Freund und Kollegen sowie jetzigem Lebenspartner von Falcos Ex-Frau handelt. Aus diesem Dreiecksverhältnis ergeben sich natürlich Schwierigkeiten, die auch Einfluss auf die Polizeiarbeit haben. Falcos Ex ist nämlich die Pathologin, die die Leichen der Männer untersucht.

Doch was haben die Toten gemeinsam? Nur dem Schmiss im Gesicht, der sie als Mitglieder einer „Schlagenden Burschenschaft“ ausweisen?
Kurz darauf ist der nächste ermordet. Das und die bislang noch nicht untersuchten Todesfäller ähnlichen Musters lässt einen Zusammenhang mit vergangenem Unrecht und Grausamkeiten nun sichtbar werden. Alle Ermordeten haben in der einen oder anderen Weise mit der Jugendwohlfahrt der Stadt Wien zu tun.
Falco heftet sich auf die Spuren einer Gruppe inzwischen betagter Kinderschänder, die ihre jungen Opfer aus den Kinderheimen rekrutierten. Schon einmal ist das Verbrechen beinahe aufgeflogen, doch hohe Parteifunktionäre haben die Aufklärung mit Nachdruck verhindert.

Ist es jetzt soweit, dass den größten teils schwer traumatisierten Betroffenen endlich späte Gerechtigkeit widerfährt? Oder wird der Skandal, der sich bis in die höchsten Kreise der Österreichischen Innenpolitik zieht, abermals vertuscht?

Meine Meinung:

Die Wirklichkeit der Zustände in den Kinderheimen kann sich kaum jemand vorstellen. Kleine Mädchen und Jungs wurden systematisch gedemütigt, misshandelt und jahrelang sexuell missbraucht und zwar genau von jenen, die sie in ihrer Obhut hatten. Dieser Skandal, der nicht nur in den Wiener Heimen im Schloss Wilhelminenberg und Auf der Hohen Warte zugetragen haben, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Österreichischen Jugendwohlfahrt. Ein Großteil der Erzieher (egal ob Männer oder Frauen) sind nach dem Krieg trotz weiterhin rechter Gesinnung als „Pädagogen“ tätig und können ihre Menschen verachtenden, kriminellen Neigungen ohne große Scheu ausleben. Denn, wer glaubt denn schon einem Heimkind?

Michael Seitz nimmt sich des brisanten Themas an, schockiert manchmal die Leser und lässt Zweifel an der sogenannten guten Gesellschaft aufkommen.
Mit Falco Brunner stellt er den Opfern allerdings einen hartnäckigen Privatermittler zur Seite. Dabei hätte sein Protagonist Falco selbst psychologische Unterstützung nötig, ist er doch von einer Rückkehr der eben überstandenen Leukämie bedroht. Diese Angst vor der Wiederkehr der Krankheit verdrängt er durch ein etwas exzessives Sexualleben, mit dem er auch die Scheidung von seiner Frau verarbeiten will. Doch der gemeinsame Beruf, die gemeinsamen Kinder und die Tatsache, dass seine Christina jetzt ausgerechnet mit seinem früher besten Freund Bruno zusammen ist, lassen Falco beinahe scheitern.

Entschärft wird die hochdramatische Situation durch Falcos Vorliebe für Star Wars, die immer wieder für Schmunzeln sorgt.

Verschiedene Handlungsstränge sind elegant verknüpft und lange Zeit ist nicht klar, wer Täter, wer Opfer ist. Die lange, zermürbende Warterei auf Gerechtigkeit, lässt für diejenigen, die das Recht in eigene Hände nehmen, Nachsicht aufkommen.

Fazit:

Ein vielschichtiger Krimi, der nachdenklich macht. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 23.06.2017
Auf gegen Napoleon!
Bleyer, Alexandra

Auf gegen Napoleon!


ausgezeichnet

Die Historikerin Alexandra Bleyer beschäftigt sich in ihrem Buch mit der Frage „Sind die Befreiungskriege gegen Napoleon wirklich Volkskriege, wie es uns die Propaganda weiß machen will? Oder sind es vielmehr von den jeweiligen Regierenden gesteuerte (manchmal auch ungewollte) kleinräumige Erhebungen von Menschen, die die Kriege und ihre Auswirkungen satt hatten?“

Um diesem äußerst interessanten Thema näher treten zu können, muss erst die Ausgangslage analysiert werden.

Nach der Französischen Revolution und der Hinrichtung des Königspaars soll das revolutionäre Gedankengut in alle Welt getragen werden. Ganz klar, dass das den absolutistisch regierenden Monarchen in Europa nicht gefällt. Die Gegenmaßnahmen sind auch klar: Krieg gegen die Revolution und Wiederherstellung der alten Ordnung.
Doch hier macht ein ehrgeiziger General den Gegnern einen Strich durch die Rechnung: Napoleon Bonaparte. Er fegt mit seiner Armee, die er zuvor aus allen Bevölkerungsschichten Frankreichs ausgehoben hat, über Europa hinweg. Er erobert ein deutsches Fürstentum nach dem anderen, vertreibt die Machthaber und setzt Mitglieder seiner eigenen Familie als Regenten ein.
Gemeinsam mit seinen militärischen Erfolgen, die ihm den Nimbus des „Unbesiegbaren“ einbringen, benutzt er geschickt die Presse, bzw. deren Zensur, um kleine Siege größer und eventuelle Niederlagen ganz klein erschienen zu lassen. Seine täglichen Berichte von den Schlachtfeldern werden im „Le Moniteur“ veröffentlicht und verbreiten sich in Windeseile in ganz Europa.
Die wechselnden Allianzen, einzelne Separatfrieden und Uneinigkeiten in den verbündeten Herrscherhäusern zeigen die Zerrissenheit in Europas Herrscherhäusern. Langsam beginnt man Napoleons Kriegsberichterstattung zu kopieren und schönt die einzelnen Gefechte. Übertreibungen bei Truppenstärken, Verniedlichung der Verluste usw. sind an der Tagesordnung.

Von einem „Volkskrieg“ kann keine Rede sein, da es den Nationalismus wie er in Frankreich seit geraumer Zeit besteht, in den anderen Ländern nicht gibt. Deutschland ist in zahlreiche, kleine Herrschaftsbereiche unterteilt. Fürsten, Herzöge und Könige versuchen ihre Ansprüche mit und ohne Napoleon zu sichern. Selbst das Königreich Preußen ist noch lange nicht zu jener Größe herangewachsen, wie es (von den Preußen) gerne dargestellt wird. Die Habsburgermonarchie besteht aus vielen kleinen und größeren Gebieten (Erblande), die aus der geschickten Heiratspolitik der Vorgänger resultiert.

Alexandra Bleyer zeigt ein recht reales Bild der damaligen Zeit. Sie untermauert ihre Thesen mit Originalzitaten aus Briefen und Aktenvermerken. Es kommen sowohl Franzosen als auch alliierte Briefeschreiber zu Wort. Auch die Rolle der Schriftsteller(innen) im oft nicht von den Kriegshandlungen betroffenen Hinterland wird eingehend beleuchtet. So lesen wir häufig Lulu von Thürnheims und/oder Caroline Pichlers Briefwechsel – beides wortgewaltige Damen der Habsburgermonarchie. In Deutschland versuchen die Literaten rund um Theodor Körner ein Hohelied auf die „teutsche Tapferkeit“ anzustimmen. Dieses praktizierte „Deutschtum“ führt manchmal zu rechten Auswüchsen. Adelige und Bürger, auf Grund der Erziehung meist der französischen Sprache mächtig, sind angehalten ausschließlich „teutsche“ Worte zu benutzen.

Die Conclusio dieses, 265 Seiten starken, Buches ist, dass das „Volk“ nur seine unmittelbaren Besitztümer verteidigt hat, diese dafür mit Zähnen und Klauen sowie Dreschflegel und Prügel. Die Bauern, Gewerbetreibenden usw. waren lediglich für einen temporären Verteidigungskampf in unmittelbarer Nähe ihres Besitzes zu gewinnen. Die weit entfernten Gebiete interessierten das Volk nicht.

Schreibstil und penible Recherche machen dieses Buch zu einem wertvollen Beitrag der Geschichte rund um die Napoleonischen Befreiungskriege. Für historisch Interessierte steht eine große Anzahl von weiterführender Literaturtipps im Anhang bereit.