Wo die Zitronen blühen - Carlotto, Massimo; Videtta, Marco

Massimo Carlotto Marco Videtta 

Wo die Zitronen blühen

Kriminalroman

Aus d. Italien. v. Judith Elze
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Produktbeschreibung zu Wo die Zitronen blühen

Ein Thriller vom Tod einer Braut, den tiefen Abgründen des Familienlebens und der kriminellen Kehrseite des Kapitalismus. Carlotto und Videtta erzählen die bittere Wahrheit über unsere korrupte Gesellschaft.

Im Nordosten Italiens werden die Kleinstädte von wenigen Industriellenclans dominiert. Francesco Visentin ist Spross einer wohlhabenden Anwaltsfamilie. Wenige Tage bevor er heiratet, wird seine geliebte Braut tot aufgefunden - brutal ermordet. Die Suche nach dem Mörder offenbart nach und nach die skrupellosen und mafiösen Praktiken der Geschäftswelt - Menschenhandel, Erpressung, Ökokriminalität und Mord. "Wo die Zitronen blühen" ist ein spannungsgeladenes Porträt der neuen Kriminalität in der Grauzone von Legalität und Verbrechen. Und ein Krimi, der den Mythos der italienischen Familie schonungslos zerlegt.

Produktinformation


  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 215 S.
  • Seitenzahl: 215
  • Tropen bei Klett-Cotta
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 150mm x 25mm
  • Gewicht: 426g
  • ISBN-13: 9783608502039
  • ISBN-10: 3608502033
  • Best.Nr.: 26373360
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Seine Schriftstellerkarriere ist Massimo Carlottos zweites Leben - zuvor wurde er des Mordes angeklagt, war fünf Jahre auf der Flucht, saß sechs Jahre im Knast, wurde schließlich begnadigt. Diese Vergangenheit verarbeitete der Italiener bereits in seinem Debüt von 1995. Doch natürlich ist man geneigt, auch in seinen neueren Werken Autobiografisches zu entdecken. So wird in "Wo die Zitronen blühen", das Carlotto gemeinsam mit dem Journalisten Marco Videtta verfasste, ein junger Mann des Mordes an seiner Verlobten verdächtigt, nachdem er sie tot in ihrer Badewanne aufgefunden hat. Auch Carlotto fand die Studentin, deren Ermordung man ihm anlastete, 1976 tot in ihrer Wohnung. Doch der Romanheld Francesco, Sohn eines norditalienischen Staranwalts, ist unschuldig - während alle anderen Personen in seinem Bekanntenkreis gehörig Dreck am Stecken haben. Carlotto und Videtta gelingt mit ihrem Gemeinschaftswerk das spannende Porträt einer korrupten Gesellschaft, in der der eigene Profit das allerhöchste Gut jeden Individuums ist und Familie, Freundschaft und Liebe nicht viel zählen. Dass das nicht trocken oder gar deprimierend ist, ist dem Erzähltalent der beiden Autoren zu verdanken: "Wo die Zitronen blühen" ist abwechslungsreich geschrieben und wimmelt vor gelungenen Charakterstudien. (jul)

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Steffen Richter sieht italienische Krimiautoren vor das Problem gestellt, dass selbst übelste Fantasien oft von der Wirklichkeit eingeholt werden. Probate Abhilfe kann da der genaue Blick auf die Realität schaffen, und den Autor Massimo Carlotto schätzt Richter als "gnadenlosesten Entzauberer traditioneller Italien-Verklärung". Zusammen mit Marco Videtta hat er diesmal einen Roman geschrieben, dem der Rezensent das Etikett anheftet, von "nahezu biblischer Schlichtheit" zu sein. Eine junge Frau wird ermordet, und je länger ihr untröstlicher Verlobter auf eigene Faust ermittelt und je höher die Kreise werden, in die er dabei vordringt, umso tiefer werden die Abgründe: korrupte Familienclans schrecken vor nichts zurück, um ihre Privilegien zu erhalten. Obwohl der Rezensent den Krimi offenkundig gern und mit Interesse gelesen hat, scheint er letztlich nicht ganz glücklich mit ihm, zumal er schon ab Seite 79 wusste, worauf das ganze hinausläuft.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Dem Autoren-Duo Carlotto/Videtta ist ein aufwühlendes Buch gelungen, denn hinter der spannenden Suche nach Mördern steht das Drama einer einflussreichen Familie, das zugleich das Drama eines ganzen Landes unter der Herrschaft der Mafia ist. Ein hoch politisches Buch, und mag auch "Roman" draufstehen, so kommt es der Wirklichkeit doch sehr nahe." (Brigitte Extra, 10/2009)

"Dem Autoren-Duo Carlotto/Videtta ist ein aufwühlendes Buch gelungen, denn hinter der spannenden Suche nach Mördern steht das Drama einer einflussreichen Familie, das zugleich das Drama eines ganzen Landes unter der Herrschaft der Mafia ist. Ein hoch politisches Buch, und mag auch "Roman" draufstehen, so kommt es der Wirklichkeit doch sehr nahe." -- Brigitte Extra, 10/2009

"Dem Autoren-Duo Carlotto/Videtta ist ein aufwühlendes Buch gelungen, denn hinter der spannenden Suche nach Mördern steht das Drama einer einflussreichen Familie, das zugleich das Drama eines ganzen Landes unter der Herrschaft der Mafia ist. Ein hoch politisches Buch, und mag auch "Roman" draufstehen, so kommt es der Wirklichkeit doch sehr nahe." Brigitte Extra, 10/2009
Massimo Carlotto, geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der linken Bewegung wurde er in den 1970er Jahren zu Unrecht wegen Mordes verurteilt. Nach fünfjähriger Flucht und einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren wurde er 1993 begnadigt. Er lebt heute in Sardinien.

Leseprobe zu "Wo die Zitronen blühen"

Ein Mittwoch wie viele andere

Ich war schon eine ganze Weile wach, aber die Übelkeit hinderte mich dar an aufzustehen. Ich hatte zu viel getrunken. Gin Tonic und Champagner. Ich hatte noch das würzige Parfüm des Clubmädchens am Hals und in der Nase. Es würde ein harter Morgen werden. Zum Glück hatte ich nur ein paar Klienten in der Kanzlei und keine Gerichtstermine. Ich schaute zum x-ten Mal auf den digitalen Wecker. Ein bisschen Zeit blieb noch, um den Alkohol abzubauen. Dann einen Kaffee, eine heiße Dusche, und ich wäre bereit für einen weiteren Tag als junger Rechtsanwalt. Giovanna würde mich fragen, wie der Junggesellenabend gelaufen war, den meine Freunde in dem einzigen Nachtclub des Dorfes für mich organisiert hatten. In Wahrheit würde sie wissen wollen, ob ich mit einem der Mädchen des Diana im Bett gelandet war. Nein, war ich nicht. Das Fest war eine Katastrophe gewesen. Zumindest für mich. Davide und die anderen hatten sich wahrscheinlich amüsiert. Sie waren ziemlich überdreht. Und waren ein- und ausgegangen in der kleinen Kammer, wo immer einer der Rumänen das Koks bereithielt, und hatten mit den Clubmädchen herumgemacht. Die schönste, eine Südamerikanerin, ich glaube, sie hieß Alicia, hatten sie mir mit einer Geschenkschleife um die Brust in die Arme geschoben.

"Sie ist zwar nicht so schön wie Giovanna", hatte Davide betont. "Aber sie soll richtig gut im Bett sein."

Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, aber ich hatte achtgegeben, den Punkt nicht zu überschreiten. Ich bin ein Visentin, und mein Vater hatte mich dar auf aufmerksam gemacht, dass wir gewisse Dinge nicht tun.

"Zumindest nicht hier im Dorf", hatte er lächelnd hinzugefügt.

Und dann hatte ich verschiedene Leute wiedererkannt, vor allem Kleinindustrielle mit den Taschen voller Geld. Einige waren Klienten meines Vaters. Constantin Deaconescu, der Besitzer, ein anrüchig aussehender Rumäne, war gekommen, um mich zu meiner bevorstehenden Hochzeit zu beglückwünschen.

Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ich fühlte mich unwohl, der Ort gefiel mir nicht. Er war vulgär und unecht wie die Marke des Champagners, den uns die Kellner ständig nachschenkten. Als Alicia begann, mich weiter unten zu streicheln, als es meine gesellschaft liche Stellung erlaubte, und mir anvertraute, sie stehe mir die ganze Nacht zur Verfügung, betrachtete ich sie. Sie war schön und aufreizend, aber ich wäre in diesem Moment lieber mit Giovanna zusammen gewesen.

Also ging ich mit der Entschuldigung, ich hätte zu viel getrunken, unter dem Hohngelächter meiner Freunde hinaus, um etwas Luft zu schnappen. Es musste gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, die eisige Luft nahm mir den Atem. Da stieg aus einem Wagen der Allerletzte aus, den ich in dem Moment hätte sehen wollen: Filippo Calchi Renier.

"Was willst du?"

Er zeigte auf den BMW Coupé. "Lass uns ein Stück fahren. Ich muss mit dir reden."

"Brauchst du einen Anwalt?"

Er schüttelte verdrossen den Kopf. Die Narbe auf seiner Wange war blau von der Kälte. "Wir müssen über Giovanna reden." "Natürlich", brummte ich, während ich auf das Auto zuging. Filippo und Giovanna waren ein paar Jahre zuvor zusammen gewesen. Dann hatte sie ihn verlassen, um sich mit mir zusammenzutun. Die Nachricht hatte sie ihm eines Abends im Sommer während des Festes für den Dorfpatron beigebracht. Er war ins Auto gestiegen und ein paar Stunden später auf einer langen, geraden Straße gegen eine Platane gefahren. Er war wie ein Verrückter gerast, und ein Schlagloch hatte ihn die Kontrolle verlieren lassen. Das war zumindest seine Version, aber im Dorf hatte man es für einen Selbstmordversuch gehalten. Seitdem war er nicht mehr derselbe gewesen, weder physisch noch mental. Er tat mir leid. Giovanna hatte Schuldgefühle, die sie nicht mehr loswurde. Wir konnten nicht dar über sprechen, ohne uns zu streiten. Filippo war der einzige Sohn der Contessa Selvaggia Calchi Renier, der exponiertesten Familie im Dorf. Danach kam meine Familie. Auch ich war Einzelkind. Meine Mutter war etwa fünfzehn Jahre zuvor gestorben. Ein Tumor hatte sie in einer kalifornischen Klinik dahingerafft. All das Geld meines Vaters hatte sie nicht retten können.

Filippo ließ den Motor an. "Es ist nicht nötig, irgendwohin zu fahren", sagte ich. "Wir können hier reden."

Filippo hörte mir nicht einmal zu und legte den Gang ein.

"Du kannst sie nicht heiraten."

"Bis zur Hochzeit sind es noch neun Tage. Finde dich damit ab."

"Sie liebt dich nicht."

"Ich wette, sie liebt dich."

"Ja."

"Fährst du mich im Dorf herum, um mir diesen Quatsch zu erzählen?" Filippo begann zu beschleunigen. "Fahr langsam", rief ich erschrocken. "Fahr langsam, du Idiot." Er machte die Fernlichter an und steuerte auf die Mauer zu, die den nach seinem Vater benannten Park umgab.

"Du wirst sie nicht heiraten. Giovanna gehört mir."

Entsetzt hielt ich mir in Erwartung des Aufpralls die Hände vors Gesicht. Filippo bremste im letzten Moment, so dass der Wagen ein paar Zentimeter vor der Mauer zum Stehen kam.

Wankend stieg ich aus, zerrte Filippo aus dem Wagen und stieß ihn mit einer Ohrfeige zu Boden. Er verteidigte sich nicht. Die Straßenlaternen warfen ihr gelbes Licht auf das idiotische Grinsen und das Blut, das ihm aus der Nase lief.

"Du bist verrückt, du musst dich behandeln lassen."

"Ich bin ein guter Patient, ich nehme immer meine Tabletten."

Ich wollte gerade noch einmal zuschlagen, aber irgendetwas in seinem Blick bremste mich. "Sie wird dich betrügen, so wie sie mich betrogen hat", sagte er und wischte sich das Blut von der Nase.

Er war nur ein armer Irrer. Ich schickte ihn zum Teufel und lief zu Fuß nach Hause. Dann trank ich noch ein paar ordentliche Gin Tonics, um die Wut zu löschen, kroch unter die Bettdecke und beschloss, Giovanna nichts davon zu sagen. Das war es doch, was Filippo wollte, er hoffte, dass sie sofort herbeieilen würde, um ihn zu trösten. Ich schlief mit dem Vorsatz ein, stattdessen mit meinem Vater dar über zu sprechen. Dieser Idiot von Filippo konnte bei der Hochzeit eine Szene machen. Natürlich war er eingeladen. Er und seine Mutter bekamen sicher einen Ehrenplatz am Tisch meines Vaters, zusammen mit Prunella, Giovannas Mutter. Die Contessa musste gewarnt werden, sie würde ihrem Sohn nie gestatten, unangenehm aufzufallen, eher würde sie ihn mit Beruhigungsmitteln vollpumpen. Selvaggia konnte Giovanna nicht ausstehen. Sie hatte die Beziehung Filippos zu einer Barovier, die von der Schande des Vaters gezeichnet war, nie gutgeheißen und gab ihr die Schuld an dem Unfall des Sohnes. Was sie natürlich nie ausdrücklich gesagt hatte, das wäre zu vulgär gewesen. Einige giftige Bemerkungen hatten gereicht, die Giovanna und ihre Mutter mit einem Lächeln auf den Lippen über sich hatten ergehen lassen müssen. Am Hochzeitstag würden sie sich begegnen, umarmen, küssen. Lauter heuchlerische, falsche Glückwünsche und Danksagungen. Aber so war das Dorf. Die großen Familien machten nie Theater in der Öffentlichkeit. Das sollte auch für Filippo gelten.

Ich fand die Kraft, mich im Bett aufzusetzen. Mein Kopf drehte sich, wenn auch nicht allzu schlimm. Auf den Kaffee würde ich wohl doch verzichten, ein Kamillentee war da schon besser. Das Telefon klingelte, als ich mich gerade bis zur Küche geschleppt hatte.

"Bist du etwa noch zu Hause?", platzte mein Vater grußlos heraus.

"Ich hab erst am späten Vormittag ein paar Termine."

"Die Kanzlei wird trotzdem geöffnet. Ein echter Profi ..."

"Papà !", unterbrach ich ihn genervt. "Ich hab gerade den Junggesellenabschied und eine äußerst unangenehme Begegnung mit Filippo hinter mir." Schweigen am anderen Ende. "Ich verstehe", sagte er nach einer Weile. "Ist Giovanna bei dir?"

"Nein."

"Die Kollegen von der Kanzlei und die Sekretärinnen haben vor der Hochzeit eine Überraschungsparty für sie organisiert. Du weißt schon, das ist in den Mailänder Kanzleien so eine Mode ... Aber sie ist weder aufgetaucht noch auffindbar. Sie sind enttäuscht, schließlich wollten sie ihr was schenken."

So war Giovanna. Mitunter verschwand sie, vergaß, Bescheid zu sagen, und so kurz vor der Hochzeit war sie bestimmt unterwegs und kümmerte sich um die letzten Details. Sie war die geborene Perfektionistin, Sternzeichen Jungfrau, wie sie gern hervorhob.

Ich ging von meiner Wohnung im Ortskern zu Fuß in die Kanzlei. Wie immer hielt ich einen Moment vor der Kanzlei meines Vaters und betrachtete das Schild aus glänzendem Messing. Unter seinem, Avvocato Antonio Visentin, standen die Namen seiner Mitarbeiter. An vierter Stelle Giovanna Barovier. Nur um mir einen Gefallen zu tun, hatte Papà sie als Praktikantin genommen. Zuerst hatte er genau wie Selvaggia unsere Beziehung zu torpedieren versucht, dann aber verstanden, dass ich verliebt war und dass Giovanna mehr taugte als der Ruf ihres Vaters. Nach der Hochzeit würde auch ich in die Kanzlei eintreten, das Schild würde ausgetauscht werden, mein Name unter dem meines Vaters stehen. Bis dahin hatte er gewollt, dass ich mich allein durchschlug, dass ich mir die Hörner abstieß. Er wollte nicht, dass die Leute dachten, er hätte mich, nur weil ich sein Sohn war, in die Kanzlei aufgenommen. Alle anderen Anwälte der Gegend hatten das getan, ohne sich die geringsten Gedanken zu machen. Aber er nicht. Er war der Beste, der Bekannteste und der Angesehenste. Er sagte immer, die Söhne der großen Familien seien Weichlinge, unfähig, die Unternehmen, die ihre Eltern unter großen Anstrengungen aufgebaut hatten, weiterzuführen. Auch wenn er nie seinen Namen genannt hatte, wusste ich, dass er vor allem Filippo meinte. Von mir hatte er eine harte und schwere Lehrzeit gefordert. Ich hatte in Padua Examen gemacht und war dann für ein Praktikum nach Mailand gegangen. Ich hatte im Ort eine Kanzlei eröffnet und mir unter großen Mühen einen eigenen Mandantenstamm schaffen müssen, die allerdings nur von geringem Stand war. Die besseren, betuchteren Mandanten hatte er. Oft hatte ich mich vor Gericht gegen seine Assistenten beweisen müssen, während Papà stets im Publikum saß. Ich drehte ihm den Rücken zu, wusste aber immer, dass er da war, ich spürte seinen Blick. Auch ich verfolgte immer seine Prozesse. Papà war wirklich der Beste. Er erhob fast nie die Stimme, was der Großteil der alten Schwafler tat, die den Gerichtssaal bevölkerten. Aber wenn er sich, bevor er sein Plädoyer hielt, die Robe zurechtzog, breitete sich im Saal eine respektvolle Stille aus, die er so lange wie möglich andauern ließ, bevor er sie mit seiner Schauspielerstimme durchbrach, um die ihn alle Kollegen beneideten. Mamma sagte, er ähnele James Stewart. Nicht nur im Aussehen und in seinem sanften, ein bisschen melancholischen Blick, sondern auch in den ruhigen, sicheren Bewegungen.

Eine Woche davor hatte Papà mir angekündigt, ich sei reif für den großen Sprung. Endlich würde er mich bei sich aufnehmen. Ich war gerührt.

Papà umarmte mich. "Du bist gut, Francesco, du verdienst es."

Ja, ich verdiente es. Vom Tag meines Examens an hatte ich hart dar auf hingearbeitet, meinen Namen auf dieses Schild zu bekommen. Ich hatte mich auf Unternehmensrecht spezialisiert, um Rechtsberater seines bedeutendsten Mandanten zu werden, der Fondazione Torrefranchi. Die Stiftung war zu kulturellen Zwecken gegründet worden, hatte sich aber, als der Nordosten zur Lokomotive der italienischen Wirtschaft geworden war, in ein erstaunliches Unternehmenskonsortium verwandelt, das sich in jedem Bereich aufzustellen und mit jedem Geschäfte zu machen vermochte. Die unangefochtene Chefin war Selvaggia, die Contessa.

Es war ihr gelungen als Tochter einer Bauernfamilie den einzigen Adligen der Region zu heiraten, den etwa zwanzig Jahre älteren Conte Giannino. Ihr Mädchenname war Tonon gewesen, der Vorname Fausta, den sie, als der Conte um ihre Hand angehalten hatte, durch den schickeren Namen Selvaggia ersetzt hatte. Ihre Schläue hatte sie begreifen lassen, wie der Wind sich drehte, und so investierte sie das Vermögen des verstorbenen Ehemannes in gewinnbringende Operationen, die einen Großteil der Industriellen aus der Gegend involvierten. Aber das rechtliche Hirn war immer Papà gewesen. Er hatte die Träume der Contessa möglich gemacht und alle an die Fondazione gebunden, die ihr Bild und ihre Macht auf lokaler Ebene stärken konnten: Politiker, Künstler, Intellektuelle, Magistrate und sogar den ein oder anderen bedeutenden Prälaten.

Das war mein Platz. Nach so viel Mühen konnte ich endlich die Früchte ernten. Ich würde ein erfolgreicher Anwalt und ein hohes Tier im Dorf und in der Region werden. Wie mein Vater. Mein Leben war schon in goldenen Buchstaben geschrieben. Ich war ein Visentin. Und würde das schönste Mädchen vom Ort heiraten.

Vor der Tür zur Kanzlei traf ich den ersten Klienten bereits wartend an. Ich hatte keine Sekretärinnen, und er hatte vor dem Tor gestanden. Es war ein Truthahnzüchter um die sechzig. Er war untersetzt und sprach nur Dialekt. Während ich ihn hineingeleitete, erzählte er mir, in der Nähe seiner Farm hätte ein Rave stattgefunden - er las das Wort, das ihm die Enkelin aufgeschrieben hatte, von einem Zettel ab - und die Tiere hätten sich vor lauter Schreck über den Lärm gegen den Drahtzaun geworfen und gegenseitig überrannt. Fast alle waren gestorben. Er wollte 30 000 Euro Schadensersatz verlangen. Eine Klage von geringer Bedeutung mit unsicherem Ausgang, aber ohne triftigen Grund lehnt man ein Mandat nicht ab. Am Ende gaben wir uns die Hand, und er ging zufrieden, nachdem er mir anvertraut hatte, dass er in der Osteria gut über mich hatte sprechen hören.

Der zweite Klient war eine alte Schulkameradin von mir aus dem Gymnasium. Sie wollte, dass ich sie in ihrer Scheidungsklage vertrat. Ich kannte auch den Mann. Eine Zeit lang hatten wir in derselben Handballmannschaft der Schule zusammen gespielt.

"Warum gehst du nicht zu Giovanna?", fragte ich sie. "Sie hat in diesem Bereich mehr Erfahrung."

"Mein Mann hat sich schon an einen Anwalt in der Kanzlei von deinem Vater gewendet." "Dann kann ich dir nicht helfen. Wenn ich von meiner Hochzeitsreise zurückkomme, fange ich selber dort an zu arbeiten."

Ich empfahl ihr einen anderen Anwalt, und sie beglückwünschte mich zu meiner bevorstehenden Hochzeit, mit einem Hauch von Neid, den sie nicht verbergen konnte.

Kurz danach rief mich Carla an, die Trauzeugin und beste Freundin von Giovanna.

"Ich finde sie nicht", sagte sie.

"Sie ist auch nicht in die Kanzlei gegangen. Wahrscheinlich macht sie gerade die Schneiderin verrückt, du kennst ja Giovanna."

"Bei der Schneiderin waren wir gestern", informierte sie mich. Dann war sie einen Moment still, bis sie schließlich verlegen und zögernd fragte, ob Giovanna mit mir gesprochen habe.

"Worüber denn?"

"Ich weiß nicht so genau, aber es war wichtig. Sehr wichtig."

"In welcher Hinsicht? Ich verstehe nicht."

Carla sagte nichts weiter und hängte mit einem hastigen Gruß wieder auf. Sie war nach einer langen Zeit in Kampanien erst vor kurzem ins Dorf zurückgekehrt. Nach einem Hochschulabschluss in Biologie war sie einem Kommilitonen nach Caserta gefolgt. Als sie ihn verließ, verhalf ihr Giovanna zu einer Stelle bei der Ortskrankenkasse. Das hatte sie mir jedenfalls erzählt. Ich kannte Carla nicht gut, wusste aber, dass Giovanna und Carla schon seit ihrer Kindheit Freundinnen waren und den Kontakt immer gehalten hatten. Ich hatte nie einen so engen Freund gehabt. Ich kannte alle Leute im Ort, verkehrte im Golfclub und nahm meinen Aperitif in der Bar auf der Piazza. Ich redete mit einem Haufen von Leuten, ging zu den Festen, aber ich war ein Visentin und damit für alle anderen irgendwie unerreichbar. Schon als kleiner Junge hatte ich das Gefühl gehabt, privilegiert zu sein. Damals hatte sich der Reichtum noch nicht so verbreitet wie heute, und der soziale Unterschied war deutlicher. Noch heute, wo es allenthalben Villen mit Parks und Swimmingpools, Mercedesse, BMW s und Ferraris gab, spürte ich diese alte Ehrerbietung gegen über meiner Familie. Meine Mutter hatte auf jede erdenkliche Weise versucht, Filippo und mich zu Herzensfreunden zu machen, aber wir hatten uns nie gemocht, auch damals nicht, als wir noch kurze Hosen trugen. Jungen wie ihn hatte ich in dem Internat, in dem ich die fünf Gymnasialjahre verbrachte, viele kennengelernt, aber selbst wenn ich mich amüsiert hatte, hatte ich doch nie die Schwelle zu einer wahren Freundschaft überschritten. In der Uni war es anders, aber da war es schon zu spät. Ich hatte begriffen, dass ich zu etwas Tieferem als einer einfachen Bekanntschaft nicht mehr bereit und auch nicht dar an interessiert war. Ich teilte die Welt in sympathische und unsympathische Menschen. Und mit den Frauen war es genauso. Ich hatte verschiedene gehabt, an die ich mich nicht speziell erinnerte. Sex und Zuneigung, eine Weile nettes Zusammensein und ein taktvoller, folgenloser Abschluss der Erfahrung, wie es meine soziale Position verlangte. Dann war Giovanna gekommen, und alles hatte sich geändert. Mit ihr hatte ich mich in Gefühlen und Empfi ndungen verloren, die ich nicht rationalisieren konnte. Giovanna war meine Frau, meine Geliebte, meine Freundin. Sie war mein Leben. Und ich war so glücklich, wie ich es seit Mammas Tod nicht mehr gewesen war. Alles schien perfekt. Die Welt, die Zukunft.

Ich fuhr nach Hause zurück, holte den Wagen aus der Garage und steuerte Giovannas Wohnung an. Zur Abwechslung gab es mal wieder Nebel. Sie lebte in einem kleinen Haus am Ortsrand. Nach unserer Hochzeitsreise würde sie zu mir ziehen. Mein Haus war ein Schmuckkästchen der Modernität in einem alten, 230 Quadratmeter großen Gebäude. Mein Vater hatte ein Vermögen ausgegeben, um die Originalbalken, die die Decke schmückten, wieder herrichten und die Teile der Wände freilegen zu lassen, die Maurer venezianischer Schule im 16. Jahrhundert gebaut hatten. Ihr Haus war dagegen zwar bequem und hübsch, aber ohne jeden Charme. Außerdem mochte ich es, mittendrin, nur zwei Schritte von der Piazza zu wohnen, wo das Herz des Dorfes pulsierte und alles in Reichweite lag.

Giovannas roter Mazda stand im Garten. Als ich ausstieg, sah ich, dass die Räder voller Dreck waren. Lächelnd schüttelte ich den Kopf. Giovanna hatte den Fimmel, zu den Bauern zu fahren und dort Wurst und Eier zu kaufen, und sich ein ordentliches Netz an Lieferanten zusammengesucht.

Als ich klingelte, öffnete sie nicht. Ich zog meine Schlüssel aus der Manteltasche und ging hinein.

"Giovanna, Liebste ! Wo bist du?"

Es war still im Haus. Ich rief weiter nach ihr. Und ging die Treppe hoch, die zu ihrem Schlafzimmer führte.

Ich näherte mich dem großen Himmelbett, schob die Vorhänge beiseite, aber es war leer. Dann ging ich ins Bad. Das Erste, was ich sah, war ihr rechtes Bein, das aus der Wanne hing.

Drei Schritte und ich stand vor ihren leeren Augen, die mich durch das Wasser anstarrten.

"Giovanna", flüsterte ich.

"Giovanna!", schrie ich einen Augenblick später.

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Kundenbewertungen zu "Wo die Zitronen blühen"

Durchschnittliche Kundenbewertung 3.2 von 5 Sterne bei 22 Bewertungen ***** gut
(aus 22 Bewertungen)
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Bewertung von anyways aus greifswald am 12.03.2010 ***** sehr gut
Giovanna, Verlobte von Junganwalt Francesco wird tot in ihrer Badewanne aufgefunden.

Nach der Obduktion kann man zweifelsfrei von einem Mord ausgehen. Doch wer hätte dazu ein Motiv?

Fakt ist, das Giovanna ihrem Bräutigam noch ein großes Geheimnis beichten wollte. Doch warum es dabei ging, kann Francesco nur raten. Nur ihrer Freundin hat sie den mysteriösen Satz“ Ich bin zur Hure des Mannes geworden, der mein Leben zerstört hat“ anvertraut.

Neben der Trauer und Verzweiflung kommt jetzt auch noch Wut auf den Nebenbuhler für Francesco hinzu. Er macht sich auf die Suche nach Giovannas Mörder und gerät in einen Strudel aus Macht, Korruption, Hass und grenzenloser Gier.


Carlotto und Videtta haben mich mit diesem atmosphärisch dicht geschriebenen Kriminalroman ( denn als Thriller würde ich ihn nicht bezeichnen)sehr beeindruckt Die kurze prägnante Schreibweise gefällt mir sehr gut, da sie keine überflüssigen Längen erzeugt, und so schnell auf den Punkt kommt.Kurzum, ein Buch das ich jederzeit empfehlen kann.

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Bewertung von Julz aus Hildesheim am 01.03.2010 ***** ausgezeichnet
Ich habe viel über die italienische Mafia gelesen und war deswegen auch an diesem Buch interessiert. Nicht deswegen, weil mein Lieblingsthema die Mafia ist, sondern einfach nur alles, was italienisch ist.

Ich fand dieses Werk sehr spannend und gut geschrieben. Die Spannung konnte gut aufgebaut und die Geschehenisse gut verfolgt werden.

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Bewertung von sabatayn76 am 24.10.2009 ***** gut
Inhalt:
Wenige Tage vor ihrer Hochzeit wird Giovanna tot in ihrer Badewanne gefunden - höchstwahrscheinlich von dem Mann getötet, mit dem sie eine Affäre hatte. Ihr Verlobter Francesco macht sich auf die Suche nach dem Täter und nach der Wahrheit und deckt dabei dunkle Machenschaften innerhalb der ansässigen Familien auf.

Mein Eindruck:
Der Kriminalroman beginnt langsam, fast beiläufig. Auch im weiteren Verlauf bleibt die Spannung auf einem eher niedrigen Level - der Mord und dessen Aufklärungen stehen nicht im Mittelpunkt, bieten lediglich den Rahmen für die Schilderung der Familiengeschäfte, der Intrigen, der kriminellen Geschäfte. Auch ohne Nervenkitzel und ohne Herzklopfen liest sich der Roman flüssig, obwohl der Sprache bisweilen der letzte Schliff fehlt. Oftmals empfand ich die Schilderungen als etwas holprig oder unausgegoren. Die Handlung und die Protagonisten bleiben zudem eher oberflächlich und ohne Tiefgang.

Mein Resümee:
'Wo die Zitronen blühen' ist ein netter Zeitvertreib für graue Herbsttage, aber nicht mehr.

Empfehlung:
Wer sich für mafiöse Machenschaften, die Dynamik familiärer Beziehungen und Italien interessiert, dem sei 'Ehrenwerte Leute' von Giuseppe Fava empfohlen.

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Bewertung von Chiara aus Kornwestheim am 17.10.2009 ***** gut
Gesellschaftskritischer Kriminalroman

Warum musste die junge Giovanna 9 Tage vor ihrer Hochzeit mit Francesco Vasetin sterben? Wurde Sie tatsächlich von ihrem Geliebten ermordet oder steckt doch mehr dahinter?

Das Buch ist aus der Erzählperspektive des Bräutigams geschrieben. Dieser kann einfach nicht fassen, dass Giovanna ihn bereits vor der Ehe betrogen hat und ist sich sicher mit dem Liebhaber auch den Mörder zu finden und macht einige erstaunliche Entdeckungen.

Obwohl ich relativ schnell den Mörder im Visier hatte und sich das am Ende auch bestätigt hat, haben die beiden Autoren ein interessantes Netz aus Vergangenheit und Gegenwart geknüpft und dabei einige Klischees der italienischen Krimis bedient.

Skandale, Betrug, Liebe, Ehre , Neid, Hass, Leidenschaft, Korruption, Geld, Macht, Ansehen, Ausländerfeindlichkeit, Globalisierung und natürlich la Familia gekoppelt mit Verbindungen zur rumänischen Müll- Mafia. All das kommt natürlich nicht zu kurz und eignet sich sicherlich gut als Filmvorlage.

Obwohl das Ende voraussehbar ist, ist „Wo die Zitronen blühen“ ein Buch von großen Gefühlen. Es zeigt nach wie vor den Einfluss der großen Familien. Die teilweise durch die neue Generation zerbröckelt. Gute Unterhaltung für ein verregnetes Herbstwochenende.

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Bewertung von goldfisch am 27.09.2009 ***** gut
Nichts Neues aus dem italienischen Norden

Die beiden italienischen Autoren Carlotto und Videtta wollen in ihrem Buch "Wo die Zitronen blühen" auf einige der aktuellen Probleme Italiens aufmerksam machen. Korruption und Umweltskandale sind die Hauptthemen, die sie sich vorgenommen haben und sie stellen Politiker, Industrielle und Anwälte an den Pranger.

Hauptfigur ist der junge Francesco Visentin, einziges Kind eines sehr einflussreichen Anwalts, der in wenigen Tagen seine Verlobte Giovanna heiraten wollte. Aber Giovanna liegt tot in ihrer Badewanne und Francesco muss nicht nur herausfinden, wer sie ermordete, sondern der Polizei beweisen, dass er nicht der Täter war. Hilfe bekommt er von Giovannas bester Freundin, Carla, und gemeinsam versuchen sie, Dinge aufzudecken, die mächtige Gegenspieler lieber geheim halten wollen.

"Wo die Zitronen blühen" ist flüssig geschrieben und liest sich schnell durch. Das Dorfleben ist treffend geschildert und erinnerte mich tatsächlich streckenweise an eine moderne Fassung des Dorfes von Don Camillo und Peppone. Klatsch, Tratsch und Intrigen - allerdings ohne die liebenswerten Figuren, die alles wieder ins Lot bringen. Manche Figuren blieben ein wenig blass und wirkten etwas klischeehaft, wie z.B. Francescos Vater. Francesco selbst war mir manchmal etwas zu naiv. Wie konnte er so lange in diesem Dorf leben, im Haus seines Vaters, ohne wirklich mitzubekommen, was um ihn herum geschieht?

Wer sich ein wenig für europäische Politik interessiert, wird in "Wo die Zitronen blühen" nichts Neues entdecken. Korruption gehört dort schon lange zum Alltag, Umweltverbrechen passieren wohl in allen europäischen Ländern und dass u.a. Industrielle dort sehr viel Einfluss besitzen können, war mir auch bekannt. Aber dieses Buch ist ja auch nicht als Sachbuch gedacht, sondern ist ein spannender Krimi mit zahlreichen aktuellen Bezügen.

Die Sachkenntnis des Autoren-Duos ist deutlich und macht diesen Roman so erschreckend realistisch. "Wo die Zitronen blühen" ist eine wohltuende Abwechslung zu all den Thrillern mit brutalen Serienmördern. Sollten die beiden Autoren noch weitere Krimis schreiben, werde ich sie sicher lesen, wünsche mir jedoch ein paar Seiten mehr, damit Handlung und Figuren etwas mehr an Tiefe gewinnen könnten.

P.S. Den deutschen Titel und das Titelbild finde ich ziemlich unpassend.

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Bewertung von Toschi3 aus Königswinter am 08.09.2009 ***** sehr gut
Mitten hinein in das Geschehen und damit einen Sumpf aus Liebe, Mafia und Intrigen werfen die beiden Autoren die Leser ihres Buches. Kurz und knackig, fast schon gefühllos, reißen sie durch eine traurige Geschichte, die andere Autoren in doppelt so viele Seiten verpackt hätten.
Keine Schnörkel, keine unwichtigen Nebenhandlungen. Auch wenn die klassischen „Klischees“ von Mafia, Rumänien und Italien perfekt bedient werden, sind die Verstrickungen der handelnden Personen so unglaublich, dass man sie schon wieder glauben muss. Und die Realität ist wahrscheinlich noch schlimmer...
Der Krimi ist flüssig geschrieben, durch die Kürze lässt sich das Buch an einem Tag lesen. Die Autoren harmonieren gut und führen den Leser mal in die eine, mal in die andere Richtung. Und auch wenn man die Lösung erahnen sollte, ist sie doch ziemlich ernüchternd.

Fazit: ein aufwühlender Krimi, in dem kaum ein Leser nur den Krimi sehen kann. Es ist eine gelungene Kritik an der (italienischen) Gesellschaft.

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Bewertung von Cabriofahrerin am 06.09.2009 ***** gut
Wo blühen die Zitronen??

Als Italienfan habe ich mich sehr auf den Krimi von Massimo Carlotto und Marco Videtta gefreut.
Den Inhalt des ersten Drittels empfand ich als atmosphärisch und inhaltlich überfüllt mit typischen Italien-Klischees: Zwei priviligierte Familien, die des Avvocato Antonio Visentin und die der Contessa Selvaggia Calchi Renier werden vorgestellt. Sie nutzen ihre Stellung aus, um für sich Gewinn und Vorteile zu erzielen. Ihre beiden Söhne lieben Giovanna Barovier. Filippo, der Sohn der Contessa, hatte eine Affäre mit Giovanna, und er liebt sie immer noch. Sie verlobt sich aber mit Francesco, Sohn des Avvocato. Am Vorabend ihrer Hochzeit mit Francesco wird sie ermordet.
Im Dorf und in den Familien liegt vieles im Argen, und so läuft die Suche nach Giovannas Mörder in alle Richtungen: Kriminalität im Drogen- und Prostituiertenmilieu, ein von Giovanna aufgedeckter Giftmüllskandal (die Camorra ist mit im Geschäft), Korruption, Ausländerfeindlichkeit, Globalisierung (die Chinesen kommen, Unternehmen sollen nach Rumänien ausgelagert werden) - all dies und noch mehr packen die Autoren in ihr Buch. Wäre weniger mehr gewesen?
Als völlig überraschend eine vermisste Person wieder auftaucht, bekommt der Roman Schwung, und neue Themen, die zur Aufklärung des Mordfalls dienen können, geraten ins Blickfeld.
Das Autorenduo hat mit seinem Buch ein schäbiges, schmutziges Bild von Italien gezeichnet. Nirgendwo darin habe ich meine eigenen vielfach erlebten Eindrücke eines nicht ganz so hoffnungslos verkommenen Landes finden können.
Insgesamt ist dieses Buch durchaus lesenswert, aber meiner Meinung nach ist es eher ein gesellschaftskritischer Roman denn ein Krimi. Jedenfalls sollten Krimi-Fans ihre Erwartungen an einen fesselnden, spannungsgeladenen Krimi nicht zu hoch stecken.

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Bewertung von bellalotte am 07.08.2009 ***** weniger gut
Francesco Visentin, Sohn einer angesehenen Anwaltsfamilie, steht kurz vor seiner Hochzeit, als er seine Braut ermordet in der Badewanne vorfindet. Auf der Suche nach ihrem Mörder wird er, nachdem er Dank der Hilfe seines Vaters, der ein hochkarätiger Anwalt ist, selbst nicht mehr verdächtigt wird, von Carla, der Freundin seiner Braut unterstützt. Dem Leser werden eine Vielzahl verschiedener Personen vorgestellt und der Verdacht fällt mal auf diese und mal auf jene Person... Francesco merkt, dass die Dorfidylle keine ist und die Machenschaften der reichen Familien - von denen er einer angehört - nicht immer die saubersten sind. Denen geht es nur um das gute Ansehen, koste es, was es wolle.
Das Bild, was dem Leser gezeigt wird, hat nichts mit dem Flair Italiens zu tun, welches man beim Titel erwarten mag, es ist düster und voller Korruption. Der Mordfall gerät ein wenig in den Hintergrund, als es um Ökokriminalität und Geschäftsverbrechen geht.
Der Schreibstil ist flüssig, aber die vielen, teils nur oberflächlich vorgestellten Personen machten es mir nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Ich hätte mir in vielen Dingen mehr Tiefgang und mehr durchgängige Spannung gewünscht.
Ich habe das Buch in vielen kleinen Abschnitten gelesen und war ab und an kurz davor, es wegzulegen. Ich denke auch, dass der Inhalt mir nicht lange im Gedächtnis bleiben wird...

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Bewertung von Leserin aus Deutschland am 06.08.2009 ***** sehr gut
Die unschönen Seiten Norditaliens

Der Titel „Wo die Zitronen blühen“ und die Inhaltsangabe ließen mich eher ein Buch erwarten, das im Süden Italiens spielt. Doch die beiden Autoren beweisen eindrucksvoll, dass auch im Norden neben Zitronen ebenfalls Korruption und andere Verbrechen blühen, obwohl dieser wohlhabendere Teil Italiens gerne auf den Süden herabschaut.
Schauplatz ist ein italienisches Dorf, das von wenigen einflussreichen Familien beherrscht wird. Francesco Visentin gehört zu einer dieser Familien und er soll bald in die Anwaltskanzlei seines Vaters einsteigen. Dort arbeitet schon seine zukünftige Frau, die attraktive Giovanna. Doch dann kommt alles ganz anders als erwartet. Am Abend seines Junggesellenabschieds findet er Giovanna tot in der Badewanne – Mord – und ist zunächst Hauptverdächtiger. Gemeinsam mit Giovannas bester Freundin Carla versucht er den Mörder zu finden und landet tief im Sumpf der Korruption und gefährlicher Machtspiele.

Die beiden Autoren beschreiben deutlich, wie eng Industrie und illegale Organisationen miteinander verknüpft sind, wie groß der Einfluss dieser Organisationen auf Politik und Alltagsleben ist, welche Macht einzelne Familien besitzen. Manche Strukturen erinnern fast an die Verhältnisse im Mittelalter. Reich an Geld, aber anscheinend arm an moralischen Werten - zumindest in Bezug auf den beschriebenen Geldadel. Durch die Perspektive des anfangs noch etwas naiven Francesco erhält der Leser Einblick in die unschönen Seiten des Urlaubslandes Italien. Der Blick hinter die Fassaden ist sehr desillusionierend.

Sprachlich liest sich „Wo die Zitronen blühen“ sehr flüssig und das Ende des Buch war schnell erreicht. Über ein paar Seiten mehr hätte ich mich gefreut, denn manche Figuren blieben eher blass. Auf der anderen Seite hat „Wo die Zitronen blühen“ keinerlei Längen und fesselte mich bis zum Ende.

Ein spannender und Krimi, mit aktuellen Bezüge zu Politik und Gesellschaft, den ich bereits mehrfach weiterempfohlen habe. Auf weitere Werke des Autorenduos bin ich gespannt.

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Bewertung von hrafnaklukka aus Rüthen am 04.08.2009 ***** sehr gut
Francesco Visentin, junger Anwalt aus einer ehrbaren Familie, hat glänzende Zukunftsaussichten: in wenigen Tagen wird er die schöne Giovanna Barovier heiraten und nach der Hochzeitsreise in die angesehene Kanzlei seines Vaters eintreten. Seine Träume werden jäh zerstört, als er Giovanna am Morgen des Junggesellenabschieds tot auffindet. Wer hat die Schöne umgebracht? Und was wollte sie am Morgen wichtiges mit ihm besprechen? Zusammen mit ihrer besten Freundin Carla macht sich Franceso auf die Suche nach ihrem Mörder und stösst dabei auf ein Netz von Korruption und alten Freundschaften bzw. Feindschaften. Ist Giovannas Vater wirklich ein eiskalter Betrüger und Mörder? Ist die angesehene Gesellschaft wirklich so ehrenhaft?
„Wo die Zitronen blühen“ ist soviel mehr, als ich erwartet hatte: statt eines einfach gestrickten Krimis haben wir es hier mit einem aktuellen Thriller zu tun. Schon die ersten Seiten versprechen eine spannende Handlung, die die Autoren auch bis zum Schluss halten können. Viele zwielichtige Gestalten werden im Laufe der Geschichte eingeführt, was dem ganzen unerwartete Wendungen gibt und die Spannung erhält. Die Hauptcharaktere und Strukturen im dem recht fest gefahrenen Dorf lernen wir direkt am Anfang kennen, was im wesentlichen dazu beiträgt, verschiedene Handlungen zu durchschauen und die Beziehungen unter – und zueinander zu verstehen. Das Buch wurde zum Teil aus Francescos Sicht in Ich-Form erzählt, und die Lücken für den Leser von einem Erzähler aus der Beoabachter-Perpektive gefüllt. Das hat mir sehr gut gefallen. Der Schreibstil ist einfach und flott zu lesen, dabei kommt das Buch ohne blutige und reißerische Szenen aus.Die Autoren verstehen es meisterhaft, die einzelnen Schichten der machtvollen und angesehenen Familien zu entblättern wie bei einer Zwiebel - Schicht für Schicht, Kapitel für Kapitel versinkt der Leser weiter in einem Sumpf aus Korruption und Machtgier, die selbst vor Mord nicht zurückschrecken.Aktuelle Themen wie Umweltskandale, Müllentsorgung etc. werden mit Mafiaproblemen sowie „Dorfkrankheiten“ wie Kaltsch & Tratsch oder Inzucht gemischt. Heraus kommt ein Thriller, der sich wirklich sehen lassen kann. Aber vor allem ist nichts so, wie es scheint. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, und ich würde es jederzeit weiter empfehlen.

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