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6 Kundenbewertungen

Ein Jahr lang sitzt Roger Willemsen im Deutschen Bundestag - nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne des Berliner Reichstags. Das gesamte Jahr 2013 verfolgt er in jeder einzelnen Sitzungswoche. Er spricht nicht mit Politikern oder Journalisten, sondern macht sich sein Bild aus eigener Anschauung und 50.000 Seiten Parlamentsprotokoll. Als leidenschaftlicher "mündiger Bürger" mit offenem Blick erlebt er nicht nur die großen Debatten, sondern auch Situationen, die nie von Kameras erfasst wurden und jedem Klischee widersprechen: effektive Arbeit, geheime…mehr

Produktbeschreibung
Ein Jahr lang sitzt Roger Willemsen im Deutschen Bundestag - nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne des Berliner Reichstags. Das gesamte Jahr 2013 verfolgt er in jeder einzelnen Sitzungswoche. Er spricht nicht mit Politikern oder Journalisten, sondern macht sich sein Bild aus eigener Anschauung und 50.000 Seiten Parlamentsprotokoll. Als leidenschaftlicher "mündiger Bürger" mit offenem Blick erlebt er nicht nur die großen Debatten, sondern auch Situationen, die nie von Kameras erfasst wurden und jedem Klischee widersprechen: effektive Arbeit, geheime Tränen und persönliche Dramen. Deutscher Hörbuchpreis 2015 für Roger Willemsen in der Kategorie Bestes Sachhörbuch. Die Produktion wurde im April 2014 auf Platz 4 der hr2-Hörbuch-Bestenliste gewählt. Buchausgabe nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Tacheles!
  • Gesamtlaufzeit: 484 Min.
  • Erscheinungstermin: 15.12.2017
  • ISBN-13: 9783864844973
  • Artikelnr.: 50284514
Autorenporträt
Roger Willemsen, geboren 1955, veröffentlichte sein erstes Buch 1984 und arbeitete danach als Dozent, Herausgeber, Übersetzer, Essayist und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt u.a. den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold. Sein Roman 'Kleine Lichter' wurde mit Franka Potente in der Hauptrolle verfilmt, sein Film über den Jazzpianisten Michel Petrucciani in vielen Ländern gezeigt. Willemsen war 'amnesty'-Botschafter, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. 2011 wurde er mit dem Julius-Campe-Preis ausgezeichnet. Roger Willemsen verstarb im Februar 2016.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Für jeden Parlamentskorrespondenten muss die Idee dieses Buch, freundlich gesagt, sonderbar erscheinen, meint Anja Maier: Ein Jahr lang - glücklicherweise ein ereignisreiches mit einer Wahl, an dessen Ende eine neue Regierung steht und eine Partei den Bundestag verlassen muss - hat Roger Willemsen das Geschehen im Parlament vor Ort beobachtet und darüber nun ein Buch geschrieben. Und doch dankt die Rezensentin dem Autor seine beharrliche Geduld, vor allem aber seine "akademisch-ironische Sprache", wird hier doch nochmals eindrücklich kenntlich, wie sehr sich das Parlament von seiner Funktion als Ort der politischen Debatte losgelöst hat: Protokolliert sind hier nun nicht nur die Zwischenrufe, die man nach Ansicht der Rezensentin nicht einmal Kindern durchgehen lassen würde, sondern auch die ermattete Wirkkraft politischer Auseinandersetzungen im Plenum. Dieses Buch stellt eine sprachlich präzise verfasste Ernüchterung dar, meint Maier. Und mit seinen klugen Überlegungen verschafft der Autor dem Lesepublikum einen erkenntnisbringenden Blick in unser politisches System, stellt sie abschließend fest. Für die Zukunft wünscht sie sich, insbesondere mit Blick auf andere, von Diktaturen geknechtete Länder, neuen Respekt im Umgang mit der parlamentarischen Kultur.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.03.2014

Ein Büro mit angeschlossener „Speakers’ Corner“
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Ein Jahr, von Januar bis Dezember 2013, hat Roger Willemsen den Debatten
im Deutschen Bundestag zugehört. In seinem Bericht „Das Hohe Haus“ erzählt er von der Banalität der Demokratie
VON JENS BISKY
Als Edward Snowden noch Systemadministrator und Philipp Rösler noch Wirtschaftsminister war, ging Roger Willemsen auf die Zuschauertribüne im Reichstag. Berlin, Januar 2013. Ein Jahr lang wollte er den Debatten zuhören, die Rhetorik der Reden analysieren, die Rollen der Abgeordneten und ihr Aus-der-Rolle-Fallen. Er hatte nicht die Absicht, mit Politikern oder Journalisten zu reden, Hintergrundgespräche interessierten ihn nicht.
  Nichts als Beobachter wollte er sein, ein politisch interessierter Zuschauer, der dem Geschehen aufmerksam folgt, in den Parlamentsprotokollen – gut 50 000 Seiten – nachliest und hofft, auf diese Weise etwas über den Zustand der Demokratie zu erfahren. Der Einfall scheint der eines leidenschaftlichen Reporters zu sein, doch wehrt Willemsen die Zumutung ab, sein Buch über das Jahr im Bundestag könne das Buch eines Journalisten sein. Ihn interessiere weniger das Aktuelle, mehr das Prinzipielle. In dieser Entscheidung liegt die Stärke des Berichts ebenso beschlossen wie seine Schwäche.
  „Das Hohe Haus“ beginnt mit klug formulierter Kritik der parlamentarischen Sitten, quält dann mit zahlreichen Wiederholungen und endet in zahmen Kommentaren zu Angela Merkel: „,Sie kennen mich‘. Das bedeutet für die Neujahrsansprache: Erwarten Sie nichts.“ Willemsens Bericht, der in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, ist ein Dokument der Ratlosigkeit, in der die Mittelschichten des Landes befangen sind, seit sie ahnen, dass ihre größten Hoffnungen im Stillstand liegen, dass sie, um es mit Wolfgang Streecks scharfer Analyse der „Krise des demokratischen Kapitalismus“ zu sagen, Zeit kaufen müssen. Der Preis dafür ist hoch.
  Der wahrscheinlich erste Berliner Parlamentsreporter, Karl Philipp Moritz, hat 1782 aus London mehrfach über die aufregenden Debatten berichtet, in denen es auf das richtige Wort anzukommen schien. Die „Teilnehmung“ auch der Geringsten des Volkes, der Karrenschieber, selbst der kleinen Kinder an Diskussionen und Wahlen war groß. Moritz war begeistert, „wie ein jeder sein Gefühl zu erkennen gibt, daß er auch ein Mensch und ein Engländer sei, so gut wie sein König und sein Minister“. Es werde einem dabei doch „anders zu Mute, als wenn wir bei uns in Berlin die Soldaten exercieren sehen“.
  Am hohen Ideal will Willemsen nicht jede Stunde messen und doch kommt er – aus guten Gründen – nicht ohne dieses Ideal aus. Zum Glück! Die Debatten im Bundestag aber sind meist wenig geeignet, Begeisterung, Bürgergefühl, ja überhaupt Teilnehmung zu wecken. Diese Misere, die man sich nicht schönreden sollte, hat sachliche und persönliche Gründe. Die Entscheidungen sind im Regelfall schon gefallen, bevor das Plenum darüber berät. Dadurch wird das parlamentarische Sprechen, wie Willemsen furios erklärt, „uneigentlich“: „In Wirklichkeit steht das Resultat fest, und es geht mehr um die Schaufensterdekoration.“ Daher liegt etwas „Verspätetes, Nachgereichtes im parlamentarischen Reden“. Alles in allem kein Ansporn für rhetorische Glanzleistungen.
  Weitere Unarten folgen daraus: etwa der Deklarationsstil – wer Muster für schlechte Redner sucht, findet in diesem Buch reiches Material. Hinzu kommt der politischen Streit bloß noch lähmende Parteigeist, nebst Fraktionszwang. Was immer etwa die Linke vorschlägt, es muss abgelehnt werden. Zwischenfragen dienen der Herabsetzung des Gegners, sind also keine Fragen. Wen wundert es, dass viele Reden vor leeren Sitzen gehalten werden?
  Gern liest man Willemsen, wenn er zeigt, wie in Floskeln und Schwulst jeder Gehalt schwindet, wenn er davon erzählt, wie auch im Bundestag eine, die schwach wirkt, die Machtinstinkte der sich stark Dünkenden weckt. Groß ist er dort, wo er Charakterköpfen Respekt bezeugt, auch wenn sie Ansichten vertreten, die mit seinen unvereinbar sind. Vieles von dem, was er beschreibt, hat man im Laufe der Jahre auch in Zeitungen lesen können. Immerhin schließt er interessante Überlegungen an: Die Dominanz des Expertentums wird kompensiert durch billige rhetorische Mittel der Psychologisierung und oft schiefen Literarisierung. Statistik und Einzelfall stehen unvermittelt nebeneinander. Wenn Argumente fehlen, werden Standpunkte bezogen. Lebendig – und das gibt es ja auch – wird die Debatte, wenn sie Widerspruch hervortreibt, zu Differenzierungen führt. Das geschieht leichter, wenn es nicht direkt um Finanzfragen geht.
  Willemsen beginnt seine nach Sitzungsdaten sortierten Einträge gern mit ein paar aktuellen Schlagzeilen. Vom Land draußen aber, von der Logik der Entscheidungen, den Problemen spricht er kaum. Spätestens um Seite 190 herum – wir sind im April– ist die Diagnose vollendet. Es folgen noch zitierwürdige Sätze, aber keine neuen Einsichten. Der Leser wünscht sich, Willemsen hätte sein Konzept Konzept sein lassen und wäre in Ausschüsse gegangen oder hätte recherchiert, wie die Redenschreiber arbeiten. Doch er tut es nicht. Er folgt weiter der von Anfang an durchschauten Fiktion, das Herz der Demokratie schlage in den Debatten des Bundestages. Ja, manchmal ist das so, aber doch wohl nur in Ausnahmefällen. Hätte nicht ein Monat im Parlament genügt? Die lange Zeit des Zuschauens bringt wenig, von den großen Themen des Jahres 2013 – Steuererhöhung, FDP-Krise, NSU-Untersuchungsausschuss – ist nur am Rande die Rede. Um den Einwand prinzipiell, nicht aktualistisch zu formulieren: Je länger man in diesem Bericht liest, desto mehr erinnert er an ein Buch über die Seefahrt, dessen Autor immer nur vom Kapitänsdinner erzählt und nichts aus dem Maschinenraum, von der Kommandobrücke. Selbst das Meer kommt nur als Rauschen vor.
  Das Buch beginnt und endet mit der Neujahrsansprache. Gleich zu Beginn heißt es: „Es ist ein ordinärer Impuls, sich von der Kanzlerin, ihrer Erscheinung, ihrem Gefühlshaushalt, sich von der Volksvertretung insgesamt nicht vertreten zu fühlen.“ Zur dünkelhaften Pauschalverachtung für die Parlamentarier hält Willemsen Distanz. Er entdeckt auch Glaubwürdigkeit, nützlichen Streit, gemeinsame Lösungsversuche, Rednertalente, berührende Gesten und Schicksale. Er bemüht sich um Differenzierung, Ausgewogenheit. An seinem Buch lässt sich die Entpolitisierung von Kritik studieren. Es artikuliert das vielfach geteilte Unbehagen an den Sachzwängen, in denen die Kanzlerin sich so wohl zu fühlen scheint. Dagegen wird abstrakt gefühlt, gemeint und mit Leitartikelweisheiten Einspruch erhoben. Die Sachzwänge verschwinden dadurch nicht. Schlimmer noch, es werden keine Interessen formuliert, keine übersehenen Sachzwänge benannt. Willemsens sympathisches Eintreten für „die Armen“ und gegen die Einsätze der Bundeswehr begründet er lediglich moralisch, oft insinuiert er bloß, dass andere Meinungen vor dem Gerichtshof der Vernunft nicht bestehen könnten.
  „Dem Land geht es gut“, offenbar so gut, dass inmitten aller Krisen öffentliche Intellektuelle vom Format Roger Willemsens nicht politisch argumentieren. Sie haben moralische Bedenken, sie folgen ihrem Sprachgefühl, sie stellen Stilfragen. Auch das gehört zum Stillstand.
Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 400 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.
Wer Muster für schlechte
Redner sucht, findet in diesem
Buch reiches Material
Willemsen folgt der Fiktion,
das Herz der Demokratie schlage
in den Debatten des Bundestages
„Etwas an diesem parlamentarischen Reden ist ein Schwindel . . .“: Blick in die Kuppel des Reichstags, in dem der Bundestag tagt.
Foto: Regina Schmeken
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.03.2014

Souverän ist, wer sich für die Zuschauerbank entscheidet
Unser Mann im Bundestag: Roger Willemsen hat als Vertreter der Bürger ein Jahr lang das Parlament beobachtet und mitgeschrieben

Roger Willemsen fiel auf. Er saß stets in den oberen Rängen der Pressetribüne des Bundestages vis-à-vis der Regierungsbank, den kleinen Laptop aufgeklappt auf seinen Knien. Mal tauschte er sich leise mit einer Kollegin aus, meist aber war er ein stiller Beobachter, kein kalauernder Kommentator des Geschehens da unten im Plenum - ganz so, wie man ihn kennt aus dem Fernsehen. Nun hat er seine Beobachtungen in einem Buch zusammengefasst: "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament".

Ein interessantes Projekt: Ein intelligenter Vertreter unserer Talkshow-Republik, in der Fernsehrunden dem Parlament den Rang als zentrales Forum der Republik längst streitig gemacht haben, begibt sich in den Deutschen Bundestag: Sitzungswoche für Sitzungswoche, Anfrage für Anfrage, Kernzeitdebatte für Kernzeitdebatte. Eine Parlamentsreportage - einst die Königsdisziplin des politischen Journalismus - in Tagebuchform.

Die Sprachanalyse des Germanisten gehört zu den treffenden, wenngleich schonungslosen Abschnitten: "Linguistisch würde man sagen, bei ihr (Angela Merkel) wird der Sprechakt nur bezeichnet, nicht durchgeführt. Sie sagt, dass sie sagt, was sie gesagt hat. Auch in dieser elliptischen Form verrät sich ein politischer Stil." Die Kanzlerin erzeuge "politische Anästhesien". Es kann nicht überraschen, dass Willemsen der Respekt davor fehlt, wie erfolgreich Merkel mit ihrer Politik der Diskursverödung ist. Willemsens Experiment gelingt auch da, wo er den Wandel der politischen Kultur des Zwischenrufes untersucht. So spiegelt er etwa die Reaktion eines parlamentarischen Staatssekretärs am Rednerpult auf einen weiblichen "Ahhhh!"-Ruf, die Abgeordnete möge doch nicht so schreien, das sei uncharmant, mit einem vergleichbaren Geschlechterduell vor fünfzig Jahren: "Ich weiß zwar, dass die Frau Kollegin weiblichen Geschlechts ist. Aber man vergisst das manchmal, wenn man ihr zuhört."

Nein, nicht Franz Josef Strauß ermahnte der Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid seinerzeit wegen dieser Unziemlichkeit, sondern Helmut Schmidt. An diesen Stellen liest sich Willemsens Buch wie ein bissig-humorvoller Kommentar zu jenen zu später Stunde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlten "Historischen Parlamentsdebatten", die selbst allerdings unkommentiert gesendet werden.

Nicht immer, wenn Willemsen das Genre der Parlamentsreportage verlässt und zur Meinungsglosse wechselt, verfügt er über Treffsicherheit und Humor. Zuweilen arbeitet er recht realitätsfern mit feuilletonistischer Herablassung: Am 1. Februar 2013 kam Willemsen etwa Theodor Heuss in den Sinn, der 1952 bei einer Feier zum 1. Mai vor der Parlamentsruine in West-Berlin an den Reichstagsbrand von 1933 erinnerte. Die Vernichtung des "alten Deutschen Reichstages" sei "das Fanal zur drohenden Vernichtung des freien Willens in Deutschland" gewesen. Heuss weiter: "Wir alle leben und arbeiten, damit dieses Haus, aus den Ruinen neu entstanden, eines Tages wieder Herberge, Heimat und Werkstätte der deutschen Zukunft wird." Willemsen gesteht ein, es wäre polemisch, den Bundestag, der nun seit 15 Jahren im Reichstagsgebäude zusammenkommt, "vor diesem Ideal zu blamieren". Doch müsse man ihn immer neu am Ideal der parlamentarischen Idee messen.

Und so verzweifelt der Autor an der Leere im Plenum, jenem Ort, der "lebendige Selbstreflexion der Gesellschaft" ermöglichen soll. Dabei könnte man Heuss beim Worte nehmen: Der Bundestag als Werkstätte deutscher Zukunft ist ein Arbeitsparlament mit einem ausdifferenzierten Ausschusssystem. Gesetzgebung findet auf der Werkbank statt und nicht per Sonntagsrede. Mag sich Willemsen auch noch so sehr nach täglicher politischer Selbstvergewisserung sehnen - die dritte Novelle des Entbürokratisierungsgesetzes taugt nun einmal nicht für eine säkulare Morgenandacht durch die Gemeinschaft der Abgeordneten.

Nun hat sich Willemsen ein Wahljahr für sein Experiment ausgesucht mit einer langen Sommerpause, einer Sondersitzung im Herbst und einer historisch langen Sondierungs- und Koalitionsbildungsphase, in welcher die Bundestagsarbeit ruhte. Im neuen Bundestag - er ist tatsächlich kaum wiederzuerkennen: ohne FDP, mit einem riesigen Regierungsblock und einer Mini-Opposition - lauscht Willemsen einer Jungfernrednerin der SPD und lamentiert: Es gebe gewiss Abgeordnete, die alles anders machen wollten, aber auch jene, die zunächst einmal alles machen wollten wie die Großen. Mit ihnen sei eine Selbsterneuerung des Parlaments schlecht vorstellbar.

Man hat sich nun durch Willemsens Tagebuch gearbeitet und traf immer wieder auf schwadronierende Redner, Getuschel auf der Regierungsbank, eine unaufmerksame Merkel, leitartikelnde Fragesteller und parlamentarische Staatssekretäre, die anstelle einer Erwiderung Ressortstatements verlasen. Man wurde von einem leidenden Willemsen auf der Pressetribüne durch das Jahr begleitet, der - ganz schöngeistiger Moralist - den Parlamentsalltag als Zumutung empfinden musste. Freilich hat der Autor gegen diese Kritik vorgebaut: Im Nachwort hebt er hervor, er schreibe aus "Bürger"-Perspektive, als einer, der "voraussetzungslos" schauen wolle. Voraussetzungslos? Soll das heißen - mit freiem Blick auf das Prinzipielle? So wie er vorgeht, wird die vorab diagnostizierte Krise des Parlamentarismus selbst herbeigeschrieben. Die wirklich politischen Orte will Willemsen nun wieder anderswo suchen.

MAJID SATTAR

Roger Willemsen: "Das Hohe Haus". Ein Jahr im Parlament.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, 400 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Messerscharfer Blick hinter die Kulissen des Bundestags und auf das Treiben unserer Volksvertreter Der Spiegel 20140317