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Samstagabend in »Clärchens Ballhaus« und der Tod tanzt mit
Berlin, Sommer 1928. In Bühlers Ballhaus in der Auguststraße, auch »Clärchens Ballhaus« genannt, wird eine Garderobiere ermordet aufgefunden. Clärchen, die Betreiberin, ist schockiert. Zielt der Mord in irgendeiner Weise auf ihr Etablissement? Oder hat der kommunistische Ex-Geliebte der Toten etwas mit der Tat zu tun? Kommissar Leo Wechsler und seine Kollegen ermitteln in einer Welt aus Charleston, Sekt für eine Mark und hemmungslosem Amüsement. …mehr

Produktbeschreibung
Samstagabend in »Clärchens Ballhaus« und der Tod tanzt mit

Berlin, Sommer 1928. In Bühlers Ballhaus in der Auguststraße, auch »Clärchens Ballhaus« genannt, wird eine Garderobiere ermordet aufgefunden. Clärchen, die Betreiberin, ist schockiert. Zielt der Mord in irgendeiner Weise auf ihr Etablissement? Oder hat der kommunistische Ex-Geliebte der Toten etwas mit der Tat zu tun? Kommissar Leo Wechsler und seine Kollegen ermitteln in einer Welt aus Charleston, Sekt für eine Mark und hemmungslosem Amüsement.
Autorenporträt
Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler hat sie mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Goldenen HOMER für >Mord in Babelsberg< und dem Silbernen HOMER für >Nachts am Askanischen Platz<.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.04.2020

Mit Jeklimper
„Wie in Versailles, nur schöner“: Susanne Goga lässt Leo Wechsler
im Berlin des Jahres 1928 nach dem „Ballhausmörder“ suchen
VON JENS BISKY
Als das Auto im Wedding hält, sind die Kinder sofort zur Stelle. So ein Wagen ist in ihrem Arbeiterbezirk selten zu sehen. Ein Junge streichelt den Kotflügel, und ein Mädchen stellt sich, als hätte sie hier das Kommando, mit verschränkten Armen herausfordernd hin: „Für’n Jroschen pass ick uff, det ihn keena anfasst.“ Der Buick, erklärt die Fahrerin den Knirpsen, komme aus Amerika. Da staunen sie: „Von so weit her? Et jiibt ooch deutsche Autos.“ Sie bekommen etwas Kleingeld und bilden dann einen Kreis um das Vehikel.
So geht das in der großen Stadt, die Sensationen kommen von weit her und glänzen. Schon die Kinder geben sich unbeeindruckt, obwohl sie vor Neugier platzen. Und das wirklich Interessante geht unbestaunt vorüber, weil es selbstverständlich scheint, so wie die freundliche Fahrerin zum Beispiel. Nach alter Verkleinerungsunsitte nennen alle sie Clärchen, was sie nicht stört, solange keiner ihre Autorität als Hausherrin infrage stellt.
Clärchen ist eine Hauptfigur in Susanne Gogas siebentem Kriminalroman aus dem Berlin der Zwanzigerjahre. Das historische Vorbild, Clara Blüher, 1886 geboren, 1971 gestorben, führte ein Ballhaus in der Auguststraße, das wie durch ein Wunder bis in die jüngste Gegenwart überlebt hat, in einem der wenigen unsanierten Altbauten der teuren Mitte Berlins. Der Besitzer hat sich 2019 von den Pächtern getrennt, er will das Lokal nach Sanierungen wieder eröffnen. In den Zwanzigern war das Haus für Witwenbälle berühmt, die so kurz nach Kriegsende besonders beliebt waren. Die Tanzwut, nachholende Lebensgier, hatte nicht allein die Jungen ergriffen.
Am Sonnabend, den 30. Juni 1928, endet der Witwenball früh und mit einem schrecklichen Fund. Die Garderobiere liegt tot im Hinterhof. Kommissar Leo Wechsler übernimmt die Ermittlungen und befragt die Chefin: „Sie hatte ein offenes, freundliches Gesicht und wache Augen, trug die Haare modisch kurz und dazu ein schlichtes, aber gut geschnittenes Kleid.“ Mondänes hätte schlecht zum Ballhaus gepasst, in dem, wie der Kommissar bald bemerkt, „weder Hautevolée noch anrüchige Halbwelt“ verkehrten. Die Leute kommen wohl gerade darum gern, freuen sich am Lichtwundersaal unten und dem Spiegelsaal, von dem Clara Blüher meint, er sei „wie in Versailles, nur schöner“.
Wie immer in Susanne Gogas Wechsler-Krimis spielt Berlin auch diesmal eine Hauptrolle. Der Leser kommt rum in der Stadt, vom Luna-Park in Halensee bis zum Polizeipräsidium am Alex, von der berüchtigten Gegend rings um den Bahnhof Schlesisches Tor bis zum Kaiserdamm im Westen. Dort leitete Margot Schumann eine „Staatlich anerkannte Lehranstalt für technische Assistentinnen“, ein Labor, in dem nur Frauen ausgebildet wurden. Die Tochter des Kommissars lernt es dank einer Schulexkursion kennen, und hört wie das hochgewachsene Fräulein Schumann voller Selbstbewusstsein auf ihren Bildungsweg zurückblickt, auf die Jahre, als Frauen darum bitten mussten, unterrichte werden zu dürfen. Damals, sagt sie, bezeichnete man uns „als physiologisch und geistig minderwertige Wesen mit 115 Gramm weniger Gehirnmasse … Die Herren mussten erst erkennen, das Quantität nicht immer gleich Qualität ist.“
Die Ermittlungen laufen anfangs etwas zäh. Der neue Pianist ist verschwunden, und keiner weiß, wo er jetzt klimpert. Chloroform spielt eine Rolle, wichtig wird die Spur der Bonbons, der besonders guten aus Steglitz, auch geht es um ein Kleid, das eigentlich viel zu teuer gewesen wäre für die tote Garderobiere. Der Roman, der mit Polizeifest und Witwenball, einem flirtenden Eintänzer und dem Beziehungsstress eines Polizisten beginnt, weckt die Erwartung, tief hinein ins großstädtische Nachtleben zu führen. Das aber erscheint bei Weitem nicht so grell und überraschend, nicht so flitterhaft, wie man es vom Berlin der Zwanziger zu verlangen gewohnt ist. Man lernt es in Ausschnitten kennen, als Betrieb, oft bei Tag, wenn das volle Licht auf die schäbigen Dekorationen fällt. Da sitzen dann die Saalschwestern beisammen, um Clara Blüher zu helfen. „Keine Exzesse“ ist das Motto ihrer Geschäfte, aller Ballhäuser in der Stadt. Bei Kaffee und Kuchen finden sie die entscheidende Spur, weswegen Clärchen in den Wedding fährt. Ob Leo Wechsler ohne die Saalschwestern den Fall gelöst hätte? Ohne die geschwätzige Portiersfrau, die sich gut an so ’ne Zierliche erinnerte, die im Hinterhof, im zweiten Stock Klavier übte, bis sie einer heiratete: „Keen Jeklimper mehr am Abend.“
Es sind die Alltagsszenen, die für diesen Roman einnehmen, die vielen kleinen Gespräche, denen man lange mit größerer Neugier folgt als den Ermittlungen und den Polizeiinterna. Aber dann bringen die Saalschwestern Schwung in die Sache.
Man hat Berlin oft dafür gepriesen oder verdammt, dass es eine „Stadt ohne Jungfrauen“ sei. Mit den Augen Leo Wechslers kann man es als Stadt der selbstbewussten Frauen entdecken, die ihr Leben unsentimental und sehr patent in die eigenen Hände nehmen. Das überfordert manchen Mann, aber nicht den sympathischen Kommissar. Unter den Augen der gebieterischen Ballhaus-Königin Clara Bühler tanzt er mit seiner Clara einen Slowfox. Und man möchte fast wetten, dass beider Tochter sich ihre Leidenschaft für Chemie von keinem ausreden lassen wird.
Susanne Goga: Der Ballhausmörder. Ein Fall für Leo Wechsler. dtv, München 2020. 320 Seiten, 10,95 Euro.
Von Luna-Park bis
Polizeipräsidium, der Leser
kommt rum in Berlin
„Keine Exzesse“ ist das Motto der Berliner Saalschwestern. Und dann ist doch eine tot.
Foto: Anna Wlodarczyk/Unsplash
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Ein klassischer Kriminalroman an einem historischen Ort. Spannend geschrieben und mit jeder Menge Zeit- und Lokalkolorit. Frank Schlegel rbb 20200713