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Später Zeuge
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Holger Senzel: Später Zeuge

Seit 25 Jahren liegt ein Schatten auf dem Leben von Peter Zielke. Er hat als Arzt eine beachtliche Karriere hingelegt und mit Wissen und Erfahrung vielen Menschen das Leben gerettet. Mittlerweile ist er Direktor einer renommierten Klinik, genießt breite Anerkennung und zählt zu den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Und doch gelingt es ihm nicht endgültig, jenen lang zurückliegenden Tag im Wald abzuschütteln, an dem er mit dem Jagdgewehr seines Schwiegervaters in spe zwei verdächtige Männer erschoss: den ersten noch aus vermeintlicher Notwehr, den zweiten aber aus kalter Berechnung. Zu spät hatte Zielke festgestellt, dass die beiden Kleinkriminellen, die er beim Vergraben einer beträchtlichen Geldbeute überraschte, unbewaffnet waren. Einen Zeugen seiner Tat am Leben zu lassen, hätte dem angehenden Mediziner die Karriere ruiniert, also das eigene Leben höchstwahrscheinlich zerstört.

Der Roman „Später Zeuge“ handelt zum einen von diesem unentdeckten Mord. Zum anderen erzählt er die Geschichte eines Emporkömmlings aus einfachen Verhältnissen, der sich mit Talent, Fleiß und sehr viel Ehrgeiz seinen Weg an die Spitze bahnte. Nicht zuletzt hat Peter Zielke die richtige Frau geheiratet: Kristina, eine Rundfunkjournalistin und Tochter des Star-Mediziners Wolff Heßler, der mehr aus Traditionsbewusstsein als aus Sympathie seinem Schwiegersohn die Leitung seiner Klinik überlassen möchte. Es läuft also gut für Zielke. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit immer mehr ein – nicht nur in Form der vertrauten Gewissensbisse, sondern in Gestalt von Hans-Georg Kramer, dem Bruder eines der beiden Opfer. Auch Kramer war damals im Wald, hat unbemerkt Fotos von der Tat gemacht und vor Ort Beweise eingesammelt. Nun ist er schwer an Krebs erkrankt und schlägt einen absurden Pakt vor. Wenn es dem renommierten Arzt gelingen sollte, ihn zu heilen, lässt er die Beweise verschwinden. Wenn er stirbt, wird …mehr
Autorenporträt
Holger Senzel, geboren 1959, ist Autor und Hörfunkjournalist. Er war u. a. für den Hessischen Rundfunk tätig, Wortchef von NDR2, Korrespondent im NDR/WDR-Hörfunkstudio in London und verantwortlicher Redakteur für die Auslandsberichterstattung bei NDR Info. Seit 2016 ist er ARD-Hörfunkkorrespondent für Südostasien in Singapur, 2019 wurde er mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet. Senzel veröffentlichte bereits zwei Sachbücher, Später Zeuge ist sein erster Roman.
Interview mit Holger Senzel zu „Später Zeuge“

War das Schreiben von Romanen immer schon Ihr Ziel oder hat das mit bestimmten Erfahrungen als Journalist zu tun?

Für einen Journalisten, dessen Arbeit von Fakten und Informationen geleitet wird, hat es sicher einen besonderen Reiz, sich komplett von der eigenen Fantasie tragen zu lassen, eine Geschichte zu erfinden, statt Realität abzubilden. Nur plausibel muss sie sein. Natürlich kann man in Science-Fiction-Romanen mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Aber dass Leute, die hochpräzise, treffsichere Strahlenwaffen bauen können, sich mit Lichtschwertern auf die Pelle rücken wie bei „Star Wars“ – das finde ich total unlogisch.

Stand am Anfang Ihres Romans die Absicht, einen spannenden Thriller zu schreiben oder wollten Sie vor allem ethische Fragen nach Schuld und Sühne behandeln?
Das Genre Tragödie fand ich total spannend. Was macht einer, der scheinbar keine Wahl hat? Wobei die Frage ist, ob es diese Zwangsläufigkeit überhaupt gibt oder ob sie ein Produkt unserer Angst ist. Als Schüler habe ich meine Eltern über meine Leistungen getäuscht und dann die Schule geschwänzt, um die blauen Briefe von der Post abzufangen. Schließlich habe ich eine Entschuldigung wegen krankheitsbedingtem Fernbleiben vom Unterricht gefälscht. Ich wäre deswegen fast von der Schule geflogen, habe also aus einer Petitesse eine Katastrophe gemacht. Und das tut mein Professor Zielke ja auch. Und er findet jedes Mal aufs Neue Rechtfertigungen für seine Verbrechen – einen Grund, warum er tun muss, was er tut. Er hält sich bis zum Schluss für einen anständigen Kerl, obwohl er natürlich ein ganz mieser Typ ist.

Peter Zielke ist außerdem ein erfolgreicher Arzt. Was fasziniert Sie an diesem Beruf?
In gewisser Weise steht der Arzt über allen anderen Berufen. Weil wir alle, egal was wir sind und haben, im Ernstfall auf ihn angewiesen, ihm ausgeliefert sind. Es ist auch völlig egal, welche politische Haltung ein Kranker hat oder welches Verbrechen er begangen hat – für den Arzt ist das ein Patient, dem er helfen muss. Ich meine damit nicht, dass Ärzte bessere Menschen sind, schließlich habe ich über einen Schurken im weißen Kittel geschrieben, sondern dass sie eine besondere Verantwortung haben, die ich nicht tragen möchte. Wenn ich Fehler mache, dann sterben deswegen keine Menschen.

Wie haben Sie für Ihren Roman recherchiert?
Anfangs habe ich alles gelesen, was ich über Krebs und seine Behandlung kriegen konnte. Es war ja ein komplett sachfremdes Milieu für mich. Dann dachte ich, ich reduziere die medizinischen Details auf ein Minimum, es geht ja nicht um seinen Beruf. Aber bald wurde mir klar, man wird nicht zufällig Arzt, und natürlich bestimmt es Zielkes Bewusstsein und sein Handeln, dass er Arzt ist. Also habe in der Onkologie des UKE Hamburg Eppendorf hospitiert. Das war so ziemlich das Heftigste, das ich je erlebt habe. Obwohl ich als Reporter auch oft über Kriege und Naturkatastrophen berichtet und viel menschliches Leid gesehen habe. Aber das war näher, beängstigender, und ich bewundere Ärzte/Ärztinnen und Pfleger/-innen. Ich war abends immer so fertig, auch seelisch, dass ich fast wieder mit dem Rauchen angefangen hätte. Aber das wäre absurd gewesen – von der Krebsstation zu kommen und Zigaretten zu kaufen.

Zielke kommt aus einfachen Verhältnissen. Die Hürden bei seinem gesellschaftlichen Aufstieg sind ein großes Thema in Ihrem Buch. Spiegelt diese Klassengesellschaft auch Ihre eigene Erfahrung wider?
Menschen aus einfachen Verhältnissen, die Karriere machen, haben sehr oft etwas sehr Angestrengtes. Diesen unbedingten Willen, es allen zu zeigen. Es ist eben ein Unterschied, ob sie einem eher geduckten, ängstlichen Kleinbürgerumfeld entstammen, oder, wie zum Beispiel Zielkes Frau, von klein auf mit dem Bewusstsein aufwuchsen: Du bist etwas Besonderes, denn du kommst aus einem besonderen Stall! Menschen gehen damit natürlich unterschiedlich souverän um. Zielke ist letztlich trotz seiner erarbeiteten gesellschaftlichen Stellung eine eher schwache Persönlichkeit und unglaublich darauf bedacht, wie er wirkt und bei anderen ankommt. Sonst hätte er sich ja auch von seinen Ängsten nicht in diese Lage treiben lassen. Genau solch eine Persönlichkeit brauchte ich für meine Geschichte.

Halten Sie es für Augenwischerei, wenn wir uns als eine demokratische Gesellschaft verstehen, in der solche Unterschiede eigentlich keine große Rolle mehr spielen sollten?
So weit würde ich nicht gehen. Aber wenn ich an meine Recherche für das Buch denke, und dass eine Krankenschwester in der Onkologie sich von ihrem Gehalt kaum eine Wohnung in Hamburg leisten kann, während ein Hedgefonds-Manager viele Millionen kassiert, dann grübelt man natürlich schon über Gerechtigkeit, weil sich da die Frage stellt: Wer von beiden ist eigentlich wichtiger für diese Gesellschaft?

Welche überraschenden Erfahrungen haben Sie als Romanautor gemacht?
Wie mühselig und anstrengend es ist. Anfangs denken Sie: Ich habe eine Idee, schreiben kann ich auch und dann legen Sie los. Auf Seite 180 merken sie plötzlich, dass die Handlung nicht passt zu dem, was Sie 100 Seiten vorher geschrieben haben. Oder Sie haben eine Idee, die Sie total genial finden – und dann sagt Ihre Frau, dass diese Szene total daneben ist und die Geschichte eher bremst. Insofern war meine Devise stets: Kritik hat immer recht. Wenn ein Leser etwas nicht versteht, habe ich als Autor versagt. Es ist nicht wichtig, welches Bild ich als Schreiber im Kopf habe – sondern dass der Leser es auch hat. Manchmal war ich wirklich an dem Punkt, wo ich von Professor Zielke die Nase voll hatte, und dann konnte ich es kaum fassen, dass ich dann doch irgendwann fertig geworden bin.

Werden Sie nun weiter Romane schreiben?
Das erste eigene gedruckte Buch in der Hand zu halten, ist ein Wahnsinnsgefühl. Ein bisschen wie ein eigenes Kind, auch wenn der Zeugungsakt sehr viel mühseliger ist. Dafür kann man es, wenn es auf der Welt ist, ins Regal stellen, und da bleibt es dann ruhig stehen. Insofern würde ich schon gern weiter Bücher schreiben, dafür habe ich auch schon eine Idee. Aber momentan schreckt mich die Arbeit, daher genieße ich erst einmal dieses Buch.

Interview: Literaturtest, 2020