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Erin Kelly: "Vier. Zwei. Eins. Vier Menschen, zwei Wahrheiten, eine Lüge"

Um eine totale Sonnenfinsternis mitzuerleben, muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Dann wird man mit einem äußerst seltenen Anblick belohnt: Die Sonne scheint komplett hinter dem Mond zu verschwinden. Der Tag verwandelt sich für wenige Minuten in eine Nacht. Sonst Verborgenes wird für kurze Zeit sichtbar: Helle Strahlen, welche die Sonne permanent umgeben, erscheinen am Rand des Monds als Korona. In Erin Kellys neuem Roman "Vier. Zwei. Eins. Vier Menschen, zwei Wahrheiten, eine Lüge" bildet dieses Naturereignis den Ausgangspunkt einer scheinbar ganz normalen Liebesbeziehung. Im Jahr 1999 sind Laura und Kit jung und frisch verliebt. Laura beschreibt sich als "unauffälligen, schlaksigen Teenager mit schlechter Haltung." Kit, ein leidenschaftlicher und eher dominanter Typ, führt seine neue Freundin auf ein Festival in Cornwall aus. Dort soll eine totale Sonnenfinsternis als Lifestyle-Event zelebriert werden.

Und dann kreuzen sich ihre Wege mit denen von Beth Taylor, einer nicht mehr ganz so jungen Frau, die, wie man so sagt, zur falschen Zeit am falschen Ort war. Am Rande des Festivaltrubels stolpert Laura über zwei nur schemenhaft erkennbare Gestalten am Boden. Ein Mann steht überrascht auf, schließt seine Hose, beeilt sich zu erklären, dass es nicht so sei, wie es aussieht. Als Kit hinzukommt, rennt er schließlich weg und verschwindet in der feiernden Menge. Beth liegt am Boden und sagt kein Wort. Sie ist offensichtlich traumatisiert. Die Polizei wird gerufen, der Verdächtige gefasst. Zum Prozess sind Laura und Kit schließlich als Zeugen geladen. Der Angeklagte, Jamie Balcombe, wird für schuldig befunden und zur Höchststrafe verurteilt: fünf Jahre Haft. Juristisch ist der Fall damit erledigt. Doch einige Zeit später steht Beth bei Laura und Kit vor der Tür. Sie beginnt sich in das Leben des Paares einzuschleichen. Zunehmend …mehr
Autorenporträt
Erin Kelly wurde 1976 in London geboren und ist in Essex aufgewachsen. Sie studierte englische Literaturwissenschaft an der Warwick University und arbeitet seit 1998 als Journalistin. Sie schrieb unter anderem für die Sunday Times, den Sunday Telegraph, die Daily Mail und für Zeitschriften wie Psychologies, Marie Claire, Elle und Cosmopolitan. Bereits mit ihrem Debütroman »Das Gift des Sommers« eroberte sie Kritik und Leser im Sturm. Erin Kelly lebt mit ihrem Mann und ihren Töchtern in London.
Interview mit Erin Kelly zu "Vier. Zwei. Eins. Vier Menschen, zwei Wahrheiten, eine Lüge"

Haben Sie jemals eine totale Sonnenfinsternis erlebt?

Erin Kelly
: Ich wünschte, das hätte ich! Eine partielle Sonnenfinsternis habe ich 1999 von einem Dach in Soho, London aus gesehen. Der Himmel wurde für fünf Minuten etwas dunkler, der Effekt trat nur sehr geschwächt ein. Alle Beschreibungen in meinem Roman entstammen den Erlebnissen anderer. Ich habe sie aus Blogs und YouTube-Videos. Jetzt hat mich aber der Ehrgeiz gepackt, mit meiner Familie eines Tages eine totale Sonnenfinsternis zu erleben.

In "Vier. Zwei. Eins." spielt die Sonnenfinsternis als Phänomen und Metapher eine große Rolle. War sie auch der ursprüngliche Anlass für Ihr Buch?

Erin Kelly
: Der erste Gedanke zum Buch kam mir nicht während einer Sonnenfinsternis, sondern durch einen Stromausfall. Ich war nachts draußen, joggte eine Runde und sehr plötzlich gingen alle Lichter aus. Ich erwartete, einen Schrei zu hören. Das brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie anders wir uns in der Dunkelheit verhalten. Ich wollte schon einen ganz Zeit lang einen Krimi schreiben, nicht über eine Vergewaltigung, sondern über einen Mord. Dann habe ich vor einigen Jahren ein Buch über Eclipse-Jäger gelesen, über Menschen, die um die ganze Welt reisen, um Sonnenfinsternisse zu erleben. Das ist ein interessanter, leidenschaftlicher, obsessiver Verein. Als ich die Idee hatte, einen Überfall während einer Sonnenfinsternis stattfinden zu lassen, wusste ich: Das ist meine Geschichte!


Viele Menschen gehen davon aus, dass die Mondphasen nicht nur Auswirkungen auf Zyklen wie Ebbe und Flut haben, sondern auch auf ihr persönliches Leben. Wie sehen Sie das?

Erin Kelly
: Meine beste Freundin ist Hebamme und in ihrem Krankenhaus wird bei Vollmond immer eine extra Hebamme zur Schicht eingeteilt, weil in dieser Zeit mehr Frauen ihre Wehen bekommen als sonst. Also muss etwas Wahres an diesen Mondtheorien sein. In meiner Arbeit spielt der Mond aber keine Rolle.

Was brauchen Sie, um kreativ zu sein?

Erin Kelly
: Ich fürchte, ich bin am kreativsten, wenn ich am langweiligsten bin: Wenn ich die sozialen Medien meide, Sport treibe, gut esse und keinen Alkohol trinke. Ich erreiche dieses Level an Kontrolle und Gelassenheit an ungefähr drei Tagen im Jahr.

Im Zentrum Ihres Buchs stehen ein offensichtliches Verbrechen und die mühsame Suche nach der Wahrheit. War Ihnen die Lösung von Anfang an klar oder mussten Sie sich selbst an sie herantasten?

Erin Kelly
: Schon bevor ich auch nur ein Wort geschrieben hatte, wusste ich, ob die Person, die wir vor Gericht angeklagt sehen, schuldig war oder nicht. Aber ich wusste auch, dass das allein nicht reicht als großes Geheimnis oder Wende in einem Roman. Es musste noch ein Überraschungselement geben, das durch einen anderen Charakter hinzukommt. Das war die eigentliche Herausforderung dieses Buchs: Ich musste meinemPublikumden Teppich unter den Füßen wegziehen, aber ich war mir nicht sicher, wodurch das passieren sollte. Als ich mich dann für die Hintergrundgeschichte entschieden hatte, fügte sich alles Weitere.

Man kann Ihr Buch auch als Kritik des traditionellen Beziehungsmodells sehen. Wie weit sollte man gehen, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten?

Erin Kelly
: Alle Beziehungen sind von winzigen, gut gemeinten Lügen durchzogen. Man spricht sie aus, weil man freundlich sein möchte, um die Beziehung zu bewahren. Aber ich habe so viele Fälle gesehen, in denen auch glückliche Ehen jahrzehntelang auf einer großen Lüge basierten. Ich bin fasziniert von dem Moment, in dem die Wahrheit herauskommt. Wir alle denken, wir würden unseren Partner verlassen, wenn wir von seinem Betrug erfahren. Aber das ist nicht immer der Fall.

Welche Erfahrungen machen Sie als Tutorin der Curtis Brown Schule für kreatives Schreiben? Hat die jüngere Generation ein anderes Verständnis von Geschichten, von dem Sie auch etwas lernen können?

Erin Kelly
: Viele meiner Schüler*innen sind älter als ich! Den Hauptunterschied zwischen der älteren und der jüngeren Generation sehe ich nicht in der Qualität des Schreibens, sondern in der Einstellung zu Stimme und Identität, in der Frage, ob man das Recht hat, Geschichten aus Kulturen, vor sozialen Hintergründen und von sexuellen Orientierungen zu erzählen, die nicht die eigenen sind. Die älteren Autor*innen, mit denen ich gearbeitet habe, halten es für ihr selbstverständliches Recht, jede Geschichte erzählen zu dürfen. Das stellen die Jüngeren wirklich infrage. Ich stehe irgendwo zwischen den beiden Lagern. Einerseits will ich mir nicht vorschreiben lassen, was ich schreiben darf und was nicht. Aber ich glaube auch, dass wir die Pflicht haben, uns nicht nur um unsere erfundenen Charaktere zu kümmern, sondern auch um ihre Gegenstücke im wirklichen Leben.

Interview: Literaturtest, 2018