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Rezensionen
"Diesen Roman muss man lesen, wie man Schokolade isst: nicht zu schnell und nicht alles auf ein Mal." WDR-Hörfunk

"So schlicht und ergreifend Stanisic über Heimat, Fremde und die Sehnsucht nach Frieden erzählt, so komisch wie poetisch ist dieses an burlesken Einfällen und tragikomischen Geschichten überbordende Buch." Focus

"Eine große Entdeckung der Saison." Frankfurter Rundschau

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Wie sich aus einem kleinen Dorf im Brandenburgischen ein funkelnder Romanschauplatz machen lässt, lässt sich Rainer Moritz von Saša Stanišić vorführen. Episoden zwischen Tragik und Komik entwirft der Autor laut Rezensent und für jeden Einzelnen des dörflichen Chores eine Stimme. Hinter Stanišićs Realismus aus überlieferten Mythen und Historie leuchtet für Moritz immer wieder etwas Magisches auf. Ein Hühnerfachmann, eine Heimatmuseumsleiterin im physischen Ausnahmezustand und eine Garagenbar bekommen so für den Rezensenten etwas Unverwechselbares. Der Autor aber erweist sich für Moritz erneut als lustvoller wie recherchebegabter Erzähler.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.03.2014

Jetzt kommt der Sturm

Erst schrieb er über seine bosnische Heimat, jetzt einen Roman über die Uckermark. Eine Recherche am Ort des Geschehens - und die Geschichte unserer Freundschaft

Von Thomas Pletzinger

Ein vielleicht vierzehnjähriger Junge steht vor dem Heimatmuseum von Fürstenfelde, Nordwestuckermark, und beäugt mich kritisch. In der Hand hält er ein Walkie Talkie, ich halte ihm ein Buch entgegen, "Vor dem Fest", und frage, ob er davon schon mal gehört habe. "Nö", sagt der Junge. Ich blättere zum Autorenfoto. Von Sasa Stanisic? "Nö", sagt er und klingt dabei wie eine "Tatort"-Figur, die etwas zu verbergen hat. Ein Geheimnis. "Nie gesehen."

Ich bin in die Uckermark gefahren, um mir das Dorf anzusehen, in dem Sasa Stanisic seinen Roman "Vor dem Fest" spielen lässt, zwei Fahrtstunden nördlich von Berlin. Sasa und ich kennen uns seit Jahren, eigentlich hatten wir gemeinsam hierherkommen wollen, weil er meine Manuskripte liest und ich seine und weil ein Romanschauplatz ein guter Ort ist, um über ein Buch und den langen Weg dorthin zu sprechen. Darauf anzustoßen. Außerdem mache ich so was gerne: literarische Orte besuchen, meine Vorstellung mit der realen Topographie abgleichen, das Licht, die Leute, die Leberwurst. Ich war in Uwe Johnsons Jerichow aus den "Jahrestagen", das aussieht wie die Kleinstadt Klütz in Mecklenburg-Vorpommern, in Max Frischs Montauk habe ich Pommes gegessen und in John Irvings Iowa City Bier getrunken. Aber Sasa besucht vor Erscheinen des Romans, vor dem Sturm, vor dem Fest, noch mal seine Eltern in Florida, also bin ich heute allein unterwegs. Vermutlich bin ich hier der erste Schauplatztourist, im Kopf eine Liste mit Straßennamen, Figuren und Motiven. Mit Sicherheit bin ich nicht der letzte. Fürstenfelde heißt in Wirklichkeit Fürstenwerder. Ob das Museum heute noch öffnen würde, frage ich den Walkie-Talkie-Jungen, ob man mit jemandem sprechen könne. "Keine Ahnung", sagt der Junge und starrt auf das Kennzeichen meines Autos. "Unten ist keiner, und oben ist privat." Als ich weiterfahre, sehe ich im Rückspiegel, dass er in sein Funkgerät spricht.

Seit Sasa Stanisic' erstem Roman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" sind fast acht Jahre vergangen, nach Marktgesetzen eine sehr lange Zeit zwischen zwei Büchern. Jetzt liegt "Vor dem Fest" auf meinem Beifahrersitz, und es ist wieder ein erstaunlicher Text, den ich beim Lesen ständig zur Seite legen muss, um darüber nachzudenken, wie Sasa das macht: derart leuchtende Sätze für dieses dunkle Leben zu finden. So aberwitzig komisch sein und dann gleich wieder unerwartet ernst, rührend, warm oder brutal. Sich so zersplitterte und gleichzeitig derart runde Geschichten und Bilder auszudenken, in einer Sprache, die alles abdeckt: wie Leute heute reden und wie sie vor Jahrhunderten geschrieben haben, Walther von der Vogelweide und uckermärkischer White Trash, Chronik und Anekdote, die Prolls und ihre Poesie. Oder die Erzählperspektive: das hochschwierige, aber lässig daherschlendernde kollektive Wir auf Buchlänge durchzuhalten. Wie man ein so durch und durch deutsches Buch schreiben kann, das gleichzeitig frei ist von nationaler Befindlichkeit. Ich bin hier, um zu überlegen, warum "Vor dem Fest" ein so großartiges Buch geworden ist, und um meine Begeisterung auf den Brandenburger Boden der Tatsachen zu holen.

Ich rolle langsam durch "lieb dreckig Fürstenfelde", in Lesegeschwindigkeit, und natürlich sieht es hier so aus, wie man es von Brandenburger Dörfern erwartet: trist, einsam, am Ufer von Schönerem gelegen. Fürstenwerder steht auf einem schmalen Landsteg zwischen zwei Seen, im Buch heißen sie Tiefer See und Großer See. Im Neubaugebiet auf dem Hügel steht ein ganzer Wohnblock leer, nur ab und zu sehe ich vereinzelte Menschen. Ich umrunde das Dorf, die Wege sind hier zu kurz für Autos. Die Bäckerei ist geschlossen, die Gaststätte "Zum alten Bahnhof" auch. Hinter einem Gedenkstein am Fußballplatz steht der Walkie-Talkie-Junge.

Wir lesen die Geschichte eines Dorfes, wir mäandern durch eine Sommernacht im Uckermärkischen, durch die Nacht vor dem großen Fest. Die Luft sirrt, der Scheiterhaufen ist geschichtet. Zehn, zwölf Protagonisten irren durch die Nacht. Da ist Wilfried Schramm, Rentner, Schwarzarbeiter und Sprachphilosoph, immer auf der Suche nach Zigaretten und nachlässig den Selbstmord erwägend. Die depressive Frau Schwermuth vom Heimatmuseum, die den Mythos des Ortes aufbereitet und lesbar macht. Da ist die achtzigjährige Malerin Frau Kranz, die seit Dekaden das Dorf und seine Seen festhält, auch heute Nacht mit Staffelei und Gummistiefeln im Uferschlamm, ihre Bilder tragen Titel wie "Der Neonazi schläft". Da sind "unsere 1 1/2 Nazis: der Rico eben und seine Freundin Luise. Luise ist ein Halbnazi, weil sie den ganzen Scheiß nur Rico zuliebe macht". Und da sind die Jungs: Johann, der Stumme Suzi und Lada, Halbliterdosen UNFORGIVING in den Fäusten. Da sind der Glöckner, der Bäcker, der Fährmann. Der ehemalige Briefträger und mutmaßliche Stasi-Spitzel Dietmar Dietz, genannt Ditzsche, jetzt Hühnerzüchter, und die Füchsin, die um die Häuser schleicht, um Eier zu stibitzen. Da sind die Wälder, die Wasser, die Kirchenglocken, die "Heimat" mitsamt der Legenden und Mythen, da sind die alten Geschichten.

Alles ist leer oder zu oder verlassen, aber ich habe das deutliche Gefühl, diese Straßen und Häuser zu kennen, die Geschichten, die hinter den Türen und Fenstern wohnen. Die Fiktion färbt die Wirklichkeit, wie es gute Romane eben tun. Ich spaziere um die verschlossene Kirche. Ich weiß, dass im Kirchenraum eine Grünberg-Orgel steht, dass der Bäcker das Herz des Dorfes ist und "die Heimat" seine Erinnerung. Ich sehe Ditzsche mit Frau Kranz ein Tänzchen wagen. Ich höre seine Hühner gackern, ich höre das Heil Hitler von 1941, die "wunderbahrlich Procession" von 1594 zieht vorüber, "O deß unergründlichen Gottes Barmhertzigkeit". Ich ahne, wo der Scheiterhaufen stand. Goethe, Grimmelshausen, Barock. Ich höre Manowar aus einem vorbeifahrenden Golf.

Nicht, dass "Vor dem Fest" ein Schlüsselroman wäre, aber er erkennt das Prinzip Dorf und seine Bewohner ganz genau. Das Buch montiert die individuellen Episoden und Vignetten zu einem großen Ganzen. Die Hier-und-jetzt-Fürstenfelder sind Wiedergänger, auch sie leben ihre Leben und werden ihre Tode sterben. Der Mythos geschieht nicht einmal, der Mythos ist das, was immer wieder geschieht. In "Vor dem Fest" lagern die Zeiten erdschichtenartig aufeinander, Grundmoräne, Endmoräne, darin verborgen Schatzkammern und Gräber. Das Dorf ist die Hauptfigur des Romans, das Wir der Dorfgemeinschaft erzählt, montiert und macht, was es will. Es kann alles, es darf alles. Sasa Stanisic' Fürstenfelde hat die dörfliche Seltsamkeit von Sherwood Andersons "Winesburg, Ohio" und die ruppige Gegenwärtigkeit von Moritz von Uslars "Deutschboden". Aber wenn ich mich richtig erinnere, hat Sasa während der Arbeit am Buch hauptsächlich Cormack McCarthy, Barry Hannah und Garth Risk Hallberg gelesen. Vielleicht Faulkner.

Schließlich finde ich doch noch einen geöffneten Laden, die Metzgerei: die Leberwurst dort sei sehr zu empfehlen. Ob ich einen Kaffee bekommen könne? "Gerne", sagt die Verkäuferin. "Weiß oder schwarz?" Sie verschwindet in der Wurstküche und bleibt lange verschwunden, ich mache mir meine Notizen ("wo Wilfried Schramm seine Buletten isst"). Irgendwann ruft Sasa an und bezeichnet die Leberwurst von Fürstenwerder als "Erlebnis". Er klingt enthusiastisch: ich müsse hierhin und dorthin, Ullis Garage! Die Töpferei! Die Leute hier seien vorsichtig, aber durchaus neugierig. Als der Kaffee kommt, schmeckt er wie von Sasa erfunden oder von Sasas Oma gekocht, zentimeterdicker Satz, ein Kaffee aus einer anderen Welt.

Der allererste Text, den ich von Sasa Stanisic gelesen habe, war eine "Jungsgeschichte". Wir hatten im Herbst 2004 unser Studium am Leipziger Literaturinstitut begonnen. An einem der ersten Abende in Leipzig las dieser Stanisic beim Bier eine dieser Geschichten vor, eine rührende, durchweg süddeutsche Angelegenheit. Stanisic kam über Heidelberg aus Bosnien, ich über Hamburg aus dem Ruhrgebiet, er trank langsamer, redete aber schneller, ich war BVB, er unerfindlicherweise HSV. Was ich dachte, während er las: Was heißt hier Schriftsteller werden? Sasa war längst das, was ich werden wollte, seine Texte waren Literatur, keine Spielerei, die Literatur sein wollte. Und später, sehr viel später, erzählte er von Bosnien - noch viel besser, rührender, aberwitziger als von seinen Heidelberger Jungs. Von diesen ersten Abenden blieb der Satz hängen, dass er sich dieses Bosnien und seine Geschichten aus dem System schreiben müsse. Prost!

Ein Jahr später erscheint dann "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Das Buch wird in dreißig Sprachen übersetzt, Sasa geht auf nicht enden wollende Lesereise, er zieht seinen Rollkoffer zweimal um die Erde und hat als bosnischer Staatsbürger ständig und überall Visaprobleme, er bekommt diese und jene Auszeichnung, natürlich den Adelbert-von-Chamisso-Preis, ein Heidelberger als Gesicht der Migrantenliteratur.

Aus jenen Jahren erinnere ich mich noch gut an meine gelegentlichen Anflüge von Schriftstellerneid. Nicht auf Sasas Erfolg, sondern auf das biographische Material, die etlichen Sprachen, die er spricht, den abgeschlossenen, betrachtbaren kulturellen Steinbruch. Die Kehrseite ist ebenso wichtig: Sasa wurde ständig nach seiner Vita gefragt, in Interviews, auf Podien, aber natürlich vor allem an den Grenzen der Welt, in den Ausländerbehörden, zwischen Zimmerpalmen und Automatenkaffee. Ständig musste er Honorarbescheinigungen, Zeugnisse, Formulare auf die Ämter tragen, um in Deutschland bleiben zu dürfen, denn in Deutschland gibt es keine bosnischen Schriftsteller. Zumindest keine Kategorien und Schubladen dafür. Einmal musste er einen handschriftlichen Lebenslauf liefern, um zu beweisen, dass er schreiben kann. Sasa wohnte in Berlin, aber eigentlich war er immer unterwegs, er schrieb aus Mexiko-Stadt, Bangalore, Wellington und Essen.

"Vor dem Fest" hat lange auf sich warten lassen. Ich habe mich oft gefragt, ob sich Sasas nächstes Buch aus dem jahrelangen weltweiten Hin und Her entwickeln würde, ich hatte mit einer Weltbürger- und Grenzgänger-Geschichte gerechnet und dabei viel zu kurz gedacht, viel zu biographistisch. Irgendwann sagte Sasa, dass es jetzt ein paar Seiten einer Idee zu einer Geschichte gebe, die an zwei Seen spielen solle, in einer dem Banat ähnlichen Landschaft, in einem Ort mit Mythen und Geschichten. Diesen Ort gebe es schon, sagte eine Freundin und nahm ihn mit nach Fürstenwerder. Ein Dorf! In der Uckermark! Das größte Glück des Schriftstellers ist, wenn sich die Realität dem Schreiben unterordnet. Plötzlich passt alles, plötzlich gibt es ein Buch. "Vor dem Fest" markiert die lustvolle Abkehr vom autobiographischen Material, die komplizierte Emanzipation des Schriftstellers, und passenderweise fällt sie zusammen mit dem Erhalt des deutschen Reisepasses, nichts Großes, nur eine pragmatische Formalie, ein kleiner Scherz am Rande: Sasa Stanisic ist jetzt tatsächlich ein deutscher Schriftsteller.

"All das war Vorgeplänkel", heißt es im Roman. Acht Jahre hätten eine verdammt lange Zeit sein können, wenn sich die Plackerei für Sasa und das Warten für uns Leser nicht derart gelohnt hätten. Jetzt kommt der Sturm, jetzt folgt das Fest. Das Buch hat den Alfred-Döblin-Preis bekommen und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Schon vor dem Erscheinen ist das Buch zum Gegenstand der ewigen Debatte um den Zustand der braven und mutlosen deutschen Gegenwartsliteratur geworden. Dem einen ist Sasa Beispiel für die Exotisierung des Schriftstellers mit Migrationshintergrund, dem anderen ein Beispiel für Anpassung und rückschrittige Entschärfung. Was für ein Unfug: Wenn "Vor dem Fest" drei Dinge nicht ist, dann brav, mutlos und ein Rückschritt für Sasa Stanisic. Es ist wild, lässig, komisch und allen Ernstes ein großes, trauriges Glück.

Als ich die Metzgerei verlasse, funkt der Junge mit dem Walkie Talkie immer noch. Fürstenwerder ist neugierig. Die Luft sirrt. Ich besuche noch die Töpferin des Dorfes, sie ist gespannt auf das Buch, sie erzählt, dass Sasa bei ihr Bierkrüge gekauft habe, sie freut sich auf die Schauplatztouristen. An einer Tankstelle in Woldegk kaufe ich zwei Halbliterdosen Relentless, das Vorbild für den Energydrink, den Sasas Jungs trinken, wenn sie durch ihre ostdeutschen Alleen knallen. Mit irgendetwas werden wir uns zuprosten müssen, nach all den Jahren, auf das Erscheinen des Buches, zum Fest.

Sasa Stanisic: "Vor dem Fest". Luchterhand, 320 Seiten, 19,99 Euro

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.03.2014

Wir fahren über’n See, über’n See
Mit seinem Roman „Vor dem Fest“ über ein Dorf in der Uckermark ist Saša Stanišić für den
Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – so komisch-traurig sah die deutsche Provinz noch nie aus
VON LOTHAR MÜLLER
Ein Ort, zwei Seen. Im Haus der Heimat, wo die Lokalgeschichte in Leitzordnern abgeheftet wird, findet sich auf den Karteikarten mit den Chroniken und Legenden dazu die Erklärung: „Nicht der Mensch hat das Gewässer bei Fürstenfelde so geteilt, dass wir heute zwei Seen haben, ein Riese hat das vollbracht. Vor langer, langer Zeit hat er von den dalmatinischen Dinariden eine Bergkuppe abgebrochen und so weggeschleudert, dass sie hier landete und das Gewässer auf ewig entzweiriss. Ob der Riese die Bergspitze gezielt geworfen hatte, ist nicht überliefert. Auf den Dinariden erzählt man sich die Geschichte ebenfalls. Eine Bergkuppe habe einem Riesen die Sicht auf die Adria verstellt, also habe er sie beseitigt. Dass das Gestein bis in die Uckermark gelangt ist, bleibt unerwähnt.“
  Es gibt auch leibhaftige Wanderlegenden. Eine von ihnen heißt Saša Stanišić. Er ist 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren, flüchtete 1992 mit seinen Eltern aus seiner von serbischen Truppen besetzten Heimatstadt nach Deutschland, begann um das Jahr 2000 Essays und Kurzgeschichten zu schreiben, ging im Herbst 2004 ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, obwohl eine Legende wissen will, dass dort nur Söhne und Töchter deutscher Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte studieren, und veröffentlichte im Jahr 2006 den Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“.
  Den Roman erzählte jemand, der wie sein Autor im Jugoslawien Titos seine Kindheit verbracht hat und alles aufgesaugt hat, bevor er aus Višegrad nach Deutschland flieht: die Partisanenmythologie , die Geschichten, die der Fluss Drina erzählt, die Familiengeschichten, die Kriegstoten und Verschwundenen. Zehn Jahre später, 2002, kehrte dieser Ich-Erzähler in die Heimat zurück, mit Totenlisten, Telefonnummern, Notebook, auf Spurensuche.
  „Ich höre Nirvana und träume auf Deutsch“, das war einer der Sätze dieses Rückkehrers, und das Buch über ihn war auch ein Buch über das Erzählen, genauer über die Frage, ob es möglich sei, den Stoff der Balkankriege und die Form des humoristischen Romans zusammenzubringen, ohne dass dabei der Schrecken und die Toten sich in Wohlgefallen auflösten. Es war möglich, wie es schon im barocken Schelmenroman möglich war, wenn er den Dreißigjährigen Krieg in sich aufnahm.
  Jetzt also hat Saša Stanišić einen Roman über die deutsche Provinz geschrieben, über das Dorf mit den zwei Seen, dessen Bild er schon aus der Balkan-Legende vom wasserteilenden Riesen kannte, ehe er es in Fürstenwerder in der Uckermark wiederfand, das im Roman Fürstenfelde heißt. Ein älterer Kollege hat ihm kürzlich öffentlich zugerufen, das sei doch Quatsch, sich in die deutsche Provinz zu verkrümeln, da kenne er sich doch gar nicht aus, er solle lieber bei seinem Leisten blieben und was Bosnisches oder eine Immigrantengeschichte erzählen.
  Das scheint der Eingewanderte aber nicht gewollt zu haben. Es sollte das Dorf mit den beiden Seen sein, so wie im ersten Roman die beiden Flüsse Drina und Rzav und alles, was sie mitführen, von Ivo Andric’ Roman „Die Brücke über die Drina“ bis zu den Straßennamen und zum Bombenschutt der Stadt, zum Višegrad-Erzählfluss zusammenflossen. Und so beginnt dieser neue Roman „Vor dem Fest“: „Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann.“
  Saša Stanišić hat sich einige Jahre Zeit gelassen zwischen seinem ersten und diesem zweiten Roman. Man merkt schon nach wenigen Seiten, wofür er die Zeit gebraucht hat: Den Stoff, den er sich gesucht hatte, das Dorf in der Uckermark und seine Seen, so in sich aufzusaugen wie früher die Heimatstadt und die Flüsse in Bosnien. Also nicht nur mit der Geschichte, die in den Leitzordnern steckt: „Geschichte I (1740-1939) und Geschichte II (1945-1989), Gegenwart I (1990-fortlaufend)“, sondern mit den Geschichten, die in den Bewohnern stecken und in den Mythen und Sagen der Landschaft, in der brandenburgischer Landadel herrschte und durch die im Dreißigjährigen Krieg die Schweden zogen und 1632 der gefallene König Gustav Adolf aufgebahrt wurde.
  Aus einer Recherche entsteht aber nicht schon die Form einer Erzählung. Wie die Suche nach dieser Form, nach dem Ton des Romans ausgegangen ist, zeigen die zitierten ersten Sätze. Darin tritt die Figur auf, die Stanišić neu entwickelt hat: das „Wir“, der kollektive Erzähler. Dieses „Wir“ ist anonym und sehr geräumig, es ist die Stimme des Dorfes selbst, ein Chor, den es aus der Bühne in die Prosa verschlagen hat, ein vielstimmiges Wesen, das schon viel gesehen hat. Manchmal ist es Jahrhunderte alt, manchmal so aktuell wie das Fernsehen und der Lokalanzeiger. Und sehr oft trocken, witzig, komisch:   Dieses „Wir“ erzählt über weite Strecken den Roman, nur der Sohn der schwermütigen Archivarin, die im Haus der Geschichte die alten Dokumente hütet – oder erfindet? –, darf mal kurz zum Ich–Erzähler werden, und manchmal gleitet als Abgesandter des „Wir“ ein stilles Auge mit Mikrofon durch den Tag und die Nacht, durch die Zeit „vor dem Fest“, die dem Roman den Titel gibt: Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. „Nichts jährt sich, nichts endet oder hat genau an diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde.“
  Dieses chorische „Wir“ ist eine Antwort auf die Figur des Reporters, aus deren Perspektive vor einiger Zeit Moritz von Uslar in „Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung“ (2010) über Zehdenick berichtet hat, eine Kleinstadt in der näheren Umgebung des Dorfes mit den zwei Seen. Die Stimme des Reporters ist die des Besuchers aus der Großstadt. Die Stimme des „Wir“ kommt aus dem Innern des Dorfes, aus den Seen, aus dem Archivkeller im Haus der Heimat, aus der längst geschlossenen Gaststätte Blissau, aus der Garage, in der Ulli als Ersatzwirt eine Sitzgruppe, fünf Tische und eine Heiztonne aufgestellt hat und eine nackte Polin an den Kühlschrank geklebt hat, aus dem Garten des Barockschlösschens, in dem der Besitzer der Landmaschinenfirma aus dem Geschlecht derer von Blankenburg wohnt.
  Auch bei Stanišić gibt es den Reporter, der von außen kommt. Er interviewt die alte Frau Kranz, die aus dem Banat als „Jugoslawiendeutsche“ zugewanderte Malerin, die über Jahrzehnte und vier Gesellschaftssysteme hinweg das Dorf porträtiert, eine Chronik in Bildern, die bis in die Gegenwart reicht: „Trotz Glatze würde ein Außenstehender jetzt nicht unbedingt davon ausgehen, dass da unbedingt ein Nazi schläft. Ist aber so. Kann man auf der Rückseite nachlesen: Der Neonazi schläft, so heißt das Bild. Die Fürstenfelder würden ohnehin wissen, dass da ein Neonazi schläft, weil das ist der Rico.“
  Stanišić ist ein listiger Autor. Er maskiert seinen Chor als Stimme des Volkes, der Tradition, aber er nutzt diese Maske, um den Dorfroman neu zu erfinden, die Chronologie und die Biografien der Dorfbewohner durcheinanderzuwirbeln, die Sprachschichten der Legenden und der Chroniken des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem fernsehgetränkten Slang der Gegenwart zu mischen und über einer Totengräberszene an der unterspülten Strandpromenade die Reimgewitter einer Hip Hop-Parodie niedergehen zu lassen. Was dabei entsteht, ist, lange bevor der Festtag anbricht und die Astrologin von Sat 1 mit Kamerateam in ihrer Heimat auftaucht, ein Fest für den Leser, und man ahnt, welchen Spaß es dem Autor gemacht hat, sein Dorf mit den zwei Seen dem Berlin-Roman vorzuziehen, den er nicht geschrieben hat.
  Von der Zeitgeschichte lässt sich Stanišić weder den Ton noch die Moral vorgeben, aber sie geht diesem Provinzroman nicht verloren, schon weil Herr Schramm, der ehemalige Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und Schwarzarbeiter, den Part des verhinderten Selbstmörders spielt. Dies ist ein komischer Patchwork-Provinzroman, vollgesogen mit Gegenwart, Familiengeschichten, Wendezeit und Vergangenheit, voller Dialoge, die das Groteske streifen, und einer Füchsin, die auf Eierjagd geht. Der Chor, das anonyme „Wir“ hält das Fest zusammen. Sein Echo klingt im Leser lange nach.
Den Stoff, den er sich hier gesucht
hat, hat Stanišić aufgesogen wie
früher die Welt seiner Herkunft
Die Stimme des „Wir“ kommt
aus dem Innern des Dorfes.
Und aus seinen beiden Seen
Im Haus der Heimat leben die Legenden, hier bleibt keine Frage offen: Saša Stanišić in der Uckermark.
Foto: Katja Sämann, Luchterhand Verlag
  
  
  
  
  
  
Saša Stanišić: Vor dem Fest. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 320 Seiten, 19,99 Euro
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"Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück." Verena Auffermann / Die Zeit