Fast eine Familie (Mängelexemplar) - Clegg, Bill
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Ein gefeierter Familienroman über die Macht des Mitgefühls, in dessen Kern die Familie steht - die, in die wir hineingeboren werden, und die, die wir selbst wählen. Am Morgen der Hochzeit ihrer Tochter geht June Reids Haus in Flammen auf und reißt ihre ganze Familie in den Tod. Nur June überlebt. Taub vor Schmerz, setzt sie sich in ihren Subaru und fährt quer durch die USA. Eine alte Postkarte ihrer Tochter führt sie in ein kleines Motel an der Westküste, das Moonstone Motel, wo sie sich unter falschem Namen einmietet. Hier, glaubt sie, wird niemand sie finden. Das amerikanische Provinznest…mehr

Produktbeschreibung
Ein gefeierter Familienroman über die Macht des Mitgefühls, in dessen Kern die Familie steht - die, in die wir hineingeboren werden, und die, die wir selbst wählen.
Am Morgen der Hochzeit ihrer Tochter geht June Reids Haus in Flammen auf und reißt ihre ganze Familie in den Tod. Nur June überlebt. Taub vor Schmerz, setzt sie sich in ihren Subaru und fährt quer durch die USA. Eine alte Postkarte ihrer Tochter führt sie in ein kleines Motel an der Westküste, das Moonstone Motel, wo sie sich unter falschem Namen einmietet. Hier, glaubt sie, wird niemand sie finden.
Das amerikanische Provinznest Wells überschlägt sich derweil vor Gerüchten. Alle sind auf die eine oder andere Art von der Tragödie betroffen, und das Kleinstadtgerede offenbart allmählich eine unheilvolle Verkettung von Familientragödien.
Während June in der dumpfen Anonymität des Motels jeden zwischenmenschlichen Kontakt meidet, spannt sich unter ihr unbemerkt ein Netz wahrer Mitmenschlichkeit - es könnte sie auffangen und zurück ins Leben holen.
Ein Familienroman voller Optimismus über eine unverhoffte Begegnung mit der Menschlichkeit, die uns aus den Trümmern unseres Schicksals zu reißen vermag, wenn scheinbar alle Hoffnung verloren ist.
Bill Cleggs "New York Times"-Bestseller 'Fast eine Familie' wurde hymnisch besprochen und mit einer Man-Booker-Nominierung geehrt.
  • Produktdetails
  • Verlag: (S. Fischer)
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 314
  • Erscheinungstermin: 23. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 134mm x 30mm
  • Gewicht: 409g
  • ISBN-13: 9783100023995
  • ISBN-10: 3100023994
  • Artikelnr.: 54575103
Autorenporträt
Clegg, Bill
'Fast eine Familie' ist Bill Cleggs erster Roman. Er stand auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde von der amerikanischen Presse gefeiert und für die zwei wichtigsten Literaturpreise der englischsprachigen Welt nominiert: den Man Booker Prize und den National Book Award. Bill Clegg wuchs an der Ostküste der USA auf und arbeitet heute als Literaturagent in New York City.
Rezensionen
Wie exotische Fische
im Aquarium

Bill Clegg rettet in seinem Debütroman die Familie

Der Herd in June Reids Haus in Wells, Connecticut, ist ein altmodisches Monstrum. Keines jener eleganten Retrogeräte, das sich reiche Städter in ihre Landhäuser stellen, sondern ein altes, klappriges Ding, leicht angerostet, mehrfach provisorisch geflickt. Ein gefährliches Teil also. June Reids Haus ist abgebrannt. Es hat eine Explosion gegeben. Möglicherweise war der Herd die Brandursache.

Möglicherweise aber hat auch Luke Morey, Junes mehr als zwanzig Jahre jüngerer Geliebter, aus Rache den Brand gelegt. Ist ja ohnehin eine zwielichtige Gestalt, dieser Luke. Ein Bastard, der schon wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen hat. So redet man in der Kleinstadt. Vier Todesopfer hat der Brand gefordert: Junes Tochter Lolly, deren Bräutigam Will, Junes Ex-Mann Adam. Und Luke selbst. Am nächsten Tag wollten Lolly und Will heiraten.

Nach der Katastrophe lässt June die Trümmer ihres Hauses so schnell wie möglich beseitigen, erträgt gerade noch so die Beerdigungsfeier, um sich anschließend in ihren Wagen zu setzen und zu verschwinden. Zurück lässt sie eine Gewirr aus Mutmaßungen, Gerüchten, üblen Nachreden und Schuldgefühlen.

Bill Clegg gründete zu Beginn der Nullerjahre eine erfolgreiche Literaturagentur in New York. Später erzählte er in zwei kurz aufeinander folgenden Büchern von seiner Cracksucht, von zunächst erfolgreichen Entziehungskuren und neuen Rückschlägen. „Fast eine Familie“ ist nun sein Debütroman; ein Buch, das sich liest, als sei es am Reißbrett entworfen worden, was dem Text bei allen behaupteten emotionalen Wallungen eine unfreiwillige Kühle verleiht. Ausgehend von einer privaten Katastrophe, dem Hausbrand, verfolgt Clegg zwei erzählerische Wege: Zum einen geht es um Aufklärung und darum, wie das soziale Gefüge einer Kleinstadt durch ein Unglück erschüttert werden kann. Zum anderen verfolgt Clegg die Lebenswege seiner Figuren, letztendlich mit dem Ziel, so etwas wie Heilung und Versöhnung mit sich selbst herbeizuführen.

„Fast eine Familie“ ist in einem mosaikartigen Verfahren zusammenesetzt; aus einer Vielzahl von Stimmen und Gedankenströmen, die das Geschehen aus einer jeweils subjektiven Perspektive beleuchten. Ihre Wege kreuzen sich in entscheidenden Augenblicken, und all diese Momente kulminieren letztendlich in der gewaltigen Explosion, die sämtliche Menschen auslöscht, die June liebt oder einmal geliebt hat. Da ist also zunächst einmal June selbst, Anfang 50, erfolgreiche Kunsthändlerin, die sich nach der Trennung von ihrem notorisch untreuen Mann in ihr Haus auf dem Land zurückgezogen hat. Da ist Lydia, Lukes Mutter, die ihre kurze Affäre mit einem anderen Mann dazu genutzt hat, von ihrem gewalttätigen Ehemann loszukommen und das wiederum mit dem Preis der sozialen Ächtung bezahlt. Da ist Luke, der unschuldig im Gefängnis gelandet ist, weil seine Mutter den entscheidenden Moment verpasst hat, sich als mutig zu erweisen. Und da sind auch Rebecca und Kelly, ein lesbisches Paar, das an der Westküste ein Motel führt; jenes Motel, in das June sich auf ihrer Flucht vor der Wirklichkeit über Monate hinweg zurückzieht und das wiederum auch für ihre Tochter Lolly und deren Verlobten eine ganz besondere Bedeutung hatte.

Die Szenarien greifen geradezu mechanisch präzise ineinander, und es ist eine Unart von Bill Clegg, sein Personal permanent mit Erklärungen und Selbstdeutungen zu überfrachten. Die gelungenen Figuren in diesem Roman, und die gibt es, sind diejenigen, über die wir wenig wissen, weil Clegg ihnen einen Rest an Unaufgeklärtheit über sich selbst gestattet. Im Kern ist „Fast eine Familie“ ein im amerikanischen Sinn erzkonservatives Buch, denn zu all den dysfunktionalen, gescheiterten oder gar zerrütteten Familien setzt Clegg recht grobmotorisch einen Kontrapunkt, und das ist die Familie von Will, Lollys Verlobten. Lolly, so heißt es einmal, habe Will nur ausgewählt, um dessen Familie betrachten zu können, „als würde sie die Nase an die Glaswand eines Aquariums pressen und exotischen Fischen beim Schwimmen zuschauen.“ Nur wer in den gesunden Strukturen einer Familie aufgeht, kann also auch in sich selbst gesund und lebensbereit sein.

Am Ende ist, versteht sich, alles geklärt und aufgelöst. Dass Clegg seinen immerhin für den Man Booker Prize und den National Book Award nominierten Roman in einer rührseligen Erlösungsszene aufgehen lässt, ist dann endgültig zu viel des Versöhnlichen.

CHRISTOPH SCHRÖDER

Bill Clegg: Fast eine Familie. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 316 Seiten, 22 Euro. E-Book Euro.

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

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Besprechung von 02.08.2017
Wie exotische Fische
im Aquarium
Bill Clegg rettet in seinem Debütroman die Familie
Der Herd in June Reids Haus in Wells, Connecticut, ist ein altmodisches Monstrum. Keines jener eleganten Retrogeräte, das sich reiche Städter in ihre Landhäuser stellen, sondern ein altes, klappriges Ding, leicht angerostet, mehrfach provisorisch geflickt. Ein gefährliches Teil also. June Reids Haus ist abgebrannt. Es hat eine Explosion gegeben. Möglicherweise war der Herd die Brandursache.
Möglicherweise aber hat auch Luke Morey, Junes mehr als zwanzig Jahre jüngerer Geliebter, aus Rache den Brand gelegt. Ist ja ohnehin eine zwielichtige Gestalt, dieser Luke. Ein Bastard, der schon wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen hat. So redet man in der Kleinstadt. Vier Todesopfer hat der Brand gefordert: Junes Tochter Lolly, deren Bräutigam Will, Junes Ex-Mann Adam. Und Luke selbst. Am nächsten Tag wollten Lolly und Will heiraten.
Nach der Katastrophe lässt June die Trümmer ihres Hauses so schnell wie möglich beseitigen, erträgt gerade noch so die Beerdigungsfeier, um sich anschließend in ihren Wagen zu setzen und zu verschwinden. Zurück lässt sie eine Gewirr aus Mutmaßungen, Gerüchten, üblen Nachreden und Schuldgefühlen.
Bill Clegg gründete zu Beginn der Nullerjahre eine erfolgreiche Literaturagentur in New York. Später erzählte er in zwei kurz aufeinander folgenden Büchern von seiner Cracksucht, von zunächst erfolgreichen Entziehungskuren und neuen Rückschlägen. „Fast eine Familie“ ist nun sein Debütroman; ein Buch, das sich liest, als sei es am Reißbrett entworfen worden, was dem Text bei allen behaupteten emotionalen Wallungen eine unfreiwillige Kühle verleiht. Ausgehend von einer privaten Katastrophe, dem Hausbrand, verfolgt Clegg zwei erzählerische Wege: Zum einen geht es um Aufklärung und darum, wie das soziale Gefüge einer Kleinstadt durch ein Unglück erschüttert werden kann. Zum anderen verfolgt Clegg die Lebenswege seiner Figuren, letztendlich mit dem Ziel, so etwas wie Heilung und Versöhnung mit sich selbst herbeizuführen.
„Fast eine Familie“ ist in einem mosaikartigen Verfahren zusammenesetzt; aus einer Vielzahl von Stimmen und Gedankenströmen, die das Geschehen aus einer jeweils subjektiven Perspektive beleuchten. Ihre Wege kreuzen sich in entscheidenden Augenblicken, und all diese Momente kulminieren letztendlich in der gewaltigen Explosion, die sämtliche Menschen auslöscht, die June liebt oder einmal geliebt hat. Da ist also zunächst einmal June selbst, Anfang 50, erfolgreiche Kunsthändlerin, die sich nach der Trennung von ihrem notorisch untreuen Mann in ihr Haus auf dem Land zurückgezogen hat. Da ist Lydia, Lukes Mutter, die ihre kurze Affäre mit einem anderen Mann dazu genutzt hat, von ihrem gewalttätigen Ehemann loszukommen und das wiederum mit dem Preis der sozialen Ächtung bezahlt. Da ist Luke, der unschuldig im Gefängnis gelandet ist, weil seine Mutter den entscheidenden Moment verpasst hat, sich als mutig zu erweisen. Und da sind auch Rebecca und Kelly, ein lesbisches Paar, das an der Westküste ein Motel führt; jenes Motel, in das June sich auf ihrer Flucht vor der Wirklichkeit über Monate hinweg zurückzieht und das wiederum auch für ihre Tochter Lolly und deren Verlobten eine ganz besondere Bedeutung hatte.
Die Szenarien greifen geradezu mechanisch präzise ineinander, und es ist eine Unart von Bill Clegg, sein Personal permanent mit Erklärungen und Selbstdeutungen zu überfrachten. Die gelungenen Figuren in diesem Roman, und die gibt es, sind diejenigen, über die wir wenig wissen, weil Clegg ihnen einen Rest an Unaufgeklärtheit über sich selbst gestattet. Im Kern ist „Fast eine Familie“ ein im amerikanischen Sinn erzkonservatives Buch, denn zu all den dysfunktionalen, gescheiterten oder gar zerrütteten Familien setzt Clegg recht grobmotorisch einen Kontrapunkt, und das ist die Familie von Will, Lollys Verlobten. Lolly, so heißt es einmal, habe Will nur ausgewählt, um dessen Familie betrachten zu können, „als würde sie die Nase an die Glaswand eines Aquariums pressen und exotischen Fischen beim Schwimmen zuschauen.“ Nur wer in den gesunden Strukturen einer Familie aufgeht, kann also auch in sich selbst gesund und lebensbereit sein.
Am Ende ist, versteht sich, alles geklärt und aufgelöst. Dass Clegg seinen immerhin für den Man Booker Prize und den National Book Award nominierten Roman in einer rührseligen Erlösungsszene aufgehen lässt, ist dann endgültig zu viel des Versöhnlichen.
CHRISTOPH SCHRÖDER
Bill Clegg: Fast eine Familie. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 316 Seiten, 22 Euro. E-Book Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Besprechung von 11.05.2017
Die zerstreute Familie

Der Debütroman des amerikanischen Literaturagenten Bill Clegg bietet alles, was ein Erfolg braucht - außer Stil und Erzählökonomie.

Dies ist ein Roman, der mit einer Explosion beginnt und sich dann langsam steigert. Im Weiteren lesen wir zum Beispiel von Drogensucht und Überdosis, von Krebserkrankung, Autounfall, Koma, Psychoterror, Psychiatrie, Entfremdung, Gewalt in der Ehe, Vergewaltigung, Einbruch oder Mord. Das Erstaunliche ist allerdings, wie beiläufig, fast schemenhaft, sämtliche der Katastrophen erzählt werden, kaum mehr als Randerscheinungen in einer Alltagswelt der Schrecken. Alles dreht sich hier ums Überleben, Weiterleben, Weitermachen, selbst wenn Verzweiflung und Schmerz übermächtig scheinen. Wie kann das gelingen?

Die Antwort darauf sucht und findet der Roman - ganz wie sein Titel nahelegt - in der Familie. Das "fast" der deutschen Version jedoch kündigt bereits an, dass die Verbundenheit, um die es geht, hier auf dem Prüfstand steht und immer wieder neu erfahren und erfunden werden muss. Es geht also um eine ganz besondere Art Familie, nicht eine vorfindliche, sondern eine, die wir selbst jeweils durch Anteilnahme schaffen. An einer Stelle heißt es über June, die traumatisierte Hauptfigur, die in der Eingangsexplosion sämtliche Angehörigen - Tochter, Schwiegersohn, Ex-Mann und neuen Lebenspartner - mit einem Schlag verloren hat: "Gott sei Dank hat sie jemanden, der sich um sie kümmert. Gott sei Dank hat überhaupt jemand jemanden." Wer diesen Roman lesen will, sollte sich an solcherlei Sentenzen, wie er sie reichlich bietet, gleich gewöhnen.

Das fällt zunächst gar nicht schwer. Denn hier schreibt ein versierter Autor, der sich darauf versteht, uns für seine Sache einzunehmen. In einer Kleinstadt in Connecticut, wo die New Yorker Schickeria ihre Wochenenden gern in ländlicher Beschaulichkeit verbringt, hat sich June ein neues Leben aufgebaut. Ihre Ehe ist vorüber, die Tochter auf dem College, die Galerie in London lief nicht mehr; da zieht sie sich aufs Land zurück und wagt mit einem jungen schwarzen Mann, dem vaterlosen Sohn der Kleinstadtschönheit, eine ungewöhnliche Beziehung. Alles fügt sich auf das Schönste, als zum Hochzeitstag der Tochter sogar der Ex-Mann anreist und Frieden mit dem neuen Partner schließt. Doch am Hochzeitsmorgen explodiert der alte Gasherd und reißt vier Menschen in den Tod. Statt zur Trauung finden sich die Gäste auf einer Beerdigung wieder. Die bestellten Hochzeitsblumen schmücken nun das Grab. June setzt sich daraufhin ins Auto und beginnt eine blinde Panikfahrt nach Westen; irgendwann landet sie an der Pazifikküste, in einem kleinen Motel in Washington State, wo einst die Tochter mit deren Boyfriend Glück erlebte und wo jetzt die Mutter Trauerarbeit leistet und - ganz allmählich, über Monate der Isolation und vorsichtigen Annäherung - ins Leben zurückgeholt wird: durch Anteilnahme einer fremden Frau, die, wie sich zum Schluss herausstellt, fast eine Art Familienbindung zu June hat.

Überhaupt stellt sich zum Schluss so einiges heraus, wenn wir erst einmal die vielen Puzzleteile der Geschichte, die wir hier vorfinden, richtig zusammengesetzt haben. Denn erzählt wird alles in Fragmenten, kurzen monologischen Abschnitten aus Sicht und zumeist in den Stimmen von knapp einem Dutzend der Figuren. Die Nachbarin, die Blumenhändlerin, der Gärtnerjunge, die Kleinstadtschönheit, die beiden Betreiberinnen des Motels, der Schwiegervater und etliche andere: alle geben sie Beobachtungen und Erinnerungen des Geschehens kund, ein Quodlibet aus Einzelstimmen, die sich erst nach und nach zu einem Chor zusammenfügen. Daraus entsteht ein starker Sog bei der Lektüre, dass wir so vielen Stimmen zuhören, so vielen Lebensfäden folgen und Ereignisketten nachspüren, lange ohne überhaupt zu wissen, wo und wie sie sich verknüpfen.

Daraus entsteht aber zugleich das Problem. Der Puzzle-Effekt fordert ständig Spannungselemente, und die Spannung fordert ständig neue Dramen. So kommt es zu der Anhäufung von Katastrophen, Schicksalsschlägen, großen, größeren und riesengroßen Trauerfällen, die alle irgendwie fatal zusammenhängen müssen und letztlich doch - der Verdacht drängt sich zunehmend auf - vor allem dem Montagemechanismus eines Pageturners folgen. Keinem Erzähler darf man sein Kalkül vorwerfen.

Aber man darf sich fragen, warum er seine Geschichte so vielen verschiedenen Erzählfiguren überträgt, wenn sie doch alle gleich klingen; warum er uns mit so vielen schönen Ausschweifungen verführt, wenn er sie am Schluss doch alle so brachial wie sentimental zusammenbringen will; und warum er seine scharfen kleinen Alltagsszenen, die zu den stärksten Erzählmomenten zählen, ständig mit Platitüden und Indianerweisheiten ("Alles ist so zerbrechlich, und nichts ist von Dauer", "Der Zauber der Welt schleicht sich heimlich an und setzt sich neben dich, wenn du gerade nicht hinschaust", "Und die Geschichten werden sich verändern, das Kanu verwandelt sich in ein Kopfbrett und die Familie in Meerjungfrauen, und die Zimmer werden zu Villen") umrahmen muss.

Bill Clegg, Jahrgang 1970, ist seit Jahren in New York als profilierter Literaturagent tätig sowie als Verfasser zweier sehr erfolgreicher Memoirenbände über Drogensucht und ihre Überwindung bekanntgeworden. Sein Debütroman, der es im Jahr 2015 auf Anhieb zum Bestseller und zu Nominierungen für wichtige Buchpreise gebracht hat, zeigt vor allem: Er weiß, wie man eine Geschichte gut verkauft.

TOBIAS DÖRING

Bill Clegg: "Fast eine Familie". Roman.

Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel.

S. Fischer Verlag,

Frankfurt am Main 2017. 316 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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'Fast eine Familie' erzählt die bewegende Geschichte in melancholischem Ton. Stern 20170302