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Benutzername: Buchdoktor
Wohnort: Deutschland
Über mich: Romane, Krimis, Fantasy und Sachbücher zu sozialen und pädagogischen Tehmen interessieren mich.
Danksagungen: 21 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 602 Bewertungen
Bewertung vom 30.07.2018
Weit weg von Verona
Gardam, Jane

Weit weg von Verona


ausgezeichnet

Jessica Vye ist 13 Jahre alt und weiß immer, was andere Menschen denken. Zusammen mit ihrer entwaffnenden Direktheit ist das eine gefährliche Kombination. Doch wer Jessicas reichlich schlagfertigen Vater erlebt, wundert sich über nichts; bei den Vyes fällt der Apfel offensichtlich nicht weit vom Stamm. Als die Schülerin 9 Jahre alt ist, hält kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in ihrer Schule ein Schriftsteller namens Hanger einen Vortrag darüber, wie man Autor wird. „Wir alle lieben ihre Bücher“, säuselt die Direktorin, obwohl niemand zuvor von dem Mann gehört hat. Jessica fragt sich, ob ihre Lehrerinnen überhaupt lesen können. Vom Schreiben scheinen sie zumindest keine Ahnung zu haben. Sie hat schon immer geschrieben und für sie öffnet sich mit Hangers Besuch ein Fenster zu einer anderen Welt. Mr Hanger schickt Jessica jedenfalls all ihre Texte zurück, die sie ihm am Bahnhof noch schnell in die Hand gedrückt hatte, und ermuntert sie zum Schreiben.

Als Jessica über ein Ferienerlebnis einen 47 Seiten langen Aufsatz vorlegt, erklärt ihr ihre Lehrerin Mrs Dobbs, sie hätte selbstverliebt einen belanglosen, törichten Text abgeliefert. Eine Schülerin darf offenbar im Aufsatz nichts schreiben, was die Fantasie ihrer Lehrerin übersteigt. Die Auswirkungen des Krieges nehmen die inzwischen 13-jährigen Schülerinnen gleichmütig hin. Auf dem Schulweg haben sie ihre Gasmaske stets dabei und verbringen so manche Nacht im Luftschutzbunker. Nerviger scheint für sie der Terror durch unbequeme Kleider zu sein und der Versuch, die Mädels selbst unter extremen Bedingungen zu echten Ladies zu erziehen. Die Vyes ziehen aus London fort, damit Vater Vye zukünftig als Hilfsgeistlicher arbeiten kann. Erst durch den Ortswechsel erfährt Jessica, dass ihr Vater für seine Artikel im New Statesman bekannt ist und mit dem Kommunismus sympathisiert.

Aus Jessicas Blickwinkel beschreibt Jane Gardam in ihrem bereits 1971 erschienen Coming-of-Age-Roman pointiert das Wesen von Pubertät unter erschwerten Bedingungen mitten im Krieg. Einige Mädchen bleiben ein wenig länger 12 Jahre alt als andere und genau dafür scheint ihre Schulklasse eingerichtet zu sein. Durch die Begegnung mit dem „wundervollen Jungen“ Christian, der schon jetzt wie ein Schriftsteller aussieht, erhält Jessica eine Andeutung, wie es sein könnte, auch die Schwelle zu folgenden Lebensjahren zu überschreiten. Vielleicht ist erst der 14. Geburtstag für eine angehende Autorin entscheidend. Danach darf sie endlich auch offiziell den Bestand für Erwachsene in der Bücherei ausleihen. Neben der keimenden Autorenkarriere ihrer Protagonistin skizziert Jane Gardam so auch meisterhaft den Beginn einer Leserinnenbiografie. Eine hinreißende Icherzählerin, deren Erlebnisse für mich gern noch knapper geschildert sein dürften.

Bewertung vom 30.07.2018
Alligatoren
Spera, Deb

Alligatoren


ausgezeichnet

G e r t r u d e stand im Sumpf irgendwo bei Branchville/Alabama einem riesigen Alligator-Weibchen gegenüber, das seine Jungen verteidigte. Auch Gertrude hätte ihre Töchter beschützen müssen, doch durch die Wirtschaftskrise zu Beginn des vorigen Jahrhunderts und den Alkoholismus von Vater Alvin steht die Familie P a r d e e kurz vor dem Verhungern. Gertrude kann seit ihrer Kindheit mit Waffen umgehen – und sie schießt. Zwei ihrer Töchter hat sie bereits bei ihrem Bruder gelassen, der aber niemanden mit durchfüttern kann. Bruder Berns hat Fäden geknüpft für Gertrude, sie könnte Arbeit in einer Näherei finden und in das bescheidene Arbeiterhäuschen ihrer verstorbenen Vorgängerin an der Nähmaschine ziehen. Doch in den Häuschen von Shag Rag haben bisher immer nur Schwarze gelebt …

Die Näherei gehört zur Plantage der Familie Coles, die durch eine wiederkehrende Baumwollkäferplage kurz vor der Pleite steht. A n n i e C o l e s hat eigenes Vermögen, das sie laut Erb-Vertrag nur ihren Kindern vererben darf, nicht ihrem Mann. Edwin Coles müsste offiziell einen Kredit bei seiner Frau aufnehmen, um seine Plantage zu retten – in den 20ern, in den amerikanischen Südstaaten!! Die Töchter des Paares haben sich bereits vor Jahren von ihren Eltern losgesagt, und die Söhne entwickelten sich anders, als Edwin Cole es gern hätte.

Gute Seele im Haus der Coles ist das schwarze Hausmädchen R e t t a (Oretta) B o o t l e s, die kocht, organisiert, Annie Geburtshilfe bei der Geburt ihrer Kinder leistet und die Kinder der Herrschaften praktisch aufgezogen hat. Die Plantagenbesitzer können sich drauf verlassen, dass sie im hohen Alter vom schwarzen Personal gepflegt werden. Umgekehrt funktioniert die Vereinbarung allerdings nicht. Falls Retta im Alter schwächer würde oder Pflege bräuchte, muss sie damit rechnen, vor die Tür gesetzt zu werden – selbst wenn der Hausherr nur vom Vermögen seiner Frau leben würde. Und dann muss es im Haushalt der Coles noch eine Person mit zu ungesundem Interesse an kleinen Kindern geben.

Wie Edwin die Plantage auf Tabakanbau umzustellen versucht, wie Sohn Lonnie aus der ehemaligen Näherei für Futtersäcke ein erfolgreiches Modeatelier macht – und wie die kinderlose Retta plötzlich für einen Schock kleiner Mädchen zu sorgen hat, das lässt Deb Spera in drei deutlich unterscheidbaren Stimmen von drei Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten erzählen. Als liebenswerte Nebenfiguren tauchen der Hausarzt der Familie auf und Mrs Walker, deren Platz an der Nähmaschine die Pardees vor dem Verhungern retten könnte.

Die Perspektiven weißer Plantagenbesitzer, verarmter Weißer und des schwarzen Dienstpersonals (dessen Eltern oft noch Sklaven waren) vermittelt die Autorin glaubwürdig und mit einer Fülle an Details. Retta beim Organisieren des großen Haushalts und ihrer Beziehung zu ihrem geliebten Odell bin ich mit großer Anteilnahme gefolgt.

Deb Spra hatte beim Schreiben ihres üppigen Südstaaten-Dramas die Figur ihrer Großmutter und deren Geschichten aus den Südstaaten im Hinterkopf. Sie siedelt die Handlung u. a. in einer real existierenden Arbeitersiedlung an und lässt mit Clelia McGowan eine bekannte Sufragette auftreten. All ihre Figuren haben einen Strauß an biblischen Plagen zu erleiden: Feuer, Wasser, Todesfälle, die von Singvögeln vorher angekündigt werden, Seuchen, Schlangen, rauflustige Alligatoren, Stechmücken, und nicht zuletzt gewalttätige Ehemänner. Der Erzählton balanciert oft haarscharf am Pathos vorbei, durch die Ichperspektive der drei Frauen kommt man als Leser jedoch schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Bewertung vom 16.07.2018
Der Sprengmeister
Mankell, Henning

Der Sprengmeister


ausgezeichnet

Für den schwedischen Eisenbahnbau sollten 1911 drei Tunnel freigesprengt werden. Als eine der Sprengladungen nicht explodiert, ist derjenige aus der Sprengmeistergruppe für die Entfernung verantwortlich, der sie angebracht hat. Die Ladung explodiert direkt vor Oskar Johansson, verletzt ihn schwer, unvorstellbar schwer. Die Zeitung schreibt, er wäre bei dem Unglück getötet worden; Oskar kämpft monatelang im Krankenhaus um sein Leben und gegen die Schmerzen. Seine schwangere Verlobte verlässt ihn, nachdem sie ihn angesehen hat.

In der Gegenwart verbringt Oskar seine Sommer auf einer winzigen, namenlosen Schäreninsel; legt Netze aus für Barsche und Flundern. An manchen Tagen kommt Oskars ebenso wortkarger Bruder zu Besuch auf die Insel oder er tratscht ein wenig mit dem Briefträger. Der Briefträger, der mit dem Boot kommt und für viele alte Schärenbewohner der einzige Kontakt ist, wird sehr viel später wieder in Mankells Romanen auftauchen. Auf der Insel besucht den alten Mann ein jüngerer Icherzähler, der geduldig wartet, was Oskar aus seinem Leben berichtet. Die Explosion damals verdichtet Oskar auf drei Sätze. Doch ein Satz von Oskar kann eine ganze Geschichte erzählen. Nicht auf jede Frage will er antworten, an manches erinnert er sich nicht genau; der Zuhörer hat sich auf Oskars eigenes Tempo einzustellen.

Oskar war als Kind durchschnittlich, wollte nie etwas anderes sein. Obwohl Oskar eine wichtige, angesehene Arbeit leistete, hat er sich als Arbeiter stets vom Bürgertum verachtet gefühlt. Eine Schlüsselszene macht die Herablassung der Herren gegenüber ihren Arbeitern und Dienstmädchen deutlich. Die Arbeiterfrage hatte Oskar schon als Jugendlichen interessiert und er wird sich sein Leben lang fragen, warum Veränderungen so schwer in Gang zu setzen sind. Aber wenn ein Mann nach dem Tod seiner Frau deren Blumen regelmäßig weiter gießt, stellt sich die Frage, ob er wirklich wie alle anderen ist – und nicht doch etwas Besonderes.

Als „Der Sprengmeister“ 1973 erscheint, ist sein Autor erst 25 Jahre alt und sich sehr bewusst, dass dieser Roman seine Visitenkarte für den Literaturmarkt sein wird. Dass Mankell in diesem Alter bereits einen Rückblick auf das ganze Leben einer Romanfigur verfasst und wie er es tut – das finde ich unbedingt lesenswert. Leser von Robert Seethaler sollten hier zugreifen.

Bewertung vom 07.07.2018
Hyde
Wagner, Antje

Hyde


ausgezeichnet

Katrina ist als frisch freigesprochene Tischlergesellin auf der Walz und hat sich den Regeln ihrer Zunft zu unterwerfen. Unterkunft und Verpflegung muss sie sich unterwegs erarbeiten und sie darf ihre Heimatgemeinde während dieser Zeit nicht betreten. Katrinas Gedanken wandern in Rückblenden in ihre frühe Kindheit, die sie mit Vater und Schwester Zoe in „Hyde“ verbrachte, gelegen in einem abgelegenen Waldstück. Etwas Grauenhaftes muss inzwischen passiert sein. Abweichend von der Zunftordnung will Katrina unbedingt Geld verdienen, das sie für einen geplanten Rachefeldzug benötigt. Gleich mehrere spannende Fragen stellen sich: Was ist mit Katrina geschehen, wo ist ihre Schwester, was genau ist Hyde (eine Gegend, ein Haus oder eine Lebenseinstellung?) und - in welche Reihenfolge gehören die Schnipsel ihrer Erinnerungen? Noch spannender wirkt die Handlung, indem Wagner nicht allein ihre Hauptfigur beschreibt, sondern andere auf Katrina reagieren lässt. - Zoe und Katrina wurden offenbar, tief in einem Wald hinter Brombeergestrüpp verborgen, auf hohem Niveau unterrichtet und gleichzeitig für ein Leben außerhalb des Waldes vorbereitet. Zoe wusste alles über Pflanzen und was sich aus Pflanzenauszügen herstellen lässt und Katrina wusste alles über Holz. Dass die Mädchen sich in große Gefahr bringen, wenn sie von der eingepaukten Routine abweichen, ist von Anfang an spürbar und lässt mich rätseln, wer sie so diszipliniert trainiert und warum. Gründe, um mit Kindern unterzutauchen, fallen mir viele ein; auch Eltern, die mit ihren Kindern autark leben wollen, hat es schon immer gegeben. Katrina wiederum ist überzeugt davon, dass der Mann, der sie derart sorgfältig über das Leben und die Natur unterrichtete, nicht der sein kann, den all ihre Kontaktpersonen in ihm sehen. - Nach einigen Umwegen landet Katrina im märchenhaften „Haus Waldkauz“ mit Türmchen und dem Charme abblätternder Emaille, für das ein Hausmeister gesucht wird. Offenbar hat es bisher kein Bewohner darin so lange ausgehalten, dass die notwendige Renovierung endlich in Angriff genommen werden konnte. Katrina als Handwerkerin scheint die passende Person für diese Aufgabe zu sein und wird von der Gemeinde eingestellt, der Eigentümerin des Hauses. Da Katrina deutlich Probleme mit ihrem schwächeren Bein hat und ihr Gesicht sorgfältig unter einem Tuch verbirgt, kann ich sie mir anfangs noch nicht frei stehend bei der Arbeit auf einem Ziegeldach vorstellen. Mitten im unwirtlichsten Winter plant sie die dringendsten Arbeiten und beginnt zu ahnen, dass das Haus wie ein Lebewesen agiert und mit einigen Geheimnissen aufwartet. Wie Katrina einen Schrank liebevoll restauriert und der Schrank darauf sichtlich antwortet, war eine der eindringlichsten Szenen für mich. Zugleich lässt Katrina die Suche nach ihrer Vergangenheit und dem Nachlass ihres Vaters nicht los, den er in Hyde für sie vergraben hat. - Von schlauen, handwerklich versierten Figuren wie Katrina hätte ich als 14-Jährige gern gelesen, allerdings hätte ich in dem Alter noch kein Interesse an den fantastischen Elementen des Romans gehabt. Als erwachsene Leserin hat der Roman mich kritisch fragen lassen, warum ich die Personen so einschätze, wie ich es tue - das tut mir immer gut. - Antje Wagner erzeugt mit einer Zuflucht hinter Brombeerranken und einem verwunschenen „sprechenden“ Haus eine unheimliche Atmosphäre, die mich sofort gepackt hat. Zahlreiche Handlungsabschnitte müssen von den Lesern erst zu einem neuen Faden verdrillt werden, ehe ein logisches Bild der Geschehnisse entstehen kann. Wer sich auf die reiche Symbolik des Romans einlassen kann, erfährt eine neue Sicht auf Erinnerungen contra Wahrheit, auf Elternschaft, Verletzungen, Therapie und auf Türen, die sich im Leben öffnen können. Das Lektorat bekommt leider nur ein Befriedigend, weil ein für die Auflösung wichtiger technischer Ablauf nicht ausreichend recherchiert wurde. - Empfehlen würde ich Hyde Lesern ab 16, die eine Prise Mystery vertragen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 21.05.2018
Das Mädchen, das in der Metro las
Féret-Fleury, Christine

Das Mädchen, das in der Metro las


sehr gut

Wer jeden Tag um die gleiche Zeit mit der Bahn fährt, kennt seine Mitfahrer und sorgt sich, wenn an einem Tag ein gewohntes Gesicht fehlt. Juliette erträumt sich in der Metro auf dem Weg zur Arbeit in einem Maklerbüro ganze Geschichten zu ihren Mitfahrern und den Büchern, die sie lesen. Vom Kochbuch bis zum Nackenbeißer, die Auswahl der Bücher ist riesig, die Juliettes Mitfahrer lesen. Die junge Frau wollt einen Beruf mit Kontakten zu anderen Menschen – und landete in einem Maklerbüro. Als Juliette eines Tages an einer anderen Haltestelle aussteigt, landet sie hinter einem metallenen Tor bei Solimans „Bücher ohne Grenzen“, in einer märchenhaften Welt. Soliman sendet aus seinem Bücherlager Kuriere in die Welt, die ähnlich wie bei Bookcrossing Bücher bei sorgfältig ausgewählten Empfängern aussetzen. Für Juliette ist es zunächst ein Schock, als sie hier erfährt, dass die Frau tot ist, die neben ihr in der Metro ein Kochbuch gelesen hatte.

Juliette, deren Großvater Buchhändler gewesen ist, wird durch diese Begegnung zur Geschichtenerzählerin. Sie dekoriert eine an sich heruntergekommene Wohnung so geschickt mit einem Buch, dass sich statt einer Wohnung ein Traum verkaufen lässt, der die Käufer dieser Wohnung glücklich machen könnte. Juliette ist mit diesem Erfolg zu Solimans Kurierin geworden, die mögliche Leser wie eine Beute umkreist und einfängt. Doch außerhalb des Bücherlagers hat sich die Welt nicht verändert, einigen Menschen scheint Juliette verdächtig. Wer würde schließlich anderen Leuten etwas schenken? Als Soliman Juliette bittet, ihn in seinem Laden zu vertreten, kehrt die schnöde Welt von außerhalb wieder in ihr Leben zurück. Auch Solimans Tochter Zaide muss betreut werden, die bei Juliettes erster Begegnung mit Solimans Welt noch behauptet hatte, dass für sie die Schule gerade wegen Masern ausfällt. Juliette erkennt, dass ihre Mutter ihr in ihrem zu übersichtlichen Leben vermutlich zu viele Steine aus dem Weg geräumt hat, weil Mütter in ihrer Schicht das so taten. Doch wenn jetzt Bücher für Juliette entscheiden, weiß sie noch lange nicht, was sie selbst vom Leben will. Sie erkennt jedoch, dass alle Menschen Ermutigung brauchen, und dass sie selbst noch längst nicht so instinktsicher erfasst wie Soliman, welches Buch zu einer Person passen wird.

Durch die Begegnung mit Solimans Bücherwelt und mit einem Mitfahrer aus der Metro taucht Juliette aus einem berechenbaren Leben in eine Märchenwelt ein. Viele Fragen bleiben in dieser Geschichte für mich offen. Wie kam Soliman nach Paris, wovor hat er in seinem Bücherlager Schutz gesucht und wovon lebte er? Wer in der Bahn gern den Kopf nach den Buchtiteln anderer Fahrgäste verrenkt, wird wissen wollen, mit welchen Büchern Juliette ihre Mitmenschen glücklich machen will. Vermutlich wird der märchenhafte Handlungsverlauf jedoch nicht allen Lesern gefallen …

Bewertung vom 30.03.2018
Das Eis
Paull, Laline

Das Eis


ausgezeichnet

Der Schiffsverkehr um Spitzbergen herum ist exakt geregelt, im Midgard-Fjord ist nur der Verkehr zur exklusiven Midgard-Lodge erlaubt. Da die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes Vanir darauf beharren, sie hätten mit ihrer Reise auch für die Sichtung eines Eisbären bezahlt, fährt die Vanir verbotenerweise in den Ffjord ein. Das hätte sie besser unterlassen; denn vor den Augen der Passagiere bricht mit einem in der Arktis noch nie beobachteten Getöse die Gletscherkappe ab und gibt im Eis eine Leiche frei. Ein so gewaltiges synchrones Kalben von Gletschern hat es bis dahin noch nie gegeben. Vor vier Jahren war an dieser Stelle Tom Harding, ein renommierter Umweltaktivist, beim Einsturz einer Eishöhle verschüttet worden. Gemeinsam mit seinem alten Freund Sean gehörte Tom zum Konsortium, das die Luxus-Lodge betreibt. Ohne Toms Ruf als Aktivist hätte das ehrgeizige Konsortium unter Leitung von Joe Kingsmith niemals die alte Walfangstation aus Privatbesitz kaufen können. Da das Sommereis in der Arktis durch den Klimawandel inzwischen erheblich geringer ausfällt, wachsen die Begehrlichkeiten: eine Transpolarroute für den Schiffsverkehr scheint realistisch, der Abbau von Bodenschätzen und nicht zuletzt Radarstationen, mit denen Ost und West sich gegenseitig abhören können. - Von der Seeseite aus sieht die Lodge noch immer wie eine in die Jahre gekommen Walfangstation aus, nur dem geübten Auge zeigt sich die Luxusherberge dahinter. Vier Jahre nach dem Unglück in der Eishöhle soll nun in Cambridge eine Anhörung zu Toms Tod klären, warum Sean überlebte und ob er Tom hätte retten können. Der gesamte Vorstand der Midgard-Lodge war damals zu einer Höhlentour unterwegs, Joe Kingsmith und zwei weitere Mitglieder kehrten bald wieder zum Eingang der Höhle zurück und nur Tom und Sean wurden von den einbrechenden Eismassen mitgerissen. Dem Gericht stellt sich nun die Frage, ob von Toms Tod jemand profitiert hätte und wie genau die Beziehung zwischen dem Betreiber-Gremium aussah. Nicht nur Sean ist noch immer sichtlich von den Ereignissen in der Höhle gezeichnet. Tom und Sean kannten sich seit ihrer Studentenzeit, als sie sich in der „Gesellschaft der verschollenen Polarforscher“ kennenlernten. Seit Sean sich als Kind die Geschichte erträumt hatte, sein unbekannter Vater wäre nach einem Schiffbruch verschollen, trieb ihn ein unbändiger Aufstiegswille voran. Er wollte beachtet werden und reich sein. Die Erhebung in den Ritterstand wäre seiner Ansicht nach das Mindeste, das er von der britischen Gesellschaft erwarten könnte. Mit der Anhörung in Oxford sticht das Gericht mitten in ein Wespennest und legt die Bitterkeit offen zwischen Menschen, die sich einmal nahestanden. Sean, seine erste Frau Gail, Tom und die Biologin Ruth haben einmal gemeinsam studiert. Nun stehen sich der Mentor des Midgard-Unternehmens und drei der vier Studienfreunde als Zeugen vor Gericht gegenüber; ihre Träume, privaten Schwächen und geschäftlichen Interessen werden bis ins Kleinste seziert. - Indem Laline Paull die Anhörung zum Tod von Tom Harding im Jahr 2019 stattfinden lässt, entwickelt sich ihr fesselnder Roman nach der zunächst angedeuteten Krimihandlung zum utopischen Ökothriller. Neben der unseligen Verknüpfung der handelnden Personen fand ich die Nähe ihrer Utopie zur unmittelbaren Gegenwart besonders beklemmend. Gefesselt haben mich die Charakterisierung der Figuren, die leichte Ironie der Schilderungen und die Landschaftsbeschreibungen. Eingeschobene Tagebuchaufzeichnungen von Polarforschern (nüchtern, tragikomisch und entlarvend) verdeutlichen, warum die Arktis für Generationen von Forschern Sehnsuchtsort war, welche Typen das Abenteuer anzog, aber auch die Gier, die Expeditionen aus vielen Ländern in den hohen Norden zog. Die zahlreichen Rückblenden in die Zeit vor 30 Jahren hätten optisch deutlicher von der Handlung der Gegenwart getrennt werden können. - Eine raffinierte Verknüpfung von Abenteuer in Schnee und Eis, Profitgier und Leidenschaft.

Bewertung vom 19.03.2018
Summ, wenn du das Lied nicht kennst
Marais, Bianca

Summ, wenn du das Lied nicht kennst


sehr gut

Die 9-jährige Robin Conrad lebt in der südafrikanischen Bergarbeitersiedlung Boksburg; ihr Vater arbeitet als weißer Vorarbeiter in einer Goldmine. Wie alle weißen Kinder im Südafrika der Apartheid kennt Robin Schwarze nur als Hauspersonal, das in eigenen Quartieren im Garten der Wohnhäuser oder in Townships außerhalb der Städte lebt. Wenn ihr Kindermädchen Mabel in Abwesenheit der Eltern spätabends bei Robin bleibt, ist es selbstverständlich, dass Mabel auf dem Fussboden schläft. Am Tag des Schüleraufstands von Soweto werden Robins Eltern getötet und sie kommt zu ihrer kinderlosen Tante Edith, die mitten in Johannesburg in einem Hochhaus lebt. An diesem 16. Juni 1976 ist Beauty Mbali nach langer Reise aus dem schwarzen Homeland Transkei in Johannesburg angelangt, auf der Suche nach ihrer Tochter Nomsa, die in der Stadt zur Schule geht. Beauty gerät mitten in den Aufstand, der von Polizei und Militär mit brachialer Gewalt gegen die protestierenden Kinder niedergeschlagen wird. - Bianca Marais erzählt in der Ichform abwechselnd aus Robins und aus Beautys Sicht. Da die Ursachen für den Schüleraufstand von 1976 nicht in drei Sätzen erklärbar sind, hat mich die Autorin sofort für ihr Buch eingenommen, indem sie begreifbar macht, dass die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache in der Oberstufe schwarze Schüler benachteiligen wird. Robin erlebt als Kind bereits sehr eindringlich, dass ihr Englisch leichter fällt und sie sich von der Afrikaans sprechenden Minderheit herablassend behandelt fühlt. - Weil Edith so schnell keinen anderen Job findet, muss sie weiter als Stewardess arbeiten und braucht eine Betreuerin für Robin. Durch einen glücklichen Zufall wird ihr Beauty vermittelt, die für eine schwarze Frau ungewöhnlich gebildet ist – und bitte nicht wie eine „Maid“ behandelt werden sollte, wie Edith Robin eindringlich klarmacht. Die beiden Frauen und Robin bilden von nun an eine Notgemeinschaft. Edith kann unbesorgt arbeiten; Beauty erhält Arbeitspapiere, ohne die sie sich nicht außerhalb der Transkei aufhalten dürfte - und nicht weiter nach Nomsa suchen könnte. Aus einem konspirativen Netz von Apartheids-Gegnern erhält Beauty die Information, dass Nomsa evtl. über die Grenze in ein Nachbarland gebracht worden sein könnte, dass sie sich jedoch mit höchst gefährlichen Leuten eingelassen hat. - Beauty und Robin müssen sich zunächst zusammenraufen. Robin war ein wildes, abenteuerlustiges Kind, ehe sie zu Edith kam, das seine kindlichen Ängste im Gespräch mit einer imaginären Schwester bewältigte. Beauty s Geduld stellt Robin anfangs auf eine harte Probe, sie gehorcht nicht, schnüffelt Beauty nach, zutiefst verunsichert, ob ihre Betreuerin sie wegen Nomsa wieder mit der chaotischen Edith allein lassen könnte. Die ausgedachte Cat wird von Beauty sofort akzeptiert und spielt fortan eine wichtige Rolle in der Bewältigung von Robins Trauer um ihre Eltern und um ihr Kindermädchen Mabel, von dem sie sich im Stich gelassen fühlt. Robin ist mit glasklaren rassistischen Werten von der Überlegenheit der Weißen aufgewachsen, die sie anfangs so nachplappert, wie sie sie von anderen gehört hat. Erst durch die Begegnung mit Beauty stellt sie die Weisheit infrage, es gäbe keine schwarzen Lehrerinnen, aber auch das Gesetz der Apartheid, dass schwarzes Personal nicht in der Wohnung des Arbeitgebers zu schlafen hat. Beautys Suche nach Nomsa nimmt durch Robins Eingreifen schließlich die Form einer gefährlichen, nicht immer realistischen Abenteuergeschichte an, zu der einige sehr positiv dargestellte Helfer beitragen. - Bianca Marais Roman soll ihrem eigenem Kindermädchen Eunice ein Denkmal setzen. Die Darstellung des Alltags in einem rassistischen Staat aus der Sicht einer bis dahin behütet aufgewachsenen Neunjährigen finde ich außerordentlich gelungen. Leider schlägt die Autorin mit ihrem Vorsatz zu stark über die Stränge, ihren Lesern möglichst viel über das Südafrika der 70er Jahre zu vermitteln. Dass sie neben dem Schüleraufstand

Bewertung vom 13.03.2018
Für immer ist die längste Zeit
Fabiaschi, Abby

Für immer ist die längste Zeit


weniger gut

Madeleine Starling ist vom Dach der Bibliothek in den Tod gestürzt. Wie es dazu kommen konnte, wird erst am Ende des Romans aufgedeckt. Sie hinterlässt Ehemann Brady, der seine Hilfe im Haushalt irgendwann einstellte, weil er es seiner Frau nie recht machen konnte, und die 17-jährige Eve, die zum Beginn des nächsten Schuljahres an ein auswärtiges College wechseln wird. Hilflose Trost-Versuche der mit ihnen trauernden Nachbarn und Freunde bringen Eve in Rage; jedes Lob für ihre selbstlose Mutter interpretiert sie als Kritik am eigenen Egoismus – und dem ihres Vaters. Vater und Tochter machen sich Vorwürfe, weil sie zu Maddys Lebzeiten ihre Bemutterung selbstverständlich hinnahmen und ihr niemals dankten. Während Mann und Tochter Maddys plötzlichen Tod zu verarbeiten suchen, kann Maddy selbst ihre Familie nicht loslassen. Auf einer Wolke schwebend, versucht sie die Wege ihrer Lieben von dort oben herab zu lenken. Engel können das, als hätten sie einen Zauberstab. Dass es am Boden nicht ohne sie geht, scheint Maddy sogar mit Befriedigung zu erfüllen. Brady braucht möglichst bald eine neue Frau, beschließt sie; denn allein würde er hilflos dem Schlachtfeld gegenüber stehen, in das er das Haus innerhalb kürzester Zeit verwandelt. Mit Blick auf ihre College-Bewerbung nimmt Eve Nachhilfe bei Rory, einer Lehrerin in den besten Jahren, die Maddy von ihrer Wolke herab zu Bradys neuer Frau bestimmt hat. Selbst die Sozialstunden, zu denen Eve nach einem leichtsinnigen Autounfall verknackt wird, erweisen sich als Segen für sie.

Maddys Tagebuch, das Eve vom Vater kontrolliert in winzigen Abschnitten lesen darf, könnte das Rätsel um ihren Tod lösen. Da Maddy auf eine Familiengeschichte mit Alkoholismus und Depressionen zurückblickt, könnte auch sie an Depressionen gelitten haben. - Beim Umgang mit dem Thema Depression hätte Abby Fabiaschi größeres Fingerspitzengefühl zeigen können. Ob jemand an Depressionen leiden darf, ist keine Ermessenssache Außenstehender. Zu absurden Beiträgen von Romanfiguren zum Thema Depression wünsche ich mir auch in einem fiktiven Text Widerspruch. - Überrumpelt vom Zusammenleben mit einer 17-Jährigen, die er bisher kaum wahrnahm, hat Brady leider wenig mehr zu bieten, als Eve autoritär abzukanzeln.
Erzählt wird Abby Fabiaschis in den USA überaus populärer Roman in Ichform von den drei Starlings, ergänzt von Maddys Tagebuch-Auszügen. Anfangs wirkten die drei Stimmen authentisch und lassen hoffen auf die Aufklärung der Todesumstände. Wie Maddy ihr Leben und ihren frühen Tod hinnimmt, ohne Versäumtes zu bereuen, konnte mich nicht überzeugen. Die Starlings, beide Mitte der 60er Jahre geboren, lebten konventionelle Rollenmuster vom Alleinverdiener und seiner treu sorgenden Ehefrau. Für die Zeit, wenn Eve den ganzen Tag in der Schule sein würde, hatte Maddy offenbar keine Ziele außer ehrenamtlich in der Bibliothek zu arbeiten. In dieser Generation? Ernsthaft?

Fabiaschis Erstling kommt mit der unübersehbaren Botschaft: Lebe heute und sprich mit deinen Mitmenschen, solange du es noch kannst. Vater und Tochter bereuen zwar ihr Verhalten gegenüber der Verstorbenen, entwickeln sich im Laufe der Handlung jedoch nur geringfügig weiter. Bücher mit Engeln, die auf Wolken schweben, gehören sonst nicht in mein Beuteschema. Hinter einem luftig leichten Buchcover in Lack-Optik entwickelt sich eine Handlung, die nicht einmal andeutungsweise an Klischees kratzt und mir aus der Innenansicht zu wenig über die Personen vermitteln kann. Besonders bei Eve finde ich das ärgerlich.

Bewertung vom 13.03.2018
Der Zopf
Colombani, Laetitia

Der Zopf


ausgezeichnet

Smita aus Badlapur/Indien will unbedingt, dass ihre Tochter Lalita es einmal besser hat und zur Schule gehen kann. Die Familie gehört zur Kaste der Unberührbaren. Sie sind rechtlos und werden für ehrliche Arbeit mit Almosen abgespeist. So steckt der Lehrer das Bestechungsgeld von Smita ein, nur um Lalita bei der ersten Gelegenheit das Klassenzimmer kehren zu lassen. Doch Smita setzt sich mit unerwarteter Härte durch, um für ihre Tochter den Schulbesuch zu erkämpfen.

Guilia aus Sizilien wächst in einer Perückenmanufaktur auf und ist plötzlich mit der Verantwortung für die Firma konfrontiert. Ihre Begegnung mit einem Sikh, der nach Italien flüchten konnte, bringt für sie und ihre Arbeiterinnen eine überraschende Wende.

Sarah aus Montreal hat bisher verdrängt, dass sie als aschkenasische Jüdin ein besonders hohes Risiko für erblich bedingte Krebserkrankungen aufweist. Als Karriere-Anwältin und allein erziehende Mutter steht Krankheit nicht auf ihrer Tagesordnung und sie beschließt, ihren Zustand so gut wie möglich zu verheimlichen. Nur keine Angriffsfläche zeigen, sonst kann sie ihre Karriere als Nachfolgerin des Seniorchefs vergessen.

Die drei Frauen aus drei verschiedenen Kulturen scheinen sich jede in einer anderen unlösbaren Situation zu befinden. Allen dreien gelingt ein erster Schritt aus einer Sackgasse ohne Ausweg. Die Frauen begegnen sich nicht und doch sind ihre Schicksale durch Smitas lange Haare, die Perückenmanufaktur und Sarahs Krebserkrankung miteinander verknüpft.

Hinter einem eleganten golddekorierten Buchcover verbergen sich drei einfache, zeitlose Geschichten, die ganz nebenbei tiefen Einblick in die unterschiedlichen Kulturen und ihre Frauenrollen geben. Mit Vaterrolle, Mutterliebe, Gottvertrauen, Flutwelle und Verantwortung bedient Laetitia Colombani mächtige Symbole, um Schicksale von gewaltiger Wucht zu erzählen. Ihre Figuren erhalten ihre Würde zurück – und das macht Columbanis Roman zu einem besonderen, ermutigenden Buch.

Bewertung vom 12.03.2018
Höllenjazz in New Orleans
Celestin, Ray

Höllenjazz in New Orleans


ausgezeichnet

In New Orleans soll im Jahr 1919 ein Axtmörder sein Unwesen treiben. Er hat nicht nur mehrere italienische Lebensmittelhändler getötet, sondern sich sogar dreist mit einer Forderung direkt an die Öffentlichkeit gewendet. Am Tatort wurden jeweils Tarotkarten gefunden; offenbar soll der Eindruck erweckt werden, dass die Taten von einem Kreolen begangen wurden. Außer Michael Talbot, dem Ermittler der Kriminalpolizei, sind weitere Personen mit dem Fall beschäftigt: Riley als Journalist der Times Picayune, die junge Ida Davis, die eine Karriere in Pinkertons Detektiv Agentur anstrebt, und natürlich der Bürgermeister einer Stadt, die in hysterische Panik vor dem Typen mit der Axt verfallen ist.

Vor 100 Jahren war New Orleans Schauplatz rasanter Veränderungen. Weil die Kampfkraft der Marine allmählich durch Syphilis unterminiert wurde, hatte vor kurzem das Kriegsministerium das Rotlichtviertel der Stadt am Mississippi komplett schließen lassen. Der wirtschaftliche Niedergang des Vergnügungsgewerbes sorgt nun gemeinsam mit der Axtmörder-Panik für einen Machtverlust des Mafia-Clans der Familie Matranga. Wenn die Matranga-Familie die Geschäftsleute der Stadt nicht mehr schützen kann, warum sollte ihnen dann weiter Schutzgeld gezahlt werden? Während man zahlreiche Kriegsheimkehrer für die Zunahme von Straftaten verantwortlich macht, werden die gewohnten Bestechungsgelder an die Polizei demnächst versiegen, wenn die Geldquellen der Matrangas nun austrocknen. Der Matranga-Clan will den Täter noch vor der Polizei finden und stellt eigene Ermittlungen an. Währenddessen geht in der Stadt eine Hurrikan-Warnung ein …

Weitere Nebenfiguren tauchen auf; weitere Verbrechensopfer sind zu beklagen. So ist Ida Davis mit dem realen Musiker Louis Armstrong (*1901) befreundet, der als Kind Musikschüler ihres Vaters war. Michael Talbots ehemaliger Gönner bei der Polizei wird wegen guter Führung aus der Haft entlassen, zu der er wegen Bestechlichkeit verurteilt war. Auch Michael selbst ist aufgrund seines Lebenswandels erpressbar.

Die geschilderten Axtmorde hat es in New Orleans wirklich gegeben. Ray Celestin zeichnet ein farbenfrohes Bild der Stadt New Orleans mit ihrer Vielfalt aus diversen Kulturen der Einwanderer. Die Stadt am Bajou war die erste in den USA, in der sich ein Mafia-Clan niederließ. Das mafiöse Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen und konspirativer Informationsbeschaffung hat mich als Leser einerseits gefesselt, die Auflösung der höchst komplizierten Fälle jedoch reichlich verzögert. Verzögerungen wiederum kosteten weitere Personen das Leben … Viel Spaß haben mir die sorgfältig recherchierten Details bereitet, von den Lebensbedingungen der verschiedenen Rassen, über die Einführung von Dienst-PKWs anstelle der Pferdefuhrwerke für die Polizei, bis zu der Frage, warum in der geschilderten Zeit die ersten Pappbecher eingeführt wurden.

Wer gern intensiv in die Geschichte einer Region eintaucht, sollte hier zugreifen. Der zweite Band ist auf Englisch bereits erschienen.