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Benutzername: Buchdoktor
Wohnort: Deutschland
Über mich: Romane, Krimis, Fantasy und Sachbücher zu sozialen und pädagogischen Tehmen interessieren mich.
Danksagungen: 21 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 598 Bewertungen
Bewertung vom 21.05.2018
Das Mädchen, das in der Metro las
Féret-Fleury, Christine

Das Mädchen, das in der Metro las


sehr gut

Wer jeden Tag um die gleiche Zeit mit der Bahn fährt, kennt seine Mitfahrer und sorgt sich, wenn an einem Tag ein gewohntes Gesicht fehlt. Juliette erträumt sich in der Metro auf dem Weg zur Arbeit in einem Maklerbüro ganze Geschichten zu ihren Mitfahrern und den Büchern, die sie lesen. Vom Kochbuch bis zum Nackenbeißer, die Auswahl der Bücher ist riesig, die Juliettes Mitfahrer lesen. Die junge Frau wollt einen Beruf mit Kontakten zu anderen Menschen – und landete in einem Maklerbüro. Als Juliette eines Tages an einer anderen Haltestelle aussteigt, landet sie hinter einem metallenen Tor bei Solimans „Bücher ohne Grenzen“, in einer märchenhaften Welt. Soliman sendet aus seinem Bücherlager Kuriere in die Welt, die ähnlich wie bei Bookcrossing Bücher bei sorgfältig ausgewählten Empfängern aussetzen. Für Juliette ist es zunächst ein Schock, als sie hier erfährt, dass die Frau tot ist, die neben ihr in der Metro ein Kochbuch gelesen hatte.

Juliette, deren Großvater Buchhändler gewesen ist, wird durch diese Begegnung zur Geschichtenerzählerin. Sie dekoriert eine an sich heruntergekommene Wohnung so geschickt mit einem Buch, dass sich statt einer Wohnung ein Traum verkaufen lässt, der die Käufer dieser Wohnung glücklich machen könnte. Juliette ist mit diesem Erfolg zu Solimans Kurierin geworden, die mögliche Leser wie eine Beute umkreist und einfängt. Doch außerhalb des Bücherlagers hat sich die Welt nicht verändert, einigen Menschen scheint Juliette verdächtig. Wer würde schließlich anderen Leuten etwas schenken? Als Soliman Juliette bittet, ihn in seinem Laden zu vertreten, kehrt die schnöde Welt von außerhalb wieder in ihr Leben zurück. Auch Solimans Tochter Zaide muss betreut werden, die bei Juliettes erster Begegnung mit Solimans Welt noch behauptet hatte, dass für sie die Schule gerade wegen Masern ausfällt. Juliette erkennt, dass ihre Mutter ihr in ihrem zu übersichtlichen Leben vermutlich zu viele Steine aus dem Weg geräumt hat, weil Mütter in ihrer Schicht das so taten. Doch wenn jetzt Bücher für Juliette entscheiden, weiß sie noch lange nicht, was sie selbst vom Leben will. Sie erkennt jedoch, dass alle Menschen Ermutigung brauchen, und dass sie selbst noch längst nicht so instinktsicher erfasst wie Soliman, welches Buch zu einer Person passen wird.

Durch die Begegnung mit Solimans Bücherwelt und mit einem Mitfahrer aus der Metro taucht Juliette aus einem berechenbaren Leben in eine Märchenwelt ein. Viele Fragen bleiben in dieser Geschichte für mich offen. Wie kam Soliman nach Paris, wovor hat er in seinem Bücherlager Schutz gesucht und wovon lebte er? Wer in der Bahn gern den Kopf nach den Buchtiteln anderer Fahrgäste verrenkt, wird wissen wollen, mit welchen Büchern Juliette ihre Mitmenschen glücklich machen will. Vermutlich wird der märchenhafte Handlungsverlauf jedoch nicht allen Lesern gefallen …

Bewertung vom 30.03.2018
Das Eis
Paull, Laline

Das Eis


ausgezeichnet

Der Schiffsverkehr um Spitzbergen herum ist exakt geregelt, im Midgard-Fjord ist nur der Verkehr zur exklusiven Midgard-Lodge erlaubt. Da die Passagiere des Luxus-Kreuzfahrtschiffes Vanir darauf beharren, sie hätten mit ihrer Reise auch für die Sichtung eines Eisbären bezahlt, fährt die Vanir verbotenerweise in den Ffjord ein. Das hätte sie besser unterlassen; denn vor den Augen der Passagiere bricht mit einem in der Arktis noch nie beobachteten Getöse die Gletscherkappe ab und gibt im Eis eine Leiche frei. Ein so gewaltiges synchrones Kalben von Gletschern hat es bis dahin noch nie gegeben. Vor vier Jahren war an dieser Stelle Tom Harding, ein renommierter Umweltaktivist, beim Einsturz einer Eishöhle verschüttet worden. Gemeinsam mit seinem alten Freund Sean gehörte Tom zum Konsortium, das die Luxus-Lodge betreibt. Ohne Toms Ruf als Aktivist hätte das ehrgeizige Konsortium unter Leitung von Joe Kingsmith niemals die alte Walfangstation aus Privatbesitz kaufen können. Da das Sommereis in der Arktis durch den Klimawandel inzwischen erheblich geringer ausfällt, wachsen die Begehrlichkeiten: eine Transpolarroute für den Schiffsverkehr scheint realistisch, der Abbau von Bodenschätzen und nicht zuletzt Radarstationen, mit denen Ost und West sich gegenseitig abhören können. - Von der Seeseite aus sieht die Lodge noch immer wie eine in die Jahre gekommen Walfangstation aus, nur dem geübten Auge zeigt sich die Luxusherberge dahinter. Vier Jahre nach dem Unglück in der Eishöhle soll nun in Cambridge eine Anhörung zu Toms Tod klären, warum Sean überlebte und ob er Tom hätte retten können. Der gesamte Vorstand der Midgard-Lodge war damals zu einer Höhlentour unterwegs, Joe Kingsmith und zwei weitere Mitglieder kehrten bald wieder zum Eingang der Höhle zurück und nur Tom und Sean wurden von den einbrechenden Eismassen mitgerissen. Dem Gericht stellt sich nun die Frage, ob von Toms Tod jemand profitiert hätte und wie genau die Beziehung zwischen dem Betreiber-Gremium aussah. Nicht nur Sean ist noch immer sichtlich von den Ereignissen in der Höhle gezeichnet. Tom und Sean kannten sich seit ihrer Studentenzeit, als sie sich in der „Gesellschaft der verschollenen Polarforscher“ kennenlernten. Seit Sean sich als Kind die Geschichte erträumt hatte, sein unbekannter Vater wäre nach einem Schiffbruch verschollen, trieb ihn ein unbändiger Aufstiegswille voran. Er wollte beachtet werden und reich sein. Die Erhebung in den Ritterstand wäre seiner Ansicht nach das Mindeste, das er von der britischen Gesellschaft erwarten könnte. Mit der Anhörung in Oxford sticht das Gericht mitten in ein Wespennest und legt die Bitterkeit offen zwischen Menschen, die sich einmal nahestanden. Sean, seine erste Frau Gail, Tom und die Biologin Ruth haben einmal gemeinsam studiert. Nun stehen sich der Mentor des Midgard-Unternehmens und drei der vier Studienfreunde als Zeugen vor Gericht gegenüber; ihre Träume, privaten Schwächen und geschäftlichen Interessen werden bis ins Kleinste seziert. - Indem Laline Paull die Anhörung zum Tod von Tom Harding im Jahr 2019 stattfinden lässt, entwickelt sich ihr fesselnder Roman nach der zunächst angedeuteten Krimihandlung zum utopischen Ökothriller. Neben der unseligen Verknüpfung der handelnden Personen fand ich die Nähe ihrer Utopie zur unmittelbaren Gegenwart besonders beklemmend. Gefesselt haben mich die Charakterisierung der Figuren, die leichte Ironie der Schilderungen und die Landschaftsbeschreibungen. Eingeschobene Tagebuchaufzeichnungen von Polarforschern (nüchtern, tragikomisch und entlarvend) verdeutlichen, warum die Arktis für Generationen von Forschern Sehnsuchtsort war, welche Typen das Abenteuer anzog, aber auch die Gier, die Expeditionen aus vielen Ländern in den hohen Norden zog. Die zahlreichen Rückblenden in die Zeit vor 30 Jahren hätten optisch deutlicher von der Handlung der Gegenwart getrennt werden können. - Eine raffinierte Verknüpfung von Abenteuer in Schnee und Eis, Profitgier und Leidenschaft.

Bewertung vom 19.03.2018
Summ, wenn du das Lied nicht kennst
Marais, Bianca

Summ, wenn du das Lied nicht kennst


sehr gut

Die 9-jährige Robin Conrad lebt in der südafrikanischen Bergarbeitersiedlung Boksburg; ihr Vater arbeitet als weißer Vorarbeiter in einer Goldmine. Wie alle weißen Kinder im Südafrika der Apartheid kennt Robin Schwarze nur als Hauspersonal, das in eigenen Quartieren im Garten der Wohnhäuser oder in Townships außerhalb der Städte lebt. Wenn ihr Kindermädchen Mabel in Abwesenheit der Eltern spätabends bei Robin bleibt, ist es selbstverständlich, dass Mabel auf dem Fussboden schläft. Am Tag des Schüleraufstands von Soweto werden Robins Eltern getötet und sie kommt zu ihrer kinderlosen Tante Edith, die mitten in Johannesburg in einem Hochhaus lebt. An diesem 16. Juni 1976 ist Beauty Mbali nach langer Reise aus dem schwarzen Homeland Transkei in Johannesburg angelangt, auf der Suche nach ihrer Tochter Nomsa, die in der Stadt zur Schule geht. Beauty gerät mitten in den Aufstand, der von Polizei und Militär mit brachialer Gewalt gegen die protestierenden Kinder niedergeschlagen wird. - Bianca Marais erzählt in der Ichform abwechselnd aus Robins und aus Beautys Sicht. Da die Ursachen für den Schüleraufstand von 1976 nicht in drei Sätzen erklärbar sind, hat mich die Autorin sofort für ihr Buch eingenommen, indem sie begreifbar macht, dass die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache in der Oberstufe schwarze Schüler benachteiligen wird. Robin erlebt als Kind bereits sehr eindringlich, dass ihr Englisch leichter fällt und sie sich von der Afrikaans sprechenden Minderheit herablassend behandelt fühlt. - Weil Edith so schnell keinen anderen Job findet, muss sie weiter als Stewardess arbeiten und braucht eine Betreuerin für Robin. Durch einen glücklichen Zufall wird ihr Beauty vermittelt, die für eine schwarze Frau ungewöhnlich gebildet ist – und bitte nicht wie eine „Maid“ behandelt werden sollte, wie Edith Robin eindringlich klarmacht. Die beiden Frauen und Robin bilden von nun an eine Notgemeinschaft. Edith kann unbesorgt arbeiten; Beauty erhält Arbeitspapiere, ohne die sie sich nicht außerhalb der Transkei aufhalten dürfte - und nicht weiter nach Nomsa suchen könnte. Aus einem konspirativen Netz von Apartheids-Gegnern erhält Beauty die Information, dass Nomsa evtl. über die Grenze in ein Nachbarland gebracht worden sein könnte, dass sie sich jedoch mit höchst gefährlichen Leuten eingelassen hat. - Beauty und Robin müssen sich zunächst zusammenraufen. Robin war ein wildes, abenteuerlustiges Kind, ehe sie zu Edith kam, das seine kindlichen Ängste im Gespräch mit einer imaginären Schwester bewältigte. Beauty s Geduld stellt Robin anfangs auf eine harte Probe, sie gehorcht nicht, schnüffelt Beauty nach, zutiefst verunsichert, ob ihre Betreuerin sie wegen Nomsa wieder mit der chaotischen Edith allein lassen könnte. Die ausgedachte Cat wird von Beauty sofort akzeptiert und spielt fortan eine wichtige Rolle in der Bewältigung von Robins Trauer um ihre Eltern und um ihr Kindermädchen Mabel, von dem sie sich im Stich gelassen fühlt. Robin ist mit glasklaren rassistischen Werten von der Überlegenheit der Weißen aufgewachsen, die sie anfangs so nachplappert, wie sie sie von anderen gehört hat. Erst durch die Begegnung mit Beauty stellt sie die Weisheit infrage, es gäbe keine schwarzen Lehrerinnen, aber auch das Gesetz der Apartheid, dass schwarzes Personal nicht in der Wohnung des Arbeitgebers zu schlafen hat. Beautys Suche nach Nomsa nimmt durch Robins Eingreifen schließlich die Form einer gefährlichen, nicht immer realistischen Abenteuergeschichte an, zu der einige sehr positiv dargestellte Helfer beitragen. - Bianca Marais Roman soll ihrem eigenem Kindermädchen Eunice ein Denkmal setzen. Die Darstellung des Alltags in einem rassistischen Staat aus der Sicht einer bis dahin behütet aufgewachsenen Neunjährigen finde ich außerordentlich gelungen. Leider schlägt die Autorin mit ihrem Vorsatz zu stark über die Stränge, ihren Lesern möglichst viel über das Südafrika der 70er Jahre zu vermitteln. Dass sie neben dem Schüleraufstand

Bewertung vom 13.03.2018
Für immer ist die längste Zeit
Fabiaschi, Abby

Für immer ist die längste Zeit


weniger gut

Madeleine Starling ist vom Dach der Bibliothek in den Tod gestürzt. Wie es dazu kommen konnte, wird erst am Ende des Romans aufgedeckt. Sie hinterlässt Ehemann Brady, der seine Hilfe im Haushalt irgendwann einstellte, weil er es seiner Frau nie recht machen konnte, und die 17-jährige Eve, die zum Beginn des nächsten Schuljahres an ein auswärtiges College wechseln wird. Hilflose Trost-Versuche der mit ihnen trauernden Nachbarn und Freunde bringen Eve in Rage; jedes Lob für ihre selbstlose Mutter interpretiert sie als Kritik am eigenen Egoismus – und dem ihres Vaters. Vater und Tochter machen sich Vorwürfe, weil sie zu Maddys Lebzeiten ihre Bemutterung selbstverständlich hinnahmen und ihr niemals dankten. Während Mann und Tochter Maddys plötzlichen Tod zu verarbeiten suchen, kann Maddy selbst ihre Familie nicht loslassen. Auf einer Wolke schwebend, versucht sie die Wege ihrer Lieben von dort oben herab zu lenken. Engel können das, als hätten sie einen Zauberstab. Dass es am Boden nicht ohne sie geht, scheint Maddy sogar mit Befriedigung zu erfüllen. Brady braucht möglichst bald eine neue Frau, beschließt sie; denn allein würde er hilflos dem Schlachtfeld gegenüber stehen, in das er das Haus innerhalb kürzester Zeit verwandelt. Mit Blick auf ihre College-Bewerbung nimmt Eve Nachhilfe bei Rory, einer Lehrerin in den besten Jahren, die Maddy von ihrer Wolke herab zu Bradys neuer Frau bestimmt hat. Selbst die Sozialstunden, zu denen Eve nach einem leichtsinnigen Autounfall verknackt wird, erweisen sich als Segen für sie.

Maddys Tagebuch, das Eve vom Vater kontrolliert in winzigen Abschnitten lesen darf, könnte das Rätsel um ihren Tod lösen. Da Maddy auf eine Familiengeschichte mit Alkoholismus und Depressionen zurückblickt, könnte auch sie an Depressionen gelitten haben. - Beim Umgang mit dem Thema Depression hätte Abby Fabiaschi größeres Fingerspitzengefühl zeigen können. Ob jemand an Depressionen leiden darf, ist keine Ermessenssache Außenstehender. Zu absurden Beiträgen von Romanfiguren zum Thema Depression wünsche ich mir auch in einem fiktiven Text Widerspruch. - Überrumpelt vom Zusammenleben mit einer 17-Jährigen, die er bisher kaum wahrnahm, hat Brady leider wenig mehr zu bieten, als Eve autoritär abzukanzeln.
Erzählt wird Abby Fabiaschis in den USA überaus populärer Roman in Ichform von den drei Starlings, ergänzt von Maddys Tagebuch-Auszügen. Anfangs wirkten die drei Stimmen authentisch und lassen hoffen auf die Aufklärung der Todesumstände. Wie Maddy ihr Leben und ihren frühen Tod hinnimmt, ohne Versäumtes zu bereuen, konnte mich nicht überzeugen. Die Starlings, beide Mitte der 60er Jahre geboren, lebten konventionelle Rollenmuster vom Alleinverdiener und seiner treu sorgenden Ehefrau. Für die Zeit, wenn Eve den ganzen Tag in der Schule sein würde, hatte Maddy offenbar keine Ziele außer ehrenamtlich in der Bibliothek zu arbeiten. In dieser Generation? Ernsthaft?

Fabiaschis Erstling kommt mit der unübersehbaren Botschaft: Lebe heute und sprich mit deinen Mitmenschen, solange du es noch kannst. Vater und Tochter bereuen zwar ihr Verhalten gegenüber der Verstorbenen, entwickeln sich im Laufe der Handlung jedoch nur geringfügig weiter. Bücher mit Engeln, die auf Wolken schweben, gehören sonst nicht in mein Beuteschema. Hinter einem luftig leichten Buchcover in Lack-Optik entwickelt sich eine Handlung, die nicht einmal andeutungsweise an Klischees kratzt und mir aus der Innenansicht zu wenig über die Personen vermitteln kann. Besonders bei Eve finde ich das ärgerlich.

Bewertung vom 13.03.2018
Der Zopf
Colombani, Laetitia

Der Zopf


ausgezeichnet

Smita aus Badlapur/Indien will unbedingt, dass ihre Tochter Lalita es einmal besser hat und zur Schule gehen kann. Die Familie gehört zur Kaste der Unberührbaren. Sie sind rechtlos und werden für ehrliche Arbeit mit Almosen abgespeist. So steckt der Lehrer das Bestechungsgeld von Smita ein, nur um Lalita bei der ersten Gelegenheit das Klassenzimmer kehren zu lassen. Doch Smita setzt sich mit unerwarteter Härte durch, um für ihre Tochter den Schulbesuch zu erkämpfen.

Guilia aus Sizilien wächst in einer Perückenmanufaktur auf und ist plötzlich mit der Verantwortung für die Firma konfrontiert. Ihre Begegnung mit einem Sikh, der nach Italien flüchten konnte, bringt für sie und ihre Arbeiterinnen eine überraschende Wende.

Sarah aus Montreal hat bisher verdrängt, dass sie als aschkenasische Jüdin ein besonders hohes Risiko für erblich bedingte Krebserkrankungen aufweist. Als Karriere-Anwältin und allein erziehende Mutter steht Krankheit nicht auf ihrer Tagesordnung und sie beschließt, ihren Zustand so gut wie möglich zu verheimlichen. Nur keine Angriffsfläche zeigen, sonst kann sie ihre Karriere als Nachfolgerin des Seniorchefs vergessen.

Die drei Frauen aus drei verschiedenen Kulturen scheinen sich jede in einer anderen unlösbaren Situation zu befinden. Allen dreien gelingt ein erster Schritt aus einer Sackgasse ohne Ausweg. Die Frauen begegnen sich nicht und doch sind ihre Schicksale durch Smitas lange Haare, die Perückenmanufaktur und Sarahs Krebserkrankung miteinander verknüpft.

Hinter einem eleganten golddekorierten Buchcover verbergen sich drei einfache, zeitlose Geschichten, die ganz nebenbei tiefen Einblick in die unterschiedlichen Kulturen und ihre Frauenrollen geben. Mit Vaterrolle, Mutterliebe, Gottvertrauen, Flutwelle und Verantwortung bedient Laetitia Colombani mächtige Symbole, um Schicksale von gewaltiger Wucht zu erzählen. Ihre Figuren erhalten ihre Würde zurück – und das macht Columbanis Roman zu einem besonderen, ermutigenden Buch.

Bewertung vom 12.03.2018
Höllenjazz in New Orleans
Celestin, Ray

Höllenjazz in New Orleans


ausgezeichnet

In New Orleans soll im Jahr 1919 ein Axtmörder sein Unwesen treiben. Er hat nicht nur mehrere italienische Lebensmittelhändler getötet, sondern sich sogar dreist mit einer Forderung direkt an die Öffentlichkeit gewendet. Am Tatort wurden jeweils Tarotkarten gefunden; offenbar soll der Eindruck erweckt werden, dass die Taten von einem Kreolen begangen wurden. Außer Michael Talbot, dem Ermittler der Kriminalpolizei, sind weitere Personen mit dem Fall beschäftigt: Riley als Journalist der Times Picayune, die junge Ida Davis, die eine Karriere in Pinkertons Detektiv Agentur anstrebt, und natürlich der Bürgermeister einer Stadt, die in hysterische Panik vor dem Typen mit der Axt verfallen ist.

Vor 100 Jahren war New Orleans Schauplatz rasanter Veränderungen. Weil die Kampfkraft der Marine allmählich durch Syphilis unterminiert wurde, hatte vor kurzem das Kriegsministerium das Rotlichtviertel der Stadt am Mississippi komplett schließen lassen. Der wirtschaftliche Niedergang des Vergnügungsgewerbes sorgt nun gemeinsam mit der Axtmörder-Panik für einen Machtverlust des Mafia-Clans der Familie Matranga. Wenn die Matranga-Familie die Geschäftsleute der Stadt nicht mehr schützen kann, warum sollte ihnen dann weiter Schutzgeld gezahlt werden? Während man zahlreiche Kriegsheimkehrer für die Zunahme von Straftaten verantwortlich macht, werden die gewohnten Bestechungsgelder an die Polizei demnächst versiegen, wenn die Geldquellen der Matrangas nun austrocknen. Der Matranga-Clan will den Täter noch vor der Polizei finden und stellt eigene Ermittlungen an. Währenddessen geht in der Stadt eine Hurrikan-Warnung ein …

Weitere Nebenfiguren tauchen auf; weitere Verbrechensopfer sind zu beklagen. So ist Ida Davis mit dem realen Musiker Louis Armstrong (*1901) befreundet, der als Kind Musikschüler ihres Vaters war. Michael Talbots ehemaliger Gönner bei der Polizei wird wegen guter Führung aus der Haft entlassen, zu der er wegen Bestechlichkeit verurteilt war. Auch Michael selbst ist aufgrund seines Lebenswandels erpressbar.

Die geschilderten Axtmorde hat es in New Orleans wirklich gegeben. Ray Celestin zeichnet ein farbenfrohes Bild der Stadt New Orleans mit ihrer Vielfalt aus diversen Kulturen der Einwanderer. Die Stadt am Bajou war die erste in den USA, in der sich ein Mafia-Clan niederließ. Das mafiöse Geflecht gegenseitiger Verpflichtungen und konspirativer Informationsbeschaffung hat mich als Leser einerseits gefesselt, die Auflösung der höchst komplizierten Fälle jedoch reichlich verzögert. Verzögerungen wiederum kosteten weitere Personen das Leben … Viel Spaß haben mir die sorgfältig recherchierten Details bereitet, von den Lebensbedingungen der verschiedenen Rassen, über die Einführung von Dienst-PKWs anstelle der Pferdefuhrwerke für die Polizei, bis zu der Frage, warum in der geschilderten Zeit die ersten Pappbecher eingeführt wurden.

Wer gern intensiv in die Geschichte einer Region eintaucht, sollte hier zugreifen. Der zweite Band ist auf Englisch bereits erschienen.

Bewertung vom 28.02.2018
Viva la Vagina!
Brochmann, Nina; Støkken Dahl, Ellen

Viva la Vagina!


ausgezeichnet

Frau lernt nie aus - gar nicht so dumme Fragen zum weiblichen Körper
Nina Brochmann und‎ Ellen Støkken Dahl widmen ihr Buch allen Frauen, die sich fragen, ob sie richtig funktionieren oder ob ihr Körper von der Norm abweicht. Als erfolgreiche Bloggerinnen stellten sie überrascht fest, dass ihre Follower aus allen Altersgruppen stammen und, anders als erwartet, nicht hauptsächlich Jugendliche sind. Im lockeren Stil von Giulia Enders‘ „Darm mit Charme“ trauen sie sich, Fragen zu stellen, die andere für dumm halten könnten. Ihr Ziel: mit hartnäckigen Mythen zum weiblichen Körper aufräumen, z. B. dem vom vaginalen Orgasmus, und die Risiken der Pille neu und aus der Sicht von Statistikern bewerten. Trotz zunehmender Sexualisierung von Jugendlichen in den Industrieländern stellten sie bei jungen Erwachsenen recht beschränkte Anatomiekenntnisse fest und fanden aus Pornografiekonsum resultierende Fehlinformationen vor, die offenbar schwer auszurotten sind. Wenn Menschen nicht miteinander reden, können sich Mythen ausbreiten und halten, so die Autorinnen; beim Thema Sexualität und Sexualorgane sei es Zeit für ein neues Wirklichkeitsverständnis. Aus Unwissenheit entstehe Unsicherheit, ob man selbst normal sei. Als Reaktion auf diese konstatierte anatomische Unwissenheit beschreiben die beiden Medizinerinnen sehr ausführlich den weiblichen Körper. Sie liefern z. B. Grundwissen, was eine Schleimhaut von anderen Hautregionen unterscheidet, was sie uns nützt und wie eine Schleimhaut gern behandelt werden möchte. Mythen und Fakten zur Intimhygiene werden durchleuchtet, sowie das wichtige Thema Cisgender und Entstehung unserer Genitalien im Embryostadium. Dass Mädchen in armen Ländern häufig nach Einsetzen der Menstruation die Schule abbrechen, weil dort keine Menstruationshygiene möglich ist, sei besonders Anhängern von Entwicklungshilfe in Form repräsentativer Baumaßnahmen ins Stammbuch geschrieben. Warum Sex und Lust „popkulturell“ meist durch die Brille männlicher Normen dargestellt wird, auch das können Leser und Leserinnen hier erfahren.
Rund 1/4 des Buches befasst sich mit Verhütungsmethoden; die Informationen dazu sind umfangreich und auch hier mit Statistikwissen aufbereitet. Die Bewertung von Risiken der Pille fällt zweifellos anders aus, wenn man als Anwenderin zwischen absoluten und relativen Risiken unterscheiden kann und selbst beurteilen lernt, wie wissenschaftliche Studien mit dem Zufallsfaktor umgehen. Die Entscheidungshilfe, was einem selbst in der Verhütung wichtig ist, fand ich sehr hilfreich, aber optisch unattraktiv vermittelt. Leider besteht der Verhütungsteil fast nur aus recht einförmigem Text und wenigen Abbildungen. Dass an anderer Stelle eine Übersichtstabelle und eine Vertiefung zum Pearl-Index folgt, könnte für Häppchenleser durch Verweise deutlicher vermittelt werden.
Im letzten großen Kapitel geht es in gewohnt lockerem Ton um Beschwerden wie Infektionen, Inkontinenz, Hämorrhoiden, HP-Viren, auch um die biologische Uhr, Schönheitsideale und Intimchirurgie.
40 Seiten Anmerkungen und Literaturhinweise vermitteln, dass die Autorinnen heute keine „ahnungslosen Medizinstudentinnen“ mehr sind, als die sie ursprünglich in ihr Thema eingestiegen sind.
> Das Buch ermutigt Frauen in lockerem Ton, sich von Schönheitsidealen und Normen Außenstehender frei zu machen. Um zu entscheiden, welchen LeserInnen das Buch nützen wird, kann man sich tatsächlich am Stil Giulia Enders‘ orientieren. Wer von Enders direkten und bildhaften Beschreibungen profitiert und die Fakten bis heute im Gedächtnis behalten hat, liegt mit „Viva la Vagina!“ nicht falsch. Brochmann und Støkken Dahl formulieren ihre durchweg vernünftigen Ansichten gelassen, achtsam und mit feministischem Hintergrund. “Wir lernen nie aus“, ist ihr Fazit. Anfangs kann die pure Textmenge überwältigen, aber in der Ausführlichkeit des Texts zeigt sich hier m. A. nach die Wertschätzung des weiblichen Körpers. Da nicht alle Menschen Wissen gern allein aus umfangreich

Bewertung vom 04.02.2018
Ein mögliches Leben
Köhler, Hannes

Ein mögliches Leben


ausgezeichnet

Als Franz Schneider 1944 bei Cherbourg von der US-Army gefangen genommen wird, rettet das sein Leben. Hundertausende seiner Generation werden den Zweiten Weltkrieg nicht überleben, viele Schicksale bleiben bis heute ungeklärt. Franz und seine Kameraden befürchten zunächst, die Amerikaner würden ihre Gefangenen bei nächster Gelegenheit erschießen. Doch er gelangt ins Gefangenenlager Camp Hearne in Texas, arbeitet in der Landwirtschaft und wird später Baumwolle pflücken. 70 Jahre später wünscht sich der fast 90-jährige Franz eine gemeinsame Reise mit seinem Enkel Martin. Martin hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein distanziertes Verhältnis zu seinem Großvater, wie vor ihm schon seine Mutter Barbara. Franz Spurensuche in Texas führt ihn in die kleine Gedenkstätte des Camps und weckt Erinnerungen an seinen Freund Paul. Pauls Eltern waren Einwanderer aus Deutschland, die völlig schockiert reagierten, als ihr Sohn sich für einen Kriegseinsatz im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen meldete. Paul wird von den eigenen Landsleuten gefangengenommen, übernimmt im Camp eine Mentoren-Rolle für den jungen Bergmann aus dem Ruhrgebiet und stellt damit die Weichen für Franz weiteres Schicksal. Wer in Camp Hearne Freund und Feind ist, war anfangs weder für die Bewacher noch für die Gefangenen leicht zu durchschauen.

Auf mehreren Zeitebenen (1936, 1944, 1947, 1968 und 2014) erzählt Hannes Köhler über vier Generationen der Familie Schneider. Anders als der Klappentext vermuten lässt, steht nicht das Verhältnis Enkel-Großvater im Mittelpunkt des Romans, sondern ein allwissender Erzähler fügt Szenen aus Franz Schneiders Leben zu einem Gesamtbild. Im Laufe der Handlung stellen sich zahlreiche Fragen, die am Ende alle schlüssig beantwortet werden. Warum war das Verhältnis zwischen Franz und seiner Tochter Barbara so kühl, was geschah wirklich, als er seinen Ringfinger verlor – und vor allem: warum ist Franz nicht in die USA ausgewandert, als sich nach dem Krieg die Gelegenheit dazu bot?

Mein Wissen über deutsche Kriegsgefangene ist u. a. durch die Fotos geprägt, die meinen Vater und meine Onkel bei ihrer Rückkehr aus Russland und England zeigen. Auch wenn amerikanische PW-Lager nicht zu meiner Familiengeschichte gehören, finde ich es heute noch erstaunlich, wie stark ihre Erzählungen aus der Gefangenschaft mein Bild von anderen Nationen geprägt haben. Hannes Köhler löst mit einzelnen Szenen in meinem Kopf ganze Geschichten aus – auf der Basis durchschnittlicher Geschichtskenntnisse. Franz, der am Strand von Cherbourg auf seine Verladung wartet; Franz, dem bei der Ankunft die texanische Hitze entgegenschlägt und seine Erlebnisse wieder lebendig macht; der Uhrturm eines deutschen KZ; das allgegenwärtige PW-Zeichen auf der Kleidung uvm. Sehr glaubwürdig und treffend gezeichnet wirkt auf mich das Vater-Tochter-Verhältnis, das das Schweigen und die Verbitterung zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration auf den Punkt bringt. Gespräche mit meinem eigenen Vater kreisten jahrelang um die Frage, was wäre gewesen wenn?, warum hast du nicht? Auf emotionaler Ebene ist mir hier noch einmal deutlich geworden, warum die um 1920 geborene Generation sich in diesen Gesprächen nicht öffnen konnte.

Das Titelbild gefällt mir nicht, weil im Mittelpunkt des Romans eine Einzelperson und ihre Familie stehen. Einige Szenen würden durch erklärende Fußnoten gewinnen. So bin ich mir z. B. nicht sicher, ob nach 1970 geborene Leser das Bild der schwarzen und feldgrauen Uniformen einordnen können.

Insgesamt ein berührender Roman, der die Sprachlosigkeit zwischen Kriegsgeneration und deren Nachkommen erfahrbar macht.

Bewertung vom 19.01.2018
Die Herzen der Männer
Butler, Nickolas

Die Herzen der Männer


sehr gut

Als jüngster Teilnehmer im Pfadfinderlager und Trompeter für den morgendlichen Weckruf hat Nelson eine Sonderrolle. Nelson ist nicht gefragt worden, ob er Pfadfinder sein möchte. Vater und Großvater waren schon dabei und betrachteten das Leben als Pfadfinder schlicht als Teil der Erziehung eines Mannes, der später in die US-Armee eintreten wird. Kurz vor dem Sommerlager in den 60ern des vorigen Jahrhunderts hat Vater Clete Nelson zurechtgestutzt, der bis dahin noch nie einen Freund hatte. Es wäre Zeit, dass Nelson sich wie ein Mann benimmt, Freundschaft würde man nicht in der Kindheit schließen, sondern in der Armee. Nelson erhofft sich, spätestens vom Vater anerkannt zu werden, wenn er zur Armee geht. Nelsons Erlebnisse im Camp Chippewa beschreibt Nickolas Butler in alles andere als idyllischen Details. Nirgendwo ist der nächtliche Wald unheimlicher als bei Butler, nirgendwo trommelt Regen eindrucksvoller auf die Zeltplane als in diesem Camp. Nelson lernt in diesem Sommer Entscheidendes „fürs Leben“: einigen Menschen klimpert Geld in der Tasche, während andere gerade für sie im Dreck stecken. Dass Nelson schon mit 13 sein Elternhaus verlässt, um auf die Militärakademie zu gehen, hat mich überrascht, aber seine Familiengeschichte ließ offensichtlich keinen anderen als den vom Vater und Großvater ausgetretenen Weg zu. - 30 Jahre später ist Jonathan Quick, der einzige Junge, der je an Nelson Interesse gezeigt hat, Vater eines Sohnes, der am Pfadfinderlager Camp Chippewa teilnehmen wird. Jonathan hat den elterlichen Betrieb übernommen und die Erwartungen der älteren Generation damit erfüllt. Leiter des Camp Chippewa ist Nelson, der nach seinem Einsatz mit den Green Barrets im Vietnamkrieg und unsteten Wanderjahren dort eine Heimat und einen neuen Lebensinhalt gefunden hat. Wieder werden einige Väter mit am Lager teilnehmen. Zwischen Jonathan und seinem Sohn Trevor scheinen die Rollen im Gegensatz zur vorigen Generation vertauscht zu sein. Der Vater kauft für eine Sauforgie im Lager ein; Trevor in der Rolle des Erwachsenen fragt sich, wie Jonathan seine Vorräte überhaupt vom Parkplatz ins Lager schaffen und welche Peinlichkeiten er sich dort noch leisten wird. Auch hier gab es kurz vor dem Camp eine Aussprache zwischen Vater und Sohn. Jonathan will dem 16-Jährigen offenbar die Liebe zu seiner Freundin Rachel ausreden und vergreift sich dabei erheblich im Ton. Im mittleren Teil des Romans handeln Butlers Figuren kaum, versteigen sich zu schwer erträglichem Pathos und stellen damit die Geduld der Leser auf eine harte Probe. - Wieder eine Generation später bereitet sich Rachel, Trevors Jugendliebe, mit ihrem Sohn Thomas auf das sprichwörtliche Sommercamp vor. Mit Rachel haben sich die eingefahrenen Routinen geringfügig geändert. Sie ist Feldbiologin, liebt die Natur, und anders als die Väter-Generationen vor ihr, sieht sie ihren Sohn realistisch und spricht Konflikte mit Thomas direkt an. Mit der Tradition ganz zu brechen, wagt Rachel offenbar nicht. So wird Thomas von ihr gedrängt, seinem Vater zuliebe noch ein letztes Mal gute Miene zum Spiel zu machen. Ihr Sohn ist typisches Mitglied der Generation Handy und hat nicht vor, das im Camp zu ändern. Ein weiterer Zeitsprung in die Zukunft des Jahres 2019 zeigt Rachel und Thomas in ungewöhnlicher Umgebung. Die beiden abschließenden Abschnitte bildeten für mich einen sonderbaren Gegensatz zum ersten Teil mit seinem Fokus auf einem gemobbten Außenseiter, der die Träume seines Vaters verwirklicht, der alles andere als ein Held war. - „Die Herzen der Männer" wirft die Frage auf, warum Eltern ihre Kinder nötigen, in die eigenen Fußstapfen zu treten, selbst wenn der gesunde Menschenverstand dagegen spricht. Pfadfindertugenden als Vorstufe zu soldatischer Disziplin werden im Roman nicht infrage gestellt, das müssen Butlers Leser schon selbst übernehmen. Ein Buch über Väter und Söhne - nicht nur für Männer.

Bewertung vom 07.01.2018
Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Wolk, Lauren

Eine Insel zwischen Himmel und Meer


ausgezeichnet

Das Baby in dem angetriebenen Boot hatte so lange geschrien, bis es nur noch ein schwaches Krächzen hervorbrachte. Crow, Krähe, nennt der Mann auf der Insel das Findelkind und versorgt es, so gut er kann. Auf der Nachbarinsel Cuttyhunk, die ebenfalls zur Elisabeth-Inselkette nördlich von Martha’s Vineyard gehört, lebt Miss Maggie mit ihren glücklichen Kühen, Schafen und Hühnern. Daniel nannte sie den Fremden, der vor irgendeinem Krieg auf die Nachbarinsel floh und sich mit Fischen und Malen durchschlägt. Dass Daniel wirklich ein Baby versorgen kann, scheint Maggie schwer glauben zu können. So sieht sie regelmäßig nach den beiden, hilft bei Krankheit und unterrichtet Crow schließlich. Der Schulbesuch in der nächsten öffentlichen Schule dauerte nur einen Tag lang, weil Crow dunkelhäutig ist und die Einheimischen fürchten, sich bei ihr mit Lepra anzustecken. Auf der Roman-Insel Penikese hatte es früher eine Lepra-Kolonie gegeben; die meisten Patienten dort stammten aus Afrika und der Karibik. Die Handlung spielt um 1925; bis 1921 hat es auf der realen Insel Penikese tatsächlich eine Pocken- und Lepra-Kolonie gegeben, in der Kranke isoliert wurden.

Mit 8 Jahren fragt Crow zum ersten Mal nach ihrer Herkunft und interessiert sich für die Welt außerhalb der Insel. Das Mädchen findet heraus, dass ihre Mutter ihr nach ihrer Geburt einen Namen gegeben hat und ein wohlüberlegtes Ziel verfolgte, als sie ihr Baby dem Meer anvertraute. Das Schicksal des Findelkinds scheint eng mit der benachbarten Lepra-Kolonie verknüpft zu sein. Crows Neugier steht ganz im Gegensatz zu Oshs Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen und niemanden auf die Inselidylle aufmerksam zu machen. Cape Cod als altes Piraten-Revier wird von Geschichten über sagenhafte Schätze umrankt. Crows Suche nach ihren Eltern überkreuzt sich nun mit einer abenteuerlichen und äußerst gefährlichen Schatzsuche auf den sagenumwobenen Inselchen.

Eine Insel, ein Findelkind als Icherzähler, ein Pflegevater, eine gütige Ratgeberin und ein sagenhafter Schatz – daraus strickt Lauren Wolk die berührende Geschichte der Identitätssuche eines Kindes und der unausgesprochenen Ängste des Pflegevaters, seine Tochter zu verlieren, wenn sie erst einmal die Welt außerhalb der Insel kennengelernt hat. In ihrer Zeit beeindruckt Crow als ungewöhnlich unternehmungslustige Figur, die nicht konsequent die Perspektive eines Kindes einhält, das bis dahin die Inselgruppe noch nie verlassen hat. Für die Zielgruppe ab 10 Jahren bietet Lauren Wolks Jugendroman die komplexe Verknüpfung einer Coming-of-Age-Geschichte und einer abenteuerlichen Schatzsuche. Die Gegenüberstellung von biologischer und sozialer Elternschaft spricht jugendliche wie erwachsene Leser an; Crows Schicksal wird wohl keinen Leser unberührt lassen. Feine Verästelungen der Handlung werfen Fragen danach auf, was ein Mensch zum Leben braucht, nach der Entstehung von Vorurteilen gegenüber Außenseitern, aber auch nach Güte und Großzügigkeit.