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Benutzername: Buchdoktor
Wohnort: Deutschland
Über mich: Romane, Krimis, Fantasy und Sachbücher zu sozialen und pädagogischen Tehmen interessieren mich.
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Bewertungen

Insgesamt 591 Bewertungen
Bewertung vom 04.02.2018
Ein mögliches Leben
Köhler, Hannes

Ein mögliches Leben


ausgezeichnet

Als Franz Schneider 1944 bei Cherbourg von der US-Army gefangen genommen wird, rettet das sein Leben. Hundertausende seiner Generation werden den Zweiten Weltkrieg nicht überleben, viele Schicksale bleiben bis heute ungeklärt. Franz und seine Kameraden befürchten zunächst, die Amerikaner würden ihre Gefangenen bei nächster Gelegenheit erschießen. Doch er gelangt ins Gefangenenlager Camp Hearne in Texas, arbeitet in der Landwirtschaft und wird später Baumwolle pflücken. 70 Jahre später wünscht sich der fast 90-jährige Franz eine gemeinsame Reise mit seinem Enkel Martin. Martin hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein distanziertes Verhältnis zu seinem Großvater, wie vor ihm schon seine Mutter Barbara. Franz Spurensuche in Texas führt ihn in die kleine Gedenkstätte des Camps und weckt Erinnerungen an seinen Freund Paul. Pauls Eltern waren Einwanderer aus Deutschland, die völlig schockiert reagierten, als ihr Sohn sich für einen Kriegseinsatz im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen meldete. Paul wird von den eigenen Landsleuten gefangengenommen, übernimmt im Camp eine Mentoren-Rolle für den jungen Bergmann aus dem Ruhrgebiet und stellt damit die Weichen für Franz weiteres Schicksal. Wer in Camp Hearne Freund und Feind ist, war anfangs weder für die Bewacher noch für die Gefangenen leicht zu durchschauen.

Auf mehreren Zeitebenen (1936, 1944, 1947, 1968 und 2014) erzählt Hannes Köhler über vier Generationen der Familie Schneider. Anders als der Klappentext vermuten lässt, steht nicht das Verhältnis Enkel-Großvater im Mittelpunkt des Romans, sondern ein allwissender Erzähler fügt Szenen aus Franz Schneiders Leben zu einem Gesamtbild. Im Laufe der Handlung stellen sich zahlreiche Fragen, die am Ende alle schlüssig beantwortet werden. Warum war das Verhältnis zwischen Franz und seiner Tochter Barbara so kühl, was geschah wirklich, als er seinen Ringfinger verlor – und vor allem: warum ist Franz nicht in die USA ausgewandert, als sich nach dem Krieg die Gelegenheit dazu bot?

Mein Wissen über deutsche Kriegsgefangene ist u. a. durch die Fotos geprägt, die meinen Vater und meine Onkel bei ihrer Rückkehr aus Russland und England zeigen. Auch wenn amerikanische PW-Lager nicht zu meiner Familiengeschichte gehören, finde ich es heute noch erstaunlich, wie stark ihre Erzählungen aus der Gefangenschaft mein Bild von anderen Nationen geprägt haben. Hannes Köhler löst mit einzelnen Szenen in meinem Kopf ganze Geschichten aus – auf der Basis durchschnittlicher Geschichtskenntnisse. Franz, der am Strand von Cherbourg auf seine Verladung wartet; Franz, dem bei der Ankunft die texanische Hitze entgegenschlägt und seine Erlebnisse wieder lebendig macht; der Uhrturm eines deutschen KZ; das allgegenwärtige PW-Zeichen auf der Kleidung uvm. Sehr glaubwürdig und treffend gezeichnet wirkt auf mich das Vater-Tochter-Verhältnis, das das Schweigen und die Verbitterung zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration auf den Punkt bringt. Gespräche mit meinem eigenen Vater kreisten jahrelang um die Frage, was wäre gewesen wenn?, warum hast du nicht? Auf emotionaler Ebene ist mir hier noch einmal deutlich geworden, warum die um 1920 geborene Generation sich in diesen Gesprächen nicht öffnen konnte.

Das Titelbild gefällt mir nicht, weil im Mittelpunkt des Romans eine Einzelperson und ihre Familie stehen. Einige Szenen würden durch erklärende Fußnoten gewinnen. So bin ich mir z. B. nicht sicher, ob nach 1970 geborene Leser das Bild der schwarzen und feldgrauen Uniformen einordnen können.

Insgesamt ein berührender Roman, der die Sprachlosigkeit zwischen Kriegsgeneration und deren Nachkommen erfahrbar macht.

Bewertung vom 19.01.2018
Die Herzen der Männer
Butler, Nickolas

Die Herzen der Männer


sehr gut

Als jüngster Teilnehmer im Pfadfinderlager und Trompeter für den morgendlichen Weckruf hat Nelson eine Sonderrolle. Nelson ist nicht gefragt worden, ob er Pfadfinder sein möchte. Vater und Großvater waren schon dabei und betrachteten das Leben als Pfadfinder schlicht als Teil der Erziehung eines Mannes, der später in die US-Armee eintreten wird. Kurz vor dem Sommerlager in den 60ern des vorigen Jahrhunderts hat Vater Clete Nelson zurechtgestutzt, der bis dahin noch nie einen Freund hatte. Es wäre Zeit, dass Nelson sich wie ein Mann benimmt, Freundschaft würde man nicht in der Kindheit schließen, sondern in der Armee. Nelson erhofft sich, spätestens vom Vater anerkannt zu werden, wenn er zur Armee geht. Nelsons Erlebnisse im Camp Chippewa beschreibt Nickolas Butler in alles andere als idyllischen Details. Nirgendwo ist der nächtliche Wald unheimlicher als bei Butler, nirgendwo trommelt Regen eindrucksvoller auf die Zeltplane als in diesem Camp. Nelson lernt in diesem Sommer Entscheidendes „fürs Leben“: einigen Menschen klimpert Geld in der Tasche, während andere gerade für sie im Dreck stecken. Dass Nelson schon mit 13 sein Elternhaus verlässt, um auf die Militärakademie zu gehen, hat mich überrascht, aber seine Familiengeschichte ließ offensichtlich keinen anderen als den vom Vater und Großvater ausgetretenen Weg zu. - 30 Jahre später ist Jonathan Quick, der einzige Junge, der je an Nelson Interesse gezeigt hat, Vater eines Sohnes, der am Pfadfinderlager Camp Chippewa teilnehmen wird. Jonathan hat den elterlichen Betrieb übernommen und die Erwartungen der älteren Generation damit erfüllt. Leiter des Camp Chippewa ist Nelson, der nach seinem Einsatz mit den Green Barrets im Vietnamkrieg und unsteten Wanderjahren dort eine Heimat und einen neuen Lebensinhalt gefunden hat. Wieder werden einige Väter mit am Lager teilnehmen. Zwischen Jonathan und seinem Sohn Trevor scheinen die Rollen im Gegensatz zur vorigen Generation vertauscht zu sein. Der Vater kauft für eine Sauforgie im Lager ein; Trevor in der Rolle des Erwachsenen fragt sich, wie Jonathan seine Vorräte überhaupt vom Parkplatz ins Lager schaffen und welche Peinlichkeiten er sich dort noch leisten wird. Auch hier gab es kurz vor dem Camp eine Aussprache zwischen Vater und Sohn. Jonathan will dem 16-Jährigen offenbar die Liebe zu seiner Freundin Rachel ausreden und vergreift sich dabei erheblich im Ton. Im mittleren Teil des Romans handeln Butlers Figuren kaum, versteigen sich zu schwer erträglichem Pathos und stellen damit die Geduld der Leser auf eine harte Probe. - Wieder eine Generation später bereitet sich Rachel, Trevors Jugendliebe, mit ihrem Sohn Thomas auf das sprichwörtliche Sommercamp vor. Mit Rachel haben sich die eingefahrenen Routinen geringfügig geändert. Sie ist Feldbiologin, liebt die Natur, und anders als die Väter-Generationen vor ihr, sieht sie ihren Sohn realistisch und spricht Konflikte mit Thomas direkt an. Mit der Tradition ganz zu brechen, wagt Rachel offenbar nicht. So wird Thomas von ihr gedrängt, seinem Vater zuliebe noch ein letztes Mal gute Miene zum Spiel zu machen. Ihr Sohn ist typisches Mitglied der Generation Handy und hat nicht vor, das im Camp zu ändern. Ein weiterer Zeitsprung in die Zukunft des Jahres 2019 zeigt Rachel und Thomas in ungewöhnlicher Umgebung. Die beiden abschließenden Abschnitte bildeten für mich einen sonderbaren Gegensatz zum ersten Teil mit seinem Fokus auf einem gemobbten Außenseiter, der die Träume seines Vaters verwirklicht, der alles andere als ein Held war. - „Die Herzen der Männer" wirft die Frage auf, warum Eltern ihre Kinder nötigen, in die eigenen Fußstapfen zu treten, selbst wenn der gesunde Menschenverstand dagegen spricht. Pfadfindertugenden als Vorstufe zu soldatischer Disziplin werden im Roman nicht infrage gestellt, das müssen Butlers Leser schon selbst übernehmen. Ein Buch über Väter und Söhne - nicht nur für Männer.

Bewertung vom 07.01.2018
Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Wolk, Lauren

Eine Insel zwischen Himmel und Meer


ausgezeichnet

Das Baby in dem angetriebenen Boot hatte so lange geschrien, bis es nur noch ein schwaches Krächzen hervorbrachte. Crow, Krähe, nennt der Mann auf der Insel das Findelkind und versorgt es, so gut er kann. Auf der Nachbarinsel Cuttyhunk, die ebenfalls zur Elisabeth-Inselkette nördlich von Martha’s Vineyard gehört, lebt Miss Maggie mit ihren glücklichen Kühen, Schafen und Hühnern. Daniel nannte sie den Fremden, der vor irgendeinem Krieg auf die Nachbarinsel floh und sich mit Fischen und Malen durchschlägt. Dass Daniel wirklich ein Baby versorgen kann, scheint Maggie schwer glauben zu können. So sieht sie regelmäßig nach den beiden, hilft bei Krankheit und unterrichtet Crow schließlich. Der Schulbesuch in der nächsten öffentlichen Schule dauerte nur einen Tag lang, weil Crow dunkelhäutig ist und die Einheimischen fürchten, sich bei ihr mit Lepra anzustecken. Auf der Roman-Insel Penikese hatte es früher eine Lepra-Kolonie gegeben; die meisten Patienten dort stammten aus Afrika und der Karibik. Die Handlung spielt um 1925; bis 1921 hat es auf der realen Insel Penikese tatsächlich eine Pocken- und Lepra-Kolonie gegeben, in der Kranke isoliert wurden.

Mit 8 Jahren fragt Crow zum ersten Mal nach ihrer Herkunft und interessiert sich für die Welt außerhalb der Insel. Das Mädchen findet heraus, dass ihre Mutter ihr nach ihrer Geburt einen Namen gegeben hat und ein wohlüberlegtes Ziel verfolgte, als sie ihr Baby dem Meer anvertraute. Das Schicksal des Findelkinds scheint eng mit der benachbarten Lepra-Kolonie verknüpft zu sein. Crows Neugier steht ganz im Gegensatz zu Oshs Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen und niemanden auf die Inselidylle aufmerksam zu machen. Cape Cod als altes Piraten-Revier wird von Geschichten über sagenhafte Schätze umrankt. Crows Suche nach ihren Eltern überkreuzt sich nun mit einer abenteuerlichen und äußerst gefährlichen Schatzsuche auf den sagenumwobenen Inselchen.

Eine Insel, ein Findelkind als Icherzähler, ein Pflegevater, eine gütige Ratgeberin und ein sagenhafter Schatz – daraus strickt Lauren Wolk die berührende Geschichte der Identitätssuche eines Kindes und der unausgesprochenen Ängste des Pflegevaters, seine Tochter zu verlieren, wenn sie erst einmal die Welt außerhalb der Insel kennengelernt hat. In ihrer Zeit beeindruckt Crow als ungewöhnlich unternehmungslustige Figur, die nicht konsequent die Perspektive eines Kindes einhält, das bis dahin die Inselgruppe noch nie verlassen hat. Für die Zielgruppe ab 10 Jahren bietet Lauren Wolks Jugendroman die komplexe Verknüpfung einer Coming-of-Age-Geschichte und einer abenteuerlichen Schatzsuche. Die Gegenüberstellung von biologischer und sozialer Elternschaft spricht jugendliche wie erwachsene Leser an; Crows Schicksal wird wohl keinen Leser unberührt lassen. Feine Verästelungen der Handlung werfen Fragen danach auf, was ein Mensch zum Leben braucht, nach der Entstehung von Vorurteilen gegenüber Außenseitern, aber auch nach Güte und Großzügigkeit.

Bewertung vom 19.12.2017
Die neun Prinzen von Amber / Die Chroniken von Amber Bd.1
Zelazny, Roger

Die neun Prinzen von Amber / Die Chroniken von Amber Bd.1


sehr gut

Neuauflage eines fünfbändigen Klassikers von 1970. Bei Klett-Cotta soll jeden Monat ein Band des Zyklus erscheinen.
Corwin von Amber ( Nine Princes in Amber. 1970)
Die Gewehre von Avalon (The Guns of Avalon. 1972)
Im Zeichen des Einhorns (Sign of the Unicorn. 1975)
Die Hand Oberons (The Hand of Oberon. 1976)
Die Burgen des Chaos (The Courts of Chaos. 1978)

Corwin von Amber hat nach einem Unfall sein Gedächtnis verloren. Auf der Erde ist er offenbar fremd und muss sich in Gesprächen mit Anderen erst zusammenreimen, was passiert ist. Er ist einer von insgesamt 15 Brüdern (und 8 Schwestern) des Herrscherhauses Amber, von denen nicht mehr alle am Leben sind. Alle scheinen über Amber informiert zu sein, nur Corwin tappt bisher im Dunkeln. Mehrere Brüder scheinen jeweils über einen Teil des Reiches zu herrschen, über die Stadt, den Wald und die Meere. Corwin beschließt, seinen derzeit regierenden Bruder Eric zu stürzen und um die Thronfolge zu kämpfen. Zum System Amber gehört die Geisterstadt Rebma, eine Reflexion Ambers, die sich im Meer spiegelt. Um nach Amber zu gelangen, muss Corwin mitsamt seinem Pferd einfach ins Meer eintauchen und immer tiefer nach unten steigen. Wichtige Phänomene sind in dieser phantastischen Welt „das Muster“, das zu durchschreiten ist, um Macht über „die Schatten“ zu erhalten und ein magisches Tarot-Spiel, das Corwins Geschwister anzeigen, in das er selbst hineinsteigen und in dem er mit anderen Figuren kommunizieren kann.

Der neu aufgelegte Einstiegsband in Roger Zelaznys Amber-Zyklus beantwortet zunächst Fragen, die sich Corwin nach seinem Gedächtnisverlust zu seiner Herkunft stellt. In die Geschichte steigt man als Leser Stufe für Stufe ein, ähnlich wie Corwin in seine heimatliche Welt. Das Zusammenwirken eines Musters und eines magischen Tarot-Spiels als Tor zur phantastischen Welt Ambers und das zeitlose Motiv des Nachfolgekonflikts um einen Herrscherthron wirken 50 Jahre nach Erscheinen des Originals für Neueinsteiger in den Zyklus unverbraucht. Zurzeit finde ich die Erzählweise und die Personenbeschreibungen noch sehr nüchtern und schmucklos erzählt. „Das Muster“ und die Unterwasserwelt der Königin Moire könnten mehr zu bieten haben, als ihre Einführung zunächst annehmen lässt.

Bewertung vom 01.12.2017
Über den wilden Fluss / His dark materials
Pullman, Philip

Über den wilden Fluss / His dark materials


ausgezeichnet

Im Gasthaus zur Forelle ist immer etwas zu tun und Malcolm Polsteads Eltern sind auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen. Malcolm ist ein liebenswürdiger, intelligenter Junge, der später gern Wissenschaftler wäre und der mit seinem Kanu gern bis aufs Meer paddeln würde. Das Gasthaus liegt im Oxford eines fantastischen Brytanniens. In Malcolms Welt hat jeder Mensch einen persönlichen Daemon in Gestalt eines Tieres, der ihn prägt und unterstützt. An Malcolms Daemon Asta lässt sich gut erkennen, dass der Junge noch nicht erwachsen ist; denn Asta kann noch verschiedene Gestalten annehmen. Bei einem Erwachsenen wird das nicht mehr möglich sein.

Im Gasthaus hat Malcolm sich nach den Wünschen seiner Eltern zu richten und verlässt sich bisher auf deren Menschenkenntnis. Für einen Elfjährigen handelt der Junge jedoch außerhalb seines Elternhauses bemerkenswert unabhängig und selbstständig. Er geht im Kloster Godstow aus und ein (zu dem er mit seinem Kanu „La Belle Sauvage“ paddelt), erledigt Aufträge für die Klosterschwestern und sperrt die Ohren auf, wann immer es etwas von den Nonnen zu lernen gibt. Als im Kloster ein Baby untergebracht wird, als drei geheimnisvolle Männer Malcolm über das Kloster auszufragen beginnen und als an Malcolms Schule der geheime Alexanderbund eine beängstigende Macht an sich reißt, beginnt für Malcolm ein Abenteuer im Kampf gegen das Böse und gegen ein Jahrhunderthochwasser, für das er allen gesunden Menschenverstand brauchen wird, den der im Gasthaus zur Forelle bisher entwickeln konnte. Gemeinsam mit dem Küchenmädchen Alice rettet Malcom das Baby Lyra und sorgt hier mit der entscheidenden Idee für die Grundlage, auf der die Trilogie „His Dark Materials“ erst entstehen konnte (die 10 Jahre später spielt). Bereits Baby Lyra hat hier ihren Dämon an ihrer Seite.

Als Leser der Dark-Materials-Trilogie ist man durch das Zusammenleben von Mensch und Daemon sofort wieder mitten in der Handlung und erfährt allerlei Wissenswertes über das Alethiometer, dessen Arbeitsweise bis zur Handlung dieses Bandes selbst zwölf Wissenschaftler nicht entschlüsseln konnten. Gefesselt hat mich außer dem puren Abenteuer im Kanu besonders Malcolms Entwicklung. Er wird förmlich aus der Idylle des Gasthauses katapultiert und muss lernen, andere Menschen ohne den Rat seiner Eltern selbst zu beurteilen. Besonders schwer muss es für ihn gewesen sein, dass er unter dem Einfluss des Alexanderbundes sogar Gleichaltrigen nicht mehr trauen kann. Alice wächst auch für Malcolm überraschend während der Rettungsaktion über sich hinaus.

Philip Pullman erzählt in leicht verschnörkeltem Stil und mit bemerkenswerter Liebe zum Detail. Sein Fantasy-Abenteuer bietet Erwachsenen wie Kindern Identifikationsmöglichkeiten, das Geheimrezept guter Bücher, damit sie von Lesern auf der ganzen Welt verstanden werden. Einzig die Altersempfehlung des Verlags erscheint mir etwas hoch angesetzt, bereits lesegeübten Zwölfjährigen, die 500 Seiten bewältigen oder die Trilogie kennen, empfehle ich das Buch mit Überzeugung.

Bewertung vom 08.11.2017
Leere Herzen
Zeh, Juli

Leere Herzen


ausgezeichnet

Offiziell betreibt Britta Söldner in Braunschweig eine kleine Praxis für Psychotherapie, Coaching und Ego-Polishing. Ungewöhnlich an ihrer Tätigkeit sind zunächst ein IT-Fachmann und ein eigener Serverraum. Wir befinden uns circa zwischen 2020 und 2030. In dieser verflixt nahen Zukunft weiß „niemand mehr, wofür oder wogegen er zu sein hat“. Angela Merkel ist im wohlverdienten Ruhestand; Frankreich scheint die EU verlassen zu haben. Das bedingungslose Grundeinkommen ist längst durchgesetzt, konnte aber offenbar die gesellschaftliche Spaltung nicht ungeschehen machen. Nicht alle Bürger können sich mit der Herrschaft einer Besorgte-Bürger-Partei abfinden. Burnout-Lebensläufe und Selbstmorde haben rapide zugenommen, obwohl das BBB-Regime seinen Untertanen Entscheidungen weitgehend abnimmt. Britta und Babak sind indessen konkurrenzlos erfolgreich in ihrer Branche. Sie bieten ein exaktes Scoring an, prüfen die Ernsthaftigkeit ihrer Kandidaten ähnlich gnadenlos wie die GSG9 ihre Bewerber und streichen am Ende einen fürstlichen Gewinn ein. Doch als in Leipzig ein Attentat aus dem Ruder läuft, spürt Britta, dass ihr auf ihrem ureigenen Spezialgebiet Konkurrenz droht. Wer hätte gedacht, dass es eine Frau sein wird, die sich der Macht der Algorithmen widersetzt.

Juli Zeh gibt mit ihrem spekulativen Politthriller Einblick in den Alltag zweier Paare, die jeweils ein grundschulpflichtiges Kind erziehen. Ähnlich wie in „Unterleuten“ seziert die Autorin gnadenlos die kleinbürgerliche Idylle bildungsbeflissener Eltern mit all ihren Lebenslügen. Soziales Geschwafel vom „5. Effizienzpaket“ verschlägt einem die Sprache mit seiner Nähe zu Politikern, deren wohltönende Projekte allein dem kleinen Mann in die Tasche greifen, oder zu einem Staat, der vom Zwangsumtausch seiner Besucher existierte. Spannend fand ich von der ersten Szene an das Rätseln, ob ich mich wirklich in der Zukunft befinde und wohin die ganze Chose führen soll. Zu nah an der Realität sind die Entwicklungen, um sich beim Lesen damit aus der Affäre zu ziehen, dass es sich hier um eine Utopie handelt. Brittas und Babaks zynisches Geschäftsmodell katapultiert den Leser gnadenlos mitten in die Gegenwart. Gerade weil ich nach „Unterleuten“ Schlimmeres, Zynischeres von Juli Zeh erwartet hatte, verblüfft mich ihre analytische Eleganz. Wie jemand sein Geld verdienen kann – und vor allem, wer die Zeche zahlt – das ist unbedingt lesenswert.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.10.2017
Der Fall Kallmann
Nesser, Håkan

Der Fall Kallmann


ausgezeichnet

Leon kommt als Schwedischlehrer neu an die Bergtuna-Schule in einer schwedischen Kleinstadt. Er hat kurz zuvor Frau und Tochter durch einen Unfall verloren. Ludmilla, die Beratungslehrerin der Schule, überredete Leon zu einem Neuanfang. Leons Vorgänger Eugen Kallmann war an der Schule eine Legende. Kallmann ist unter bisher ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Auch Kallmann kam, ähnlich wie Leon, erst in höherem Alter an die Bergtuna-Schule – und das, obwohl sonst niemand in die Kleinstadt zurückkehrt, der es einmal von hier fort geschafft hatte. Kallmann beschäftigte sich leidenschaftlich mit Literaturgeschichte und - aus persönlicher Betroffenheit - mit ungelösten Kriminalfällen. Auf einer Skala von etwas sonderbar bis zu einer Figur, die sich hier in der Kleinstadt nach einem Fehltritt eine neue Identität zulegt, konnte ich mir unter Kallmann die verschiedensten Persönlichkeiten ausmalen. Immerhin ist der Mann lange vor dem Zweiten Weltkrieg geboren und die Lücke in seiner Biografie könnte ihre Ursache in der Kriegszeit haben. Komplizierter wird es, als die Schülerin Andrea entdeckt, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. Andreas Geburt vor 15 Jahren fand zu einer Zeit statt, die auch in Kallmanns Biografie eine Rolle spielt. Schließlich kommt es an der Schule zu antisemitischen und ausländerfeindlichen Zwischenfällen. Zeit dafür, dass die bis dahin komplexe Handlung wieder in ruhigeres Fahrwasser gelangt.

Mehrere Icherzähler nähern sich einem Gesamtbildbild des rätselhaften Kallmann an - Ludmilla, die Beratungslehrerin, Leon, der den Verlust seiner Familie lange noch nicht überwunden hat, Ulrika, die von einem reisenden Pub-Musiker schwanger wurde, die Schülerin Andrea auf Identitätssuche im Team mit ihrer Freundin Emma und der Lehrer Igor. Jeder Icherzähler hat Informationen zu weiteren Personen beizutragen, so dass die ersten Kapitel einen Berg von Details anhäufen. Die subjektive Sicht eines Icherzählers lässt die Möglichkeit offen, dass etwas verschwiegen oder geschönt sein könnte. In einem Ort, an dem die Lehrer schon die Eltern ihrer heutigen Schüler unterrichteten, existieren jedoch unzählige Verknüpfungen, die den Fall Kallmann endgültig ausleuchten könnten.

Kallmanns sorgfältig datierte Tagebücher arbeitet das erwachsene Detektiv-Team durch, während der Schüler Charlie eine eigene Recherchemethode entwickelt hat. Zeitweilig fühlt man sich wie im Cluedo-Spiel, indem in jeder Runde Verdächtige und Beweismittel neu gemischt werden. „Der Fall Kallmann“ dreht sich um einen ungelösten Todesfall, ist jedoch kein Kriminalroman. Neben dem zentralen Thema Schule steht Trauer im Mittelpunkt des Romans, auch die Erschöpfung von Lehrern, die noch mehr als 10 Berufsjahre vor sich haben. Zentrale Person war für mich Ludmilla, die beim Wechsel vom Unterrichten zur Beratungslehrerin schon einmal die Weichen in ihrem Leben neu gestellt hatte. Sie zeigt sich einerseits so besonnen, wie ihre Aufgabe es erfordert, nimmt jedoch zu den Mängeln des schwedischen Schulsystems entschieden Stellung.

Ein Roman, bei dem der Weg das Ziel ist, in Nessers charakteristischem Rhythmus erzählt – und wie ein Kaleidoskop, dessen Bild sich bei der leisesten Bewegung verändert.

Bewertung vom 26.09.2017
Nachtlichter
Liptrot, Amy

Nachtlichter


ausgezeichnet

Amy Liptrots Mutter kann ihrem Mann noch ihre neugeborene Tochter zeigen, bevor er von der Hauptinsel der Orkneys aufs schottische Festland in eine psychiatrische Klinik ausgeflogen wird. Der verstörende Prolog zu Liptrods biografischem Roman zeigt, zwischen welchen Extremen die Autorin aufgewachsen ist. Ihre Eltern stammten nicht von den Orkneys und wagten dennoch eine Existenzgründung als Schafzüchter in der Nähe des Steinzeitdorfs Skara Brae. Amy und ihr jüngerer Bruder verlebten eine idyllische Kindheit zwischen einer extrem religiösen Mutter und einem seit seiner Jugend manisch-depressiven Vater, die spätestens mit Amys Pubertät ein abruptes Ende findet. Amys Traum von Komfort, Glamour und einem Leben in der Großstadt endet in Alkoholabhängigkeit mitten in der Londoner Künstler- und Musikerszene. Früh ahnt sie, dass diese Szene ihr Verderben sein wird. Nach einer anstrengenden ambulanten Therapie kehrt Liptrot schließlich auf die Inseln zurück, um mit einer selbst verordneten Prüfung in Einsamkeit ihrer Sucht zu trotzen. Anfangs zählt sie die Tage, die sie ohne Alkohol übersteht. Erst die heimatlichen Inseln lassen Liptrot die Gemeinsamkeit von Manie und Sucht in ihrer Familienbiografie erkennen. Die Arbeit auf der Farm vermittelt Amy wieder Selbstachtung; schließlich hat sie Erfahrung darin, seit die Kinder in Krankheitsphasen des Vaters gemeinsam mit der Mutter den Hof managten. Eine befristete Arbeit als Vogelforscherin zeigt Amy als überraschend kompetente Expertin in Geschichte und Ökologie der Inselgruppe, der ich von diesem Punkt an leidenschaftlich wünschte, dass sie auf den Inseln eine Lebensgrundlage finden würde. Die titelgebenden Nachtlichter sind leuchtende Nachtwolken (NLC), ein neu entdecktes meteorologisches Phänomen, mit dem Amy sich auf der Insel befasst.

Liptrots Suche nach den Spuren einer belasteten Kindheit fügt eine schonungslose Alkoholiker-Biografie mit ihrer kompetenten Bestandsaufnahme zusammen vom aktuellen Leben auf einer abgelegenen Inselgruppe. In Zeiten des Internets und der Energiegewinnung aus Wasser- und Windkraft könnten nach einer Phase der Abwanderung die Inseln in Schottlands hohem Norden zukünftig wieder mehr Menschen Arbeit bieten. Die schlüssige Darstellung regionaler Traditionen und ökologischer Zusammenhänge bis zu Anekdoten über Schiffswracks und Strandgut fügen sich zum zeitgemäßen Bild eines Insellebens an Europas nordöstlichem Rand. Ganz ohne Romantisierung und Larmoyanz kann Amy Liptrots Biografie einer Inselbewohnerin Naturliebhaber, Schottlandfans und Biografienleser gleichermaßen fesseln.

Bewertung vom 03.09.2017
Der Preis, den man zahlt
Pérez-Reverte, Arturo

Der Preis, den man zahlt


sehr gut

Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) bestanden enge Beziehungen zwischen dem Putschisten des Generals Franco, dem nationalsozialistischen Deutschland und deutschen Rüstungsunternehmen. Kurz bevor das Deutsche Reich im Herbst 1936 die Franco-Regierung anerkennen wird, spielt der erste Band von Antonio Pérez-Revertes Agenten-Reihe um Lorenzo Falcó. Es sind chaotische Zeiten, in denen „jede politische Gruppierung ihren eigenen Geheimdienst und ihre eigene Miliz“ hat.

Das erste Kapitel zeigt bereits Falcós Dilemma auf. Als Agent muss er sich jederzeit auf seine Menschenkenntnis und seine Reflexe verlassen können. Als Befehlsempfänger hat er Aufträge des spanischen Geheimdienstes auszuführen und nicht zu diskutieren. Wie wird er reagieren, wenn Pflicht und Instinkt sich nicht vereinbaren lassen? Auf der Zugfahrt von Paris nach Barcelona soll Falcó eine Frau identifizieren. Er durchschaut die elegante Erscheinung sofort. Sie ist nicht die Dame von Welt, die sie zu sein vorgibt. Seine sorgfältige Beobachtungsgabe ist Lorenzo Falcós Kapital als Mitglied der Spezialeinheit Grupo Lucero. Der nächste Auftrag der Gruppe wird die Befreiung des prominenten Falangisten-Führers José Antonio aus dem Gefängnis von Alicante sein. Dabei arbeitet Falcó u. a. mit einer kleinen lokalen Zelle zusammen, die aus nur drei Mitgliedern besteht, darunter zwei Frauen. Falcó wirkt wie ein als Kavalier verkleideter Schurke, eine Rolle, mit der er bei Frauen offenbar Schlag hat. Fragt sich nun, ob der Mann aus gutem Haus, der als Kadett gleich wieder aus der Marine-Akademie entlassen wurde, seine private und seine dienstliche Sicht auf Frauen miteinander vereinbaren kann. In Spanien ist der zweite Band „Eva“ bereits erschienen.

Mit Lorenzo Falcó hat Pérez-Reverte eine charismatische Agenten-Figur geschaffen, die das Leben für einen einzigen Spielplatz hält und ihren Kopf bisher offenbar immer gerade rechtzeitig aus der Schlinge ziehen konnte. Mit den Augen Falcós beobachtet der spanische Autor die Ereignisse exakt wie ein Fotograf oder ein Maler ein Model betrachten würde.

Bewertung vom 03.09.2017
Drei Tage und ein Leben
Lemaitre, Pierre

Drei Tage und ein Leben


ausgezeichnet

Antoine hat sich mit Theo und seinen Freunden im Wald ein Baumhaus gebaut. Doch als einer der Jungen eine Playstation geschenkt bekommt, hocken die Jungen nur noch bei ihm und Antoine bleibt allein. Antoine steckt mit 12 Jahren wie zwischen Baum und Borke. Während sein Baumhaus noch fest in einer kindlichen Abenteuerwelt verankert ist, nimmt er bereits die körperliche Entwicklung der pubertierenden Émilie wahr. Antoine muss sich nun nicht mehr mit Theo als selbst ernanntem Anführer herumschlagen. Er beginnt ein gewaltiges Bauprojekt, in das er sogar eine Seilrolle integriert, um Odysseus hochzuziehen, den Hund der Nachbarn. Odysseus ist wie ein Gefährte für ihn, Antoine darf selbst keinen Hund halten. Als Spielkamerad bleibt ihm nur der 6-jährige Rémi, der ihm vertrauensvoll in den Wald folgt. Nachdem Monsieur Desmedt vor Antoines Augen den Hund Odysseus getötet hat, zerstört Antoine in einem gewaltigen Wutausbruch die Hütte und erschlägt im Affekt Rémi. Die Suchaktion nach dem Kleinen bleibt erfolglos; denn Antoine hat die Leiche versteckt und verschweigt, dass Rémi mit ihm im Wald war. Selbst wenn die Polizei Antoines Version der Ereignisse glauben würde, bliebe immer noch die Frage, wie ein Zwölfjähriger ohne Hilfe Erwachsener mit der Schuld weiterleben soll, dass er getötet hat.

Die Tat und Antoines erste Lüge wirken wie ein Stein, den man ins Wasser wirft, um den sich größer werdende Kreise bilden. Diese Ringe entstehen aus der Reaktion der Mutter auf Antoines auffälliges Verhalten nach der Tat, die schwierige wirtschaftliche Situation im Dorf, falsche Verdächtigungen untereinander und die Folgen des Orkans Lothar (1999). Feuerwehr und Bürgermeister können die Suche nach Rémi nicht fortsetzen, weil sie mit den Schäden durch den Orkan ausgelastet sind. Antoines Tat scheint vorerst unentdeckt zu bleiben, doch die Erinnerung an Rémis Tod wird ihn nicht mehr loslassen. Der Junge verlässt das Dorf so bald wie möglich und kehrt erst 12 Jahre später zu einer Feier zurück. Antoine ist im letzten Studienjahr seines Medizinstudiums und plant, als Arzt in ein unterentwickeltes Land zu gehen – eine möglichst große Distanz zwischen sich und seinem Heimatdorf schaffen. Rein juristisch ist Mord in Frankreich nach 10 Jahren verjährt, doch für den, der niemals reinen Tisch gemacht hat, stellt sich das anders dar. Nachdem der mittlere Teil die Vergangenheit wieder aufgewühlt hat, entwickelt de r überraschende Schluss beinahe Krimi-Qualität.

In einfacher Sprache lässt Pascal Lemaitre einen auktorialen Erzähler Antoines Ängsten und Alpträumen bis ins Erwachsenenalter folgen. Erschreckend fand ich von Beginn an die Zwangsläufigkeit der Ereignisse, die sich bereits ankündigen in der stoischen Art, in der Mutter und Sohn auf die Trennung vom Vater reagieren. Mit Antoines Heranwachsen und seiner Distanz zum Mikrokosmos Dorf schleicht sich jedoch zunächst eine bissige Note in den Erzählton, gefolgt von einer Prise Krimi. Der feinfühlige Einblick in die Gefühle eines Jugendlichen war für mich der stärkste Teil eines insgesamt großartigen Buches.