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Benutzername: Buchdoktor
Wohnort: Deutschland
Über mich: Romane, Krimis, Fantasy und Sachbücher zu sozialen und pädagogischen Tehmen interessieren mich.
Danksagungen: 22 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 602 Bewertungen
Bewertung vom 06.07.2017
Sieben Nächte
Strauß, Simon

Sieben Nächte


ausgezeichnet

An der Schwelle zum dritten Lebensjahrzehnt muss sich der namenlose junge Icherzähler keinen sonderbaren Riten seiner Clique unterwerfen. Nur eine Person stellt Forderungen an ihn. In sieben Nächten soll er jeweils eine der sieben Todsünden begehen und anschließend darüber schreiben. Bisher war der Icherzähler vermutlich so durch sein Leben gerutscht, ohne sich festzulegen. Mit 30 wird von ihm schon bald Karriere und Familiengründung erwartet. Auch wenn der Erzähler seine Eigenheiten bewusst und selbstkritisch analysiert, wirkt sein Leben wie eine leere Comic-Blase, die erst noch gefüllt werden muss. Einziger Fixpunkt darin war 2011 sein 18. Geburtstag, zu dem in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Allein aus diesem Übergang ins Erwachsenenalter, von nun an ohne Prüfung des eigenen Standpunkts gegenüber dem Wehrdienst, könnte ein Roman mit hunderten von Seiten entstehen. Dem Erzähler fehlt ohne die Wahl zwischen Dienen oder Verweigern ein Initiationsritus, die Auseinandersetzung mit den Kriegserfahrungen von Vater und Großvater, mit denen er sich zuvor hätte befassen müssen, um vor der Prüfungskommission seine Einstellung aufzublättern.

Hochmut, Völlerei, Faulheit, Geiz/Habgier, Neid/Missgunst, Wollust und Jähzorn – es scheint mehr verachtenswerte Eigenschaften zu geben, als in die Liste der sieben Todsünden aufgenommen wurden. Kindliche Größenfantasien, dass die Welt ihn dringend braucht, entstehen in einer dieser Nächte, mit dem Wunsch konkurrierend, sich in Bartleby’scher Manier vor den Anforderungen der Gemeinschaft zu drücken. Das Kapitel über die Faulheit zeigt sich als entlarvende Analyse einer schnelllebigen Gesellschaft, in der Dienstleistungen zwar nachgefragt, aber nicht mehr freiwillig für die Gemeinschaft geleistet werden. Der Neid auf die vorhergehenden Generationen verwundert nicht, von denen eine stolz auf ihre Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg blicken konnte und die folgende gegen den Muff unter den Talaren aufmuckte. Für die Enkel blieben keine Feinde, die zu hassen, keine Umstürze, die zu planen waren. Das Abarbeiten der Sündenliste, mit der der junge Erzähler sich für den Übergang qualifizieren soll, geschieht in wachsender Angst davor, abgehängt zu werden von Altersgenossen, die beruflich und privat ein flotteres Tempo vorlegen, als er sich für sein nächstes Lebensjahrzehnt vorstellen kann.

Die Überhöhung der Schwelle zum 30. Lebensjahr durch die, die den Übergang noch vor sich haben, stellt Simon Strauß im Roman seiner Generation meisterhaft und glaubwürdig dar. Je nachdem, ob man selbst die dritte Null noch vor sich oder schon hinter sich hat, überwiegen tragische oder komische Anteile.

Bewertung vom 06.07.2017
Gray
Swann, Leonie

Gray


sehr gut

Beim Klettern über die Dächer des King's College in Cambridge stürzt der Student Elliot Fairbanks in den Tod. Augustus Huff, der Tutor des jungen Mannes, sieht sich plötzlich damit konfrontiert, dass Elliot einen Graupapagei hinterlässt, den er für Versuche zu seiner Promotion trainiert hatte. So kommt Huff zu seinem Mitbewohner Gray, der Stimmen imitiert, herum bröselt, alles vollk.ckt und peinliche Schlager schmettert. Dummerweise leidet Huff unter einer Zwangsstörung, er bezwingt die Zumutungen dieser Welt mit ständigem Händewaschen und peniblen Ritualen. Das Zusammenleben von Mensch und Tier kann eigentlich nur im Chaos enden. Mann und Papagei bilden ein ungewöhnliches Team. Gray macht Dreck und bringt Huff fortwährend in peinliche Situationen, die der normalerweise nicht erträgt. Gray hat als Versuchstier bei Elliot jedoch auch gelernt, Gegenstände zu klassifizieren: rund, rot, weiß, eckig. Die gnadenlose Konsequenz, mit der der Graupapagei Dingen eine Schublade zuweist, bringen wieder Ordnung ins Chaos und Huff damit von seiner Palme wieder auf den Teppich. Während Huff Elliots Tod aufzuklären versucht, muss er dessen Persönlichkeitsbild einige Male der Realität anpassen. Jemand hat aus luftiger Höhe Fotos geschossen, mit denen prominente Mitglieder des Lehrkörpers zu kompromittieren wären. Fragt sich nur, warum. Der Schlüssel zur Auflösung des Falls ist Gray mit seiner Fähigkeit Muster zu erkennen, nur muss dazu erst Augustus erkennen, wie Gray tickt.

Keks? Traube? Nuss?

Dass hier nicht etwa ein Tier ein Verbrechen aufklärt, sondern die Bezugsperson eines Graupapageis zuerst die Persönlichkeit des Vogels studieren muss, hat mich sofort in Leonie Swanns Papageien-Krimi hineingezogen. Da der Figur August Huffs nach meinem Eindruck die Tiefe fehlte, war nach der ersten Hälfte des Buches jedoch die Luft aus dem Fall im ehrwürdigen Cambridge raus. Ich könnte mir vorstellen, dass bis zu dem Punkt einige Leser das Buch abbrechen. Das Wie (wie ist es, dieser circa 30-jährige Zwangscharakter Augustus zu sein?) und das Warum (warum ist ein Zwangserkrankter Fassadenkletterer, wie wirken sich seine Zwänge auf sein Klettern aus und würde ein Zwangserkrankter seine Zwänge von sich aus reflektieren?) waren für meinen Geschmack in einem Roman von 400 Seiten nicht ausreichend logisch miteinander verknüpft. Zwar werden einige biografische Daten zu Augustus genannt, aber leider nur genannt, nicht zu einem überzeugenden Persönlichkeitsbild ausgearbeitet. Mit den Ermittlungen in Elliots Umfeld zog die Spannung in der zweiten Hälfte unerwartet wieder an. Mit einem gerührten Lächeln und der leicht boshaften Einsicht, dass Gray als Teilnehmer eines festlichen Dinners am King's College problemlos den Smalltalk bestreiten könnte, habe ich den Roman über ein ungewöhnliches Ermittler-Gespann zugeschlagen.

Bewertung vom 13.06.2017
Als wir unbesiegbar waren
Adams, Alice

Als wir unbesiegbar waren


ausgezeichnet

Vier unzertrennliche Freunde verbringen ihren letzten Sommer miteinander, bevor ihre Wege sich trennen werden: die Geschwister Sylvie und Benedict, Eva und Lucien. Eva stammt aus einfachen Verhältnissen in der Provinz und musste sich ihr Studium hart erarbeiten. Als Benedict Eva ins Ferienhaus seiner Familie auf Korfu einlädt, ahnt er nicht, dass ein Mädchen wie Eva für einen Urlaub am Meer schlicht nichts anzuziehen besitzt. Beide verpassen den kurzen Moment, in dem aus Vertrautheit mehr hätte werden können als Freundschaft. Benedict heiratet innerhalb seiner Gesellschaftsschicht und geht ans CERN in die Schweiz. Seine Heirat schließt Eva demonstrativ aus Benedicts Kreisen aus. Sie muss sich fragen, ob sie einen Mann lieben könnte, dem Konventionen so viel bedeuten, dass er ihnen vorauseilend gehorcht. Obwohl Eva Physik studiert hat, steigt sie als Junior Traderin für Zinsderivate bei Morton Brothers in den Londoner Docklands ein. Schönheit und Intelligenz sind für eine Bankerin zwar nützlich, meint Kollege Paul. Als Bankerin braucht sie jedoch Beziehungen, um vorwärts zu kommen. Während unter ihren Kollegen gnadenlos ausgesiebt wird, besteht Evas Alltag aus 11 Meetings in 6 Ländern an 8 Tagen. Wann Eva einen Fehler macht, der sie den Kopf kosten wird, scheint nur eine Frage der Zeit. Lucien nimmt sich inzwischen ein Leben als Freigeist vor, als DJ oder Drogenhändler. Sylvie hofft, sich als Künstlerin durchsetzen zu können. Eine Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg führt das Kleeblatt 2000 noch einmal zusammen. Mit gegensätzlichen Talenten und Startchancen sind die Vier angetreten. Wie in einer Versuchsanordnung ist nun zu beobachten, ob Aufstieg durch Leistung möglich ist und ob dabei zwangsläufig ein Verlierer zurückgelassen wird.

Zwischen 1995 und 2015 kann das Vagabundieren der Freunde verfolgt werden, in der Zeit bis zu ihrem 40. Lebensjahr Beim Erwachsenwerden müssen die Figuren zunächst fallen. Doch wie oft kann man fallen und wieder aufstehen? Die Konstellation von vier Freunden scheint eine magische, ausgewogene Zahl für einen Entwicklungsroman zu sein. Dennoch habe ich mich gefragt, wer eine zentrale Rolle einnimmt – und warum. Wer spielt hier den Egoisten, wer den treuen Freund; wer jammert und wer packt in der Krise mit an? Welche Enttäuschungen übersteht eine Freundschaft? Hört etwa bei Geld die Freundschaft auf? Entstehen neue Lebensformen als Kontrast zur Kleinfamilie? Falls jemand den richtigen Moment verpasst hat, gibt es eine weitere Chance?

In Ihrem Roman über das Schmerzen des Erwachsenwerdens erfindet Alice Adams das Rad des Familienromans nicht neu. Klar, Geld beruhigt, aber es macht nicht glücklich. Die Handlung in ihrem beachtlichen Erstling war für mich nicht vorhersehbar und darum spannend, in leicht melancholischer Tonlage und weitgehend unkitschig erzählt.

Bewertung vom 13.06.2017
Sieh nichts Böses / Kommissar Dühnfort Bd.8
Löhnig, Inge

Sieh nichts Böses / Kommissar Dühnfort Bd.8


ausgezeichnet

Bei der jährlichen Polizeihunde-Prüfung der Münchener Kripo findet an einem ungemütlichen November-Tag eine Leichenspürhündin zufällig eine Leiche. Die Prüfungskommission hatte diesen Fund sicherlich nicht für die Suchhunde präpariert; die Leiche war kurz zuvor im Sturm durch einen stürzenden alten Baum freigelegt worden. Mit der Ermittlung der Familienverhältnisse der Toten sucht Dühnfort im 8. Band der Reihe zugleich nach denkbaren Verknüpfungen zwischen dem Opfer und seinem möglichen Mörder. Wichtiges Indiz ist eine bei der Toten gefundene Figur, auf die sich u. a. der Buchtitel bezieht. Konstantin Dühnfort ermittelt, dass die Tote von ihren Angehörigen nicht als vermisst gemeldet wurde und man sich ihr Verschwinden reichlich hastig mit ihren Schulden erklärte. Für Dühnfort und seine frisch angetraute Frau Gina sind ungeklärte Kriminalfälle vertrautes Gebiet, da Gina bei der Kripo im Team für Cold Cases tätig ist. In einem parallelen Handlungsfaden gerät eine weitere junge Frau in finanzielle Schwierigkeiten. Inge Löhnigs Leser können nun gespannt mit fiebern, ob Dühnfort die Zusammenhänge schnell genug durchschaut, um den Täter festzusetzen und weitere Opfer zu verhindern. Mehrere Fährten zum Täter werden ausgelegt und fast bis zum Schluss des Romans offen gehalten, indem die Autorin Lösungsmöglichkeiten skizziert und zugleich Zweifel daran sät. Auch das Privatleben von Dühnfort und Gina findet Beachtung, in dem aktuell nicht nur Freude und Sonnenschein herrschen. Bis zur Lösung des Falls kommt es zu einigen überraschenden, aber durchaus glaubwürdigen Wendungen. Ob Dühnfort auf seinen Instinkt vertraut oder mit Wahrscheinlichkeiten jongliert - bei jedem Lösungsansatz habe ich befürchtet, dass er auf der falschen Fährte sein könnte und Täter oder Täterin ungeschoren davonkommen würden.

Löhnigs Figuren können in einem komplexen Plot jede nur ihre eigene Wahrheit anerkennen, was sie für mich sehr menschlich gemacht hat. In ihre Alltagprobleme konnte ich mich gut hineinversetzen. Erst die Familienkonflikte und Beziehungsmuster machen die Handelnden zu Opfern, Tätern oder Zeugen. Sehr ansprechend fand ich die Genauigkeit, mit der Schauplätze und persönliche Eigenheiten geschildert wurden; besonders die Charakterisierung von Nebenfiguren und Darstellung ihrer Berufe. Wie Jutta Probst per Weichteilrekonstruktion ein Phantombild einer jahrealten Leiche erstellt, verdeutlicht z. B., wie Spezialisten in ein Ermittler-Team eingebunden werden. Auch wenn ich noch nicht alle Dühnfort-Bände gelesen habe, lief mein Einstieg in den neuesten Band problemlos.

Bewertung vom 08.06.2017
DuMont Reise-Handbuch Reiseführer Südkorea
Rau, Joachim

DuMont Reise-Handbuch Reiseführer Südkorea


ausgezeichnet

Das Reisehandbuch Süd-Korea ist die 3. aktualisierte Auflage der Ausgabe von 2013.

Gegliedert ist der Band in eine kurze Planungshilfe und Kapitel zu den einzelnen Landesteilen. Die Planungshilfe verweist auf die einzelnen Kapitel und schlägt 3 Modell-Rundreisen (Dauer 14 bis 21 Tage) vor. Die Einzelkapitel werden jeweils von einer Zusammenfassung eingeleitet, die besondere Routen und persönliche Tipps des Autors hervorhebt. Eingeschoben, farblich abgesetzt und über das Inhaltsverzeichnis erschlossen sind Reportagen zu historischen und sozialen Themen, sowie unter dem Stichwort „aktiv“ Tipps für Wanderungen, Radtouren u. ä. Aktivitäten. Die allgemeinen Reiseinformationen auf grünem Papier sind mit einem Griff zu finden. Alle Pläne und Detail-Karten sind über das Inhaltsverzeichnis erschlossen und mit einem übersichtlichen Farbcode versehen.

Die lose Karte in der hinteren Deckelklappe im Maßstab 1:600 000 und Stand 2017 enthält eine Karte der Insel Jejudo (1:200 000) und einen Metroplan für die Region Seoul.

Joachim Rau hat Süd-Korea intensiv bereist, was seinem umfangreichen Korea-Handbuch auch anzumerken ist. Da bei uns Nachrichten aus Japan und China dominieren, führte das „Land der Morgenstille“ im Bewusstsein vieler Europäer bisher noch ein Schattendasein. Als Student, Individual-Tourist oder als Berufstätiger muss man sich in einer Kultur orientieren, deren Schrift man anfangs noch nicht lesen kann. Die Probleme, die daraus entstehen, benennt Rau zwar, bietet jedoch für die Situation keine nennenswerten Tipps, außer sich seine Ziele für Hin- und Rückweg auf Koreanisch aufschreiben zu lassen. Sein Kapitel zum Thema Essen mit der Schreibweise der wichtigsten Gerichte und den Vokabeln für „mild“ und „scharf“ ist für den Einstieg in koreanisches Essen sehr hilfreich, gerade wenn man sich außerhalb der Hauptstadt seltener auf Englisch verständigen kann. Hervorzuheben sind die empfohlenen Wanderungen, Radtouren und eine spektakuläre Fahrt mit einer Draisine, die besonders Besuchern zugutekommen, die länger im Land bleiben. Gerade weil Korea als Reiseziel bisher ein Schattendasein geführt hat, sind die Kurzreportagen, landeskundlichen Informationen z. B. über den prägenden Konfuzianismus und Infos über mögliche auf den Geschäftsreisen lauernde Fettnäpfchen hilfreich. Auf 1 bis 2 Buchseiten kann in den Reportagen natürlich nicht in die Tiefe gegangen werden, was sich beispielhaft an der leicht oberflächlichen Darstellung des Taekwondo als Kunst des "Bruchtests" zeigt. Da Süd-Korea zunehmend Ziel von Geschäftsreisenden ist, die für südkoreanische Auftraggeber tätig sind, fände ich spezielle Kapitel für Berufstätige und auch für Studenten im Auslandssemester nicht schlecht.

Raus Korea-Handbuch ist umfangreich, aktuell und übersichtlich strukturiert.

Wer noch nicht in anderen asiatischen Ländern gereist ist, sollte sich zusätzlich einen Länderknigge leisten, wie Reisegast in Korea oder Fettnäpfchenführer Korea: Auch ein Affe fällt mal vom Baum.

Bewertung vom 08.06.2017
China für die Hosentasche
Hauser, Françoise

China für die Hosentasche


ausgezeichnet

Als China-Veteranin, die das Land 1989 zum ersten Mal besuchte, war die Ostasienwissenschaftlerin Francoise Hauser immer wieder mit dem rasanten Wandel des Reichs der Mitte konfrontiert. Den schnellen Takt hat das Land beibehalten und dabei auf technischem Gebiet so manche Entwicklungsschritte anderer Staaten ausgelassen. 95% der Chinesen nutzen heute ihr Handy als Fenster zur Welt, so dass von einer Nation digitaler Pioniere gesprochen werden kann. Höchst interessant, wie viel in China per Handy gelesen wird. Autoren digitaler Fortsetzungsromane können mit ihren Werken sogar Millionär werden; der Spitzenreiter verdient 4,3 Millionen Euro im Jahr. In Hausers kleinem roten Buch geht es u. a. darum was jemanden (aus eigener oder fremder Perspektive) zum Chinesen macht, um Auslandschinesen und nationale Minderheiten. Die Autorin stillt die Neugier ihrer Leser zu Millionenstädten und rekordverdächtigen Bauten (Brücken, Türme, Eisenbahnstrecken). Es geht ums Alltagsleben, um den Stadt-Land-Konflikt und seine Folgen für die Bildung, um private Träume und Vorstellungen einer idealen Ehe. Warum eine wohlhabende Mittelschicht kein Interesse an Reformen hat, ist zu erfahren und wie sich in China Naturkatastrophen und politische Stabilität gegenseitig beeinflussen sollen. Ergründet wird, ob das Land kommunistisch oder kapitalistisch ist, welchen Einfluss Konfuzius auf chinesische Wertvorstellungen hat und was Chinesen heute über Mao Zedong denken. Hauser berichtet über boomende Industrien, die nicht zu übersehenden Umweltprobleme und den Rohstoffhunger des Landes. Schließlich geht es um chinesischen Pragmatismus, der sich u. a. in der Verhandelbarkeit von Vorschriften zeigt oder der Haltung, dass es noch nie geschadet hat, mehreren Religionen anzuhängen.

China lässt sich tatsächlich aus seiner Geschichte begreifen, auch wenn jüngeren Bürgern das heute nicht bewusst sein muss. Leser des kompakten Büchleins werden ihr China-Bild in schnellen Schritten mehrfach anpassen und von liebgewonnen Vorstellungen Abschied nehmen müssen, die man irgendwann einmal über das Land gehört hat. Symbole der chinesischen Kultur kann man hier verstehen lernen – und wie man um die Ecke denkt.

Bewertung vom 08.06.2017
Nach der Flucht
Trojanow, Ilija

Nach der Flucht


sehr gut

In knappen Lebensweisheiten erzählt Ilija Trojanow von Flucht, Staatenlosigkeit und Fremdheit. Wer nicht aussieht wie ein Einheimischer, eine Bindestrich-Identität hat oder einen andersfarbigen Reisepass, trägt das Thema Fremdheit lebenslang mit sich. Selbst wer bereits in der dritten Generation im Land lebt, wird gefragt werden: woher kommst du, wo hast du so gut Deutsch gelernt? Trojanows Themen sind die Peinlichkeit auf beiden Seiten in diesen Gesprächen über Fremdheit, um erwartete Dankbarkeit, den abgeschnittenen Kontakt zur zurück gebliebenen Familie, wie auch das Verhältnis eines Geflüchteten zur Muttersprache, zum Heimatland und zur Frage einer möglichen Rückkehr. Es geht um Anpassung, um Autoritätsverlust von Eltern in einer neuen Umgebung, um Pubertät Jugendlicher ohne einen Gegenpart zum Aufbegehren. Ein Geflüchteter wirft alle Ketten ab von Familie, Religion, provinzieller Enge, verrückt die gewohnte Ordnung und könnte damit Neid erzeugen bei denen, die sich nicht bewegt haben. Bewegung und Veränderung verärgert unbewegliche Zeitgenossen – hier mag der Grund liegen, warum bereits sesshafte Migranten schlecht mit dem Eindruck umgehen können, neuere Geflüchtete hätten es leichter als sie selbst. „Die Vergangenheit ist wie ein unbenutztes Zimmer, in dem sich Staub ablagert“ – viele seiner bildhaften Vergleiche ließen sich als Lebensweisheit notieren und einrahmen. Trojanows eigene Staatenlosigkeit, mit der seine Familie ein halbes Leben lang „den Betrieb an den Grenzkontrollen aufhielt“, bleibt als Schicksal ein Sonderfall. Dennoch verblüfft, wie treffend nah seine Einsichten der deutschen Nachkriegsgeschichte mit 14 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen und fast 4 Millionen DDR-Flüchtlingen kommen.

Heimat ist, wo das Herz ist – nur wo ist das in einer mobilen globalisierten Welt?

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Bewertung vom 08.06.2017
Lonely Planet Kinderreiseführer Komm mit nach London (Lonely Planet Kids)
Butterfield, Moira

Lonely Planet Kinderreiseführer Komm mit nach London (Lonely Planet Kids)


ausgezeichnet

Wenn Eltern gemeinsam mit ihren Kindern Städtetouren planen, darf das Wort Museum nicht genannt werden. Wenn dagegen Lonely Planet im Kinder-Reiseführer London Lust auf Monster, Fledermäuse und Katakomben macht, darf selbst das böse M-Wort vorkommen. In 19 kurzen Stadttouren geht es um Straßenkunst, Tunnel, Potter Locations, Busse, die Pest in London oder die Geheimdienste MI5 und MI6. Jede Tour umfasst im Buch maximal drei Doppelseiten. Das Text-Bild-Verhältnis beträgt 1:1, die Touren werden wie von einem roten Faden optisch von Schienen, Kanälen oder Pflastersteinen zusammengehalten. Wie viele Museen den Kids dabei wohlbegründet untergejubelt werden, finde ich beachtlich. Dass Moira Butterfield jugendlichen Lesern mit dem Thema fleischfressende Pflanzen sogar Kew Gardens schmackhaft macht, hätte ich nicht erwartet. Meine Highlights im Buch sind alle Tipps an und auf der Themse – und der She Guardian beim Marble Arch.

Der Gruselfaktor des üppig illustrierten kleinen Lonely Planet macht auch Erwachsenen Laune.

Bewertung vom 08.06.2017
Auf der Spur der wilden Bienen
Seeley, Thomas D.

Auf der Spur der wilden Bienen


ausgezeichnet

Wilden Bienenvölkern bis zu ihrem Stock zu folgen (z. B. Baumhöhlen), scheint unter modernen Lebensumständen eine ungewöhnliche Leidenschaft zu sein. Nicht aber für Thomas D. Seeley, der als Verhaltensforscher über das Nistverhalten schwärmender Bienen promoviert hat und maßgeblich von George H. Edgells The Bee Hunter (1949) angeregt wurde. Seeley profitiert bei seiner Tätigkeit von der beneidenswerten Ausstattung seiner Universität. Die Cornell University in Ithaca/New York verfügt über 1800 Hektar geschützten Wald, der allein zu Forschungszwecken dient und von weiteren geschützten oder brachliegenden Flächen umgeben ist. Wer keinen ganzen Wald zur Verfügung hat, könne auch in öffentlichen Parks einem Bienenschwarm folgen, so der amerikanische Forscher.

Seeleys Forschungsmethode folgt dem Honig-Sammelverhalten von Naturvölkern, indem er Bienenschwärme beim Heimflug beobachtet, einzelne Bienen mit einer Nahrungsquelle ködert und ihrer Flugroute bis zum Stock folgt. Als Forscher dokumentiert er genauestens jeden Schritt seiner Beobachtungen, ergänzt sein Buch mit Kartenskizzen, Bauplänen seiner Bienenbox und Fotos. Neben dem Wald als unersetzlichem Ökosystem geht es Seeley um das kollektive Verhalten von Bienenvölkern, ihre jeweilige Motivation, mehr Personal zum Nektartransport auszusenden oder sich auf die Arbeit im Stock zu konzentrieren. In einem langen Forscherleben hat Seeley sich in Ländern rund um den Erdball auf die Spur wilder Bienen gesetzt.

Seeleys Forschungseifer und der Stolz auf seine Erfahrungen in der Bienenjagd wirken absolut ansteckend. Mit seinem als Ratgeber gedachten Buch will der Autor einerseits Forschern ein Denkmal setzen, deren wissenschaftliche Arbeit ihn prägte, zugleich als Praktiker sein eigenes Erleben dokumentieren und sich damit von historischen Berichten über Bienenjagden abheben, die nur Gehörtes wiedergeben.

Bewertung vom 08.06.2017
Jack Engles Leben und Abenteuer
Whitman, Walt

Jack Engles Leben und Abenteuer


sehr gut

Die Entdeckung eines verschollenen oder bisher unbekannten Manuskripts kann ebenso spannend sein wie die darin erzählte Geschichte. Walt Whitmans Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ lässt sich zum Glück exakt den Arbeitsnotizen des Autors in seinem Notizbuch zuordnen. Whitman erzählt darin vom elternlosen Jack, der von Mr Forster, einem Lebensmittelkaufmann in der New Yorker Bowery, an Kindes statt aufgenommen wird. Fosters einziges Kind ist verstorben. Den eifrigen und lernwilligen Straßenjungen will Foster unbedingt fördern. Möglicherweise, um seinen eigenen Traum vom Aufstieg verwirklicht zu sehen, verschafft Foster dem Jungen eine Stelle als Botenjunge und Lehrling in der Anwaltskanzlei des Herrn Covert. Das Leben auf der Straße hat Jack gelehrt, über sein eigenes Schicksal hinauszusehen, er ist eine wirklich bemerkenswerte Persönlichkeit. Foster trägt den Ruf eines guten Menschen wie aus dem Bilderbuch vor sich her gütig, bescheiden, selbstlos. Jeder wird dem Kaufmann seinen geschäftlichen Erfolg gönnen, den er sich mit Fleiß und Zuverlässigkeit erarbeitet hat, ohne je sein Mitgefühl für weniger Begünstigte zu verlieren. Jack weiß Fosters Fürsorge zu schätzen, nur ist die Arbeit bei einem dubiosen Rechtsanwalt so gar nicht nach seinem Geschmack. Lieber würde Jack richtig arbeiten; Vorbild ist ihm sein alter Freund Tom Petersen, von Beruf Maschinenschlosser. Mit Hilfe eines betagten Bürodieners durchschaut Jack - dem selbst bisher viel Gutes widerfuhr - Covert. Er kann dieses Wissen nicht nur nutzbringend einbringen, sondern zugleich das Rätsel seiner eigenen Herkunft lösen. In Coverts Kanzlei laufen alle Fäden zusammen. In der editorischen Notiz im Anhang erfährt man, dass Whitman die Tätigkeit eines Büroboten aus eigener Anschaffung beschreibt.

Walt Whitmans vom amerikanischen Aufstiegswillen durchdrungener Stoff erinnert spontan an Dickens‘ Romane. Mit einem Abstand von 160 Jahren lässt er sich heute beinahe als historischer Roman lesen, wie kleine Leute in der Bowery lebten, wie es sich als knapp 20jähriger Adoptivsohn lebte und welchen Einfluss die Werte der Quäker im Alltag hatten. Whitmans Figuren wirken recht eindimensional, so sind Mr Foster, Jack und Martha durch und durch gut; Mr Covert dagegen ist durch und durch ein Schuft. Von einem Fortsetzungsroman wurde vermutlich erwartet, dass er die Moral der Geschichte kompakt auf kleinem Raum unterbringt. Sei vorsichtig mit deinem Urteil über andere Menschen, könnte Whitmans Botschaft lauten, selbstverständlich auch, jeder kann es schaffen, der die Ärmel hochkrempelt.

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