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Bewertung von Lisega

Das Kino entdeckt Cormac McCarthy: Nachdem die Coen-Brüder mit der Verfilmung von „No Country for Old Men“ bei den Oscars 2008 abräumten, soll im Herbst 2009 „The Road“ …


    Broschiertes Buch

8 Kundenbewertungen

'Mich rührte die Geschichte zu Tränen' (Ulrich Greiner, Die Zeit)
Die Welt nach dem Ende der Welt Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Die Geschichte der beiden ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.…mehr

Produktbeschreibung
'Mich rührte die Geschichte zu Tränen' (Ulrich Greiner, Die Zeit)
Die Welt nach dem Ende der Welt
Ein Mann und ein Kind schleppen sich durch ein verbranntes Amerika. Nichts bewegt sich in der zerstörten Landschaft, nur die Asche im Wind. Es ist eiskalt, der Schnee schimmert grau. Sie haben kaum etwas bei sich: ihre Kleider am Leib, einen Einkaufswagen mit der nötigsten Habe und einen Revolver mit zwei Schuss Munition. Ihr Ziel ist die Küste, obwohl sie nicht wissen, was sie dort erwartet. Die Geschichte der beiden ist eine düstere Parabel auf das Leben, und sie erzählt von der herzzerreißenden Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Nr.24600
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 12. Aufl.
  • Seitenzahl: 252
  • Erscheinungstermin: 2. Juni 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 125mm x 25mm
  • Gewicht: 318g
  • ISBN-13: 9783499246005
  • ISBN-10: 3499246007
  • Artikelnr.: 23333579
Autorenporträt
Cormac McCarthy wurde 1933 in Rhodes Island geboren und wuchs in Knoxville/Tennessee, auf. Für seine Bücher wurde er u. a. mit dem William Faulkner Award, dem American Academy Award, dem National Book Award und dem National Book Crities Circle Award ausgezeichnet. McCarthy lebt heute in El Paso, Texas. 2009 erhielt er den PEN/Saul Bellow Award for Achievement in American Fiction.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.06.2008

Es gibt keine Götter, nur noch Propheten

Mit John Updike und Philip Roth hat Cormac McCarthy nur eines gemein: Auch der große Apokalyptiker der amerikanischen Literatur hätte den Nobelpreis für sein Werk längst verdient.

Von Hubert Spiegel

Hieronymus Bosch hat sich geirrt. Die Hölle ist kein Ort unvorstellbaren Schreckens, an dem böse Fabelwesen Unaussprechliches tun. Cormac McCarthy weiß es besser. Die Hölle ist die Welt, wie wir sie kennen, mit einem einzigen Unterschied: Es ist alles aus dieser Welt verschwunden, was sich aus der Hoffnung speist und deshalb Hoffnung gibt.

Davon, von den Rückzugsgefechten der Hoffnung, handeln fast alle Bücher dieses großen amerikanischen Autors, der den Nobelpreis nicht weniger verdient hätte als John Updike oder Philip Roth. Mit dem einen verbindet ihn indes ebensowenig wie mit dem anderen. Die ironische Beschreibung amerikanischer Großstadtidentitäten ist ihm fremd. Nichts scheint ihn weniger zu beschäftigen als Ostküstenintellektuelle oder Mittelstandsdramen um Seitensprünge und Immobilienkäufe. Was McCarthy an der amerikanischen Gegenwart interessiert, ist vor allem der Boden, auf dem sie gewachsen ist. McCarthy gräbt tief, er wühlt im Urgrund des amerikanischen Traums. Was er dort findet, sind Schreckensbilder sinnloser, lustvoll begangener Gewalt, der ewige Vater-Sohn-Konflikt und der mal archaisch-erhaben, dann wieder kindlich-naiv anmutende Glaube an eine Welt, in der Gut und Böse, Hell und Dunkel unablässig miteinander ringen. Für McCarthy ist das ein Kampf, der älter ist als die Menschheit und länger als diese bestehen wird.

Dass der Tod und das Sterben der Finsternis Nahrung geben, ist ein Gedanke des Mystikers Jakob Böhme, den McCarthy seinem 1985 im Original und elf Jahre später in deutscher Übersetzung erschienenem Roman "Die Abendröte im Westen" vorangestellt hat, jenem Buch, das seinen Weltruhm begründete. Sheriff Bell, die Hauptfigur in McCarthys Roman "Kein Land für alte Männer", wird den Namen des Philosophen nie gehört haben, aber was Böhme damit gemeint hat, dürfte Bell auf Anhieb verstehen, auch wenn er es nicht erklären könnte. "Ich glaub', die Wahrheit ist immer einfach. Das muss sie auch sein. Sie muss so einfach sein, dass ein Kind sie versteht. Sonst wär's zu spät. Bis man dahinter gestiegen ist, wär's zu spät." Mit dem Fall, den Bell zu lösen hat, verhält sich die Sache indes ganz anders, und wie McCarthy hier den Plot eines Drogenthrillers metaphysisch überhöht, zeigt, dass der mittlerweile fünfundsiebzig Jahre alte Autor die handwerklichen Tugenden des Spannungsaufbaus durchaus nicht geringschätzt.

Bei einem missglückten Drogendeal kommen alle Beteiligten ums Leben. In der Wüste stehen die riesigen Geländewagen mit durchschossenen Scheiben, ihre Insassen liegen blutüberströmt im Sand, einer von ihnen hat sich mit dem Koffer voller Geld noch ein gutes Stück davonschleppen können, bevor er verblutet ist. Als der junge Moss bei der Jagd zufällig auf die Spuren des Gemetzels stößt nimmt er sofort Witterung auf. Der Vietnam-Veteran sucht und findet den Koffer, und von nun an ist der Jäger der Gejagte. Auf seiner Spur sind die mexikanischen Dealer, ihre texanischen Geschäftspartner, Sheriff Bell sowie ein Auftragskiller namens Anton Chigurh, ein selbsternannter Todesengel, der wie alle gewalttätigen Figuren McCarthys einen auffälligen Hang zum Philosophieren hat: Sie tun Böses und reden darüber, knapp, lakonisch, enigmatisch. So kommt es zu mitunter recht hohl klingenden Sentenzen ebenso wie zu Dialogen von beklemmender Intensität, etwa wenn Chigurh Moss am Telefon einen Deal anbietet: Wenn er ihm das Geld freiwillig übergibt, so der Killer, werde er nur Moss töten, dessen junge Frau aber verschonen. Als Moss längst tot ist, taucht Chigurh bei der Witwe auf: "Sie haben meinem Mann Ihr Wort gegeben, dass Sie mich umbringen? - Ja. - Er ist tot. Mein Mann ist tot. - Ja, aber ich nicht. - Toten schuldet man nichts. - Chigurh legte den Kopf leicht schräg. Ach nein?, sagte er. - Wie kann man ihnen etwas schulden? - Wie kann man ihnen etwas schuldig bleiben?"

Chigurh ist das dunkle Zentrum des Romans, den die Coen-Brüder kongenial verfilmt haben. Wer den Film mit dem Buch vergleicht, wird feststellen, dass die Kürzungen die Stärken des Buches hervorheben und die wesentliche Schwäche verdecken. Sie liegt in dem schlichten Moralismus, der aus den kursiv gesetzten Monologe des Sheriffs spricht: es ist, als ob McCarthy einen großen Schweiger laut denken ließe. Das würde nicht einmal Clint Eastwood verkraften.

"Kein Land für alte Männer", in diesem Frühjahr in der souveränen Übersetzung von Nikolaus Stingl erschienen, stammt aus dem Jahr 2005. Ein Jahr danach erschien "Die Straße", das auf Deutsch bereits im letzten Jahr vorlag. Mag sein, dass die Reihenfolge vom Erscheinungsdatum des oscarprämierten Films abhängig gemacht wurde. "Kein Land für alte Männer" ist als Film beeindruckend, der Roman gehört nicht jedoch nicht zu McCarthys stärksten Büchern. Anders verhält es sich mit seinem letzten Buch: "Die Straße" ist ein Meisterwerk, vielleicht das Beste, was er je geschrieben hat. Denn McCarthy beschreibt hier die Welt nach ihrem Untergang und geht damit an die äußersten Grenzen des Beschreibbaren.

Die Welt ist verbrannt, verkohlt, entseelt. Die Bäume sind tot, die Wälder leer, kein Vogel am Himmel. In den Straßen liegen mumifizierte Leichen, auf den Highways sitzen in ihren längst verrosteten Autos verdörrte Leichen, Opfer einer Jahre zurückliegenden Katastrophe, die fast alles menschliche Leben ausgelöscht hat. Die Überlebenden ziehen plündernd durch verwüstete, unfruchtbare Landstriche und kämpfen um die immer seltener werdenden Vorräte, die in den verlassenen Häusern noch zu finden sind. Das einzige, was das Überleben sichern kann, sind die Relikte einer untergegangenen Zivilsation, ihre Blechkonserven und Einmachgläser. Wo sie nicht zu finden sind, herrscht Kannibalismus.

Durch diese trostlose Welt ziehen ein Mann und ein Junge, Vater und Sohn. Sie haben keine Namen und nur ein Ziel, den Süden, das Meer. Die Mutter des Jungen hat sich umgebracht, den Vater, kaum weniger todessehnsüchtig, hält nur noch die Sorge um den Jungen aufrecht. Spärlich sind die Erinnerungen des Mannes an das Leben vor der Katastrophe, und fast unmöglich ist es, dem Jungen davon zu erzählen. Die Vergangenheit ist ausgelöscht und mit ihr die Zukunft: "Frage: Worin unterscheidet sich, was niemals sein wird, von dem, was niemals war?"

Wie unsichtbare Schatten ziehen die beiden voran, immer auf der Hut, denn jede Begegnung kann zu einem Kampf auf Leben und Tod werden. Eine Patrone steckt noch im Revolver des Vaters, sie ist für den Jungen bestimmt, der sich damit umbringen soll, wenn sie in die Hände von Kannibalen fallen. Jedes Haus, in dem sie nach Nahrung suchen, kann zur Todesfalle werden, jede Konserve, die sie finden, kann andere anlocken, die für einen Bissen töten würden. Als sie einen mit Vorräten randvoll gefüllten unterirdischen kleinen Bunker finden, glauben sie sich im Paradies. Es ist die Angst, die sie nach wenigen Tagen daraus vertreibt.

Die Gespräche zwischen Vater und Sohn kreisen um die Angst und die Rituale, die ersonnen werden, sie zu vertreiben. Immer wieder fragt der Junge seinen Vater, ob sie noch "die Guten" seien, ob noch ihre Verabredung gilt, dass sie eher verhungern, als einen anderen Menschen zu essen, dass sie diejenigen sind, die "das Feuer bewahren". Es sind dies die schlichten Glaubenssätze einer zweiköpfigen Religionsgemeinschaft. Ihr Credo: Überleben und dabei das Bewusstsein dafür bewahren, dass der Unterschied zwischen Gut und Böse dauerhafter sein sollte als die eigene Existenz.

"Wenn alle weg sind, wird alles besser", sagt ein alter Mann, den sie auf der Straße treffen. Der Junge bittet den Vater, dem Alten zu helfen. Als Gegenleistung bekommen sie eine Lebensweisheit: "Es gibt keinen Gott, und wir sind seine Propheten." Das ist nur eines der gezielt gestreuten Signale, mit denen McCarthy seiner Apokalypse eine dezidiert metaphysische Unterströmung verleiht. Nach und nach erhält der Junge die Konturen einer Erlöserfigur, auch wenn der Alte nicht daran glaubt: "Wo keine Menschen leben können, ergeht es Göttern nicht besser". Das gilt, wenn man Cormac McCarthy glauben will, für die Welt ebenso wie für die Hölle.

- Cormac McCarthy: "Kein Land für alte

Männer". Roman. Aus dem Amerikanischen

von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag,

Reinbek 2008. 284 S., geb., 19,90 [Euro].

- Cormac McCarthy: "Die Straße". Roman.

Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 253 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Mich rührte die Geschichte zu Tränen Die Zeit

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Alex Rühle gibt sich als langjähriger Cormac-McCarthy-Bewunderer zu erkennen, findet es aber dann doch ärgerlich, dass der amerikanische Autor ausgerechnet für "Die Straße" nun den Pulitzer-Preis erhalten hat, wo er doch schon so viel Besseres geschrieben habe. Immerhin erweist sich der Autor auch bei der völlig verwüsteten, verkohlten Landschaft, durch die ein Vater und sein Sohn nach einem nicht näher beschriebenen Krieg irren, noch als virtuoser Beschwörer der - in diesem Fall zerstörten - Natur, so der Rezensent bewundernd. Allerdings findet er den alles durchziehenden Ernst und die stets auf existentiellem Niveau schwingenden Dialoge auf die Dauer ziemlich anstrengend. Im Roman geht es stets ums nackte Überleben und um die Frage, angesichts der Katastrophe noch moralisch integer zu bleiben, meint Rühle, der einen kleinen Scherz hin und wieder zu schätzen gewusst hätte. Die Versatzstücke aus dem Horrorgenre kratzen zudem am Niveau des Romans, und am Ende hat der Rezensent gar den Eindruck, bei einem Hollywoodschinken a la "Conan, der Barbar" gelandet zu sein.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.04.2007

Überleben, ohne töten zu müssen
In Cormac McCarthys mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman „Die Straße” trauert das ganze Sonnensystem
Vögel, Fische, Säugetiere – alles ausgestorben. Kein Baum trägt mehr Früchte, die Felder sind leerer als Nordkoreas Äcker, es fällt aschgrauer Schnee, „und jeder Tag grauer als der vorangegangene, wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte.” Einige Banden ziehen noch durchs Land, auf der Suche nach Essbarem, also anderen Menschen. Durch dieses apokalyptische Szenario irren ein Vater und sein Sohn, „jeder die ganze Welt des anderen”. Tag um Tag, Monat um Monat stolpern sie durch die Gegend, versuchen, nach Süden zu kommen, frierend, hungernd, einen Einkaufswagen mit Decken und Konservendosen vor sich her schiebend. Sie haben einen Revolver mit zwei Kugeln, ab Seite 62 ist es nur noch eine und man weiß, der Mann will sie aufheben für den zarten Sohn, um ihm im Notfall Schlimmeres zu ersparen als den Tod.
Cormac McCarthy hat sich vom Literaturbetrieb sein Leben lang so fern gehalten wie der Pluto von der Sonne, er ist neben Thomas Pynchon und J.D. Salinger der große Unbekannte der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Fans verehren ihn für seine karge Mystik, seinen nackten Existenzialismus, seine Landschaftsbeschreibungen mindestens genauso wie für seine „granithafte Indifferenz seinen Lesern gegenüber” (New Yorker). Nie gab er Lesungen, zweimal nur Interviews, aus denen man weiß, dass er sich selbst die Haare schneidet und seine Wäsche im Waschsalon wäscht; dass er Faulkner, Melville, Dostojewski verehrt, Autoren, deren Epen um Leben und Tod kreisen.
Soeben wurde dem 73-jährigen Cormac McCarthy der Pulitzer-Preis für seinen neuen Roman „Die Straße” verliehen. Als treuen McCarthy-Leser kann einen ob des Preises derselbe leise Ärger überkommen wie im Februar, als Martin Scorsese für „The Departed” endlich den Oscar bekam, den er eigentlich für noch bessere Filme verdient hätte.
Cormac McCarthy ist ein großer Naturschriftsteller, es gibt in seinem Werk herrliche Verlorenheitssituationen, Lichtnuancen, Windmetaphern, der Südwesten der USA ist in seinen Romanen so weit und rein und sandgefüllt wie eine biblische Landschaft. Dementsprechend elementar sind seine Dialoge, sie ähneln Wüstenpflanzen, nur das Nötigste, von der Sonne gegerbt, aber jedes harte Blatt strotzend voll lebendigen Wassers.
Bei der Lektüre von „Die Straße” beschleicht einen nun streckenweise das Gefühl, McCarthy habe Vater und Sohn auf diese endlose Wanderung durch ein verwüstetes Amerika geschickt, weil er sehen wollte, wie viel er schriftstellerisch rauszuholen vermag aus der Natur, wenn es diese nur mehr in grauschwarzen Reststümpfen gibt. Als wenn ein Maler farbfastet und ein Panorama nur in Grau und Schwarz herstellt. So laufen die beiden Seite um Seite durch „seidig schwarze Verwehungen”, durch „grau zerkrümelndes Farngestrüpp” und „weiches schwarzes Puder”, das durch die Straßen weht „wie die sich wölkende Tinte eines Kalmars am Meeresboden”.
Ab und zu tauchen Erinnerungsfetzen des Mannes auf, das Leben vor der Katastrophe, Farben, Alltag, Tiere. Beim Lesen geht es einem mit diesen Absätzen tatsächlich wie einem Fastenden, der den feinen Geruch von Essbarem in die Nase bekommt: Nie zuvor roch es so lecker, so kostbar. Noch Tage nach der Lektüre sind diese zwischen das nukleare Nieselgrau gestreuten Polaroids frisch im Gedächtnis: Forellen in bernsteingelber Strömung, Magnolienblüten, ein See im Herbst, „glatt wie dunkles Glas”.
Nahezu alle Referenzpunkte sind verschwunden. Die Gegend trägt keinen Namen, die beiden heißen nur Vater und Sohn, und wenn sie alte Häuser durchstöbern, wirken all die Relikte der Zivilisation, die Lehnstühle, Kreditkarten, Fernsehgeräte, sinnlos wie außerirdische Schriftzeichen. Man erfährt auch nie, was eigentlich passiert ist, aber die Katastrophe muss so schrecklich gewesen sein, dass das ganze Sonnensystem zu trauern scheint: „Am Tag umkreist die verbannte Sonne die Erde wie eine trauernde Mutter mit ihrer Lampe.”
Ein alleinerziehender Joseph
Tatsächlich gelingt es McCarthy einige Male, jäh das Wunder aufscheinen zu lassen, das Wunder des Lebens, das Wunder der Liebe: Dass sich inmitten des dunkelkalten Alls um unsere Erde ein blauschimmernder Lebensfilm gelegt hat, dünn wie eine Membran; dass inmitten der Einsamkeit diese beiden Überlebenden die Liebe umgibt. Während einer seiner Nachtwachen wirkt die matt leuchtende Plane, unter der sein schlafender Sohn kauert, auf den Vater wie „der Standort eines letzten Unternehmens am Rande der Welt. Wie etwas fast Unerklärliches. Was es auch war.”
Aber man fragt sich doch, ob man nicht auch am Rand der Welt ab und an einen Witz erzählt oder banal daherredet. Die Dialoge sind immer hochexistentiell aufgeladen, es geht ums Überleben, den Sinn des Weitermachens, die bange Frage: „Sind wir noch die Guten?”
McCarthys treuer Übersetzer Nikolaus Stingl trifft genau die Mischung aus hohem Ton und lakonischen Stummelsätzen, eine so phantastische wie bizarre Mischung aus verknappten Lyrismen, letzten Fragen und hartem Slang. Meist enden diese Dialoge mit einem doppelten Okay, das wie ein tiefes Einverständnis, ein Amen in Zeiten metaphysischer Unbehaustheit klingt.
„Was war das Tapferste, das Du je getan hast?” fragt der Junge einmal. „Dass ich heute morgen aufgestanden bin”, antwortet der Mann. Das humanistische Projekt schrumpft zusammen auf den Willen zu überleben, ohne töten zu müssen. Der Mann will die Reinheit des Jungen bewahren, dabei ist es längst der Junge, der durch sein Entsetzen den Vater davor bewahrt, im Kampf ums Überleben selbst zu verrohen. Einmal treffen sie einen uralten Mann namens Ely und geben ihm auf Wunsch des Jungen etwas zu essen. Nach alttestamentarischer Vorstellung sollte der Prophet Elias wiederkommen, um vor dem Ende der Welt als Letzter zur Umkehr zu rufen. In christlicher Deutung wird er als Vorbereiter des Messias angesehen. „Du bist nicht derjenige, der sich um uns Gedanken machen muss”, herrscht der Vater den Sohn kurz darauf an. „Der Junge blickte auf, sein Gesicht feucht und schmutzig. Doch, das bin ich, sagte er. Ich bin derjenige.”
Vater und Sohn, eine heilige Familie – mit alleinerziehendem Joseph . . . Da in McCarthys Werken Frauen noch nie eine Rolle gespielt haben, bringt sich die Mutter des Jungen bald nach dessen Geburt um. Bevor sie sich das Leben nimmt, sagt sie, sie seien nur noch „die wandelnden Toten in einem Horrorfilm”, als wolle sie, wenn McCarthy sie schon so früh aus dem Weg räumt, wenigstens noch beanstanden, bei welchem Genre er für seine Beschreibungen dieser endlos langen Reise in die Nacht die meisten Anleihen nimmt: Vater und Sohn kommen an gegrillten Kleinkindern und aufgespießten Köpfen vorbei. Einmal verstecken sie sich vor einer marodierenden Horde: „Keine hundert Meter weit entfernt zogen sie vorbei, so dass der Boden leicht bebte, mit schwerem Schritt. Hinter ihnen kamen Karren, gezogen von angeschirrten Sklaven, beladen mit Kriegsbeute, danach die Frauen, zuletzt ein Reservekontingent von Lustknaben, für die Kälte zu dünn angezogen und um den Hals Hundehalsbänder, über die sie miteinander verbunden waren.” Da ist die Erzählung dann plötzlich in Hollywood angekommen, auf dem Set von „Conan, der Barbar”. ALEX RÜHLE
CORMAC MCCARTHY: Die Straße. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007. 253 Seiten, 19,90 Euro.
Leer, kahl, tot – und nicht mal mehr Krähen am Himmel: Cormac McCarthy hat alle Farbe aus seinem Erzählen verbannt. Foto: Regina Schmeken
Cormac McCarthy Foto: epa
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