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Die Beschäftigung mit dem Nachlass seines verstorbenen Vaters ruft im Erzähler von Frank Witzels autobiografischem Roman Erinnerungen an eine Kindheit wach, in der das Fernsehen den Vorabend erfindet. Eine Kindheit voller Disziplinierungsmaßnahmen wie Hausarrest, Tonband- und Fernsehverbot, in der die Eltern ihrem Kind unwissentlich den Schrecken der einst selbst erlittenen Trennung als unentwegte Drohung weitergeben. Eine Kindheit, in der ein Sonntag klar strukturiert, die Kittelschürze für die Hausfrau unabdingbar und die von Erwachsenen erdachte Mondfahrt Peterchens ein Horrorszenario ist…mehr

Produktbeschreibung
Die Beschäftigung mit dem Nachlass seines verstorbenen Vaters ruft im Erzähler von Frank Witzels autobiografischem Roman Erinnerungen an eine Kindheit wach, in der das Fernsehen den Vorabend erfindet. Eine Kindheit voller Disziplinierungsmaßnahmen wie Hausarrest, Tonband- und Fernsehverbot, in der die Eltern ihrem Kind unwissentlich den Schrecken der einst selbst erlittenen Trennung als unentwegte Drohung weitergeben. Eine Kindheit, in der ein Sonntag klar strukturiert, die Kittelschürze für die Hausfrau unabdingbar und die von Erwachsenen erdachte Mondfahrt Peterchens ein Horrorszenario ist wie das der Mainzer Fastnacht. Wie sehr sich das individuell Erlebte und kollektiv Erfahrene gegenseitig durchdringen, zeigt sich, wenn Witzel gerade nicht die inszenierten Bilder aus dem Familienalbum "Unser Kind", sondern vielmehr die ausgesonderten Aufnahmen mit der Frage zur Hand nimmt, ob nicht sie es sind, die Auskunft darüber geben können, wie etwas wirklich gewesen ist. Im unentwegten Zweifel am Wahrheitsgehalt der eigenen Erinnerungen zeigt sich Frank Witzel einmal mehr als ein so nahbarer wie begnadeter Erzähler, dem es gelingt, über das Persönliche die Verfasstheit einer Nachkriegsgesellschaft in der neuen BRD zu erfassen.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
  • Gesamtlaufzeit: 850 Min.
  • Erscheinungstermin: 28.02.2020
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 9783957579225
  • Artikelnr.: 58724035
Autorenporträt
Witzel, Frank
Frank Witzel veröffentlichte seit seinem ersten Lyrikband 1978 mehr als ein DutzendBücher, u. a. die Romane Bluemoon Baby (2001/2017), Vondenloh (2008/2018) und Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, für den er den Deutschen Buchpreis 2015 erhielt. Für das gleichnamige Hörspiel gewann er den Deutschen Hörspielpreis 2017. Für seinen Roman Direkt danach und kurz davor war er für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017 nominiert. Im selben Jahr erhielt er die Poetikdozentur der Universität Heidelberg und 2018 die Poetikdozentur der Universität Tübingen, 2017/2018 war er Inhaber der Friederichs-Stiftungsprofessur an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, wo er heute lebt. Im BR wurden 2017 sein Hörspiel-Film Die apokalyptische Glühbirne und 2018 die Hörspielserie Stahnke, 2019 beim HR das Hörspiel Jule, Julia, Julischka, alle in der Regie von Leonhard Koppelmann, gesendet, für die er mit ihm zusammen 2017 den Deutschen Hörbuchpreis erhielt.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.03.2020

Panikattacken im Plattenladen
Wendehammer, Allzweckhallen, Psychodrama: Frank Witzels autobiografische Recherche „Inniger Schiffbruch“
über die Abgründe der unhinterfragten Normalität in der Bundesrepublik
VON HELMUT BÖTTIGER
Ein Gitarrengurt aus Schlangenlederimitat – wenn der Siebzehnjährige zum Geburtstag von einem Mädchen so etwas geschenkt bekommt, scheint das Glück zum Greifen nah. Erstaunlich selten ist bisher die frühe Bundesrepublik als Kindheitslandschaft literarisch vermessen worden. Das hat sicher etwas mit der Generation zu tun, die in diese Wohlstands- und Konsumwelt hineingeboren wurde. Frank Witzel aber hat sich spätestens durch sein berühmtes Buch mit dem Langspielplatten-Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion …“ zum Spezialisten für dieses ausgefallene Genre entwickelt.
Für die ersten Jahrgänge, die durch die Popmusik sozialisiert wurden und sich weniger für ausschweifende Panoramen in Romanform interessierten, ist Witzel einer der raren Sonderfälle. Ihn treibt die gesellschaftliche Atmosphäre der Gründerjahre der Bundesrepublik um. Der Titel „Inniger Schiffbruch“ zitiert ein Bild, das Rilke für die Übersetzung des Gedichts „L’infinito“ von Giacomo Leopardi eingefallen ist. Witzel folgt der großen Vision dieses Lyrikers, dem „Untergehen“ im „Meer“ des „Unendlichen“, in mehreren Anläufen.
Zum einen geht es um eine schonungslose Reise in das eigene Ich, die durch den Tod der Eltern einsetzt, und zum anderen um das Schreiben, das dadurch ausgelöst wird. „Schiffbruch“ heißt Scheitern. Das Vieldeutige, nicht restlos zu Klärende aber liegt im „Innigen“ verborgen. Denn es bezeichnet nicht einfach nur ein Inneres, sondern auch etwas Zugewandtes, Einverständiges.
Am Anfang des Textes steht ein Traum, ein surrealer Rhinozeros-Traum, der im Haus des gerade gestorbenen Vaters spielt. Im weiteren Verlauf wird klar, dass Frank Witzel hier ein Experiment startet, das in Fachkreisen immer wieder Diskussionen ausgelöst hat: Welche Entsprechungen hat der Vorgang des literarischen Schreibens mit dem psychoanalytischen Verfahren auf der Couch, mit dem Prinzip der freien Assoziation? Der aufgeschriebene erste Traum führt zu weiteren Träumen und Augenblickssplittern. Der Autor sammelt Erinnerungsbruchstücke und stellt sie nebeneinander. Sein Konzept besteht darin, das Material, das er in seiner aktuellen Psychoanalyse zu Tage fördert, in der literarischen Vergegenwärtigung noch einmal zu befragen.
Man spürt schnell, dass diese Familiengeschichte ganz spezifische Abgründe birgt. Dabei handelt es sich nicht um etwas Skandalöses oder Geschichtsträchtiges, sondern um eine, wie der Autor schreibt, „unhinterfragte Normalität“. Sie ist aber kontaminiert von der noch nicht sehr lange zurückliegenden Zeit des Nationalsozialismus und den üblichen Moral- und Erziehungsvorstellungen.
Das Bedrängende, Enge und Stickige dieser Atmosphäre wird gerade an einem solchen, intensiv vor Augen geführten individuellen Beispiel deutlich. Der Autor zielt mit seinem Schreiben ins Innerste, er bemüht sich nicht einmal im Ansatz um Fiktionalisierung oder andere literarisierende Ausweichbewegungen. Immer wieder reflektiert er darüber, was er gerade tut. Der Text kommentiert sich fortlaufend selbst. Und der Sog, der den Autor erfasst, wie er sich selbst auf den Grund zu kommen versucht, überträgt sich dabei auch auf den Leser.
Der Vater war Musiklehrer sowie Chor- und Orchesterleiter im Dienst der katholischen Kirche – ein bildungsbürgerlich geprägter Haushalt, aber mit sehr restriktiven katholischen Vorgaben. Das Grundproblem, das der Autor Zug um Zug enthüllt, liegt darin, dass Vater wie Mutter durch den Krieg traumatisiert worden sind und das vor sich selbst zu verbergen versuchen. Die Familie des Vaters wurde während des Kriegs in Frankfurt ausgebombt, die Mutter stammte aus Polen und floh vor den „Russen“. Frank Witzel sichtet alles, was zur Verfügung steht, Fotos und Aufzeichnungen, vor allem aber auch Szenen und Sätze am Familientisch – doch vom Gefühlsleben der Eltern ist nichts zu erahnen. Alles wurde überspielt und überdeckt.
Der Vater „löste“ auch zu Hause nie „die Krawatte“, und bei seinen Nachforschungen in den Hinterlassenschaften findet der Sohn zwar lauter Tabellen, Listen, mehrere gleichzeitig geführte Kalender – aber nie etwas Persönliches. Er versuchte, ganz pragmatisch in der Gegenwart zu leben. Die Vergangenheit, die völkischen Prägungen in der Kindheit und die „Jungmann“-Erziehung der katholischen Kirche bekam der Sohn aber dennoch zu spüren: rituelle Prügelstrafe durch den Vater, häufiger „Hausarrest“ und die laufend wiederholte Drohung, ihn „wegzuschicken“ und in ein Internat zu stecken. Frank Witzel macht sich während seines Schreibvorganges klar, dass die Eltern an ihm „ihr eigenes Psychodrama“ wiederholten, „ohne es zu merken“ – die emotionale Leerstelle, der Verlust der Kindheit und der heimischen Umgebung wird ihm dadurch bewusst. Und dazu passen die typischen Arrangements der Sechzigerjahre: die Wendehammer, die bungalowartigen Einfamilienhäuser, die Allzweckhallen.
Witzel nähert sich den inneren Vorgängen, die vieles an Scham und Pein freisetzen, mit einem distanzierten, objektivierenden Stil. Und so wird es auch möglich, bedrängende Kontinuitäten zu erkennen und die Angst zu thematisieren, „genau das Schicksal“ zu erfüllen, „dem er mit aller Kraft zu entfliehen versuchte hatte“. Das Schreiben hat einen äußerst zwiespältigen, bedrängenden Charakter, und dazu gehört auch die Erkenntnis, die zum Schmerzlichsten einer Psychoanalyse gehört und jetzt in diesem Text zutage tritt: „Meine Rolle in dem Ganzen“ hatte „sich schon längst von der des passiv Ausgelieferten in die des aktiv Handelnden gewandelt, während ich immer weiter meinen alten Rollentext des bedauernswerten Knäbleins aufsagte.“
Witzel thematisiert ein „Panikgefühl“, das seinen Ursprung in seinem Elternhaus hat und ihn sogar überfällt, wenn er Befreiungsübungen versucht. Zu den einschlägigen Momenten gehörte es, wenn seinem Vater „die Hand ausrutschte“, unvorhersehbare Schläge am Essenstisch etwa: „Bis weit in mein Erwachsenenleben hinein konnte ich es nur schwer ertragen, dicht neben anderen Menschen zu stehen. Besonders in Plattenläden musste ich gegen die unwillkürlich in mir aufsteigende Angst ankämpfen, ohne Vorwarnung ‚eine geschmiert zu bekommen‘.“
Die Plattenläden gehören zu einer Gegenwelt, in ihnen liegen die Möglichkeiten einer Entgrenzung verborgen. Wie Signale aus einem fernen Universum tauchen sie in den sich dunkel dahinziehenden Sätzen auf: wenn der Autor im Autoradio seiner Eltern zum ersten Mal „Ruby Tuesday“ hört. Oder „Michelle“ im heimlichen „Clubhaus“ auf dem Dachboden. Oder Pink Floyds außerirdisches „Ummagumma“ in einem Partykeller. Als der Vater einmal „Beatclub“ schaut, um einen vernichtenden Vortrag über die zeitgenössische „Unterhaltungsmusik“ vorzubereiten, ruft sich der Sohn noch einmal liebevoll ins Gedächtnis, wen sein Vater da so heftig niedermachte: „Es handelte sich bei dieser Band um Manfred Mann, die am Ufer der Themse ihre Version von Just Like A Woman spielten.“
Von diesen Erfahrungen zehrte der Sohn, und sie bilden noch heute die Basis, von der aus es ihm gelingt, „in diesen Schlund hinabzutauchen“. Während sich Frank Witzel als Autor die Versehrungen seines Herkommens schmerzhaft vor Augen führt, werden auch Kräfte mobilisiert, die eigene Existenz zu beglaubigen. Dieses Buch setzt sich aus. „Inniger Schiffbruch“ ist ein bewegender Text, er sichert sich nicht durch scheinbare Schutzmechanismen ab. Aber er verharrt eben nicht im „Verstummen“, das die Eltern definierte und das Kind in Schockstarre versetzte. Er widmet sich in faszinierenden Kreisbewegungen etwas anderem, Entscheidendem: der „Stummheit“ nämlich, „die dem Sprechen vorausging“.
Frank Witzel: Inniger Schiffbruch. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 355 Seiten, 25 Euro.
Die Erziehung des Erzählers
ist noch geprägt von der Moral
des Nationalsozialismus
Witzel nähert sich den
inneren Vorgängen mit einem
objektivierenden Stil
Die Eltern waren noch nationalsozialistisch geprägt, in der Erziehung des Kindes wiederholten sie ihr eigenes Psychodrama: der Schriftsteller Frank Witzel.
Foto: imago/Manfred Segerer 
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