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Wie eine Halluzination taucht die Kindheitsgeliebte des Barbesitzers Hajima nach Jahrzehnten wieder auf, unfassbar und geheimnisumwoben. Immer an regnerischen Abenden erscheint Shimamoto wie eine verführerische Andeutung aus einer fremden Welt und hebt das Leben des tüchtigen Geschäftmannes und Familienvaters aus den Angeln. 'Südlich der Grenze, westlich der Sonne' erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben - und scheut dabei keine Tabus. Als Gefährliche Geliebte in der Übersetzung aus dem Englischen erschien, führte der Streit über die Sprache des Romans und seine…mehr

Produktbeschreibung
Wie eine Halluzination taucht die Kindheitsgeliebte des Barbesitzers Hajima nach Jahrzehnten wieder auf, unfassbar und geheimnisumwoben. Immer an regnerischen Abenden erscheint Shimamoto wie eine verführerische Andeutung aus einer fremden Welt und hebt das Leben des tüchtigen Geschäftmannes und Familienvaters aus den Angeln. 'Südlich der Grenze, westlich der Sonne' erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben - und scheut dabei keine Tabus. Als Gefährliche Geliebte in der Übersetzung aus dem Englischen erschien, führte der Streit über die Sprache des Romans und seine Darstellung von Sexualität zur Auflösung des "Literarischen Quartetts". Nun wurde er zum ersten Mal direkt aus dem japanischen Original ins Deutsche übersetzt: Ursula Gräfe, die längst zur deutschen Stimme Murakamis geworden ist, legt dabei verborgene Schichten frei und enthüllt einen Roman, den wir alle zu kennen glaubten, auf aufregende Weise neu. Der ideale Zeitpunkt für neue Leser, diesen
modernen Klassiker zu entdecken und für alle, die seinem Zauber schon zuvor verfallen waren, sich neu zu verlieben.
  • Produktdetails
  • btb Bd.74944
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 223
  • Erscheinungstermin: 13. Juli 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 116mm x 20mm
  • Gewicht: 209g
  • ISBN-13: 9783442749447
  • ISBN-10: 3442749441
  • Artikelnr.: 41830654
Autorenporträt
Murakami, Haruki
Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, ist der international gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Roman "Gefährliche Geliebte" entzweite das Literarische Quartett, mit "Mister Aufziehvogel" schrieb er das Kultbuch seiner Generation. Ferner hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ulrich Baron bleibt recht hermetisch in seiner Besprechung von Haruki Murakamis Roman. Vielleicht liegt das daran, dass der Text bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hat und bereits zuvor einmal ins Deutsche übertragen wurde, also bekannt ist. Die Neuübersetzung durch Ursula Gräfe allerdings macht aus dem Buch laut Baron ein neues, eines, das dem subtilen Original mit all seiner "phantasmagorischen Vielschichtigkeit" näherrückt. Die im Buch verhandelte Lebens- und Beziehungskrise des Helden lebt laut Baron übrigens von Murakamis berühmten "Zwischenstufen" zwischen Fantasie und Realität und von der japanischen Melancholie, die in der Lage ist, sich selbst zu diagnostizieren, wie Baron schreibt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Murakami hält seine Geschichten wie ein zielsicher und leichtfüßig voranschreitender Schlafwandler in einer magischen Balance irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wachheit und Schlaf angesiedelt. Als wäre es das Normalste von der Welt, treten seine Figuren in Parallelwelten ein, in denen ganz andere Gesetze herrschen." FORMAT "Könnte als Empfehlung in unserer Rubrik ,Muss man das gelesen haben?' stehen. Antwort : Ja!" MYSELF "Große Literatur." DRADIO KULTUR "Die neue Übersetzung von Ursula Gräfe gibt den schlichten, geheimnisvollen Stil, der Murakamis Romane prägt, besser wieder. Das Missverständnis, dass es sich bei Murakamis kunstvoll naiver Diktion und magisch ausgekühlter Schreibweise um biedere Banalität handeln könnte, ist nur ausgeräumt. Murakami macht aus der Liebe ein Märchen voller Einsamkeit, Dunkelheit und Regen und aus den Liebenden von Schicksalsmächten getriebene neoantike Tragödien." ZEIT "Eigentlich keine große Geschichte. Wenn Sie nicht so groß erzählt worden wäre, wie es Murakami gelungen ist." SCHLESWIG-HOLSTEIN AM SONNTAG "Selten ist das Ausgeliefertsein an einen Menschen so schnörkellos geschildert worden wie in Murakamis "Gefährliche Geliebte" WIRTSCHAFTSWOCHE "Immer noch erotisch, aber weitaus eleganter." PLAYBOY "Eine neue, wunderschöne Übersetzung." FREUNDIN "Die Übersetzung von Ursula Gräfe aus dem japanischen Original enthüllt einen Roman, den wir alle zu kennen glauben, auf packende Weise neu." BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG "Ein starkes, kleines Buch, dessen Tiefen jetzt neu zu entdecken sind." WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE "Ideal für Murakami-Einsteiger, sich dem Sog des Buches hinzugeben und Japan näher zu erkunden." STYLE "Ein Roman, der sämtliche Vorurteile gegen die nicht selten verschrobene, langatmige und umständlich atifizielle japansiche Literatur wegwischt." OTZ "Weicher, zurückhaltender, weniger drastisch und salopp." DARMSTÄDTER ECHO "In der Neuübersetzung entsteht wieder die gewohnte greifbare Nähe zwischen Figur und Leser." WITTENER ZEITUNG "Murakami erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben - und scheut dabei keine Tabus." MAIN-POST "Ein großartiger Liebesroman voller Zauber." NÜRNBERGER NACHRICHTEN "Die mit Erotik und Melancholie gewürzte Geschichte wirkt auf einmal ganz anders: weicher, zurückhaltender und weniger drastisch und salopp." HANAUER ANZEIGER "Ein moderner Klassiker über die dunklen Seiten der Liebe." Wolf Ebersberger, NÜRNBERGER ZEITUNG…mehr
Besprechung von 10.10.2013
Die Botschaft Nat King Coles
Endlich aus dem Original ins Deutsche übersetzt: Haruki Murakamis Roman „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“
Im Jahre 2000 sprengte Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“ betitelter Roman das Literarische Quartett. Was Marcel Reich-Ranicki als Meisterwerk erotischer Erzählkunst goutierte, geißelte Sigrid Löffler als ungustiöses „literarisches Fastfood“. Allerdings war der Roman nicht aus der in Japan 1992 erschienenen Originalfassung übersetzt worden, sondern aus der etwas salopp gehaltenen amerikanischen Ausgabe. Da stürzte sich ein Paar „ins Getümmel“, da wurde die Cousine einer Freundin „genagelt“, wo die Gestalten in Ursula Gräfes nun erschienener Übersetzung aus dem Japanischen einfach nur miteinander schlafen. Gräfes Fassung gibt dieser subtilen Studie über die verführerische und fatale Macht ungelebten Lebens ihre phantasmagorische Vielschichtigkeit zurück. Die Drastik mancher Liebesszenen erscheint dabei auch als immer wieder scheiterndes Anrennen gegen die Einsamkeit, die Murakamis Gestalten umfängt.
  Der Ich-Erzähler Hajime ist beinahe glücklich verheiratet, hat zwei Jazz-Bars und zwei kleine Töchter. Sein Geschäft läuft dank einer Anschubfinanzierung seines Schwiegervaters gut, doch eines Tages macht ihm der hartgesottene Bauunternehmer zwei Dinge klar. Zum einen müsse er seinen Namen für eine dubiose Firma hergeben, und der Erzähler weiß: „Ich war nicht in der Position, ihm seine Bitte abzuschlagen.“ Zum anderen gibt ihm der Schwiegervater zu verstehen, dass er für seine Tochter Yukiko, die schon einmal aus enttäuschter Liebe einen Selbstmordversuch unternommen habe, buchstäblich alles tun würde.
  Das ist vielleicht gar nicht als Drohung gemeint, aber Hajime hat Grund, es als solche zu empfinden. Er gönnt sich nicht nur Seitensprünge; er hat einer Freundin durch die Affäre mit deren Cousine einst auch das Herz gebrochen und deren Leben zerstört. Und gerade erst hat er die wahre Liebe seines Lebens wiedergefunden. Oder glaubt es zumindest.
  Shimamoto war die Freundin seiner Kinderzeit – ein Einzelkind wie er selbst und einzige Gefährtin in seiner Einsamkeit. Gemeinsam hatten sie Schallplatten gehört: „Aus weiter Ferne hörte ich Nat King Cole ,South of the Border‘ singen.“ Dann hatten sie den Kontakt verloren, doch als sie sich nach Jahrzehnten wiederbegegnen, schenkt Shimamoto ihm die alte Platte. Wieder singt Nat King Cole – zunächst das Stück „Pretend“ und dann „South of the Border“. Aufnahmen von „Pretend“ lassen sich mühelos finden, aber „South of the Border“ hat Nat King Cole wohl nur bei Murakami gesungen. Als Shimamoto nach einer wilden, verzweifelten Liebesnacht wieder spurlos verschwunden ist, hat sie auch die Platte mitgenommen. Und das ist nicht der einzige materielle Beweis ihrer Existenz, der hier wieder einkassiert wird.
  Jahre bevor Shimamoto in einer – und dann in mancher folgenden – Regennacht in Hajimes Bar auftauchte, hatte er stundenlang eine Frau in einem langen roten Mantel verfolgt, die ihn an Shimamoto erinnerte. Damals hatte ihm ein Mann einen Umschlag voller Geld zugesteckt. Hajime hatte daraufhin angenommen, man halte ihn für einen Detektiv, den man sich mit Geld und einer vagen Drohung vom Hals schaffen wolle. Den Umschlag hatte er als Beweis behalten, sich das Ganze nicht eingebildet zu haben. Als sich nun herausstellt, dass er damals tatsächlich Shimamoto verfolgt hat, verleiht das dem Rätsel, das sie umgibt, eine weitere Facette, doch am Ende ist auch dieser Beweis verschwunden.
  „Pretend that you’re happy when you’re blue“ – manches spricht dafür, dass Shimamoto eine vom Jazz beflügelte Fantasie ist, eine Ausgeburt einsam und melancholisch am Tresen einer Bar verbrachter Abende. Sie kommt, wenn es regnet; kommt und geht mit dem Regen und wie der Regen. Für ein bloßes erotisches Phantasma aber entwickelt sie eine erstaunlich moribunde Eigendynamik. Einen heimlichen Ausflug der beiden an einen idyllischen Fluss nutzt Shimamoto, um die Asche ihrer gleich nach der Geburt gestorbenen Tochter ins Meer treiben zu lassen. Wenig später verfällt sie in einen totenähnlichen Zustand, aus dem sie nur ein rätselhaftes Medikament zu erwecken vermag.
  Wie so oft bei Murakami fächert sich der Gegensatz von Phantasie und Wirklichkeit in eine Reihe mysteriös verschachtelter Zwischenstufen auf, deren ontologischer Status nie genau zu bestimmen ist. „Weißt du, Shimamoto“, sagt der Erzähler einmal, „ich tue nur, was ich schon immer getan habe. Ich denke mir etwas aus.“ Sollten diese Worte an eine Phantasiegestalt gerichtet sein, wie weit reicht diese Phantasie dann zurück? Bis in die Kindheit, als Nat King Cole für die beiden einen Song sang, den er in Wirklichkeit nie gesungen hat?
  Nachdem Murakami auch den letzten materiellen Beweis für Shimamotos Existenz einkassiert hat, stürzt sein Erzähler in tiefe Zweifel: „Ganz gleich, was ich mir sagte, in mir wuchs allmählich die Überzeugung, dass der Umschlag gar nicht existiert hatte. Heftig attackierte sie meinen Verstand, zermalmte meine Gewissheit, dass es den Umschlag gegeben hatte, und verschlang sie gierig.“
  Als diese Gewissheit noch nicht zermalmt war, hatten die beiden über „South of the Border“ gesprochen. Als Kind habe er sich gefragt, was eigentlich südlich der Grenze sein solle: „Etwas Schönes, Großes, Weiches“, schlägt Shimamoto vor, aber dann ergänzt sie den Songtitel mit dem Ausdruck „westlich der Sonne“. Das beziehe sich auf eine Geisteskrankheit aus der sibirischen Einöde: „Während du Tag für Tag immer wieder siehst, wie die Sonne im Osten aufgeht, über den Himmel wandert und im Westen versinkt, zerbricht irgendwann etwas in dir und stirbt. Du lässt deinen Pflug in der Erde und wendest dich, ohne etwas zu denken, gen Westen. Auf etwas zu, das westlich der Sonne liegt. Wie besessen wanderst du tagelang weiter, ohne zu essen und zu trinken, bis du zusammenbrichst und stirbst. Das nennt man Hysteria sibiriana.“
  Ob nun erfunden oder wiedergefunden – am Ende hat Hajime sie verloren, ist Shimamotos Existenz so wenig greifbar wie der Regen, bevor er fällt. Sie hat etwas verkörpert, was für ihn westlich der Sonne war, was für immer unerreichbar bleiben wird. Sie erscheint als eine Emanation ungelebten, verpassten Lebens, eine japanische Melancholia, die ihre fatale Wirkung selbst diagnostiziert. Dass sie am Ende samt allen Beweisen für ihre Existenz verschwindet, ist wie ein Liebesbeweis von tragischer Paradoxie, denn je irrealer sie erscheint, desto leichter macht sie es dem Erzähler, sich als halbwegs glücklichen Menschen vorzustellen, halb Fremder, halb Sisyphus. Tag für Tag.
ULRICH BARON
„Weißt du, Shimamoto, ich tue
nur, was ich schon immer getan
habe. Ich denke mir etwas aus.“
In seinen Romanen kann sich keine Figur sicher fühlen: Haruki Murakami.
FOTO: DPA
    
    
   
Haruki Murakami:
Südlich der Grenze,
westlich der Sonne. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont
Buchverlag, Köln 2013.
230 Seiten, 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 10.01.2014
Murakamis magische Masche

Wie kann man nur, Buch für Buch, ein Meisterwerk nach dem anderen schaffen? Mit seinem neuen Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist es dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami wieder einmal gelungen.

Heute erscheint die deutsche Übersetzung des jüngsten Romans von Haruki Murakami, und am Sonntag wird der erfolgreichste japanische Schriftsteller 65 Jahre alt. Doch wie "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" beweist, ist Murakami jung geblieben: jung, weil es ein Buch ist, das einem das faszinierende Gefühl von einem Autor vermittelt, der sich immer noch selbst zu überraschen versteht, und jung auch deshalb, weil Murakami trotzdem an Themen und Konstellationen anknüpft, die am Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn standen.

Das mag seinen Grund im Atemholen nach dem dreiteiligen Opus magnum "1Q84" haben, das im Original 2009 und 2010 erschien und in der deutschen Übersetzung mehr als 1500 Seiten umfasst. Ein solcher Wurf ist nicht zu wiederholen. Darin war ein neuer Murakami zu finden, der wie selbstverständlich das Phantastische zum Bestandteil der Handlung machte, Japans Sagenwelt einbezog, auf klassische Erzählmuster seiner Heimat rekurrierte. Das strafte jene Interpreten Lügen, die gebetsmühlenartig die Rede vom "westlichen Japaner" wiederholen.

Ja, Murakami ist nicht nur ein gegenwärtiger Meister der Weltliteratur, er hat sich auch an seinen Vorgängern geschult. Aber mit "1Q84" hatte er auch die Anstrengung zu vollbringen, divergierende Genres und Traditionen miteinander zu verknüpfen und das doch so leichthändig wirken zu lassen, wie es das Markenzeichen seines Erzählens ist. Wobei die Basis von Murakamis Schaffen stets der Abgrund ist. Und wir als Leser tänzeln mit seinen Figuren daran entlang, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Das ist die Murakami-Masche.

Sie funktioniert perfekt. Im Zentrum von "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" steht ein Verbrechen, das nie aufgeklärt wird. Durch Umstände, die gleichfalls nie aufgeklärt werden, ist der damals zwanzigjährige Tsukuru Tazaki aus seiner Clique gerissen worden, der seit der Schulzeit fünf Jugendliche angehörten: zwei Mädchen und drei Jungen. Sechzehn Jahre später bemüht sich Tsukuru endlich darum zu klären, was ihm seinerzeit widerfahren ist und ihn an den Rand des Selbstmords brachte - aber eben auch nicht darüber hinaus. In unnachahmlichem Murakami-Tonfall, den wir seiner Übersetzerin Ursula Gräfe verdanken, heißt es gleich zu Beginn des Buchs: "Vielleicht war seine Sehnsucht nach dem Tod zu wahrhaftig und zu tief, um tatsächlich den Versuch zu machen, sich umzubringen. Auch wenn dieses Problem eher zweitrangig war. Hätte es in seiner Reichweite eine Tür gegeben, die direkt in den Tod führte, er hätte sie ohne Zögern aufgestoßen. Ohne zu überlegen, als natürliche Konsequenz. Doch glücklicher- oder unglücklicherweise konnte er eine solche Tür nicht finden."

Es bleibt meist offen bei diesem Schriftsteller, ob die Dinge Glück oder Unglück bedeuten, vor allem die Liebe. Für diese Erkenntnis aber benötigt Murakami Protagonisten, die schon die notwendige Lebenserfahrung haben. So ist denn auch Tsukuru im Lieblingsalter seines Autors: Mitte bis Ende dreißig. Toru, der Protagonist aus Murakamis erstem internationalen Erfolg, "Naokos Lächeln" (1987), war siebenunddreißig, genauso wie Hajime aus "Gefährliche Geliebte" (1992), dem Buch, mit dem der Japaner in Deutschland bekannt wurde, als es vor dreizehn Jahren übersetzt wurde. Tsukuru nun ist sechsunddreißig.

Das ist kein Zufall, und diese drei Romane haben noch mehr miteinander zu tun als nur die Lebensphase, in der sich ihre Helden befinden. Alle drei Bücher tragen im japanischen2 Original ein Musikstück im Titel, doch das wurde in zwei Fällen von den deutschen Fassungen verleugnet, die mit Verweisen auf die jeweils zentrale Liebeshandlung locken wollten. "Naokos Lächeln" heißt in Japan nach einem Lied der Beatles "Norwegisches Holz" (noruwei no mori), "Gefährliche Geliebte" ist eigentlich "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" benannt - die erste Hälfte verdankt sich dem Titel des Standards "South of the Border" von Nat King Cole.

Immerhin trägt dieser Roman seinen authentischen Titel seit vergangenem Jahr endlich auch auf Deutsch, denn Dumont, Murakamis hiesiger Verlag von Beginn an, hat ihn noch einmal übertragen lassen, diesmal von Ursula Gräfe aus dem Japanischen, nachdem 2000 aus Bequemlichkeit noch die englische Übersetzung herangezogen worden war, was damals eine heftige Diskussion über die Zulässigkeit einer solchen Version aus zweiter Hand ausgelöst hatte. Für die willkürliche Änderung des Titels durch den deutschen Verlag - im Englischen heißt er originalgetreu "South of the Border, West of the Sun" - hatte sich dagegen niemand interessiert.

Dabei ist Murakami ein Autor, der es wie kaum sonst einer beherrscht, Stimmungen zu erzeugen, auch und gerade durch Namen. Seine Bücher sind für ihn dabei mindestens ebenso sehr Persönlichkeiten wie deren Figuren, und ihre Titel sind deshalb im buchstäblichen Sinne bezeichnend. Die "Pilgerjahre" aus dem jüngsten Werk zitieren Franz Liszts 1855 veröffentlichte "Années de pèlerinage", einen Zyklus von Klavierstücken, den Tsukuru in seiner Studentenzeit kennenlernte, nach der Verstoßung aus dem Freundeskreis. Besonders beeindruckte ihn davon "Le mal du pays", weil es so genau dem eigenen Zustand entsprach: "Allgemein heißt das so etwas wie Heimweh oder Sehnsucht, aber genaugenommen ist es die ,grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen der Menschen weckt'. Der Ausdruck ist schwer zu übersetzen."

In "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" gibt es eine ähnliche Affinität zur Musik, zum Titelstück wie zu einem anderen amerikanischen Klassiker, "The Star-Crossed Lovers" von Duke Ellington. Sobald das Stück erklingt, erinnert sich auch Hajime an sein Dasein als Student, und man darf angesichts der Wiederkehr dieses Motivs ein autobiographisches Bekenntnis Murakamis darin sehen: "Wann immer die träge, schöne Melodie ertönte, musste ich an diese Zeit denken. Ich konnte nicht behaupten, dass sie glücklich gewesen war. Mein Leben war damals voller unerfüllter Sehnsüchte gewesen. Ich war jünger, hungriger und einsamer, aber auf eine einfache, klare Weise ich selbst. Damals spürte ich, wie jeder Ton der Musik, die ich hörte, jede Zeile der Bücher, die ich las, in mich eindrang. Meine Sinne waren scharf wie Klingen. In meinem Blick leuchtete ein helles Licht, das andere durchdrang. So war ich damals." Diese letzte lapidare, aber entscheidende Bekräftigung fehlte übrigens in "Gefährliche Geliebte", der ursprünglichen Übersetzung des Romans aus dem Englischen.

Man muss die Spuren ernst nehmen, die Murakami in seinen Details auslegt, namentlich in der Musik. Wenn man sich "Le mal du pays" anhört, wird man verstehen, was Tsukuru daran so bewegte. Das Stück beginnt mit einer klagenden Folge von jeweils vier Tönen, und natürlich wird damit die Erinnerung an die vier verlorenen Freunde evoziert. Zudem entstammt das Stück dem ersten Teil von Liszts "Années de pèlerinage", der mit "Suisse" betitelt ist. Die Schweiz aber weckt bei Japanern die Assoziation mit Schnee, und damit sind wir beim "Weiß", wie jenes der beiden Mädchen der Clique auf Japanisch gerufen wurde, in das Tsukuru verliebt war: Shiro (weiß) als Kurzform ihres Nachnamens Shirane (weiße Wurzel). Das andere Mädchen hieß mit Familiennamen Kurono (schwarzes Feld), die beiden Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer). Nur Tsukuru Tazaki trägt keine Farbe im Namen.

Solch ein Namensspiel mag dem westlichen Leser gesucht wirken, doch die meisten japanischen Namen sind derart sprechend. Auch das ungewöhnliche "1Q84" als Romantitel ist für Murakamis Landsleute sofort verständlich, weil es, japanisch ausgesprochen, genauso klingt wie "1984". Doch über die Vieldeutigkeit der asiatischen Sprachen hinaus ist der Verweis auf die Farben im neuen Buch auch hochsymbolisch. Weiß ist in Japan die Farbe des Todes, und es ist kein Zufall, dass Shiro diesen Namen trägt. Und wenn man über die Farbe nachdenkt, die Tsukuru in diesem Quintett zukäme, so bliebe angesichts von Schwarz, Weiß und den beiden Grundfarben Blau und Rot nur noch Gelb. Das aber ist in Japan die Farbe des Kaisers.

Tsukuru ist gar nicht farblos, er empfindet sich nur so, dabei ist er die farbigste Figur. Kompensation findet er wie auch schon Hajime in "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" in erotischen Träumen, doch sie sind verstörend. In ihrer surrealen Welt findet Murakami zu einer Beschreibungsgenauigkeit, die nicht anders genannt werden kann als unheimlich. Ihm gelingt es, Traum und Wirklichkeit in seinen Büchern so ineinander übergehen zu lassen, dass die Grenzen verschwimmen und die Nachtmahre zutage treten. Ein Musterbeispiel dafür ist Murakamis Erzählung "Die unheimliche Bibliothek" aus dem Jahr 2005, die jetzt erstmals auf Deutsch publiziert wird, eigens illustriert von der Berliner Zeichnerin Kat Menschik, die bereits zwei andere Geschichten des Schriftstellers grandios bebildert und ihn damit auch selbst begeistert hat.

"Die unheimliche Bibliothek" erzählt von einem Halbwüchsigen, der sich Bücher ausleihen will und vom Bibliothekar in die tiefsten Keller des Gebäudes verschleppt wird, wo man ihn fortan gefangen hält. In der Person eines ihn mit Essen versorgenden Schafmanns, der direkt der japanischen Geisterwelt der yokai entsprungen sein könnte, findet der Junge eine Vertrauensperson, die ihm zur Flucht verhilft. Doch draußen scheint die Zeit stillgestanden zu sein, und ob alles nicht doch nur ein Traum war, kann nicht einmal der Erzähler selbst entscheiden, dem das Schlimmste noch bevorsteht.

Es sind auch solche Kabinettstückchen der Erzählkunst, die Murakami als einen Meister erweisen, der zu Recht seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis gilt. Mit jedem Buch, das er beim Warten auf die überfällige Auszeichnung schreibt, beschämt er das Nobelpreiskomitee aufs Neue.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" endet mit einer der hoffnungsvollsten Erkenntnisse, die Murakamis Protagonisten bislang vergönnt gewesen sind: "Nicht alles verschwindet im Fluss der Zeit", stellt Tsukuru fest. "Damals haben wir bedingungslos an etwas geglaubt. Wir hatten die Fähigkeit, an etwas zu glauben. Sie kann doch nicht so einfach völlig verschwunden sein." Die Zuversicht der Jugend - das ist das, was alle Figuren in diesen Büchern zu bewahren suchen. Das macht die Murakami-Masche so ewig jung.

ANDREAS PLATTHAUS

Haruki Murakami: "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki". Roman.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2014. 318 S., geb., 22,99 [Euro].

Haruki Murakami: "Südlich der Grenze, westlich der Sonne". Roman.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2013. 224 S., geb., 16,99 [Euro].

Haruki Murakami: "Die unheimliche Bibliothek". Mit Illustrationen von Kat Menschik.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2013. 64 S., 20 Abb., geb., 14,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Gräfes Fassung gibt dieser subtilen Studie über die verführerische und fatale Macht ungelebten Lebens ihre phantasmagorische Vielschichtigkeit zurück." Ulrich Baron, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG „Murakami hält seine Geschichten wie ein zielsicher und leichtfüßig voranschreitender Schlafwandler in einer magischen Balance irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wachheit und Schlaf angesiedelt. Als wäre es das Normalste von der Welt, treten seine Figuren in Parallelwelten ein, in denen ganz andere Gesetze herrschen.“ FORMAT „Könnte als Empfehlung in unserer Rubrik ‚Muss man das gelesen haben?‘ stehen. Antwort : Ja!“ MYSELF "Ging mir extrem unter die Haut." Carlotta Abbate, ELLE "Große Literatur." DRADIO KULTUR „Die neue Übersetzung von Ursula Gräfe gibt den schlichten, geheimnisvollen Stil, der Murakamis Romane prägt, besser wieder. Das Missverständnis, dass es sich bei Murakamis kunstvoll naiver Diktion und magisch ausgekühlter Schreibweise um biedere Banalität handeln könnte, ist nur ausgeräumt. Murakami macht aus der Liebe ein Märchen voller Einsamkeit, Dunkelheit und Regen und aus den Liebenden von Schicksalsmächten getriebene neoantike Tragödien.“ Die ZEIT „Eigentlich keine große Geschichte. Wenn Sie nicht so groß erzählt worden wäre, wie es Murakami gelungen ist.“ SCHLESWIG-HOLSTEIN AM SONNTAG "Selten ist das Ausgeliefertsein an einen Menschen so schnörkellos geschildert worden wie in Murakamis "Gefährliche Geliebte" WIRTSCHAFTSWOCHE "Immer noch erotisch, aber weitaus eleganter." PLAYBOY „Eine neue, wunderschöne Übersetzung.“ FREUNDIN „Die Übersetzung von Ursula Gräfe aus dem japanischen Original enthüllt einen Roman, den wir alle zu kennen glauben, auf packende Weise neu.“ BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG "Ein starkes, kleines Buch, dessen Tiefen jetzt neu zu entdecken sind." WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE "Ideal für Murakami-Einsteiger, sich dem Sog des Buches hinzugeben und Japan näher zu erkunden." STYLE "Ein Roman, der sämtliche Vorurteile gegen die nicht selten verschrobene, langatmige und umständlich atifizielle japansiche Literatur wegwischt." OTZ "Weicher, zurückhaltender, weniger drastisch und salopp." DARMSTÄDTER ECHO "In der Neuübersetzung entsteht wieder die gewohnte greifbare Nähe zwischen Figur und Leser." WITTENER ZEITUNG "Murakami erzählt mit großer Magie vom Einbruch dämonischer Kräfte in ein Leben - und scheut dabei keine Tabus." MAIN-POST "Ein großartiger Liebesroman voller Zauber." NÜRNBERGER NACHRICHTEN "Die mit Erotik und Melancholie gewürzte Geschichte wirkt auf einmal ganz anders: weicher, zurückhaltender und weniger drastisch und salopp." HANAUER ANZEIGER "Ein moderner Klassiker über die dunklen Seiten der Liebe." Wolf Ebersberger, NÜRNBERGER ZEITUNG "Ich mag Murakami so. Seine Sprache und die Klarheit. Und dieses schöne, schöne Buch." ARCHIV/E MAGAZIN "Surreal wie eine Halluzination, melancholisch wie der Jazz von John Coltrane." Janis Voss, EMOTION…mehr