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China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts - in Hongkong, Shanghai, Peking - begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische…mehr

Produktbeschreibung
China, Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine christliche Aufstandsbewegung überzieht das Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der bei der Modernisierung des riesigen Reiches helfen will, reist voller Idealismus nach Nanking, um sich ein Bild von der Rebellion zu machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten eines Krieges, in dem er am Ende alles zu verlieren droht, was ihm wichtig ist. An den Brennpunkten des Konflikts - in Hongkong, Shanghai, Peking - begegnen wir einem Ensemble so zerrissener wie faszinierender Persönlichkeiten: darunter der britische Sonderbotschafter, der seine inneren Abgründe erst erkennt, als er ihnen nicht mehr entgehen kann, und ein zum Kriegsherrn berufener chinesischer Gelehrter, der so mächtig wird, dass selbst der Kaiser ihn fürchten muss.
In seinem packenden neuen Buch erzählt Stephan Thome eine Vorgeschichte unserer krisengeschüttelten Gegenwart. Angeführt von einem christlichen Konvertiten, der sich für Gottes zweiten Sohn hält, errichten Rebellen in China einen Gottesstaat, der in verstörender Weise auf die Terrorbewegungen unserer Zeit vorausdeutet. Ein großer und weitblickender Roman über religiösen Fanatismus, über unsere Verführbarkeit und den Verlust an Orientierung in einer sich radikal verändernden Welt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 719
  • Erscheinungstermin: 10. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 142mm x 48mm
  • Gewicht: 832g
  • ISBN-13: 9783518428252
  • ISBN-10: 351842825X
  • Artikelnr.: 52363320
Autorenporträt
Thome, Stephan
Stephan Thome wurde am 23. Juli 1972 in Biedenkopf, Hessen geboren. Nach dem Zivildienst in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung in Marburg studierte er Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie in Berlin, Nanking, Taipeh und Tokio. 2005 erschien unter dem Titel Die Herausforderung des Fremden: Interkulturelle Hermeneutik und konfuzianisches Denken seine Dissertationsschrift. Zur selben Zeit begann er als DFG-Stipendiat am Institut für Chinesische Literatur und Philosophie der Academia Sinica zu arbeiten, wo er über konfuzianische Philosophie des 20. Jahrhunderts forschte. Bis 2011 betätigte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Forschungseinrichtungen in Taipeh und übersetzte unter anderem Chun-chieh Huangs Werk Konfuzianismus: Kontinuität und Entwicklung ins Deutsche. Sein Roman Grenzgang gewann 2009 den aspekte-Literaturpreis für das beste Debüt des Jahres und stand - wie auch sein zweiter Roman Fliehkräfte - auf der Shortlist zumDeutschen Buchpreis. 2014 wurde Thome von der Akademie der Künste Berlin mit dem Kunstpreis Literatur ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt die Verfilmung des Romans Grenzgang den Grimme-Preis. Seit 2011 lebt und arbeitet Stephan Thome als freier Schriftsteller; derzeit lebt er in Taipeh.
Rezensionen
"Bemerkenswert ist, wie mutig sich Thome in fremde Lebenswelten hineinschreibt ... "
Anne-Dore Krohn, rbb kulturradio
Besprechung von 18.09.2018
Wir, die Menschen, und die Nicht-Menschen

Eine Parabel gegenwärtiger Kulturkämpfe: Stephan Thomes historischer Abenteuerroman "Gott der Barbaren" über die chinesische Taiping-Rebellion

Woran soll man sich halten, wenn der Boden schwankt? Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gerieten die jahrtausendealten Selbstverständlichkeiten der chinesischen Zivilisation von gleich zwei Seiten her ins Wanken. Von Westen her ließen europäische Heere, die dem Kaiserreich geschäftliche und diplomatische Beziehungen nach europäischem Muster mit Gewalt aufzuzwingen vermochten, an der eigenen Überlegenheit zweifeln. Und in der Mitte des Reichs eroberte eine Bauernarmee große Territorien, die brutalsten Terror mit einem krude zusammengeklaubten Christentums-Verschnitt verband. Zwischen zwanzig und dreißig Millionen Menschen sollen in dem Bürgerkrieg um die Taiping-Revolte umgekommen sein - es ist eine Verdrängungsleistung eigener Art, dass dieses welthistorische Beben in der Erinnerung der westlichen Menschheit heute eine so geringe Rolle spielt.

Stephan Thome hat aus dem unglaublichen Stoff einen Roman gemacht, bei dem auf jeder seiner siebenhundert Seiten die Frage mitschwingt, wie man sich in den verwirrenden Umbruchszeiten heute orientieren kann. In der Auseinandersetzung mit der synkretistischen Terrorbande schießen alle möglichen machtpolitischen und ideologischen Gegensätze der Zeit zusammen: Das erinnert stark an die globale Unsicherheit, die heute der IS auslöst. Doch kein einziges Mal kehrt der Roman seinen Gegenwartsbezug ausdrücklich hervor. Vielmehr spitzt Thome die Paradoxien der miteinander kollidierenden Kulturen zu, indem er die historischen Akteure selbst ihre je eigene Logik entfalten lässt; zum eigentlichen Gegenstand des Romans werden so seine ständigen Perspektivwechsel. Jedes Kapitel wird aus der Warte einer von drei Hauptfiguren erzählt, von denen zwei historisch sind.

Eine von ihnen ist der chinesische General Zeng Guofan, der Chef der Hunan-Armee, die den Aufstand am Ende niederschlägt. In einer Szene lässt Thome den General eine Rede an seine Soldaten halten, in der er Menzius und einen zweihundert Jahre alten Ausspruch des Gelehrten Wang Fuzhi zitiert: "Der Unterschied zwischen den Barbaren und uns ist, dass wir Mitgefühl haben." Menzius, der Philosoph des chinesischen Humanismus, hatte in dem spontanen Mitgefühl, aus dem heraus ein Fremder ein am Rand eines Brunnens spielendes Kind vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt, das Kennzeichen von etwas allgemein Menschlichem gesehen. Doch dieses Menschliche wird in der Ansprache des Generals jetzt zum Medium der Abgrenzung: "Wer kein mitfühlendes Herz hat - ist kein Mensch". Das Mitgefühl mit dem bedrohten eigenen Volk soll sich darin bewähren, kein Erbarmen mit den Feinden zu haben, die als Nicht-Menschen identifiziert werden: "Wir hacken sie in Stücke!" Aus dem, was man ursprünglich als Keimzelle einer chinesischen Art Universalismus bezeichnen konnte, wird die Keimzelle eines schonungslosen Nationalismus; man könnte auch sagen, das eine ist im anderen enthalten, eine Kippfigur, die in der politischen Wirklichkeit mal in die eine oder die andere Seite ausschlägt. Den Umschlag vom universellen Zivilisationsstaat zum Nationalstaat, den man in China tatsächlich bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfolgen kann, löst Stephan Thome hier mit leichter Hand in eine erfundene Szene auf. Eine chinesische Szene, die zugleich auch an westliche Ambivalenzen denken lässt, etwa wenn mit einem universalistischen Eintreten für Menschenrechte Kriege mit einer großen Zahl ziviler Opfer begründet werden.

Erfundene, eingefühlte Szenen und historische Fakten stützen und verstärken sich in diesem Roman ständig gegenseitig. Tatsächlich wurde der philosophierende General, der seine Offiziere und vor allem seinen Bruder mitten im Kampfgetümmel immer wieder ermahnt, als Erstes einen Aufsatz zu irgendeiner alten Gedichtzeile zu verfassen, später dadurch berüchtigt, dass er sämtliche Einwohner einer Stadt, die seine Armee einnahm, massakrieren ließ. Kultur und Verbrechen erscheinen da als zwei Seiten derselben Medaille. Als die in der Hauptstadt regierende Kaiserinwitwe schon Angst bekommt, er wolle mit seiner durch den Triumph errungenen Macht die Dynastie stürzen und eine neue begründen, sagt er, er habe etwas ganz anderes vor: nämlich eine große Ausgabe der Schriften von Wang Fuzhi herauszugeben - "als Zeichen des Sieges, um zu beweisen, dass wir haben, was diesen Bestien fehlt". In einem anderen Dialog blickt er auf die Zeit voraus, in der die gegenwärtige Schwäche Chinas gegenüber Europa sich durch fleißiges Lernen von ihm in Stärke verwandelt haben wird: Werden die Chinesen dann "noch achtfüßige Aufsätze schreiben" können? All die Fragen der kulturellen Selbstvergewisserung inmitten der machtpolitischen Expansion, die China heute umtreiben, sind in dieser kleinen Szene schon angelegt.

Als westlicher Gegenspieler tritt der Sonderbotschafter der britischen Krone, Lord Elgin, auf. Auch er neigt zur Selbstreflexion, und auch ihn hält das nicht von knallharter Wahrnehmung der Interessen seines Landes ab, die vor allem Geschäftsinteressen sind. "Für einen Mann wie ihn war es keine Kleinigkeit, einer alten Zivilisation den Todesstoß zu versetzen", heißt es an einer Stelle über ihn, den der Anblick chinesischer Schriftzeichen mit Ehrfurcht erfüllt. Doch ebendieser Mann mit seinen Selbstzweifeln und seinem europäischen Sinn für fremde Kulturen gibt später den Befehl, den Sommerpalast des Kaisers dem Erdboden gleichzumachen - eine Barbarei, die schon der Zeitgenosse Victor Hugo anprangerte und die der chinesischen Propaganda bis heute als Menetekel nationaler Schwäche gilt, ohne das der wirtschaftliche und militärische Aufstiegswille seither nicht zu verstehen sei.

In einer Szene kommt es zu einer direkten Begegnung von Lord Elgin mit einem Abgesandten der Hunan-Armee, dem ebenso jungen wie selbstbewussten und klugen Li Hongzhang. Lord Elgin lässt sich zu einer kleinen Exkursion über die Dialektik des Fortschritts hinreißen: Hat der optimistische Herbert Spencer recht, für den jede Neuerung der Auslöser weiterer, immer komplexerer Neuerungen sei, oder aber der skeptische Machiavelli, bei dem ein geschichtlicher Schritt den nächsten bedinge, "bis der Ablauf des Ganzen seinen Sinn gleichsam überholt hat, verstehen Sie?" Der Einwurf des Chinesen holt den Lord dann unsanft auf den Boden zurück: "Unser Gast möchte wissen, wie groß die Einwohnerzahl Englands ist". Wie sich herausstellt, fragt er das allerdings nicht aus Unbedarftheit, sondern als listig-humoristische Vorbereitung seiner Forderung, dem Kaiser Kanonen für seinen Kampf gegen die Rebellen zur Verfügung zu stellen, da England mitverantwortlich sei an Chinas gegenwärtiger Not: Seine Landsleute lebten "in dem Glauben, dass England eine so kleine Insel ist, dass die Hälfte der Bevölkerung auf Schiffe verfrachtet und in ferne Länder gebracht werden muss. Aus Platzmangel." Die Souveränität und der Witz, mit denen Thome da unterschiedliche Diskursstile aufeinanderprallen lässt und mit ihnen unterschiedliche Arten der Logik, die sich bis heute nicht ohne weiteres gegeneinander verrechnen und auflösen lassen, ist bewundernswert. Thome ist Sinologe, doch er breitet sein Wissen fast nie belehrend aus, sondern mit einem dramatischen Sinn für die größtmögliche Zuspitzung.

Nur die dritte der Hauptfiguren, die einzig erfundene, wirkt bisweilen etwas holzschnitzartig und konstruiert: der junge Deutsche Philipp Johann Neukamp, der aus sozialreformerischer Begeisterung für die Ideale der demokratischen 48er-Revolution zuerst als Missionar nach Hongkong kommt und sich dann zu den Rebellen nach Nanking durchschlägt. Er begegnet dort sogar dem sagenumwobenen Anführer der Aufständischen, dem "Himmlischen König" Hong Xiuquan, der sich selbst für den jüngeren Bruder Jesu hält. Hong macht den Ausländer zu einem Unter-König, von dessen durch schöne junge Frauen protokollierten Träumen er sich weitere Offenbarungen erhofft.

Die deutsche Identifikationsfigur mit ihren mehr oder weniger heutigen Vorstellungen ("Jeder weiß, dass wir Teil eines dreckigen Spiels sind", sagt Neukamp schön aufgeklärt einmal) soll offenbar dazu herhalten, das extrem Entlegene und Monströse der Rebellenbewegung aufzuschließen. Doch dieser Versuch gelingt nicht ganz. Der eher handfeste Realismus der Erzählweise, der sich in den ideengeschichtlichen Passagen als Medium abgeklärter Distanzierung bewährt, stößt an seine Grenzen, sobald er in das Herz des Irrwitzes vorzustoßen sucht. Das Psychogramm der Sektierer bleibt ebenso blass wie die Schilderungen der von ihnen eingenommenen Stadt. Dazu trägt auch bei, dass Thome allzu unbekümmert anachronistische Redewendungen einflicht, etwa wenn irgendwer mal wieder "frustriert" ist oder irgendetwas "kontrovers diskutiert" wird. Die Nähe, die solche Gegenwartsformeln suggerieren, verstellt den Zugang zur fernen Zeit eher, als dass sie ihn erleichtert.

Doch gegenüber der Originalität dessen, was dieser Roman zustande bringt, fällt dieser Mangel nicht groß ins Gewicht. Die Geschichte des Philipp Johann Neukamp ist auch die Geschichte eines Selbstverlusts, den jeder riskiert, der sich in den Wirbel der Zeiten und Kulturen hineinbegibt. "Für jeden von uns gibt es eine Grenze dessen, was er aushalten kann, ohne ein anderer zu werden", bemerkt er als Ich-Erzähler zu Beginn, und gegen Ende, als er sich eine neue Existenz als Unternehmer in Amerika aufgebaut hat, muss er sich eingestehen, dass er diese Grenze gleich mehrfach überschritten hat: "Wenn ich mich heute erinnern will, wer ich gewesen bin, weiß ich nicht, wen ich eigentlich meine." Der Roman legt nahe, dass das für ganze Kulturen auch gilt. Und vielleicht sogar für ihn selbst, wenn er im Strudel der Perspektiven, die jede für sich gleich plausibel und tödlich sind, jeden Boden zu verlieren scheint. An einen solchen Punkt überhaupt zu kommen ist keine geringe Leistung.

MARK SIEMONS

Stephan Thome: "Gott der Barbaren". Roman.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 719 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 14.09.2018
Milchzähne und Massaker
Die christliche Religion als Brandbeschleuniger: Stephan Thome schildert in seinem Roman „Gott der Barbaren“ den Taiping-Aufstand,
den größten Gewaltexzess im China des 19. Jahrhunderts. Werden westliche Erzählformen einem solchen Ereignis gerecht?
VON BURKHARD MÜLLER
Auf dem Weg Jesu verbreitet sich die Kälte“ – das steht doch so bestimmt nicht in der Bibel? Aber ja!, behauptet Hong Jin, der den Titel des Schildkönigs führt. Er hat seine Bibel dabei und legt den Finger auf die Stelle, wo es heißt: Ye lu san leng. Und da dämmert es dem deutschen Missionar Philipp Neukamp, genannt Fei Lipu, der sich im Gewahrsam seines früheren Zöglings und jetzigen Meisters Hon in der Himmlischen Hauptstadt Nanking befindet: Die Umschrift des für Chinesen wenig besagenden Ortsnamens Jerusalem liest sich tatsächlich wie „Auf dem Weg Jesu verbreitet sich die Kälte.“
Missverständnissen solcher und schlimmerer Art ist die christliche Lehre ausgesetzt, wenn sie ins China des 19. Jahrhunderts eingeführt wird. Sie fällt auf überaus fruchtbaren Boden, begierig greifen die verelendeten chinesischen Massen sie auf und verwandeln sie mit einem Eifer, der in Europa und Nordamerika lang erloschen ist, in den Glutkern einer Rebellion, die das Reich der Mitte in seinen Grundfesten erschüttert. Hong Xinquan, Oberhaupt der Rebellen, erklärt sich zum jüngeren Bruder Jesu Christi, verbietet bei Todesstrafe Alkohol und Sex (obwohl er sich selbst einen Harem hält) und setzt, in China unerhört, die Gleichberechtigung der Frauen durch.
„Gott der Barbaren“ ist ein Titel voll ironischen Doppelsinns: Barbaren sind in Chinas Augen die christlichen Ausländer, die ins Land drängen, wie umgekehrt aus der Sicht der Europäer die Chinesen Barbaren sind, die ein verhunztes christliches Dogma als Vorwand zu Gewaltexzessen missbrauchen. 30 Millionen Tote soll der Taiping-Aufstand gekostet haben, der ein großer Bürgerkrieg war, nach dem Zweiten Weltkrieg der verlustreichste Konflikt der Menschheitsgeschichte. Dennoch wissen außerhalb von China nur wenige etwas von dieser historischen Großkatastrophe.
Stephan Thome, der 1972 im hessischen Biedenkopf geboren wurde, wohnhaft in Taipeh, Autor und Sinologe, hat sich vorgenommen, das zu ändern. Er geht an diesen gewaltigen Brocken mit der Form des Romans heran. Das ist eine gewagte Entscheidung: Denn bei Stoffen dieser Art ist der Roman fast immer im Hintertreffen gegenüber seiner Rivalin, der historischen Monografie. Diese lässt, vor allem wenn die Quellen reichlich fließen, die Akteure so zu Wort kommen, wie sie es in ihrer Zeit getan haben; und so zweifelhaft die Resultate sein mögen, zu denen sie gelangt: Der Standpunkt, von dem aus sie ihr Material organisiert, der Feldherrnhügel der Wissenschaft, wird ihr niemals fraglich. Demgegenüber kann der Romancier noch so sorgsam recherchieren – er muss seinen Figuren dann doch Reden in den Mund legen, die sie so garantiert nie geführt haben und die eine prekäre Mitte zwischen heute und damals halten. Und als Erzähler schwebt er nicht über den Dingen, sondern ist sozusagen zu Fuß im Pulverdampf unterwegs, was perspektivische Probleme verursacht.
Thome hat es mit diesem Roman wie schon mit seinen Vorläufern „Grenzgang“ (2009) und „Fliehkräfte“ (2012) auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft. Er ist sicher weit besser gerüstet als die meisten Westler, zumal die deutschsprachigen, um auch der chinesischen Seite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Doch verkompliziert sich die Lage dadurch, dass es zwei sehr verschiedene chinesische Seiten gibt, die der herrschenden Mandschu-Dynastie und die der Rebellen. In noch höherem Grad als gewöhnlich gilt hier, dass der Sieger die Geschichte schreibt; und Sieger sind noch einmal die alten Kräfte, während die Besiegten mit einer Radikalität ausgemerzt werden, die sie fast völlig zum Verstummen bringt.
Die Europäer, hauptsächlich Briten, die gleichzeitig gegen den Kaiser in Peking den sogenannten Zweiten Opiumkrieg führen, sind dabei eigentlich nur Zaungäste. Doch die innere Notwendigkeit des Romans bedingt es, dass die Ereignisse sich vor allem aus ihrem Blickwinkel entfalten. Der Missionar Philipp Johann Neukamp schreibt Tagebuch und füllt viele Seiten mit seiner abenteuerlichen Reise nach Nanking. Lord Elgin, britischer Sonderemissär (sein Vater hatte den Parthenonfries nach London geholt), hält lange philosophische Monologe vorbei an den Ohren seines Sekretärs Maddox und einer namenlosen chinesischen Konkubine, die keine Silbe versteht; selbst sein Familienleben in Schottland (das nun wirklich nichts zur chinesischen Sache tut) erfährt breite Würdigung. Eingestreut sind englische Zeitungsartikel, Briefe und Vorträge von Missionaren und so weiter.
Unter den Chinesen ist Zeng Guofan, Kommandeur der Hunan-Armee, die den Kampf gegen die Rebellen führt, die herausragende Figur, und die interessanteste im Buch überhaupt. Hier vor allem kommt die eminente Sachkenntnis Thomes zum Zug. Als Gelehrter, der wider Willen zum Soldaten wurde, legt der General Wert auf die konfuzianischen Tugenden Mitleid und Familiensinn. Seinen jüngeren Bruder, ebenfalls Heerführer, für dessen Erziehung er sich verantwortlich fühlt, tadelt er nicht etwa deswegen, weil er 8000 Rebellen, die sich bereits ergeben hatten, zu köpfen befiehlt, sondern weil er dabei nicht persönlich zugegen war. Denn wie kann er den Soldaten Vorbild sein, wenn er sie die Drecksarbeit alleine machen lässt? Zengs Mitleid aber äußert sich darin, dass er anordnet, bei der Eroberung einer Stadt alles am Leben zu lassen, was noch Milchzähne hat. Das Zugeständnis verrät mehr über die Härte des Konflikts als alle Schilderungen der Gräuel.
Doch ins Innere der Rebellion und damit ins Zentrum des Stoffs gelangt auch Thome nicht. Zwar erlebt man die Anführer im Gespräch mit dem deutschen Missionar Neukamp, der Chinesisch kann; aber man spürt, dass der westlich-realistische Dialog, in den ihre Rede eingespannt wird, dem, was sie sind und wollen, nicht entspricht. Auch die Briefe, die Hon Jin an die Europäer richtet und deren Text sich offenbar eng an historische Quellen anlehnt, wirken eher grotesk, als dass sie für Klarheit sorgten. Der Absender fragt, wie hoch die einzelnen Stockwerke des Himmels seien, ob Gott einen Bart habe und ob er manchmal auch weine.
Und wie steht es mit dem einfachen Volk, das von allen drei Parteien abgeschlachtet wird? Analphabeten sind es, die keine Stimme haben. Der Autor denkt sich das Mädchen Huang Shuhua aus, das von den Missionaren im Schreiben und Lesen unterwiesen worden ist und im belagerten Nanking ein Journal führt. Den letzten Eintrag macht sie mit eigenem Blut neben den massakrierten Leichen ihrer Familie, dann erhängt sie sich. Die makabre Kolportage lässt erkennen, an welche absolute Grenze der historische Roman mit seinen Möglichkeiten hier stößt. Im Übrigen bleibt Huang so marginal, dass sie nicht einmal ins umfangreiche Personenregister aufgenommen wird.
Das Buch schließt mit einer Pressemeldung über eine christlich inspirierte Bewegung im fernen Qinghai, die von der gegenwärtigen Regierung in Peking rigoros unterdrückt wird. Das soll heißen: Wer die chinesische Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht kennt, begreift nicht, was in Staat und Gesellschaft des heutigen China passiert, das um jeden Preis einen neuen Taiping-Aufstand vermeiden will. Was einmal war, kann wiederkehren.
Dass es solche Aufklärung leistet, ist nicht das kleinste Verdienst von Thomes Buch. Darüber hinaus sollte man es, will man es mit Nutzen lesen, nicht allzu eindringlich befragen, ob es gelungen wäre. Eigentlich gelingen konnte es als Roman nicht. Es fesselt nicht dort am meisten, wo es in konventionellem Sinn spannende und anrührende Episoden erzählt, sondern dort, wo es an seinem dunklen, übergroßen Stoff scheitert. Die Ratlosigkeit der westlichen Zivilisation vor ihrem östlichen Gegenstück spiegelt es auf zwei Ebenen wider: Auf der einen, ihm bewussten, indem es den Diskurs der Europäer im 19. Jahrhundert in all seiner ahnungslosen Arroganz darstellt; auf der anderen, indem es durch seine Form seinen Gegenstand letztlich verfehlt. Es ist ein Buch, das mehr Aufschluss gewährt, als es selber weiß.
Thome hat es mit diesem
Roman auf die Shortlist zum
Deutschen Buchpreis geschafft
Zeng Guofan, Kommandeur
der Hunan-Armee, ist die
interessanteste Figur im Roman
Das Buch fesselt dort am meisten,
wo es an seinem dunklen,
übergroßen Stoff scheitert
Ein „Himmlisches Reich des Großen Friedens“ hatten die Rebellen ausgerufen, ihr Anführer Hong Xinquan erklärte sich zum jüngeren Bruder Jesu Christi. Das um 1860 entstandene Gemälde zeigt die Unterdrückung des Taiping-Aufstandes durch die chinesische Regierung.
Foto: mauritius images
Stephan Thome: Gott der Barbaren. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
719 Seiten, 25 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Vor allem aber gelingt es dem Autor, die geheimnisvoll in sich geschlossene und faszinierende Welt des chinesischen Denkens vor Augen zu führen. ... Einerseits ist dieses groß angelegte Buch also eine suggestive Einführung in die chinesische Ästhetik und Geschichtsauffassung, andererseits kann man es aber auch als einen spannenden Abenteuerroman lesen.«
Helmut Böttiger, Die Zeit 13.09.2018