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4 Kundenbewertungen

Produktdetails
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 669g
  • ISBN-13: 9783100496027
  • ISBN-10: 3100496027
  • Artikelnr.: 20936002
Autorenporträt
JR Moehringer wurde 1966 in New York geboren, er studierte in Yale und ist Reporter bei der Los Angeles Times. 2000 gewann er den Pulitzer-Preis.
Rezensionen
Besprechung von 21.03.2007
Das Leben ist ein langer Tresen
J. R. Moehringer sitzt an der "Tender Bar" / Von Peter Körte

Das Leben ist kein Roman, aber man kann natürlich von ihm erzählen, als wäre es einer, und auch wenn ein Schriftsteller dabei seine Biographie als Rohmaterial benutzt, bleibt es doch ein Stück Fiktion. Insofern ist J. R. Moehringers in Amerika hochgelobtes Buch "Tender Bar" offenbar ein klarer Fall. Doch sobald man genau hinschaut, hat das Buch im Original auf einmal den Zusatz "A Memoir" - womit der deutsche Verlag nicht zufrieden war und deshalb einfach "Roman" hinter den Titel setzte. Und wenn man auch nicht wie das Einwohnermeldeamt prüfen will, wie viele Ichs das Buch denn nun bewohnen, so sollte man es doch ernst nehmen, dass Moehringer eben auch davon erzählt, wie er daran scheiterte, einen "Schlüsselroman" über die Bar zu schreiben.

"Tender Bar" ist eine Coming-of-age-Geschichte, die 1972 in dem kleinen Ort Manhasset auf Long Island beginnt und im Grunde eine buchlange Reportage ist, die im eigenen Leben recherchiert, wie es der 1964 geborene Moehringer selber gelernt hat, der als Reporter der "Los Angeles Times" in Denver lebt und für eine seiner Arbeiten bereits einen Pulitzer-Preis gewonnen hat. Er ist das vaterlose Kind John Joseph junior, das in der Bar viele Väter findet, von denen keiner dem entspricht, was eine amerikanische Fernsehserie als sittlich einwandfreies Oberhaupt akzeptieren würde. Er schweigt nicht über deren Schwächen, aber er porträtiert sie voller Milde, Zuneigung und Dankbarkeit: Onkel Charlie, den Cocktailmixer und Zocker, der dem Jungen immer wie ein Doppelgänger von Humphrey Bogart in Rick's Café Américain erscheint; Bob, den Cop; Colt, Bobo und all die anderen, die Spitznamen tragen, welche ihnen Steve, der Besitzer, verliehen hat. Und ganz gleich, ob er von fragmentierten Familien erzählt oder von den Großeltern, in deren ramponiertem Haus er den Großteil seiner Kindheit verbringt, von Baseball und erster Liebe, von Yale oder von einem ernüchternden Volontariat bei der "New York Times" - der nächste Weg führt immer an die Theke.

Moehringer hat die Dosis Ironie, die es braucht, wenn man von einer Bar "in einer schwer trinkenden Stadt" erzählt, die dem Kind und dem jungen Mann als verlorenes Paradies erscheint. Die Bar, die erst "Dickens" hieß und dann "Publicans", gibt es längst nicht mehr, aber sie ist ein Fluchtpunkt der Sehnsucht und der Erinnerung geblieben, wie es das "American Diner" war in Barry Levinsons Film: ein Ort, an dem sich eine Jugend verdichtet, 142 Schritte von zu Hause entfernt - und auf dem Rückweg auch schon mal 170, wenn der Heimkehrer zickzack lief.

Tender Bar" ist eine Erziehung nicht nur des Herzens, sondern auch der Leber, die irgendwann den Kalenderspruch bemüht, dass Erwachsenwerden wie Nüchternwerden sei und umgekehrt - was insofern plausibel ist, als J.R., wenn er so weitergetrunken hätte wie als junger Mann, kaum noch in der Lage gewesen wäre, dieses Buch zu schreiben. Das Erstaunliche ist, dass man Moehringer seine oft arg simplen Weisheiten nachsieht, und das hat dann doch damit zu tun, dass es sich nicht um einen Roman handelt. Es ist etwas anderes - eine Figur, die wie der Autor heißt und Lebensweisheiten in den Mund gelegt bekommt, oder der Autor selber, der ohne Masken und Mundstücke spricht.

Moehringer macht sich nicht im Nachhinein klüger, er muss auch nicht mit Filmen, Büchern und Platten seine Zeitgenossenschaft dekorieren; er hat sich den Glauben an die schlichten Lebensregeln und die Macht des großen Augenblicks bewahrt, wenn J.R.s Tränen pünktlich an Vaters Grab strömen oder er beim Blick in den Spiegel auf einer Flughafentoilette bemerkt, dass seine Illusionen dahin sind. In einem Roman würde man solche Szenen als ziemlich abgestanden empfinden; in dieser Art Prosa lässt man sie durchgehen. Was wiederum nicht heißt, dass Moehringer einfach draufloserzählte. Da ist ein Gespür für Pointen und Dramaturgie, für die Untrennbarkeit von Komik und Rührung, wenn er von seinem ersten Mal berichtet, als er die Kondome vergessen hatte, mit dem Auto durch die Nacht raste, um welche zu holen, die Freundin kaum wiederfand, um hinterher mit dem ganzen Weltschmerz eines Siebzehnjährigen zu seufzen: "Ich blickte über das Tal, die vielen Lichter, die vielen Häuser, die vielen Fenster, in die ich als Junge gespäht hatte. Endlich ließ mich jemand rein."

Solche leicht und sicher erzählten Passagen entschädigen einen für gewisse Merksätze, obwohl man es schon für ziemlich prätentiös halten kann, dass J.R. nach dem 11. September, an dem auch Menschen aus seinem Heimatort starben, räsoniert, Manhasset sei nun "eine Stadt voller vaterloser Kinder". "Tender Bar" ist also eher ein lesenswertes Lebensabschnittsbuch als ein Roman, und wenn man es als solches liest, dann kommen auch seine literarischen Qualitäten besser in den Blick: Es erzählt einfach eine Geschichte, wie man sie in einer langen Nacht am Tresen einer Bar zu hören bekommen kann, ohne den Erzähler deshalb gleich für den kommenden Romancier zu halten.

J.R. Moehringer: "Tender Bar". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitte Jakobeit. Verlag S. Fischer, Frankfurt 2007. 459 S., geb., 19,90 [Euro].

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Besprechung von 20.03.2007
Glücklich, weil es Bier gibt
J. R. Moehringer erzählt, wie man in einer Bar aufwächst
„Wir gingen hin, weil wir dort alles bekamen”, beginnen diese Memoiren eines vierzigjährigen Pulitzerpreisgewinners. Das erinnert an Stephen Kings „Pool, zu dem wir hinuntergehen, um zu trinken”, den der Meister des Horrors in „Lisey’s Story” beschworen hat. Aber der 1964 in New York geborene J. R. Moehringer hat seinen Pool nicht in einer Phantasiewelt angesiedelt, sondern in einer Bar in Manhasset auf Long Island, einem Ort, der seit den Zeiten des „Großen Gatsby” als Hochburg fachmännischen Alkoholkonsums gilt. Zunächst als „Dickens”, dann als „Publicans” bildet Moehringers Bar den Fixpunkt einer Kindheit und Jugend ohne Vater und bietet eine Auswahl rauer, aber herzlicher Ersatzväter.
„Du versteht dich gut auf ungewöhnliche Männer”, sagt die Mutter des Erzählers, und egal ob Bob the Cop, Cager, Colt, Smelly der Koch, Joey D oder Onkel Charlie – aus kindlicher Sicht erscheinen Barkeeper und Stammgäste alle nicht nur ungewöhnlich, sondern überlebensgroß. Sie sind Bewohner einer männlichen Gegenwelt zum von Tanten und Cousinen übervölkerten Haus des knickrigen Großvaters, in das JR’s alleinerziehende Mutter aus Geldmangel immer wieder zurückkehren muss. Am Tresen und bei gemeinsamen Badeausflügen werden die populären Themen erörtert, Sport und Sportwetten, die Liebe, der Tod. Und immer wieder ereifert man sich über Wörter. „Was ist ein Publican?” lautet die Frage nach der Umbenennung der Bar. „So’n komischer Vogel mit Doppelkinn”, ist die falsche Antwort: „Ein Publican ist ein Barkeeper”, ist schon richtiger, und der JR Moehringer der Geschichte sagt von sich: „Ich wurde praktisch von Barmännern erzogen.” Also von „bartendern”, deren Zuwendung das Wortspiel „Tender Bar” anregte.
So hat man die Hoffnung, hier etwas Ähnliches zu finden wie die „Cannery Row” eines John Steinbeck oder das Kino von Sam dem Löwen in Peter Bogdanovitchs Film „The Last Picture Show” – einen jener magischen, nicht ganz stubenreinen Orte Amerikas, die, obwohl längst vergangen, von jedem Leser und jedem Zuschauer wieder neu entdeckt werden. Doch zugleich fürchtet man, Moehringers hymnische Beschwörung seiner Bar solle nur kaschieren, dass hier ein weiterer Journalist sein biografisches Familiensilber zu Markte trägt, um sich fortan Schriftsteller nennen zu können. Und man sieht sich darin leider bestätigt. Spätestens wenn die Nöte eines armen und ungebildeten Yale-Stipendiaten, die zählebige Tragik einer Studentenliebe und die subalternen Hilfsdienste eines New York Times-Volontärs sich über die Seiten hin dehnen, beginnt man zu suchen: Man sucht nach dem kleinen Buch, das auf diesen 440 Seiten verlorengegangen ist. Man würde es gern preisen, doch man findet nur Bruchstücke. Etwa wenn der kleine JR zusammen mit seiner Mutter einigen mächtig aus der Fasson gegangenen Mannsbildern beim Softballspielen zuschaut. „Warum sind die Männer so albern?” fragt er, und die Mutter antwortet: „Sie sind eben – glücklich.” Und warum glücklich? „Sie musterte die Männer und dachte nach. ,Bier, mein Liebling. Sie sind glücklich, weil es Bier gibt.’”
Solch ein Moment albernen, bierseligen Glücks ist die Ausnahme, weil Moehringer seine „Tender Bar” an die Leine einer linearen autobiographischen Erzählung gelegt hat, die seinen Gestalten nur beschränkte Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Doch Literatur entsteht nicht zwangsläufig da, wo man von sich selbst erzählt. Mit weniger Selbstbespiegelung, mehr dichterischer Freiheit und mit wechselnden Figurenperspektiven hätte die „Tender Bar” zur Nachfahrin von Steinbecks „Tortilla Flat” werden und ihre Ritter der Tresenrunde hätten sich zu eigenständigen Gestalten entwickeln können. So aber wirkt sie am Ende eher wie ein Wartesaal auf Moehringers ambitionierter Reise zum eigenen Lebensroman. ULRICH BARON
J. R. MOEHRINGER: Tender Bar. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 459 Seiten, 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Amüsiert, bewegt und betroffen zeigt sich Rezensentin Susanne Messmer zunächst von diesem Entwicklungsroman, der ihren Informationen zufolge tatsächlich im Wesentlichen in einer Kneipe spielt, die für den vaterlosen Helden des Romans eine Art Ersatzheimat ist, die ihn auf seinem Weg aus den Niederungen in die oberen Etagen der amerikanischen Gesellschaft immer wieder erdet. Doch je weiter sie dann liest, desto ermüdeter zeigt sie sich von der "einsträngigen Erzählweise" des Romans, seinen "abziehbildhaften" Klischees, "allbekannten Trinksprüchen und Tresenweisheiten". Am Ende kehrt sich ihr Lesegefühl völlig um: es ärgert sie, was sie anfangs noch amüsiert und bewegt hat, und sie wünscht, J. R. Moehringer hätte das Genre "Kneipenroman" samt seiner Figuren etwas ernster genommen, als damit nur die Geschichte eines Pulitzer-Preisträgers zu dekorieren, der sich das Trinken abgewöhnt und seiner Läuterung dann einen Bestseller abgewinnt.

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