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5 Kundenbewertungen

Die Dreijährige Sal Jensen wird entführt. Doch das Leben bei ihrem neuen Daddy ist erst der Beginn einer seltsamen, atmosphärisch dichten Reise. Selbstständig beginnt Sal, auf der Suche nach einem Zuhause, von Haushalt zu Haushalt zu wandern und begegnet dabei den absonderlichsten Individuen: dem wortkargen Waschsalon Besitzer, der abgehalfterten Vermieterin, einem altjungen Mann Unsentimental und philosophisch heiter kommentiert Sal diese narzisstische Erwachsenenwelt. Scott Bradfield ist mit seinem neuen Roman ein großer Wurf gelungen. Die Entführung Sals ist keine Opfergeschichte, sondern…mehr

Produktbeschreibung
Die Dreijährige Sal Jensen wird entführt. Doch das Leben bei ihrem neuen Daddy ist erst der Beginn einer seltsamen, atmosphärisch dichten Reise. Selbstständig beginnt Sal, auf der Suche nach einem Zuhause, von Haushalt zu Haushalt zu wandern und begegnet dabei den absonderlichsten Individuen: dem wortkargen Waschsalon Besitzer, der abgehalfterten Vermieterin, einem altjungen Mann
Unsentimental und philosophisch heiter kommentiert Sal diese narzisstische Erwachsenenwelt. Scott Bradfield ist mit seinem neuen Roman ein großer Wurf gelungen. Die Entführung Sals ist keine Opfergeschichte, sondern ein sezierender, weiser, oft auch humoristischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft. Mitreißend bis zur letzten Seite!
  • Produktdetails
  • Verlag: Residenz
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: 4. Februar 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 132mm x 23mm
  • Gewicht: 387g
  • ISBN-13: 9783701716036
  • ISBN-10: 370171603X
  • Artikelnr.: 36801930
Autorenporträt
Scott Bradfield 1955 in Kalifornien geboren, studierte amerikanische Literatur. Heute lebt er in London und Connecticut, wo er an der University of Storrs unterrichtet. Schon bei seinem Debüt "Die Geschichte der leuchtenden Bewegung" wurden Bradfields elektrisierende Beschreibungskunst und die poetische Intensität gefeiert. Zuletzt erschienen: "Gute Mädchen haben's schwer" (2005).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zu moralisierend, zu sehr bedacht auf Roadmovie-Atmo und esoterische bis biblische Erlösungsansprüche kommt diese parabelhafte Erzählung von Scott Bradfield der Rezensentin daher. Da hilft auch nicht die luftige Sprache oder dass die Heldin, die von eigennützigen Erwachsenen hin- und hergeschoben und möglicherweise, Anja Hirsch ist sich da nicht sicher, sogar missbraucht wird, an Momo erinnert. Der leidvollen Odyssee des Mädchens im Buch folgt Hirsch bald nur noch widerwillig, dramaturgisch zu langweilig erscheint ihr der Rhythmus ihrer wechselnden Unterkünfte, zu blass findet sie diese Prosa.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.06.2013

Der Kojote spricht
Scott Bradfield schickt eine Kinderheldin in die Wüste
Nach Tagen in der Wüste, geplagt von Schmerzen, Durst und düsteren Visionen, begegnet Sal einem Kojoten, der ihr einen Ratschlag fürs Leben gibt: Abstand halten. Und: „Sieh dich vor, dass du dir keine Hobbys zulegst, die dich zwingen, deine Zeit mit materiellen Dingen zuzubringen.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Sal bereits einen Lern- und Bewusstwerdungsprozess hinter sich, für den es im Normalfall ein ganzes Erwachsenenleben braucht. Sal allerdings ist ein kleines Mädchen.
  Schon in seinem Debütroman „Die Geschichte der leuchtenden Bewegung“, auf Deutsch 1993 erschienen, hatte der Kalifornier Scott Bradfield ein Kind als Erzählfigur eingeführt. Sal Jensen im neuen Roman ist gerade mal drei Jahre alt, als etwas Ungeheuerliches mit der größten Selbstverständlichkeit geschieht: Ein Fremder kommt ins Haus und nimmt das Kind mit; er will es vor einer Zumutung namens Amerika beschützen.
  Worauf Bradfield abzielt, wenn er Sal von Station zu Station ihrer elternlosen Reise schickt, in zunehmend surreal anmutende Szenarien und ohne Rücksicht auf die Anforderungen an ein realistisches Erzählen, das ist die Überfürsorge, die der Staat seinen Bürgern (und vor allem den vermeintlich schwächsten unter ihnen) angedeihen lässt, das sind seltsame pädagogische und psychologisierende Ansätze, religiöse Eiferer und falsche Schutzpatrone. Sal ist ein Durchlauferhitzer, durch den Wünsche, Sehnsüchte, narzisstische Fixierungen und Projektionen der Normalwelt fließen. Der unbestechliche, kühle Kinderblick setzt dazu einen entlarvenden Kontrapunkt, der noch durch den Umstand verstärkt wird, dass Bradfield von Sal in der dritten Person und nicht aus der Ich-Perspektive erzählt.
  Die Erwachsenenwelt erscheint als ein Museum der toten Gegenstände; eine Reihe gescheiterter Leben, deren Tristesse sich in einem Haufen wertlos gewordener Dinge spiegelt. Dagegen steht der Ratschlag des Kojoten. In der demonstrativen Abstinenz von jeder Sozialromantik und moralischen Belehrung liegt die Stärke dieses Romans, auch wenn Bradfields Freude am Grotesken am Ende möglicherweise etwas überschießt.
CHRISTOPH SCHRÖDER
  
Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2013. 234 Seiten, 21,90 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.06.2013

Sal wohnt im Waschsalon
Scott Bradfield will von der Erziehung zur Beziehung

In den Augen von Kindern können Erwachsene zu Monstern werden, riesengroß mit Knopfaugen oder ärmlich klein ohne Schutzfunktion. Und will man der Welt den Spiegel vorhalten, ist es durchaus effektiv, diese Perspektive von schräg unten ein ganzes Buch lang durchzuhalten. Der in London lebende Kalifornier Scott Bradfield, Jahrgang 1955, hat das in seinem neuen Roman konsequent getan, indem er ganz auf Augenhöhe eines kleinen Mädchens namens Sal erzählt, und so treten sie uns fratzenhaft entgegen: seltsame Erwachsene, die offenbar den Verstand verlieren, sobald sie Sal sehen. Manche haben so viel Mitleid mit dem etwas verwahrlosten Kind, dass sie ständig weinen müssen. Andere wollen Sal Manieren beibringen und haben Checklisten, damit sie Neues lernt.

Mit drei Jahren beginnt ihre Odyssee, als ein Mann, den Sal fortan "Daddy" nennen soll, sie von zu Hause entführt. Irgendwann wird er ihrer überdrüssig, und sie schlägt sich so durch. Mal wohnt sie in Waschsalons, dann in pinkfarbenen Nobelvillen oder feuchten Kellern, wie es sich gerade so ergibt. Hin und wieder befreit sie sich auch entnervt aus den Armen schnarchender Männer oder Frauen.

Ein Roman über Missbrauch also? Im weitesten Sinne schon. "Die Leute, die sie vorübergehen sahen" bohrt sich sehr zynisch, sehr rigoros hinein in die Seelen eines narzisstisch um sich selbst kreisenden Personals. Beziehungs- und verantwortungslos, nutzt es selbst Kinder nur zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und schiebt sie nach Belieben auch wieder ab.

Dramaturgisch aber ist das eher schwach. Es entwickelt sich ein etwas zäher, eintöniger Rhythmus aus den wechselnden Unterkünften, die Sal bewohnt und wieder verlässt, in einem grellen Pizza- und Zeichentrickland von abstoßender Oberflächlichkeit, unwirklich gebaut auf ploppenden Dosen, verschimmelt bis ins Mauerwerk, abdriftend in eine floskelhafte Spiritualität, die nicht hält, was sie verspricht. Auch von Kinderschänderringen ist die Rede. Und obwohl manche der Sals Leben streifenden Erwachsenen durchaus philosophisch werden, mag man sich, wie Sal selbst, nicht auf sie einlassen. Als Figuren bleiben sie Schnappschüsse der Prosa ohne Strahlkraft.

Das muss auch der Autor bemerkt haben, weshalb er als magisches Gegengewicht Sal aufbaut: Das Mädchen spricht nicht viel, denkt aber bald altklug über vieles nach, was keine Schule lehrt. Und wie sie so einsam durch diese kalte Welt zieht, mit gnädigem Blick für diese verbogenen, monologisierenden Erwachsenen, dank wachsender Weisheit und Lebenserfahrung indolent, durchaus stark und lebenstauglich, erinnert sie ein wenig an Michael Endes Figur "Momo" oder andere menschgewordene, alterslose Jesusfiguren: geopfert, um uns den Spiegel vorzuhalten. Sal ist nicht von dieser Welt.

Diesen subtilen Zauber der Hauptfigur fängt Scott Bradfield mitunter schön ein. Wie Sal einmal viele Tage lang allein durch die Wüste zieht, mit nichts als Brot und Regenwasser, einem sprechenden Kojoten begegnend, das hat trotz der Wunderlichkeit Kraft. Man spürt allerdings auch unangenehm stark, dass Bradfields parabelhafte Erzählung hohen Erlösungsanspruch hat und sich nicht mit beschreibbaren Dingen begnügt. Bradfield, der 1989 mit seiner Erzählung "Die Geschichte der leuchtenden Bewegung" (deutsch 1993) debütierte, knüpft hier an alte Themen an: Nichts, zeigt er, ist von Dauer, das Unterwegssein die eigentliche Bestimmung. Die Menschen, die seine amerikakritischen Romane wie Nomaden durchkreuzen, schlagen nirgendwo Wurzeln. Aus Reisenden werden gesetzlose Gettokinder. Die Frage, die sich durch diese Prosa zieht, stellt sich so: Wie kann man sich so etwas wie Unschuld bewahren?

Bradfield arrangiert das alles mit der Bibel im Handgepäck und dem Roadmovie-Genre im Kopf. Aber trotz seiner luftigen Sprache droht sein Roman zur Moralanstalt zu werden. Sal agiert zwar nicht als Opfer, aber zunehmend als hochgerüstete Verkünderin verquaster Aushaltestrategien: "Die Straßenlampen verbreiteten die ganze Nacht hindurch ihr trübes Licht, beleuchteten Dinge, auch wenn gar keiner da war, sie zu sehen. Es war wie Bewusstsein, das mit sich allein war; das Hintergrundrauschen empfindungsbegabter, elementarer Materie. Sich dessen bewusst, dass sie sich ihres Bewusstseins nicht bewusst war." Bradfield hat zwar Sinn für Übertreibung, auch einen eigenen Ton. Seine traumartige, surreale Reise durch ein krakenarmiges, übergriffiges Erziehungs- und Beziehungsgeflecht ist dann aber doch in der Anlage zu divergent, als dass man genussvoll mitreisen könnte.

ANJA HIRSCH

Scott Bradfield: "Die Leute, die sie vorübergehen sahen". Roman.

Aus dem Englischen von Manfred Allié. Residenz Verlag, Salzburg 2013. 240 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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