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Benutzername: Buchdoktor
Wohnort: Deutschland
Über mich: Romane, Krimis, Fantasy und Sachbücher zu sozialen und pädagogischen Tehmen interessieren mich.
Danksagungen: 22 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 602 Bewertungen
Bewertung vom 08.06.2017
Ein Mann der Tat
Russo, Richard

Ein Mann der Tat


sehr gut

Polizeichef Douglas Raymer aus North Bath in den Adirondacks möchte es allen recht machen, doch wer jedermanns Liebling sein will, ist bald jedermanns Depp. Raymers Sturz in das ausgehobene Grab des verstorbenen Richters Flatt ist nur der Beginn einer Kette grotesker Ereignisse, die selbst für einen Roman einen Tick zu grotesk erscheinen. Raymer war schon als Kind zu sensibel gegenüber Kritik. Den Richter konnte er allein deshalb schwer ertragen, weil seine Frau Becka ihn süß fand. In dem Moment, als Becka ihren Mann verlassen wollte, ist sie tödlich verunglückt und nahm ihr Geheimnis mit ins Grab, mit wem sie ihren Mann jahrelang betrogen hat. Raymer büßt bei seinem Sturz auf dem Friedhof die fremde Garagen-Fernbedienung ein, die er eigentlich im ganzen Ort ausprobieren wollte, um herauszufinden, mit wem Becka ihn betrogen hat. In den Raymerschen Haushalt gehört das Ding jedenfalls nicht. Douglas Raymer, Sully, Carl und ihre Altersgenossen, alle Veteranen des Koreakriegs, fühlen sich noch immer wie große Jungs, die alles mögen, was knallt, Räder hat oder ein paar Tonnen wiegt. Die Wirklichkeit mit Prostataoperationen, Herzschwäche und psychisch angeschlagenen Ehefrauen hat sie jedoch längst eingeholt. Dem Unfall auf dem Friedhof folgt die einstürzende Wand einer heruntergekommen Fabrik und eine entwischte Kobra, die das billige Appartment-Haus unsicher macht, in dem alle unterkommen, die sich keine Wohnung leisten können. Das alles wird begleitet von Unwettern und Erdrutschen, auf deren Gewalt die Baubranche offensichtlich nicht vorbereitet war. Tiefer als ins Morrison Arms kann nur sinken, wer in einem geliehenen Wohnwagenanhänger haust. Als die Dinge in North Bath Raymer längst über den Kopf gewachsen sind, glaubt er lange noch, dass es ohne seine ordnende Hand nicht geht. Doch er muss sich eingestehen, dass er sich immer genauso gegeben hat, wie die Leute ihn gern haben wollten. So lange ließ er sich ausnutzen, und das hat ihm nun im übertragenen Sinn das Kreuz gebrochen.

Vergnügen bereiten hier die unterschiedlichen Sprachebenen, die einer fernen Oberschicht, über die die Leute sich nach Kräften lustig machen, die normale, die zwischen machohaften Gestalten und ihren Frauen, schließlich die zwischen Raymer und seiner schwarzen Kollegin Charice. In der Kommunikation zwischen Charice und ihrem Chief besteht jedenfalls noch Nachholbedarf, bis auch er über ihre Witze lachen kann.

In Nebenrollen treten im zweiten Roman über die Helden von North Bath ein paar chronische Nichtstuer und Sozialhilfe-Abzocker auf, von denen mancher schon in der 3. Grundschulklasse ahnte, dass sie so enden würden.

Der Zeitpunkt, zu dem „Ein Mann der Tat“ erscheint, ist nicht schlecht gewählt. Wie das weiße US-amerikanische Proletariat tickt, dass für die Abschaffung der eigenen Krankenversicherung votiert, nur damit der Nachbar auch keine Versicherung mehr hat, das lässt sich - grotesk überzeichnet - hier verfolgen. Weil mir „Diese gottverdammten Träume“ ein Stück besser gefallen hat, verdiente 3 ½ von 5 Sternen für Chief Raymer und seine Kumpels.

Bewertung vom 28.05.2017
Auf alles vorbereitet - Lifehacks für unterwegs

Auf alles vorbereitet - Lifehacks für unterwegs


ausgezeichnet

Das Wichtigste zuerst: Sie müssen nicht in die Ferne reisen, um von Dumonts humorvoll illustrierter Sammlung von Life-Hacks zu profitieren. Beim Thema Lagerfeuer, Grillen und Picknick oder bei simplen Hausmitteln gegen Kopfweh und Insektenstiche finden auch Fans vom Urlaub auf Terrassien verblüffend simple Tricks mit einfachsten Mitteln. Die 300 Hacks verteilen sich ausgewogen auf Reisen mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug. Es geht zunächst allgemein ums Recherchieren, Buchen und Plätze reservieren. Auch das Reisen mit Kindern kommt hier nicht zu kurz. Tricks fürs Kofferpacken nützen allen Altersgruppen und selbst Berufstätigen, die am Reiseziel im Nadelstreifen-Outfit anzutreten haben. Die Hacks reichen von der auslaufsicheren Shampoo-Flasche, über Hilfe in Kabel- und Ladegerät-Katastrophen, das Sichern von Pass-Kopien bis zum Wundermittel Vielzweckklammer. Warum hat die eigentlich noch keinen Design-Preis erhalten? Der goldene Schnitt beim Fotografieren kann nicht oft genug erklärt werden - damit gewinnt ein Ratgeber-Autor sofort mein Herz!

Einige (wenige) Lösungen sind offenbar von Komfort gewöhnten europäischen Großstädtern am Cafétisch entwickelt worden. Das mit dem Moskitonetz und den Reißzwecken üben wir bei Gelegenheit mal in einer afrikanischen Lehmhütte. Fast alle Tipps sind jedoch wirklich zu gebrauchen – die Leser werden sich vermutlich gegenseitig an den Kabelbindern erkennen.

Bewertung vom 28.05.2017
Abenteuer Pubertät
Stier, Bernhard; Höhn, Katja

Abenteuer Pubertät


ausgezeichnet

Was sich die Natur mit der Pubertät Jugendlicher gedacht hat, diese Frage hat sofort mein Interesse geweckt. Aus der Sicht der Evolution wären für den Fortbestand der Menschheit lange harmonische Zustände nicht wünschenswert, so die Autoren. Mindestens einmal pro Generation müssten deshalb Werte und Normen angepasst und überprüft werden, stellen Stier und Höhn fest. Die Gehirnentwicklung sei Grundlage der Arterhaltung und Fortpflanzung. Das Risikoverhalten Jugendlicher diene der Kompetenzentwicklung und der Anpassung an veränderte Lebensbedingungen. Provokationen und Experimentierverhalten Jugendlicher helfen ihnen, ihr Handwerkszeug für ein selbstständiges Leben zu entwickeln. Getrennt nach Jungen und Mädchen werden typische Verhaltensmuster der Pubertät und die Motive dafür aufgelistet, wie Statussymbole, die Clique, Abwertung anderer, Klischees, Rumzicken und die berühmte große Klappe. Kompetenzen, die Jugendliche erst noch entwickeln müssen, sind z. B. abstraktes Denken, planvolles Handeln, sich in andere hineinversetzen oder das Verständnis für hintergründigen Humor. Konkurrenzlos seien dagegen Kreativität und Spontaneität Jugendlicher. Wichtig für die Eltern ist die Unterscheidung von Experiment und Risiko; Experimentieren allein ist noch kein Risiko, sondern erst übersteigerte Freude an Experimenten. Die Art der Experimente werde durch gesellschaftlichen Kontext bestimmt und sei veränderbar.

Bernhard Stier und seine Tochter Katja Höhn vermitteln ihren Lesern eine positive Grundeinstellung. Anstatt die Belastung für das Familienleben durch Pubertätskonflikte in den Vordergrund zu stellen, vermitteln sie ein Bild des menschlichen Gehirns als Landkarte und tragen Tipps bei zur Reisevorbereitung für den Weg ins Erwachsenenleben. Im Gegensatz zu Pubertäts-Ratgebern von Pädagogen konzentrieren die Autoren als Naturwissenschaftler sich auf den Hormonhaushalt als Dirigenten der Abläufe, sowie auf den Sinn des Umbaus im pubertären Gehirn. Der Schwerpunkt ihres Elternratgebers liegt in der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie; sie geben aber auch praktische Tipps für den Familienalltag. Wer sich für die naturwissenschaftliche Sichtweise interessiert, sollte hier zugreifen. Lesen lässt sich das Buch auch für Laien problemlos.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.05.2017
Die Taufe
Patchett, Ann

Die Taufe


sehr gut

Francis (Fix) Keating arbeitet als Polizist in Los Angeles und gehört zur eingeschworenen Gemeinschaft irischer Cops. Seine Töchter erzieht er voller Stolz als Polizistentöchter. Wenn der Vater davon träumt, als Erwachsener doch noch ein Jurastudium abzuschließen, weiß eine Polizistentochter vermutlich nicht so genau, ob Jura schon immer ihr Traum war oder ob sie die ungelebten Träume ihres Vaters verwirklichen muss. Als Anfang der 1960er Jahre zur Taufe von Keatings jüngster Tochter Frances als Gast der Bezirksstaatsanwalt Albert Cousins auftaucht (ein rein dienstlicher Termin, wie Cousins betont), besiegelt er damit das Ende seiner Ehe und der der Keatings. Zurück bleiben zwei geschiedene Ehen und 6 Kinder, die in einer eigenwilligen Patchwork-Konstellation wie Geschwister aufwachsen werden. Teresa Cousins fühlt sich von Beruf und vier Kindern von Anfang an überfordert und verschiebt Probleme gern in die langen Sommerferien, die die vier Cousins-Kinder bei ihrem Vater und Beverley Keating verbringen. Dort wachsen die zwei Jungen und vier Mädchen in großer Freiheit auf, die man auch als Vernachlässigung bezeichnen könnte. Dass ältere Geschwister auf die Jüngeren schon aufpassen werden, erweist sich als Selbsttäuschung, die den Kindern zwar große Freiheiten lässt, leider auf Kosten des jüngsten Sohnes Albert. Zu Beginn der 1990er entdeckt Albert zufällig, dass seine Familiengeschichte in einem bekannten Roman „Die Taufe“ verarbeitet worden ist und Franny eine Affäre mit dem Autor des Romans hat.

In Rückblicken und größeren Zeitsprüngen faltet Ann Pratchett Erlebnisse der Cousins-Keating-Bande auf. Erzählt wird warmherzig und mit leiser Ironie. Die längeren Kapitel spielen Mitte der 1970er, als Albert 15 Jahre alt ist, zwischen 1980 und 1990, als Franny als Barmädchen arbeitet und Albert nach Jahren wiederbegegnet, und zu Beginn der 2000er, als der circa 70-jährige Francis während seiner Krebsbehandlung Tochter Franny seine Erinnerungen erzählt. Fixpunkte sind Francis Geburtsjahr 1931 und die Information, dass seine Tochter Caroline nach 1957 geboren sein muss. An welchen Punkten sich die Lebensläufe der Kinder später kreuzen, wird nur sehr nebelhaft angedeutet, so dass die Handlungsfäden schwer miteinander zu verbinden sind. Die Patchwork-Situation der sechs Kinder, wie auch der Kontrast zwischen irisch-katholischen Werten und dem gelebten Familienleben liefern zwar genug Stoff für einen Familienroman, die aufgesetzte Konstruktion des Plots finde ich jedoch komplizierter als nötig.

Bewertung vom 28.05.2017
Sommerkind
Held, Monika

Sommerkind


sehr gut

Als Ragna 40 Jahre alt ist und als Wissenschaftlerin über erzählte Biografien forscht, muss sie sich eingestehen, dass es in ihren eigenen Kindheitserinnerungen einen großen weißen Fleck gibt. Sie hat ein Bild von einer leblosen Person in einem Schwimmbad vor Augen, aber die Vorgeschichte des Vorfalls scheint verloren oder verdrängt zu sein. So könnte ein Text über Monikas Helds neuen Roman beginnen. Oder: Max war ein Naturtalent darin, sich um Kinder zu kümmern, die nach einer Kopfverletzung nicht wieder ins Leben zurückfanden. Aber auch: Warum Menschen im Alter Sehnsucht nach der Landschaft ihrer Kindheit entwickeln, ist längst nicht ausreichend erforscht. Tatsächlich kann jeder Leser seine individuelle Tür wählen, um dieses außergewöhnliche Buch zu betreten; denn es gibt mehrere sehr persönliche Zugänge zur Geschichte von Ragna, Kolja und Max. Vielleicht gibt es mehr denkbare persönliche Zugänge zum Text, als ich mir bisher vorstellen kann.

Mit 15 Jahren ist Kolja unsterblich in Ragna verliebt, die in die Klassenstufe über seiner geht. Ehe diese Liebe auch nur die Spur einer Chance erhält, steigt Koljas kleine Schwester eines Tages über den Zaun des Schwimmbads, um im Becken zu schwimmen anstatt im Meer wie alle anderen. Leblos im Schwimmbecken treibend, wird sie von Ragna gerettet, die Rettungsschwimmerin der DLRG ist. Was Malu sich bei ihrer Aktion gedacht hat und was ihr geschehen ist, wird für immer verborgen bleiben, weil sie nicht wieder aus dem Wachkoma erwacht. Kolja musste mit Mutter und Schwester umziehen, damit Malu in einem Pflegeheim betreut werden konnte. Im Heim nennt man jene Kinder Sommerkinder, die im Sommer verunglückt sind. Die Familie zerbricht an dem tragischen Ereignis. Koljas Kindheit ist von einem Tag auf den anderen zu Ende. Auf Außenstehende wirkt der Bruder wie ein aus dem Nest gefallenes Junges. Schweigen und unausgesprochene Schuldgefühle breiteten sich so weit im Leben der Angehörigen aus, dass Kolja sich eine Zeit lang am Ende seines eigenen Lebens angekommen fühlt.

Ragnas Suche nach ihren Erinnerungen und ihrer Kindheit erzählt Monika Held aus zwei Perspektiven, Ragna spricht in der Ichform über sich und ein allwissender Erzähler faltet die Geschichte Koljas und weiterer Nebenfiguren auf. Neben dem Ausfüllen des weißen Flecks in Ragnas Biografie geht es um Trauerprozesse von Überlebenden privater Katastrophen, um übersehene Geschwisterkinder, um Mütter, die das Thema Behinderung zu einer Vollzeitbeschäftigung machen, um die psychische Situation von Lebensrettern und die Funktion des menschlichen Gedächtnisses. Die anfangs märchenhafte Tonlage des bemerkenswerten Romans hat mich nicht durchgehend überzeugt; denn Kolja ist zum Zeitpunkt des Unfalls nach meiner Einschätzung kein Kind mehr. Selbstverständlich kann der Roman auch von circa 15-jährigen Jugendlichen gelesen werden, die in Ragnas und Koljas Alter zum Zeitpunkt des Unfalls im Schwimmbad sind.

Bewertung vom 28.05.2017
Der Hirte / Fredrik Beier Bd.1
Johnsrud, Ingar

Der Hirte / Fredrik Beier Bd.1


ausgezeichnet

Der Osloer Hauptkommissar Fredrick Beier stand vor der Wahl, aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt zu werden oder eine Therapie beim Polizeipsychologen zu beginnen. Beier wählte den Psychologen und erhält den Rat, im Dienst Stress-Situationen zu vermeiden. Dass ein Vermissten-Fall ihn zu einem spektakulären Massaker mit mehreren Opfern auf dem Gelände einer Sekte führen wird, konnte in dem Moment noch niemand ahnen. Wenn die erwachsene Tochter einer bekannten Politikerin sich nicht mehr bei ihrer Mutter meldet, besteht noch kein Anlass zur Sorge; wohl aber, wenn die Vermisste mit dem geistigen Führer der Sekte „Gottes Licht“ ein Kind hat. Weil die Sekte sich bereits vor Jahren mit einer radikalislamistischen Gruppe angelegt hat, wird dem exquisiten Team aus Beier und seinem Kollegen Andreas Figueras auf Anordnung von ganz oben eine Fall-Analytikerin mit Spezialgebiet Fundamentalismus/Terrorismus zur Seite gestellt. Von Iqbal Kafa sind die beiden leicht ergrauten Herren alles andere als begeistert. Sie halten die junge Kollegin für eine im Polizeialltag hilflose Bürokratin.

Den Ermittlern stellen sich eine Reihe von Fragen: Wo stecken Annette Wetre und ihr kleiner Sohn, wohin sind die mehr als 20 anderen Hofbewohner verschwunden und was hat „der Emir“ mit dem Fall zu tun, nach dem fieberhaft gefahndet wird? Von dem ermordeten Sektenführer scheint es eine Verbindung zu Ereignissen während des Nationalsozialismus zu geben. Durch Rückblenden ist man als Leser den Ermittlern stets einige Schritte voraus. Die Suche nach einem Zeugen von damals gestaltet sich wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ein weiterer Handlungsfaden scheint nach Afghanistan zu führen. Dass Fredrik bei der Osloer Polizei zudem einen Maulwurf an höchster Stelle vermutet und um seinen Job bangen muss, verwundert nicht. Ingar Johnsrud streut zusätzlich Zweifel daran, ob eine Konfrontation mit Tätern und Hintermännern des Massakers für Fredrick, Andreas und Iqbal nicht eine Nummer zu groß zu sein wird.

Ingar Johnsrud legt von Beginn seines Thrillers Indizien und Namen als Fährten für seine Leser aus, die Leser oder Ermittler zu dem Zeitpunkt noch nicht einordnen können. Kein Name, keine Nebenfigur und kein Gegenstand sind unwichtig. Als Leser muss man die Fäden immer wieder neu entwirren und anders verknüpfen. Jedes Mal, wenn man die Zusammenhänge zu durchschauen glaubt, zieht Johnsrud eine weitere Karte und man muss seine Vermutungen neu justieren. Jede Spur, die man korrekt einzuordnen glaubt, könnte jedoch von den Tätern inszeniert sein, um die Ermittler auf eine falsche Spur zu lenken. Nachdem ich entdeckt hatte, dass Beweismittel und Namen vom Autor gezielt platziert werden, um mich bei der Suche nach der Lösung zu verunsichern, fand ich Ingar Johnsruds ersten Band einer geplanten Trilogie unerwartet spannend. Stilistisch verträgt der Beginn des deutschen Texts noch etwas Politur. Insgesamt ein raffiniert gestrickter Thriller im Schnittpunkt von Politik, Geschichte und Wissenschaft.

Bewertung vom 28.05.2017
Wir sind schwanger!
Fogle, Marina; Hunt, Chiara

Wir sind schwanger!


ausgezeichnet

Marina Fogle und Chiara Hunt sind Schwestern, die gemeinsam Geburtsvorbereitungskurse geben. Chiara Hunt ist ausgebildete Ärztin. Ihr Ratgeber für Schwangere und Mütter nach der Geburt ist in vier Kapitel gegliedert, die drei Trimester der Schwangerschaft und das erste Lebensjahr des Kindes. Das letzte Schwangerschaftsdrittel und das Leben mit dem Baby liefern die umfassenderen Kapitel des Buches. Mit farbenfrohen, Optimismus vermittelnden Illustrationen, Checklisten und Erfahrungsberichten von Kursteilnehmerinnen wirkt das Buch zeitgemäß und lässt sich mit Vergnügen lesen. Neben persönlichen Geburtserfahrungen der Autorinnen fließt Expertenwissen in die Texte ein von Ärzten, Hebammen, Physiotherapeuten und Stillberaterinnen. Umfassende Informationen beugen unnötigen Ängsten vor, so die Autorinnen. Informiert wird über den Verlauf der Schwangerschaft, Vorsorgeuntersuchungen, Kleidung und Körperpflege in der Schwangerschaft, die Ausstattung für Baby und stillende Mutter und das Leben mit einem Neugeborenen. Einige Kapitel richten sich direkt an die Väter des Babys. Die Beschreibung des Geburtsverlaufs ist sehr ausführlich, die Information über Methoden der Schmerzlinderung auf dem neuesten Stand. Stillprobleme, postnatale Depression, Beschwerden des Wochenbetts werden unverblümt angesprochen, sowie Situationen aufgelistet, in denen sofort ein Arzt zu Rate gezogen werden sollte.

Informationen zu Mutterschutz und Elterngeld sind eher allgemein gehalten, hier muss man sich an anderer Stelle genauer informieren. Etwas mager fallen Infos zu Situationen aus, in denen eine differenziertere Beratung der Schwangeren über die reinen Vorsorgeuntersuchungen hinaus nötig wird oder eine Entscheidung zu fällen ist, ob zusätzlich IGEL-Leistungen beim Gynäkologen gebucht werden sollen oder nicht. Foles und Hunts temperamentvoll illustrierter Schwangerenratgeber bietet umfangreiche Informationen, die durch ein Stichwortverzeichnis und ein farbiges Daumenregister erschlossen werden.

Bewertung vom 17.05.2017
Der Freund der Toten
Kidd, Jess

Der Freund der Toten


ausgezeichnet

1950 wird in Mulderrig im irischen County Mayo langsam und quälend eine junge Frau ermordet. Sie ist selbst fast noch ein Kind und hinterlässt ein Baby. 25 Jahre später taucht im Dorf ein verblüffend gut aussehender junger Mann auf. Tadhg, dem Barmann, läuft es bei seinem Anblick kalt den Rücken hinunter; denn der hippiehafte Mahoney blickt ihn mit den Augen des Mädchens an, das damals in Mulderrig verscharrt wurde. Mahoney wurde im Waisenhaus in Dublin stets gesagt, seine Mutter sei eine Hafen-Hure gewesen. Doch ein in ausdrucksvoller Schrift verfasster Brief verrät dem jungen Mann aus Dublin seinen Namen und weist ihm den Weg ins Heimatdorf seiner Mutter. Gemeinsam mit der alternden Mrs. Cauley nimmt es Mahoney mit den Lebenslügen einer Dorfgemeinschaft auf, in der vermutlich jeder etwas zu verbergen hat. Ein geplantes Theaterstück dient den beiden als Deckmantel ihrer Befragung. Als die Toten von Mulderrig mit Francis zu sprechen beginnen, zerstreut das letzte Zweifel, ob er wirklich Orlas Sohn sein kann. Orla hat ihre paranormale Gabe offensichtlich ihrem Sohn vererbt. Die Vorfahren der heutigen Dorfbewohner quellen ihm buchstäblich aus den Wänden entgegen, treiben ihre Reifen mit Stöckchen durch das Dorf – und lassen sich mit einigem Geschick als Zeugen befragen. Bücher wuseln durch Szenen, Socken in der Schublade werden beängstigend lebendig und der ganze Ort benimmt sich, als wäre er eine Person. In Mulderrig sind Gegenstände belebt und wehrhaft.

Die aus dem Buchcover wuchernden Ranken und Farne symbolisieren die Üppigkeit, in der einem aus dem Buch Klatsch, Aberglaube und paranormale Fähigkeiten entgegen ranken. Zwar gibt es im Dschungel Mulderrys keine Affen und keine Pfeilgiftfrösche, die Fuchsien auf dem Cover vermitteln jedoch das typische Irland-Feeling, zwischen üppigen Fuchsienhecken auf Landstraßen einem Ziel entgegenzukurven. Um sich mit Mahoneys Spurensuche zu vergnügen, sollten Leser an die Existenz von Elfen und Trollen glauben (jedenfalls in Irland) und an Wälder als Bollwerke, hinter denen sich paranormale Kräfte verbergen. Zwischen lebenden und verstorbenen Figuren zu unterscheiden, ist mir nicht immer geglückt – aber genau das ist der Spaß beim Lesen dieses ungewöhnlichen Erstlingsromans. Wer sensibel auf Grausamkeiten gegenüber Tieren reagiert, sollte lieber Abstand halten.

Bewertung vom 13.05.2017
Ana und Zak
Katcher, Brian

Ana und Zak


gut

Zakory Duquettes Beratungslehrerin hat ihn in der Hand. Weil Zak sein Referat abgekupfert hat, wird er ausgerechnet in Gesundheitslehre durchfallen und seinen Schulabschluss vergeigen. Mrs Brinkham hat exakt einen Ausweg anzubieten. Sie braucht einen Ersatzmann für das Quiz-Bowl-Turnier der Schulmannschaft – und das an dem Wochenende, das Zak für die SF-und Fantasy-Convention in Seattle eingeplant hatte. Zak hat keine Wahl – und hofft, dass er sich in Seattle einfach absetzen kann, um die Nacht zwischen Cosplayern und Trading-Card-Spielern durchzumachen, wie früher schon so oft. Doch zunächst müssen er und Ana in Seattle Anas verschwundenen 13-jährigen Bruder suchen, der zum Quiz-Team gehört und durch die Begegnung mit Zak seine Liebe zu einem Trading-Cards-Spiel entdeckt hat.

Ana und Zak haben zuvor auf verschiedenen Planeten gelebt; der trottelig wirkende Fantasy-Gamer und die ehrgeizige Schülerin, die soziale Aktivitäten sammelt wie Abzeichen, um ihre Chancen auf ein Stipendium zu verbessern. In Anas Leben gibt es keinen Spaß. Sport macht sich positiv in ihren Bewerbungsunterlagen, Quiz-Turnier ebenso. Man fragt sich, warum Ana so ehrgeizig ist, wenn sie doch bisher nichts anderes plant als das College ihrer Heimatstadt zu besuchen. Warum dafür der ganze Aufwand? Es stellt sich heraus, dass Ana noch als Achtzehnjährige von ihren überhütenden Eltern rundum kontrolliert wird und was dafür der Anlass war. Die Jagd nach Clayton auf dem Convention-Gelände endet in einem gefährlichen Abenteuer, das längst kein Spiel mehr ist – und lässt es in der Beziehung zwischen Ana und Zak gehörig knistern.

Der Jugendroman für Leser ab 12 wirkt in den Dialogen flott, aber etwas zu pädagogisch ambitioniert, die Figuren zu klischeehaft. Die Konstellation, dass in einem Buch für 12- bis 14-Jährige die handelnden Personen schon 18 sind, finde ich nicht besonders geschickt. Dass die Menschen anders ticken als man vermutet hat, wenn man als junger Erwachsener nur erst über den Tellerrand des eigenen Egos blickt, war zu erwarten. In Zak als Figur können sich vermutlich viele heute 30-Jährige wiedererkennen, die sich als 10-Jährige für D&D, MTG und Battle Tech begeisterten. Ana als Zwölftklässlerin dagegen fand ich unglaubwürdig in ihrem unreflektierten Verhältnis zu ihren Eltern, deren Totalkontrolle sie schon bald entkommen würde. Das Szenario auf der Fantasy-Con erinnert mich an die 90er Jahre. Es wirkt als nette nostalgische Erinnerung für Familien, die sich damals mit eigenartigen Interessen von Kindern wie Zak auseinandersetzen mussten, über die in Erziehungsratgebern noch nichts stand. Ich kann mir allerdings schwer vorstellen, dass sich mit diesem Retro-Schick 12-jährige Leser von heute begeistern lassen.

Bewertung vom 08.05.2017
Aus hartem Holz
Proulx, Annie

Aus hartem Holz


ausgezeichnet

Die Mi’kmaq lebten in Kanadas heutigen maritimen Provinzen rund um den St. Lorenz-Strom, in Nova Scotia, auf Prince Edward Island, in New Brunswick und auf der Gaspé-Halbinsel in Québec, bis sie von weißen Siedlern verdrängt wurden. Annie Proulx’s epische Saga erzählt vom Schicksal der Ureinwohner und der Einwanderer am Beispiel der Sippen von René Sel und von Charles Duquet, zwei französischen Siedlern. Die Männer kommen 1693 nach Neu-Frankreich und müssen ihr Nutzungsrecht auf ein Stück Land zunächst bei ihrem „Seigneur“ abarbeiten. Grundbesitz wie wir ihn kennen, gibt es nicht; das Land bleibt im Besitz des Königs. Als der Seigneur eine vorteilhafte Heirat wittert, zwingt er René, seine Mi‘kmaq-Ehefrau zu heiraten und entledigt sich damit zugleich der Kinder aus dieser Beziehung. Das Zweckbündnis mit Mari gründet eine der beiden Sippen, deren Schicksal Proulx bis in die Gegenwart schildert. Weil die Männer von einem Holzfällercamp zum anderen ziehen, reißt immer wieder für längere Zeit der Kontakt zu ihren Familien ab, so dass Familienzweige sich unabhängig voneinander entwickeln. Im Gegensatz zu den Siedlern, die die Natur und den Wald unbedingt bezwingen wollen, haben die Mi'kmaq bisher gut vom Wald und vom Meer gelebt, indem sie fischten, sammelten und ernteten, dabei aber stets ihre Lebensgrundlagen erhielten. Die Einwanderer aus Europa wundern sich, dass die Mi'kmaq Tiere und Pflanzen für ihnen gleichwertige Lebewesen halten. Für sie sind Bäume keine Ware.

Wirklich reich werden kann man mit Landwirtschaft und Holzfällen nicht, glauben die Franzosen zunächst, sondern nur mit dem Verkauf von Fellen. So zieht es Charles bald zu lukrativeren Geschäften, die ihn bis nach China führen. Seinen Namen anglisiert er zu Charles Duke, gemeinsam mit seinen Söhnen managed er schon bald in Boston Duke und Sons. Da Gewinn erst mit verarbeitetem Holz erzielt wird, betreiben geschickte Kaufleute wie er zugleich Sägewerke, Schiffe, Eisenbahnen und die Organisation der Holzfällercamps. In einer Epoche mit kurzer Lebenserwartung hat von nun an jede Generation der Dukes mit der Suche nach einem blutsverwandten Firmenchef zu kämpfen, der etwas von Holz versteht und sich von angestellten Experten nicht über den Tisch ziehen lässt. Die Zeit ist noch nicht reif dafür, dass Kaufleute und Forstleute außerhalb der elterlichen Firma ausgebildet werden können.

Annie Proulx verknüpft die Geschichte und Wirtschaftsgeschichte der Region um den St. Lorenz-Strom mit einer üppigen, über 300 Jahre umspannenden Familiensaga. Die ökologischen Folgen des Raubbaus an jahrhundertealten Wäldern sind ihr dabei spürbar ein Anliegen. An diesem Roman hat sie 15 Jahre lang gearbeitet. Nicht alle Passagen konnten mich gleichermaßen fesseln; dennoch ist „Aus hartem Holz“ ein großartiger Roman, der meinen Detailhunger sättigen konnte, wie die Sels und die Dukes lebten und arbeiteten. Besonders die Abschnitte, die im 17. Und 18. Jahrhundert spielen, wirken exzellent recherchiert, die Figuren glaubwürdig. Es ist eben ein Unterschied, ob man aus heutiger Sicht weiß, welche Folgen der Kahlschlag eines Waldes hat, oder ob man es mit Maris Augen miterlebt, die bis dahin ihre Heilkräuter im Wald gesammelt hat.

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