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Bewertungen

Insgesamt 63 Bewertungen
Bewertung vom 24.10.2019
Die Einsamkeit der Seevögel
Gabrielsen, Gøhril

Die Einsamkeit der Seevögel


ausgezeichnet

Sie ist bis ans Ende der Welt geflohen – selbst in dieser Einöde verfolgt sie toxische Männlichkeit.

Atemberaubend, verstörend, intensiv.

Wer bei „Die Einsamkeit der Seevögel“ eine pittoreske Naturmediation erwartet, ein Loblied auf die Symbiose von Mensch und Natur, ist hier falsch. Auch, wenn die Naturbeschreibungen der Autorin Gøhril Gabrielen absolut eindrucksvoll sind, ihre Sprache poetisch ist und sich wunderschön liest. Das Buch ist für mich atemberaubender als mancher Thriller, manchmal hat es mir schier die Luft abgeschnürt. Und gerade das Überraschende des Buches hat es für mich so eindrucksvoll gemacht.
Die tiefe Bedeutung der Geschichte ist leider ein Spoiler und auch der Grund, warum ich dringend eine Content Note voranstellen muss. Erst recht, weil sich dieses Thema zunächst fast unmerklich einschleicht, bis man als Leser*in nach und nach erst das ganze Ausmaß begreift.
Wer solch einer Content Note nicht bedarf und nicht gespoilert werden möchte, sollte nun nicht weiterlesen.


CN / Content Note / Triggerwarnung: missbräuchliche, gewalttätige Beziehung, sexuelle Gewalt, PTBS

Eine Wissenschaftlerin begibt sich in die Einsamkeit an den äußersten Zipfel von Norwegen, um das Verhalten der Seevögel zu untersuchen, denn diese werden durch die Klimakrise immer weniger. Schon durch diesen Fakt wird klar, dass selbst dieser abgeschiedene Winkel nicht unabhängig ist von dem Treiben der Menschen. Die Ich-Erzählerin ist es erst recht nicht.
Sie ist bis ans Ende der Welt geflohen – und selbst in dieser Einöde verfolgt sie toxische Männlichkeit. Es überrascht mich zwar nicht, schockiert mich aber dennoch immer wieder, wenn wie hier deutlich wird, wie normal diese Erfahrung für viele Frauen ist. Die Autorin Gøhril Gabrielen nutzt diese Erfahrungen nicht einfach, um den Plot spannender zu machen oder der Protagonistin eine simple „Backstory-Wound“ zu verpassen, was leider in Literatur und Film noch viel zu oft passiert. Die Autorin beschreibt eine Erfahrung, die das Leben von Frauen und als Frauen gesehenen leider immer noch viel zu häufig ausmacht. Die Protagonistin, stellvertretend für diese gesamte Grupe, wird zu einer gefährdeten Art wie Dreizehenmöwe, Eissturmvogel oder Sturmmöwe. Und so liest sich das dann im Buch:
„Darin steht nur ein Satz. Ein kurzer. Mir wird bewusst, dass ich ihn schon viele Male zuvor gelesen und gehört habe, wenn auch in anderen Variationen: Glaub nicht, dass du mir je entkommst.“
Wie die Klimakrise verseucht auch toxische Männlichkeit selbst jenen entrückten Ort. Wenn man sich den Hass gegen Greta Thunberg anhört, merkt man, wie sehr beide immer zusammenhängen. Der Kampf, der der Ich-Erzählerin aufgezwungen wurde, ist nicht der „Men versus Nature“.
Die Ich-Erzählerin gibt sich ab und an sexuellen Tagträumen hin, die für mich absolut stimmig in die Erzählung passen. Aber ich kann mir vorstellen, dass diese für einige Leser*innen verstörend wirken können. Ebenso wie der Umgang der Protagonistin mit Mutterschaft, was sich viel aus ihrem Trauma erklärt. Die Autorin umkreist damit ebenso die Frage, warum wir in unserer Gesellschaft anderer Erwartungen haben als an Väter. Das Ende kann man als unbefriedigend empfinden, aber manches Trauma klärt sich vermutlich nie.

Fazit
„Die Einsamkeit der Seevögel“ finde ich ein sehr wichtiges Buch, poetisch und intensiv, aber auch atemberaubend und verstörend. Darum auf alle Fälle die Content Note beachten. Das Buch ist sicherlich nicht für jede*n etwas, aber ich möchte es wirklich empfehlen. 5 von 5 Sternen.

Bewertung vom 24.10.2019
Vorsicht wild!
Grusnick, Sebastian; Möller, Thomas

Vorsicht wild!


sehr gut

In jedem von uns steckt ein Mini-Löwe. Freche Abenteuergeschichte im Kinderalltag angesiedelt.

Oh, warum hat sich in meiner Kindheit nie ein sprechender Minilöwe in mein Zimmer verirrt? „Vorsicht wild! Löwenmut tut gut“ ist eine spannende Abenteuergeschichte, die mir und meinem 7,5-jährigen Sohn viel Spaß gemacht hat.
Das Autorenduo Sebastian Grusnick und Thomas Möller verknüpfet bei „Vorsicht wild!“ Kinderalltag mit Abenteuer. Diese Kombi gefällt mir immer recht gut, weil die jungen Leser*innen so viel Identifikationspotential bekommen. Wegen des Jobs seines Vaters ist Max gerade frisch umgezogen, der Start in der neuen Schule geht daneben und erstes Mobbing findet statt. Und dann bekommt Max zum 10. Geburtstag statt des gewünschten Vierbeiners auch noch einen Roboterhund. Aber dann steht in seinem Kinderzimmer plötzlich eine Kiste und aus der befreit er den sprechenden Minilöwen Leo.
Und Leo ist echt der Knaller. Was haben wir gelacht, als er fragt, ob er Gazelle mit Schlagsahne haben könnte. Und sein unbändiger Hunger bringen ihn und Max in noch in einige missliche Lagen. Die Kapitel haben eine super Länge zum abendlichen Vorlesen und auch für die jungen Leser*innen (geübtere ab der 2. Klasse etwa). Richtig beeindruckt haben uns die witzigen, farbigen Illustrationen von Nikolai Renger, mit denen Max scheinbar seine Erlebnisse selbst aufs Papier bringt. Und dass Max in Greta eine taffe Freundin mit dunkler Haut findet, die nicht nur Staffage ist, gibt einen extra Diversitypunkt.
Wir hatten wirklich Spaß und das Autorenduo hat uns ein paar schöne Vorlesestunden beschwert. Mein Sohn und ich haben lange überlegt, warum wir keine 5 Sterne geben, sondern nur 4. Mein Sohn meinte, dass er das Buch sicherlich nochmal selber lesen wird, aber halt nicht noch „tausend Mal“. Ich fand die Geschichte zwar witzig, aber halt nicht ganz rund. Wenn Leo am Anfang in der Schule die Süßigkeiten auffuttert, die Max zum Verteilen mitgebracht hat, verdächtigen seine Mitschüler*innen alle Max und erwarten Nachschub. Und später wird das im Buch dann gar nicht mehr aufgegriffen. Und warum werden gleich mehrfach Gretas Haare thematisiert? Dass das Buch versöhnlich endet, gefällt mir für die Zielgruppe zwar ganz gut. Ob sich Yannick tatsächlich geändert hat, bleibt mir zu offen, und das könnte für Mobbingopfer eine schmerzhaften Beigeschmack haben. Und dann finde ich zwar gut, dass Max’ Vater seine Haltung in Bezug auf die Familie überdenkt. Generell wird hier aber das klassische Familienbild, das für viele immer noch Realität ist, als „normal“ hingestellt. Die Mutter, die offensichtlich halbtags arbeitet, darf diese Rollenaufteilung gar nicht reflektieren oder kommentieren. Das hätte ich mir moderner gewünscht. Erst recht, weil die Autoren bei den Kindern schon einige Rollenzuschreibungen aufbrechen und da eben NICHT in die Gender-Falle treten.

Fazit
Trotz unseres Gemeckers: Eine spannende Abenteuergeschichte, für die wir 4 Sterne vergeben. (Ich war bei 3 bis 3,5 und das Kind bei guten 4 und wollte bei den 3en so gar nicht mitgehen. Also einigen wir uns in der Mitte.)

Bewertung vom 11.10.2019
Die Sprache des Donald Trump
Viennot, Bérengère

Die Sprache des Donald Trump


ausgezeichnet

Die Fratze der Kommunikation

2016, vor der US-Wahl, haben mir einige Menschen erzählt, dass ein Präsident Donald Trump „schon nicht so schlimm werden wird“. Drei Jahre später ist nun klar, wie schlimm es tatsächlich geworden ist. Und neben den realen Auswirkungen seiner Politik – Klimakatastrophe, internationale Destabilisierung, usw. – steht die Welt auch vor dem Problem, wie sehr die Gepflogen in politischen Kommunikation durch ihn erodiert sind.
Bérengère Viennot ist eine Expertin der Kommunikation, denn sie übersetzt seit mehr als 20 Jahren politische Reden und Texte ins Französische. Ihr Buch „Die Sprache des Donald Trump“ sollten nicht nur Journalist*innen und Politiker*innen lesen, sondern alle Bürger*innen, damit wir uns gegen diese Form der Manipulation wappnen können, die Rassismus, Misogynie, Homophobie, ja Menschenhass im Allgemeinen, im großen Stil aufs politische Parket gebracht hat. „I know the best words“, hat Trump einmal getwittert. Auch nach vier Jahren Trump-Lektüre (wenn man die Vorwahlen mitrechnet) ist Viennots Analyse erhellend und treffend. Und obwohl ich viele von Viennots Beispiele in der Presse und auf Twitter quasi fast in Echtzeit miterlebt habe, schockiert mich die pure Anzahl seiner verbalen Gewalt noch einmal stärker, wenn sie so klug wie von Viennot zusammengetragen wird.

Schock und Überforderung

Zu Anfang ihres Buches schildert Viennot jenes Schockgefühl nach Trumps Wahl zum Präsidenten, bei dem sich viele Leser*innen gleich gut abgeholt und verbunden fühlen werden. Von jeher fand ich es völlig unverständlich, warum ihm auch drei Jahre danach noch so viele Kommentatoren auf dem Leim gehen, und beispielsweise bloße Behauptungen von ihm so in Überschriften verpacken, dass sie als Fakten durchgehen könnten. „Die Sprache des Donald Trump“ erklärt das damit, dass auch Übersetzende und Journalist*innen mit Trumps Sprache überfordert waren – und leider wohl noch immer sind.
Viennots Beispiel zum Einstieg: Wenn Trump die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten mit den Worten „You’re in such a good shape“ lässt sich das eben nicht nur als simples Kompliment übersetzen. Der schlichte Satz ist vielmehr ein Affront, der sich über die Beziehung Macron mit seiner älteren Ehefrau Brigitte lustig macht und der vor Frauenhass und Sexismus trieft.

Die Fratze

Viennot ist akribisch und bildet aus der Vielzahl von Trumps sprachlichen Äußerungen in ihrem Buch ein Amalgam, das die Fratze Trump enthüllt. Ich möchte dies nicht im einzelnen auflisten, sondern lege wirklich jede*r die Lektüre ans Herz. Mit dem Cover ist dem Verlag zusätzlich ein grandioses Bild für das Phänomen Trump gelungen. In nur fünf Formen ist Donald Trump erkennbar und der Kreis für den Mund erinnert an die Öffnung auf der Gegenseite, das, was man pietätvoll gerne als verlängerten Rücken bezeichnet. Dort heraus, kommt Trumps Sprache, oder auch die verbale Diarrhö, der Hass, der einem schon auf dem Cover entgegen schreit. Mit dieser Fratze ist die humanistischen Welt konfrontiert, die gegen Ungerechtigkeit, Klimakrise und Rassismus kämpft. Und für diesen Kampf, muss man die Sprache der Gegenseite kennen.
Vor kurzem hat Trump geschrieben: „in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit“, solche Formulierungen kennt man von Diktatoren. Die Kurden hätten die Hilfe der USA nicht unbedingt verdient, denn wo seien sie in der Normandie gewesen?, hat er nur kurz darauf geschrieben. Die Rufe nach einem Impeachment Trumps werden lauter, der Ausgang ist allerdings ungewiss und auch im Erfolgsfall sollte man Viennots Buch trotzdem lesen. Denn wie schreibt sie selbst zum Ende ihres Buches:
„Wir sollten Donald Trump genau zuhören, auch wenn wir stark versucht sind, einem moralischen und intellektuellen Überlegenheitsgefühl nachzugeben, das uns daran hindern will, ihn erst zu nehmen. (…) nicht zuletzt sollten wir Donald Trump zuhören, weil er ansteckend wirkt“.

Bewertung vom 11.10.2019
Vergessen & verdrängt
Lux, Georg

Vergessen & verdrängt


ausgezeichnet

Morbide Reiseziele mit Gruselfaktor im Alpen-Adria-Raum

In „Vergessen & Verdrängt – Dark Places im Alpen-Adria-Raum“ erzählen Georg Lux (Autor) und Helmuth Weichselbaum (Fotograf) spannende Ort und vergessene Geschichten. Ich habe das Buch gelesen, weil mich verlassene und dunkle Orte faszinieren. Es ist darüber hinaus ein gelungener Reiseführer, der sich über vier Länder erstreckt: Österreich, Italien, Slowenien und Kroatien.

Schon beim ersten Durchblättern war ich begeistert. Die Bilder und Texte bilden eine tolle Einheit und obwohl das Buchformat nicht groß ist, kommen die Bilder sehr gut zur Geltung. Die Bilder müssten sich auch in einem größeren Bildbandformat überhaupt nicht verstecken, aber das ist natürlich eine Preisfrage für den Verlag und für die Käufer*innen. Die Geschichten zu den verschiedenen Orte werden spannend erzählt, und daran schließlich sich noch Reisetipps an. Die stellen Restaurants und Übernachtungen vor und weitere Ziele zu Dark-, Lost- und ganz normalen Orten, die ebenfalls eine Visite wert sind. In der Innenklappe gibt es eine Übersichtskarte der beschriebenen „Dark Places“.
Die Texte finde ich meist sehr gelungen. Ab und an schweift Lux etwas ab und manche Formulierungen waren mir etwas zu flapsig. Bei manchen Orten hätte ich mir gerne noch ein, zwei weitere Bilder gewünscht (nochmal: ich hätte Autor und Fotograf wirklich einen Bildband gegönnt), aber mein Lesevergnügen schmälerte das nicht.
Dazu waren die Orte viel zu erlesen und das Buch mit absurden wie unerwarteten Anekdoten und Tatsachen gespickt. Der Ausruf „Krass!“ trifft es für mich ganz gut. Nur zwei Beispiele erwähne ich, den Rest möchte ich die Leser*innen selbst entdecken lassen. Für den Fall, dass Österreich vom Ostblock überrannt worden wäre, hätte es atomare Sprengungen in Italien gegeben. Wie destruktiv Gedanken im (kalten) Krieg sein können. Auch das folgende Unglück ist eine Folge der menschlichen Beschränktheit respektive Selbstüberschätzung, so ganz kann ich das nicht unterscheiden. 1963 löste ein Erdrutsch aufgrund eines Planungsfehlers einen Tsunami an einem riesigen Stausee aus, bei dem fast 2.000 Menschen starben.
Sehr gut gelungen ist der Abschnitt über ein Konzentrationslager in einer früheren Reismühle. Auch, wenn die beiden Autoren ihr Buch selbst einen „Dark-Tourism-Guide“ nennen, ist das Kapitel pietätvoll und stellt das „No“ gegenüber jeder Form von Unterdrückung und Verfolgung in den Mittelpunkt.

Fazit
Schöne Reiseberichte über „Dunkle Plätze“ in vier Ländern. Wer morbide Geschichte(n) mag, dem empfehle ich „Vergessen & Verdrängt“ sehr gerne. 4,5 von 5 Sternen (aufgefunden auf 5).

Bewertung vom 10.10.2019
Verwende deine Jugend
Nieberding, Mareike

Verwende deine Jugend


ausgezeichnet

„Verwende deine Jugend“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr politische Beteiligung. Mareike Nieberding gibt Hoffnung, ohne den*die einzelne nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Macht kommt von machen!

Die Autorin und Journalistin Mareike Nieberding hat 2017 nach dem Schock der Trump-Wahl die überparteiliche Jugendbewegung DEMO gegründet, die ohne große formale Organisationen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen über Politik diskutiert. Aus dieser Erfahrung heraus betrachtet sie in ihrem Buch „Verwende deine Jugend“ die aktuellen politischen Entwicklungen, nimmt die „Fridays for Future“-Bewegung mit Begeisterung an und gibt den Leser*innen Tips mit auf den Weg, wie sie ihre Jugend „verwenden“ können. Für mich hört die nicht mit 25 oder 30 auf. Für Nieberding auch nicht, denn sie hat die 30 ebenfalls schon längst überschritten.

Eingebettet in ihr leidenschaftliches Plädoyer für mehr bürgerschaftliches oder politisches Engagement, räumt sie zunächst mit dem Trugbild auf, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren würden. Sie zitiert Studien, gibt Gegenbeispiele und vergleicht das mit früheren Generationen. Ihr Befund: Junge Menschen interessieren sich zwar für politische Themen, aber halt wenig im klassischen Sinn der Parteien. An diesem Missverhältnis tragen Parteien allerdings einen nicht geringen Anteil. Erhellend dazu ist Nieberdings Interview mit dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert. Vieles mögen engagierte Menschen bereits an anderer Stelle bereits gelesen habe, durch die Bündelung der Fakten und die Leidenschaft der Autorin vermittelt „Verwende deine Jugend“ ein tolles Gefühl von Ermächtigung.

Nieberding gendert in ihrem Buch durchgängig (allerdings mit Binnen-I) und auch darüberhinaus findet sich in ihrem Buch viel Empowerment für Frauen und marginalisierte Gruppen. Und die Autorin positioniert sich klar gegen ein „Mit Rechten reden“, oder wie sie es nennt:
„Ich will nicht mit Rechten reden. Diese Gespräche führen ins Nichts, weil die GesprächspartnerInnen und ich nicht auf demselben demokratischen Fundament stehen. Aber ohne Fundament kann kein Bauwerk in die Höhe wachsen, auch nicht das Haus der Demokratie.“

Das Buch ist sehr aktuell. Die Zahlen über die Teilnehmer*innen bei den Fridays For Future-Demos in Deutschland setzt Nieberding mit bis zu 300.000 Menschen in über 1000 Städten an. Bei der großen Demo #AlleFürsKlima am 20. September 2019 gingen bereits 1,4 Millionen Teilnehmer für den Klimaschutz auf die Straße. Diese ganz aktuellen Stellen werden sich vermutlich in ein, zwei Jahren etwas überholt haben. Also lest das Buch bitte jetzt! Vieles wird aber auch dann noch genauso notwendig und wesentlich bleiben wie heute.

Es gibt übrigens auch einen Doku-Roman mit dem Titel „Verschwende deine Jugend“ (der mit dem gleichlautenden Film kaum etwas zu tun hat). Jürgen Teipel erzählt in Form von „Oral History“ über die Entstehung der frühen Punk- und New Wave-Bewegung. Was auch da sehr deutlich wurde: Wie kompromisslos junge Menschen sein können, wie sehr einzelne den Lauf der Geschichte verändern können, wie sehr selbst sogenannte Popkultur politische Auswirkungen haben kann. Dieser Spirit trifft auf „Verwende deine Jugend“ ebenso zu.

Fazit
Wenn man als politisch engagierter Mensch mal immer wieder den Glauben an die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns verliert, liefert Nieberdings Buch einen Silberstreif am Horizont. Dafür vergebe ich sehr gerne 5 von 5 Sternen.

Ich möchte mit dem Zitat von James Baldwin schließen, dass Mareike Nieberding „Verwende deine Jugend“ voran stellt:
„Doch in unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann.“

Bewertung vom 09.10.2019
Hello Ruby
Liukas, Linda

Hello Ruby


ausgezeichnet

Was kann ein Roboter – und was nicht? Wunderschöne Illustrationen und kniffelige Aufgaben führen Kinder an künstliche Intelligenz heran.

Künstliche Intelligenz kunstvoll erzählt

So ein wundervolles Sachbuch hätte ich als Kind so gerne gehabt! Das dachte ich mir bereits beim ersten Durchblättern von „Hello Ruby – Wenn Roboter zur Schule gehen“ und das trifft nach der Lektüre nun extra zu. Kindern wird darin spielerisch das Thema Künstliche Intelligenz vermittelt. Die Autorin Linda Liukas, die als Programmiererin, Geschichtenerzählerin UND Illustratorin arbeitet, verknüpft ihre Texte und Erklärungen auf so wunderbare Weise mit einem künstlerischen Appeal, dass Naturwissenschaft und Kunst eine grandiose Einheit bilden.
Mit zwei weiblichen Protagonistinnen richtet sich das Buch in erster Line an Mädchen, die ja in den MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) leider oft noch sträflich vernachlässigt werden. Liukas macht aber nicht den entgegengesetzten Fehler, das Buch nun nur für Mädchen zu gendern, sondern das Buch kann genauso gut mit Jungs gelesen werden.

Das meint mein 7jähriger Sohn

Echt cool! Die Sachen im Buch sind zwar kompliziert, aber sie sind so erklärt, dass ich alles verstehe. Die Illustrationen gefallen mir total gut, weil ich da viel Spannendes entdecken kann.

Was Roboter in der Schule lernen kann

Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Zunächst führt eine kleine Geschichte in die Thematik ein. Ruby holt ihre Freundin Julia für den Schulweg ab. Weil dem Roboter langweilig ist, nehmen sie ihn kurzerhand mit, und er darf in der Schule lernen Auf den ersten Blick könnte die kleine Geschichte banal wirken, aber in den Texten und den wundervollen Illustrationen sind viele kleine Details eingewoben und so lassen sich bereits viele Aspekte von Programmierung und künstlicher Intelligenz entdecken. Oder warum malt der Roboter einfach auf Bänke und Stühle? Wir können „in den Kopf“ des Roboters schauen, was er alles berechnet und analysiert. Anhand der schiefen Köpfe der Kinder lässt sich ablesen, dass sie bei den komplexen Berechnungen des Roboters an der Tafel nicht die Bohne verstehen. Nach und nach finden sie heraus, was ein Roboter kann – und was nicht.

Spannende Aufgaben und Rätsel zu „KI“

Ein Arbeitsbuch nimmt als zweiter Teil gut die Hälfte des Buches ein. Die Autorin hat klar angelegt, dass die Kinder das Buch gemeinsam mit Erwachsenen entdecken sollen. Die Aufgaben sind witzig und verständlich aufbereitet. Manchmal muss man ums Eck denken. Ich kenne einige Erwachsene, die mit den Aufgaben überfordert wären, weil ihnen das Verständnis für mathematisch-technische Zusammenhängt total fehlt. Kinder lernen mit Ruby spielerisch solche Zusammenhänge, und wir hatten beim Durcharbeiten viel Spaß. Die Autorin hat „Ruby“ in erster Linie für 5- bis 7-jährige geschrieben. Ich denke, dass Kinder die gesamte Grundschulzeit tollen Input aus dem Buch bekommen können. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob 4.-Klässler dann noch die wunderbaren, liebevollen, aber doch recht kindlichen Illustrationen zu schätzen wissen. Mein Sohn (2. Klasse) fand sie auf alle Fälle ganz zauberhaft. Auf der Ruby-Homepage gibt es dann noch einige Arbeitsblätter und zusätzliche Spiele zum Ausdrucken.

Fazit

Wir sind begeistert. So ein wundervolles Sachbuch hätte ich als Kind haben wollen! Und mein Sohn hat nun eine ganze Menge mehr über Roboter und künstliche Intelligenz erfahren. Die weiteren Bücher von Linda Liukas aus der Ruby-Reihe sind bereits auf unsere Wunschliste gewandert („Programmier dir deine Welt“, „Expedition ins Internet“, „Eine Reise ins Innere des Computers“). Begeisterte 5 von 5 Sternen und eine klare Lese- und Kaufempfehlung.

Bewertung vom 09.10.2019
Max und der Sternenforscher
Wenz, Tanja

Max und der Sternenforscher


sehr gut

Durch die schimmernde Tür des Physiksaals landet Max bei Galileo Galilei. Schöne Zeitreise in die Geschichte der Physik für Kinder.

Im Dialog mit einem großen Wissenschaftler

Ach, warum ist uns diese Tür noch nie erschienen, hinter der Galileo Galilei auf uns wartet? Aber nun hatten wir mit „Max und der Sternforscher“ zumindest literarisch mit „Max und der Sternforscher“ die Chance dazu, diesen großen Forscher zu treffen, und mein Sohn und ich haben das Buch von Tanja Wenz sehr gern gelesen.
Empfohlen wird das Buch ab 10 und zum Selberlesen ist das sicherlich ein guter Richtwert. Mein Sohn ist jetzt 7,5 Jahre alt und total Astronomie-, Mathe- und Physik-begeistert. Daher hat das zum Vorlesen mit einigen Erklärungen, etwa zur Inquisition, auch schon sehr gut gepasst.
Die Autorin wählt für die Geschichte oft die Form des Dialogs. Und das ist ein schöner Bezug zu Galileis Werk, der u.a. „Dialogo“ so aufgebaut hat, jenes Buch, das fast 200 Jahre auf dem Index der katholischen Kirche gestand hat. In einem Dialog erklärt Galileo Max seine Fallgesetze und auch Max darf dem berühmten Wissenschaftler in ihren einige Hinweise für dessen Forschung geben. Als Leser*innen gibt es einen tollen Austausch mit den Gedanken der Protagonist*innen, die uns nicht nur Galileis Forschung, sondern auch die Zeit der Renaissance einführen. Meist sind wir in Max’ Kopf, aber wir springen immer mal wieder in die Köpfe der anderen Figuren.
Dazwischen gibt es spannende Szenen, z.B. wenn Max von der Bande der „bösen Jungs“ angegriffen wird. Der Spannungsaufbau und die Gestaltung der Geschichte hätte für mich aber etwas runder sein können, so erfahren wir erst von der Bande der „bösen Jungs“, als sie schon hinter Max her ist. Eine Vorahnung hätte die Stelle spannender gemacht Zudem fand ich es schade, dass wir neben Galileo Galilei keine anderen spannenden Zeitgenossen treffen, und für mich hätte es auch mehr Abenteuer sein können. Meinen Sohn hat das nicht gestört, er war gebannt von den physikalischen und historischen Zusammenhängen, von denen Tanja Wenz erzählt. Und auch ich habe das Buch wirklich gerne vorgelesen.
„Max und der Sternenforscher“ lebt von der Begeisterung der Autorin an Physik und Astronomie, die auf die*den Leser*in überspringt. Und obwohl das Buch einen Jungen als Hauptfigur hat, ist es ein wundervolles Plädoyer für Frauen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Der Diversity-Aspekt ist mir persönlich ja immer sehr wichtig. Eine Zeittafel am Ende rundet das Buch ab. Und Glanzlichter gibt es schon auf dem Cover, denn dort finden sich einige fluoreszierenden Elemente, so dass ein Komet oder der große Wagen im Dunkeln leuchten.

Für diese schöne Zeitreise zu Galileo Galilei und in die Renaissance vergeben wir 4 von 5 Sternen. Mein Sohn will die Max' Geschichte auf alle Fälle nochmal lesen.

Bewertung vom 07.10.2019
Das Wunder der Freiheit und Einheit

Das Wunder der Freiheit und Einheit


sehr gut

Schwerter zu Pflugscharen, wie die Kirchen die Wende 1989 geprägt haben. Spannende Zeitzeug*innenberichte, ein wichtiges Buch.

Diese Zeilen schreibe ich am 7. Oktober 2019. Heute hätte die DDR ihren 70. Jahrestag feiern können – wenn sie nicht zuvor untergegangen wäre, untergegangen wegen des Protests von vielen einzelnen, mutigen Menschen. Diese friedliche Wende schildert „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ in Form von eindringlichen Zeitzeug*innenberichten aus dem kirchlichen Umfeld.

Teile einer Bewegung
Es ist ein Dilemma der Geschichtswissenschaft, dass sich Errungenschaften von Einzelpersonen leichter darstellen lassen und dadurch fast zwangsläufig die Bedeutung von Gruppen quasi unter den Tisch fallen. (Der Klassiker zum Emplotment in den Geschichtswissenschaften ist „Metahistory“ von Hayden White). „Das Wunder Freiheit und Einheit“ zeigt nun die Gesichter einer solchen Bewegung, die ihre Meinung „mit den Füßen“ auf den Straßen und Plätzen kund getan hat und so zu einem friedlichen Systemsturz führte. Zentral dafür sind die Montagsgebete in Leipzig gewesen, die bereits ab 1982 stattfanden.
Die beiden Herausgeber verfolgen die Geschehnisse in ihrem Buch tageweise vom 3. Oktober bis zum 9. November 1989. Im Vorwort raten sie, das Buch tageweise zu lesen, wie auch die Ereignisse im Herbst 1989 tageweise von statten gingen. Ich denke, das ist eine hervorragende Herangehensweise an dieses Buch, weil man als Leser*in darüber nochmal besser nachvollziehen kann, dass dieser Prozess nicht über Nacht geschehen ist. Und wie brenzlig die ganze Situation war, wie leicht sie hätte kippen und sich die Niederschlagung des Aufstands 1953 oder des Prager Frühlings vielleicht doch hätten wiederholen können. Die Hintergründe zuvor und die Auswirkungen nach diesen beschrieben Tage werden dabei immer wieder mitgeschildert.

Mit der Bibel als Basis
Jeder Tag wird mit einem Bibelspruch eingeleitet. Für Atheist*innen könnten die Bibelzitate möglicherweise befremdlich sein. Sie zeigen aber, wie sehr eine pazifistische und freiheitliche Haltung bereits in der jüdisch-christlichen Tradition des sogenannten Abendlandes verankert ist. Natürlich gab es auch Oppositionsbewegungen außerhalb der beiden Kirchen. Die Kirchen waren für die friedliche Wende 1989 aber unbestritten ein wichtiger Motor, und dieses Buch zeichnet auf eindringliche Weise diese Geschichten nach.
Die Historie ist auch im Fall der Wende nicht frei von Absurditäten: Die UdSSR entlehnte in den 1950ern das Bibelzitat „Schwerter zu Pflugscharen“ und die entsprechende Plastik schenkte Chruschtschow sogar der UNO in New York. Als diese 1980 von der evangelischen Kirche aufgegriffen (Autor Bretschneider war der Urheber) und auf 100.000 Stofflesezeichen gedruckt wurde, standen diese unter Stasi-Beobachtung.

Gender-Missverhältnis
Von den 57 Zeitzeugen-Autor*innen sind nur vier Frauen. Da hätte ich mir deutlich mehr Gender-Vielfalt gewünscht, erst recht, weil es in evangelischen Kirche Pastorinnen gibt. Zugegebenermaßen ist das Buch erstmals bereits vor zehn Jahren zum 20. Jahrestag digital erschienen (nun wurden Vor- und Nachwort ergänzt) und ich hoffe, dass die Herausgeber die Autor*innen-Auswahl heute anders gestalten würden. Ich habe lange überlegt, aber ich finde dieses Verhältnis so unausgewogen, dass ich dafür einen Stern abziehe – obwohl ich das Buch so wichtig finde. (Ein Abschnitt im Nachwort, der mir zu sehr auf Mann-Frau-Beziehungen gemünzt ist und die Verpflichtung Kinder zu kriegen, war dann noch das Zünglein an der Waage.)

Fazit
Anhand „Das Wunder der Freiheit und Einheit“ lässt sich hervorragend die Wende 1989 mit spannenden Zeitzeugen nachvollziehen. Allerdings finden sich darunter nur wenige Zeitzeuginnen, dafür ziehe ich bei dem tollen Buch einen Stern ab und ergebe 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 02.10.2019
Der Sprung
Lappert, Simone

Der Sprung


sehr gut

Nimmt ganz schön mit

„Der Sprung“ ging mir an vielen Stellen sehr nahe und hat mich richtig mitgenommen. Das ist eine große Leistungen dieses Buchs.
Aber genau deswegen stelle ich für das Buch diese Content Note voran.

CN / Content Note / Triggerwarnung: Suizid, Tod von Kindern, Beschreibung großer Höhe

Kunstvoll gebaut
Die Protagonist*innen werden selbst getriggert, das ist integraler Bestandteil dieses Buches. Manchmal musste ich den Roman weglegen, weil er mir so zu Herzen oder zu Nieren ging. Das war intensiv, und ich finde es toll, wie Simone Lappert das schafft.
Trotz dieser ernsten Thematiken erzeugt die Autorin in ihrer Sprache und Erzählweise immer wieder eine unglaubliche Leichtigkeit. Die Geschichte selbst wird zersplittert auf viele verschiedene, sehr unterschiedliche Protagonist*innen erzählt. Diese Leben sind verknüpft und auch die Vergangenheit dieser Protagonisten wirkt sich auf die Geschehnisse aus.
Der Plot ist wirklich sehr geschickt und kunstvoll gebaut und verwoben. Daher möchte ich zum Inhalt kaum etwas verraten, weil mich einiges doch sehr überrascht hat und ich dieses Lesevergnügen jedem*r selbst überlassen möchte.
Viele Stellen habe ich notierte, weil sie so schön und wahr sind, wie auch die Sätze des obdachlosen Poeten Henry, der seine Fragen an Passanten verkauft.
„Hast Du den Trotz in ihrem Gesicht gesehen, die Wut in ihrem ganzen Körper? Wer schreit und tobt, wünscht sich nicht, das Leben wäre vorbei. Er wünscht sich, es wäre anders.“
Es ist manchmal wundervoll, wie das Leben so spielt, und manchmal bitter und traurig. Nur kleine Handlungen können zu großem Leid oder zu großer Freude führen. Das erzählt dieser Roman.

Tolle Frauenfiguren
Sehr gut gefallen hat mir zudem die feministische Sicht, die sehr implizit in den Text verwoben ist. Die Männer sind eher die, die nicht zu Potte kommen, sich mit Egokämpfen oder anderem aufhalten. Die Frauen gehen fast alle in ganz unterschiedlicher Weise einen Schritt nach vorne. Und dann kritisiert „Der Sprung“ die Gesellschaft, das „Gaffertum“, die kapitalistischen Zyklen, die Feindseligkeiten gegenüber den Ausgestoßenen.

Zersplittert
Dass diese Geschichte zersplittert ist, macht sie aus. Aber manchmal war sie mir zu zersplittert. Oder manchmal wiederum ein Splitter zu viel, wenn ich mir dachte, ja, das habe ich jetzt schon verstanden. Manche Splitter hingegen fehlten mir. So gab es ein, zwei Protagonisten, bei denen ich bis zum Schluss überlegen musste, wer sie denn jetzt waren. Dass nicht alle Stränge auserwählt werden, macht eine solche Geschichte ebenfalls aus, dennoch fehlte mir hier das Gefühl eines Endes. Und an die zentrale Figur kam ich am allerwenigsten ran. Wieder das Teil des Konzepts, das ist mir bewusst, aber auch hier hatte ich das Gefühl des Bedauerns. So ließ mich das Buch etwas unbefriedigt zurück.
Ich muss gestehen, dass das Buch für mich vielleicht auch unter der großen Erwartungshaltung geächzt hat, weil ich schon mitbekommen habe, dass viele Leser*innen es so großartig fanden (ohne, dass ich Rezensionen gelesen hätte). Da fallen mir dann kleinere Schwächen deutlicher auf, eben weil ich Perfektion erwarte.

Fazit
In vieler Hinsicht ist „Der Sprung“ ein tolles Roman, der aber für mich von der Perfektion doch noch ein Stück entfernt ist. Für die tolle Sprache und die kluge Konstruktion gebe ich 4 von 5 Sternen. Von der Autorin werde ich sicherlich wieder etwas lesen.

Bewertung vom 01.10.2019
Hippocampus
Klemm, Gertraud

Hippocampus


ausgezeichnet

Mind-blowing! Löst ein Synapsen-Feuerwerk aus: Sprache, Stil, Inhalt, Figuren, gleichermaßen großartig. Mein Jahreshighlight!

Dieses Buch ist gewaltig, eine Erleuchtung, elektrisierend, poetisch, bissig, witzig, herb und dann wieder ganz zart. Ich bin so begeistert von „Hippocampus“, dass mir einerseits die Worte fehlen, ich andererseits übersprudeln möchte vor Lob. „Mind-blowing“, immer wieder habe ich dieses Wort im Kopf. Leider lässt es sich so schwer übersetzen, aber das Buch hat etwas mit meinem Kopf gemacht, ein Synapsen-Feuerwerk ausgelöst.
Am liebsten hätte ich andauernd einzelne Textstellen markiert, weil sie so klug und so toll geschrieben waren, aber dann zog mich Gertraud Klemms Sprache und ihre Geschichte auch schon wieder weiter.

Zärtlich, herb und politisch

Vom Inhalt möchte ich nicht viel verraten: Eine von der Öffentlichkeit längst vergessene, feministische Autorin stirbt. Und ihre Freundin Elvira macht sich daran, einen Teil des erlittenen Unrechts wieder gut zu machen. Das wird bei Elvira Aktionskunst.
„Zu viel Demokratie und zu viel Essen ist den nachfolgenden Generationen nicht gut bekommen. Die Satten sind zu satt und die Hungrigen zu hungrig für eine Revolution. Aber man kann es ihnen nicht übel nehmen, so ist das neoliberale Zeitalter. Wer kein Streber ist, fliegt gleich ganz raus. Es gibt keine Ränder mehr, an denen es sich ein wenig verweilen lässt, es gibt nur mehr gleich den Abgrund.“
Gertraud Klemm wird in ihrem Roman politisch, sie wird zärtlich, sie wird auch mal derb.
Zu letzterem hat die Autorin meiner Meinung nach auch alle Veranlassung: Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie Frauen und als Frauen gesehene behandelt werden? Wie die alten weißen Männer sich seit Jahrhunderten und Jahrtausenden breit machen selbst die Moderne es nur zum Teil besser gemacht hat?
Seite um Seite habe ich dieses Buch mehr geliebt.

Vom Sinn

Jetzt bin ich längst noch nicht in Elviras Alter. Trotzdem merke ich, wie die 40 auf mich zueilen, und ich dabei frustriert feststelle, dass die Kämpfe, die ich längst schon für gewonnen glaubte, noch immer Thema sind. Schlimmer noch, manches entwickelt sich rückwärts. Und da kommt mir schon das Gefühl für den Sinn etwas abhanden.
Und genau da holt mich Gertraud Klemm mit „Hippocampus“ ab.
Gegen dieses Sinnlosigkeitsgefühl setzt Elvira ihre Installationen. Selbstverständlich bewegen diese sich am Rand der Legalität und teilweise weit darüber hinaus. Aber in den letzten Monaten (Trump, Brexit, Ulf Poschard) hatte ich zu oft das Gefühl, dass ich in die Tiefkante beißen – oder etwas anzünden muss (dabei bin ich Pazifistin). Und daher vergöttere ich Elvira und die Autorin Gertraud Klemm für ihren Mut und ihre Kompromisslosigkeit.
„Man muss einfach viel mehr rote Linien überschreiten, viel mehr Eigentum zerstören, viel mehr Gesetze brechen, um gehört zu werden.“
Bei diesem Buch sollte jedes Wort ganz bewusst belesen werden, bis zur allerletzten Zeile. Vergesst auf keinen Fall den Appendix. Dann diese letzten Zeilen läsen eine letzte, großartige Kopf-Explosion aus.

Fazit

Lest dieses Buch! Es ist wundervoll, witzig und bläst so viele großartige Gedanken in Deinen Kopf! Absolute Leseempfehlung! Jahreshighlight und selbstverständlich mindestens 1.000 Sterne.