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Benutzername: Buchbesprechung
Wohnort: Bad Kissingen
Über mich: Ich bin freier Journalist und Buchblogger auf vielen Websites. Neben meiner Facebook-Gruppe "Bad Kissinger Bücherkabinett" (seit 2013) und meinem Facebook-Blog "Buchbesprechung" (seit 2018) habe ich eine wöchentliche Rubrik "Lesetipps" in der regionalen Saale-Zeitung (Auflage 12.000).
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Bewertungen

Insgesamt 258 Bewertungen
Bewertung vom 24.11.2020
Effingers
Tergit, Gabriele

Effingers


ausgezeichnet

REZENSION – Weit mehr als nur eine Geschichte über Aufstieg und Fall einer großbürgerlich-deutschen Familie ist der 1951 erstmals veröffentlichte und jetzt als Taschenbuch im btb-Verlag erschienene Roman „Effingers“ von Gabriele Tergit (1894-1982). Deshalb wird ihm der gelegentliche Vergleich mit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann nur im Ansatz gerecht. Denn im Grunde ist „Effingers“ eine detaillierte Gesellschaftsstudie jüdischen Lebens in Deutschland in seinen so verschiedenen Facetten und Strömungen von der deutschen Revolution 1848 über das Kaiserreich, zwei Weltkriege und den Holocaust bis zum Neubeginn im Jahr 1948.
Aufklärung und Revolution hatten den Juden in Deutschland neue Freiheiten und Aufstiegsmöglichkeiten verschafft. Dennoch blieb die erhoffte Gleichstellung mit den christlichen Mitbürgern aus. Antisemitismus wurde als gegeben hingenommen, die Juden blieben weiterhin unter sich und verheirateten sich untereinander. So ehelichte der Uhrmachersohn Paul Effinger aus dem fränkischen Städtchen Kragsheim, in den 1880er Jahren in Berlin zum Fabrikanten geworden, die Bankierstochter Klärchen Oppner, deren Vater Emmanuel Oppner einst in das Privatbankhaus Goldschmidt eingeheiratet hatte, das seitdem als Oppner & Goldschmidt firmierte. Die Berliner Privatbank war von Markus Goldschmidt gegründet worden, der 1848 als junger Mann auf den Barrikaden für Freiheit und Gleichheit gekämpft hatte und im Pariser Exil ins Bankgeschäft eingestiegen war.
Zunächst lernen wir die gesellschaftlichen Unterschiede innerhalb des deutschen Judentums in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kennen: Da leben die wohlhabenden Berliner Bankiersfamilien Oppner und Goldschmidt in riesigen Villen, feiern Maskenbälle und gründen Wohltätigkeitsvereine. Sie gehören der weltlich-humanistisch gebildeten Oberschicht an, deren Judentum nur noch Tradition, aber kein Glaubensbekenntnis ist. Klärchens Ehe mit Fabrikant Effinger kommt einem gesellschaftlichen Abstieg gleich, ist doch Paul nicht „nur“ ein Kaufmann, sondern Sohn eines einfachen Handwerkers. Uhrmacher Matthias Effinger, steht im Roman für den gläubigen, einfachen Juden, der noch allmorgendlich zum Gebet in die Synagoge geht und nach jüdischem Ritus lebt. Doch selbst ihn stören die aus Osteuropa eingewanderten orthodoxen Juden.
Der Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung nach dem 1. Weltkrieg ermöglicht einerseits den jungen Frauen der Familien eine gewisse Selbstbestimmung, sie werden berufstätig wie die Schauspielerin Sofie Goldschmidt und die Frauenrechtlerin Marianne Effinger oder studieren wie Cousine Lotte. Doch andererseits beginnt der soziale Fall der Familien mit dem baldigen Verlust des Vermögens durch die Inflation und endet in völliger Enteignung und Vernichtung durch die Nazis. Marianne und Lotte, in deren Figur man die Autorin Gabriele Tergit erkennen kann, worauf Herausgeberin Nicole Henneberg in ihrem 13-seitigen Nachwort neben weiteren biografischen Parallelen zu Tergits Ahnenfamilien hinweist, beginnen in Palästina ein neues, völlig anderes Leben.
Stilistisch spürt man die journalistische Prägung der Autorin, die in der Weimarer Republik eine bekannte Gerichtsreporterin war: Kurze Kapitel und nicht allzu lange Sätze sorgen trotz der 900 Seiten für leichte Lesbarkeit, die angehängte Stammtafel ermöglicht Übersicht und Zuordnung der vielen Personen aus vier Generationen. Der historische Wandel eines ganzen Jahrhunderts mit markanten Daten und Fakten, der Beschreibung jüdischer Tradition und Riten und Schilderung von Aufstieg und Fall der Effingers, Oppners und Goldschmidts wird in kurzen Szenen, in Dialogen und Gesprächen im Familienkreis lebendig wiedergegeben. So wirkt „Effingers“ auch 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung noch immer als moderner Roman, der in heutiger Zeit eines wieder erstarkenden Antisemitismus nichts an Aktualität verloren hat und deshalb auch für jüngere Leser als Lektüre zu empfehlen ist.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.11.2020
Maigret im Haus der Unruhe
Simenon, Georges

Maigret im Haus der Unruhe


gut

REZENSION – Neunzig Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien 2019 im Schweizer Kampa-Verlag und nun auch im Hamburger Atlantik-Verlag erstmals eine Übersetzung des Kriminalromans „Maigret im Haus der Unruhe“. Es ist nach neuesten Erkenntnissen der erste Roman von Georges Simenon (1903-1989) um seinen Pariser Kommissar Jules Maigret, der den belgischen Schriftsteller weltbekannt machte und in 75 Romanen sowie 28 Erzählungen als Hauptfigur in mehr als 40 Jahren begleitete.
Fast noch spannender als dieser Krimi ist die Geschichte seiner Wiederentdeckung. Denn bisher galt, wie Verleger Daniel Kampa in seinem lesenswerten 20-seitigen Nachwort berichtet, der 1931 veröffentlichte Krimi „Maigret und Pietr der Lette“ als Auftakt der Maigret-Reihe. Doch ist, wie man heute weiß, die Figur Maigrets älter, zumal schon in frühen Romanen des jungen Simenon verschiedentlich Ermittler auftraten, gelegentlich sogar mit Namen Maigret. Doch erst 1929 ließ der damals 26-jährige Autor bei seinem Versuch, sich vom Groschenroman-Schreiber zu einem seriösen Schriftsteller zu wandeln, in drei Romanen seinen Kommissar zur Hauptfigur heranreifen, bis endlich im vierten, dem Krimi „Maigret im Haus der Unruhe“, Maigret seinen endgültigen Charakter hatte. Simenons Kommissar war nun ein Mann mittleren Alters mit stämmiger Figur, mit Melone, Mantel und unverzichtbarer Pfeife, der sich durch unerschütterliche Ruhe, Einfühlungsvermögen und seinem Verständnis für die Täter auszeichnete. Maigret war zum „Schicksalsflicker“ geworden, wie Simenon seinen Protagonisten nannte. Dieser vierte Roman aus dem Jahr 1929, der im Frühjahr 1930 in einer französischen Zeitung abgedruckt wurde, kam erst 1932 unter dem Pseudonym Georges Sim als Buch in den Handel, also ein Jahr nach „Maigret und Pietr der Lette“.
Worum geht es nun in diesem mit 90-jähriger Verspätung erstmals übersetzten Maigret-Roman? Während seines Nachtdienstes bekommt der Kommissar den Besuch einer jungen Frau. Sie bezichtigt sich, einen Mann erstochen zu haben. Als Maigret nach kurzem Telefonat im Nebenzimmer in sein Büro zurückkommt, ist sie verschwunden. Doch Maigret findet sie in einem Mehrfamilienhaus im Pariser Vorort Montreuil, wohin er am nächsten Morgen gerufen wird: Einer der Bewohner wurde ermordet. Die Ermittlungen sind schwierig, denn hinter ihrer bürgerlichen Fassade scheinen alle etwas zu verbergen.
Wir Leser stehen an den folgenden Tagen an Maigrets Seite bei den Vernehmungen, folgen ihm durch die Pariser Straßen auf der Suche nach dem Mörder. Verdächtige gibt es viele, der Fall ist verzwickt. Sogar Maigret weiß nicht, wie er damit umgehen und die darin verwickelten Personen einschätzen soll. Natürlich gelingt ihm trotz eines großen Verwirrspiels am Ende die Aufklärung. Doch darin findet Maigret keine Genugtuung. Schon in diesem ersten Krimi empfindet Simenons Kommissar Mitleid mit Täter und Opfern: „Er war missmutig. Er stand beim Ofen, die Hände auf dem Rücken, wie es seine Art war.“
Dieser nun nach 90 Jahren als erster Maigret-Krimi wiederentdeckte Roman ist literarisch nicht unbedingt anspruchsvoll. Aber er ist ein spannender Unterhaltungsroman und mit seinen nur 200 Seiten in großer Schrift bestens als Lektüre zum Feierabend geeignet. Für alle Freunde und Sammler der weltberühmten Krimireihe ist „Maigret im Haus der Unruhe“ allerdings eine unverzichtbare Ergänzung im Bücherregal.

Bewertung vom 11.11.2020
Terrorland / Kommissar Eugen de Bodt Bd.6
Ditfurth, Christian von

Terrorland / Kommissar Eugen de Bodt Bd.6


ausgezeichnet

REZENSION – In Aktualität kaum noch steigerungsfähig scheint die Politthriller-Reihe des Historikers Christian v. Ditfurth. Obwohl „Terrorland“, der im August veröffentlichte sechste Roman um den eigenwilligen Berliner Hauptkommissar Eugen de Bodt bereits im Vorjahr geschrieben wurde, wirkt er jetzt nach der Wahlniederlage Donald Trumps und unter dem Eindruck seines Kampfes um das Weiße Haus noch realistischer. Man könnte leicht vergessen, dass es sich nur um Fiktion handelt.
Wieder hat es Hauptkommissar Eugen de Bodt – wegen seiner unorthodoxen Arbeitsweise unbeliebt bei Vorgesetzten und Kollegen, aber Schützling der Kanzlerin – mit einer Reihe von Terrorakten in Berlin zu tun: Ein Touristenbus fliegt ausgerechnet vor der russischen Botschaft in die Luft, wobei auch der russische Botschafter ums Leben kommt. Ein Flugzeug explodiert bald nach dem Start am Berliner Himmel. Der neue Botschafter Russlands und dessen Familie werden ebenfalls ermordet. Steckt der Islamische Staat dahinter? Die deutschen Sicherheitsorgane sind ratlos. Kommissar de Bodt, der nichts von Vorschriften hält und gern selbst entscheidet, wann er vom Dienst suspendiert und wieder eingesetzt wird, vermutet bald, dass ein russischer Geheimdienst die Mitwisser einer groß angelegten Auslandsmission ausschaltet. Geht es um den amerikanischen Präsidenten Ronald Dump?
Vor sechs Jahren lernten wir in „Heldenfabrik“, dem ersten Band dieser wohl besten Politthriller-Reihe eines deutschen Autors, den ungewöhnlichen Kommissar de Bodt kennen. Er löst seine Kriminalfälle statt nach Lehrbuch lieber mit Hegel und Nietzsche, mit deren Zitaten er seine Mitmenschen ebenso nervt wie seine Mitarbeiter Silvia Salinger und den türkischstämmigen Computerfreak Yussuf. Die überlegene Weisheit der Philosophen macht es de Bodt möglich, sich über das Augenscheinliche zu erheben, um mittels Spekulation die die Wahrheit zu finden. „Spekulation ist eine Philosophie, welche die Ganzheit einer Sache betrachtet“, erklärt er es mit Hegel.
In Ditfurths neuem Roman dreht sich letztlich alles um den US-Präsidenten Ronald Dump. Allein schon die Namenswahl offenbart, wie der Autor zu Donald Trump steht, bedeutet doch das englische „dump“ so viel wie „Müllplatz“, umgangssprachlich sogar „Scheiße“. Mehrere Textstellen machen dies deutlicher: „Dump war ein unreifes Großmaul. Der auf dem Schulhof am Ende allein in der Ecke stünde, weil die Kameraden seiner überdrüssig wären.“ Bedenkt man, dass Ditfurth seinen Roman schon Monate vor Trumps Wahlniederlage abgeschlossen hat, erscheinen solche Textstellen fast prophetisch: „Wenn Dump die Wahlen verliert, gehen seine Anhänger auf die Straße. … Man muss das nur anheizen, Wahlfälschung und so weiter.“
In seiner Aktualität ist dieser Politthriller unübertroffen – nach der US-Wahl fast noch stärker als am Erscheinungstag. Der Roman kann es mit seiner in kurze Kapitel gegliederten und durch schnelle Szenenwechsel aktions- und temporeichen Handlung mit internationalen Bestsellern aufnehmen. Doch was diese niveauvolle Thrillerreihe zum besonderen Lesevergnügen macht, sind deren Ironie und Sarkasmus. Amüsant wie immer sind die in ihrer Schnoddrigkeit schon fast zu Kult gewordenen Dialoge zwischen Salinger und Yussuf oder die sich steigernde Wut des französischen Kommissars Lebranc auf seinen jungen, ihm geistig und kriminalistisch überlegenen Assistenten Floire. Nur Ditfurths allzu häufige Verächtlichmachung des US-Präsidenten stört in ihrer Übertreibung.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.11.2020
Das Verschwinden des Dr. Mühe
Hilmes, Oliver

Das Verschwinden des Dr. Mühe


sehr gut

REZENSION – Die Wiederaufnahme ungelöster, wenn auch nur fiktiver Kriminalfälle stehen erst seit wenigen Jahren im Mittelpunkt der Kriminalliteratur und wurden als spezielles Genre vor allem durch die Bestseller des Dänen Jussi Adler-Olsen oder der Schottin Val McDermid, in Deutschland auch durch Inge Löhnig beliebt. Im August erschien nun im Penguin-Verlag mit dem Roman „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ des Historikers Oliver Hilmes (49) die literarische Bearbeitung eines echten „Cold Case“. Darin verbindet der Berliner Autor auf elegante Weise Fakten und Fiktion eines ungelösten Falles aus dem Jahr 1932 und macht den geheimnisvollen Fall vor historischer Kulisse zur lesenswerten Lektüre.
Im Juni 1932 bleibt der 34-jährige Berliner Hausarzt Dr. Erich Mühe nach einem nächtlichen Ausflug spurlos verschwunden. Sein Auto steht mit offenen Türen am Ufer des Sacrower Sees in Potsdam, der Schlüssel steckt. Zunächst vermutet auch Kommissar Ernst Keller einen Badeunfall, doch es findet sich keine Leiche. Bei seinen Befragungen von Mühes Ehefrau Charlotte und weiteren Zeugen stößt der in vielen Dienstjahren erfahrene Kommissar hinter der gepflegten Fassade eines gutbürgerlichen Haushalts auf Ungereimtheiten und Widersprüche. Woher kam das viele Bargeld, über das Mühe wohl verfügte? War er ein Engelmacher, der illegal Abtreibungen vornahm? Führte der Vermisste also ein Doppelleben? Warum löste er kurz vor dem Verschwinden sein Konto auf? Ging es um einen Versicherungsbetrug? Hat sich der Arzt, wie Zeugen andeuten, nach Barcelona abgesetzt, um ein neues Leben zu beginnen? Der Fall bleibt ungelöst. Als Keller drei Jahre später nach dem Tod von Charlotte Mühe diesen „Cold Case“ wieder aufnehmen will, wird er vom neuen Polizeipräsidenten, dem NS-Obergruppenführer Wolf-Heinrich Graf von Helldorff (1896-1944), gezwungen, die Akte zu schließen.
Autor Oliver Hilmes schildert den Kriminalfall anhand der im Berliner Landesarchiv archivierten Akten. Kapitelweise baut er auf Grundlage der alten Vernehmungsprotokolle eine spannende Geschichte auf, in deren Verlauf er nicht nur die damaligen Zeugen wieder lebendig werden lässt, sondern er lässt uns zugleich in seiner fiktiven Rahmenhandlung durch nur wenige, fast beiläufig in die Kapitel eingestreute Beispielen die politische und gesellschaftliche Umwälzung im Übergang der ausgehenden Weimarer Republik zur Nazi-Diktatur miterleben. So bestellte Kommissar Keller noch 1932 den damaligen Gesangslehrer und möglichen Liebhaber von Mühes Ehefrau Charlotte, den Komponisten Hugo Rasch (1873–1947), zur Vernehmung ins Polizeipräsidium, wogegen er bei Wiederaufnahme des Falles im Jahr 1935 seinen Zeugen um einen Gesprächstermin in dessen Büro bitten muss, da SA-Mitglied Rasch inzwischen zum Präsidialrat der Reichsmusikkammer aufgestiegen ist. Rasch ist es auch, der mit seiner Beschwerde beim Polizeipräsidenten für die Einstellung der Ermittlungen sorgt.
Autor Hilmes lässt in seiner Kriminalgeschichte erst 1946 die Schwester Mühes ihren Bruder allein weitersuchen. In diesem nun rein fiktiven Abschlusskapitel erlaubt sich der Autor die Andeutung einer möglichen Auflösung des Geheimnisses, womit er uns Lesern die Tür zu weiteren Gedankenspielen öffnet. So bleibt der Roman „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ bis zur letzten Seite spannend, ohne allerdings stilistisch in reißerische Thriller-Manier abzugleiten. Im Gegenteil: Die ruhig gehaltene Erzählung bleibt trotz einiger geschickt platzierter Spannungselemente eine sachliche und deshalb glaubwürdige Darstellung mühsamer, wenn auch ergebnisloser kriminalistischer Ermittlungsarbeit. Gerade dies macht Oliver Hilmes' Buch so lesenswert.

Bewertung vom 03.11.2020
Der Petticoat-Mörder / Fred Lemke Bd.1
Bell, Leonard

Der Petticoat-Mörder / Fred Lemke Bd.1


sehr gut

REZENSION – Historische Krimis, die in jüngerer Vergangenheit spielen, scheinen bei Verlagen und Lesern gerade hoch im Kurs zu sein. Hier noch eine Lücke für die eigene Krimireihe zu finden, scheint schwierig, ist aber dem unter Pseudonym Leonard Bell schreibenden deutschen Autor mit seinem spannenden, zugleich unterhaltsamen Auftaktroman „Der Petticoat-Mörder“ bestens gelungen. Der 2. Weltkrieg liegt schon einige Jahre zurück. Die Schrecken des Nazi-Regimes hat man verdrängt oder will sie vergessen machen – Schwamm drüber! In West-Berlin herrscht Ende der Fünfziger Jahre eine euphorische Aufbruchstimmung.
In dieser Zeit kommt der 23-jährige Fred Lemke als unerfahrener Quereinsteiger mit dem „zweitschlechtesten Zeugnis seines Jahrgangs“ als Kriminalassistent zur Berliner Kripo und wird gleich an seinem ersten Arbeitstag mit einem Mordfall betraut. An einem See- Ufer wurde eine männliche Leiche gefunden. Während sein wesentlich älterer und Fred ständig mit lateinischen Zitaten nervender Vorgesetzter, Kommissar Auweiler, schnell von einem Raubmord ausgeht und den Fall zügig erledigt sehen will, glaubt Fred nach Gesprächen mit der Ehefrau des Opfers, dessen Haushälterin und der Geliebten, einer wegen Erpressung vorbestraften Varieté-Tänzerin, mehr dahinter zu entdecken. Gemeinsam mit seiner nur wenige Jahre älteren Kollegin, der unnahbaren Sonderermittlerin Ellen von Stain, die mit ihm am selben Tag neu im Morddezernat begonnen hat, versucht er hinter die Geheimnisse der im Fall verstrickten Personen zu kommen, wobei er – zum Ärger seiner beamteten Vorgesetzten allzu oft seinem Bauchgefühl folgt und die Ermittlungen nach deren Meinung unnötig in die Länge zieht. Es versteht sich natürlich von selbst, dass letztlich nur Fred Lemke auf der richtigen Spur ist und – erneut zum Ärger seiner Vorgesetzten – den wahren Täter findet.
Autor Leonard Bell setzt sich mit seinem „Petticoat-Mörder“ wohltuend von anderen „Nachkriegskrimis“ ab. Zwar beschreibt auch er die politische und gesellschaftliche Situation des gesellschaftlichen Neuanfangs in den späten Fünfzigern, in der Nazi-Verbrechen allzu leichtfertig als Befehlsausführung verharmlost wurden, NS-Beamte mit scheinbar weißer Weste wieder in den Beamtenstatus übernommen sind und unbelehrbare Alt-Nazis sich in Kameradschaften zusammenschlossen. Doch Leonard Bell verzichtet auf die gängige Schwarz-Weiß-Malerei und bedient sich nicht des Klischees, zwingend unter ihnen seine Mörder zu suchen. Mit Fred Lemke tritt bei Bell die junge, die unbelastete Generation an, für ein besseres Deutschland zu arbeiten. Doch auch Fred muss sich vor alten NS-Seilschaften hüten – nicht zuletzt in der eigenen Behörde.
Mit seinem Fred Lemke hat der Autor eine Figur geschaffen, deren Charakterisierung als noch unerfahrener Kripo-Quereinsteiger mit wachsendem Selbstbewusstsein ausreichend Raum für folgende Romane lässt. Auch das Geheimnis um die ominöse Sonderermittlerin Ellen von Stain, die sich in der Dienststelle anscheinend alles erlauben darf, hat Fred Lemke noch nicht lüften können. Sie scheint allerdings die einzige im Morddezernat zu sein, die Freds Qualifikation als Ermittler erkannt hat und ihn unmerklich unterstützt. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich die Karriere des jungen Kriminalassistenten Fred Lemke in Leonard Bells gut gemachter, als Feierabend-Lektüre bestens geeigneter Krimireihe weiter entwickeln wird.

Bewertung vom 31.10.2020
Caribou
Major, Kevin

Caribou


sehr gut

REZENSION – Kriegsromane über den 2. Weltkrieg sind schon längst nicht mehr zeitgemäß, dienten diese doch meist auf „Heldensagen“ einstiger Soldaten basierenden Erzählungen in den Nachkriegsjahren zumeist der Geschichtsklitterung und Beruhigung des deutschen Gewissens. Doch der jetzt auf Deutsch veröffentlichte Roman „Caribou“ des kanadischen Schriftstellers Kevin Major (71) ist ein Kriegsroman, den man in der Zeitlosigkeit seiner Botschaft als rühmenswerte Ausnahme dieses literarischen Genres sehen muss. Der Roman hält sich an historische Fakten der Atlantikschlacht im Winter 1942/1943, doch im Vordergrund stehen vor allem die Menschen - Soldaten und Zivilisten sowohl auf deutscher wie auch auf alliierter Seite - mit ihren Gefühlen und Hoffnungen.
Die „Caribou“ war eine zwischen der kanadischen Küstenprovinz Nova Scotia und Neufundland pendelnde Fähre unter dem Kommandanten von Kapitän Benjamin Taverner (1880-1942). Am 14. Oktober 1942 wurde das Schiff auf der Überfahrt vom deutschen U-Boot U69 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Ulrich Gräf (1915-1943) torpediert und versenkt. An Bord der Fähre waren damals 237 Menschen. 137 Menschen verloren ihr Leben, nur 34 Leichen wurden geborgen.
Torpedierung und Untergang der „Caribou“ machen nicht die Handlung des Romans aus, sondern sind nur der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung menschlicher Tragödien, die der Autor in seinem Roman überaus eindrucksvoll und berührend schildert. Unmittelbar nach dem Untergang der Fähre stellt sich die Frage nach dem Sinn des Krieges und nach Gott: „Wo war denn Gott, als der Torpedo einschlug? … Was ist mit dem Mann, der den Torpedo abschoss? Was geht bloß in seinem Kopf vor?“, fragt eine Überlebende. Es ist derselbe Gott, auf den die Deutschen schon im 1. Weltkrieg bei der Schlacht um Verdun setzten und auf dessen Hilfe nun die Engländer hoffen, die gerade Bomben über Deutschland abwerfen. Auch Kommandant Gräf fragt sich: „Macht das wirklich noch alles Sinn für dich? Ich bin der Mann, der den Torpedo abfeuern ließ – und ich habe den Glauben an einen Sinn längst verloren.“ Gräf ist kein Nazi, aber als Offizier der Kriegsmarine führt er Befehle aus. Doch „ein Kommandant, der seines Dienstgrades würdig ist, empfindet keine Genugtuung im Angesicht menschlicher Opfer“.
Der Roman „Caribou“ ist entschieden anders als herkömmliche Kriegsromane mit einseitiger Freund-Feind-Aufstellung und klarer Grenzziehung. Darauf verweist auch Germanist Christian Adam in seinem fachkundigen Nachwort ausdrücklich. Mit Adam als „Caribou“-Übersetzer ist dem Pendragon-Verlag ein cleverer Coup gelungen, ist dieser Literaturwissenschaftler mit Spezialgebiet „Literatur des Dritten Reiches und Nachkriegsdeutschlands“ doch ein ausgewiesener Experte gerade dieses Genres. Adam hebt als Besonderheit hervor, dass Kevin Major in seinem Roman durch den ständigen Wechsel zwischen den kämpfenden Seiten dem Leser einen wichtigen Perspektivwechsel ermöglicht. Der Autor gibt den vielen „namenlosen Opfern literarisch ein Gesicht“ und schildert zudem das Denken und Handeln seiner Protagonisten beider Seiten mit großer Empathie. Bei Kevin Major gibt auf beiden Seiten keine Helden, nur Menschen im emotionalen Gefälle zwischen Glück und Leid, Hoffnungen und Ängsten – auch der Angst vor dem eigenen unsinnigen Tod, dem letztlich auch Ulrich Gräf nicht entkommt. Sein Boot U69 wurde nur wenige Monate nach der Torpedierung der „Caribou“ im Februar 1943 von einem britischen Schiff gerammt und mit 50 Männern an Bord versenkt.

Bewertung vom 25.10.2020
Das Buch Ana
Kidd, Sue Monk

Das Buch Ana


sehr gut

REZENSION - „Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus aus Nazareth.“ Mit diesem provokanten, streng bibelgläubige Menschen vielleicht erschreckenden Zitat beginnt „Das Buch Ana“, der faszinierende Roman der amerikanischen Schriftstellerin Sue Monk Kidd (72), bekannt geworden durch ihren Bestseller „Die Bienenhüterin“. Mit ihrem fiktiven „Buch Ana“ stellt sie den Büchern der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ein aus weiblicher Sicht verfasstes Buch gegenüber und erlaubt sich damit ein äußerst interessantes Gedankenspiel.
Es beginnt im Jahr 16 im römisch besetzten Galiläa. Die 14-jährige Ana, in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen, ist ein intelligentes Mädchen mit rebellischem Geist. Mit Erlaubnis ihres Vaters, des obersten Schriftgelehrten und Beraters von Herodes Antipas, hat sie Lesen und Schreiben gelernt. Ihr Vater will sie an einen alten Witwer verheiraten. Bei der ersten Zusammenkunft, bei dem Ana entsetzt reagiert und stürzt, hilft ihr ein junger Mann auf. Als Ana einige Zeit später – nach dem plötzlichen Tod des Witwers – Herodes als Konkubine überlassen werden soll, flieht sie mit ihrer Tante Yaltha ins nahe Dorf Nazareth. Hier trifft sie den jungen Mann wieder – Jesus von Nazareth. Er lebt mit zwei Brüdern und seiner Schwester, Schwägerin und seiner Mutter Maria in ärmlichen Verhältnissen und arbeitet wie sein verstorbener Vater als Zimmermann und Steinmetz.
Im Roman ist Jesus von Nazareth nicht der biblische Sohn Gottes, sondern der auch von Historikern anerkannte einfache jüdische Handwerker, Mitte Zwanzig, unter der römischen Besatzung leidend und hart arbeitend, um der Großfamilie die Existenz zu sichern. So unglaublich ein verheirateter Jesus für Bibelgläubige sein mag, so wahrscheinlich ist dessen Ehe für die Autorin, die sich auf die Historie beruft: Zu Jesu Lebzeiten sei es für einen jungen Mann gesellschaftlich, familiär und sogar religiös eine Pflicht gewesen zu heiraten, heißt es in ihrem Nachwort. Anderenfalls hätte er seine Familie beschämt. „Wäre die westliche Welt eine andere, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre und seine Frau Teil der Geschichte geworden wäre? Vielleicht wäre das Verhältnis zwischen Sexualität und Glauben weniger gebrochen. Möglicherweise gäbe es auch den Zölibat nicht“, setzt die Autorin ihren Gedankengang fort.
Deshalb ist auch nicht Jesus, dessen Weg von seiner Begegnung mit dem Täufer Johannes bis zur Kreuzigung wir mitverfolgen, sondern eben Ana die Hauptfigur dieses Romans. Die junge Frau schreibt die Geschichten der vergessenen Frauen der Heiligen Schrift für die Nachwelt auf. Der „kleine Donner“, so der Spitzname der jungen Rebellin, will mit ihren Schriften den unterdrückten Frauen eine Stimme geben. „Wenn Jesus wirklich eine Frau hatte“, folgert die Autorin im Nachwort, „dann wäre Ana die Frau, die am deutlichsten zum Schweigen gebracht wurde und am dringensten eine Stimme brauchte.“ Diese Stimme wollte ihr Sue Monk Kidd mit diesem Roman geben.
Und doch ist „Das Buch Ana“ kein emanzipatorischer Frauenroman, sondern fesselt seine Leser auf andere Art: Zum Einen wird man gezwungen, über Leben, Wirken und die Person Jesu nachzudenken, ob nun aus christlicher oder historischer Sicht. Andererseits wird man durch die authentische Schilderung des alltäglichen Lebens zu Jesu Zeit – vor allem jenes der Frauen – in den Bann gezogen. Bis ins Kleinste beschreibt die Autorin den Alltag sowohl der wohlhabenden, meist opportunistisch der römischen Besatzungsmacht angepassten als auch der armen Bevölkerungsschicht, und dies nicht nur in Palästina, sondern auch in Ägypten. „Das Buch Ana“ ist interessant, zugleich spannend und unterhaltsam zu lesen und hinterlässt sicher bei vielen einen nachhaltigen Eindruck.

Bewertung vom 11.10.2020
Die zitternde Welt
Paar, Tanja

Die zitternde Welt


sehr gut

REZENSION – Vordergründig mag „Die zitternde Welt“ von Tanja Paar (49) ein historischer Roman sein. Doch das eigentliche Thema ihres zweiten Buches ist zeitlos: In beeindruckender Schärfe und Tiefe schildert die österreichische Schriftstellerin den schleichenden Zerfall einer scheinbar glücklichen Familie. In kurzen Szenen, begrenzt auf wesentliche historische Fakten, begleiten wir das junge österreichische Paar Maria und Wilhelm um 1900, später auch ihre im Osmanischen Reich geborenen drei Kinder Hans, Erich und Irmgard, während der folgenden vier Jahrzehnte über den ersten Weltkrieg hinaus bis zum Beginn des zweiten.
Die lebenshungrige Maria entflieht 1896 hochschwanger aus der familiären Enge der österreichischen Provinz und folgt ihrem Geliebten Wilhelm in die befreiende Weite Anatoliens, wo dieser inzwischen als Ingenieur auf deutscher Seite beim Bau der Bagdadbahn Arbeit gefunden hat. Von der Heimat bleibt bald nur eine blasse Erinnerung, ihre Kinder werden Türkisch besser als ihre Muttersprache sprechen. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, auch des Aufbruchs in eine globalisierte Welt.
Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt sie zurück in kleinstaatliches Denken. Geburtsort, nationale Grenzen und politische Allianzen gewinnen plötzlich an Bedeutung. Das Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung ist verloren. Hans und Erich glauben sich mit falschen Papieren vor der Einberufung sicher. Wilhelm kehrt mit Frau und Tochter nach Wien zurück und meldet sich freiwillig zum Militärdienst. Später ist auch Erich an der Ostfront, Hans bleibt verschollen. „Alle drei waren sie in den Krieg gefahren, aber in unterschiedliche Richtungen.“ Europa begann zu zittern, bald zitterte die Welt. Eindringlich schildert Tanja Paar die Verwerfungen innerhalb dieser anfangs so glücklich scheinenden Familie. Doch frühzeitig zeigten sich erste Risse im Familienglück. Alle fünf sind in Charakter und Vorlieben unterschiedlich. Heimatverlust, Krieg und dessen Folgen besorgen den Rest.
Einerseits ist „Die zitternde Welt“ ein historischer Roman, der uns mit dem Bau der Bagdadbahn einen kaum noch beachteten Punkt deutscher Geschichte vertraut macht. Zudem beschreibt die Autorin den Zerfall des einst mächtigen Osmanischen Reiches in die heutigen Einzelstaaten, wo erste Ölförderungen zu neuem Aufschwung führen. „Das Öl, das war ein neues Zeitalter, dessen war sich Erich sicher.“
Parallel zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches läuft die beklemmende Schilderung des Zerfalls von Marias Familie – nach Verlust der Heimat, politischen Einwirkungen und gesellschaftlichen Umbrüchen. „Freiwillig wäre sie nie zurückgekehrt in die sogenannte Heimat. Sie fühlte sich nicht als Österreicherin.“ Es stellt sich die Frage, ob es die Umstände sind oder wir selbst, die über unsere Entwicklung, unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen. „Warum sollen wir der Willkür der Geschichte ausgeliefert sein? Warum nicht selbst für unsere Rechte kämpfen?“, fragt Erichs Freund Ali.
Die einzelnen Figuren sind in ihrem unterschiedlichen Charakter von Tanja Paar plastisch beschrieben, deren individuelles Denken und Handeln ist konsequent nachvollzogen. So ist „Die zitternde Welt“ nicht nur ein historisch interessantes Buch, sondern vor allem wegen der eingehenden und berührenden Schilderungen der einzelnen Schicksale ein emotional bewegender und sehr lebendiger Roman, den es zu lesen lohnt.

Bewertung vom 09.10.2020
Schau nicht hin, schau nur geradeaus
Kahle, Birgit

Schau nicht hin, schau nur geradeaus


sehr gut

REZENSION – Sprechen wir von „Flüchtlingen“, denken wir an Zuflucht Suchende aus nordafrikanischen Kriegsgebieten. Kaum jemand denkt heute an die durch Kriegs-, Gewalt- und Fluchterfahrungen traumatisierten Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Erst anlässlich des 75. Jahrestages der deutschen Kapitulation nahmen sich Autoren wie unser Gruppenmitglied Birgit Kahle (60) wieder dieser Vergessenen an. In ihrem biografischen Roman „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“ schildert sie eindrucksvoll, authentisch und bewegend das Schicksal ihrer Mutter Gerlinde und ihrer Großmutter Elisabeth zwischen 1944 und 1946.
Jedes Einzelschicksal unterscheidet sich vom anderen. Sicher hat es viele deutsche Flüchtlinge härter getroffen, als Elisabeth und ihre drei Kindern in dem nahe Frankfurt (Oder) auf der Ostseite des Flusses gelegenen Matschdorf, zumal Ehemann Bernhard bald nach Kriegsschluss unverletzt aus britischer Gefangenschaft zurückkehrte und seiner Familie schon 1946 in Schleswig-Holstein eine neue Heimat bieten konnte. „Fast möchte man sich schämen, dass nun der eigene Mann aus dem Krieg zurück ist“, macht sich Elisabeth Vorwürfe angesichts des in den zwei Jahren zuvor um sich herum erlebten Leides.
Doch unabhängig vom jeweils erlittenen Schicksals gilt für alle: Heimat ist prägend und einzigartig, und der Schmerz ihres Verlustes ist für alle gleich. So fühlt sich die fünfjährige Elisabeth im Sommer 1944 im heimatlichen Matschdorf noch „wie in einer Muschel“ und hofft im April 1945 nach der Flucht auf den Hof ihrer Oma Sobbels auf der westlichen Oder-Seite: „Wenn der Krieg aus ist, können wir nach Hause!“ Doch das Vorrücken sowjetischer Truppen zwingt die Familie weiter Richtung Westen. Kaum ist jedoch der Waffenstillstand verkündet, gehen sie wieder zurück auf diesen Hof in Wiesenau, wo die kleine Gerlinde Schreckliches erleben muss. Angehörige und Dorfbewohner sterben durch Hunger, Typhus und Ruhr. Auch die Hoffnung auf eine Rückkehr ins heimatliche Matschdorf ist dahin. Matschdorf heißt jetzt Maczków. So bleibt schließlich nur die Umsiedlung nach Schleswig-Holstein, wo der Vater eine Beamtenstelle als Lehrer bekommen hat. Gerlinde ist sicher: „So schön wie Matschdorf wird es aber niemals sein.“
Birgit Kahle hat die in zahlreichen Gesprächen mit ihrer heute 80-jährigen Mutter gewonnenen Erinnerungssplitter in einer tagebuchartigen Romanbiografie geordnet. Erzählt aus Sicht und in der Sprache der damals erst fünfjährigen Gerlinde, ergänzt durch Berichte von deren Mutter Elisabeth, wirken die Schilderungen authentisch und lebendig. Auffällig ist, wie die Fünfjährige das erlebte Grauen mit kindlichem Unverständnis und gewisser Sorglosigkeit unbewusst und unverarbeitet aufnimmt – Erlebnisse und Erfahrungen, die ihr späteres Leben als Erwachsene prägen werden. Doch Rücksichtnahme und Trost erfahren diese Kriegskinder in den Jahren des Wiederaufbaues und des baldigen Wirtschaftswunders nicht: „Nach dem Krieg sollten die Überlebenden so tun, als wäre nichts geschehen“, kommentiert die Autorin im Epilog. Zerstörung der Kindheit, Sexualisierung durch den Feind, Verlust- und Gewalterfahrungen werden ignoriert.
Wie sich die erlittenen Traumata aus Kriegs-, Gewalt- und Fluchterfahrungen im späteren Leben ihrer Mutter und Großmutter ausgewirkt haben, in deren Verhalten also zu spüren waren, hätte Birgit Kahle noch ausführlicher darstellen können. Doch auch so bleibt „Schau nicht hin, schau nur geradeaus“ ein lesenswerter Bericht zweier Augenzeugen, der auch heutigen Jugendlichen zur Lektüre empfohlen werden sollte, um das Leid von Kriegsflüchtlingen besser nachempfinden zu können.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.10.2020
Der falsche Preuße / Offizier Gryszinski Bd.1
Seeburg, Uta

Der falsche Preuße / Offizier Gryszinski Bd.1


sehr gut

REZENSION – Mit ihrem im August beim Verlag Harper Collins erschienenen Kriminalroman „Der falsche Preuße“ hat Journalistin Uta Seeburg nicht nur ein lesenswertes Debüt als Schriftstellerin vorgelegt, sondern zugleich einen grandiosen Auftakt zu einer historischen Krimireihe um den 1894 in München als kriminalistischen Sonderermittler eingesetzten preußischen Reserveoffizier Wilhelm Freiherr von Gryszinski.
Der liebende Ehemann seiner Sophie und Vater des kleinen Friedrich ist kein strahlender Held, sondern Berufsanfänger in wissenschaftlicher Kriminalistik, der zwar die neue Kunst der Spurensicherung und des Abnehmens von Fingerabdrücken anzuwenden weiß, dem aber als Ermittler noch manches unverzeihliches Missgeschick geschieht. Erst wenige Jahre zuvor hatte er in Wien beim legendären Strafrechtler Hans Groß (1847-1915) seine Ausbildung erhalten und war von diesem dem Münchner Polizeidirektor Ludwig von Welser (1841-1931) als besonders befähigt empfohlen worden.
Bei der Aufklärung seines ersten Mordfalles muss sich Gryszinski nun bewähren und sein kriminalistisches Können beweisen. Unterstützt wird er dabei von Wachtmeister Vogelmaier, genannt Spatzl, der bei seinen Ermittlungen sein in vielen Jahren aufgebautes Netzwerk aus Wirtshaus-Spezln zu nutzen weiß, und dessen Kollegen, dem alles Preußische verehrenden Schwaben Eberle. Sich immer an seinen Wiener Lehrmeister Hans Groß erinnernd, dessen Lehrsätze aus seinem „Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw.“ (1893) jedem Kapitel als Zitat vorangestellt sind, versucht Gryszinski sein Bestes.
Eines Nachts war die kaum bekleidete, nur von einem mit Federn besetzten Umhang umhüllte Leiche des Bierbeschauers Sperber in einer Grünanlage abgelegt worden. Das Gesicht war mit einer Schrotflinte unkenntlich geschossen. Nach Identifizierung des Toten, der sich einiger Eroberungen in der Münchner Damenwelt rühmen durfte, rücken schnell der in der Gosse Berlin-Moabits aufgewachsene, doch auf unerklärliche Weise zu unermesslichem Reichtum gekommene Preuße Eduard Lemke und dessen Münchner Ehefrau Brauerei-Erbin Betti in den Fokus der Ermittlungen. Gryszinski tut sich anfangs recht schwer bei der Aufklärung des dubiosen Falles. Noch komplizierter wird es für ihn, als er vom preußischen Gesandten in München für sein Vaterland als Spion verpflichtet wird. Nun steht er vor der Wahl, seine Ehre als bayerischer Polizeibeamter zu verletzen oder aber als preußischer Reserveoffizier. Der Zufall will es, dass Gryszinski am Ende doch beiden Auftraggebern gleichermaßen gerecht werden und dadurch seine Ehre retten kann.
Mit Geschick und einer gehörigen Portion Humor und Ironie verbindet die selbst aus Berlin stammende und seit Jahren in München lebende Autorin so unterschiedliche Aspekte wie bayerische Lebensart und Bierseligkeit mit angeblich preußischen Tugenden wie Disziplin und Enthaltsamkeit sowie Anfänge professioneller Kriminalistik mit gesellschaftlichem Leben zur Jahrhundertwende und reiht dies alles am Handlungsfaden des durchaus spannenden, auf lange Zeit scheinbar unlösbaren Kriminalfalles auf.
Durch feine Selbstironie wirkt vor allem der unerfahrene, manchmal noch tolpatschig wirkende Ermittler besonders sympathisch, der als „falscher Preuße“ zudem in seelischem Wettstreit zwischen preußischen Tugenden und seiner Vorliebe für Schweinsbraten, Tellerfleisch mit Kren und bayerischem Bier steht. Wir dürfen uns auf eine Fortsetzung der Erlebnisse von Sonderermittler Wilhelm Freiherr von Gryszinski freuen.