Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Buchbesprechung
Wohnort: Bad Kissingen
Über mich: Ich bin freier Journalist und Buchblogger auf vielen Websites. Neben meiner Facebook-Gruppe "Bad Kissinger Bücherkabinett" (seit 2013) und meinem Facebook-Blog "Buchbesprechung" (seit 2018) habe ich eine wöchentliche Rubrik "Lesetipps" in der regionalen Saale-Zeitung (Auflage 12.000).
Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 167 Bewertungen
Bewertung vom 20.10.2019
Der dunkle Bote / August Emmerich Bd.3
Beer, Alex

Der dunkle Bote / August Emmerich Bd.3


sehr gut

REZENSION – Der im Oktober mit dem Österreichischen Krimipreis ausgezeichnete, auch für andere Preise nominierte Kriminalroman „Der dunkle Bote“ ist nach „Der zweite Reiter“ (2017) und „Die rote Frau (2018) der dritte Band der unter dem Pseudonym Alex Beer veröffentlichten Erfolgsreihe der österreichischen Schriftstellerin Daniela Larcher (42) um den Wiener Kriminalinspektor August Emmerich.
Wir befinden uns im Wien des Jahres 1920, Monarchie und Adel sind abgeschafft, das gesellschaftliche System ist zerrüttet. Sozialisten und Kommunisten bekämpfen sich mit konservativen Republikanern, die Bevölkerung leidet unter der Hungersnot, die Inflation vernichtet den Geldwert, Arbeitslose und Bettler bestimmen das vom Krieg geschundene Straßenbild, Kriegsgewinnler und mafiöse Banden teilen die Stadt für ihre Machenschaften unter sich auf.
An einem kalten Oktobertag wird ein grausam zugerichtetes Mordopfer gefunden, dem die Zunge herausgeschnitten wurde. Diese wird später, verpackt in einer mit einer römischen Ziffer beschrifteten Schachtel, der sich für Frauenrechte einsetzenden Zeitungsreporterin Alma Lehner von einem „dunklen Boten“ zugestellt. Emmerichs übernimmt diesen Fall gemeinsam mit seinem jungen Assistenten Ferdinand Winter. Der Fall weitet sich aus, als neue Morde nach ähnlichem Muster folgen. Doch Emmerich fehlt nicht nur jeglicher Ansatzpunkt zur Aufklärung der Morde, sondern wird auch durch Privates abgelenkt: Xaver Koch, der aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrte und zum brutalen Schläger mutierte Ex-Mann seiner Lebensgefährtin Luise und Vater ihrer Kinder hat die Familie entführt, um sich an Emmerich zu rächen. Koch täuscht außerdem einen sozialistischen Putsch gegen die konservative Regierung vor, um mit den dafür erbeuteten Waffen zum kriminellen Herrscher Wiens zu werden. In dieser verworrenen Situation kämpft Emmerich, selbst vom Krieg gezeichnet, voller Leidenschaft und beseelt im Glauben an Recht und Ordnung gegen kriminelles und soziales Unrecht.
Alex Beer gelingt es auch in ihrem dritten Band, das gesellschaftlich und politisch so facettenreiche Wien des Jahres 1920 lebendig werden zu lassen. Dank ihrer im Nachwort mit Quellen belegten Recherche beschreibt sie Zeitgeschehen und Örtlichkeiten sehr treffend. Nur mindert dies gelegentlich die Spannung. Unglaubwürdig wird dann auch Assistent Winter, an den sein Chef solche Erläuterungen richtet. Mag Winter auch jung und in der Polizeiarbeit unerfahren sein, dürfte er sich doch als Spross aus gebildetem Adelshaus in Geschichte und Gegenwart Wiens auskennen. Schließlich ist es doch Winter, der dank eigener Bildung seinem Chef den fehlenden Ermittlungsansatz liefert.
So zeigt dieser dritte Band im Vergleich zu den zwei ersten leichte Schwächen, auch manche Länge. Fast scheint es, als wolle Beer dieses Manko mit der Aufnahme gleich mehrerer Handlungsstränge ausgleichen, fehlende Spannung also durch zusätzliche Aktion ersetzen. Doch die Abschnitte um Luises Entführung hätte sie sich besser sparen sollen, zumal der dramatische Schluss doch allzu überzogen wirkt.
Trotz genannter Schwächen bietet „Der dunkle Bote“ insgesamt – auch für Leser ohne genaue Ortskenntnis Wiens – doch wieder ein interessantes, spannendes Lesevergnügen und setzt mit Wiener Schmäh und manchem humorvollen Einschub die Krimireihe reizvoll fort. Auf den für Mai 2020 angekündigten vierten Band um Kriminalinspektor August Emmerich darf man gespannt sein.

Bewertung vom 13.10.2019
Geblendet / Jenny Aaron Bd.3
Pflüger, Andreas

Geblendet / Jenny Aaron Bd.3


ausgezeichnet

REZENSION – Nach seinen Bestsellern „Endgültig“ (2016) und „Niemals“ (2017) hat der deutsche Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor Andreas Pflüger (62) nun mit „Geblendet“ seine Thriller-Trilogie um die erblindete Elitepolizistin Jenny Aaron in einem beeindruckenden Finale abgeschlossen. Dank ihrer herausragenden Fähigkeiten ist Aaron Mitglied der „Abteilung“, einer weltweit operierenden, geheimen deutschen Sondereinheit. Waren die beiden Vorgänger noch reine Thriller, wenn auch stilistisch herausragend und aus der ungewöhnlichen Perspektive einer blinden Heldin erzählt, wird dieser abschließende Band zu einem spannenden Psychodrama. Wir lernen die bisherige „Kampfmaschine“ Jenny Aaron als verletzlichen, auch an sich selbst zweifelnden Menschen kennen.
Wer die ersten Bände nicht kennt, sollte dies vor der Lektüre des dritten möglichst nachholen. Zwar kommt der Leser durch eingestreute Rückblenden und Erinnerungsfetzen stückweise der Vorgeschichte näher, die vor fünf Jahren zur Erblindung Jenny Aarons geführt hat, doch reicht dies allein nicht aus, die Charakterprägung der Heldin und ihr Verhältnis zu den anderen, nur männlichen Agenten in jeder Einzelheit zu erfassen, zumal in „Geblendet“ immer wieder auf Vergangenes Bezug genommen wird.
Fünf Jahre nach dem durch einen Anschlag erlittenen Verlust ihres Augenlichts, beginnt Jenny Aaron auf Rügen eine medizinische Behandlung, die ihr die Sehkraft vollständig zurückbringen soll. Erst nach langen inneren Kämpfen hatte sie sich dazu entschlossen, allerdings in dem Wissen, damit zugleich ihre bis ins Extrem verstärkten Gehör- und Geruchssinne wieder zu verlieren, mit deren Hilfe sie in den vergangenen Jahren „sehen“ gelernt hatte und dadurch bei Einsätzen ihren Kollegen gegenüber sogar Vorteile hatte. Die Therapie scheint bereits zu wirken, doch erste optische Eindrücke verwirren Aarons Sinne, überanstrengen und schwächen sie, machen sie letztlich verwundbar. Als ihre Abteilung bedroht, nach einem vernichtenden Bombenanschlag, den nur sechs Männer durch Zufall überstehen, fast vernichtet ist und sie selbst sich auf Rügen vom Feind beobachtet und bedroht fühlt, muss sich Aaron entscheiden – für sich selbst und die Wiederherstellung ihres Sehvermögens oder für ihre „Abteilung“ und weitere Blindheit.
Geblendet, verblendet, blind – Pflüger zeichnet in seinem ungewöhnlich gefühlsbetonten Thriller die Charaktere seiner Figuren psychologisch nachvollziehbar und in ihrer Unterschiedlichkeit interessant. Jeder sieht nur das, was er sehen will oder was man ihn zu erkennen antrainiert hat. So ist nicht nur Aarons Gegenspielerin Malin zeitweilig ebenfalls blind, sondern beide sind durch die einseitige stringente Erziehung der Väter derart verblendet, dass es einen ganzen Roman braucht, bis jede im Wust ihrer von Hass und Rache beherrschten Gefühle endlich die Wahrheit zu erkennen und den symbolhaften Spiegel, der doch nur die Oberflächlichkeit des eigenen Ichs zeigt, endlich zu zerbrechen vermag. Erst dann kommt beiden, so unterschiedlich sie auch sind, die Erkenntnis eines auf einer Lüge aufgebauten Lebens. Bis dahin durchlebt der Leser eine von Spannung getriebene Achterbahnfahrt der Gefühle, die sowohl stilistisch als auch in der Vollkommenheit erforderlicher Recherche beeindruckt und über alle 500 Seiten anhaltend begeistert. „Geblendet“ ist ein Thriller auf hohem Niveau, wie man ihn von deutschen Autoren nur selten findet.

Bewertung vom 01.10.2019
Blackbird
Brandt, Matthias

Blackbird


sehr gut

REZENSION – In jüngster Zeit mehren sich die Bücher bekannter Schauspieler, die sich als Schriftsteller versuchen. Einer der wenigen, die echte literarische Begabung beweisen, ist Matthias Brandt (57), der schon 2016 mit seinem Debüt „Raumpatrouille“ überzeugte. Waren dies noch Geschichten aus eigener Bonner Kindheit als jüngster Sohn des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, wechselt der Schriftsteller Matthias Brandt in seinem neuen Roman „Blackbird“ ins Fiktive.
Hauptperson und Ich-Erzähler ist der 15-jährige Morten Schumacher, genannt Motte, Schüler des Brahms-Gymnasiums in den 1970er Jahren. Ausgerechnet in dieser ohnehin schon schwierigen Lebensphase überstürzen sich die Ereignisse: Bei Bogi, seinem besten Freund, haben die Ärzte die todbringende Krankheit „Non-Hodgkin-Lymphom“ diagnostiziert. Mortens Eltern trennen sich, der Junge verliert sein Zuhause und muss mit der Mutter in eine neue Wohnung. Dazu kommen die Aufregungen erster Liebschaften. Ein wahres Kontrastprogramm unbändiger Gefühle.
Was anfangs wegen der im lockeren Jargon eines 16-Jährigen erzählten Geschichte noch wie ein harmloser Jugendroman erscheint, entwickelt sich schon bald zu einem psychodramatischen, auf seine Art sogar mitreißenden Roman über die Gefühlswelt eines pubertierenden Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen Tod und Verzweiflung sowie Liebe und Freundschaft.
Das Faszinierende am Roman ist die Art des Erzählens. Seine oft schlichte Wortwahl, diese manchmal abgehackten Halbsätze – Gedankensplitter des Erzählers – machen Schwieriges so einfach zu verstehen: „Das Problem, oder besser, eines meiner Probleme, war aber neuerdings folgendes: Die Wörter und Gedanken in meinem Kopf wurden immer mehr, aber immer weniger davon kamen am Ende als verständlicher Satz heraus.“
Auch was die tiefe Angst vor der schweren Erkrankung Bogis in Morten bewegt, die beide Freunde zunehmend trennt, ist so einfach, aber stimmig beschrieben: „Statt mit dem Fahrrad zur Klinik zu fahren, ging ich zu Fuß. Ich hatte es nicht eilig. Obwohl ich den Weg so gut kannte, lief ich wie auf fremdem Boden. Es war, als ob Bogis Krankheit von einem auf den anderen Tag eine riesige Schneise in unser Leben geschlagen hatte.“
Erste Erfahrungen in der Liebe macht Morten zunächst mit der hübschen, leider oberflächlichen Jacqueline Schmiedebach, Schülerin am Einstein-Gymnasium, dann mit der nur 1,58 Meter kleinen Schornsteinfegerin Steffi, die ihm zu einer wahren Freundin wird. „Die meisten Leute machten mir Stress, ohne dass sie was dafür konnten. Steffi nicht.“
Die ganze Dramatik dieses einen Jahres, die Verletzlichkeit, die Angst und Verlassenheit des 16-Jährigen zeigt uns der Autor in der nächtlichen Szene auf dem Zehn-Meter-Sprungbrett, wohin sich Morten mit zwei Rotweinflaschen Amselfelder zurückgezogen hat. Bademeister „Elvis“, der wie üblich zunächst schimpft, dann aber zu ihm raufkommt, bleibt schweigend neben Morten sitzen, als dieser alle Fragen unbeantwortet lässt. In Elvis findet Morten momentanen Trost und einen neuen Freund, denn „mehr kann man manchmal nicht tun, finde ich. Nicht weiterfragen, aber dableiben.“ Es sind solche einfachen und gerade in ihrer Schlichtheit anrührenden Sätze, die „Blackbird“ von Matthias Brandt so lesenswert machen.

Bewertung vom 29.09.2019
Menschen neben dem Leben
Boschwitz, Ulrich Alexander

Menschen neben dem Leben


sehr gut

REZENSION – Vor einem Jahr überraschte Herausgeber Peter Graf mit der Wiederentdeckung eines vor 80 Jahren in London auf Englisch erstveröffentlichten Romans „Der Reisende“ (1939) des damals erst 24-jährigen Ulrich Alexander Boschwitz (1915-1942). Jetzt folgte die deutsche Erstveröffentlichung seines bereits 1937 in Stockholm auf Schwedisch erschienenen Debüts „Menschen neben dem Leben“. Zwei Jahre zuvor war der damals 20-Jährige – sein jüdischer Vater war 1915 als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen – mit der Mutter aus Berlin nach Skandinavien emigriert.
Obwohl in großbürgerlichem Hause aufgewachsen, dürfte Boschwitz die frühzeitige Ausgrenzung der Berliner Juden unter den Nazis bewusster erlebt haben als jene Welt der Kriegsheimkehrer, Bettler, Prostituierten und Verrückten in seiner Kindheit der 1920er Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, deren „Nebenwelt“ er in seinem Romandebüt dennoch so facettenreich und faszinierend schildert. Seine Protagonisten gehören der untersten Gesellschaftsschicht an, dem Berliner „Lumpenproletariat“. Trotz Armut und Obdachlosigkeit versuchen sie tagtäglich, ihrem Leben noch einen Sinn zu geben.
Da ist der alte Fundholz, der mit dem letzten Rest seines Stolzes das Betteln und trockenes Brot jeder Gefängniskost vorzieht, sich ansonsten mit seinem Schicksal abgefunden hat. Ihm folgt, treu ergeben wie ein Hund, der ewig hungrige und seit seiner Kindheit verrückte „Tönnchen“. Als Dritten im Bunde lernen wir den arbeitslosen Straßenbahnschaffner Grissmann mit leichtem Hang zur Kriminalität kennen. Aber da sind auch noch Frau Fliebusch, die nach dem Kriegstod ihres Mannes an der Welt verzweifelt, der blinde Kriegsheimkehrer Sonneberg, der mit seinem Schicksal hadert, und der „schöner Wilhelm“ genannte Zuhälter.
Sie alle werden uns vertraut. Wir begleiten sie beim Betteln oder beim Warten, bis endlich wieder ein Tag ihres trostlosen Lebens geschafft ist und sie sich abends alle im „Fröhlichen Waidmann“ treffen. Der „Waidmann“ ist in Boschwitz Roman gleichsam eine „Nebenwelt“, die die „Menschen neben dem Leben“ ihre Alltagssorgen vergessen lässt. Gehören sie draußen in der Tageswelt zur untersten Gesellschaftsschicht der Verlorenen, formen sie im „Waidmann“ ihre eigene Welt, ihr eigenes Gesellschaftssystem. Hier regiert der ehrbare Vorstand des Ringvereins, eine in damaliger Zeit für Berlin typische mafiöse Vereinigung. Hier steht der „schöne Wilhelm“ zusammen mit der Edelnutte Minchen gesellschaftlich noch über dem Möchtegern-Ganoven Grissmann und allen anderen.
Boschwitz beschreibt dieses ihm doch eigentlich fremde Milieu so detailreich, als wäre er selbst Stammgast im „Fröhlichen Waidmann“. Vieles mag er sich in zeitgenössischer Literatur angelesen, vieles schon als Kind auf der Straße beobachtet haben. Als Halbjude selbst aus der Berliner Gesellschaft ausgegrenzt, kann er seinen Figuren deren Schicksal nachfühlen. Boschwitz fasziniert durch seine lebendige Szenerie voller Empathie, die uns seine „Nebenwelt“ so sympathisch werden lässt. Vielleicht hätte der damals erst 22-jährige Autor, wäre er älter und lebenserfahrener gewesen, seinen Charakteren noch mehr Tiefenschärfe geben können. Dennoch ist „Menschen neben dem Leben“ zweifellos ein erstaunlicher und deshalb lesenswerter Roman. Nach diesem Debüt und Boschwitz' zweitem Roman „Der Reisende“ wäre man auf einen dritten Roman gespannt. Doch Ulrich A. Boschwitz starb als 27-Jähriger, als das britische Schiff, das ihn und andere „feindliche Ausländer“ aus Australien nach England zurückholen sollte, auf der Überfahrt nach deutschem Torpedo-Beschuss versank.

Bewertung vom 17.09.2019
Wie ich Klavierspielen lernte
Ortheil, Hanns-Josef

Wie ich Klavierspielen lernte


sehr gut

REZENSION – Es ist gewiss kein Buch nur für Klavier- und Musikenthusiasten, wie der Insel-Verlag beteuert. Und doch ist „Wie ich Klavierspielen lernte“, das neue autobiographische Werk von Hanns-Josef Ortheil (68), auch kein Buch für jedermann. Man sollte möglichst seine Autobiographie „Die Erfindung des Lebens“ (2009) zuvor gelesen haben, um einen verständnisvolleren Einstieg ins neue Buch zu finden. Denn das familiäre Schicksal des vierjährigen Ortheil, der tagsüber in enger Abgeschiedenheit mit seiner nach dem Tod ihrer vier Söhne völlig verstummten Mutter lebt und dadurch selbst sprachlos wurde, ist das entscheidende Motiv, das Klavierspiel zu erlernen.
Der kleine Ortheil lernt das Klavierspiel nicht wie andere Kinder aus gutbürgerlichem Elternhaus als erzieherische Maßnahme. Eines Tages erbt die Familie ein altes Klavier. „Das Klavier ist bei uns angekommen, aber wir lassen es warten. Vielleicht hat auch Mutter Angst davor, dass es zu reden anfängt. Außer meinem Vater spricht niemand in der Wohnung. Stattdessen herrschte eine schwere, oft lastende Stille.“ Nur durch Zufall entdeckt der Vierjährige die unerwartete Möglichkeit, wenn schon nicht mittels des Sprechens, nun durch die Musik mit der Mutter, die in Jugendjahren selbst Pianistin gewesen war und ihrem Sohn bald Klavierunterricht gibt, kommunizieren zu können. „Wir sprachen nicht mit Worten miteinander, sondern mit Musik.“
Im Folgenden schildert Ortheil seine Stationen auf dem über 15 Jahre dauernden Weg zur Verwirklichung seines frühen Traums, Konzertpianist zu werden. Wir erfahren von Attitüden seiner Lehrer und von Eigenarten bekannter Pianisten. Wir erfahren einiges über klassische Musik sowie über unterschiedliche Techniken und Interpretationsmöglichkeiten. Nach mehrjährigem Einzelunterricht, dem kurzen Besuch eines Musikinternats sowie der gezielteren Ausbildung an einer Musikhochschule mit ersten Konzertauftritten bewirbt sich der inzwischen 20-jährige Abiturient erfolgreich um ein Stipendium am Konservatorium in Rom. Doch ausgerechnet in Rom platzt Ortheils Traum von einer vielversprechenden Pianisten-Karriere.
Natürlich verliert sich der Schriftsteller als einst ausgebildeter Konzertpianist in seinem Buch hin und wieder in fachlichen Einzelheiten, die den musikalisch ungebildeten Leser abschrecken mögen. Dann aber packt uns der grandiose Erzähler wieder mit der Schilderung des engen Verhältnisses zu seinen Eltern. Mutter und Sohn gewinnen durch das gemeinsame Klavierspiel schnell ihre ihre Sprache zurück. Die Mutter beginnt sogar wieder zu musizieren und auch Ortheils Vater entdeckt auf ganz eigene Art seine Liebe zum Klavierspiel.
Leider fehlen den einzelnen Kapiteln des Ortheilschen Werdegangs die entsprechenden Altersangaben des Musikschülers, so dass man nie genau weiß, wie alt der Erzähler gerade ist. Andererseits geht es dem Schriftsteller Ortheil wohl auch weniger um den Musiker Ortheil, sondern um dessen musikalisches Umfeld – die klassische Musik, das damals zeitgenössische Musikverständnis und den Musikunterricht in jenen Jahren.
Für Hanns-Josef Ortheil ist damals in Rom eine Welt zusammengebrochen. Noch heute denkt der Schriftsteller voller Wehmut an jene Jugendjahre, wie aus den in seine Erzählung eingestreuten Zwischentexten des inzwischen 68-Jährigen herauszulesen ist. Doch die Fans seiner Bücher wird es freuen, dass er sich einen anderen Beruf suchen musste und heute ein erfolgreicher Schriftsteller ist. Mindestens für sie und alle Freunde klassischer Musik ist „Wie ich Klavier spielen lernte“ eine empfehlenswerte Lektüre. Für andere Leser kann es ein Wagnis sein.

Bewertung vom 10.09.2019
Schuldig
Minato, Kanae

Schuldig


sehr gut

REZENSION – Der neue Roman der Japanerin Kanae Minato, die seit 2014 mit ihrem Debüt „Geständnisse“ auch international auffiel und seitdem vielfach als Thriller-Autorin bezeichnet wird, ist gewiss kein typischer Thriller. Es steht folgerichtig auch kein Ausrufezeichen, nicht einmal ein Fragezeichen hinter „Schuldig“, dem Titel ihres kürzlich bei Bertelsmann erschienenen Romans. Es ist eher ein äußerst subtiler Psycho-Krimi. Auch in Minatos zweitem Roman geht es wieder um einen tragischen Unfall und die Frage der Schuld. Doch darf man tatsächlich von Schuld sprechen? Ist es nicht vielmehr Unkenntnis und Gedankenlosigkeit unseren Mitmenschen gegenüber, die uns am Unglück anderer mitschuldig werden lässt?
Fünf Studenten aus Tokio wollen in den Bergen abseits eines Bergdorfes einige Ferientage verbringen. Vier sind bereits im Chalet eingetroffen, nur Gastgeber Murai verspätet sich. Als er in stürmischer Nacht vom Bahnhof abgeholt werden will, wird ausgerechnet Fahranfänger Hirosawa gebeten, trotz leichten Bierkonsums Murai mit dem Auto abzuholen. Auf dieser Fahrt stürzt Hirosawa mit dem Auto von der kurvenreichen Bergstraße ins Tal und kommt im brennenden Fahrzeug ums Leben. Drei Jahre später erhalten die vier Freunde anonyme Briefe, in denen sie des Mordes an Hirosawa beschuldigt werden. Fukase übernimmt die Aufgabe, den Absender ausfindig zu machen, mehr über den Charakter und das Leben seines verstorbenen Studienfreundes herauszufinden und eine Antwort auf die Frage nach ihrer Schuld zu finden.
„Schuldig“ ist ein psychologisch tiefgehender Krimi ohne Blut und Schrecken. Minato schildert das Geschehen asiatisch zurückhaltend, fast schüchtern, so wie auch ihr Protagonist seiner Umwelt gegenüber auftritt. Wir lernen den introvertierten Fukase in seinem Arbeitsalltag als Außendienstler eines Büroartikelhändlers und in seiner Freizeit kennen. Ein junger Mann ohne Freunde, schon seit der Grundschule ein Einzelgänger. In seinem Stammcafé lernt er Mihoko kennen, doch die zarte Romanze bricht abrupt ab, als ausgerechnet sie den ersten anonymen Brief erhält: „Kazuhisa Fukase ist ein Mörder!“
Kanae Minato bietet uns Lesern in den Begegnungen und Gesprächen Fukases mit seinen früheren Kommilitonen sowie mit Eltern und Weggefährten des Verstorbenen mehrere Lösungsmöglichkeiten. Wir lernen die Studienkollegen charakterlich besser kennen und erfahren, in welcher Beziehung jeder zu Hirosawa stand. Es waren Schüler, junge Heranwachsende, charakterlich noch nicht ausgereift, im richtigen Umgang mit anderen noch unerfahren. Aber haben sie sich durch mögliches Fehlverhalten mitschuldig gemacht? Wurden sie letztlich gar zu Mördern? War es denn damals kein tragischer Unfall? Die ultimative Antwort auf diese Frage ist am Ende so einfach wie absolut überraschend.
Manches an Minatos Charakterstudien ihrer Protagonisten mag uns Nordeuropäern fremd erscheinen, vielleicht sogar irritieren, wenn zum Beispiel erwachsene Männer im Gefühl möglicher Schuld beginnen zu weinen. Doch genau dies ist neben der eigentlichen Handlung das Empfehlenswerte an diesem ungewöhnlichen, deshalb lesenswerten Roman: Wir lernen einiges über Japan und die Mentalität seiner Bewohner, über uns fremde Moralvorstellungen und manche Zwänge der dortigen Gesellschaft. Sogar über japanische Esskultur erfahren wir beiläufig Interessantes. So mancher Leser wird nach der Lektüre sicher versucht sein, wie Kazuhisa Fukase auch einmal indonesischen Kaffee mit einem Löffel Buchweizen-Honig zu kosten.

Bewertung vom 04.09.2019
Das Verschwinden der Stephanie Mailer
Dicker, Joël

Das Verschwinden der Stephanie Mailer


gut

REZENSION – Mit Spannung durfte man das neue Buch des Schweizer Schriftstellers Joël Dicker (34) erwarten. Immerhin war „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ (2012) ein mit dem Prix Goncourt prämierter Weltbestseller. Auch „Die Geschichte der Baltimores“ (2016) wurde millionenfach verkauft. Doch Dickers neuester Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist eine Enttäuschung.
Dabei beginnt die Geschichte um den Polizisten Jesse Rosenberg, der gerade mit Lobeshymnen aus dem Polizeidienst verabschiedet wurde, und seinen Kollegen Derek Scott recht vielversprechend: Während der Feier zu seiner Verabschiedung aus dem Polizeidienst wird Rosenberg von der Journalistin Stephanie Mailer auf seinen erste, 20 Jahre zurückliegenden Fall angesprochen, mit dessen Lösung einst die steile Karriere Rosenbergs ihren Anfang nahm. Damals sei, so behauptet Mailer nun, der falsche Mann als Täter verdächtigt und bei der Verhaftung erschossen worden. Im Sommer 1994 hatte ein Massenmord das kleine Städtchen Orphea nur wenige Tage vor der Premiere eines Theaterfestivals erschüttert. Die Familie des Bürgermeisters war im eigenen Haus erschossen worden, außerdem vor dem Haus eine Joggerin, die zufällig auf den Täter traf, als dieser des Bürgermeisters Haus verließ. Die beiden jungen Polizisten Rosenberg und Scott ermitteln und lösen den Fall. Hat sich Rosenberg damals geirrt? Als er, bei seiner Ehre gepackt, den alten Fall nun wieder aufnimmt und erneut mit Mailer Kontakt aufnehmen will, ist die Journalistin spurlos verschwunden. Tage später findet man ihr Auto, danach auch ihre Leiche.
Nun kann die Geschichte endlich losgehen, denkt der Leser und erwartet eine spannende Kriminalhandlung. Doch Dickers Roman enttäuscht gleich auf doppelte Weise: Einerseits schleppt sich die Handlung endlos dahin, ohne dass große Spannung aufkommt. Viele Randfiguren werden zudem in die Handlung aufgenommen, ohne dass deren Notwendigkeit ersichtlich ist. Damit verbunden gibt es parallele Handlungsstränge, die der Charakterisierung dieser Figuren dienen mögen, aber nichts zum Kern der Geschichte beitragen.
Andererseits fehlt nicht nur den handelnden Figuren die charakterliche Schärfe – sie sind mal fade, mal übertrieben, mal klischeehaft gezeichnet –, sondern auch sprachlich ist der Roman flach. Allzu simple Dialoge wirken stellenweise sogar lächerlich, weshalb man hin und wieder zum Abbruch der Lektüre neigt. Störend ist zudem der ständige Wechsel der Erzähler, was zusätzlich zum Wechsel zwischen den zwei Zeitebenen nicht für Spannung, sondern eher für Verwirrung sorgt.
Mehrmals habe ich meinen Entschluss, die Lektüre nun doch endlich abzubrechen, um ein paar Seiten verschoben – immer in der Hoffnung, der Roman könne sich in Dramatik und Spannung doch wohl noch steigern. Aber die Handlung zieht sich langatmig und spannungslos dahin, was man – leider erst im Rückblick – eigentlich schon vorher an seiner Überlänge von 670 Seiten hätte erkennen können. Joël Dickers neuester Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ eignet sich vielleicht als anspruchslose Feierabend-Lektüre, unterscheidet sich aber stilistisch nicht allzu sehr von einem besseren Groschenroman.

Bewertung vom 02.09.2019
Opfer / Carl Edberg Bd.1
Svernström, Bo

Opfer / Carl Edberg Bd.1


weniger gut

REZENSION - Spannend, auch brutal und schockierend, insgesamt aber doch enttäuschend und letztlich unlogisch war für mich der Thriller „Opfer“, das bereits in ein Dutzend Sprachen übersetzte Romandebüt des schwedischen Journalisten Bo Svernström (55), im Juli als Taschenbuch im Rowohlt-Verlag erschienen. „Man glaubt zu wissen, was als Nächstes passiert – doch dann zieht Svernström einem den Boden unter den Füßen weg“, wird sein einstiger Arbeitgeber, die schwedische Tageszeitung „Aftonbladet“, auf dem Rücktitel zitiert. Auch andere schwedische Zeitungen rühmen diesen Thriller, der mich leider gar nicht überzeugen konnte.
Thema des Romans, der sich in drei Teile gliedert, ist das in psychologischen Gutachten vor Gericht oft behandelte Problem, ob manche Täter nicht vielleicht selbst auch Opfer ihres familiären Umfeldes oder der Gesellschaft sein können. Dieser Frage geht der Autor im Zuge der Ermittlungen einer unheimlich brutalen Mordserie in Stockholm nach. Das erste Mordopfer, völlig nackt und brutal gefoltert, entdeckt ein Bauer in seiner Scheune. Weitere Morde, ebenso brutal und misshandelnd ausgeführt, folgen fast im Tagestakt und immer sind Kriminelle die Opfer. Kommissar Carl Edson von der Reichsmordkommission sucht mit seinem Team fieberhaft nach einem Muster, um an einem Punkt mit seiner Ermittlung ansetzen zu können. „Aftonbladet“-Reporterin Alexandra Bengtsson ist ihm dabei ständig auf den Fersen.
Der erste Teil des Buches, in dem wir Kommissar Carl Edson und sein Team bei ihren vergeblichen Ermittlungsbemühungen begleiten, liest sich noch einigermaßen spannend. Doch vielen Lesern dürfte es wie dem Kommissar ergehen: Kaum hat man den Spannungsfaden aufgenommen, kaum glaubt der Kommissar einen Ermittlungsansatz gefunden zu haben, folgt schon der nächste Mord, der wieder alles durcheinander bringt, wodurch die Spannung gebrochen wird und man ähnlich dem Kommissar wieder von vorn beginnen muss. Kennt man skandinavische Thriller, ist man als Leser Düsterheit und eine gewisse Brutalität in den Romanen gewöhnt. Doch Svernström übertreibt in seinem Debüt mit der Vielzahl der Morde in ungewöhnlich schneller Folge und vor allem in der detaillierten Beschreibung der beim Mord ausgeführten Misshandlungen.
Im zweiten Teil des Romans lernen wir bereits den Täter kennen, über dessen Identität hier natürlich nichts verraten werden darf. Wir erfahren durch ausführliche Rückblicke in dessen Kindheit und Eheleben die vielfachen Ursachen, die das daraus geformte Opfer letztendlich zum Täter haben werden lassen. Wenn auch die allzu bekannte Problematik durchaus diskutabel ist, breitet mir Svernström diesen Teil des Buches allzu sehr in Einzelheiten aus, was zu Lasten der Spannung geht und bei mir stellenweise zu Langeweile, zum Querlesen und zum Weiterblättern geführt hat. Auch dieser Teil endet mit übertriebener Brutalität, die in der Ausführlichkeit ihrer Schilderung zusätzlich abschreckt.
Der dritte Teil, in dem man als Leser trotz Kenntnis des Täters nun doch voller Spannung die Auflösung der Mordserie durch Kommissar Edson erwartet, überrascht schließlich durch mehrfache Wechsel der Möglichkeiten.
Das Thema des Thrillers ist zweifellos interessant, doch scheint mir der Roman letztlich allzu sehr am Reißbrett konstruiert und von der Realität entfernt zu sein. Die Handlung ist mir insgesamt zu übersteigert und erscheint allein dadurch schon als unglaubwürdig. Doch diese Unglaubwürdigkeit wird noch durch das mehrfach überraschende Ende verstärkt. Svernström führt zwar alle gesponnenen Handlungsfäden zu einem in sich logischen Ende. Doch die theoretisch möglichen Wendungen der Romanhandlung, sind in der Realität unmöglich, was den Roman insgesamt unglaubwürdig macht. Wer gern harte, sogar brutale Thriller zur reinen Unterhaltung liest, mag auch bei Svernströms „Opfer“ auf seine Kosten kommen. Doch wer kritischer liest, dem bleibt leider nicht allzu viel Empfehlenswertes.

Bewertung vom 27.08.2019
Sakari lernt, durch Wände zu gehen / Kimmo Joentaa Bd.6
Wagner, Jan Costin

Sakari lernt, durch Wände zu gehen / Kimmo Joentaa Bd.6


ausgezeichnet

REZENSION – Eine wahre Begebenheit hat sich der deutsche Schriftsteller Jan Costin Wagner (46) als Ausgangspunkt für seinen bereits 2017 veröffentlichten, kürzlich als Taschenbuch im Goldmann-Verlag erschienenen Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ genommen, den sechsten Band seiner in 14 Sprachen übersetzten Kriminalreihe um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa. Im Sommer 2013 stieg ein verwirrter Mann am Berliner Alexanderplatz nackt ins Wasser des Neptunbrunnens und drohte, sich selbst mit einem Messer zu verletzen. Beim folgenden Polizeieinsatz wurde er von einem Beamten irrtümlich erschossen. In Wagners Roman geschieht dies im Marktplatzbrunnen der finnischen Stadt Turku. Bei ihm ist es der 19-jährige Sakari, der auf der Suche nach seinem Engel Emma, seiner „Fee des frühen Morgens“, durch die durchlässige Wasserwand steigt und vom Polizisten Petri Grönholm in einer Reflexhandlung erschossen wird. Petri versucht in seiner Verzweiflung, mehr über diesen jungen Menschen zu erfahren, und sucht Hilfe bei seinem Kollegen Kimmo.
Kommissar Kimmo Joentaa, der nach dem frühen Tod der Ehefrau allein für seine kleine lebensfrohe Tochter Sanna sorgen muss, sucht die Eltern des Toten auf und stößt auf Spuren einer drei Jahre zurückliegenden Familientragödie, die nicht nur den jungen Sakari in den Wahnsinn getrieben hat, sondern gleich zwei benachbarte Familien hat verzweifeln lassen. Während sowohl der damalige Motorradunfall – der 16-jährige Sakari hatte seine ein Jahr jüngere Freundin Emma aus dem Nachbarhaus unerlaubt auf eine Spritztour mitgenommen, bei der diese zu Tode kam – als auch der aktuelle Todesfall am Brunnen in einer Zeitungsmeldung nur wenige Zeilen in nüchternem Wortlaut ausmachen würden, lässt Wagner in seinem Roman den Kommissar tief in die Träume und Albträume seiner Protagonisten eintauchen und zeigt voller Dramatik, Melancholie und Mitgefühl, wie die Hinterbliebenen beider Familien noch Jahre nach dem Motorradunfall mit der aller Leben verändernden Tragödie umgehen, sie aus dem Bewusstsein verdrängen, um weiterleben zu können, oder haltlos am Schicksal zerbrechen.
Jan Costin Wagners sechster Kimmo-Joentaa-Roman ist wieder kein typischer Kriminalroman. Nicht die Ermittlungsarbeit nach einem Todesfall steht im Vordergrund, sondern die alleingelassenen Menschen, ihre Stimmungen, ihre Verzweiflung, ihre Hoffnung. Wagner schreibt voller Poesie und malerisch in Farben. Blau ist die Farbe der Sehnsucht, des Himmels und der Engel, Gelb steht für Sonne und Leben. Während Sakari als Unfallverursacher auf der Suche nach Emma, seinem Engel, in den Wahnsinn abgleitet und, als Patient ins betreute Wohnen abgeschoben, in seinem Appartement großflächige Landschaftsbilder mit blauem Himmel und gelben Feldern malt und „durch Wände zu gehen“ lernt, wollten seine Eltern Auna und Magnus vergessen und haben mit dem nachgeborenen Sohn Valtteri ein neues Leben begonnen. Leena, die Mutter des damaligen Unfallopfers Emma, kann dagegen nicht loslassen, „tanzt mit dem Tod“, indem sie nachts die Gedenkseite im Internet pflegt. Ihr Ehemann Stefan hat die Familie verlassen und fliegt als Pilot in ein anderes Leben, während der erst elfjährige Sohn David als „Mann im Haus“ für die Mutter und seinen kleinen Bruder Erik sorgen muss. Niemand spürt, dass er auf Dauer damit völlig überfordert ist, unmerklich daran zerbricht und schließlich „die Sonne auslöscht“. Wagners Roman „Sakari lernt, durch Wände zu gehen“ ist kein Krimi, sondern ein psychologisch tiefgreifender, ein ergreifender Roman, der auch nach der letzten Seite noch lange Zeit nachwirkt.

Bewertung vom 26.08.2019
Der Horizont der Freiheit
Thorn, Ines

Der Horizont der Freiheit


sehr gut

REZENSION – Auf den ersten Blick – und das Cover des Buches mit der eleganten Dame vor der Patriziervilla trägt leider seinen Teil dazu bei – mag das neue Buch von Ines Thorn (55) wie ein nicht allzu anspruchsvoller Liebesroman wirken. Doch nach den ersten Seiten spürt man: Das Buch bietet einiges mehr. „Der Horizont der Freiheit“ ist ein historischer Roman über die Vortage der Märzrevolution von 1848, der uns Leser an der republikanisch-demokratischen Aufbruchstimmung jener Jahre in Deutschland teilhaben lässt. Arbeiter und Bürger lehnen sich gegen die Vorherrschaft von Adel und Monarchie auf, Frauen kämpfen für ihre Emanzipation in der Männerwelt und die seit jeher am Rand der christlichen Gesellschaft stehenden Juden hoffen auf gesellschaftliche Gleichstellung.
Dies alles ist Inhalt des in Frankfurt am Main spielenden Romans, der kürzlich zum 175-jährigen Jubiläum des 1844 gegründeten Verlags Rütten & Loening erschien, heute nur noch ein Imprint des Aufbau-Verlags. Wir erleben die beiden jüdischen Verlagsgründer, den Kaufmann Joseph Rütten (1805-1878), der zwar 1842 seinen Geburtsnamen Jacob Beer Rindskopf abgelegt hat, aber nicht zum Christentum konvertiert ist, und den Verleger Zacharias Loewenthal (1810-1884), der sich erst 1847 nach seinem Wechsel zum Protestantismus in Carl Friedrich Loening umbenennen wird.
Es sind die verschiedenen historischen Facetten, die Thorns Roman jenseits der Liebesgeschichte zwischen dem schüchternen Rütten und Wilhelmine Pfaff, der jungen Witwe eines benachbarten Druckereibesitzers, so interessant macht. Denn der Autorin gelingt es, Fakten und Fiktion symbiotisch miteinander zu verbinden und dadurch dieses wichtige Kapitel deutscher Geschichte, wenn auch räumlich auf Frankfurt begrenzt, trotz aller Sachlichkeit lebendig zu vermitteln.
So begleiten wir die Abgeordneten, zu denen 1848 auch Rütten und Loewenthal gehören, zur Nationalversammlung in die Frankfurter Paulskirche, wo sich bürgerliche Konservative erfolglos mit Republikanern zu einigen versuchen. Wir sind aber auch unter den demonstrierenden Arbeitern draußen vor der Frankfurter Paulskirche, in deren erster Reihe Wilhelmines beste Freundin, die rebellische Henriette Zobel (1813-1865) steht. Zobel ging tatsächlich als Regenschirm schwingende „Emanze“ und mutmaßliche Attentäterin in die Frankfurter Stadtgeschichte ein. Im Gegensatz zu ihr emanzipiert sich Wilhelmine Pfaff auf andere Art, in dem sie sich von der rechtlosen Ehefrau in eine erfolgreiche Unternehmerin wandelt – nicht zuletzt dank der Aufträge aus der „Literarischen Anstalt“ der beiden Verleger Rütten und Loewenthal. Beide machten sich, wie wir im Roman ebenfalls erfahren, einen Namen durch die Verbreitung revolutionärer Texte von Karl Marx, Ludwig Börne oder Karl Gutzkow. Den wirtschaftlich größten Erfolg ihrer Anfangsjahre verdankten sie aber dem heute legendären Kinderbuch „Struwwelpeter“ des Frankfurter Mediziners Heinrich Hoffmann.
„Der Horizont der Freiheit“ ist also weit mehr als ein nüchternes Auftragswerk zur Erinnerung an die vor 175 Jahren erfolgte Gründung des Verlags Rütten & Loening. Ines Thorn hat einen sorgsam recherchierten und historisch interessanten Roman geschrieben, der uns zu denken geben sollte: Vor 175 Jahren kämpften viele Deutsche unter Einsatz von Leib und Leben für Freiheit und Demokratie – für hohe Werte, die in unserer heutigen Gesellschaft vielfach missachtet und nicht mehr genügend wertgeschätzt werden.