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Benutzername: Buchbesprechung
Wohnort: Bad Kissingen
Über mich: Ich bin freier Journalist und Buchblogger auf vielen Websites. Neben meiner Facebook-Gruppe "Bad Kissinger Bücherkabinett" (seit 2013) und meinem Facebook-Blog "Buchbesprechung" (seit 2018) habe ich eine wöchentliche Rubrik "Lesetipps" in der regionalen Saale-Zeitung (Auflage 12.000).
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Insgesamt 135 Bewertungen
Bewertung vom 16.02.2019
Das zweite Leben des Señor Castro
Sierra i Fabra, Jordi

Das zweite Leben des Señor Castro


sehr gut

Für Jugendliche ab 16 Jahren ist der kürzlich in deutscher Übersetzung veröffentlichte Roman „Das zweite Leben des Señor Castro“ des spanischen Schriftstellers Jordi Sierra i Fabra (71) gedacht. Doch auch Erwachsenen kann man diese Geschichte durchaus empfehlen, zumal der in Spanien wegen seiner über 400 Bücher berühmte Autor wegen fehlender Übersetzungen uns noch unbekannt ist. Obwohl der Roman vom spanischen Bürgerkrieg und die sich für eine Dorfbevölkerung daraus ergebenden Folgen handelt, können wir ihn ohne Schwierigkeit auf die Zeit des Nazi-Regimes und deren Aufarbeitung in den Sechzigern übertragen.
"Man kehrt nicht nach über 40 Jahren in sein Dorf zurück, nur um einen Spaziergang zu machen oder seine Schwester zu besuchen." Niemand im kleinen Bergdorf mag dies glauben, als das Gerücht umgeht, Rogelio Castro sei von den Toten auferstanden und werde in sein Heimatdorf zurückkehren. Jeder glaubt an Rache. Denn damals, bei Ausbruch des Bürgerkriegs (1936) zwischen den Republikanern und den faschistischen Putschisten unter General Franco, hatte der faschistische Dorfbürgermeister die einheimische Gruppe junger Sozialisten und Kommunisten, darunter auch der frisch verlobte Rogelio, gefangennehmen, erschießen und in einem Massengrab verscharren lassen. Jeder glaubte seitdem, auch Rogelio sei unter den Toten. Doch ihn traf keine Kugel, so dass er in der Dunkelheit entkommen konnte. Erst nach dem Tod Francos (1975) und dem Ende seiner Diktatur trauen sich die damals vom Regime Verfolgten aus ihren Verstecken.
Der spanische Autor erzählt uns am Beispiel des Dorfes die Geschichte seines Landes. Alle versuchen, das Geschehene zu verdrängen und zu vergessen. Auch in Rogelios Heimatdorf wagt noch nach 40 Jahren kein Dorfbewohner, über das damalige Massaker zu sprechen. In ruhiger und einfühlsamer Erzählweise schildert uns der Autor die Geschehnisse im Dorf wenige Tage vor Rogelios Ankunft und während seines Aufenthalts. Wir lernen einige Einwohner kennen. Seine damalige Verlobte ist längst mit Rogelios damals bestem Freund verheiratet. Andere gute Jugendfreunde des heute 61-Jährigen fanden sich im Bürgerkrieg unversehens in feindlichen Lagern gegenüber und misstrauen sich heute noch. Wir treffen auf den heutigen Bürgermeister, Sohn des damaligen, der nach vier Jahrzehnten noch immer der faschistischen Ideologie anhängt. In vielen Gesprächen mit den damals Beteiligten gelingt es Rogelio, Antworten auf seine Fragen zu bekommen: Wer hat seine Gruppe damals verraten? Und wieso traf ihn damals keine Kugel?
Überträgt man diese spanische Erzählung auf Deutschland, ist die im Roman geschilderte Situation und Stimmung ähnlich jener in der Bundesrepubklik der Sechziger Jahre, weshalb der Roman auch für uns interessant ist. Denn auch in der Bundesrepublik wurde viel verdrängt, sollte vergessen werden. Rückkehrende Exilanten wurden misstrauisch und furchtsam beobachtet. Als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im ersten Auschwitz-Prozess (1963-1965) das unter den Nazis Geschehene aufarbeiten wollte, sahen dies viele Deutsche als Rachefeldzug und sehnten sich stattdessen nach Ruhe – Verdrängen und Vergessen. Erst die Liebesgeschichte zweier von der Historie unbelasteter Jugendlicher, die Liebe zwischen Rogelios Tochter und Ezechiel, dem Sohn seiner damaligen Verlobten, zeigt uns und den Dorfbewohnern in Jordi Sierra i Fabras Roman „Das zweite Leben des Señor Castro“, dass nicht Rache, sondern Versöhnung möglich und vor allem nötig ist, um eine gemeinsame Zukunft gestalten zu können.

Bewertung vom 08.02.2019
Mittagsstunde
Hansen, Dörte

Mittagsstunde


ausgezeichnet

Drei Jahre mussten wir auf den zweiten Roman von Dörte Hansen (54) warten, deren Debüt „Altes Land“ auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste 2015 geschafft hatte. Im Oktober erschien nun ihre „Mittagsstunde“ und verspricht, ein ähnlich großer Erfolgsroman zu werden. Hatte Hansen im „Alten Land“ die Landflucht der Großstädter zum Thema, die das Landleben zum Bauerntheater verkommen lassen, so nimmt Hansen in ihrem Folgeroman das Thema erneut auf, schildert hier aber die Flucht – oder ist es eher eine Vertreibung? – der Dorfbewohner in die Stadt. Die Bewohner von Brinkebüll, die im Dorf ihrer Vorfahren keine Zukunft sehen, geben ihre angestammte Heimat auf, um in der Stadt neues Glück zu suchen. „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn. Kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. …. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen.“
Der große Umbruch kam Mitte der sechziger Jahre mit der Flurbereinigung. Haine, Hecken und Knicks am Rand jener kleinbäuerlichen Felder, die ihre Vorväter über Jahrhunderte beackert hatten, waren verschwunden. Sogar den riesigen Findling, der Jahrtausende an derselben Stelle mitten im Acker gelegen hatte, wurde, als Denkmal für die Flurbereinigung missbraucht, an die Ortseinfahrt verbracht. Nichts blieb wie früher, die alte Ordnung der Dörfler war zerstört.
Wie sich das kleinbäuerliche und dörfliche Leben im nordfriesischen Geestdorf über Jahrhunderte nach ungeschriebenen Regeln abgespielt hatte, zeigt Hansen in lebendigen, prallen Bildern und atmosphärisch stimmiger Sprache mit plattdeutschen Einschüben. Voller Mitgefühl beschreibt sie ihre teilweise skurrilen Charaktere voller Ecken und Kanten. Als Leser liebt und leidet man mit diesen Dörflern. Doch trotz aller Empathie schafft es die Autorin, durch die Augen ihres vor Jahrzehnten ausgewanderten Protagonisten Ingwer Feddersen, Archäologe an der Universität Kiel, den objektiven Blick auf die eingeborenen „Dörpsminschen“ mit ihren Ecken und Kanten zu halten. An keiner Stelle ihres Romans läuft sie Gefahr, „die gute alte Zeit“ zu verherrlichen. Denn gut war die alte Zeit auf dem Land sicherlich nicht – einer der Gründe für den dörflichen Wandel.
In den Erinnerungen ihrer Hauptfigur spult Hansen fünf und mehr Jahrzehnte zurück und zeigt diesen Wandel ländlichen Lebens. Der knapp 50-jährige Ingwer Feddersen hat sich in Kiel eine einjährige Auszeit genommen, um seine 90-jährigen Großeltern Sönke und Ella in seinem Heimatdorf zu pflegen. Ella leidet an zunehmender Demenz, aber Sturkopf Sönke steht sogar mit Rollator noch tagtäglich am Tresen seines Dorfkrugs. Doch längst bleiben die Gäste aus. Erst verschwanden die Hecken, dann die Störche. Die alten Kastanien am Straßenrand wurden gefällt, die Chaussee verbreitert, begradigt und asphaltiert. Die von den Bewohner früher stets eingehaltene Mittagsruhe wird jetzt gestört. Wenige Höfe wachsen, die Nebenerwerbshöfe werden aufgegeben. Städter kaufen die leerstehenden Hofgebäude und zimmern sich ihre eigene, unwirkliche Landidylle.
In detailreichen und mit Humor geschilderten Episoden, die sich kapitelweise wie ein Puzzle zu einem farbigen Gesamtbild erschließen, erfahren wir einiges aus dem Dorfleben – auch manches, worüber dort niemand spricht: Nicht einmal Ingwer Feddersen kennt seinen Vater. Auch dass nicht Großvater Sönke, sondern Dorflehrer Steensen der leibliche Vater seiner schrulligen Mutter ist, wissen zwar alle, aber man spricht nicht drüber. Hansen beschreibt das Dorfleben als hartes, oft erbarmungsloses und tragisches Dasein. Doch die Dörfler hatten sich immer klaglos in ihr Schicksal gefügt: Nur drei Käsesorten im kleinen Laden, „mehr bruukt wull keen normale Minsch!“ Auch den Dorfladen gibt es längst nicht mehr. Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist ein wunderbares und unbedingt lesenswertes Stück Heimatkunde.

Bewertung vom 04.02.2019
Der Lärm der Zeit
Barnes, Julian

Der Lärm der Zeit


ausgezeichnet

Ein beachtenswertes Buch über den russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) ist die 2017 erstmals auf Deutsch, im Herbst 2018 auch als Taschenbuch (btb-Verlag) erschienene Romanbiographie „Der Lärm der Zeit“ des britischen Man-Booker-Preisträgers Julian Barnes (73). In vier Zeitschritten von jeweils zwölf Jahren zwischen 1936 und 1972, von der „schlimmsten“ bis zur „allerschlimmsten“ Zeit, beschreibt Barnes das zyklische Auf und Ab im Leben des einst berühmtesten, zwischendurch meist geächteten Musikschaffenden aus dessen [fiktiver] persönlicher Sicht, allerdings basierend auf historischen Fakten und Dokumenten der Schostakowitsch-Familie. Der Roman zeigt eindringlich die Macht- und Hilflosigkeit des Einzelnen innerhalb eines diktatorischen (Stalin) oder später autokratischen Systems (Chruschtschow). Er zeigt den einsamen und doch vergeblichen Kampf des still zurückhaltenden, sensiblen Musikers gegen den „Lärm der Zeit“.
Im Mai 1937 wartet Schostakowitsch Nacht für Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung in der Annahme, Stalins Geheimpolizei werde ihn abholen. Er wartet am Lift, um Frau und Tochter den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen. Der einst als 20-Jähriger gefeierte Komponist ist bei Stalin und seinen Höflingen in Ungnade gefallen, nachdem dem Diktator seine erste Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ missfallen hatte. Doch Schostakowitsch wartet vergeblich. Nach Jahren der Angst, folgen die Jahre der Demütigung. Der im Ausland gefeierte Komponist wird von Stalin 1948 als sowjetisches „Aushängeschild“ zum Weltfriedenskongress nach New York geschickt. Unter totaler Kontrolle hält er Reden, die ihm geschrieben wurden, und muss dabei sogar den von ihm hoch verehrten, seit 1940 in den USA lebenden Exil-Russen Igor Strawinsky „verraten“.
Schostakowitsch hat sich der Macht gebeugt und tut es auch weiterhin, auch nachdem mit Chruschtschow eine scheinbare Liberalisierung eingetreten ist. 1960 feiert man den von Stalin Geächteten plötzlich wieder als Helden der Sowjetunion. Doch noch immer lebt Schostakowitsch unfrei, noch immer werden ihm als Vorsitzender des Komponistenverbandes seines Redetexte vorgegeben. Er darf sich nicht einmal für seine im Ausland verdienten Devisen einen Mercedes kaufen, sondern muss sich mit einer Wolga-Limousine, wenn auch zuletzt mit Chauffeur, begnügen.
Der Komponist fügt sich in sein Schicksal und tritt schließlich sogar, von den Mächtigen gezwungen, in die Partei ein. „Da man alles tun würde, um die Menschen zu retten, die man liebte, tat man auch alles auf der Welt, um sich selbst zu retten. Und da man keine Wahl hatte, gab es auch keine Möglichkeit, der moralischen Kourruption zu entgehen.“ Ist es verwerflich, sich der Macht zu beugen? Dies ist die Kernfrage dieses Romans des britischen Autors. Schostakowitsch ist politisch nicht interessiert, er will nur in Ruhe und Frieden komponieren. Doch das System lässt ihm diese Ruhe nicht und missbraucht ihn für politische Zwecke.
Für uns Deutsche, denen der Terror der Nazi-Diktatur und der Schrecken des DDR-Regimes näher ist, sind die beschriebenen Vorkommnisse und die Fragestellung des britischen Schriftstellers nicht neu, sondern werden seit Jahrzehnten dikutiert. Dennoch berührt Julian Barnes' Roman und stimmt nachdenklich. Die [fiktive] Sicht des Komponisten auf die Geschehnisse und das Miterleben seiner Ängste, seiner Vereinsamung und Depressionen, die ihn oft an die Grenze des Freitods führen, macht den Text so beklemmend. „Es war schon so weit gekommen, dass er sich beinahe täglich dafür verachtete, der Mensch zu sein, der er war. Er hätte vor Jahren schon sterben sollen.“ So muss schließlich der alternde Musiker den letzten Triumph der Machthaber anerkennen: „Statt ihn umzubringen, hatten sie ihn leben lassen. Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht.“ Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch starb 1975 im Alter von 77 Jahren.

Bewertung vom 27.01.2019
Opfer
Lemaitre, Pierre

Opfer


sehr gut

Haben Sie sich schon einmal als Opfer gefühlt? Und schuld waren andere oder das Schicksal? „Was uns zustößt, erzeugen wir selbst“, widerspricht Ihnen entschieden der französische Prix-Goncourt-Presiträger Pierre Lemaitre (67) in seinem bereits 2012 im Original veröffentlichten, erst im September beim Tropen-Verlag erschienenen Thriller „Opfer“. Es ist nach „Ich will dich sterben sehen“ (2011) erst der zweite ins Deutsche übersetzte Roman seiner vierbändigen Reihe um Camille Verhoeven, den vom Schicksal gebeutelten, kleinwüchsigen Chef der Pariser Mordkommission.
Vor einem Juweliergeschäft wird Anne Forestier, die Freundin des Kommissars, als Zeugin eines Raubüberfalls brutal misshandelt und wäre, nur durch Zufälle verhindert, fast erschossen worden. Verhoeven ist bei Durchsicht der Video-Überwachungsbänder überzeugt, den Haupttäter zu kennen, denn der Ablauf dieses Überfalls und die angewandte Brutalität des einen Gangsters erinnern ihn an eine Überfallserie im Januar desselben Jahres. Da Anne die Täter identifizieren könnte, will der Haupttäter sie als Zeugin ausschalten. Doch Camille Verhoeven setzt alles dran, um seine Geliebte zu schützen, notfalls unter Aufopferung seiner Polizeikarriere.
Doch bringt er ein Opfer? „Opfer ist ein lächerliches Wort“, stellt Verhoeven fest. Einem nahestehenden Menschen zu helfen, sei kein Opfer. „In diesen Zeiten des Egoismus ist das sogar ein Luxus.“ Verhoeven ist ein bemerkenswerter Polizist. Trotz seiner Körpergröße von nur 1,45 Metern, deretwegen er schon einige Schmähungen im Leben erleiden musste, konnte er bei der Polizei Karriere machen. Seiner Kleinwüchsigkeit bewusst, wundert es ihn umso mehr, dass Frauen ihn zu lieben vermögen. Vier Jahre lang hat er um seine Ehefrau Irene getrauert, die durch die Indiskretion eines jungen Mitarbeiters Opfer eines Serienmörders wurde. Kürzlich hatte Verhoeven dann bei Beobachtung einer Rauferei in einer Bar, eine ihm unbekannte Frau – Anne Forestier – beschützt. Schnell kamen sich beide näher. Seit dem Raubüberfall sorgt sich nun Verhoeven, das Schicksal könne ihm auch diese zweite Chance nehmen. Er beginnt zu kämpfen.
„Opfer“ ist ein philosophischer Thriller mit Tiefgang. Doch äußerst geschickt verpackt Lemaitre seine Überlegungen in einer überaus spannenden, teilweise brutalen Handlung, weshalb Thriller-Freunde auf ihre Kosten kommen. Die Spannung wird dadurch gesteigert, dass man als Leser einerseits Camille Verhoeven bei seinem verzweifelten Kampf zum Schutz seiner Freundin und um die Lösung des Falles begleitet, andererseits miterleben muss, wie der brutale Gangster als Ich-Erzähler zeitgleich vorgeht, wir dadurch dessen Geschichte erfahren. Auch er fühlt sich als Opfer – als um die Beute betrogenes Opfer jener Überfallserie im Januar. Lemaitres Schreibstil strotzt zudem von beklemmendem Sarkasmus, wenn er zum Beispiel in einer Szene die brutalen Verstümmelungen des Ich-Erzählers an einem seiner Opfer sehr nüchtern, aus Sicht des Täters fast amüsiert, als ganz banale Geschehnisse schildert.
Im Thriller geht es nicht, wie man anfangs vermuten könnte, um Anne Forestier als Opfer und Zeugin des Raubüberfalls. Sie selbst opfert sich, wie sich erst später herausstellt, für ihren von Gangstern erpressten Bruder. Ein von Verhoeven gejagter Gangster opfert sich für Freundin und Tochter. Verhoeven opfert sich für seine Geliebte. Doch er fühlt sich keineswegs als Opfer. „Was uns zustößt, erzeugen wir selbst.“ „Opfer“ ist ein ausgezeichneter Thriller – spannend in der Handlung, hervorragend geschrieben und in seiner philosophischen Aussage bemerkenswert.

Bewertung vom 25.01.2019
Du wusstest es doch
Mendels, Josepha

Du wusstest es doch


sehr gut

Auf wundervoll poetische Weise erzählt die aus jüdisch-orthodoxer Familie stammende niederländische Schriftstellerin Josepha Mendels (1902-1995) in ihrem bereits 1948 veröffentlichten Roman „Du wusstest es doch“ von der „Haltlosigkeit“ und Verlorenheit jüdischer Exilanten. Es ist die lebensbejahende Ausdruckskraft dieses im August erstmals auf Deutsch im Wagenbach-Verlag erschienenen, stark autobiographisch geprägten Werks, in dem Mendels die unüberwindbare Kluft zwischen dem Wissen – oft schlechten Gewissen der Entkommenen – um das aussichtslose, am Ende tödliche Schicksal daheimgebliebener Angehöriger und dem Zwang, selbst überleben zu wollen, schildert.
Mendels' Roman ist die Geschichte des 30-jährigen jüdischen Dichters Frans, der 1943 aus dem von den Nazis besetzten Holland nach London geflohen ist, seine Frau mit zwei kleinen Kindern aber zurücklassen musste. Um im Exil von dieser psychischen Belastung nicht erdrückt zu werden, verdrängt er ganz bewusst die Erinnerung an die Familie und seine Mutter „in einen geheimen Winkel seines Herzens“, um sich mit dem verbleibenden Freiraum dem Leben weit öffnen zu können. Im Hyde Park trifft er auf die ebenfalls geflohene Henriette, in deren Person und Charakter unschwer die für die damalige Zeit ungemein selbstbewusste Feministin Josepha Mendels erkennbar ist. Beide wohnen fortan in einem alten Appartement und leben eine freie und intensive, wenn auch zeitlich befristete Liebe aus, deren Ende für beide absehbar ist. Denn sobald der Krieg beendet und Holland befreit ist, wird Frans zu seiner Familie zurückkehren.
In völlig unpathetischer Sprache, voller jugendlicher Unbeschwertheit und überaus humorvoll – der Übersetzerin Marlene Müller-Haas sei Dank – lässt uns die Autorin dieses gemeinsame Jahr des Paares miterleben. Irgendwie erinnert diese Geschichte an Tucholskys „Schloss Gripsholm“. Doch was so unbeschwert wirkt, ist nur das oberflächlich Sichtbare. Jeder Mann hat in sich etwas Weibliches und jede Frau etwas Männliches, weiß Frans. Diese männliche Kraft, die ihm selbst fehlt, den verlorenen Halt in seinem Leben findet er in seinem emanzipierten „Henrietje“.
Bei der Lektüre dieses nur 190 Seiten dünnen Romans freuen wir uns mit den Liebenden, schmunzeln über lustige Szenen – und laufen Gefahr, die wirkliche Situation der Exilanten zu vergessen. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt die Autorin durch kapitelweise Einschübe, in der sie uns wie durch ein Fernglas in die Zukunft schauen lässt. Wir lesen über das tödliche Schicksal von Henriettes Schwester und deren Familie sowie über den Tod von Frans' Mutter im KZ.
Sobald Holland wieder frei ist, kehrt Frans zu seiner Familie zurück. Doch er muss erkennen, dass er dort nicht mehr hingehört: Im Gegensatz zur Vorkriegszeit wird er nicht mehr als Holländer, sondern als Jude gesehen, die in damals weit verbreiteter – so das erschütternde „Nachkriegs-Erbe“ der Nazis – an ihrem Schicksal doch selbst schuld seien. Bildlich zeigt Mendels diese „Schuld“ auch beim Auszug Henriettes aus ihrem möblierten Londoner Appartement: Dem Sessel fehlte schon immer eine Lehne und die Waschschüssel hatte einen Riss, beides Sinnbilder des beschädigten Exilanten-Daseins. Jetzt soll Henriette dem Vermieter beides ersetzen. Anders als erwartet, ist das Leben nach überstandenem Exil für die Heimkehrer bedrückender als ihr Leben vor dem Krieg: Die Nazis sind tot, aber der Antisemitismus lebt.

Bewertung vom 15.01.2019
Schattenmänner / Kommissar Eugen de Bodt Bd.4
Ditfurth, Christian von

Schattenmänner / Kommissar Eugen de Bodt Bd.4


ausgezeichnet

Eine Perle deutschsprachiger Kriminalliteratur ist der Politthriller „Schattenmänner“, der vierte Band in Christian von Ditfurths (65) vor fünf Jahren gestarteter Reihe um den recht ungewöhnlichen Hauptkommissar Eugen de Bodt, dem Schrecken aller Vorgesetzten im Berliner Landeskriminalamt. Bei den Kollegen nicht weniger unbeliebt, aber mit ihrem Chef als Trio unschlagbar, sind seine zwei Mitarbeiter, die Kommissarin Silvia Salinger und der deutsch-türkische IT-Spezialist Ali Yussuf. Wieder einmal lösen sie einen scheinbar unlösbaren Fall höchster politischer Brisanz – auch unter gelegentlicher Missachtung der Dienstvorschrift.
Es beginnt mit einem Mord in Berlin. Eigentlich Routine, wenn es sich nicht um die Geliebte eines aus Bayern stammenden Bundesinnenministers handeln würde, die zehn Jahre nach der Geburt einer Tochter nun ein zweites Kind von ihm erwartet. Bald gibt es weitere Morde in Deutschland und Frankreich, die anfangs wie Unfälle erscheinen. Doch alle Opfer waren Mitglied einer harmlosen Facebook-Katzengruppe. Dann findet de Bodt eine weitere Gemeinsamkeit: Alle haben direkt oder indirekt in Deutschland für Krauss-Maffei-Wegmann oder in Frankreich für Nexter Systems gearbeitet, zwei führende Rüstungskonzerne. Geht es also um Spionage? Wer sind die „Schattenmänner“, die Killer, die Auftraggeber? De Bodt und seine Mitarbeiter tappen lange im Dunkeln. Noch ominöser wird es, als plötzlich Merkow in Berlin wieder auftaucht, Agent des russischen Geheimdienstes und Putin-Vertrauter. Auch de Bodt nutzt hin und wieder seine engen Verbindungen zur Kanzlerin, hatte er ihr doch einmal das Leben gerettet. Seitdem hält sie ihre schützende Hand über den eigenwilligen Kriminalisten, der bei seinen Ermittlungen ohne Rücksicht auf Dienstvorschriften stur seinen Weg geht. Selbst wenn seine Vorgesetzten diesen unbequemen Hauptkommissar wegen Dienstvergehens oder zum eigenen Schutz suspendieren, ermittelt de Bodt mit seinem Team heimlich weiter.
Das Faszinierende an Ditfurths Politthrillerreihe ist die Verbindung einer aktuellen Gemengelage aus Politik, Industrie und Wirtschaft, tagesaktueller Themen mit politischer Brisanz und einer überaus spannenden Handlung – eine gelungene Verquickung von Fakten und Fiktion. Als Leser „erlebt“ man diesen Roman förmlich, die Themen kennt man aus den Nachrichten.
Ditfurths größtes Pfund ist aber sein ungewöhnliches Ermittlertrio: Der Chef Eugen de Bodt, humanistisch gebildet, intellektuell allen anderen überlegen, ständig mit philosophischen Zitaten nervend, in den Augen vieler deshalb arrogant und snobistisch, am Ende aber immer erfolgreich. Sylvia Salinger, in der Liebe hoffnungslos gescheitert, ebenso hoffnungslos in ihren Chef verknallt, eine fähige Kriminalistin. Sie ist gewissermaßen die „Klammer“ zwischen den Extremen, dem humanistisch gebildeten Chef und dem cleveren IT-Spezialisten Ali Yussuf, vom Leben gebildet, auf Berlins Straßen groß geworden, nicht auf den Kopf gefallen, aber mit der Zappelkrankheit ADHS geschlagen, umso schlagfertiger mit dem Mund. Der ständige ironisch-sarkastische und geistreiche verbale Schlagabtausch zwischen den Dreien sind das Salz in dem Krimi-Leckerbissen. Ditfurth ist es auch in seinem vierten Roman wieder meisterhaft gelungen, Spannung und Tempo unverändert beizuhalten. Ich halte diese Krimis momentan für die besten Politthriller im deutschsprachigen Raum – hochaktuell, hochbrisant, hochspannend.

Bewertung vom 12.01.2019
Kleine Helden
Grandes, Almudena

Kleine Helden


weniger gut

Mitten hinein ins Alltagsgeschehen eines Madrider Altstadtviertels vor Beginn der spanischen Wirtschaftskrise führt uns der vor drei Jahren im Original, erst im Juli 2018 auf Deutsch beim Hanser-Verlag erschienene Roman „Kleine Helden“ der Autorin Almuneda Grandes (58), die als eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihres Landes schon mehrfach preisgekrönt wurde. Es sind die „Otto Normalverbraucher“ dieses quirligen Viertels, die, egal ob als Ureinwohner oder Einwanderer, seit Jahren wie in einem Dorf mitten in der Großstadt leben, sich kennen, sich lieben, sich zanken, sich sorgen.
Wir treffen im Roman auf Junge und Alte, Singles und Familien. Alle haben auf verschiedene Art mit persönlichen, familiären oder beruflichen Alltagsproblemen zu kämpfen. Da ist Bauingenieur Sebastián, der nach dem Zusammenbruch der spanischen Immobilienbranche seinen Arbeitsplatz verliert und nun als Pförtner arbeiten muss. Oder Marita, die Redakteurin beim nationalen Fernsehsender, die schließlich doch entlassen wird. Ihrem Ehemann hatte sein Arbeitgeber schon vorher das Gehalt gekürzt. Oder Amalia, Inhaberin eines etablierten Friseurgeschäfts, die durch die Wirtschaftskrise, da alle plötzlich sparen müssen, nicht nur ihre Stammkunden verliert, sondern sich zu allem Überfluss auch noch gegen die Konkurrenz eines chinesischen Fingernägel-Studios behaupten, das mit geschäftsschädigenden Dumping-Preisen arbeitet.
Als letztendlich noch das Gesundheitszentrums geschlossen werden soll, erwacht in diesen „kleinen Helden“ des Madrider Altstadtviertels die Macht und Kraft der Solidarität. Almuneda Grandes will ihren Roman als Mutmacher verstanden wissen. In Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrise gilt es, sich gemeinsam zu erheben, um gegen die schädigenden Folgen der Finanzkrise, gegen Armut und soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. Denn am Ende sind es doch immer die kleinen Leute, die unter der durch Fehlverhalten von Börse und Politik verursachten Rezession zu leiden haben.
Das von der Autorin behandelte Thema ist nicht nur für Spanier wichtig und wert, den Finger in die Wunde zu legen. Allerdings konnte mich Grandes' Roman nicht ausreichend fesseln, weshalb ich dann doch das 320 Seiten starke Buches nach mehrmaligem Zögern dann doch in dessen zweiter Hälfte enttäuscht abgebrochen habe. Enttäuscht deshalb, da der Roman recht unterhaltsam begonnen hatte und locker geschrieben ist. Doch entwickelt sich das Schicksal der „kleinen Helden“ nicht in einer sich chronologisch aufbauenden Handlung, sondern setzt sich wie ein buntes Puzzle aus einzelnen Geschichten und Situationsschilderungen zusammen, deren Protagonisten mal hier und mal da auftauchen. Wir lernen Marisa und Marita, Pilar und Amalia, Diana und Maria, Aurora und Adela mit ihren Ehemännern und Freunden kennen, ihre Kinder und Enkel, Väter und Großeltern. Kaum hat man beim Lesen die eine Familie in allen drei Generationen mit ihren vielen Namen im Kopf abgespeichert, beginnt schon eine neue Episode mit anderen Bewohnern des Viertels. Hat man sich deren Namen endlich eingeprägt, folgt schon die nächste kleine Geschichte, bis endlich irgendwann in einer anderen Situation die erste Familie wieder erscheint. Doch deren Namen hat man inzwischen längst schon vergessen, weshalb man sie sich wieder neu erarbeiten muss. Als „literarisches Wimmelbild“ wurde dieser Roman mal treffend kritisiert. Durch die Brüche zwischen den einzelnen Episoden kommt keine „Spannung“ auf, überhaupt kein Anreiz, schnell noch die nächste Seite lesen zu wollen. Schlimmer: Unterbricht man das Lesen nur für einen Tag, findet man sich unter den vielen Personen gar nicht mehr zurecht und hat längst vergessen, wer mit wem verheiratet ist und über wessen Kinder gerade gesprochen wird. Eigentlich schade. Denn die einzelnen Geschichtchen sind – jede für sich allein gelesen – humorvoll und flott geschrieben und bei allem Ernst des Themas trotzdem sehr unterhaltsam.

Bewertung vom 11.01.2019
Der Turm der blauen Pferde / Kunstdetektei von Schleewitz Bd.1
Jaumann, Bernhard

Der Turm der blauen Pferde / Kunstdetektei von Schleewitz Bd.1


weniger gut

Im gleichnamigen Buch des mit dem Friedrich-Glauser- und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Kriminalschriftstellers Bernhard Jaumann (61) geht es natürlich um das weltbekannte Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ des Expressionisten Franz Marc (1880-1916), das seit 1945 verschollen und wohl für immer verloren ist. Eingebettet in eine locker geschriebene Handlung um den möglichen Verbleib dieses Kunstwerks, aufbauend auf historischen Fakten, ist Jaumanns Krimi zugleich eine kritische, zumindest augenzwinkernde Auseinandersetzung mit der Kunst im Allgemeinen und deren kommerzieller Vermarktung, die – so verstehe ich das im Januar beim Berliner Verlag Galiani veröffentlichte Taschenbuch – in ungerechtfertigter Weise zu überzogenen Spitzenpreisen einzelner Meisterwerke führt.
Die kleine Münchner Kunstdetektei des Rupert von Schleewitz bekommt den Auftrag, die Herkunftsgeschichte des seit Kriegsende verschollenen und nun plötzlich im Besitz eines reichen Industriellen aufgetauchten Gemäldes herauszufinden. Man weiß, dass es 1913 gemalt wurde, aus der bekannten Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 entfernt wurde und mit anderen Gemälden in den Besitz Hermann Görings kam. Nach Kriegsende soll es 1945 und auch noch drei Jahre später in Berlin gesichtet worden sein. Doch dies und alles weitere ist reine Spekulation. Bis heute blieb „Der Turm der blauen Pferde“ verschollen.
Hier setzt der Autor fiktiv an und erzählt uns die weitere Geschichte des Bildes: Zwei Hitlerjungen entdecken in den letzten Kriegstagen das Gemälde in einem Zug voller Kunstschätze, der in einem Berchtesgadener Bergtunnel verborgen ist. Einer der beiden ist vom „Turm der blauen Pferde“ so fasziniert, dass er im Streit seinen Kameraden erschlägt, nur um in den Besitz des Gemäldes zu kommen. Immer wieder erfahren wir durch die in die aktuelle Handlung kapitelweise eingestreuten Rückblenden etwas mehr über den angeblichen Verbleib des Kunstwerks seit 1945. Dies alles sollen nun die vom Industriellen beauftragten Detektive herausfinden und ihm damit die Echtheit des Gemäldes garantieren, die von Kunstexperten vehement bestritten wird. Am Schluss des Romans werden sogar sieben Exemplare des Gemäldes entdeckt, eines genau so perfekt gemalt wie das andere. Welches ist nun das echte? Oder sind alle doch nur Fäschungen? Verliert das Original seinen mehrfachen Millionenwert, wenn es mehrere, täuschend echte Kopien gibt? Was macht also den Wert eines Malers und seines Gemäldes aus, wenn ein Kopist doch genau so gut malt?
„Der Turm der blauen Pferde“ ist ein unterhaltsamer, wenn auch stellenweise ziemlich alberner Krimi. Die Idee einer spannenden Geschichte aus der Welt der Kunst wäre tatsächlich ein seltener und deshalb interessanter Ansatz für einen Kriminalroman, weshalb ich mich auch für diese Neuerscheinung entschieden hatte. Doch leider ist hier die Handlung wild konstruiert und stark überzeichnet. Jaumanns Protagonisten sind allzu klischeehaft und oberflächlich wie Comicfiguren. Viele Buchseiten behandeln die reale Historie des berühmten Gemäldes, erscheinen in ihrer Sachlichkeit aber fast aus Wikipedia abgeschrieben, was zu einem stilistischen Bruch im Roman führt. Amüsant zu lesen, ist allerdings Jaumanns kritische Betrachtung der Kunstszene und der für Laien unerklärlichen Wertangaben mancher Kunstwerke. Beim Lesen solcher Passagen fällt einem die bekannte Frage ein: „Ist das Kunst? Oder kann das weg?“ Gleiches muss man sich leider auch bei Jaumanns Buch fragen. „Der Turm der blauen Pferde“ war mein erster Krimi von ihm und Band 1 seiner neuen Krimireihe um die kleine Münchner Kunstdetektei. Weitere Bände sollen also folgen? Seinen Auszeichnungen nach zu urteilen, muss Jaumann schon bessere Krimis geschrieben haben.

Bewertung vom 08.01.2019
Aurora Floyd
Braddon, Mary E.

Aurora Floyd


sehr gut

Die norddeutsche Publizistin und Journalistin Anja Marschall (52) schreibt zwar selbst seit einigen Jahren historische Kriminalromane, doch diesmal geht es nicht um sie als Autorin, sondern als Übersetzerin. Marschall nennt sich selbst eine „bekennenden Anglophile“ mit Begeisterung für das 19. Jahrhundert und widmet sich seit Jahren dem Leben der englischen Schriftstellerin Elizabeth Maria Braddon (1837-1915) und deren viktorianischen Krimis. Braddon war eine der populärsten Schriftstellerinnen des viktorianischen England und gilt als „Erfinderin des Ermittlerkrimis“, einst hochgelobt von Kollegen wie Charles Dickens und Thomas Hardy. Sie schrieb über 80 Romane, in denen sie unerschrocken damals heikle Themen wie Bigamie, Ehebruch oder Abtreibung in ihre Romane aufnahm. Nach Anja Marschalls 2013 veröffentlichter Neuübersetzung des Braddon-Krimis „Das Geheimnis der Lady Audley“ von 1862, der vor 150 Jahren ein einziges Mal auf Deutsch übersetzt wurde, erschien im November im Frankfurter Dryas-Verlag ihre zweite Übersetzung, der Krimi „Aurora Floyd“ (1863), den es anscheinend zuvor noch nie auf Deutsch gab.
Die junge Aurora Floyd kehrt von einer Pariser Privatschule auf den väterlichen Landsitz Felden Woods zurück. Zwar fügt sie sich sofort ins heimische Gesellschaftsleben ein, doch in Paris muss etwas geschehen sein, worüber Aurora beharrlich schweigt. Sogar ihrem Verlobten, einem ehrbaren Offizier, verweigert sie die Wahrheit, weshalb sich dieser von ihr trennt. Aurora verlobt sich ein zweites Mal und heiratet einen sorglosen, lebenslustigen und nur an Pferderennen interessierten Gutserben. Doch dann wird auf dem Gutshof die Leiche eines Mannes entdeckt. Handfeste Indizien weisen auf Aurora als mögliche Mörderin hin, doch weigert sich, mit Offenbarung ihres Geheimnisses zur eigenen Entlastung beizutragen. Dieses hartnäckige Schweigen droht nicht nur Aurora selbst, sondern sogar ihrem Ehemann und ihrem Vater zum Verhängnis zu werden.
Sicherlich wäre eine zeitgenössische Übersetzung dieses Romans für den heutigen Leser schwierig zu lesen, möglicherweise würde er die Lektüre als „verstaubt“ ablehnen. Es ist deshalb zweifellos das Verdienst der Übersetzerin Anja Marschall, mit ihrer Übertragung in unsere moderne Sprache und mit ihrer Überarbeitung dieses Romans ein zweites Werk der längst vergessenen britischen Bestseller-Autorin für uns lesbar zu machen, dabei aber in Satzbau und Wortwahl die Atmosphäre jener Zeit zu wahren. Denn natürlich ist dieser Krimi aus dem Jahr 1863 ein Spiegelbild seiner Zeit. Da gibt es die unbesorgt im Wohlstand lebende Oberschicht und das auf dem Gutshof arbeitende Proletariat der Landarabeiter und des Hauspersonals. Aber da wie dort gibt es Ängste, Hass und Missgunst und die Sehnsucht nach Glück.
Mit diesen Gefühlen spielt die viktorianische Bestseller-Autorin hervorragend, so dass ihr Roman „Aurora Floyd“ auch für uns spannend bleibt. Nur eines mag Braddons viktorianischer Krimi aus dem 19 Jahrhundert vielleicht von modernen des 21. Jahrhunderts unterscheiden: Beginnt heute fast jeder Krimi mit einem Toten und startet mit hoher Handlungsgeschwindigkeit, geht es in Braddons Roman weitaus geruhsamer zu und der Mord geschieht auch erst gegen Mitte des Buches. Dies mag auf manchen Leser anfangs vielleicht langatmig wirken. Doch Durchhalten ist empfohlen, denn Tempo und Spannung steigern sich von Kapitel zu Kapitel. In jedem Fall ist die Lektüre des Romans „Aurora Floyd“ für Krimi-Freunde ein interessantes Experiment und ein Erlebnis, zumal wir darin von den Anfängen moderner Polizeiarbeit lesen.

Bewertung vom 06.01.2019
Graue Nächte / Flovent & Thorson Bd.2
Indriðason, Arnaldur

Graue Nächte / Flovent & Thorson Bd.2


sehr gut

Auf der aktuellen Welle historischer Kriminalromane aus jüngerer Geschichte schwimmt inzwischen auch Arnaldur Indriðason (57) recht erfolgreich mit, der durch seine frühere Krimireihe um Kommissar Erlendur zu Islands führendem Bestseller-Autor wurde. Nach dem ersten Band „Der Reisende“ um den isländischen Kommissar Flóvent und seinen Kollegen, den kanadisch-amerikanischen Militärpolizisten Thorsen, die gemeinsam mörderische Kriminalfälle auf der Insel zur Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs aufzuklären haben, erschien nun im Dezember mit „Graue Nächte“ der zweite Band dieser neuen Krimireihe.
Es ist Frühling 1943 in Reykjavik, die politische Lage ist angespannt, Island ist von den Amerikanern besetzt. Am Strand nahe einer berüchtigten Soldatenkneipe wurde eine männliche Leiche, anscheinend ein junger US-Soldat, angespült. Offensichtlich wurde er ermordet. Zeitgleich müssen sich Flóvent und Thorsen, der dank seiner isländischen Abstammung die Landessprache beherrscht, in einem zweiten Fall ermitteln: Eine Frau, die sich oft und allzu leichtsinnig mit den Besatzungssoldaten amüsiert hatte, ist spurlos verschwunden.
Zwischendurch lesen wir von Geschehnissen, die sich, ohne dass dies durch konkrete Jahresangabe deutlich gemacht wird, schon zwei Jahre zuvor im Kriegswinter 1941 zugetragen haben: Auf einer von den Deutschen genehmigten Transferfahrt eines isländischen Schiffes durch den von U-Booten umkämpften Nordatlantik kehren Isländer aus dem von der Wehrmacht besetzten Dänemarkt sowie aus skandinavischen Nachbarländern in die Heimat zurück. Der Medizinstudent Osvaldur wurde allerdings kurz vor der Abfahrt von der Gestapo verhaftet, so dass seine Freundin ohne ihn reisen muss. Einer seiner Kommilitonen geht während der Schiffsreise ohne erkennbaren Grund über Bord.
Arnaldur Indriðason, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, dessen Krimis in 40 Sprachen übersetzt wurden, macht uns in seinem Roman mit der nordischen Insel, ihrer schroffen, scheinbar ungastlichen Landschaft und ihren eigenwilligen, zum Leidwesen beider Ermittler recht wortkargen Bewohnern vertraut. Zudem versteht er es ausgezeichnet, in leicht lesbarem Schreibstil die gleichermaßen für Besatzer wie für die Isländer komplizierte Lage damaliger Besatzungsjahre atmosphärisch nachvollziehbar wiederzugeben.
„Graue Nächte“ ist wie zuvor „Der Reisende“ keiner der gegenwärtig aus Skandinavien kommenden, überwiegend bluttriefenden Psychothriller, sondern besticht durch seine ruhige Erzählweise. Es ist ein spannender, historisch interessanter und sauber gearbeiteter Krimi klassischen Stils, in der die schwierige Aufklärungsarbeit beider Ermittler sachlich und wirklichkeitsnah geschildert wird. Bei Indriðason gibt es keine Superhelden. Die Ermittler zeigen manche Schwäche, zumal beide noch recht jung und in der kriminalistischen Arbeit unerfahren sind.
Irritierend mag die Verknüpfung der beiden um zwei Jahre verschobenen Handlungsstränge sein, die nebeneinander geschildert werden. Doch führt dies nach anfänglicher Irritation bei weiterer Lektüre eher zu erhöhter Aufmerksamkeit. „Graue Nächte“ ist ein spannender Roman - besonders für Liebhaber klassischer Krimis.