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Die Welt dreht sich immer schneller, ihre Unübersichtlichkeit wird zunehmend größer, die Meinungen prallen härter und härter aufeinander - viele Menschen empfinden all dies als bedrängend. Wann haben wir noch die Muße hinzusehen, ohne vorschnell zu urteilen, wann können wir noch nachdenken, auch ohne sofort eine Lösung finden zu müssen?
KT Guttenberg nimmt sich die Zeit. Seine Texte auf LinkedIn, jeweils von Hunderttausenden gelesen, entspringen Alltagssituationen und Beobachtungen vom Wegesrand, er entdeckt Details unseres Lebens, die wir gern mal übersehen; er spürt Erlebnissen und
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Produktbeschreibung
Die Welt dreht sich immer schneller, ihre Unübersichtlichkeit wird zunehmend größer, die Meinungen prallen härter und härter aufeinander - viele Menschen empfinden all dies als bedrängend. Wann haben wir noch die Muße hinzusehen, ohne vorschnell zu urteilen, wann können wir noch nachdenken, auch ohne sofort eine Lösung finden zu müssen?

KT Guttenberg nimmt sich die Zeit. Seine Texte auf LinkedIn, jeweils von Hunderttausenden gelesen, entspringen Alltagssituationen und Beobachtungen vom Wegesrand, er entdeckt Details unseres Lebens, die wir gern mal übersehen; er spürt Erlebnissen und Gedanken nach, die ihn inspirieren oder beunruhigen - auch, aber nicht nur, in der Politik. Er verbindet das Kleine mit dem Großen, das Absurde mit der Analyse und spiegelt das widersprüchliche Lebensgefühl unserer Zeit in einem lakonischen, immer wieder auch selbstironischen Stil. Und er setzt diese Beobachtungen zu seinem eigenen Leben und seinen Werten ins Verhältnis.

Ein Buch voller kluger, unaufgeregter Beobachtungen über unsere aufgeregte Gegenwart. Ein Plädoyer für das genaue Hinsehen - und für das Besinnen auf das Wesentliche.

Autorenporträt
KT Guttenberg ist Unternehmer, Co-Produzent und Moderator von Dokumentarfilmen und anderen publizistischen Formaten. Er veröffentlicht in englisch- und deutschsprachigen Medien. Seit Juni 2023 ist der ehemalige Politiker zusammen mit Gregor Gysi Host des Podcasts "Gysi gegen Guttenberg".
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.11.2023

Demuts gigant

Karl-Theodor zu Guttenberg versucht wieder mal, sich neu zu erfinden, nun als Schriftsteller. Doch es zeigt sich: Er ist ganz der Alte.

Von Timo Frasch

Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemals CSU-Generalsekretär, Wirtschafts- und Verteidigungsminister, ist hoch geflogen und tief gefallen. Ihn umweht der Ruf, ein Blender zu sein, nicht nur wegen seiner ersten Doktorarbeit, in der zahlreiche Plagiate gefunden wurden. Guttenberg hat dagegen angearbeitet, erst mit Chuzpe, dann mit Selbstironie und demonstrativer Bescheidenheit. Nun hat er ein Buch vorgelegt, das diese Strategie fortführt.

Die Demut springt einen schon im Autorennamen auf dem Buchumschlag an. Guttenberg verzichtet nicht nur auf seinen Doktortitel, den er dann doch noch rechtmäßig erworben hat, sondern auch auf das "zu" in seinem Namen. Allerdings fällt die nominelle Abrüstung so üppig aus, dass sie schon wieder etwas Markenbildnerisches hat: KT Guttenberg. In einem Interview, das er zuletzt der "Süddeutschen Zeitung" gab, sagte er, offenbar allen Ernstes: "Wenn ich auf einem Einreiseformular einen Beruf angeben soll, schreibe ich fast immer: KT Guttenberg." Als Sandra Maischberger ihn diese Woche nach dem Grund fragte, scheute er sich nicht, noch einen draufzusetzen: "Es ist letztlich ein Bezug darauf, dass ich am Ende des Tages wahrscheinlich einfach nur ein Mensch bin."

Das ist auch der Sound des Buches. Besser gesagt: der Textchen (er selbst spricht von "einer wöchentlichen Kolumne"), die Guttenberg im sozialen Netzwerk Linkedin veröffentlicht hat und die dann, unter Zuhilfenahme eines großzügigen Layouts, vom Herder-Verlag zum Buch aufgeblasen wurden. Guttenberg spricht scheinbar tiefstapelnd von "Miniaturen meines Alltags" - um dann aber direkt in den ersten Sätzen des Vorworts sein Schicksal als Schreiber mit dem der Welt zu parallelisieren: Noch zu Beginn des Jahres sei das Erscheinen des Buchs "nicht geplant" gewesen. "Vielleicht ist es ein Beleg für die sich rasch wandelnden Zeiten, in denen wir leben, dass die Idee innerhalb weniger Monate entstand, reifte und schließlich ihre Umsetzung so fand, wie Sie sie nun in den Händen halten." Ebenso "charakteristisch für unsere Zeit" sei der Auslöser, der ihn überhaupt zum Schreiben brachte. Nachdem er seinen ersten Dokumentarfilm gedreht hatte, hätten ihn "Mitstreiter" ermuntert, dafür in den sozialen Medien zu werben. Er jedoch habe "die Vorstellung, solcherart zu trommeln, zunächst als grauenvoll" empfunden. Instagram etwa sei ihm "allzu flach und selbstverliebt" vorgekommen. Bestenfalls lässt sich derlei als Koketterie interpretieren. Man könnte aber auch von leeren Posen sprechen. Denn Guttenberg lässt dann doch immer wieder durchblicken, dass er derjenige ist, der "erstklassig restaurierte Louis-XVI-Möbel" erkennt, der beurteilen kann, ob sich ein Akkordeonspieler im Englischen Garten "an Bach'schen Fugen verhebt", und der seine Midlife-Crisis mit Springreiten bekämpft.

Dass gerade Guttenbergs Vorworte etwas unfreiwillig Entlarvendes haben, weiß man aus seiner ersten Doktorarbeit. Als er darin vom "Kairos der Fertigstellung" schrieb, hätte man schon Verdacht schöpfen müssen. Nun bekennt er im Buch, es habe "bei allem - mich mitunter überwältigenden - Zuspruch" "vereinzelt Zweifel in der ,Community'" gegeben. Die einen fragten demnach: "Hat er das wirklich selbst geschrieben?" Ehrlich gesagt: Gerade diese Frage stellt sich überhaupt nicht. Denn jeder einzelne Satz im Buch ist so sehr ein echter Guttenberg, wie es auch der beste Ghostwriter nicht hinbekommen hätte.

Wesentlich triftiger ist dagegen die andere Frage, die Leser laut Guttenberg an ihn adressierten: "Hat er das wirklich erlebt?" Guttenberg erwidert darauf im Buch nachdenklich: "Ist der Alltag etwa so unalltäglich geworden?" Das jedoch dürfte eher nicht der Grund für den Argwohn sein. Sondern dass viele der Anekdoten, die Guttenberg dem Leben abgeschaut und -gelauscht haben will, nicht besonders lebensnah wirken, sondern eher so konstruiert, dass sie dem Autor als Steilvorlagen für seine Reflexionen über die Welt oder die Sendung "Bares für Rares" taugen. Es fängt schon damit an, dass er, um den Titel des Buches "3 Sekunden" zu rechtfertigen, in der Einleitung behauptet, es handele sich um "eine kleine Sammlung von Augenblicken, niemals länger als drei Sekunden" - und dann kommen Episoden, die quasi alle länger als drei Sekunden dauern. Guttenberg erzählt von Unterhaltungen beim Bäcker oder von einer Bergtour. Am Gipfelkreuz trifft er ein Ehepaar, beim Mann läutet das Handy, Klingelton angeblich "Marimba", etwas Berufliches. Der Mann geht ran, obwohl die Frau "liebevoll" eine Brotzeit aufgebaut hat. Als der Mann nach einer halben Stunde noch immer telefoniert zu den "Einzelheiten einer Compliance-Frage", macht sich die Frau an den Abstieg, vom Mann unbemerkt. Als dieser sich ihrer Abwesenheit bewusst wird, tippt er laut Guttenberg "mehrfach" eine Nummer in sein Telefon. "Womöglich die seiner Frau. Erfolglos." Laut Guttenberg steigt dann auch der Mann ab. Letzter Satz: "Immer wieder trägt der Wind ,Marimba' nach oben."

Wie so viele Geschichten im Buch wirft auch diese Fragen auf: Warum hat der Mann die Nummer seiner Frau nicht gespeichert? Warum nutzt er nicht die Wahlwiederholung? Warum trägt der Wind den Marimba-Ton des Männerhandys nach oben, wenn doch die Frau mit ihrem Mann gerade nicht telefonieren will? Ist es wieder was Berufliches? Wie lange hört man an einem offenbar windumwehten Gipfel einen Klingelton?

Am unglaubwürdigsten ist, dass Guttenberg bei all seinen Kontakten mit dem Volk anscheinend nie erkannt wird. Es gibt nur eine Ausnahme: Guttenberg beim Friseur, natürlich ein 15-Euro-Salon, dessen Inhaber, aus dem "kurdischen Norden Iraks" stammend, sich Guttenbergs Namen angeblich nicht merken kann und meistens etwas nuschele, das sich wie "Butterzwerg" anhöre. Als ein Kunde den Salon betritt, erkennt er Guttenberg, aber eben auch nicht wirklich: "Mensch, du hast einen Zwillingsbruder." Der Typ gestern Abend im Fernsehen habe wirklich so ausgesehen wie er, habe der Kunde gesagt. "Ganz netter Kerl, so ein Ex-Politiker, aber, mein Gott, war der langweilig." Wohl dem, der so einen Friseur hat, bei dem nicht nur das Haupthaar zurechtgestutzt wird, sondern auch das Ego von dessen Träger!

Der Guttenberg, der uns im Buch nahegebracht wird, ist ein etwas altmodischer Mensch, der die Uneigentlichkeiten dieser Welt durchschaut und keine Lust mehr auf sie hat: auf die "Spree-Käseglocke", das "Name-Dropping", die "aufgepusteten Egos" deutscher Spitzenpolitiker. Sein und Schein ist das Leitmotiv, auf das Guttenberg immer wieder zurückkommt, ob es nun um die "Kunstfigur Lady Gaga" geht oder um Roy Black und sein "Rollenspiel". Guttenberg schreibt: "Auch mir sind Depressionen nicht fremd." Aber das Bekenntnis hat nichts Befreiendes, sondern bleibt der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie etwa so sehr verhaftet wie Cathy Hummels, wenn sie ihre mentalen Issues in der "Bild" ausbreitet.

Die Sprache des Buches ist einfach. Nur ab und zu deutet Guttenberg an, dass er auch ganz anders könnte, etwa wenn er von "affluentem Auftreten" schreibt. Er benutzt fast nur kurze Hauptsätze. Vordergründig ist das unprätentiös. Man wird aber den Verdacht nicht los, dass so jedem seiner Sätze eine Gravitas verliehen werden soll, die sie inhaltlich schuldig bleiben. Guttenberg hat seit seiner ersten Doktorarbeit einen langen Weg zurückgelegt. Von dem Typen, der auf dem Times Square posierte, bis zu dem, der nun, um seine Worte zu verwenden, "die Insignien oberflächlicher Wichtigkeit" abgelegt hat und Hoody trägt. Aber es scheint, als wäre er doch noch ganz der Alte - nur dass er seine Eitelkeit jetzt durch eine zur Schau gestellte Uneitelkeit befriedigt. Wie schreibt er selber durchaus treffend: "Uneitelkeit kann sehr eitel gepflegt werden."

Es gibt in dem Buch die eine oder andere kurze Passage mit Potential. Guttenberg deutet an, dass es in seiner Kindheit an Liebe gemangelt habe. Gerne hätte man dazu mehr gelesen, Wahrhaftiges. Auch was er über den Verlauf eines Wahlabends aus Politikerperspektive schreibt, hätte verdient gehabt, ausbuchstabiert zu werden. Die Chance verpasst Guttenberg. Stattdessen gefällt er sich in seiner neuen Rolle als Schriftsteller. Zu der passt natürlich bestens das Zweifelnde und Zerrissene - aber auch der Campus der UCLA, auf den er sich "gern zum Ordnen unsteter Gedanken" zurückzieht. Von Seite zu Seite wird man als Leser ungläubiger, dass er das alles ernst meint und offenbar nicht gemerkt hat, dass auf ihn zurückfällt, wenn er etwa die Band "Rosenstolz" zitiert: "Der größte Trick, den der Teufel je hatte, ist, dass er die Welt hat glauben lassen, dass es ihn nie gab. Und das ist nicht wahr. Selbst das ist nicht wahr."

Nach der Lektüre der 144 Seiten kann man zu Guttenbergs Gunsten nur hoffen, dass er ein literarisches Vexierspiel versucht hat, in dem er nicht nur ein lässiger, sondern auch ein unzuverlässiger Erzähler ist, der mit dem wahren Karl-Theodor nur entfernt zu tun hat. Wie schreibt er, nachdem er eine rührende Geschichte über einen ehemals obdachlosen Taxifahrer zum Besten gegeben hat: "Ich frage nicht, ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat. Ungemein charmant erzählt ist sie allemal."

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