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Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 444 Bewertungen
Bewertung vom 23.02.2019
Botschaften aus dem Alten Rom
Weeber, Karl-Wilhelm

Botschaften aus dem Alten Rom


ausgezeichnet

Als großer Fan des Altphilologen Professor Karl-Wilhelm Weeber konnte ich mir sein neuestes Werk natürlich nicht entgehen lassen. Ich mag es einfach, wie er sich in der heutigen schnelllebigen Zeit für die Bewahrung der lateinischen Sprache und damit der antiken Kultur einsetzt.

In "Botschaften aus dem Alten Rom" befasst sich Weeber mit antiken Grafitti und Dipinti aus Pompeji. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. (= terminus ante quem) ist ein Segen für die Altertumswissenschaften gewesen, nicht aber für die Pompejianische Bevölkerung. Denn auf diese Weise sind die Städte Pompeji und Herculaneum versteckt unter einer dicken Asche- und Staubschicht erhalten geblieben.

Weeber hatte unter den ca. 5600 überlieferten Grafitti die sprichwörtliche Qual der Wahl. Anders als die bekannten prosaischen Klassiker bilden jene Zeichnungen und Einritzungen das damalige Alltagsleben ab - inklusive sprachlicher Fehler, Eigenwilligkeiten und Obszönitäten. Unter den Wandkritzeleien, welche im Vergleich zu den heutigen aufwendigen Grafitti recht spartanisch wirken, dominieren vor allem einfache Namensinschriften. Daneben finden sich vermehrt Wahlaufrufe, persönliche Frotzeleien, Liebesbekundungen, Schreibversuche von Schülern sowie gezeichnete Kaufbelege unter den Wandbotschaften. Schaut man genauer hin, so fällt zudem auf, dass erstmals auch Frauen als Verfasser in Erscheinung traten - was mich wegen der damaligen patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen sehr überrascht hat. Darüber hinaus fand ich die direkte, unverblümte Sprache der einzelnen Grafitti recht spannend.

Wider Erwarten ist das vorliegende Buch keine nüchterne Studie allein für Lateinkenner, sondern durchaus eine vergnügliche Inschriftensammlung für jedermann. Das liegt zum einen an Weebers mitgelieferter Übersetzung ins Deutsche und zum anderen an seinen kurzen Infotexten, die jedem der 23 Kapitel vorangestellt worden sind. Auf diese Weise lässt sich der inhaltliche Kontext der Grafitti sehr gut nachvollziehen. Zudem erleichtert es die Lektüre ungemein, dass Weeber die oftmals ins Kursivschrift und ohne Interpunktion verfassten Botschaften in der der Umschrift wiedergegeben hat.

FAZIT
Ein Muss für alle Leser, die einmal ins echte römische Leben eintauchen wollen. Dabei zeigt sich, dass die Römer uns in vielen Dingen nicht unähnlich gewesen sind.

Bewertung vom 19.02.2019
Dummerweise hochbegabt
Imhof, Agnes

Dummerweise hochbegabt


ausgezeichnet

Die Mittvierzigerin Agnes Imhof ist vieles - promovierte Islamwissenschaftlerin, Autorin, ausgebildete Sängerin, Schwertkämpferin etc. Kein Wunder, dass Gleichförmigkeit und Routinen sie im Alltag einengen. Hinzu kommen ihre blitzschnelle Auffassungsgabe, ihre unstillbare Neugier, ihr starker Gerechtigkeitssinn und ihre entwaffnende Ehrlichkeit. Was hinter ihrem Drang, Wissen anzusammeln und den eigenen Intellekt stets herauszufordern, stecken könnte, bleibt lange Zeit unklar. Das lag zum einen an der Unwissenheit der Eltern und den damals vorherrschenden Rollenbildern und zum anderen an der noch wenig erforschten Diagnose Hochbegabung. Erst als sich herausstellt, dass Imhofs Tochter hochbegabt ist, sieht Agnes ihre Vergangenheit plötzlich mit ganz anderen Augen. Nun ergibt die Ablehnung, das Unverständnis und das gefühlte Anderssein endlich Sinn. Denn auch die polyglotte Autorin hat einen IQ von über 130. Ihr jahrelanges Versteckspiel als Underachiever, ihre unbändige Lust über den Tellerrand zu schauen und ihr mäßiger Erfolg bei Männern offenbaren, dass es vor allem hochbegabte Frauen nicht leicht haben, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Imhof fasst dies auf Seite 16 so zusammen: "Intelligente Männer haben Groupies, intelligente Frauen haben einen Therapeuten." Und das stimmt. Während sich Frauen immer noch dafür entschuldigen müssen, Karriere zu machen bzw. besser als ihre männlichen Kollegen zu sein, sind hochintelligente Männer in Führungspositionen etc. geradezu normal. Selbstironisch und mit viel Sachverstand berichtet Imhof in ihrem herrlich plakativen Buchtitel "Dummerweise hochbegabt" von ihrem steinigen Weg zu einem zufriedenen Leben als Hochbegabte. Als Vergleichsbeispiele wählt sie ebenfalls hochintelligente Serienstars wie Sheldon aus "The Big Bang Theory" oder Sherlock Holmes. Besonders im Alltagsleben stößt sie mit ihrem klaren Verstand oft an ihre Grenzen. Denn wofür andere sich begeistern können und womit sie ihre Zeit verbringen, das füllt die Autorin nicht aus. Belangloser Smalltalk, immer gleiche Verwaltungstätigkeiten und Machtspielchen auf der Arbeit, öden sie an, führen in ihrem Fall sogar zum Bore-out. Daraufhin setzt bei ihr ein Umdenken in Sachen Persönlichkeit und Selbstentfaltung ein. Endlich lebt sie ihre Talente frei aus, umgibt sich mit Gleichgesinnten und schämt sich nicht mehr, wenn ihr mal wieder ein gebildeter und vor Sarkasmus triefender Kommentar herausrutscht.

Mir hat Agnes Imhof mit ihren persönlichen Zeilen aus der Seele gesprochen. Besonders ihre komplexen und sprunghaften Gedankengänge sowie ihre ausgeprägte Wissbegierde kamen mir bekannt vor. Zudem offenbart ihr Beispiel, wie schwer es hochbegabte Frauen selbst heute noch haben. Ihre unverstellte wie humorige Sprache entsprach vollkommen meinem Geschmack. Kurzum, locker-flockig anstatt streberhaft-trocken kombiniert sie eigene Erlebnisse mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungen.

FAZIT
Meine erste wirkliche Buchentdeckung in 2019. Imhof ist ein Paradebespiel dafür, dass in unserer heutigen Gesellschaft in Sachen Gleichberechtigung und Akzeptanz noch nicht alles stimmt. Weibliche Intelligenz ist keine Diagnose, die aufs soziale Abstellgleis führen sollte, sondern ein Geschenk.

Bewertung vom 18.02.2019
Wie gut ist Ihr Deutsch? 2
Sick, Bastian

Wie gut ist Ihr Deutsch? 2


ausgezeichnet

Acht Jahre mussten die Fans des deutschen "Sprachpapstes" Bastian Sick auf die zweite Ausgabe seines großen Deutschtests warten. Aber diese lange Wartezeit hat sich m. E. mehr als gelohnt. In gewohnt witziger Manier hat er auf 256 Seiten abwechslungsreiche wie z. T. recht anspruchsvolle Fragen jenseits des gängigen Mainstreams versammelt. Nicht nur Germanistikfreaks und Sick-Fans werden diesen Test lieben, sondern auch der interessierte Muttersprachler. Wieder einmal gelingt es Sick mit seinem Buch vortrefflich, Werbung für und damit Lust auf die vielseitige deutsche Sprache zu machen. Das erste Kapitel umfasst 10 Quizrunden mit insgesamt 200 Fragen zu Rechtschreibung, Zeichensetzung, Literatur & Co, die im zweiten Buchteil kurz und knackig, ohne erhobenen Zeigefinger, beantwortet werden. Wer im Anschluss noch sein Testergebnis auswerten lassen möchte, findet auf den letzten vier Buchseiten einen entsprechenden Auswertungsteil. Das signalfarbene Cover, die bunte Illustration des Textes sowie das handliche Format machen Sicks neuestes Werk zur perfekten Reiselektüre bzw. Literatur für zwischendurch. Auch der oftmals etwas antiquierte Unterricht in deutschen Schulen kann von diesem modernen Testbuch profitieren.

Bewertung vom 10.02.2019
Zukunft - Eine Biografie
Ogiermann, Jan M.

Zukunft - Eine Biografie


gut

Das auffällige Cover, das einen griechischen Philosophen, wahrscheinlich Platon, mit VR-Brille zeigt, hat mich sofort angesprochen, weil es einfach und doch eindrücklich Antike und Moderne miteinander verknüpft.

Mit dem Zukunftsbegriff im Wandel der Zeit hatte ich mich bisher noch nicht eingehend beschäftigt. Das vorliegende grundgelehrte Buch schaffte dabei Abhilfe. Es untersucht das Verständnis von Zukunft innerhalb der Geschichte recht ausführlich, wobei vor allem Politiker, Schriftsteller und Staatsphilosophen zitiert werden. Mir hat diese wissenschaftliche und damit tiefgründige Herangehensweise an sich gut gefallen. Doch der Historiker Jan Martin Ogiermann hat mit "Zukunft. Eine Biografie" letztendlich eine geschichtliche Überblicksdarstellung geschaffen und nicht eine Zukunftsstudie, wie ich sie mir gewünscht hätte. Natürlich kann man als Autor Zukunft nicht ohne die Vergangenheit betrachten, weil diese nun einmal das Fundament dieser darstellt. Aber die Ausführlichkeit, mit der sich Ogiermann dem Zukunftsbegriff von der Antike bis heute widmet, ließe sich m. E. beschränken. Und sollten in einem "Zukunftsbuch" nicht auch Aussagen über die wirkliche Zukunft vorkommen? Im Großen und Ganzen war es vor allem die fünfseitige Zusammenfassung am Schluss, die mich mit dem Buchtitel versöhnt hat und schlussendlich als Hinführung an die Thematik gereicht hätte. Beschreibungen von KI, Gentechnik usw. stellten leider nicht mehr als eine Randnotiz dar.

FAZIT
Mehr Zukunft und weniger Vergangenheit hätten dem vielversprechenden Buchtitel gut getan.

Bewertung vom 09.02.2019
Die verborgenen Stimmen der Bücher
Collins, Bridget

Die verborgenen Stimmen der Bücher


ausgezeichnet

INHALT
Der junge Brite Emmet Farmer soll einmal den väterlichen Hof übernehmen und hat auch die besten Anlagen dazu. Doch eine plötzliche Krankheit, das sog. Buchbinderfieber, schwächt ihn dermaßen, dass er einen anderen Weg einschlagen muss. In einer Zeit, in der Bücher verboten sind, absolviert er fortan bei der berühmt-berüchtigten Seredith eine Lehre zum Buchbinder. Während er einfache Arbeiten übernimmt, erfährt er dort von Serediths eigentlicher geheimnisvoller Tätigkeit, dem Binden von Erinnerungen. Gegen Bezahlung befreit sie Menschen von ihren Sünden bzw. traumatischen Erlebnissen, indem sie diese aufschreibt und als Buch im Laden verwahrt. Wird auch Emmet diese dunkle Kunst erlernen und welche Rolle spielt denn der arrogante Lucian in seinem Leben?

MEINUNG
Bridget Collins Fantasywerk hat mich ab der ersten Zeile gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen.

Es ist eine langsam beginnende Geschichte, die sich Kapitel für Kapitel steigert, Auch der häufige Wechsel der Erzählperspektive sowie der Erzählzeit erzeugen Spannung, weil Details zu den Hauptprotagonisten Emmet und Lucian dadurch nur tröpfchenweise durchsickern. Emmet der nichtsahnende Bauernsohn und Lucian der leidgeprüfte Adlige mit widerwärtigem Vater sind zwei durch und durch interessante Charaktere. Besonders als sich ihre Wege im Verlauf der Handlung kreuzen und sie zu Schicksalsgenossen werden, erreicht die Erzählung ihren Höhepunkt. Hierbei besticht Collins Roman vor allem durch seine stark poetische sowie bildreiche Sprache. Es ist schon ein seltsames Setting, eine Zeit ohne Bücher und Lesen, in der es verboten ist, Bücher zu besitzen. Das liegt aber auch daran, dass diese nicht wie heutzutage dem Amüsement oder der Bildung dienen, sondern einzig und allein Erinnerungen an unschöne Dinge auslöschen sollen. Ob Emmet und Lucian auch davon betroffen sind und inwiefern ihre verbotene Liebe dabei eine Rolle spielt, muss der interessierte Leser selbst herausfinden? Eines ist dabei aber gewiss, die Art und Weise wie Collins diese melodramatische wie fantastische Geschichte erzählt, ist sensationell gut.

FAZIT
Ein Roman, der die Magie von Büchern einfängt und dabei menschliche Abgründe enttarnt. Kurzum, eine wirklich spannende Lektüre.

Bewertung vom 27.01.2019
Die positive Kraft des Zweifelns
Koch, Emanuel

Die positive Kraft des Zweifelns


ausgezeichnet

"Solange es hartnäckige Zweifler gibt, können wir uns kontinuierlich weiterentwickeln. Ohne Zweifler würde die Welt einfach stehenbleiben." (S. 42)

Diesen Worten des Autors kann man nur zustimmen, denn wo stünden wir denn heute, wenn es keine Erfinder mit Zweifeln am Status quo gegeben hätte. Konformität gepaart mit blindem Sicherheitsstreben killt nicht nur die Kreativität, sondern auch die Kultur des Zweifelns. Und zu zweifeln, schickt sich heute in der ach so perfekten und schnelllebigen Zeit einfach nicht mehr, so der Eindruck. Vielmehr erklimmen Ja-Sager und von sich vollkommen überzeugte Alphatiere die Karriereleitern der Großkonzerne. Hier gilt es vor allem, Zweifel zu vermeiden, um die eigene Unsicherheit oder Meinung nicht preiszugeben. Wie armselig ist das denn oder? Selbstzweifel sind normal und sollten keinesfalls unterdrückt werden, so Emanuel Koch. Der Diplom-Informatiker, Musiker und Berater habe zeit seiner Kindheit Zweifel und habe es gerade deshalb so weit gebracht. Zweifel offen auszusprechen, besonders auf der Arbeit, führe zu einem besseren Miteinander, nur müssten alle Kollegen dazu bereit sein. Und das ist das größte Problem. Vor allem Chefs fürchten, dass ihr Zweifeln als Führungsschwäche ausgelegt werden könnte und verkennen dabei die positiven Effekte und Potenziale. Fehlentscheidungen im Berufs- und Privatleben ließen sich durch eine sensibilisierte Betrachtung beispielsweise verhindern bzw. eindämmen. Daher kann ich Kochs Ansatz, sich für seine Zweifel nicht zu schämen, sondern diese als Chance für ein erfolgreicheres Leben zu verstehen, nur begrüßen. Ob als Unternehmensführer, Eltern usw., jeder von uns hat dann und wann Momente, wo er zweifelt, gar verzweifelt. Doch sind es nicht gerade diese Erfahrungen, die uns stärken und besser werden lassen?

FAZIT
Es lebe der Zweifel! Zweifeln ist menschlich und sollte nicht länger als Makel angesehen werden. Klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 26.01.2019
Sophie Scholl - Lesen ist Freiheit
Ellermeier, Barbara

Sophie Scholl - Lesen ist Freiheit


ausgezeichnet

Die Historikerin Barbara Ellermeier hat mit ihrem Werk "Sophie Scholl - Lesen ist Freiheit!" ein wahres historisch-persönliches Kleinod geschaffen. Auf gerade einmal 143 Seiten finden sich liebevoll zusammengestellte Originaltexte und Zeichnungen der studentischen Widerständlerin Sophie Scholl aus den Jahren 1941 bis 1943. Damals hat sie gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und weiteren Studenten wie Dozenten mithilfe von Flugblättern gegen den nationalsozialistischen deutschen Staat aufbegehrt.

Das Besondere an Sophie Scholls Briefen wie Tagebüchern, die sich im Institut für Zeitgeschichte München befinden, ist nicht nur deren klare Sprache, sondern auch deren persönliche Komponente. Sophie Scholl, die mit 19 Jahren sofort in München studieren wollte, kam der Zweite Weltkrieg dazwischen. Die belesende Tochter aus gutem Hause wird damals zum Reichsarbeitsdienst gezwungen - eine Zeit, die sie nur durch das Lesen von Büchern und durch das Briefeschreiben übersteht. Die Lektüre von Augustinus oder Thomas Mann bedeuteten für sie in Zeiten ständiger staatlicher Fremdbestimmung Freiheit (vgl. Buchtitel). So nutzte sie, wie man ihren Aufzeichnungen entnehmen kann, jede noch so hart erkämpfte freie Minute zur Lektüre bzw. Korrespondenz mit Freunden und Familie. Und die Macht der Literatur sollte man nicht unterschätzen. Sophie Scholl war trotz der staatlichen Repressalien bestens vernetzt und kämpfte für ein besseres, nämlich freies Deutschland.

Alles in allem bot Ellermeiers Büchlein einen kleinen Einblick in Sophie Scholls damaliges zwiespältiges Seelenleben. Darüber hinaus offenbaren die wenigen Strichzeichnungen ein großes künstlerisches Talent. Ihre Porträts sind beeindruckend naturalistisch. Ihre Liebe zur Literatur und zum Schreiben bzw. ihr unbändiger Wille, sich darüber nahezu täglich auszutauschen, machen sie in meinen Augen sehr sympathisch und zeigen zudem ihren wachen wie kritischen Geist.

Bewertung vom 19.01.2019
Passiert - notiert
Hahne, Peter

Passiert - notiert


ausgezeichnet

Der bekannte TV-Moderator und Autor Peter Hahne befindet sich seit 2018 im sog. Unruhestand. Seine Berichterstattungen aus dem ZDF-Hauptstadtstudio und seine nach ihm benannte Talkshow waren legendär. Denn anders als viele Kollegen hat er sich nie seine Meinung verbieten lassen und ist damit gern angeeckt. Stets offen und investigativ stichhaltig trat er Menschen wie Themen entgegen, was ihm zum Zuschauerliebling und von Politikern gefürchteten wie respektierten Journalisten werden ließ.

Nun mit 66 Jahren kann er endlich machen, was er möchte. Aber das Sich-auf-die faule-Haut-Legen gehört wohl nicht dazu. Weiterhin schreibt er Bücher, ist als Gastredner bei Banken und Kirchen gleichermaßen gefragt oder nimmt an abendlichen Talkshowrunden im TV teil.

In seinem neuesten 142-seitigen Werk "Passiert, notiert" erzählt er in gewohnt pointierter Weise von persönlichen Begegnungen und Erlebnissen, die ihm im Laufe seines Lebens- und Berufsweges geprägt wie beeindruckt haben. Dass er dabei sowohl mit scharfer Kritik als auch mit schwärmerischen Tönen nicht geizen würde, war zu erwarten. Doch anders als in seinen letzten stark politisierenden Büchern liegt der Fokus auf Hahnes christlichem Glauben und Prägung. Er, der ewig streitbare Journalist, ist fest im christlichen Glauben verwurzelt. So hat er nicht nur einst Theologie studiert, sondern ist auch Ratsmitglied der EKD. Wie Luther scheut er sich nicht vor der Wahrheit und legt den Finger gern in die Wunde. Und auch in "Passiert, notiert" trifft seine Kritik vor allem die heutigen Politiker. Das liest sich spannend, ist unterhaltsam und vor allem sehr persönlich. Gerade diese Einblicke ins Privatleben des Autors sind es, die ihn so sympathisch und nahbar machen. Dabei ist es einerlei, ob er sich nun als großer Pilcherfan outet oder von seinen Hüft-OPs berichtet.

FAZIT
Ein sehr persönliche Geschichtensammlung mit großem Unterhaltungs- sowie Mehrwert.

Bewertung vom 13.01.2019
Was würdest Du tun?
Bohmeyer, Michael; Cornelsen, Claudia

Was würdest Du tun?


ausgezeichnet

Michael Bohmeyer hat 2014 den Verein "Mein Grundeinkommen" gegründet. Dieses Crowdfunding-Projekt zahlt für den Zeitraum von 1 Jahr monatlich 1000 Euro an Personen aus, die sich zuvor auf der Homepage des Vereins dafür beworben haben und per Zufallsgenerator dafür ausgewählt worden sind. Bis heute wurden insgesamt 258 Grundeinkommen ausgezahlt.

Das vorliegende Buch beschreibt das ungewöhnliche und politisch heiß diskutierte Projekt näher. Um herauszufinden, welche Bevölkerungsgruppen zu den Begünstigten zählen und inwiefern die monatliche Finanzspritze deren Leben verändert hat, ist der Ex-ITler Michael Bohmeyer mit der Journalistin Claudia Cornelsen einmal quer durch Deutschland gereist. Das Ergebnis dieser subjektiven Studie ist ein spannendes "Psychogramm unserer Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts (S. 22)." Insgesamt werden in 10 Tagen 24 Städte bereist und damit 24 unterschiedliche Personen besucht. Ob Hotel-Erbin, Managersohn, Beamter, Minijobber, Selbstständige oder Arbeitslose, keine Berufsgruppe fehlt. Dies verwundert nicht, bedenkt man, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen ist, also schlichtweg jeder dafür in Frage kommt. So sind die Begünstigten von 2 bis 67 Jahre alt. Am interessantesten an den 24 kurzen Erfahrungsberichten ist die private Komponente, sprich, inwieweit das zusätzliche Geld sich auf Leben und Beruf ausgewirkt hat. Und auch hier unterscheiden sich die unterschiedlichen Umgangsformen voneinander. Zum einen gibt es die Sparer bzw. Anleger und zum anderen die Spender und Investoren. Was aber alle vereint, ist das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmtheit. Wenn monatlich die Grundkosten abgedeckt sind, lebe es sich schlichtweg leichter, so die Gewinner des Grundeinkommens. Der tägliche Stress ums liebe Geld fällt weg und lässt alle erst einmal auf sich selbst und die eigenen Wünsche rückbesinnen. Auch der Blick auf die Politik, und die Gesellschaft wandelt sich, wenn Existenzängste keine Rolle mehr spielen. D. h., es wird genauer hingeschaut und weniger weggeschaut. Mitunter lösen die Begünstigten sogar ungeliebte Arbeitsverhältnisse auf und wagen einen beruflichen Neuanfang, gern auch im Ehrenamt. Kurzum, das Gemeinschaftswohl rückt stärker in den Fokus.

M. E. besitzt Bohmeyers Projekt viel Potenzial. Denn Gesellschaft und Arbeitswelt befinden sich im ständigen Wandel, so dass der Sinn von Arbeit und Leistung immer mehr hinterfragt wird. Das bedingungslose Grundeinkommen bietet eine Möglichkeit aus den engmaschigem beruflichen und staatlich sanktionierten Netz (Hartz IV...) auszubrechen und eigene Wege zu gehen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.01.2019
Lennart Malmkvist und der überraschend perfide Plan des Olav Tryggvason / Lennart Malmkvist Bd.3
Simon, Lars

Lennart Malmkvist und der überraschend perfide Plan des Olav Tryggvason / Lennart Malmkvist Bd.3


sehr gut

INHALT
Lars Simons Abschlussband der Fantasytrilogie um Lennart Malmkvist habe ich sehr entgegengefiebert. Darin kämpft der Besitzer eines Zauber- und Scherzartikelladens in Göteborg gegen die bösen Mächte von Olav Tryggvason, genannt Krähenbein. Um den dunklen Magier aus längst vergangenen Zeiten endgültig zu schlagen, bedarf es nicht nur der vier Dunklen Pergamente, sondern auch der vereinten Kräfte der sog. Pergamentwächter. Zudem will Lennart seinen Pflegehund Bölthorn, einen sprechenden adipösen Mops, zurück in die Welt der Lebenden holen. Wird er die ihm auferlegten Aufgaben und Herausforderungen bewältigen können?

MEINUNG
Lars Simons dritter Band beginnt etwas verhalten und verworren. Dies mag zum einen an Lennart Malmkvists langer Leitung liegen und zum anderen am kryptischen Keksorakel. Kurzum, wieder einmal konnte mich der Autor bereits auf den ersten Seiten mit seinem speziellen Humor begeistern. Der schlaksige Antiheld Malmkvist begegnet den magischen und damit recht ungewöhnlichen Entwicklungen um ihn herum recht gelassen. So kann ihn auch nicht der bärbeißige Piratenkapitän Darraben einschüchtern. Denn gerade dieser Wiedergänger wird ihm auf seiner Mission noch von großem Nutzen sein. Mir haben besonders Darrabens verbale Entgleisungen und nassforschen Kommentare imponiert, so dass er sich schnell zu einen meiner Lieblinge mauserte. Daneben war es vor allem der naseweise, wenn auch physisch stark eingeschränkte Mops, der mein Leserherz erweichen konnte. Auch die Nebencharaktere konnten in ihren Rollen überzeugen. Der Plot nahm Stück für Stück an Fahrt an, endete dann aber leider sehr, sehr schnell. Insbesondere Bölthorns Verwandlung am Schluss irritierte mich. Hier hätte ich mir einen beschaulicheren Übergang gewünscht. Darüber hinaus kann die Story doch nicht auf solch abrupte Weise enden oder? Sicherlich gab es ein Happy End, aber die Geschichte zwischen Lennart und der geheimnisvollen Elfe bedarf m. E. einer Fortsetzung. Sprachlich hatte ich nichts auszusetzen. Flugs hatte ich die ersten hundert Seiten geschafft und konnte die Lektüre auch nicht wieder beiseite legen. Dies ist vor allem Simons ausgeprägtem Sinn für skurrile Situationskomik geschuldet. Darin macht ihm keiner etwas vor. Auch das effektvolle Cover konnte mich abermals überzeugen.

FAZIT
Ein Trilogieabschluss mit kleinem Schönheitsfehler, den ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge gelesen habe.