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Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 377 Bewertungen
Bewertung vom 22.04.2018
Deine bessere Hälfte
Stenger, Christiane; Tiefenthal, Antje

Deine bessere Hälfte


ausgezeichnet

"Deine bessere Hälfte" ist ein Sachbuch über die Händigkeit, das ich jedem interessierten Leser nur ausnahmslos empfehlen kann. Ich habe die zusammengetragenen Fakten, Übungen und Ratschläge der Jungautorinnen Christiane Stenger und Antje Tiefenthal mit Verve gelesen und bin dabei tief in die Rechts- und Linkshändermaterie eingedrungen. Alles, was ich bisher über Rechts- und Linkshänder wusste, wurde darin weitestgehend relativiert. Auch die weit verbreitete Annahme, dass Linkshänder schlauer und kreativer als die analytisch veranlagten Rechtshänder seien, wurde widerlegt. Sicherlich gibt es bestimmte Eigenschaften und Talente, über die Linkshänder bzw. Rechtshänder verfügen, aber diese sind vor allem personenbezogen und nicht pauschal auf eine Gruppe übertragbar. Fest steht allerdings, dass die Mehrzahl der Bevölkerung Rechtshänder ist (ca. 80-90 %) und Linkshänder noch immer eine Minderheit bilden, was sich genauso im Tierreich belegen lässt. Doch wieso und weshalb es so wenige Menschen mit einer starken Linken gibt, wird evolutionsbiologisch bis heute erforscht. Vor allem Gene und Prägung spielen dabei eine Rolle. Auch die Umschulung von links auf rechts, gerade in der Vergangenheit, wird im Buch thematisiert und deren gravierende Folgen für den einzelnen dargestellt. Gott sei Dank, ist der Bildungssektor in diesem Punkt heute schlauer und lässt jeden Schüler mit seiner Lieblingshand schreiben.

Persönlich haben mich besonders die wissenschaftlich untersuchten Unterschiede der Händigkeit im Hobbybereich (Sport und Musik) und das Phänomen der Beidhändigkeit (sog. Ambidextrie) verblüfft. Auch für die vielfältigen, anregenden Übungen zur Entlarvung der eigenen Händigkeit bzw. zum Training der schwächeren Hand konnte ich mich begeistern. Darüber hinaus habe ich allerhand Wissenswertes aus dem Bereich Hirnforschung mitnehmen können.
Kurzum, die 236 Seiten lasen sich wie im Flug, was vor allem am bildreichen, spannenden, authentischen wie leicht verständlichen Erzählstil der Autorinnen lag. Hierbei haben mir neben der passenden grafischen Aufbereitung der einzelnen Kapitel besonders Stengers und Tiefenthals persönliche Einblicke in den Lebensalltag von Rechts- und Linkshändern gefallen.

FAZIT
Ein rundum gelungenes Sachbuch, das wissenschaftliche Zusammenhänge und Erkenntnisse allgemeinverständlich sowie unterhaltsam erörtert.

Bewertung vom 17.04.2018
Du bist eine Naturgewalt
Rascher, Stefan J.

Du bist eine Naturgewalt


ausgezeichnet

Stefan J. Rascher, Jahrgang 1967, ist ein optimistisches und kämpferisches Stehaufmännchen. Denn trotz Handicap, sog. Elefantenfuß, hat er sich im Leben nie unterkriegen lassen und damit Bedenkenträger wie mitleidige Zeitgenossen gern eines Besseren belehrt. Heute ist Rascher sogar erfolgreicher Coach, Unternehmer und Marathonläufer. Von ihm kann sich der Normalbürger also noch so einiges in Sachen Ehrgeiz, Selbstvertrauen und Verwirklichung von Lebensträumen abschauen.

Sein Erstling "Du bist eine Naturgewalt!" ist eine bunte und sehr gut lesbare Mischung aus Biografie und Motivationsratgeber. Offen und ehrlich schildert er darin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern gibt ganz nebenbei noch Tipps zum besseren, erfolgreicheren Leben, das vor allem auf innerer Freiheit und Zufriedenheit fußt.

Mir hat besonders Raschers Wagemut imponiert. Denn getreu dem Motto: "Geht nicht, gibt's nicht!" hat er berufliche wie private Hürden stetig übersprungen und ist nun nach exzessiven Sportphasen, Workaholic-Ambitionen etc. bei sich selbst angekommen. Diese unverblümte Art, Schwächen sowie Fehler einzugestehen und daran zu wachsen, gehört zu seinen Stärken und hat mich begeistert. Auch die eingestreuten psychologisch-motivierenden Kapitel wurden vom Autor gut gewählt und pointiert dargeboten.

FAZIT
Eine durch und durch authentische Lektüre, die Mut macht und das Bewusstsein für sich selbst und für die eigenen Stärken schärft.

Bewertung vom 17.04.2018
Marx und wir
Gysi, Gregor

Marx und wir


sehr gut

200 Jahre Karl Marx - ein Jubiläum, das 2018 zu einigen neuen Veröffentlichungen geführt hat. So auch zu Gregor Gysis ganz persönlichem Porträt.


In "Marx & wir" beschreibt der linke Vollblutpolitiker Gregor Gysi nicht nur seinen eigene Marxrezeption, sondern auch die Wirkung des Trierer Philosophen und Denkers auf die heutige Zeit. Hierbei haben mich vor allem Gysis launige Anekdoten aus der DDR-Zeit mitreißen können. Auch das fiktive Interview mit der 1883 verstorbenen Geistesgröße, bei dem allerlei marxsche Originalzitate hinzugezogen wurden, fand ich spannend und aufschlussreich zugleich. Die Auseinandersetzung mit Marx' Theorien bzw. mit dessen Hauptwerk, dem Kapital, geriet hingegen etwas sperrig und war damit für den weniger vorgebildeten Leser nicht auf Anhieb zu durchdringen. Wiederum empfand ich Gysis Ansatz, Marx' Sozialismus- und Gerechtigkeitskonzept auf die heutige Zeit zu übertragen, recht interessant. Abgerundet wurde die 160-seitige, kurzweilige Lektüre durch drei, von Gysi eigens ausgewählte Originaltexte, die sowohl dem Gesellschaftstheoretiker als auch dem Privatmann Marx gerecht worden.

PS: Wer im Vorhinein Gregor Gysis Biografie "Ein Leben ist zu wenig" und Margarete Drachenbergs Anekdotensammlung "Ist Mr. Marx zu Hause?" studiert hat, wird einige Parallelen feststellen.

FAZIT
Ein persönliches Jubiläumsbuch mit innovativem Konzept.
Wer wissen möchte, ob sich Karl Marx und die heutige Zeit miteinander kombinieren lassen, sollte zu diesem Buch greifen.

Bewertung vom 21.03.2018
Die Affäre Carambol
Lehnberg, Stefan

Die Affäre Carambol


ausgezeichnet

Stefan Lehnbergs zweiter Kriminalroman mit dem kongenialen Ermittlerduo Goethe-Schiller hat mich regelrecht vom Lesehocker gerissen. In gewohnt unterhaltsamer Manier lässt der Autor darin Dichter Friedrich Schiller wieder in die Rolle des Erzählers schlüpfen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Johann Wolfgang von Goethe geht es im zweiten Band in Goethes Heimatstadt Frankfurt. Dort steht nicht nur der obligatorische Antrittsbesuch bei Goethes Mutter an, sondern auch ordentlich Sightseeing. Doch aus der unbeschwerten Reise wird bald ein erneuter Kriminalfall, der die gesamte Aufmerksamkeit der die beiden Hobbyermittler erfordern wird. Die Bilanz – zwei kaltblütig ermordete Stadträte, unzählige, unbekannte Postboten und vermehrte Mehlimporte – nimmt sich alles andere als positiv aus…

MEINUNG
Mir hat Lehnbergs Fortsetzungsband dieser fantasiereichen Krimireihe ausnahmslos gefallen. Dem Comedyautoren und Texter ist mit der „Affäre Carambol“ wieder einmal ein wahrhaft beeindruckender Pageturner gelungen, der den Leser auf frappierend realistische Weise in die Zeit der Weimarer Klassik entführt. Im Mittelpunkt standen dabei abermals die beiden Geistesgrößen Schiller und Goethe, die mir bereits im ersten Band durch ihre zutiefst menschliche Art auf Anhieb sympathisch gewesen sind. Die gegenseitigen Sticheleien und Neckereien sind bereits eine Lektüre wert, weil diese so herrlich unverstellt und stets treffsicher daherkommen. Hier kann der Autor von seiner Comedy-Erfahrung zehren. Doch dabei bleibt es nicht. Das Besondere neben all den amüsanten Momenten ist die Erzählsprache, die eins zu eins der der Goethe- und Schillerzeit entspricht. So ist es alles andere als verwunderlich, dass die Freunde sich durchweg siezen und von „Franckfurth“ die Rede ist. Diese Art der Zeitreise hat sofort meinen Nerv getroffen. Darüber hinaus ist Lehnbergs Story nicht ausschließlich fiktional gehalten, sondern sie basiert durchaus auf wahren Geschehnissen, seien sie nun biografischer oder historischer Natur. Betrachtet man den Kriminalfall einmal fernab der beiden alles überstrahlenden Hauptfiguren so wird schnell klar, dass Lehnberg auch fürs Kriminalistische ein ausgesprochenes Talent besitzt. Dementsprechend wollte die Spannung innerhalb der Handlung nie abreißen, was dazu führte, dass man stets mitfieberte. Gut gegen Böse ist eben eine zeitlose Paarung. Dazu noch eine kleine goethesche Liebelei und fertig ist ein gutes Buch. Die verblüffende Auflösung des Falls setzte dem Ganzen dann noch die Krone auf. Chapeau, für diese grandiose Lektüre über eine perfide Intrige! Doch nicht nur der Inhalt wusste zu entzücken, auch die bichrome Covergestaltung mit antagonistisch angeordnetem Scherenschnitt empfand ich als äußerst reizvoll und passend. Zu guter Letzt wird der Leser im Laufe des Romans noch darüber aufgeklärt, was es mit dem Begriff Carambol (= frühe Form des Billards; s. Buchtitel) auf sich hat.

FAZIT
Der zweite grandiose Kriminalfall aus Stefan Lehnbergs Feder, der selbst desinteressierte Schüler für die beiden Dichterfürsten des 18. Jhs. begeistern wird. So weckt man die Lust auf deutsche Klassiker! Hoffentlich wird es noch weitere Fortsetzungen mit diesem liebenswert schrulligen Ermittlerduo geben

Bewertung vom 20.03.2018
Frau Einstein
Benedict, Marie

Frau Einstein


ausgezeichnet

Wer war Mileva Marić (1875-1948)?
So hieß die erste Ehefrau des Physik-Nobelpreisträgers Albert Einstein. Die intelligente Serbin lernte ihren Ehemann beim gemeinsamen Studium im Polytechnikum in Zürich kennen. Eine studierende Frau und noch dazu die Fächerkombination Mathematik und Physik stellten kurz vor 1900 noch eine Seltenheit dar. Doch Mileva ließ sich von den damaligen Wert- und Moralvorstellungen, nach denen eine Frau an den Herd und nicht in die Studierstube gehörte, nicht beirren. Im Gegenteil, mutig und viel Neugier stürzte sich sich in naturwissenschaftliche Diskussionen und verblüffte damit die studierende Herrenriege, allen voran natürlich Albert Einstein. Milevas scharfer Verstand und besonders ihr mathematisches Können machte sie für Einstein zu einer Lebenspartnerin auf Augenhöhe, mit der er alles Wissenschaftliche besprechen und vertiefen konnte. Kurzum, beide bildeten ein mehr als perfektes Paar; jedenfalls nach außen. Denn Einstein wollte sich nicht offiziell zu ihr bekennen und verweigerte auch die Kontaktaufnahme mit der unehelichen Erstgeborenen Lieserl. Für die junge Mileva war dieses lose Arrangement mit dem häufig finanziell klammen Physiker eine Herausforderung, an der sie mit der Zeit leider zerbrach. Während Albert Einstein Karriere machte, blieb Mileva zu Hause und legte ihre eigenen Karrierepläne auf Eis. Diese Selbstaufgabe für die Familie machte sie krank und ließ sie mehr und mehr von dem anfangs so schillernden Einstein Abstand nehmen. Ihr gemeinsames Glück bekam folglich Risse, die sich weder durch die Heirat 1903 noch durch die beiden Söhne Hans Albert und Eduard kitten ließen. Zudem wurde ihr Name von den gemeinsamen Fachaufsätzen mit Albert Einstein gestrichen, wodurch ihre wissenschaftliche Leistung geschmälert wurde. Bis heute wird heiß darüber diskutiert, inwiefern Mileva an der Nobelpreis prämierten Relativitätstheorie mitgearbeitet hat.

Marie Benedicts biografischer Roman zeichnet das Bild einer starken Frau, die sich weder durch eine körperliche Behinderung noch von der patriarchalischen Gesellschaft beeindrucken ließ. Mileva Marićs Emanzipationsgeschichte las ausgesprochen spannend und aufschlussreich, da ich vorher noch nichts von ihr, der Frau im Hintergrund des Genies, gehört hatte. Ihre Lebensleistung und vor allem ihr Scheitern rissen mit und machten betroffen. Obgleich die Autorin in ihrer Erzählung echte Fakten mit Fiktion vermischt, so entsteht doch am Ende eine flüssige, gut lesbare Geschichte, die den Leser einmal hinter die Kulissen der Genialität Einsteins blicken lässt und dadurch nachdenklich stimmt. Was wäre beispielsweise gewesen, wenn es Mileva selbst zu einer anerkannten Physikerin/Mathematikerin geschafft hätte?

FAZIT
Eine m. E. wichtige Lebensbeschreibung, die zeigt, dass es im 19. und 20. Jahrhundert neben Marie Curie noch andere talentierte Wissenschaftlerinnen gab, die Großes hätten leisten können. Auch die Person Albert Einstein sieht man nach der Lektüre in einem anderen, kritischeren Licht.

Bewertung vom 19.03.2018
Über mir die Sonne
Torino, Alessio

Über mir die Sonne


gut

Alessio Torinos Erzählung über das Mädchen Tina las sich anfangs recht flott, wurde mit der Zeit aber recht zäh, was vor allen an den mehr als kaputten Charakteren und mitnichten an der traumhaften Mittelmeerkulisse lag.

Auf der Insel Pantellaria verbringen Tina, ihre Mutter und Schwester Bea erstmals allein ihren Sommerurlaub. Denn der Vater, ein Musiker, hat sich getrennt und lebt nun mit einer jüngeren Partnerin und Ex-Musikschülerin zusammen.

Für Hauptprotagonistin Tina, die mehr mit sich und ihrem noch jungenhaften Körper kämpft, ist die Trennung weniger ein Problem als für ihre Mutter und ihre Schwester. Die burschikose Tina lebt ihren Protest bzw. ihre Trauer eher im Fangen und Töten von Meeresquallen aus, so scheint es jedenfalls...

Abgesehen von diesem Trio bevölkern noch allerhand Aussteiger und Separatisten die kleine Insel zwischen Sizilien und Tunesien. Da wäre zum einen der alkoholkranke Multimillionär und zum anderen der anarchische Gelegenheitskoch Andre bzw. ein ungewöhnliches französisches Liebespärchen aus Wettkampfschwimmerin und Halbitaliener. An diesen handelnden Figuren hat mich vor allem gestört, dass sich keine durch und durch stabile Persönlichkeit unter ihnen befunden hat. Alle sind auf ihre Art und Weise labil bis kaputt und damit alles andere als ein guter Umgang für Tina. Ihr Erwachsenwerden, das mit dem Verlust der einst so selbstverständlichen Musterfamilie aus Vater, Mutter und Kind beginnt, thematisiert dieses Buch mehr am Rande, doch es legt sich wie ein sanfter Schleier über alles. Torino legt den Fokus hingegen auf das süße, leichte Leben mit Sonne, Strand und gutem Essen. Doch die perfekte Fassade bröckelt. So schön und feinsinnig seine Sommerbeschreibungen auf Pantelleria auch ausfallen, mich konnten sie dennoch nicht über den leisen bis fatalistischen Plot hinwegtrösten. Zu viel wurde mir nur vage angedeutet und nicht ausgesprochen.

FAZIT
Ein atmosphärisch gelungener Sommerroman mit inhaltlichen Schwächen.

Bewertung vom 14.03.2018
Liebe geht immer
Klatt, Myriam

Liebe geht immer


ausgezeichnet

INHALT
Die pummelige und wenig selbstbewusste Berliner Redakteurin Charlotte Mai verliert an einem Tag nicht nur ihren Job bei Kiez TV, sondern auch ihre große Liebe Oliver. Letzterer ist ihr Chef gewesen und hat innerhalb der Beziehung stets den Ton angegeben; Charlotte gar fremdbestimmt. Doch damit ist nun Schluss, denn Charlotte beschließt, sich neu zu erfinden. D. h., sie möchte abnehmen und sich endlich ihren Traum von der Karriere als Nachrichtensprecherin erfüllen. Doch ist die neue, perfekte Charlotte wirklich besser als die alte oder doch nur ein auf Leistung getrimmtes Duracellhäschen ohne Charme?

MEINUNG
Myriam Klatts Debütroman "Liebe geht immer" bot durchweg locker-leichte Unterhaltung und traf sofort mein Leserherz.

Die Geschichte um Hauptprotagonistin Charlotte Mais Neuerfindung und ihr persönliches Scheitern wurde auf grandios humorige wie frisch-freche Weise erzählt. Die Stationen ihrer Reise zum eigenen Ich (Selbsthilfe-Ratgeber, Personal-Coaching, Fitness, Sprachkurs usw.) hatten hohes Comedypotenzial. Erst auf Umwege und durch mutige Entscheidungen wuchs die sympathische Ich-Erzählerin über sich hinaus. Doch vor allem den Menschen in ihrem Umfeld, wie z. B. die schrullige Freundin Matilda oder der attraktive Burgerrestaurantbesitzer Lars, ist es zu verdanken, dass Charlotte am Ende der Geschichte bei sich selbst gelandet ist. Dabei sollte auch nicht der orange, übergewichtige Kater vergessen werden, der ihr zugelaufen ist und sie fast überall hin verfolgt und damit ihre Entscheidungen beeinflusst hat - wirklich ein magisches Tier :-)Neben lieben Kollegen gibt es natürlich auch jene, die über Charlotte herziehen und ihren beruflichen Einfluss eindämmen wollen. Karrieristin Sandrine ist so ein Fall, der in bester J.R.-Ewing-Manier den Spannungsbogen dieser witzigen wie emotionalen Story konstant hochgehalten hat. Besonders für Charlottes ehrlichen wie selbstironischen Umgang mit den eigenen Schwächen konnte ich mich während der Lektüre erwärmen. Zudem habe ich mich herrlich über den Nebencharakter Matilde amüsieren können, die nicht nur überzeugte Astrologin ist, sondern auch Scharlatan-Guru Gerard blind vertraute. Normalokoch Lars flogen ebenso meine Sympathien zu, da er es ernst mit Charlotte meinte und sie trotz ihrer Ausraster nicht ändern wollte. Kurzum, dieser erste Roman aus der Feder von Myriam Klatt hat mich rundum bestens unterhalten und herrlich vom Alltag abschalten lassen. Als Redakteurin und ehemalige TV-Reporterin bringt sie darüber hinaus im Bereich Medien eine Menge Erfahrung mit, was man dem Roman auch deutlich anmerkt.

FAZIT
Eine locker-leichte Frauenlektüre, die sich bestens für zwischendurch oder den Urlaub eignet und die Botschaft "Es ist egal, was andere denken, Hauptsache ist, du bist glücklich" vertritt.

Bewertung vom 11.03.2018
Generation Kohl
Hock, Andreas

Generation Kohl


ausgezeichnet

Bestseller-Autor und Sprachpurist Andreas Hock ist mit Bundeskanzler Helmut Kohl groß geworden. Geboren 1974, verbrachte er während Kohls Amtszeit (1982-1998) eine beschauliche Kindheit und Jugend in Bayern. Mit Wehmut denkt Hock heute noch an diese unbeschwerte Zeit ohne Internet, Terror, Markenkleidung und Globalisierung zurück. Damals hatte man noch Zeit und es herrschten Wohlstand wie Frieden. Die "Generation Kohl", zu der sich der Autor voller Stolz selbst zählt, habe zum netten Onkel aus Ludwigshafen aufgeschaut und dessen Bodenständigkeit geschätzt. Heimat- und Vaterlandsliebe, was heute bieder bis altbacken klingen mag, wurde noch groß geschrieben, so Hock.

Die synchrone Darstellung von Andreas Hocks Werdegang und Helmut Kohls Kanzlerschaft hat mich aufgrund der persönlichen Einblicke ins Private beider Personen begeistern können. Spannend sowie gesellschafts- und kulturhistorisch interessant schildert der Autor auf insgesamt 175 Buchseiten seine Beziehung zum Saumagenliebhaber und überzeugten Strickjackenträger. Ob der Einzug der sog. Gammler-Grünen in den Bundestag, die erste miterlebte Wahlkampfrede Kohls oder Hocks Erfahrungen als Erstwähler, Kanzler Kohl war stets im jungen Leben des Autors präsent, wenngleich in einer anderen Intensität als in der heutigen, medial überfrachteten Zeit. Denn Presse und TV berichteten damals noch zeitversetzt und nur selektiv von politisch relevanten Ereignissen. Zudem wurde Politikern zur damaligen Zeit, gerade mangels technischer Mittel, noch ein Privatleben zugestanden und dieses weniger ausgeschlachtet als es heute der Fall ist. Auch Äußerlichkeiten spielten eine untergeordnete Rolle. Kurzum, für Andreas Hock stellte die Kohl-Ära trotz des späteren Spendenskandals und anderer politischer Missgriffe eine rundum sichere wie erfüllende Periode dar, die darüber hinaus die Wiedervereinigung ermöglicht hat.

Als Fan von Andreas Hocks Literatur ist mir während der Lektüre natürlich die ein oder andere Anspielung auf dessen kritische Sprach- wie Gesellschaftsbücher (z. B. "Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?" oder "Günther hat sein Käsebrot fotografiert. 342 Freunden gefällt das") aufgefallen, was ich marketingtechnisch, aber auch inhaltlich gut nachvollziehen konnte :-)

LIEBLINGSZITATE
"Erstens setzten wir uns nicht den gesamten Abend wahllos vor die Glotze und zappten uns vollkommen ziellos erst durch die dreißig Sender unseres Kabelanbieters, um danach die weiteren sechzig Kanäle des sündteuren Pay-TV-Angebots durchzusehen, ob sich nicht doch irgendwo zwischen all dem Blödsinn wie der "Bachelorette", den "X-Diaries", Formaten wie "Köln 50667", diversen Super-Chart-Shows, dutzendfach ausgestrahlten Tatort-Wiederholungen, gescheiterten Auswanderern, kasernierten C-Prominenten oder einer von Kai Pflaume moderierten Unterhaltungsshow ein sehenswertes Dreiviertelstündchen verbarg." (S. 90)

"Ich (Andreas Hock) sehne mich auch deshalb zurück in jene Jahre, als selbst die kurzlebigsten Trends länger Bestand hatten als heute, der wechselnde Zeitgeist nicht die alleinige Richtschnur unseres Handelns darstellte un ein zwei Kilometer langer "Trimm dich"-Pfad ausreichte, um zu sich selbst zu finden." (S. 164)

FAZIT
Sehr persönliche Hommage an die Kohl-Ära, die sowohl Leser der "Generation Kohl" als auch Geschichtsfans gelesen haben sollten.

Bewertung vom 06.03.2018
Yasemins Kiosk
Antons, Christiane

Yasemins Kiosk


sehr gut

INHALT
Polizistin Nina wurde wegen Handgreiflichkeiten von ihrer Wuppertaler Dienststelle suspendiert, verkauft es aber im Bekanntenkreis als Sabbatical. Offiziell kehrt sie in ihre Heimatstadt Bielefeld zurück, um ihre bipolare Mutter zu pflegen. Doch diese Zweck- und Wohngemeinschaft ist nur von kurzer Dauer und Nina sucht sich eine eigene Bleibe. In der smarten, wenn auch agoraphoben Vermieterin Dorothee und in der quirligen Kioskbesitzerin Yasemin findet Nina bald schon zwei waschechte Freundinnen. Als dann eines Tages eine Leiche im Papiercontainer vor Ninas Wohnung auftaucht, beginnt die Polizistin a. D. gemeinsam mit ihren Neufreudinnen verdeckt zu ermitteln.

MEINUNG
Mit "Yasemins Kiosk" ist der Autorin Christiane Antons ein wirklich unterhaltsamer Krimi gelungen, der nicht nur in der "Geisterstadt" Bielefeld spielt, sondern auch drei starke Frauen porträtiert.

Die drei Protagonistinnen des Romans könnten verschiedener nicht sein. Nicht nur altersmäßig, sondern auch in Hinblick auf ihren Lebensstil und ihren Beruf sind Dorothee (alleinstehende, gemütliche Übersetzerin), Nina (etwas herbe Ex-Polizistin mit Bindungsangst) und Yasemin (lebenslustige Alleskönnerin mit Migrationshintergrund) komplett unterschiedlich. Doch alle haben das Herz am rechten Fleck und helfen einander in jeder Lebenslage. Der Mordfall lässt sie noch stärker zusammenwachsen. Während die regionale Polizei, vertreten durch den hartnäckigen und attraktiven Tim Brüggentheis, den Fall schnell zu den Akten gelegt hat, ermitteln die drei Frauen heimlich weiter. Doch es ist nicht nur dieser Fall allein, der die drei Hobbydetektivinnen bei Laune hält. Yasemin wird zudem von einem unbekannten Stalker verfolgt und beschenkt.

Das Besondere an Antons Debüt ist die regionale Komponente. Die Bielefelder Schnauze und Lebensart samt Fußballverrücktheit und Kioskkultur wird hier eins zu eins abgebildet und damit authentisch vorgelebt. Die locker-ehrliche und gut lesbare Erzählweise passt perfekt zum Handlungsort und Menschenschlag. Darüber hinaus hat die Autorin mit all ihren Haupt- und Nebenfiguren wahrhafte Typen mit Ecken und Kanten, d. h. Stärken und Schwächen, geschaffen - also Menschen, wie du und ich.

Die Kriminalgeschichte ist eher dem Cosy Crime zuzuordnen und verläuft nahezu unblutig. Der Spannungsbogen erreicht seinen Höhepunkt erst gegen Ende des Buchs, das m. E. mehr von den darin enthaltenen Figuren und von deren Geschichten als vom Kriminalfall dominiert wird. Allein die drei lebensechten Powerfrauen sind es wert, diesen Roman zur Hand zu nehmen.

FAZIT
Ein Debüt mit Charakter, das m. E. eine Fortsetzung verdient hat und sich nicht nur für bibliophile Bielefeldfans lohnt.

Bewertung vom 27.02.2018
Die Akte Baader
Schweizer, Stefan

Die Akte Baader


ausgezeichnet

Andreas Baader (1943-1977) ist die zentrale Figur des RAF-Terrors in den 70er-Jahren gewesen. Der geltungssüchtige, gewaltbereite und cholerische Münchener wuchs ohne Vater auf und eckte bereits in seiner Jugend überall an. Von keiner Person, nicht einmal von seiner Mutter, ließ er sich etwas sagen und verließ das Gymnasium nach mehreren Schulverweisen ohne Abschluss. Schon damals war der ewig unstete Baader ein Rebell. Nach einer kurzen Stippvisite in der Münchener Kunstszene zog es ihn nach Berlin, in die Kommune I. Angestachelt durch die 68er-Bewegung wollte auch er, der beruflich keinerlei Ehrgeiz erkennen ließ, etwas bewegen und sich gegen das Establishment auflehnen. Als dann noch die USA den Vietnamkrieg begannen, gab es kein Halten mehr. Gemeinsam mit seiner intellektuellen Lebensgefährtin Gudrun Ensslin wollte er Taten sprechen lassen und setzte 1968 mit ihr das Kaufhaus Schneider in Frankfurt in Brand. Auch wenn das deutsche Pendant von Bonnie und Clyde daraufhin schnell gefasst und inhaftiert wurde, den Revolutionswillen bzw. der Gewaltbereitschaft der Gründungsmitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, eine militärische Ausbildung in Israel und diverse Straftaten mit selbst hergestellten Bomben in der BRD folgten…

Soweit dürfte die Geschichte hinlänglich bekannt sein. Das Besondere an Stefan Schweizers Fassung ist dessen Aufbereitung als biografischer Kriminalroman. Spannend und faktenbasiert schildert er darin Andreas Baaders Lebensweg, der ihn letztendlich in den Terror führte. Unklarheiten und Fehlstellen innerhalb der RAF-Historie wurden vom Autor derart fachmännisch und realitätsnah beseitigt bzw. ausgefüllt, dass eine flüssig und ungemein interessante Story entstanden ist. Und er zeigt damit, dass Zeitgeschichte mehr als graue Theorie sein kann. Zudem schaut Schweizer hinter die charismatische Macho- bzw. Revoluzzeraura von Andreas Baader und entdeckt dabei eine stets getriebene, schwer drogenabhängige Person, die immer im Mittelpunkt stehen wollte. Mehr noch, Baaders verbale und physische Entgleisungen werden ebenso ungeschönt und damit authentisch wiedergegeben wie sein Hang für Extreme und Monologe. Auf diese Weise kommt Stefan Schweizer der Person Andreas Baader m. E. extrem nahe und macht ihn für alle Leser, die diese Zeit nicht miterlebt haben, fassbarer.

FAZIT
Eine gelungene Adaption eines interessanten Stücks der deutschen Zeitgeschichte, die ich jedem Leser empfehle, der auf belletristischem Wege seine Geschichtskenntnisse erweitern möchte.