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Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 431 Bewertungen
Bewertung vom 16.12.2018
Meine Hormone - Bin ich ferngesteuert?
Wimmer, Johannes

Meine Hormone - Bin ich ferngesteuert?


ausgezeichnet

Bereits mit seinem Buch "Ein Schnupfen ist kein Beinbruch" konnte mich der sympathische norddeutsche Dermatologe und TV-Arzt Dr. Johannes Wimmer von sich überzeugen. Denn er schafft es wie kein Zweiter, komplizierte medizinische Zusammenhänge und Begriffe allgemeinverständlich und heiter, unter Verwendung vielfältiger Alltagsbeispiele, zu erklären. Kurzum, das übliche unverständliche Fachchinesisch findet der Leser hier nicht. Vielmehr wird er kurzweilig über die Bedeutung von Hormonen für den menschlichen Körper sowie die bekanntesten Hormonarten (Melatonin, Serotonin, Insulin, Testosteron, Cortisol usw.) aufgeklärt. So erfährt man beispielsweise, dass die Entdeckung der Hormone erst 100 Jahre zurückliegt und bisher nur 100 verschiedene Hormonarten bekannt sind. Diese kleinen geheimnisvollen Botenstoffe beeinflussen nicht nur unseren Stoffwechsel, sondern auch unsere Entwicklung. Das umfangreiche Wirkungsspektrum der Hormone ist einfach faszinierend. Mir hat es zudem gefallen, dass Wimmer in jedem Kapitel die normalen Hormonwerte im Blut beziffert und allerlei Ratschläge im Fall von Über- und Unterversorgung gegeben hat. Dementsprechend kam auch das Schlusskapitel, das als kleine "Hormonsprechstunde" angelegt wurde, gut an. Wer sich darüber hinaus noch mit der Thematik beschäftigen möchte, dem sei das ausführliche Literatur- und Adressverzeichnis empfohlen.

FAZIT
Ein locker-leichtes Medizinbuch, das sich bestens als Einstiegslektüre zum Thema Hormone bzw. Endokrinologie eignet. So macht Medizin Laune. Ich werde nun auf jeden Fall einmal einen Blick auf Dr. Wimmers Videoblog werfen.

Bewertung vom 12.12.2018
Mein Kopf gehört mir
Meckel, Miriam

Mein Kopf gehört mir


ausgezeichnet

Die Journalistin und Professorin für Kommunikationsmanagement Miriam Meckel setzt sich schon lange mit dem Einfluss der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung auf unser Leben auseinander. In ihrem neuesten Buch "Mein Kopf gehört mir" geht es um unser Gehirn und dessen Optimierung, auch Brainhacking genannt. Im Silicon Valley werden nahezu täglich neue Methoden und Verfahren ersonnen, um unsere Denkleistung zu steigern. Die Autorin ist deswegen extra in die USA gereist, um dort an wissenschaftlichen Experimenten, wie z. B. dem Neuro-Enhancement mittels Stromstößen bzw. Medikamenten (Ritalin, Modafinil usw.), teilzunehmen. Doch ihre persönlichen Erfahrungen waren ernüchternd. Die getesteten Hirndopingmethoden gingen mit Kopfschmerzen, Übelkeit und Überreizung statt mit Leistungssteigerung einher. Als Leser fragt man sich dabei nicht nur einmal, muss das denn alles sein? Wir sind doch keine Maschinen/Computer oder etwa doch? Die Crux an der ganzen Geschichte ist folgende Tatsache: Während PCs immer mehr vermenschlicht, gar emotionalisiert werden sollen, ist man dabei, das Hirn immer mehr auf Maschine, sprich auf effizientere Leistungen, zu trimmen. Und nichts anderes tun wir, indem wir uns Geräte bzw. Apps zum Selftracking zulegen und uns damit getreu dem unheilvollen Motto "Erscanne dich selbst!" (S. 105) immerfort selbst überwachen und zu höheren Leistungen treiben. Am gruseligsten empfand ich dabei den teilweise schon experimentell erprobten Versuch, Hirn und Computer durch Hirnimplantate, sog. Neuralinks, miteinander zu verschalten. Das hat mich sofort an Frankensteins Monster denken lassen. Und wo zieht man bei diesem Verfahren die Grenze zwischen Selbst- und Fremdbestimmung? Ich bin wie Meckel gespannt auf die Zukunft und hoffe auf eine harmonische Einheit zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz.

Mich hat Meckels ungemein aufschlussreiches wie offenes Sachbuch sehr nachdenklich gestimmt. Ihre scharfsinnigen Ausführungen sind Realität und gerade das macht diese teilweise so schwer verdaulich. Abermals fragt man sich doch: Quo vadis schöne neue Welt?

Bewertung vom 10.12.2018
Die seltsamsten Orte der Antike
Zimmermann, Martin

Die seltsamsten Orte der Antike


ausgezeichnet

Der Münchener Althistoriker Martin Zimmermann liebt sein Fach und kennt sich bestens damit aus. Daher verwundert es nicht, dass er nun eine Sammlung der "seltsamsten antiken Orte" herausgebracht hat. Gemeinsam mit dem historisch interessierten Leser geht er dabei auf eine eigenwillige Rundreise durch die antike Welt. Die ausgewählten Lokalitäten sind einerseits bekannt (z. B. die Hängenden Gärten von Babylon oder das Serapeion in Alexandria) und andererseits völlige Neuentdeckungen (z. B. Städte wie Helike und Olympos).

Als studierte Altertumswissenschaftlerin zog mich die Materie schnell in ihren Bann. Mit Neugier und Freude ging ich an die Lektüre und habe sogar noch einige neue, zumeist überraschende Aspekte dazulernen können. Zimmermanns ausgesprochene althistorische Expertise verbunden mit seinem kurzweiligen Schreibstil hat mir sehr imponiert. Nahezu spielerisch vermag er beim interessierten Leser Interesse für längst vergangene Zeiten und Orte zu entfachen. Die Kapitel über römische Latrinen und Antinoopolis konnten mich am meisten überzeugen. Darüber hinaus will Zimmermann den Leser nicht belehren, sondern einfach gut unterhalten und zum Staunen bringen. Mit seinem Buch zeigt er, dass es immer schon Kurioses bzw. Seltsames auf der Welt gegeben hat, was man sich nicht erklären konnte. Auch die z. T. recht übersichtliche Quellenlage lässt er nicht unerwähnt. So wissen wir zwar, dass es in Rom beispielsweise die Porta Triumphalis gegeben hat, aber wo sich diese genau befunden hat, kann bis heute nicht wirklich eruiert werden. Zudem sind die Berichte der antiken Dichter und Schriftsteller oft tendenziös und damit nur bedingt von Nutzen. Nichtsdestotrotz hat mir Zimmermanns antikes Panoptikum spannende Lesestunden beschert. Das einzige Manko stellte die fehlende Liste mit weiterführender Sekundärliteratur dar. Die antiken Schriftquellen wurden hingegen umfassend aufgeführt. Abschließend soll noch der liebevoll illustrierte Glanzeinband gewürdigt werden, welcher das Buch zu einer wahren Preziose macht.

FAZIT
Eine spannende Reise quer durch die damals bekannte Welt, bei dem eine Kuriosität die nächste abwechselt. Auf diese Weise weckt man auch bei der jungen Generation das Interesse für die Antike. Weiter so!

Bewertung vom 09.12.2018
Verschlusssache Karlsruhe
Darnstädt, Thomas

Verschlusssache Karlsruhe


sehr gut

Einmal einen Blick hinter die Kulissen des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe werfen zu dürfen, das hat sich wohl schon so jeder interessierte Mitbürger einmal gewünscht. Der Jurist und Journalist Thomas Darnstädt macht dies möglich. Für den Spiegel hat er jahrelang von den Karlsruher Urteilen berichtet und dabei allerhand Aktenmaterial studiert. Was ihm dabei in die Hände fiel, war z. T. recht aufschlussreiche richterliche wie bundespolitische Korrespondenz. Von den Anfängen nach 1945 bis hin zum Streit um den § 218 erzählt Darnstädt die Geschichte des obersten deutschen Gerichts nach. Hierbei greift er auf bekannte Urteile (u.a. KPD-Verbot oder die Spiegel-Affäre) zurück, um den kleinteiligen Wahrheitsfindungsprozess der damaligen Richter nachvollziehen zu können, der trotz des Unabhängigkeitsanspruchs in den frühen Jahren noch oftmals staatspolitisch beeinflusst wurde.

Wer sich dieser Lektüre annimmt, braucht einen langen Atem. Denn die Stellungnahmen, Handaktennotizen wie Urteile sind alles andere als leicht verständlich. Obschon Darnstädt alles Wichtige zusammenkürzt, muss man als Leser stets aufmerksam sein, wird dafür aber mit direkten Einblicken in die Wirkmechanismen und Arbeitsabläufe des Bundesverfassungsgerichts im Wandel der Zeit entlohnt. Als Leser merkt man schnell, wie viel kleinteilige Arbeit in diesem Sachbuch steckt. Chapeau, wer da als Autor den Überblick zu wahren weiß.

FAZIT
Keine leichte Lesekost, die sich aber wegen der gerichtlichen wie zeithistorischen Aspekte zu lesen lohnt.

Bewertung vom 25.11.2018
Deutschland hat ausgelernt
Kröning, Anna

Deutschland hat ausgelernt


ausgezeichnet

Die Journalistin Anna Kröning schlägt in ihrem 320-seitigen Statusbericht zum Thema Integration an deutschen Schulen ungewohnt offene wie kritische Töne an. Was andere gern verschweigen bzw. schönreden, bringt sie kurz und prägnant auf den Punkt. Im Kern geht es um die Beschulung und Ausbildung von Flüchtlingen von 2015 bis heute. Und was die Autorin dabei offenlegt, gleicht einem einzigen Dilemma. Der ganze Schulbetrieb sei marode, so Kröning, weil Gelder fehlten. Das sieht man nicht nur an den sanierungsbedürftigen Gebäuden, sondern auch an der mehr als knapp bemessenen Personaldecke. Sprich, es mangelt an Lehrern und dabei vor allem an gut ausgebildeten DaF/DaZ-Lehrern. Zudem gibt es bis heute kein einheitliches Programm für Schüler mit Migrationshintergrund. Hier entscheiden die jeweiligen Bundesländer über Schulpflicht, zusätzlichen Sprachunterricht und Regelunterricht. Während in den südlichen Bundesländern gemischte Schulklassen dominieren, gibt es in Problembezirken wie Neukölln, Essen usw. sog. Brennpunktschulen mit eigenen Ausländerklassen. Doch nicht nur in diesen "Spezialklassen" geraten Lehrer an ihre Grenzen, weil sie neben sprachlichen Defiziten auch soziale aufarbeiten müssen. Kurzum, das Bildungssystem ist mit den Flüchtlingen, die häufig ohne Zeugnisse und Vorbildung nach Deutschland gelangen, überfordert. Dies beklagen unzählige Lehrer, Sozialarbeiter usw., die Kröning im Rahmen ihrer Studie befragt hat. Diese prekären Verhältnisse im Bildungssektor sind nicht nur aus der Länderstruktur erwachsen, sondern vor allem aus der politischen Ohnmacht bzw. Unkenntnis der Situation und Lage. Denn nicht nur die staatlichen Schulen sind mit Integration, Inklusion sowie den zurückgehenden schulischen Leistungen der deutschen Schüler mehr und mehr überfordert, sondern auch die weiterführenden Berufsschulen. Hier scheitern viele motivierte junge Flüchtlinge an der Fachsprache ihres Ausbildungsgangs und brechen trotz sehr guter praktischer Leistungen ihre Lehre bzw. Ausbildung ab.

Alles in allem hat mir Krönings Lektüre die Augen für das unermessliche Ausmaß dieser "Bildungsmisere" geöffnet. Ich kannte bisher nur Versatzstücke der schulischen Integrationsproblematik und weiß nun, wie gravierend die Problemlage doch ist. Dementsprechend sollte Krönings Abschluss, ein 12-Punkte-Plan für ein besseres Schulsystem, vor allem von deutschen Bildungspolitikern gelesen und verstanden werden.

FAZIT
Eine wachrüttelnde Lektüre, die nachdenklich stimmt und eindeutig zum aktiven Handeln aufruft. Denn die Bildung ist ein hohes Gut und sollte in Zukunft nicht aufs politische Abstellgleis geraten.

Bewertung vom 18.11.2018
Geboren als Frau - Glücklich als Mann
Flütsch, Niklaus; Eichenberger, Ursula

Geboren als Frau - Glücklich als Mann


ausgezeichnet

Nichts lässt darauf schließen, dass der Schweizer Gynäkologe Dr. Niklaus Flütsch (*1964) einmal eine Frau gewesen ist.
Doch diese Zeit liegt gar nicht so lang zurück. Erst spät, mit 46 Jahren, entschied sich Bettina Flütsch für die Transition zum Mann. Davor hatte sie einfach nicht den Mut und kämpfte unentwegt gegen die inneren Zweifel und Komplexe an. Bereits mit 4 Jahren war Bettina bewusst, dass sie lieber ein Junge geworden wäre, was ihre Eltern aber nicht ernst nahmen. Und Bettina, die seit klein auf als Wildfang galt und gern mit Jungs auf Bäume kletterte, fügte sich trotz ihrer Transidentität in ihr Leben als Mädchen. Bis zur Pubertät schaffte sie es auch, sich mittels Sport und Schule abzulenken. Doch dann wurde sie zunehmend depressiv und magersüchtig, wollte die neuen weiblichen Formen einfach nicht annehmen. Infolge fühlte sie sich zu Frauen hingezogen und nahm ehrgeizig ein Medizinstudium auf. Doch die Zweifel und das Wissen, anders zu sein, fraß sie zunehmend innerlich auf. Immer mehr kam ihr ihr Leben als ein Theaterspiel, in dem sie nur noch regierte statt agierte, vor. So kam es, dass sie in der Mitte ihres Lebens für sich feststellte, nicht mehr länger im falschen Körper leben zu können und infolge eine Hormontherapie auf sich nahm. Die schrittweise Umwandlung zum Mann mit all seinen Begleiterscheinungen (Stimme, Körperbehaarung etc.) wurde für Bettina, die sich nun Niklaus nennt, zum Triumph. Endlich kann sie sich frei entfalten und fühlt sich wohl.

Das vorliegende Buch beschreibt diese intensive Zeit, d.h. den Wandel von Bettina zu Niklaus, tagebuchartig, wobei sich die Einträge in Länge, Zeit und Verfasser stark unterscheiden. Einmal spricht Bettina, dann wieder Niklaus bzw. Familienmitglieder, Freunde und Partner über den Identitätswandel. Zudem ist der Text nicht chronologisch geordnet, sondern eher sprunghafter Natur; was auch Bettinas bzw. Niklaus' innere Zerrissenheit zwischen den Geschlechterrollen/-identitäten widerspiegelt.
Mir hat besonders Niklaus Flütsches Mut imponiert, über diese doch immer noch tabuisierte Thematik zu sprechen und dabei kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Offen und ehrlich werden Erfolgserlebnisse wie Rückschläge in der Zeit von 2009 bis 2013 geschildert. Das Persönliche gepaart mit der medizinischen Expertise macht dieses Buch so wertvoll. Darüber hinaus empfand ich Niklaus' privates wie berufliches Happyend als großartiges Buchende. Und wer mehr über die Thematik Transition erfahren möchte, dem sei das prägnante, aber informative Glossar ans Herz gelegt.

FAZIT
Ein wirklich mutiges Tagebuch zum Thema Transgender bzw. Transidentität.

Bewertung vom 18.11.2018
Überleben unter Kollegen
Fischedick, Mathias

Überleben unter Kollegen


ausgezeichnet

Der Autor Mathias Fischedick arbeitet seit zehn Jahren als Jobcoach für Angestellte und Führungskräfte. Vorher war er TV-Producer. Kurzum, er kennt sich bestens mit den unterschiedlichen Kollegentypen, die einen im Arbeitsalltag begegnen können, aus. Der Buchtitel "Überleben unter Kollegen" geht auf die gleichnamige, im Februar 2018 gestartete Radioserie auf MDR Jump und Antenne Bayern zurück.

Das vorliegende Buch ist keine staubtrockene Ratgeberlektüre, sondern eine "humorvolle Bestandsaufnahme" (S.16). Letztere gliedert sich in drei Teile. Zuerst werden überblicksartig die häufigsten Kollegentypen beschrieben, wobei der Autor auf eine fiktive Firma mit ebensolchen Mitarbeitern zurückgreift. Der zweite Teil befasst sich mit den sog. Spielregeln und Werten eines jeden Kollegen und deren Umsetzung im Alltag. Sprich, inwiefern uns unsere Erziehung und Umgebung prägt. Hier lernt jeder, warum sich ein Kollege sich so verhält, wie er es nun einmal tut. Zum Abschluss geht es um das richtige Miteinander. D.h., um eine friedliche wie produktive Zusammenarbeit. Hierfür hat sich Fischedick das sog. WOW-Prinzip ausgedacht. Das Akronym steht für Wahrnehmung, Offenheit und Wertschätzung - allesamt unerlässliche Grundpfeiler.

Mich konnte Fischedick mit seinem unterhaltsamen Werk vollends überzeugen. Der allgemeinverständliche und ironische Sprachstil gepaart mit den lustigen Zeichnungen/Kollegen-Karikaturen machten die Lektüre leicht. Besonders das WOW-Prinzip hat mir imponiert. Und ich erachte es als nachahmenswert, weil es in pointierter Form Tipps für ein besseres kollegiales Miteinander liefert und sich ganz einfach umsetzen lässt; natürlich muss man auch dazu bereit sein. Ich bin es auf jeden Fall. Denn wer etwas verändern will, der fängt erst einmal bei sich selbst an und schaut danach auf andere sowie unterstützt den offenen Austausch untereinander. Das bedeutet auch, dass niemand trotz seiner Schrulligkeit etc. ausgeschlossen werden sollte. Denn ein buntes Kollegenteam, das Spaß an der Arbeit hat und glücklich ist, wirkt sich erfahrungsgemäß positiv auf Produktivität, Kreativität und Qualität aus.

FAZIT
Fischedick zeigt, dass "Überleben unter Kollegen" ganz einfach sein kann und die gemeinsame Zeit auf Arbeit einfach zu kurz und zu kostbar ist, um sich gegenseitig zu bekämpfen bzw. kleinzumachen.

Bewertung vom 11.11.2018
Das Geheimnis der Zuckerbäckerin
Jasmund, Birgit

Das Geheimnis der Zuckerbäckerin


ausgezeichnet

"Das Geheimnis der Zuckerbäckerin" ist der zweite Roman aus der Feder von Birgit Jasmund, den ich bisher gelesen habe. Und wieder einmal wurde ich nicht enttäuscht.

INHALT
Die 22-jährige Magd Christiane Johanni wird von einen auf den anderen Tag mittellos. Und das nur weil sie lieber in der Backstube als im Haushalt der Radebeuler Familie Mingel mitgearbeitet hat. In ihrer Not trifft Waise Christiane auf den nichtsnutzigen Edelmann Emilius von Kobsdorff. Dieser bietet ihr an, an einem Experiment teilzunehmen, das widerlegen soll, dass Adel angeboren bzw. vererbbar ist. Die junge Frau lässt sich auf das spannende Abenteuer ein und wird nun offiziell als Cousine von Emilius geführt. Das Große Campagement (= militärisches Manöver um 1730 in Dresden) gerät zu ihrer Feuertaufe. Wird der Schwindel auffliegen oder Emilius' Plan glücken?

MEINUNG
Birgit Jasmund ist eine versierte Romanautorin. Die Geschichte um die tüchtige wie bauernschlaue Magd Christiana, die von einer Bäckerkarriere träumt, las sich ausgesprochen leicht und unterhaltsam. Spielerisch vermischt Jasmund darin Fiktion und Wirklichkeit miteinander. Die Hauptprotagonistin Christiana ist einen von Anfang an sympatisch, weil sie es nicht leicht im Leben hat und trotzdem nicht verzweifelt, sondern lebensfroh agiert. Innerhalb des Plots erfährt sie am eigenen Leib die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Stände des 18. Jh.s. Und trotz allem kann sie auf beiden Seiten Freundschaften knüpfen; peinliche Momente, gerade als Adlige, inklusive. Doch letztendlich steht sie ihre Frau, obgleich höfische Intrigen und eine Entführung ihr zusetzen. Das vollmundige Happyend hat die abenteuerliche wie spannende Lektüre stimmig abgerundet.

Sprachlich bediente sich die Autorin den Strömungen bzw. Dialekten der damaligen Zeit und hat damit genau den richtigen Ton getroffen. Infolge flog man als Leser regelrecht über die Seiten.

Die geschichtliche Komponente hat die Autorin bei aller Sympathie für ihren Hauptcharakter allerdings nie vernachlässigt. Im Gegenteil. Wer einmal einen ersten Einblick in die damaligen absolutistischen Verhältnisse in Preußen und Sachsen gewinnen möchte, der sollte zu diesem Buch greifen. Vor allem das sog. Große Campagement wird hierbei eingehend betrachtet.

Darüber hinaus steht das Bäckerhandwerk im Fokus der Erzählung. Christiana hat zwar nie eine Lehre absolviert, sich aber durchs Zuschauen und heimliche Nachbacken allerhand angeeignet. Besonders die Herstellung des Dresdner Striezels hat es ihr angetan. Durch ihre Leidenschaft lernt sie zudem den jungen Bäckermeister Adrian kennen und eine zarte Romanze entspinnt sich.

FAZIT
Ein durchweg mitreißender Historienroman mit einer weiblichen Heldin, die Standesunterschiede überwindet.

Bewertung vom 29.10.2018
Hemingway und ich
McLain, Paula

Hemingway und ich


gut

Von Paula McLains Roman über die hochemotionale Liebesgeschichte zwischen den Schriftstellern Martha Gellhorn und Ernest Hemingway hatte ich mir im Vorhinein wesentlich mehr erhofft, als ich letztendlich bekommen habe.

Die Amerikanerin Martha Gellhorn, genannt Martha, ist 28, als sie sich in ihr zehn Jahre älteres und bereits verheiratetes Idol Ernest Hemingway verliebt. Gemeinsam berichtet man aus Madrid vom Spanischen Bürgerkrieg und lernt sich inmitten von Feuergefechten und konspirativen Kneipenabenden erst richtig kennen und lieben. Doch bis aus Martha die neue Mrs Hemingway wird, vergehen Jahre. Jahre, in denen man sich monatelang nicht sieht bzw. eigenen Projekten nachjagt. Hinzu kommt, dass Ernests literarisches Talent ihr lange Zeit die Luft abschnürt, sie Konkurrenzverhalten entwickeln lässt. Beide sind unabhängige wie abenteuerlustige Geister und leben vor allem für ihre Kunst. Die gemeinsame Ehe wird dadurch mehr und mehr zur Zerreißprobe. Hemingways Trunksucht trägt ebenso ihren Anteil am letztendlichen Scheitern dieser kongenialen wie hoch aufgeladenen Verbindung.

Paula McLains Porträt dieser Amour fou konnte mich erst im letzten Drittel so richtig von sich überzeugen. Davor wurde mir zu stark auf die damalige weltpolitische Lage (Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg) eingegangen und im Fall von Martha Gellhorn immer wieder die gleichen sprunghaften Seelenzustände zitiert. Infolge zog sich der Plot an einigen Stellen sehr. Obgleich bei diesem Prosawerk einige Originalquellen verwendet wurden, so konnte mich McLains Melange aus Fiktion und Wirklichkeit leider nicht 100%ig von sich überzeugen. So emotional die Beziehung zwischen beiden auch gewesen sein mag, im Verlauf der Handlung kam dies leider nur an wenigen Stellen zum Tragen. Martha Gellhorns Unerschrockenheit vor der Kriegsberichterstattung und ihre diesbezügliche journalistische Gabe sind hingegen sehr realistisch herausgearbeitet worden. Auch die Widersprüchlichkeit der beiden Charaktere - Gellhorn und Hemingway - wurde gut eingefangen. Die wirkliche Stärke von McLains weiblicher Hauptprotagonistin erschloss sich leider erst gegen Ende der Story, das mir zudem etwas zu abrupt ablief.

FAZIT
Ein solider Roman, der allerdings nicht an McLains "Lady Africa" heranreicht.

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Bewertung vom 25.10.2018
Ein scheinbar perfektes Leben
Hunziker, Michelle

Ein scheinbar perfektes Leben


gut

Man kennt die Schweizerin Michelle Hunziker (*1977) als lockere und stets lächelnde TV-Moderatorin. Doch das war nicht immer so. In ihren Zwanzigern fühlte sie sich trotz der Ehe mit dem italienischen Schmusebarden Eros Ramazotti zunehmend einsam und unsicher. In dieser Zeit vertraute sich der charismatischen Sektenführerin Clelia an, die Michelle Stück für Stück für ihre Tuenda-Bewegung vereinnahmte und manipulierte. Das aufstrebende Starlet fühlte sich in der Sekte geborgen, empfand sie gar aufgrund ihrer schwierigen Kindheit als zweite Familie. Daher merkte sie erst recht spät, wie sie von der Sekte fremdbestimmt und ihr ein neuer "reiner" Lebensstil (vegane Ernährung, kein Alkohol, weiße Kleidung usw.) aufdiktiert wurde. Nach 5 Jahren spiritueller Selbstfindung war es Aurora, Michelles Tochter, welche die Fernsehgröße zum Umdenken und letztendlich zum Austritt aus der Sekte brachte.

Michelle Hunzikers Erfahrungsbericht las sich durchaus interessant, wurde aber mit zu viel esoterische Begrifflichkeiten und Denkmodellen überfrachtet. Dementsprechend gab es einige weitschweifige und redundante Passagen über Energieflüsse, Kanäle etc., bei denen ich einfach weiterblätterte. Die Minderwertigkeitskomplexe und die damit leichte Verführbarkeit der jungen Michelle wurde hingegen gut nachvollziehbar beschrieben. Man konnte sich also gut in das Schicksal der Autorin hineinversetzen.

FAZIT
Ein interessanter Einblick in die Sektenthematik, von dem ich mir allerdings mehr Persönliches und weniger Spiritualität gewünscht hätte.