Benutzername: seschat
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Insgesamt 343 Bewertungen
Bewertung vom 22.10.2017
The Track - Auf Umwegen zur Extremläuferin
Wefelnberg, Brigid

The Track - Auf Umwegen zur Extremläuferin


ausgezeichnet

Brigid Wefelnberg liebt es an die eigenen Grenzen zu gehen. Die gebürtige Amerikanerin lebt seit Jahren in Deutschland, hat zwei Töchter und arbeitet Vollzeit bei einer indischen Softwarefirma. Neben der Arbeit noch Zeit für den Sport zu finden, ist alles andere als ein Kinderspiel. Doch Brigid findet Mittel und Wege, um ihre Leidenschaft für Extremläufe, d.h. Läufe jenseits der 100 km, zu auszuleben. So geht sie den täglichen Weg zur Arbeit zu Fuß, nimmt Treppen statt Aufzug und rennt am Wochenende bis zu 8 Stunden durch und um Freiburg herum.

Für viele ist der klassischen Marathon über eine Distanz von 42,195 km bereits ein Abenteuer, nicht so für Brigid. Sie fängt erst dann an zu rennen, wenn andere längst die Segel streichen oder schon im Vorfeld klein beigeben. Ob TransPyrenea, Liwa Challenge, Gobi Challenge oder The Track, Ultramarathons sind ihre Passion und ihr Antrieb. Hier, inmitten der Wildnis bzw. inmitten endloser Wüste, streift sie alle Annehmlichkeiten der deutschen Komfortzone ab und wird 100% eins mit der Strecke. Für diese Extremläufe bereitet sie sich akribisch vor (Schuhe, Listen, Rucksack, Lebensmittel etc.) und überlässt nichts dem Zufall. Denn Ungeziefer, Krankheiten, Verletzungsrisiken und Klimaunterschiede lauern überall. Aber das schert die lebenslustige Kämpferin Brigid nicht, im Gegenteil, diese unwirtlichen Zustände fordern sie heraus.

Mich haben die grundehrlichen Einblicke in die Extremläuferszene immens beeindruckt. Vor allem vor Brigids Teilnahme am legendären australischen Track ziehe ich den Hut. Spätestens dann, wenn sie ihre Schmerzen bzw. Strapazen weglacht bzw. humorig kommentiert, hat sie jeden, auch den skeptischsten, Leser für sich eingenommen.

Lieblingszitat:
"Adventure may hurt you, but monotony will kill you." (S. 17)

FAZIT
Inspirierende wie motivierende Lektüre über eine Ausnahmesportlerin, die authentisch von ihren Erfahrungen als Extremläuferin berichtet.

Bewertung vom 22.10.2017
Papa ruft an
Bielendorfer, Bastian

Papa ruft an


sehr gut

Der 33-jährige Comedian und Autor Bastian Bielendorfer ist durch eine harte Schule gegangen, denn beide Elternteile waren Deutschlehrer und haben ihr einziges Kind als Studienobjekt betrachtet; was diese m. E. sogar heute noch tun.

Wie in seinen bisher veröffentlichten Büchern geht es auch im neuesten Werk um Bielendorfers spezielle Eltern-Kind-Beziehung, wobei dieses Mal der hochintelligente, aber auch maulfaule und wenig alltagstaugliche Vater im Mittelpunkt steht.

In launiger Weise nimmt der Autor nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch sich selbst ordentlich aufs Korn. Dabei werden u.a. einstige Familienurlaube, misslungene Kochversuche des Vaters als auch gemeinsame Gassigänge mit den Familienhunden thematisiert.

Im Vergleich zum Vorgängerband "Mutter ruft an" empfand ich das nunmehr vierte (Familien-)Buch als inhaltlich schwächer. Denn Überraschungen blieben aus und Altbekanntes wurde abermals durch den Kakao gezogen. Zudem waren die Schilderungen und Anekdoten über Bastian Bielendorfers Mutter wesentlich spannender und insgesamt unterhaltsamer als die väterlichen Eskapaden und Fehltritte.

FAZIT
Bielendorfers neuester Humor-Coup ist abermals ein Fest für die Lachmuskeln. Doch für die Zukunft wünsche ich mir neue Themen jenseits der ausgetretenen Familienpfade.

Bewertung vom 22.10.2017
Lob der Macht
Hank, Rainer

Lob der Macht


ausgezeichnet

Im Sachbuch „Lob der Macht“ wird das Thema „Macht“ in all seinen Erscheinungsformen informativ, höchst aktuell und allgemeinverständlich betrachtet.

Der Autor Rainer Hank, Jahrgang 1953, ist ein vielfach ausgezeichneter Wirtschaftsjournalist und bei der FAS tätig. Als solcher kennt er sich vortrefflich im ökonomisch-politischen Bereich aus, was die vorliegende Studie eindrücklich belegt, indem nicht nur ausführlich auf das autoritäre Machtverständnis des amerikanischen Präsidenten Donald Trump eingegangen wird, sondern auch auf die Eurofinanzkrise und deren Folgen sowie auf gescheiterte deutsche Topmanager (Martin Winterkorn, Thomas Middelhoff und Peter Löscher). Auch der Bereich Machtinszenierung wird spannend untersucht, indem die Inauguration von Kaiser Karl IV. mit der Amtseinführung von Donald Trump verglichen wird.

Die bekannte These - Macht macht sexy und korrumpierbar- ist nicht neu und hat in all den Jahren nicht an Bedeutung bzw. Wahrheit eingebüßt; schaut man sich beispielsweise Politiker bzw. führende Wirtschaftsgrößen an. Zudem sei Macht alles andere als statisch, sondern befeuere das Verlangen nach noch mehr Macht. Wenn Macht dann auch noch mit Empathie daherkomme, sei ihre Verführungskunst nahezu grenzenlos, so Hank. Ein Paradebeispiel für diesen Effekt ist die Wahl von Martin Schulz zum SPD-Parteichef und -Kanzlerkandidaten im Juni dieses Jahres.

Doch Hank denkt noch weiter. So setzt er sich kritisch mit den monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, auseinander. Denn hier bildet nur ein Gott das Machtmonopol und kann sich bei der Machtausübung nahezu alles erlauben.

Eigentum und Geld geben in kapitalistischen Systemen den Ton an. Allein der Wettbewerb vermöge hier einen Riegel vorzuschieben und die Macht nicht ausufern zu lassen, so der Autor. Zudem wird die Macht von Big Data und der Datenkrake Google kurz angeschnitten – m. E. eine mehr als fragwürdige Entwicklung.

Trotz allem muss ich Hank zustimmen, wenn er sagt, dass „[e]ine Welt ohne Macht (eine) arme Welt (wäre).“ Denn Fortschritt, Innovationen, Wohlstand erwachsen nun einmal aus Macht bzw. aus Macht einer oder mehrerer mächtigen Personen und deren Ideen.

Mein persönliches Highlight waren die Ausführungen zu literarischen Werken von Thomas Morus (Utopia) und Yuval Noah Harari (Homo Deus), die Rainer Hanke an passender Stelle in den Fließtext eingebunden hat.

FAZIT
Ein gelungenes, kurzweiliges Buch über Macht in der heutigen Zeit.

Bewertung vom 22.10.2017
Ein deutsches Mädchen
Benneckenstein, Heidi

Ein deutsches Mädchen


ausgezeichnet

Die Erzieherin Heidrun Redeker, heute Heidi Benneckenstein, ist 25 und lebt mit Mann und Sohn in München. Sie führt ein normales Leben, doch das war nicht immer so.

Denn Heidrun ist in einer Neonazi-Familie aufgewachsen und hat eine völkische Erziehung genossen. Ihre Kindheit und Jugend war anders. Sie wurde ohne Fernseher und Markenklamotten, dafür mit Ahnenpass, ideologischen Büchern (u. a. Autobiografien von Nazigrößen und Bildbände über den Zweiten Weltkrieg) und selbstgestrickter Kleidung groß. Der Vater war ein angesehener Betriebsinspektor, der seine vier Töchter streng nationalistisch unter Betonung deutscher Werte, wie z. B. Disziplin, Gehorsam, Fleiß und Heimatliebe, erzog. Aus seiner rechten Gesinnung machte er nie ein Geheimnis. Heidrun begann erst mit der Pubertät sich gegen den bestimmenden wie emotional kalten Vater aufzulehnen. Doch geprägt durch Ferienlager, die vom Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) oder der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) ausgerichtet wurden, und rechte Freundschaften schaffte sie den Absprung aus der rechten Szene nicht. Im Gegenteil, hier fand sie das, wonach sie sich so sehr sehnte, eine vermeintlich "verständnisvolle" und rebellische Ersatzfamilie. In der bayerischen Neonaziszene lernte Heidrun zudem ihren jetzigen Ehemann, Felix Benneckenstein, kennen, der damals noch als Liedermacher "Flex"Erfolge feierte. Doch unzählige, sinnentleerte Abende, bei denen man sich ohne Maß betrank und gegen Feinde wetterte bzw. gewalttätig wurde, und eine Fehlgeburt, führten bei der Autorin zum Umdenken. Gemeinsam mit ihrem Partner Felix schaffte sie mit 20 Jahren den Ausstieg aus der Szene und gründete gar die bayerische Aussteigerorganisation "Exit".

Heidrun Benneckensteins Buch ist ein durch und durch ehrlicher Erfahrungsbericht, der einen unverstellten Einblick in die heutige Neonazi-Szene und deren Begleitinstitutionen (Ferienlager, Jugendverbände etc.) liefert. Tagebuchartig hält die Autorin hierin Rückschau auf die ersten 18 Lebensjahre. Fassungslos bis verständnislos muss der Leser dabei miterleben, wie eine noch ungefestigte Person mehr und mehr in diese ach so "heile" Szene abrutscht und lange davon beherrscht wird.
Heidrun Benneckensteins offener wie mutiger Umgang mit diesem dunklen Kapitel ihres Lebens nötigt einerseits Respekt ab und macht andererseits betroffen.

FAZIT
Ein informativer Erfahrungsbericht, der unter die Haut geht und mehr als nachdenklich stimmt.

Bewertung vom 20.10.2017
Und wenn die Welt verbrennt
Scheler, Ulla

Und wenn die Welt verbrennt


ausgezeichnet

Wenn die Vergangenheit einen nicht loslässt
Die erfolgreiche Nachwuchsautorin Ulla Scheler hat nach ihrem hochgelobtem Erstling nun einen zweiten Roman mit dem Titel "Und wenn die Welt verbrennt" herausgebracht. Darin wird die Geschichte der beiden Einzelgänger Felix, einen talentierten Straßenmaler, und Alisa, einer Medizinstudentin, erzählt, die mit sich und dem Erwachsenwerden hadern.

Felix hat sein Abitur in der Tasche und in München mit ein BWL-Studium begonnen. Letzteres interessiert ihn nur am Rande, denn seine Leidenschaft gilt der Malerei. Auf Münchens Straßen fängt er täglich die Passanten und deren Charakter in Form von bunten Kreidebildern ein. Felix' besonderes Talent offenbart sich darin, dass er den fremden Menschen mit einem Blick in die Seele schauen kann. Dies ist auch bei Alisa der Fall. Die eigenbrötlerische Medizinstudentin lässt sich von ihm malen und erschrickt über Felix' unverstellten Blick in ihr Inneres. Erst nach einer gewissen Zeit begreift sie, dass Felix der Einzige zu sein scheint, der sie aus ihrer inneren Leere und von ihren Lebenszweifeln befreien kann. Im Laufe der Handlung erfährt man, dass es eine Geschichte aus der Vergangenheit ist, die ihr bis zum heutigen Tage zusetzt.

Es ist dieses ungemein spannend und effektvoll Vabanquespiel aus Hoffnung und Beklommenheit, das den Leser ab der ersten Seite fesselt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Die zarte, aufkeimende Liebe zwischen den beiden verletzten Seelen und Alisas ständige Flashbacks aus der Kindheit und Jugend bei ihren Pflegeeltern prägen die Story. Hierbei bedient sich Scheler auch des passenden Mittels des Erzählerwechsels. D.h., mal wird die Geschichte aus Sicht von Felix und mal aus Sicht von Alisa erzählt. Auf diese Weise kommt der Leser den beiden Hauptcharakteren sehr nah und kann mit ihnen mitfühlen und mitleiden. Die Gebrochenheit von Felix und Alisa, die sich gegenseitig stützten, und Schelers authentischer wie poetisierender Sprachstil machen dieses Buch so lesenswert.

FAZIT
Ein Wechselbad der Gefühle, das sich auf 432 Seiten entfaltet und den Leser bis zum letzten Wort in seinen Bann zieht. Eine absolut empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Jugendliche.

Bewertung vom 14.10.2017
Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag!
Greiner, Lena; Padtberg-Kruse, Carola

Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag!


ausgezeichnet

Die Autorinnen Lena Greiner und Carola Padtberg haben ein sehr humoriges Buch zum Thema "Helikoptereltern" bzw. "Curling-Eltern" geschrieben.

Auf insgesamt 224 Buchseiten geht es um überängstliche und überbesorgte Eltern, die ab der Geburt bis zur Ausbildung und sogar darüber hinaus ständig um den eigenen Nachwuchs kreisen und sogar ihr eigenes Leben ausschließlich aufs Kindeswohl ausrichten.

Während der Lektüre der Berichte und Schilderungen von Eltern, Erzieherinnen, Lehrern, Professoren und Ärzten ließ sich das ungläubige Kopfschütteln leider nicht vermeiden. Denn mehr als einmal wusste ich nicht so recht, ob ich über die beschriebenen Fälle lachen oder weinen sollte. Ich kann den Kinderpsychologen und Pädagogen nur zustimmen, die diese krankhaften Entwicklungen anprangern, da dabei mehr als unselbstständige Erwachsene herangezüchtet werden, die bei späteren Konflikten und Problemen hilflos bis überheblich agieren. Wenn einem alles von klein auf abgenommen wird und man nichts mehr selbst leisten muss, dann erachtete ich dies als brandgefährlich.

Sicher ist es amüsant, zu lesen, wie Väter sich bei Lehrern beschweren, dass das eigene Kind schlechte Noten bekommt oder um Verlegung eines Tests wegen eines Kindergeburtstags gebeten wird (s. Titel). Doch das ist nicht neu. Vielmehr hat die Tendenz zugenommen, den Nachwuchs, ungeachtet von dessen Interessen und Intelligenz, ab dem Kindesalter auf Highperformer zu trimmen. Dazu sind den "Helikoptereltern" alle Mittel recht. So werden zum einen Erzieherinnen dazu gedrängt, dem 3-jährigen Kind doch lieber Chinesisch beizubringen als es an der frischen Luft herumtollen zu lassen. Zum anderen schrecken Eltern heutzutage nicht davor zurück, sich über die Klausurnote bzw. über die Prüfungsleistung des Sohnemanns oder der Tochter beim Universitätsprofessor zu beschweren. Mehr noch, sie besuchen anstelle des Kindes Vorlesungen oder schreiben gar Hausarbeiten für den verwöhnten und ach so "gestressten" Nachwuchs. Einfach nur unglaublich oder? Wenn dann auch noch eine Mutter ihre Tochter beim Ausbildungsbetrieb entschuldigt, da diese wegen der berufsbedingten Abwesenheit der Mutter den Wecker nicht gehört habe, dann ist das m. E. mehr als peinlich. Auch vor SMS- bzw. WhatsApp-Nachrichten an den Lehrer wegen des vergessenen Schulbrots des Sohnes schrecken Eltern nicht zurück. Diese und noch viele andere Anekdoten aus dem echten Leben machen dieses Buch so lesenswert. Obgleich man herzhaft über Greiners und Padtbergs Geschichten lachen muss, so stimmt die Tatsache, dass es sich dabei um 100% authentische Begebenheiten handelt und nicht um überspitzte Comedybeiträge, ausgesprochen nachdenklich; gerade auch in Hinblick auf die eigene, recht autonome Kindheit, Schulzeit etc.

FAZIT
Eine zeitgemäße und zugleich unterhaltsame Anekdotensammlung, die erzieherische Fehlentwicklungen vielseitig betrachtet

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.10.2017
Töte mich
Nothomb, Amélie

Töte mich


sehr gut

Das Erste, das mich bei diesem Buch magisch angezogen hat, ist das optisch spannend arrangierte Cover gewesen. Darauf sieht man eine Frau, die fast vollständig mit der Wandtapete im Hintergrund verschmilzt.

Aber auch inhaltlich bietet das Buch der französischen Senkrechtstarterin Amélie Nothomb allerhand Ungewöhnliches. Denn Nothombs Erzählung handelt von einer lebenssatten, weil empfindungslosen 17-Jährigen, die ihren Vater bittet, sie umzubringen. Harte Kost, denkt man. Doch der erste Eindruck trügt, Nothombs Zweipersonenstück lebt von spritzigen wie literarisch anspruchsvollen Dialogen. Graf Henri Neville und seine stumme bis apathische Tochter Sérieuse eint mehr als sie trennt. Beide sind emotionale Legastheniker und lassen andere nicht gern in ihr Inneres schauen. Doch der unmoralisch-mörderische Pakt lässt Sérieuse wieder sprechen...

Der klimaktische Aufbau dieser modernen Tragödie, die nur allzu gern auf antike Vorbilder (Orestie von Aischylos) Bezug nimmt, ist grandios. Hierbei überrascht vor allem das Ende, das anders als erwartet, im Stile der griechischen Katharsis, ausfällt.

FAZIT
Modernes Drama mit Biss und viel Fabulierkunst. Lohnenswerte 111 Buchseiten.

Bewertung vom 02.10.2017
Jenseits
Musharbash, Yassin

Jenseits


ausgezeichnet

Der Journalist und Autor Yassin Musharbash hat mit "Jenseits" einen brandaktuellen Thriller herausgebracht, der von der Radikalisierung eines deutschen Medizinstudenten und dessen Folgen für Familie, Gesellschaft und Staat erzählt.

Spannend und mit viel Sachverstand lässt der Autor den Leser nicht nur hinter die Kulissen des "Islamischen Staats", sondern auch in die Strukturen und Wirkmechanismen der medialen Öffentlichkeit und der deutschen Überwachungsdienste (BfV und GTAZ) blicken.
Es ist schon frappierend, wie wenig der Normalsterbliche von diesen Zusammenhängen und Nachrichten letztendlich erfährt.

Die Geschichte um Gent Sassenthin aus Mecklenburg-Vorpommern, der nach einer exzessiven Trauer- und Drogenphase zum Islam konvertiert und sich radikalisiert, ist ein Beispiel von vielen. Wie fanatisch der einstige Medizinstudent und ausgebildete Sanitäter seine neue Religion auslegt und sich der Terrorgruppe des "Islamischen Staats" anschließt, ist erschreckend und stimmt sehr nachdenklich. Darüber hinaus fand ich es mehr als makaber, dass er entgegen des hippokratischen Eides in Syrien Amputationen bei Gegnern des IS vornahm - harter Tobak, aber sicher alles andere als haltlos.

Musharbashs Geschichte lebt von den temporeichen Szenen- und Perspektivwechseln. Eben noch durfte man dem Verfassungsschützer Sami und der Journalistin Merle über die Schulter schauen, sogleich lernt man die perfiden Machverhältnisse des Kalifats kennen.

Darüber hinaus schafft es der Autor, sich auch sprachlich in seine verschiedenen Protagonisten hineinzudenken. Egal ob Pressenachrichten, Geheimdienstmitteilungen oder terroristische Bekennerschreiben, Musharbash trifft stets den richtigen und damit ungemein realistischen Ton.

Inhaltlich hat mich die Tatsache überrascht, dass jede der handelnden Personen ein Stück vom fetten „Terrorismuskuchen“ abhaben wollte und dies am liebsten noch vor all den anderen. Die Sensationsgier und die Aussicht auf eine gute Geschichte ließen selbst die ausgefuchstesten Journalisten und Geheimdienstler blind werden. Auch die interessante Schuldfrage wurde vom Autor vielschichtig betrachtet. Plottechnisch hat Musharbash das sich abzeichnende, tragische Ende effektvoll klimaktisch inszeniert.

FAZIT
Ein durchweg fesselnder Thriller über einen deutschen Dschihadisten, der aufhorchen lässt und brillant aufbereitet wurde. Der programmatische Titel und der Buchinhalt bilden eine explosive Einheit.

Bewertung vom 29.09.2017
Der Duft von Pinienkernen
Bold, Emily

Der Duft von Pinienkernen


ausgezeichnet

INHALT
Katrin und Greta sind beste Freundinnen und seit Jahren auch beruflich ein starkes Team. Gemeinsam betreiben sie in München eine gut besuchte Nudelbar. Doch als Greta eines Tages Katrins Freund Stefan küsst, durchzieht die bisher unerschütterliche Freundschaft auf einmal ein tiefer Riss. Infolge löst man das Restaurant und die gemeinsame WG auf, was beiden an die Nieren geht.
Vor allem Greta kämpft mit sich und ihrer Schuld am Zerwürfnis. Um den Kopf frei zu bekommen, nimmt sie Hals über Kopf ein Kochbuchangebot an, das sie ins Heimatland ihrer Mutter, nach Bella Italia, führt. Hier ist die knapp Dreißigjährige das erste Mal auf sich allein gestellt und entdeckt sich neu; was nicht nur an der delikaten Mittelmeerküche liegt...

MEINUNG
Emily Bolds 256-seitiger Roman erzählt eine leicht bekömmliche Geschichte über den Neuanfang einer Frau, die in Italien über sich hinauswächst.

Die Hauptfigur Greta ist eine leidenschaftliche, temperamentvolle Person und als Köchin sehr talentiert. Der Schritt, alles hinter sich zu lassen und in Italien sich und das Land ihrer Ahnen neu zu entdecken, zahlt sich aus. Denn hier hat sie nicht nur Zeit, sich auf ihr Leben zu besinnen, sondern auch ausgiebig der italienischen Küche zu frönen. Die angeführten Rezepte und Beschreibungen machen nicht nur hungrig, sondern auch Lust auf einen spontanen Italientrip. Die magische Landschaft, die liebenswerten Bewohner als auch die variantenreiche Cuisine schaffen eine heimelige Wohlfühlatmosphäre, in die man als Leser gern eintaucht, um den stressigen Alltag einmal komplett zu entfliehen und um zu entschleunigen.

Abgesehen von Gretas Sinnsuche und ihren kulinarischen Entdeckungen geht es in Bolds Erzählung auch um eine große Freundschaft. So kreist der Plot unentwegt um eine Versöhnung von Katrin und Greta herum, die, so viel darf verraten werden, nicht aussichtslos zu sein scheint. Auch privat findet Greta ihr Glück und zwar im unscheinbaren und nachlässig gekleideten Fotografen Christoph, der sie permanent mit direkten Fragen löchert und dadurch mehr als einmal zum Nachdenken anregt.

Bolds flüssige, wie beschwingte Erzählweise führt dazu, dass sich der Roman leicht weglesen lässt.

FAZIT
Ein stimmiger Frauenroman, der beim Lesen Fernweh aufkommen lässt.

Bewertung vom 26.09.2017
Die Kapitel meines Herzens
Lowell, Catherine

Die Kapitel meines Herzens


ausgezeichnet

Catherine Lowells Debütroman "Die Titel meines Herzens" hat mich bis zum Ende gefesselt und mich zudem tief in die Welt der berühmten Brontë-Schwestern eintauchen lassen. Ich kannte Anne, Charlotte und Emily Brontë bisher nur vom Hörensagen, habe auch noch keines ihrer Bücher gelesen, was für das Verständnis von Lowells Geschichte allerdings unproblematisch gewesen ist, da die Autorin kenntnisreich und leidenschaftlich aus dem Œuvre der Schriftstellerinnen zitiert.

Im Zentrum von Lowells Erzählung steht Samantha Whipple, die letzte Nachfahrin der Familie Brontë. Aufgewachsen inmitten von Büchern und unterrichtet vom eigenen Vater, einem Literaten und Alkoholiker, versucht sie in Oxford sich vom Erbe und dem übergroßen Namen "Brontë freizuschwimmen; was ihr allerdings alles andere als gelingt. Denn in Oxford studiert sie, wie sollte es auch anders sein, Englische Literatur und beschäftigt sich eingehend mit dem Brontë-Werk. Hinzu kommt, dass der gut aussehende und scharfzüngige Literaturprofessor James Orville Samanthas Tutor wird und dieser sie ein ums andere verbal wie literarisch an ihre Grenzen bringt. Die wöchentlichen Besprechungen mit Orville eröffnen ihr nicht nur neue literarische wie interpretatorische Horizonte, sondern lassen sie auch emotional nicht kalt. So wird der junge Professor mit der dunklen und intellektuellen Aura mit der Zeit zu ihrem Vertrauten. Und seine Unterstützung hat sie auch bitter nötig, als immer mehr redigierte Brontë-Bücher aus dem Besitz ihres Vaters auf geheimnisvolle Weise in ihrem verwaisten Wohnturm auftauchen.

Samantha als Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist kein leicht durchschaubarer Charakter. So scheut sie im Auftrag der Literatur beispielsweise keinerlei Verrücktheiten und absurde Gedankengänge. Ihre unangepasste, neugierige wie direkte Art hat mir ausgesprochen gut gefallen. Mal kindlich, mal allzu intellektuell fabulierend, so hat sie sich sofort in mein Leserherz gestohlen. Letzteres lag auch an ihrer Passion für Bücher und ihrer unverstellten, wenngleich manches Mal recht einfachen Sicht auf die Dinge. Ihren kongenialen Partner, nicht nur zum verbalen Schlagabtausch, hat sie in ihrem Betreuer Dr. Orville gefunden. Ihre niveauvollen bis ironisch-bissigen Dialoge rissen mit, weil sie von einer Belesenheit und Kennerschaft zeugten, die heutige junge Erwachsene oftmals vermissen lassen. Als Leser fühlte man sich dabei schnell in eine andere Zeit versetzt und wünschte sich bald auch einmal diesem exklusiven Debattierclub beiwohnen zu dürfen.

Die personale Erzählweise passte perfekt zum Roman. Spannend war zudem, dass die Erzählzeit zwischen Jetztzeit und Vergangenheit (Samanthas Kindheit und Leben der Brontë-Schwestern) häufig wechselte. Die vielfältigen literarischen Bezugnahmen unterfütterten und ergänzten den Fließtext auf harmonische Weise. Mich hat besonders der eigenwillige, freie Erzählton von Samantha gefallen. Auch die plottechnischen Anlehnungen an Schauerromane aus viktorianischer Zeit wirkten alles andere als deplatziert und ließen den Spannungsbogen nie abreißen.

FAZIT
Ein mitreißend verfasster Roman für bibliophile Zeitgenossen und Fans der Brontë-Epoche. Literarische Unterhaltung mit Niveau und viel Esprit. Kurzum, dieses Buch sollte man gelesen haben.