Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 319 Bewertungen
Bewertung vom 12.08.2017
Niemand verschwindet einfach so
Lacey, Catherine

Niemand verschwindet einfach so


sehr gut

INHALT
Die Amerikanerin Elyria, die Ende zwanzig ist und Drehbücher für Telenovelas schreibt, hat ihr eintöniges, festgefahrenes Eheleben an der Seite des 10 Jahre älteren Mathematikprofessors Charles einfach nur satt. Die täglichen Routinen und die mangelnde Kommunikation haben Spuren hinterlassen und Elyria fragt sich: Soll es das schon gewesen sein?

Infolge reist sie spontan nach Neuseeland und sagt ihrer Familie nichts davon. Wird sie hier wieder zurück zu sich selbst finden können?

MEINUNG
Catherine Laceys in Amerika gefeierter Debütroman ist zugleich ein verstörendes wie brutal ehrliches Buch über eine Sinn suchende junge Frau.

Die Protagonistin Elyria hängt in ihrem bisherigen Leben fest. Daher versucht sie mit ihrem spontanen Neuseelandtrip dem tristen Alltag zu entfliehen. Doch ganz auf sich allein gestellt, läuft ihr Gedankenkarussell permanent auf Hochtouren. Die verkorkste Kindheit, der tragische Tod ihrer Adoptivschwester Ruby und die schwierige Beziehung zu Ehemann Charles lassen sie einfach nicht los. Somit scheitert ihr Versuch, dem Alten zu entfliehen, kläglich. Mehr noch, je weiter sie ins neuseeländische Inland vordringt, desto mehr erkennt sie, dass man vor der eigenen Existenz nicht fliehen kann und die Sorgen und unaufgearbeiteten Episoden aus der Vergangenheit immer mitreisen.

Lacey erzählt keine heitere, Hoffnung gebende Geschichte, sondern eine zutiefst pessimistische, gar dunkle Story, die den Leser gerade deshalb mitreißt, weil sie in die seelischen Abgründe des Menschen schaut. Stück für Stück wird man in Elyrias psychischen Teufelskreis aus Ausbruch und Stillstand hineingezogen. Besonders jene Szenen, in denen Lacey Elyria unentwegt über das eigene Sein monologisieren lässt, besaßen Stärke und Tiefe. Denn hier wird der Leser auf eindrückliche Weise mit der Brüchigkeit sowie die Verlorenheit der menschlichen Seele konfrontiert. Kurzum, im Scheitern der Protagonistin Elyria zeigt sich Laceys ganzes literarisches Können. Doch mit der Zeit zog mich die düstere bis melancholisch-depressive Grundstimmung etwas runter, so dass ich einen Stern abziehen möchte. Ein heller, zukunftsweisender Moment hätte es ruhig sein können.

FAZIT
Eine durch und durch schwermütige Frauengeschichte, die vor allem mit ihren dunklen Momenten zu überzeugen weiß. Nicht jedermanns Geschmack, aber literarisch anspruchsvoll und wohl durchdacht.

Bewertung vom 11.08.2017
Mord im Cottage (eBook, ePUB)
Bednorz, Anna

Mord im Cottage (eBook, ePUB)


sehr gut

INHALT
Die Londoner Autorin Aoife verfasst unter dem Pseudonym Miranda Towney Herz-Schmerz-Romane, die sich bestens verkaufen. Doch seit der Trennung von ihrem Lebenspartner kämpft sie mit einer Schreibblockade, die sie mithilfe einer Auszeit im kleinen Örtchen Ard Carraig zu überwinden sucht. Aber statt der erhofften Ruhe findet sie in der irischen Kleinstadt nicht viel Zeit zum Schreiben, da ein Unbekannter immerfort Büchermorde in ihrem Ferienhaus oder im Umfeld ihrer neuen Freunde und Nachbarn begeht. Die malträtierten Ausgaben ihrer Romane zu sehen, lässt sie bald nicht mehr ruhig schlafen...

MEINUNG
Das Romandebüt von Anna Bednorz ist kein typischer Krimi. Das liegt zum einen daran, dass kein Mensch zu Schaden kommt und zum anderen am idyllisch-ländlichen Setting. Die Geschichte lebt von Langsamkeit und Gleichförmigkeit statt von unzähligen, nervenaufreibenden Szenenwechseln. In Ard Carraig ticken die Uhren einfach anders, entspannter. Auch die Hauptfigur Aoife hofft von dieser ruhigen Atmosphäre profitieren zu können. Doch da hat sie eindeutig falsch gedacht, denn kaum angekommen, muss sie zusehen, wie Tag für Tag ihre Bücher auf verschiedene Weise malträtiert werden, ja, um die Ecke gebracht gebracht werden. Kurzum, in diesem Buch geht es um Büchermorde, die für jeden bibliophilen Menschen ein Unding sind. Dass die sympathisch-authentische Protagonistin Aoife bei diesen ominösen "Buchverbrechen" nicht durchdreht, liegt u.a. an Kater Dr. Jingles und an der Herzlichkeit der Iren. Besonders der Pubbesitzer Tom unterstützt sie wo er nur kann. Er ist eine gute und heitere Seele.

Alles in allem, störte es mich nicht, dass Bednorz' Story auf Cosy-Crime ausgerichtet gewesen ist. Der Ursprünglichkeit und Schönheit Irlands konnte man auf jeder Buchseite nachspüren. Auch die Wahl der handelnden Charaktere ist recht harmonisch ausgefallen. Zudem befeuerte der flüssige, leicht bekömmliche Schreibstil die Lektüre. Einzig mit dem zweiten Drittel der Handlung hatte ich etwas meine Schwierigkeiten, weil sich die "Büchermorde" mit der Zeit abnutzten und der Plot dadurch auf der Stelle trat.

FAZIT
Gute Cosy-Crime-Unterhaltung, die den Leser in irische Gefilde entführt und einfach Lust auf einen Trip auf die grüne Insel macht.

Bewertung vom 04.08.2017
Der Sommer in deinen Augen
Galdino, Diego

Der Sommer in deinen Augen


ausgezeichnet

INHALT
Der australische Maler Tyron Lane wird allgemein hin nur "The Homeless Painter" genannt, weil er seit Jahren ohne festen Wohnsitz ist und durch die Welt reist. Zudem nimmt er nur Malaufträge an, die ihm zusagen.

Sein neuester Auftrag führt den einsilbigen Eigenbrötler in die toskanische Stadt Cetona. Dort lebt er im Haus der Familie Ferretti. Während man versucht, ihm die Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, gerät besonders die Tochter der Familie, Grundschullehrerin Sofia, mit dem eigensinnigen Maler aneinander. Doch gemeinsame Exkursionen werden dies ändern...

MEINUNG
Der Roman "Der Sommer in deinen Augen" des italienischen Autors und Baristas Diego Galdino las sich wunderbar leicht. Es ist eine stimmungsvolle und auch ein klein wenig dramatische Romanze, die sich perfekt als Sommer- bzw. Urlaubslektüre eignet.

Die beiden Protagonisten, allen voran der unnahbare Maler Tyron, haben private Krisenzeiten hinter sich und agieren dementsprechend vorsichtig beim Kennenlernen anderer Personen. Dass sich zwischen Sofia und Tyron Stück für Stück eine Liebesgeschichte anbahnt, ahnt der Leser nach dem ersten Zusammentreffen, mag es aber nicht recht glauben, was besonders an Tyrons Geheimnis liegt. Doch je mehr sich Tyron für Sofia und die wunderschöne Landschaft Mittelitaliens öffnet, umso mehr tritt er aus der selbst gewählten Einsamkeit heraus und lässt das Leben wieder zu. Aber ihre Liebe ist eine zarte Pflanze und alles andere als fest, so dass der Leser auf emotionale Achterbahnfahrten gefasst sein muss. Kurzum, die 272 Seiten unterhalten prächtig, fesseln gar. Letzteres liegt auch daran, dass es keine rosarote Liebesgeschichte ist und Land und Leute der Toskana eindrucksvoll lebensecht vom Autor eingefangen werden. Auch Tyrons Malerei wird viel Raum geboten, so dass sich der Leser perfekt in seine Denk- und Arbeitswelt einfühlen kann.

FAZIT
Ein in sich stimmiger Sommerroman mit einer spannenden Mischung aus Amore, Drama und Lokalkolorit. Absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 31.07.2017
Emmanuel Macron
Fulda, Anne

Emmanuel Macron


ausgezeichnet

Wer ist dieser Politparvenü Emmanuel Macron?

Diese Frage hat sich die bekannte französische Politikjournalistin Anne Fulda, die für Le Figaro schreibt, gestellt.
Was sie im Laufe ihrer Studie, vor allem durch die Befragung von Bekannten und Wegbereitern Emmanuel Macrons herausgefunden hat, überrascht.

Macron, Jahrgang 1977, stammt aus der nordfranzösischen Kleinstadt Amiens und offenbarte bereits im Alter von fünf Jahren überdurchschnittliche geistige Fähigkeiten. Seine Eltern, beides Ärzte, und seine Großmutter, eine pensionierte Schuldirektorin, fördern seine Talente. Vor allem zu seiner Großmutter Manette entwickelt er in dieser Zeit eine innige Bindung. Sie wird bis zu ihrem Tod im Jahr 2013 seine engste Vertrauensperson sein.

Schon in der Schule hebt sich Emmanuel durch seine geistige Reife und sein analytisches Können von seinen Mitschülern deutlich ab. Sein Wissensdurst und seine unbändige Leidenschaft für Bücher zahlen sich aus. Er wird zum schulischen Überflieger und verliebt sich als 16-Jähriger in die 39-jährige, verheiratete Französisch- und Lateinlehrerin Brigitte - damals ein Skandal. Diese Amour fou wird von seinen Eltern und der Gesellschaft alles andere als gern gesehen, doch Emmanuel schert sich wenig um die Meinung der anderen. Ein Schulwechsel nach Paris bringt Entspannung. Hier kann er wachsen und sein Glück mit Brigitte genießen. Schon damals fällt auf, Macron ist kein typischer Jugendlicher, der wahllos um die Häuser zieht und sich nicht binden will. Er steht zu seiner Beziehung mit Brigitte und versteckt diese nicht. Zudem verfolgt er seine Ziele ehrgeizig und bedingungslos. So arbeitete er nach dem Studium der Philosophie als erfolgreicher Investmentbanker. In die Politik ist er durch Bekannte aus Politik und Philosophie hineingerutscht. Sie ebneten dem charmanten und redegewandten Senkrechtstarter den Weg. Vom Wirtschaftsminister zum jüngsten Präsidenten der französischen Republik, das ist eine beachtliche Leistung.

Doch womit konnte Emmanuel Macron die Bevölkerung für sich gewinnen? Die Autorin Anne Fulda nennt einige Gründe seines Erfolgs. Zum einen ist es sein netter, geradezu selbstloser Charakter, mit dem er alle Menschen um sich herum in seinen Bann zu ziehen vermag. Er schafft es durch seinen ausgeprägten Sinn für Empathie und Gerechtigkeit, die Menschen für sich einzunehmen. Macron - ein Menschenfänger? Ja, es scheint wohl so zu sein. Aus seinem Bekanntenkreis ist zu hören, dass er durch seine Bildung und seine bescheidene Art Punkte macht. Kann sich ein Homme de lettres wie Macron überhaupt im Haifischbecken der Politik bewähren? Man wird sehen, aber die Chancen stehen gut. Fuldas Vergleich mit Napoleon fand ich allerdings etwas zu hoch gegriffen.

Lieblingszitat (Macron über die Rolle von Büchern in seinem Leben):
"Der geheime, innige Unterricht durch Bücher war stärker als äußerer Schein und gab der Welt eine Tiefe, der man im Alltag kaum begegnet."

FAZIT
Eine sehr gut lesbare Biografie über Frankreichs neuen Präsidenten, die vor allem dessen Persönlichkeit zu ergründen versucht. Dass dabei manches recht spekulativ erörtert wurde, störte nicht, denn man wird sehen müssen, wie sich der Emporkömmling Macron auf der politischen Bühne bewähren wird...

Bewertung vom 31.07.2017
Bea macht blau
Hennig, Tessa

Bea macht blau


sehr gut

INHALT
Die treusorgende Ehefrau und Mutter Bea muss in kurzer Zeit zwei persönliche Rückschläge verkraften. Zum einen zieht ihre einzige Tochter Caro sofort nach dem Abitur aus, um in Passau mit Chaosfreund Jonas zu studieren. Zum anderen stellt sich heraus, dass Ehemann Matthias eine Affäre mit seiner jüngeren Arbeitskollegin hat. Kurzum, Beas wohl geordnetes Leben ist mächtig aus den Fugen geraten. Was folgt ist Beas Flucht nach San Sebastian. Dort in der kleinen Pension von Maria hofft sie, neue Kraft und Lösungen finden zu können...

MEINUNG
Tessa Hennigs neuester Roman "Bea macht blau" bietet sommerlich leichte Unterhaltung. Gemäß dem stimmungsvollen Cover entführt die Autorin den Leser in die baskische Urlaubs- und vor allem Pilgerregion San Sebastian. Hier kann sich Hauptprotagonistin Bea aufs Wesentliche und lang gehegte und für die Familie längst aufgegebene Lebensträume besinnen.

Mit viel Witz und Einfühlungsvermögen hat Hennig eine liebenswert familiäre Geschichte geschaffen, deren unterschiedliche Charaktere allesamt lebensecht daherkommen. Ob nun Beas freiheitsliebende Hippie-Schwester Karin, die unbedacht handelnde Tochter Caro oder Lebenskünstler und Reisebegleiter Andreas, Hennigs Figuren sind dem Leser auf Anhieb sympathisch und ungemein vertraut.

Mein Highlight war Beas Neustart im Baskenland, der mit viel Rückbesinnung aufs eigene Sein und Lebensglück einherging. Hier inmitten der dörflichen Strukturen lebt die Hauptfigur regelrecht auf und wirft alle bisherigen Bedenken frei nach dem Motto YOLO über Bord. Die Renovierung des alten Ferienhauses und die Etablierung einer über alle Altersgrenzen hinausreichenden Zweckkommune fand ich mutig und unterhaltsam zu gleich. Zudem hat Bea nach der Enttäuschung mit Matthias auch wieder Augen für andere Männer.

Einzig der Schlussteil mit der Lüftung eines etwas delikaten Familiengeheimnisses hätte nicht sein müssen.

FAZIT
Ein guter Sommerroman für Frauen, der zeigt, dass das Leben bunt sein kann, wenn man es nur zulässt.

Bewertung vom 29.07.2017
Die Tänzerin von Paris
Abbs, Annabel

Die Tänzerin von Paris


ausgezeichnet

INHALT
Lucia Joyce ist Anfang zwanzig, als sie in Paris im Jahre 1928 als neues Tanztalent entdeckt und gefeiert wird. Für einen Moment scheint sie den übergroßen Literatenvater James Joyce an Ruhm übertroffen zu haben. Doch Lucias Stern leuchtet nur kurz, denn die katholischen Eltern mögen ihre allzu freizügigen Auftritte nicht und der Vater will seine Muse Lucia einfach nicht verlieren und stets bei sich haben. So kommt es, dass die lebensbejahende und talentierte Lucia sich immer mehr von der Tanzwelt abkapselt, um ihrem augenkranken Vater zur Seite zur stehen. Infolge zehrt nicht nur der aufgegebene Traum von der großen Tanzkarriere an ihr, sondern auch die unglücklichen Männergeschichten. Weder ihre große Liebe Samuel Beckett noch die folgenden Verlobten vermögen sie aus dem elterlichen "Gefängnis" zu befreien. Die innerliche Leere und der Ärger über die geplatzten Lebensträume scheinen sie schier zu zerreißen, was zu Übersprungshandlungen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken führen wird...

MEINUNG
Annabel Abbs Roman "Die Tänzerin von Paris" fesselt den Leser ab der ersten Zeile. Die tragische Geschichte um Lucia Joyce reist mit, macht betroffen und lässt einen einfach nicht mehr los. Besonders der Wechsel innerhalb der Erzählzeiten, 1928 bis 1935, erzeugt Spannung. Stetig wird dabei auf Lucias persönlichen Abstieg bis hin zur Selbstaufgabe bzw. Selbstverleugnung eingegangen. Hierbei konnten sowohl die eindrücklich inszenierten Künstlerpassagen als auch Lucias Gespräche mit dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung überzeugen. Die Autorin verbindet Fiktion und die wahre Geschichte auf ungemein realistische Weise miteinander. Im Fokus steht dabei das kaputte Seelenleben der Protagonistin, die unentwegt aus alten Gewohnheiten und dem eltlerlichen Zuhause ausbrechen möchte und es dann schlussendlich doch wieder nicht schafft. Dabei hat mich vor allem die detaillierte Psychoanalyse von Lucia beeindrucken können. In letztere hat die Autorin viel Zeit investiert, wovon die Quellenangaben und der erklärende Epilog Zeugnis ablegen.

Lieblingszitat, das Lucias Passion grandios zusammenfasst:
"[...] Tanz war meine Antwort. Was immer das Leben mir abverlangte, ich musste weitertanzen." (S. 32)

FAZIT
Eine tiefsinnige wie tragische Geschichte, die nachdenklich stimmt und darüber hinaus den Leser in die reiche Pariser Bohèmeszene der 20er- und 30er-Jahre entführt.

Bewertung vom 24.07.2017
Das Café unter den Linden
Weng, Joan

Das Café unter den Linden


ausgezeichnet

Als Kennerin des Œuvres von Joan Weng bin ich zu dem Schluss gelangt, dass sich die Autorin von Buch zu Buch gesteigert hat und die "Roaring Twenties" für sie die optimale Epoche zu sein scheint.

Mit viel Herzblut und Wissen widmet sich Weng ihrer kleinen, aber feinen Geschichte um die Landpomeranze Fritzi, die 1925 in Berlin ihr Glück sucht und eine Stelle als Drehbuchschreiberin bei der UFA anstrebt. Doch zwischen Traum und Wirklichkeit liegen oft Welten und Fritzi bekommt statt einer Anstellung beim Film eine Stelle als Tippfräulein bei dem eigensinnigen, verarmten Grafen Hans von Keller, einem verkappten Literaten. Doch der Adelige findet schnell Interesse am frischen wie unkonventionellen Frauenzimmer aus der Provinz, zumal dieses auch noch dieselben Autoren verehrt und scharfsinnig schreiben kann.

In Berlin blüht Fritzi auf. Denn fernab der langweiligen Heimat und weit weg vom blassen Verlobten Gustav verspricht die deutsche Hauptstadt viel Exotik und Freiheit. Hier lebt sich Fritzi schnell in die Bohèmeszene ein und wird ein Teil von dieser bunten Welt...

MEINUNG
Joan Wengs nunmehr dritter Roman ist einfach ihr bisher bester. Kenntnisreich, feinfühlig und bildreich entführt sie den Leser ins Berlin der Zwanziger Jahre. Hier tummeln sich Künstler und jene, die es gern wären, und das Beste daran ist, alles ist erlaubt.
Weng schafft es dieses freie, unabhängige Lebensgefühl formidabel einzufangen. Dies lag zum einen an Wengs Erzählsprache, die eins zu eins mit der damaligen Art zu sprechen abgestimmt wurde, zum anderen an der Einbindung von zeitgenössischen literarischen sowie musikalischen Werken an passender Stelle. Seite für Seite schreibt sie sich ins Leserherz und hinterlässt dort eine unstillbare Sehnsucht nach einer Zeitreise. Die Lebenswelt der Hauptprotagonisin Fritzi wird eindrücklich, weil 100 Prozent authentisch wiedergegeben. Ob nun ihre Schwärmerei für Hans oder ihre Leidenschaft für Drehbücher, Fritzi ist dem Leser auf Anhieb sympathisch. Darüber hinaus sorgt ihre bunte Entourage, die aus einem Möchtegernfilmstarlet, einem schwulen Haushälterpaar sowie aus einem Sänger besteht, für allerhand Abwechslung und Skandälchen. Zudem mochte ich das legendäre "Café unter den Linden" als Dreh- und Angelpunkt der Handlung sehr. Hier möchte man sofort einmal einkehren und die damalige "Berliner Luft" einatmen bzw. in geselliger Runde den Alltag Revue passieren lassen.

FAZIT
Eine rundum gelungene literarische Zeitreise in die Zwanziger Jahre, die jeder gelesen haben sollte.

Bewertung vom 24.07.2017
Das Fahrrad
Lessing, Hans-Erhard

Das Fahrrad


gut

Dieses Jahr wird das Fahrrad 200 Jahre alt und das Verlagshaus Klett-Cotta hat sich dieses runde Jubiläum zum Anlass genommen, eine kleine Kulturgeschichte zur Thematik herauszugeben.

Der Technikhistoriker Hans-Erhard Lessing arbeitet sich auf insgesamt 255 Seiten von den technischen Anfängen und Vorbildern des "Drahtesels" bis zu den heutigen hochmodernen Fahrradmodellen vor. Während der Autor die momentanen Fahrradtrends eher sporadisch abhandelt, so detailreich geht er auf die Entwicklungen des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem auf die Draisine und das Veloziped ein. Dies empfand ich anfangs noch recht spannend und aufschlussreich, wurde auf Dauer und mit Zunahme der Seiten aber anstrengend bis öde. Zudem hätte ich mir mehr Bildmaterial zur Auflockerung und Veranschaulichung des Fachtextes gewünscht. Die kulturgeschichtlichen Exkurse stellten hingegen meine Highlights dar, weil hier eingehend auf das Verhältnis von Frau bzw. Kirche zum Fahrrad eingegangen wurde, was bisher viel zu selten beleuchtet worden ist. Zudem konnte ich lernen, dass damals Kokabonbons und Cola als Aufputschmittel für längere Touren genutzt wurde und wie es zur Bezeichnung "Eisbein" gekommen ist. Auch die Ausführungen zum Hochrad gerieten unterhaltsam. So schön die reiche Quellenarbeit von Lessing auch sein mag, so ermüdend empfand ich die teilweise seitenlangen Zitate aus Zeitschriften etc. Auch der für ein Sachbuch typisch nüchterne Erzählton fehlte nicht.

FAZIT
Ein solides, wenngleich an manchen Stellen etwas ausschweifendes Sachbuch zum Thema "Fahrrad".

Bewertung vom 21.07.2017
Und Marx stand still in Darwins Garten
Jerger, Ilona

Und Marx stand still in Darwins Garten


sehr gut

Ilona Jerger hat ein Experiment gewagt. Wie einst Daniel Kehlmann hat sie in einem Roman zwei Geistesgrößen aufeinandertreffen lassen, die sich im echten Leben nie begegnet sind.

Der Evolutionsbiologe Charles Darwin und der Ökonom Karl Marx sind bereits hochbetagt, als sie sich eines Abends im Hause Darwin kennenlernen. Beide sind sie ausgesprochene Sturschädel und mit Leib und Seele Wissenschaftler. Ihre Marotten machten die beiden alten Herren sympathisch. Mehr noch, auch der Nicht-Natur- oder Wirtschaftswissenschaftler beginnt sich für die Theorien und Erkenntnisse der Protagonisten zu interessieren.

In ihrer 288-seitigen Erzählung gelingt es der Autorin, den Leser in die Lebens- und Arbeitswelt der beiden Geistesgrößen des 19. Jh.s eintauchen zu lassen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man nun Darwin bei der Erforschung des Regenwurms über die Schulter schaut oder Marx im maladen Zustand antrifft, denn so kommt man den Menschen hinter den Wissenschaftlern näher. In diesem Zusammenhang fand ich es ausgesprochen spannend, dass die Autorin mit Thomas Beckett eine dritte wichtige Person - den Leibarzt beider Wissenschaftler - geschaffen hat, die als verbindendes Moment auftrat und die neben medizinischen Diagnosen auch die zeitkritische wie zeithistorische Einordung von Marx' und Darwins Forschungen durchführte.

Sprachlich hat sich Jerger mit der Sprache des 19. Jh.s arrangiert, was wohl vor allem ihrem intensiven Quellenstudium (größtenteils erhaltene Briefe) geschuldet sein dürfte. Einzig die manches Mal etwas weitschweifigen Natur- und Krankheitsbeschreibungen ließen den Plot dann und wann auf der Stelle treten. Hier hätte ich mir eine stringentere Erzählung mit höherem Dialoganteil gewünscht.

FAZIT
Ein spannender, weil zeit- und forschungsgeschichtlich interessanter Roman, der sich angenehm lesen ließ und Lust auf vertiefende Studien zu Darwin und Marx macht.

Bewertung vom 21.07.2017
Der Brief
Hagebölling, Carolin

Der Brief


ausgezeichnet

INHALT
Die Hamburger Journalistin Marie Kluge, Anfang 30, führt ein überschaubares Leben an der Seite ihrer Architektenfreundin Johanna.

Doch ein mysteriöser Brief, der an sie adressiert ist, aber inhaltlich so gar nicht auf sie passt, gibt Rätsel auf. Darin ist von einer Hirn-OP und einem Pariser Verlobten Victor die Rede - beides Dinge, die Marie verunsichern, weil sie von ihrer ehemaligen Schulfreundin Christine verfasst worden sind oder etwa doch nicht?

Um das private Chaos zu beseitigen, entschließt sich Marie kurzerhand, nach Paris zu reisen. Dort hofft sie alle im Brief genannten Unstimmigkeiten klären zu können. Aber ist dies überhaupt möglich?

MEINUNG
Carolin Hageböllings Debüt "Der Brief" ist ein perfekt inszeniertes Verwirrspiel, bei dem Wirklichkeit und Fiktion/Einbildung bis zur Unkenntlichkeit miteinander verschmelzen.

Ich habe schon lang nicht mehr solch ein aufwühlendes und zugleich faszinierendes Buch gelesen, bei dem nicht nur der Hauptprotagonistin, sondern auch dem Leser eine Menge abverlangt wird. Besonders die Art und Weise, wie Hagebölling den Leser schrittweise in die Grauzone zwischen realer Welt und ideeller Parallelwelt entführt, konnte mich begeistern. So taucht man ins menschlich Nebulöse ein.

Die szenischen Wechsel bzw. Sprünge zwischen Maries unterschiedlichen Identitäten machen die Lektüre so reizvoll. Auch das offene Ende will perfekt zum Sujet passen, weil dadurch die Fantasie des Lesers hochgehalten wird und eine klare Trennung zwischen der Hamburger und der Pariser Marie nicht möglich zu sein scheint...

FAZIT
Ein packender Roman, der formidabel mit der ach so "sicheren Wirklichkeit" spielt und damit zum Nachdenken anregt.