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Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 421 Bewertungen
Bewertung vom 16.10.2018
Arabische Clans
Ghadban, Ralph

Arabische Clans


sehr gut

Der Migrationsforscher und Sozialarbeiter Ralph Ghadban stammt aus dem Libanon und lebt seit 1972 in Deutschland. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den libanesisch-kurdischen Großfamilien in Berlin, Frankfurt, Essen und Bremen, den sog. Clans, welche mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution, Diebstahl und Geldwäsche ihr Einkommen bestreiten. Die libanesische Migration nach Deutschland erfolgte, ausgelöst durch den Bürgerkrieg, bereits in den 70er-Jahren. Nun, einige Generationen später, sind aus einzelnen Familien regelrechte "Parallelgesellschaften" erwachsen, die sich dem Zugriff des deutschen Rechtsstaates immer mehr entziehen, aber nichtsdestotrotz gern dessen Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Was tun? Das fragt sich nicht nur der Autor, sondern auch die Bundesrepublik. Justiz und Polizei bedürfen laut Ghadban mehr Personal, auch der Multikulturalismus müsse hinterfragt werden. Somit müssten auch alle Bundesländer in Fragen der Clans und der zunehmenden No-go-Areas in den Großstädten zusammenarbeiten, was aber nicht der Fall ist.

Mich hat dieses ehrliche und vor allem sachlich geschriebene Buch zutiefst erschüttert. Der detaillierte Einblick in die kleinteiligen Clanstrukturen stimmt mehr als nachdenklich. Und man fragt sich: Warum unternimmt niemand etwas? Die Schonfrist für kriminelle Migranten und das allzu breit ausgelegte, oft nachsichtige Multikulti sollte m. E. im Falle dieser arabischen Großfamilien, die sich nur nach eigenen Gesetzen (Scharia) und veralteten Geschlechter- und Moralvorstellungen (Patrilinearität, Zwangsehe...) richten, stärker hinterfragt werden. Ein demokratischer Rechtsstaat kann einfach nicht tatenlos zusehen, wie er Stück für Stück unterwandert und manipuliert wird.

Einzig die ausschweifenden Erläuterungen zur Stammeskultur und Herausbildung der Mhallami-Kurden am Buchanfang zogen sich beim Lesen etwas. Vor allem das letzte Drittel mit seinen brandaktuellen Erfahrungsberichten wie Lösungsvorschlägen empfand ich als aufschlussreich.

FAZIT
Ein schonungslos offener Statusbericht, der zum sofortigen Handeln aufruft und damit vor allem von Politikern gelesen werden sollte.

Bewertung vom 14.10.2018
Gangsterblues
Bausch, Joe

Gangsterblues


ausgezeichnet

Joe Bausch (*1953) spielt nicht nur den Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner Tatort, sondern ist im wahren Leben seit 1986 auch der leitende Regierungsmedizinaldirektor in der JVA Werl. Was er im Laufe seiner Dienstzeit erlebt hat, füllt bereits einige Bücher. Das neueste Werk "Gangsterblues" beschäftigt sich mit 12 kurzen "Knastgeschichten", die auf wahren Begebenheiten beruhen, vom Autor aber aus Rücksicht auf Täter und Opfer entsprechend verfremdet wurden. Der Anstaltsarzt Joe Bausch ist dabei oftmals mehr Zuhörer als Arzt. Detailreich, authentisch rau und pointiert gibt er Gespräche und Fallgeschichten von Raubmördern, Vergewaltigern, krebskranken Häftlingen, unschuldig Verurteilten uvm. wieder. Die ungeschönte Art der Darstellung trifft das kriminelle und psychopathische Milieu frappierend genau - man merkt einfach, hier spricht jemand aus Erfahrung, der endlich auch einmal sein oftmals belastendes Wissen weitergeben will.

FAZIT
Harter Tobak, der einen realistischen Einblick in die Seelenzustände der Täter liefert. Nichts für schwache Gemüter, aber umso spannender für die gefestigte, neugierige Leserschaft.

Bewertung vom 10.10.2018
Die Smartphone-Epidemie
Spitzer, Manfred

Die Smartphone-Epidemie


ausgezeichnet

Manfred Spitzers Werke über den negativen Einfluss elektronischer Medien auf den Menschen sind stets streitbar und wissenschaftlich aktuell. Der renommierte Ulmer Psychiater, Hirnforscher und Buchautor beschäftigt sich in seinem neuesten Werk "Die Smartphone-Epidemie" eingehend mit den Auswirkungen massiven Smartphone-Konsums auf Kinder und Jugendliche. Es ist Spitzers nunmehr viertes Buch zum Thema "krankmachende Digitalisierung" (vgl. Spitzers Buchtitel "Cyberkrank" und "Digitale Demenz").

Auf insgesamt 368 Seiten, aufgeteilt in 15 kurze Kapitel, berichtet der Arzt und Wissenschaftler über die gravierenden Folgen des täglichen Smartphone-Gebrauchs auf die Gesundheit, die Intelligenz/Bildung und das soziale Miteinander.

Vor allem die langfristigen gesundheitlichen Schädigungen sollten aufhorchen lassen. Angefangen von Haltungsschäden und Adipositas über Depressionen und ADHS bis hin zu Kurzsichtigkeit ist alles vertreten. Und damit wird klar, die Social-Media-Sucht der Kinder und Jugendlichen ist keine Lappalie bzw. schnell vorübergehende Phase. Auch die Erwachsenen sind davon alles andere als frei. Nach einer wissenschaftliche Studie seien die US-Amerikaner täglich gar über 9 Stunden online. Auch der Aktionsradius unserer Jüngsten hat sich vehement verkleinert, denn die Welt/Umwelt wird nicht mehr selbst entdeckt, sondern vom Handy aus erlebt und gelebt.

Was passiert, wenn wir uns nur noch auf unser Handy verlassen und das eigene Denken einstellen? Wir lassen uns berieseln, wobei die eigene Denkleistung nicht gefordert wird. Nachdenklich stimmende Folgen sind dabei die Vernachlässigung bzw. der Verlust der Handschrift, der Kopfrechnenleistung sowie des Wortschatzes. Bei Letzteren seien es vor allem die naturbezogenen Begrifflichkeiten, die von den Kindern und Jugendlichen einfach nicht mehr beherrscht werden, weil keiner mehr groß in die Natur geht. Wirklich ein Armutszeugnis! Blickt man dann noch auf den statistisch erhobenen Rückgang von Lesefähigkeit und IQ, dann sollte besser heute als morgen gehandelt werden. Frankreich hat dies bereits getan und Handys an Schulen verboten.

Die Auswirkungen auf unser soziales Miteinander in Zeiten von Social Mobbing, Shitstorms und Fake News ist auch nicht zu unterschätzen. In welchem Land leben wir denn, wenn statt dem Unfallopfer zu helfen, von diesem Fotos geschossen und gepostet werden. Auch das ewige Vergleichen mit Influencern etc. macht unsere Jugend krank und einsam. Und nicht nur letztere, auch uns Erwachsene, betrifft die Smartphone-Sucht essenziell, denkt man beispielsweise an skurrile Restaurantbesuche, bei denen sich nicht mehr miteinander unterhalten wird, sondern jeder für sich aufs Handy starrt.

FAZIT
Spitzers Buch ist wichtig, gerade in der heutigen technikaffinen und digitalisierungsgeilen Zeit. Daher sollte es nicht nur von Schülern gelesen werden, sondern auch auch von Politikern, Lobbyisten wie Technologen. Es bleibt weiterhin zu hoffen, dass Spitzers Mahn- bzw. Weckruf Gehör finden wird.

Bewertung vom 02.10.2018
Mythos
Fry, Stephen

Mythos


ausgezeichnet

Mit seinem Buch "Mythos" hat der britische Schauspieler, Moderator und Autor Stephen Fry die leicht angestaubten griechischen Göttersagen aus ihrem Dornröschenschlaf geholt. Anders als die bisherigen traditionellen, meist Spaß befreiten Darstellungen verfügt Frys Nacherzählung über eine gehörige Portion britischen Humor. So werden Zeus & Co darin nahezu menschlich mit all ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten abgebildet. Der lockere, leicht verständliche Erzählton macht den antiken Sagenstoff verblüffend lesbar und spannend. Obgleich dieser nonchalanten Herangehensweise an die ach so hehren Werke von Homer und Hesiod, gibt es für den interessierten Leser allerhand erklärendes Bild- und Textmaterial (Fußnoten).

FAZIT
Frys neues Gewand steht den griechischen Göttersagen ausgesprochen gut und macht sie für die jüngeren Generationen wieder greifbarer.

Bewertung vom 01.10.2018
Nein ist das neue Ja
Nick, Désirée

Nein ist das neue Ja


ausgezeichnet

Desirée Nick ist vieles - Schauspielerin, Realitystar, Comedian oder Fashionista - und seit Jahren auch überzeugte Neinsagerin. Denn der Weg zum eigenen Glück bzw. Erfolg führe, so Nick, über bewusste Entscheidungen. Der derzeitige allgemeine Trend der Ja-Sagerei hingegen verstört nicht nur sie, sondern auch mich. Wo bleibt man denn selbst bei solch faulen Kompromissen? Ich denke, wahrscheinlich bleibt man auf der Strecke und wird immer kleiner und unzufriedener. Deshalb möchte auch ich öfter Nein sagen und mich damit gleichwohl unbeliebt machen. Who cares? Auch Desirée Nick ist dieser Meinung, nicht nur wegen des gesundheitlichen Aspekts. Denn das anhaltende, devote Ja kann langfristig psychosomatische Erkrankungen, wie beispielsweise Burnout, Stress oder Depressionen, begünstigen. Deshalb und um persönlich voranzukommen, sei es wichtig, so Nick, auf der Arbeit, innerhalb der Familie und des Freundeskreises oder zu der ständigen Online-Verfügbarkeit bewusst Nein zu sagen. Denn jeder hat nur dieses eine Leben. Alles, was persönlich lähmt bzw. auslaugt, mache nur unglücklich. Deswegen hat Neinsagen m. E. auch viel mit Achtsamkeit zu tun. Ich habe Desirée Nicks lockere Anekdotensammlung zum Thema sehr gern gelesen. Zum einen hat mir Nicks scharfzüngige Ader sehr gefallen und zum anderen ihr ehrlicher, unverstellter Blick auf sich selbst bzw. das prominente Umfeld. Auch, dass sie nicht den Anspruch an sich stellte, abermals ein langweiliges Selbsthilfebuch zu verfassen, fand ich klasse. Die insgesamt 240 Buchseiten enthalten damit 100 Prozent Nick, was besonders ihre Fans freuen wird. Und ihre Empfehlungen, z. B. einmal Digital-Detox zu betreiben oder eine Not-to-Do-Liste zu erstellen, sind auch nicht schlecht. Mich hat besonders Nicks sarkastische Schreibe beeindruckt, die nicht selten üppige Lachsalven verursachte. Meine Nick'sche Lieblingswortschöpfung lautet "Merkels Sedierungssemantik". Alles in allem las ich mich flüssig durch Nicks Erfahrungen bzw. Ratschläge.

FAZIT
Ein humoriger Inspirationsquell für angehende Neinsager. Für mich steht nach der Lektüre jedenfalls fest, Nein ist das neue Ja.

Bewertung vom 29.09.2018
Es geht voran
Prescher, Manfred

Es geht voran


ausgezeichnet

Manfred Preschers 248-seitige "Geschichte der deutschsprachigen Popmusik" konnte mich aufgrund der luziden und pointierten Darstellungsweise von Anfang an von sich überzeugen.

Inhaltlich geht es um die Entwicklung der deutschen Musik von 1945 bis heute. Ausgehend vom Heile-Welt-Schlager hat es im Laufe der Zeit eine Vielzahl an verschiedenen Musikrichtungen (so z. B. Folk, Rap, Punk, Hip-Hop oder Elektromusik) innerhalb Deutschlands gegeben und die gibt es natürlich immer noch. Wenn aktuelle Künstler, wie Mark Forster oder Tim Bendzko, auf der Bühne stehen, dann jubeln diesen tausende Menschen zu bzw. singen eifrig mit. Doch warum ist das so? Welche Vorbilder gab es? Und wie konnte die deutsche Sprache so "populär" werden? Der Radiomoderator und Autor Martin Prescher liefert auf diese Fragen allerhand Antworten und schaut dabei sogar über die heimatlichen Gefilde ins Nachbarland Österreich hinüber. Hierbei werden nicht nur berühmte Liedermacher (z. B. Reinhard Mey und Hannes Wader), sondern auch Bands (die Ärzte, die Toten Hosen, Rammstein usw.) betrachtet. Erfolgreiche Solokünstler, wie Udo Lindenberg, Nena oder Herbert Grönemeyer, bekommen gar gesonderte Kapitel. Für den Laien, bzw. Spätgeborenen ist diese reiche Zusammenschau sicher eine lohnenswerte Lektüre. Der Kenner wird hingegen nicht viel Neues entdecken. Gleichwohl ist Prescher mit "Es geht voran" ein solides Überblickswerk zur Geschichte der deutschen Popmusik gelungen, das zudem kapitelweise mit interessanten Hör-/Liedtipps aufwartet und auch Fotomaterial zur besseren Visualisierung enthält. Das abschließende Personenregister verleiht dem Buch darüber hinaus den Charakter eines Nachschlagewerks.

FAZIT
Das perfekte Buch für Leser, die sich schnell zum Thema deutschsprachige Popmusik informieren wollen bzw. diese mögen.

Bewertung vom 24.09.2018
Adrian oder: Die unzählbaren Dinge
Stallhofer, Angelika

Adrian oder: Die unzählbaren Dinge


ausgezeichnet

Ehrlich gesagt, hat es etwas gedauert, mit dem Text warm zu werden. Doch dies hat sich gelohnt. Denn die Geschichte ist hoch aktuell wie brisant.

Worum geht's?
Der Wiener Werbetexter Adrian Keller erschafft im Auftrag seiner Firma die Werbefigur Max Beier. Dieser ist der geborene Karrierist und ein Digital Native. Dementsprechend gibt es für ihn nur ein Leitmotiv, nämlich höher, schneller, weiter. Adrian überblickt die Wirkmacht dieser Kampagnenfigur auf sein eigenes, fast schon spießiges Leben anfangs nicht. Und so lässt er sich auf das Abenteuer ein, sieben Tage, abgeschottet von der Außenwelt, in einem Smart Home zu verbringen, um sich dort für neue Werbefilme mit Max Beier inspirieren zu lassen. Ein waghalsiges Unterfangen, dass Adrian bald mit seiner eigenen Identität hadern lässt.

Meinung
Angelika Stallhofers Prosawerk "Adrian oder die unzählbaren Dinge" bietet dem literarisch feinsinnigen Leser allerhand Grund zur Freude. Denn einerseits ist die Sprache reich an poetischen Bildern sowie Metaphern und andererseits wechselt die Szenerie kontinuierlich. Auf den insgesamt 192 Buchseiten wird kaleidoskopartig auf Adrians Leben geschaut. Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist ist ein fleißiger Charakter, der seine Freundin Anna für ihre Fabulierkunst bewundert. Die Schriftstellerin kämpft wie er täglich ums richtige Wort. Doch gemeinsame Zeit ist rar gesät und beschränkt sich nur auf wenige Stunden bzw. Chats. Zudem muss sich Adrian auch noch um seinen ungeliebten Vater kümmern, dessen Heimkosten er bezahlt. Kurzum, Adrians Leben ist festgefahren. Die Figur Max Beier und die anschließende Einsiedelei im Smart Home bietet ihm ungeahnte Möglichkeiten zu sich selbst zu finden. Doch wer ist Adrian Keller wirklich? Was folgt, ist ein Verwirrspiel aus Realität und Illusion, dem Adrian auf der Stelle erliegt. Denn der vermeintliche Freund kann sich später auch als windiger Spion entpuppen.

Mich hat vor allem die Stärke der Sprache, die in diesem Roman wie eine Waffe gebraucht wird (vgl. Kurt Tucholsky), beeindruckt. Stallhofers literarische Kennerschaft und ihre poetische Ader mochte ich auf Anhieb. Obgleich ich mit dem Plot zu Beginn zu kämpfen hatte, nahm er mich gefangen und führte dazu, dass ich das Buch nicht weglegen konnte. Dies lag auch an der aktuellen Thematik. Denn die negativen Auswirkungen der digitalen Medien auf unser selbstbestimmtes Leben sind m. E. nicht zu unterschätzen. Wer sich willfährig alles nur noch von Computern abnehmen lässt, der wird weichgespült und der eigenen Handlungsmacht beraubt (s. Adrian). Dementsprechend verstehe ich diese z. T. recht surreale Lektüre als Warnung für das eigene Leben. Darüber hinaus fand ich die Einbindung des Covers - Botticellis "Frühling" in Puzzleform - in die Handlung sehr gelungen und reizvoll. Alles in allem hat Stallhofer nicht nur damit guten Geschmack bewiesen.

Fazit
Ein literarisch anspruchsvolles Werk, das herausfordert und nicht mehr loslässt.

Bewertung vom 20.09.2018
Gschlamperte Verhältnisse / Rechtsmedizinerin Sofie Rosenhuth Bd.5
Gruber, Felicitas

Gschlamperte Verhältnisse / Rechtsmedizinerin Sofie Rosenhuth Bd.5


ausgezeichnet

INHALT
Für Gerichtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth fängt der Sommer in München-Giesing sehr turbulent an. Erst schwimmt eine männliche Leiche in der Isar und dann stößt man auch noch auf seltsame Schädelreliquien. Das verspricht eine Menge Arbeit. Privat sieht es für Sofie auch nicht ruhiger aus, denn gleich zwei Herren buhlen um ihre Gunst...

MEINUNG
Der 5. Fall mit und für Dr. Sofie Rosenhuth bot abermals beste Unterhaltung. Wer auf heitere Kriminalfälle mit viel bayerischen Charme steht, der wird Felicitas Grubers Romanreihe lieben.
Denn nicht nur die humorig-bunten Cover sind eine Schau, sondern auch die skurrilen Provinzfälle samt schrulligen Charakteren.
Besonders Hauptprotagonistin Sofie ist mir ans Leserherz gewachsen. Ihre Natürlichkeit, ihren Dialekt und ihre Hilfsbereitschaft finde ich seit dem ersten Band sehr sympathisch. Sie hat wie ihre altersweise Tante Vroni das Herz am rechten Fleck, muss aber aufpassen, dass sie dieses nicht an den falschen Mann verschenkt. Die On-off-Beziehung mit ihren Ex-Mann, den Kriminalhauptkommissar Joe Lederer, ist jedenfalls kein Dauerzustand, weil er es mit der Treue nicht so genau nimmt. Da passt der schöngeistige Gerichtsjournalist Charly schon eher zu ihr. Aber wer weiß? Rund um die verworrene Beziehungskiste spielen sich wie immer allerlei kriminelle Dramen ab. Hierbei fand ich es sehr spannend, dass dieses Mal Sofies eiskalte Chefin Dr. Falk in amouröse Gefahr geraten ist und dabei ein kranker Serienmörder überführt werden konnte. Der Plot bot damit allerhand Abwechslung. Sprachlich konnte mich der locker-leichte, humorige Grundton wieder vollkommen von sich überzeugen. Vor allem die dialektalen Einsprengsel mochte ich.

FAZIT
Beste Unterhaltungsliteratur, der man nie überdrüssig wird. Wirklich a Mordsgaudi! Ich freue mich jetzt schon auf den Folgeband.

Bewertung vom 14.09.2018
Coco Chanel
Sieger, Nadine

Coco Chanel


ausgezeichnet

Hört man den Namen Coco Chanel, dann denkt man unweigerlich an stilvolle Mode und ein weltberühmtes Parfüm aus Paris. Aber über den Menschen Coco Chanel (1883-1971) weiß man abgesehen von ein paar Fotos erschreckend wenig. So ging es mir jedenfalls. Doch Nadine Siegers vorliegende Romanbiografie hat meine Wissenslücken auf sehr eindrückliche Weise schließen können.

Siegers 272-seitiges Buch ist alles andere als ein nüchternes Sachbuch. Denn äußerst lebendig, emotional und mit Verve wird darin Coco Chanels Leben, die eigentlich Gabrielle Chanel hieß, nacherzählt. Hierfür fügte die Autorin dem Fließtext nicht nur interessante Originalfotos, sondern auch markige Sentenzen der Modeikone hinzu.

Coco Chanel wuchs nach dem frühen Tod der Mutter in einem streng katholischen Waisenhaus des Klosters Aubazine auf. Doch sie wollte und konnte ihr Leben nicht hinter Klostermauern verbringen. Mit 18 nahm sie deshalb mehrere kleinere Jobs in Moulins an, u.a. als Sängerin. Dabei lernte sie ihren ersten Liebhaber und späteren Förderer Étienne Balsan kennen. Dieser führte sie in die gehobenen Kreise von Paris ein und ließ sie erste Hüte entwerfen. Auf Étienne folgten weitere Affären mit Lebemännern, die Cocos Talent förderten und zugleich finanziell davon profitierten. Kurzum, sie hatte ein Händchen für die falschen Männer, die zwar Momente der Leichtigkeit versprachen, aber sie letztendlich nicht heiraten oder gar eine Familie mit ihr gründeten. So viel Pech sie in privaten Dingen hatte, so viel Glück hatte sie beruflich. Sie dominierte die Modewelt der 1920er-Jahre. Ihre minimalistischen Tweedkostüme, das kleine Schwarze, ihre Jersey-Badeanzüge oder ihre legendären Matrosenhosen bilden nur einen Bruchteil ihrer modischen Meisterleistungen ab. Coco Chanel entwarf was ihr gefiel und brach dabei gern mit den gängigen Konventionen. So machte sie die Hosen für Frauen erst salonfähig und setzte zugunsten des einfachen Stils auf wenig Pomp. Große Blumenmotive und Rüschenapplikationen mochte sie so gar nicht. Knallige Farben erst recht nicht. Doch nicht nur modisch war sie der damaligen patriarchalisch geprägten Lebenswelt immer einen Schritt voraus. Sie rauchte Kette, hatte zahlreiche Affären, sprach mit scharfer Zunge und lebte individuell ihre Wünsche und Träume aus - damals noch ein Novum. Daher galt sie auch als bewundernswertes Enfant terrible in der damaligen Modewelt, das mit 70 Jahren ein grandioses Comeback feierte. Chapeau vor solch einer starken Macherin!

Siegers Lebensbeschreibung lebt vom emotionalen Auf und Ab des Ausnahmetalents. Coco Chanel war eine nach außen hin starke und schlagfertige, aber innerlich zweifelnde Persönlichkeit, der trotz knabenhafter Figur Männer wie Frauen gleichermaßen zu Füßen lagen. Selbst bekannte Hollywoodgrößen kleidete sie ein. Und sie war bis zu ihrem Tod ein wirkliches Arbeitstier, das trotz aller Verpflichtungen stets um das Wohl seiner Freunde besorgt gewesen ist. Finanzielle Unterstützungen von Künstlern waren keine Seltenheit.

FAZIT
Eine immens spannende Biografie, die sich flüssig und mit Gewinn lesen ließ. Coco Chanel hat als Autodidaktin Weltruhm erlangt und mit ihrer minimalistisch, zeitlosen Mode neue Maßstäbe gesetzt. Nun kann ich Karl Lagerfeld verstehen, der bis heute von ihr schwärmt.

Bewertung vom 12.09.2018
Gebrauchsanweisung für das Internet
Gehlen, Dirk von

Gebrauchsanweisung für das Internet


sehr gut

Wer schon immer wissen wollte, wie das Internet entstanden ist und woraus es besteht, der sollte zu Dirk von Gehlens gut lesbarer Gebrauchsanweisung greifen.

Das 224-seitige Buch liefert einen prägnanten Überblick zum Thema und ist deshalb vor allem für Einsteiger und überzeugte Offliner geeignet. Gängige Begriffe (Cloud, Sprachsteuerung, IP-Adresse oder Emojis), Trends (Social Media & Co) sowie die Chronologie der einzelnen Entwicklungen (E-Mail, Web oder Hashtag) werden allgemeinverständlich dargeboten. Zudem verfügt jedes Kapitel über nützliche Tipps zum besseren Umgang mit dem Internet.

Dirk von Gehlen ist als Journalist bei der Süddeutschen Zeitung für das Ressort Social Media/Innovation zuständig und kennt sich dementsprechend bestens mit der Materie aus. Dies merkt man der Lektüre auch an. Mir hat es besonders gefallen, wie er den für den Laien recht trockenen und nicht immer leicht zu erfassenden Stoff auf ein Normalmaß heruntergebrochen und sich dabei regelmäßig passender bildhafter Vergleiche bedient hat.

FAZIT
Ein gutes Sachbuch, das mit spannenden Kapiteln und weiterführender Lektüre aufwartet.