Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: seschat
Danksagungen: 23 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 402 Bewertungen
Bewertung vom 12.08.2018
Ein Keim kommt selten allein
Egert, Markus; Thadeusz, Frank

Ein Keim kommt selten allein


ausgezeichnet

Der Buchtitel von Professor Dr. Markus Egerts Debüt hat mich magisch angezogen, erinnert er doch an ein bekanntes Sprichwort. Gepaart mit der delikaten Thematik und dem verspielt-sympathischen Cover, konnte ich mir dieses 256-seitige Machwerk einfach nicht entgehen lassen.

Mit "Ein Keim kommt selten allein" haben mich Markus Egert und sein Co-Autor, SPIEGEL-Redakteur Frank Thadeusz, restlos begeistern können. Denn spielerisch leicht vermitteln sie darin dem Leser mikrobiologisches Fachwissen. Beschränkten sich meine Kenntnisse über Bakterien, Viren und Pilze im Vorhinein noch auf Einzelheiten, so verfüge ich nun, dank der Lektüre, über einen groben Überblick. Mich hat vor allem die kurzweilige wie humorige Herangehensweise an die vielschichtige Mikroben-Thematik beeindruckt. Es ist schon erstaunlich, welches Potenzial in diesen nur mikroskopisch sichtbaren Einzellern lauert, die lange vor dem Menschen auf der Erde existierten (vor ca. 4,3 Milliarden Jahren). Markus Egert kennt sich als Professor der Mikrobiologie und führender Forscher der Haushaltshygiene bestens mit diesen Kleinstlebewesen aus, die für den Menschen Fluch und Segen zugleich sein können. Einerseits erhalten sie unsere Darmflora gesund und machen die Herstellung von Genussmitteln, wie Bier und Wein, erst möglich. Andererseits können sie unser Immunsystem ordentlich durcheinanderbringen, indem sie als Überträger von Infektionskrankheiten (z. B. Hepatitis, Pest, HIV, Cholera uvm.) agieren und unsere Wohn- und Lebensbereiche (z. B. Küche, öffentliche Verkehrsmittel etc.) kontaminieren. Natürlich konnte es sich Egert dabei nicht verkneifen, eine Top Ten der widerlichsten Keime mit einzubinden. Letztere las sich wie die gesamte Darstellung recht flüssig und fesselte den Leser. Das lag vor allem an Egerts prägnantem sowie offenem Erzählstil fernab der staubtrockenen Gelehrtensprache. Am unterhaltsamsten wurde es, wenn er auf eigene Erfahrungen bzw. Schwächen zu sprechen kam.

Darüber hinaus verfügt das Buch über allerhand nützliches Alltagswissen. So wird z. B. eingehend auf das Thema Händehygiene, Keime auf Smartphones, in der Spüle, im Krankenhaus oder auf unseren Haustieren eingegangen. Wie wir gegen diese Plagegeister effizient vorgehen und uns auch auf Fernreisen nicht mit Krankheiten infizieren, beschreibt Egert anschaulich und damit leicht nachahmenswert. Als ehemaliger Mitarbeiter der Deo- und Körpergeruchsforschung bei Henkel kennt er sich zudem sehr gut mit der Wirkung von Antitranspirantien, Waschmittel & Co. aus. Kurzum, dieses Buch ist nicht nur für Hausfrauen und -männer eine lohnenswerte Lektüre, sondern enthält auch für Otto Normalverbraucher allerhand nützliche Hygiene- wie Gesundheits-Tipps .

FAZIT
Meine Sachbuchentdeckung des Sommers. Hier wird lehrreiches Fachwissen leicht bekömmlich und spannend dargeboten - einfach eine perfekte Melange. Und eines steht nun auch fest, komplette Keimfreiheit ist e

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.08.2018
Die Perücke
Amara, Luigi

Die Perücke


ausgezeichnet

Bis heute sprechen Prominente bzw. Menschen des öffentlichen Lebens nur ungern darüber, dass sie eine Perücke tragen. Denn sie empfinden es vornehmlich als Makel, keine natürliche Haarpracht zu haben. Man denke nur an die endlose Diskussion über Donald Trumps echten bis unechten Kopfputz.

Von Tabuisierung bzw. Zurückweisung des künstlichen Haarersatzes konnte in den Frühen Hochkulturen noch keine Rede sein. Denn im Alten Ägypten trugen Pharaonen, Beamte, Priester und Künstler wie selbstverständlich eine Perücke aus echtem Haar oder Pflanzenfasern. Die hohen Temperaturen und das damalige Schönheitsideal machten es möglich.

Im antiken Rom entwickelte sich die Perücke mehr und mehr zum Machtsymbol und Trendsetter. Die wechselnden wie opulenten Frisuren der Kaisergattinnen wurden vom gemeinen Volk imitiert und wirkten sich sogar auf Bildhauerei aus. Und fortan verfügten die Marmorplastiken der kaiserlichen Ehefrauen über abnehmbare Perücken/Haarteile.

Neben der Macht- und Aristokratiesymbolik, die vor allem im Ancien Régime auf die Spitze getrieben wurde, diente die Perücke zeit ihrer Erfindung auch als probates Mittel der Verkleidung und Verstellung. Casanova schlüpfte beispielsweise mithilfe dieser "haarigen Maske" in verschiedene Rollen, u. a. Arzt, Geiger oder Anwalt, und verführte damit die Damenwelt. Selbst Tennislegende Andre Agassi (s. Cover) trug eine Langhaarperücke, um sein rebellisches, punkiges Image zu unterstreichen und von seinem kahlen Schädel abzulenken. Doch vor allem Verbrecher nutzen die künstliche Tarnkappe bis heute.

Die Vielschichtigkeit und das Nischendasein des Perückenthemas waren dem mexikanischen Essayisten und Verleger Luigi Amara Grund genug, sich einmal eingehend mit der Materie zu befassen. Herausgekommen ist dabei eine interessante und lyrisch verschnörkelte Abhandlung anachronistischen Charakters. Doch wer die feinsinnigen Bandwurmsätze des Autors aufmerksam studiert, der wird mit einer abwechslungsreichen sowie bereichernden Kulturgeschichte belohnt werden. Kapitelweise begibt sich Amara dabei auf einen geschichtlichen Streifzug, der mit allerhand Überraschungen und Skurrilitäten aufwartet. Historiker und Laien werden gleichermaßen begeistert sein. Meine Highlights waren die ausführlichen Einblicke in die Antike sowie ins Zeitalter der frühen Neuzeit. Vor allem die pompösen Prunkfrisuren der Damen am französischen Königshof, wie von Marie-Antoniette oder Madame Pompadour, erstaunten mich. Denn die damaligen 1,50 m hohen Haartürme waren alles außer gewöhnlich. Darüber hinaus symbolisiert das menschliche Kopfhaar seit Anbeginn der Zeit nun einmal Gesundheit, Schönheit und Fruchtbarkeit. Etliche Mythen wie Geschichten legen davon Zeugnis ab. Man denke nur an das Haar der Berenike oder den Germanenhaarhype im Alten Rom. Auch hierauf geht Amara pointiert ein. Seine lebendigen Fußnoten am Seitenende enthielten ebenfalls interessante Fakten und Anekdoten.

FAZIT
Egal ob Statussymbol oder Luxusartikel, die Perücke hat die Geschichte eisern überdauert und ist alles andere als ein bloßer Alltagsgegenstand. Mit ihr werden Trends gesetzt, Images gepflegt oder neue Identitäten gestiftet. Daher sollte sich m. E. auch mehr mit der Perückenkunst und dem Thema Haar auseinandergesetzt werden. Luigi Amaras Buch ist hierfür ein ungemein lesenswerter Einstieg.

Bewertung vom 02.08.2018
In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2
Ulrich, Stefan

In Schönheit sterben / Robert Lichtenwald Bd.2


ausgezeichnet

INHALT
Dieses Mal geht es für das ungewöhnliche Ermittlerduo nach Rom, wo kürzlich der mondäne Lebemann und Kunstsammler Annibale Colasanti wegen einer antiken Statue brutal ermordet wurde. Die Tätersuche ist kompliziert und der Kreis der Verdächtigen groß. Eine futuristische Schönheitspartei, eine Grabräuberbande und eine alte Liebschaft stehen gleichzeitig im Fokus der Ermittlungen.

MEINUNG
Stefan Ulrichs zweiter Italienkrimi für den Rechtsanwalt Robert Lichtenwald und die Lokaljournalistin Giada Bianchi bot wieder einmal gute Unterhaltung.

Der Endvierziger Robert Lichtenwald ist ein sympathisch authentischer Protagonist. Dem ehemaligen Münchner Rechtsanwalt, der sich in der Toskana ein Haus gekauft hat und mitten in der Midlife-Crisis steckt, wird des dolce farniente mit der Zeit überdrüssig. Da kommt das Angebot von Freundin Giada, sie bei Recherchearbeiten rund um den Mordfall Annibale Colasanti zu unterstützen, gerade recht. Giada besitzt im Gegensatz zu Robert einen temperamentvollen Charakter und kann ihre Emotionen nur schwer unterdrücken. Hat sie sich einmal an einem Fall festgebissen, lässt sie diesen so schnell nicht wieder los. Gut, dass Robert an ihrer Seite ist, der stets einen kühlen Kopf bewahrt und dem Charme der quirligen Powerfrau in den Dreißigern nicht widerstehen kann. Kurzum, neben Crime enthält der Plot auch Szenen fürs Herz.

Abgesehen von den überzeugenden Hauptcharakteren ist es der Kriminalfall gewesen, der mich ab der ersten Seite mitgerissen hat. Er ist komplex gestaltet und Informationen werden nur häppchenweise an den Leser weitergereicht, was den Spannungsbogen konstant hoch hält. Gemäß dem Titel wird das Thema Schönheit und vor allem deren Abgründe, wie Schönheitswahn und –kult, beleuchtet. Es ist schon erstaunlich, dass im Namen der Schönheit Morde begangen werden. Hierbei haben mich Ulrichs wohl recherchierte Exkurse zur antiken Plastik sowie seine eingestreuten Philosophenzitate begeistern können. Auch die Einblicke in die toskanische Grabräuberszene fand ich spannend und interessant zugleich.

Auf der Sprachebene lieferte der Autor ebenso eine reife Leistung ab. Kurzweilig, humorig und sprachlich gewandt (lateinische und italienische Einflüsse) erzählte er seine Geschichte. Die häufigen Szenenwechsel und der bewundernde Blick auf Italiens Schönheiten (Essen, antike Kultur etc.) fesselten mich.

FAZIT
Ein spannend inszenierter Kriminalfall für Italienfans.

Bewertung vom 02.08.2018
Couragiert gegen den Strom
Wagenknecht, Sahra

Couragiert gegen den Strom


ausgezeichnet

Sahra Wagenknecht ist das Gesicht der LINKEN. Sie spricht Wahrheiten aus, die andere Bundespolitiker lieber verschweigen und scheut keinen Diskurs. Kurzum, sie polarisiert, eckt an. Für mich gehört sie zum kleinen Kreis der glaubhaften Politiker innerhalb Deutschlands. Durch ihre Herkunft kennt sie sich zudem bestens mit den Nöten, Ängsten und Wünschen der "Ostdeutschen" aus.

"Couragiert gegen den Strom" ist ein aufrüttelndes 224-seitiges Interview, das der Journalist Florian Rötzer 2017 mit Wagenknecht geführt hat. Darin geht es nicht nur um politische Überzeugungen und heiß diskutierte Themen (z. B. Flüchtlingskrise, soziale Frage, Bildung oder Lobbyismus), sondern auch um die Person Wagenknecht. So erfährt u. a., dass sie, die Vielbeschäftigte, liebend gern liest, Philosophie studiert hat und in der DDR als asozial galt.

An diesem durchweg spannendem Gespräch hat mir vor allem Wagenknechts glasklare wie geradlinige Argumentation imponiert. Ohne zu beschönigen, legt sie den Finger in bundespolitische Wunden und spart an keiner Stelle mit Kritik. Sie spricht die Themen des kleinen Mannes an und appelliert daran, diesen trotz Handelskrieg, Asylstreit und Pflegenotstand nicht aus den Augen zu verlieren. Auch die momentane Politikverdrossenheit der Bundesbürger thematisiert sie und zeigt auf, dass sich die Profile der einzelnen Parteien immer weniger voneinander unterscheiden.

FAZIT
Scharfsinnige Einschätzung des momentanen politischen Status quo. M. E. braucht es mehr Politiker von Sahra Wagenknechts Format.

Bewertung vom 29.07.2018
Die Elternsprecherin
Gelman, Laurie

Die Elternsprecherin


gut

INHALT
Jennifer Dixon (47) ist dreifache Mutter und steckt mitten in der Midlife-Crisis. Einst war sie eine junge abenteuerlustige Frau und nun allein Mutter und Hausfrau zu sein, füllt sie nicht aus. Um sich abzulenken, wird sie Elternsprecherin an der William-H.-Taft-Grundschule. Ein leichter Job, wie sie denkt. Doch schnell wird sie eines Besseren belehrt. Denn die Eltern machen aus allem ein Problem, zeigen sich unkooperativ und kommen mit Jennifers direkter wie unkonventioneller Art nicht klar.

MEINUNG
Die kanadische Autorin und Ex-TV-Moderatorin Laurie Gelman war selbst fünf Jahre Elternsprecherin und ist daher mit der Materie bestens vertraut. Dementsprechend viele Erfahrungen und Erlebnisse werden in vorliegende Lektüre eingeflossen sein.

Ich muss zugeben, dass ich mich trotz des interessanten Themas mit dem Buch schwer getan habe. Dies lag zum einen an den äußerst klischeebehaften Charakteren und zum anderen an dem trivialen Plot. Infolge brach ich die Lektüre immer wieder ab. Nur die Neugier auf das Kommende hat mich schlussendlich dazu bewogen, das Buch doch zu beenden.

Die Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin Jennifer Dixon ist eine chaotisch-taffe Mittvierzigerin, die gern mit Worten austeilt. Ihre an die Eltern gerichteten E-Mails trieften durchweg vor Sarkasmus und boten damit gute Unterhaltung. Auch ihren unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn fand ich sympathisch. Was mich allerdings nervte, war ihr teenagermäßiger SMS-Kontakt mit Don, ihrem ehemaligen Schulschwarm. Denn Jennifers Gatte Ron ist eine Seele von Mann, aber auch das muss sie im Laufe der Handlung erst noch herausfinden. Ihr Nachzügler Max fiel hingegen durch seinen eigenwilligen Kleidungsstil und seine naseweise Art positiv auf. Nur die Nebencharaktere, sprich die Eltern, gelangen Gelman gewöhnungsbedürftig. Ob karrieregeile oder sog. Helikopter-Eltern, kein Extrem wurde ausgelassen

FAZIT
Nette Geschichte, mehr aber auch nicht.

Bewertung vom 28.07.2018
Der Horror der frühen Medizin
Fitzharris, Lindsey

Der Horror der frühen Medizin


ausgezeichnet

INHALT
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts endete fast jede Operation tödlich. Dies lag mitnichten am medizinischen Unvermögen der damaligen Chirurgen, sondern vielmehr an der mangelnden Hygiene. Weder die Ärzte noch die OP-Säle wurden desinfiziert. Kurzum, Keime konnten sich rasant ausbreiten. 1860 erreichte die Mortalitätsrate in den britischen Krankenhäusern gar ihren Höchststand. Der vielseitig interessierte Chirurg Joseph Lister (1827-1912) wollte dieses sinnlose Sterben beenden, indem er sich entschieden gegen die allseits bekannte Miasmentheorie aussprach. Der Quäkersohn forschte und beobachte den Verlauf der gängigen Wundinfektionen (wie z. B. Erysipel, Gangrän oder Sepsis) mikroskopisch genau und fand heraus, dass das Krankenhauspersonal als Überträger Nr. 1 fungierte. Lister stützte sich dabei auf Louis Pasteurs Studien und entwickelte diese ehrgeizig neben dem hektischen Klinikbetrieb in Glasgow und London weiter. Was folgte, verblüffte Patienten wie Ärzte und machte Lister zum Begründer der sog. antiseptischen Medizin. Der Hospitalismus konnte gebannt werden, indem man fortan Hände, Kleidung sowie den OP-Bereich gründlich desinfizierte.

MEINUNG
Mit der Biografie „Der Horror der frühen Medizin“ ist der britischen Medizinhistorikerin Lindsey Fritzharris wahrlich eine spannende Lektüre mit krimihaften Zügen gelungen. Ich habe das 276-seitige Buch regelrecht verschlungen. Das lag zum einen daran, dass mich die Thematik brennend interessiert hat und zum anderen an den bildhaften Beschreibungen der Autorin. Fritzharris hat sowohl die Zeitumstände als auch die Rückständigkeit der Chirurgie im 19. Jahrhundert erschreckend realistisch porträtieren können. Dies setzt natürlich eine umfangreiche Recherche voraus. Als Leser staunt man einfach, wenn von alltäglichen Schausektionen und Schlachter ähnlichen Medizinern die Rede ist. Man kann es sich kaum vorstellen, aber damals galten Krankenhäuser als „Todeshäuser“ und wurden nur im äußersten Notfall aufgesucht. Im Privaten sah es nicht besser aus. Dort herrschte Dunkelheit, Dreck und harte Arbeit.

Diese recht bedrückende Stimmung nimmt das Cover auf eindrückliche Weise auf. So ist der Titel in Blutrot gehalten und der schwarze Hintergrund erinnert an den Tod. Die zwei metallischen Operationsgeräte flößen zusätzlich Respekt ein.

Dreh- und Angelpunkt der Lektüre ist Joseph Lister. Er war eine Lichtgestalt der damaligen Zeit. Er lebte 100 Prozent für die Medizin und ordnete dieser alles unter. Sein Forscherdrang, sein Mut zur Veränderung und seine Bescheidenheit haben mir imponiert. Es ist m. E. wichtig, dass man an solch wichtige Persönlichkeiten der Naturwissenschaft erinnert wird. Denn ich kannte Lister vor der Buchlektüre nicht, hatte weder im Biologieunterricht oder irgendwo anders von ihm gehört.

FAZIT
Ein durchweg lesenswertes Kapitel der Medizingeschichte, das flüssig und spannend erzählt wird. Gut, dass sich die Medizin in puncto Asepsis weiterentwickelt hat.

Bewertung vom 26.07.2018
Klugscheißer Royale
Steffens, Thorsten

Klugscheißer Royale


ausgezeichnet

INHALT
Timo Seidel ist 28, hat früh sein Studium abgebrochen und nie einen richtigen Beruf erlernt. Nichtsdestotrotz weiß er immer alles besser und ist damit der geborene Callcenteragent. Doch gerade seine große Klappe wird ihm im Job zum Verhängnis. Nach 5 Jahren wird er gekündigt und erhält zeitgleich von seiner Freundin Cleo den Laufpass. Letztere hatte sich bisher um den gesamten Haushalt und die Miete gekümmert. Nun steht der Endzwanziger das erste Mal ohne Frau, Geld und Job da. Da kommt das Jobangebot einer Bekannten gerade im richtigen Moment. Fortan soll Timo an der Abendschule in Brühl Englisch und Deutsch unterrichten. Doch wird er diese Herausforderung ohne pädagogisches Rüstzeug, aber mithilfe seiner Besserwisserei meistern können?

MEINUNG
Mit „Klugscheißer Royale“ ist Thorsten Steffens ein überzeugender Debütroman gelungen, der sich nicht nur flott, sondern auch mit viel Spaß lesen lässt.
Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Timo macht seinem Ruf als Klugscheißer im Laufe der Handlung alle Ehre. Ständig verbessert er Bekannte, Kollegen oder Passanten und macht sich damit nicht nur Freunde. Zudem fällt dem Halbamerikaner das Haushalten schwer. Ein Zurück ins Hotel ist keine Option. Dementsprechend muss er nicht nur in seiner neuen Funktion als Lehrer einiges dazulernen. Und sein Weg ins „selbstständige Erwachsenenleben“ ist wahrlich eine Lektüre wert. Ich habe mich jedenfalls bis zum Buchende köstlich über ihn, den charmanten „Antihelden“, amüsiert.

Die Nebencharaktere, allen voran die überschwängliche Direktorin Frau Penne, verliehen dem Plot zusätzlich Farbe.

Für Thorsten Steffens‘ leicht verständlichen und unterhaltsamen Sprachstil konnte ich mich auf Anhieb begeistern. Besonders sein Humor und die damit verbundenen Neologismen („Wörter-Worte-Verwechsler“) und Euphemismen (z. B. „Münzmallorca“) gefielen mir.

Das Cover ist ein farbiger Eyecatcher. Der Kontrast zwischen grauer Beamtenkluft und Königskrone ist toll, vom hellblauen Hintergrund ganz zu schweigen.

FAZIT
Die passende Lektüre für Fans humorvoller Literatur, Lehrer und passionierte Klugscheißer.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.07.2018
Meerjungfrauen morden besser / Konny und Kriemhild Bd.2
Kruse, Tatjana

Meerjungfrauen morden besser / Konny und Kriemhild Bd.2


ausgezeichnet

Der zweite Kriminalroman mit Konny und Kriemhild, den sog. K&K-Schwestern, bot wieder phänomenal gute Unterhaltung.

Dieses Mal gehen die beiden ungleichen Zwillingsschwestern auf Reisen, genauer gesagt gen Hamburg. Dort hoffen beide, mehr über Kriemhilds vor 15 Jahren verstorbenen Mann, den Kapitän Kommodore, und dessen illegalen Schatz herauszufinden. Natürlich ist dies wieder kein leichtes Unterfangen für die beiden Bestagerinnen, denn ehemalige Crewmitglieder des Kommodoren sind ihnen stets auf den Fersen und verlangen ihr Kuchenstück vom Millionenfund...

MEINUNG
Tatjana Kruses Fortsetzungsroman mit dem rüstigen Schwesternpaar hat mich ab der ersten Zeile gefangen genommen und bis zum überraschenden Schlussakkord nicht mehr losgelassen.

Konny und Kriemhild sind zwei überzeugende Charaktere. Ihre Gegensätzlichkeit, die eine nordisch-herb und hager und die andere eher emotional und rubenhaft, macht sie so sympathisch und lebensecht. Auch im gesetzten Alter können sie es sich nicht verkneifen, sich gegenseitig aufzuziehen. Infolge kommt es zu einigen nordisch-direkten sowie schwarzhumorigen Wortduellen, welche die Lektüre bereichern. Besonders über Konnys Alkohol- und Männerabusus sowie über Kriemhilds angestaubte Moralansichten wird sich gern gefetzt.

Abgesehen vom kongenialen (Hilfs-)Ermittlerpaar, denn nichts anderes sind die beiden Vollblut-B&B-Betreiberinnen schlussendlich, vermag mich die Krimikomponente von Kruses Erzählungen jedes Mal aufs Neue an Skurrilität und Abwechselung zu überraschen. Kapitel um Kapitel stolpern Konny und Kriemhild in "Meerjungfrauen morden besser" über Leichen, ohne das sie dies groß mitzunehmen scheint. Denn zu allem Überfluss muss nicht nur ein Geldschatz aufgespürt werden, sondern auch Nacktkater Amenhotep und Neuzugang, Graupapagei Chuck Norris, bei Laune gehalten werden. Kurzum, die beiden älteren Weibsbilder und ihre Menagerie inklusive Harley Davidson sind schon eine illustre, mit allen Wassern gewaschene Truppe. Mir ist vor allem der exaltierte Amenhotep ans Leserherz gewachsen, der schnell friert und dann gern mal einen Babystrampler trägt.

Dem Handlungsort Hamburg hat Kruse mit diesem Roman ebenso ein Denkmal gesetzt. Das maritime, schnoddrige und z. T. zwielichtige Flair hat die Autorin sehr treffend eingefangen.

Sprachlich gab es nichts zu beanstanden, denn Kruses leichtfüßig-humorvoller und famos beobachtender Stil, der nie um Direktheiten verlegen ist, brennt sich schnell ein und macht süchtig. Wer einmal Tatjana Kruse gelesen hat, der lässt sich auch ihr übriges Œuvre nicht entgehen.

Auch optisch macht das Buch etwas her. Passend zum Sujet wurde das Cover maritim und blutig (Titel) gestaltet. Mir gefiel es auf Anhieb.

FAZIT
Ein insgesamt sehr humoriger und spannender Krimi, der einem skurrilen Theaterstück gleicht, das für den Zuschauer bzw. Leser immer wieder neue Facetten und verblüffende Denkweisen bereithält. Hoffentlich wird es noch viele Fälle mit und für die K&K-Schwestern geben.

Bewertung vom 16.07.2018
Gruppentherapie
Kalpenstein, Friedrich

Gruppentherapie


ausgezeichnet

INHALT
Friedrich Kalpensteins neuester Coup dreht sich um den Möchtegernschlagerstar Benny Biber, der am Wochenende im John-Travolta-Gedächntislook auf Mallorca auftritt und sonst als biederer Architekt Ben in München bei Zöllner & Zöllner Karriere macht. Wäre dieses Doppelleben nicht schon anstrengend genug, hat Ben auch noch zwei Freundinnen gleichzeitig. Einerseits führt er eine Beziehung mit der berechnenden Tochter seines Chefs, Clarissa Zöllner, andererseits unterhält er eine lose Affäre mit der älteren Bardame Eva. Wie lange wird er dieses berufliche und private Schmierentheater noch aufrechterhalten können?

MEINUNG
Friedrich Kalpensteins Roman "Gruppentherapie" bot gewohnt spaßig-leichte Unterhaltung und wartete dazu noch mit einem sympathisch-naiven Hauptcharakter auf, dem man einfach nichts übel nehmen konnte. Buchseite um Buchseite durfte der Leser an Bens stetig wachsendem Dilemma teilhaben und mitfiebern. Untermalt wurde die ganze skurrile Chose dann noch mit herrlich Klischee besetzter Schlagermusik, die der Autor alias Ben Valdern höchstpersönlich vertont hat (s. gleichnamige CD) und stilistisch an die bekannten "Malle-Stars" erinnert. Bereits dieser kleine, aber feine Einblick in die spezielle Schlagerwelt Mallorcas strapazierte die Lachmuskeln sehr und verfügte über reichlich Fremdschämpotenzial. Aber für Hauptprotagonist Ben bzw. Benny ist dies kein Problem, Hauptsache er kann die Zuhörerschaft damit begeistern. Sein Architektenleben verläuft hingegen mehr als spaßbefreit und ist stets am schönen Schein orientiert, was Ben wenig behagt. Die Bussi-Bussi-Gesellschaft der Zöllnerdynastie nimmt er lediglich für den beruflichen Aufstieg, aber mit gehörig Bauchschmerzen, in Kauf. Auch hierbei bewies Kalpenstein eine gute Beobachtungsgabe, indem er diese in sich verlogene, oberflächliche Gesellschaftsschicht in seiner Erzählung realistisch nachzeichnete.
Besonders die Nebencharaktere, allen voran die eiskalte Clarissa und Bens gutmütiger Produzenten-Freund Sascha, konnten in ihren Rollen überzeugen.
Kalpensteins humorige Schreibe durfte auch bei "Gruppentherapie" nicht fehlen. Kurzweilig und mit gutem Gespür für Gags bzw. Situationskomik entführt er den Leser in Bens chaotisch-abenteuerliches Leben.

FAZIT
Heitere Komödie, die sich prima als Urlaubslektüre eignet und den Alltag vergessen lässt.

Bewertung vom 16.07.2018
Ramses - Reich an Jahren -
Dietrich, Anke

Ramses - Reich an Jahren -


ausgezeichnet

INHALT
Im 5. Teil der Ramses-Romanreihe von Anke Dietrich muss Pharao Ramses II. (1279-1213 v. Chr.) einige private Schicksalsschläge verkraften. Erst stirbt unverhofft der Thronfolger Amuni, dann noch seine Mutter Tuja und die geliebte Gemahlin Nefertari und schlussendlich der zweite designierte Horus im Nest. Doch abgesehen vom privaten Leid kann Ramses II. ebenso Erfolge, wie die Fertigstellung des Abu-Simbel-Heiligtums und den Friedensvertrag mit den Hethiterkönig Hattusili, vorweisen.

MEINUNG
Als großer Fan von Anke Dietrichs Historienroman-Reihe um Ramses II. konnte ich mir den fünften der Band einfach nicht entgehen lassen und wurde abermals nicht enttäuscht. "Ramses - Reich an Jahren" knüpft nahtlos an die Handlung aus dem Vorgängerband an und vermochte den Leser abermals ab der ersten Zeile mitzureißen. Die Autorin schaffte es auf grandiose Weise, Historie und Fiktion miteinander zu kombinieren. Das Eintauchen in diese spannende Epoche der ägyptischen Geschichte gelang daher wieder einmal spielerisch-leicht. Darüber hinaus hat Dietrich zeittypische Begriffe aus der altägyptischen Sprache mit einfließen lassen, die nicht nur den Kenner jubilieren ließen, sondern auch für den Laien in einem gesonderten Glossar leicht verständlich erklärt wurden. Die gewohnte Dramaturgie der Ramses-Romane wird auch im 5. Band an keiner Stelle vernachlässigt, so dass ein Ereignis schnell das nächste abwechselte. Mir gefiel vor allem, dass die Autorin neben allen historischen wie kulturellen Fakten versucht, die Königsfamilie menschlich abzubilden. Denn auch ein Gottkönig kann trauern bzw. Gefühle zeigen.

FAZIT
Wieder eine gelungene Romanauskopplung, die große Lust aufs Staffelfinale macht.