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Benutzername: seschat
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Bewertungen

Insgesamt 360 Bewertungen
Bewertung vom 16.01.2018
Payback
Schirrmacher, Frank

Payback


ausgezeichnet

Das Enfant terrible der deutschen Journaille Frank Schirrmacher weilt leider seit 2014 nicht mehr unter uns, hat aber mit "Payback" ein noch immer hochaktuelles Sachbuch hinterlassen, das sich mit dem negativen Einfluss der digitalen Medien auf den Menschen beschäftigt. Was der Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer später als "digitale Demenz" anprangern wird, hat der ehemalige FAZ-Herausgeber und Buchautor bereits 2009 erkannt. Kurzum, die Rede ist von der eingeschränkten bzw. zurückgehenden Merk- und Aufnahmefähigkeit des Menschen gegenüber Informationen.

SMS, Twitter, Facebook und E-Mail konditionieren uns User immer mehr dazu, einerseits schnell und kurz auf Nachrichten zu reagieren und andererseits längere Abhandlungen zur Seite zu legen bzw. nicht mehr erfassen zu können. Wenn Wissen überall und zu jeder Zeit verfügbar zu sein scheint, warum muss man sich dann noch etwas merken oder gar auswendig lernen? Mehr noch, Schirrmacher meint, die stete Alarmbereitschaft durch Nachrichtendienste stresse und stumpfe uns dermaßen ab, dass wir bald nicht mehr in der Lage sein werden, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. So düster seine damalige Prognose bzw. Erkenntnis auch klingen mag, so aktuell ist diese in der heutigen Zeit von Digital Natives und Burnout. Das eigene Ich hat durch die Digitalisierung sicherlich viele neue Möglichkeiten bekommen, um mit der Außenwelt zu kommunizieren, doch zu welchem Preis? Wir werden der stetigen Informationsflut kaum noch Herr und machen uns vermehrt zu Sklaven von Smartphone, PC und Co. Multitasking = Verdummung?

Besonders der zunehmende Rückgang der Lesekonzentration und des Lesevermögens von Kindern und Jugendlichen gibt dem Autor zu denken. Durch wissenschaftliche Studien belegt er, wie sich das Verhältnis von Maschine und Mensch, d.h., das Verhältnis von fremdgesteuerten und autonomen Denken, verändert hat. Wenn uns immer mehr abgenommen wird, wie z. B. durch Apps, Navigationsgeräte, Taschenrechner etc., dann schwächen wir uns damit, weil wir nicht mehr selbst denken, sondern denken lassen. Eine erschreckende Entwicklung, nicht wahr? Sicher darf man nicht alles derart schwarzsehen, aber eine unkritische Haltung gegenüber der Digitalisierung ist auch keine Lösung...

FAZIT
Ein spannendes Sachbuch, das wenngleich es etwas eindimensional argumentiert, uns alle wachrütteln sollte, denn der Preis, den wir für die Digitalisierung zahlen müssen, wird hoch sein (s. Titel). Sapere aude!

Bewertung vom 14.01.2018
Die Welt in Seiten

Die Welt in Seiten


ausgezeichnet

Henry Hitchings befragt in seinem kleinen Erzählband "Die Welt in Seiten" bekannte und preisgekrönte Autoren zu deren persönlichen Verhältnis zu Buchhandlungen. Besonders in der heutigen Zeit, in der mithilfe des Internets alles sofort verfügbar zu sein scheint, wirkt das Medium Buch antiquiert und Buchhandlungen müssen sich gegen Internetriesen wie Amazon behaupten; nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Mit dem schleichenden Sterben kleiner und altbekannter Buchläden geht eine Ära mit ganz besonderem Charme zu Ende. Sich kenntnisreich vom Buchhändler beraten zu lassen bzw. stundenlang in der literarischen Vielfalt eines altehrwürdigen Ladens zu versinken, ist in der Gegenwart immer weniger gefragt. Doch ist das nicht schade? Ich meine ja. Als bibliophiler Mensch empfinde ich die zunehmende Kommerzialisierung des Buchhandels als bedenklich. Dieser Meinung sind auch die 15 von Hitchings ausgewählten Romanciers. Unter ihnen befinden sich namhafte Vertreter, wie Daniel Kehlmann, Elif Shafak oder Ali Smith. Diese mitunter drolligen bis ergreifenden Geschichten boten beste Unterhaltung. Mehr noch, sie gaben dem Leser einen guten Einblick in die persönliche Lese- und Buchhandlungssozialisation der Schriftsteller. Und schnell wurde klar, jeder Autor und „Büchermensch“ tickt anders. Der eine liebt den Austausch übers Gelesene oder eigene Werke, der andere ergründet die vielfältige Bücherwelt lieber allein und im Geheimen. Zudem waren die Buchhandlungen der Kindheit für viele spätere Bestsellerautoren ein willkommener Rückzugsort wie Bildungshort. Was alle Essays eint, ist die darin gepriesene Liebe zum Buch und den bunten Buchhandlungen dieser Welt - auf dass es diese noch lang geben wird!

Lieblingszitat (S. 71):
"Die besten Buchhandlungen sind Orte, in denen das Prinzip der glücklichen Fügung - das, vereinfacht gesagt, darin besteht, das Buch zu finden, das man braucht, wenn man noch gar nicht weiß, dass man es braucht - in seiner ganzen Herrlichkeit zutage tritt."

FAZIT
Ein Buch für Bibliophile und die, die es noch werden wollen.

Bewertung vom 02.01.2018
Die 3-Tage-Woche
Vorpahl, Elias; Lang, Dominik

Die 3-Tage-Woche


ausgezeichnet

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Die Autoren Elias Vorpahl und Dominik Lang, beide in den Dreißigern, haben genug vom Nine-to-five-Jobmodell. In ihrem Buch propagieren sie gar die "3-Tage-Woche". Dahinter steckt der Gedanke, aus weniger mehr zu machen. D.h., man tauscht Arbeitszeit gegen persönliche quality time. Aber heißt das im Umkehrschluss nicht auch auf Geld und Rentenpunkte zu verzichten?
Nicht unbedingt. Vorpahl und Lang geben in ihrer Lektüre zahlreiche Tipps, wie man Geld gewinnbringend anlegen bzw. sparen kann. Auch wenn ihre Tipps und Tricks (so z.B. Studienplatz tauschen BU-Versicherung abschließen, Immobilien vermieten oder Cashback-Portale nutzen) nicht für jeden umsetzbar zu sein scheinen, so führen diese beim Lesen doch zu allerhand Aha-Effekten bzw. Momenten des Staunens. Und man fragt sich als Laie natürlich: Was, das ist möglich? Ja, das ist es. Jedenfalls fußen die Ausführungen der Autoren auf gültigen Gesetzen und Bestimmungen.
Ein weiteres Plus des Sachbuchs ist der unterhaltsame und pointierte Erzählton. In einer einfachen, allgemeinverständlichen Sprache, wie man sie unter guten Freunden pflegt, beschreiben sie gängige und meist diffizile Finanzierungskonzepte. Und ganz nebenbei flechten die Autoren Erfahrungen aus den eigenen Werdegang ein.

FAZIT
Eine in sich stimmige Lektüre, die genau in die heutige Zeit passt und spannende (Lebens- und Arbeits-)Alternativen aufzeigt.

Bewertung vom 30.12.2017
Meine Geschichte
Knopp, Guido

Meine Geschichte


ausgezeichnet

Der Aschaffenburger Guido Knopp, geb. 1948, ist aus dem deutschen Geschichtsfernsehen zeit seiner erfolgreichen „Hitler-Dokumentationen“ nicht mehr wegzudenken. Ob über Adolf Hitler bzw. über seine Helfer und Vollstrecker, Knopp macht historisches Bildungsfernsehen für jedermann. Und seine Inszenierungen kommen an und sind entgegen der damaligen harschen Kritik von Printmedien und der Historikerzunft, die ihm „Knoppismus“ vorwarfen, wissenschaftlich fundiert aufbereitet worden. Der Erfolg gibt Knopp, der Geschichte und Politik studiert hat, danach als Journalist bei Burda, WamS und FAZ arbeitete und schließlich beim ZDF landete, Recht. Unzählige Preise, von der Goldenen Kamera bis zur amerikanischen Emmy, und Kontakte zu den wichtigsten historischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts (Michael Gorbatschow, Willy Brandt, Helmut Kohl usw.) kann er sein Eigen nennen. Zudem durfte er sein Hobby zum Beruf machen und hat dies leidenschaftlich beim ZDF ausgelebt. Dort gründete er die Redaktion Zeitgeschichte und brachte frischen Wind in die damalige betuliche bis oberlehrerhafte Welt des Geschichtsfernsehens. Als erster vermochte er, Geschichte spannend und für jedermann nachvollziehbar darzustellen; was mit allerlei Neidattacken einherging. Doch seiner Vision blieb er bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2013 treu.

In seiner Ende 2017 erschienenen Biografie gibt er zwar streiflichtartig manches Persönliche, wie z. B. über seine Ehrenrunde in der Oberstufe oder über seine mündliche Doktorprüfung, preis, legt den Fokus aber auf das sein ganzes Leben beherrschende Thema – die deutsche Zeitgeschichte. Jede seiner Lebensstationen war wie von Zauberhand mit einem zeithistorischen Ereignis, seien es die 68er-Bewegung, Historikerdebatten, die Wendezeit oder Kanzlerschaft von XY, verquickt. Historiker als auch Geschichtsfans werden ihre Freude an dieser besonderen Biografie haben. Ich habe mich jedenfalls gut unterhalten gefühlt und einiges Neues dazugelernt. Zudem erkennt der Leser schnell, dass sich Knopp nicht einzig auf seine Nazi-Dokumentationen beschränken lässt. Denn mit der Geschichte der Vertreibung, der DDR, der Wiedervereinigung, der Kanzlerregierungen als auch der europäischen Königshäuser hat er sich ebenso intensiv auseinandergesetzt.

Seine charmant-authentische Art, ohne professorale Arroganz, Scheu und mit Respekt auf Menschen, Zeitzeugen und historische Persönlichkeiten zuzugehen und mit ihnen über Erfahrungen wie Geschichte zu sprechen, macht ihn sympathisch und ist in der heutigen Historikerwelt alles andere als Standard. In seinem Buch berichtet er von launigen Begegnungen sowie persönlichen Treffen mit Zeitzeugen wie wichtigen Persönlichkeiten. Und dabei merkt man sofort, bei Knopp menschelt es, ohne dass dabei die Wissenschaft auf der Strecke bleibt. Mehr noch, seine Auffassung von Geschichte in Kombination mit der Methode der „Oral History“ spricht die Emotionen eines jeden sofort an und prägt sich dadurch langfristiger ein. M. E. ist seine Art der Geschichtsvermittlung wesentlich moderner und innovativer als die theorielastige wie angestaubte Unterweisung an vielen deutschen Schulen.

Lieblingszitate
S. 12: „Geschichte wird von Menschen gemacht. Und Menschen machen manchmal Fehler, die den Lauf der Geschichte verändern.“

S. 89: „Ein Fernsehfilm ist keine Doktorarbeit.“

FAZIT
Eine geschichtsgesättigte Biografie, die im gewohnt freundlichen, knoppschen Plauderton gehalten ist und an keiner Stelle Langeweile aufkommen lässt.

Bewertung vom 30.12.2017
Ich kann, du kannst, Erkan
Liebig, Inga

Ich kann, du kannst, Erkan


ausgezeichnet

Inga Liebig, Jahrgang 1984, ist DaF-Lehrerin und unterrichtet seit 5 Jahren Migranten in Deutsch. Mit ihrem Buch, das ihre bisherigen Erfahrungen als Integrationskursleiterin in Bayern und Berlin behandelt, spricht sie vielen Deutschlehrern aus dem Herzen. Ob grammatische Tücken (Artikel, n-Deklination etc.), Debatten wegen kulturellen Unterschieden (Mann vs. Frau, Religion, Disziplin etc.) oder der alltägliche Ämterwahnsinn (BAMF, Jobcenter, Sozialamt usw.), Liebig benennt offen und klar Licht- wie Schattenseiten des Deutsch-Dozenten-Daseins und spart hierbei nicht mit Humor. Obschon sie dieser Job jeden Tag aufs Neue herausfordert, möchte sie ihn für keinen anderen aufgeben.

Mir hat besonders der Einblick in Liebigs Unterrichtsgestaltung und -durchführung gefallen, weil sie dabei einige wissenswerte Tipps (Sprachspiele, Artikulation, Prüfungsvorbereitung, Literatur...) aus der Praxis anführt. Beim Großteil der geschilderten Situationen musste ich aufgrund der Parallelität mit dem eigenen Erfahrungshorizont unweigerlich schmunzeln und oft nicken. Denn Schüler aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Wissensstand zu unterrichten, ist eine Mammutaufgabe, die aber aufgrund der vielseitigen Charaktere wie Weltsichten auch Freude bereitet. Zudem lernt man auf diese Weise seine eigene Muttersprache besser kennen, weil ausländische Schüler allgemeingültige Grammatik- und Orthographieregeln oftmals hinterfragen und man als Lehrer dabei mitunter arg ins Grübeln kommt. Der Buchtitel nimmt Letzteres ordentlich aufs Korn.

FAZIT
Ein 100 Prozent authentischer Einblick in den Integrationskursunterricht in Deutschland. Ein Muss für jeden Sprachdozenten wie interessierten Laien.

Bewertung vom 24.12.2017
Die neun Prinzen von Amber / Die Chroniken von Amber Bd.1
Zelazny, Roger

Die neun Prinzen von Amber / Die Chroniken von Amber Bd.1


weniger gut

Ich habe mich von der Aufmachung bzw. vom Klappentext etwas blenden lassen und auf einen spannenden wie innovativen Fantasyroman gehofft.
Bekommen habe ich allerdings ein enttäuschendes, recht temporeiches Verwirrspiel, das sich erst auf den letzten 30 Buchseiten zu lichten begann.
Die Geschichte um Corwin, einen der 9 Prinzen des legendären Königreichs Amber, las sich von Beginn an recht schleppend, da kein roter Faden zu erkennen war und der Leser wie Hauptprotagonist Corwin im Dunkeln tappte. Corwins retrograde Amnesie, ausgelöst durch ein Autounfall in New York, zog sich über 2/3 des gesamten Plots hin, was die Lektüre derart anstrengend machte, dass ich kurzzeitig über einen Abbruch der Lektüre nachdachte. Doch mein Langmut obsiegte und entschädigte mich auch ein klein wenig. Denn gegen Ende des ersten Bandes der sog. "Chroniken von Amber" stellten sich endlich spannende Momente ein und man bekam einen ungefähren Einblick in Roger Zelaznys Erzählabsicht. Im Grunde thematisiert der Autor in diesem Band und in den folgenden Bänden den Kampf um die Königswürde in Amber, nachdem der Vater der neun Prinzen abgedankt hat. Dies ist ein altbekanntes Sujet, mit dessen Umsetzung mich Zelazny leider nicht überzeugen konnte. Vielleicht verfügen die Folgebände über mehr Esprit, gar Pageturnerqualitäten? Dann müsste sich aber auch am flappsigen bis regelrecht modernen Sprachstil der Charaktere etwas ändern. Hier passten Raum und Sprache nicht wirklich zueinander. Auch die Tatsache, dass Ich-Erzähler Corwin im Fantasykönigreich Amber zum Kettenraucher mutierte, empfand ich als unpassend, geradezu erschreckend modernisiert.
Zudem konnte das anhaltende Blutvergießen die erzählerischen Mängel nicht aufwiegen; vom mysteriösen Kartenspielmotiv einmal ganz zu schweigen. Abschließend muss man konstatieren, dass zu viel Geheimniskrämerei, sprich nebulöses Storytelling, keinem Roman gut tun.

FAZIT
Ein wenig überzeugender Reihenauftakt.

Bewertung vom 23.12.2017
Ein Schnupfen ist kein Beinbruch
Wimmer, Johannes; Haring, Robin

Ein Schnupfen ist kein Beinbruch


ausgezeichnet

Wir Deutsche sind nicht nur Arzt-, sondern auch OP-Weltmeister. D.h., kein anderes Land auf Erde kann mit uns in Sachen Medizin bzw. ärztlicher Versorgung Schritt halten. Aber ist das überhaupt nötig?

Die Mediziner Dr. Johannes Wimmer und Prof. Dr. Robin Haring meinen nein. Beide sehen die in Deutschland momentan vorherrschende "Überversorgung" an Medikamenten, Ärzten und Operationen kritisch.

Auf insgesamt 175 Seiten (E-Book-Version) setzen sich die Autoren in kleinen informativen Kapiteln mit den Themen Gesundheit, richtige Medikation und ärztliche Versorgung auseinander. Der gefährliche Trend, alles und jeden mit Antibiotika zu therapieren, ist beiden ebenso ein Dorn im Auge wie die kostenintensiven und wenig ertragreichen IGeL-Untersuchungen. Denn dabei geht es weniger um die Gesundheit des Patienten, denn um dessen Geldbeutel. Wie auch sonst sollen sich Praxen wie Kliniken mit hochmodernen Gerätschaften rentieren? Es ist schon frappierend, wie viel unnötige OP's angesetzt bzw. Medikamente verordnet werden. Zudem lässt sich ein Heilungserfolg oder eine Besserung des Gesundheitszustands damit auch nicht garantieren. Genau so ist die sog. personalisierte Medizin alles andere als ein Garant für ein längeres Leben.

Also, was tun, wenn "krank das neue gesund" (S. 92) ist? Ich stimme den Autoren zu, die auf positive Effekte von ausgewogener Ernährung, Bewegung und Stressreduzierung setzen. Obgleich der Alltag uns oft eines Besseren belehrt, kann jeder von uns etwas für sich und seine Gesundheit tun. Auch aufklärende Gespräche mit Hausärzten sind von Bedeutung. Denn wenn schon Heilmittel nötig sind, dann doch bitte nur in geringen Mengen.

Insgesamt liefern die beiden Mediziner mit dieser handlichen Gesamtschau des Ist-Zustands des deutschen Gesundheitssystems eine mehr als reife, weil bestens recherchierte Leistung ab. Hier kann der medizinische Laie nicht nur einiges dazulernen, sondern auch einmal hinter die Kulissen der medizinischen Einrichtungen schauen.

FAZIT
Quo vadis Schulmedizin? Wissensbasierter Statusreport, der aufhorchen lässt und zum verantwortungsvollem Umgang mit der eigenen Gesundheit auffordert.

Bewertung vom 16.12.2017
Der Tiger in der guten Stube
Tucker, Abigail

Der Tiger in der guten Stube


ausgezeichnet

Abigail Tuckers Sachbuch umreist auf amüsante und zugleich kenntnisreiche Weise alle bisher bekannten Fakten über unsere felligen Mitbewohner. Die amerikanische Autorin und Journalistin ist selbst stolze Katzenbesitzerin und kann sich ein Leben ohne diese eigensinnigen Haustiere nicht mehr vorstellen. Obschon sie ihren Fokus vermehrt auf Entwicklungen im amerikanischen Raum legt, sind ihre Beobachtungen und wissenschaftlichen Recherchen universell übertragbar. Denn die Felidae begleiten den Menschen seit dem Neolithikum. Ein Stück ihrer damaligen Wildheit haben sie bis heute in sich, was nach Tucker wohl an der selbstgesteuerten Domestikation liegen mag. Und anders als Hunde können Katzen auch außerhalb des menschlichen Zuhauses unproblematischer überleben. Diese und noch einige spannende Einblicke mehr, vor allem in die Genese und Züchtung der heutigen Hauskatzen, liefert Tuckers durch und durch spannende Lektüre. Darin wechseln biologische Forschungserkenntnisse, private Erfahrungen und aktuelle Trends (z. B. Tierspielzeug, Internethype) spielerisch einander ab. Doch nicht nur die Sonnenseiten der wachsenden Hauskatzenpopulation (momentan gibt es ca. 600 Millionen Katzen weltweit), sondern auch die negativen Tendenzen, wie Überpopulation auf manchen Landstrichen bzw. in Großstädten und das damit einhergehende Aussterben bestimmter Vögel- und Kleintierarten oder Krankheiten, wie Toxoplasmose. Somit kann Tuckers 304–seitiges Werk durchaus als ausgewogene Studie über Katzen gelten. Aber das ambivalente, bisweilen kryptische Wesen der quirligen Fellnasen konnte auch Tucker nicht zu 100 Prozent entschlüsseln.

Fazit
Katzenliebhaber, -besitzer und leidenschaftliche Sachbuchleser werden ihre Freude an diesem faktenbasierten und zugleich flüssig geschriebenen Buch haben.

Bewertung vom 10.12.2017
Jupp Heynckes
Spöcker, Christoph

Jupp Heynckes


ausgezeichnet

Seit seiner Rückkehr aus dem Fußballruhestand ist der Trainer Jupp Heynckes (*1945) wieder in aller Munde. Zum nunmehr vierten Mal coacht der rheinische Fußballtrainer den FC Bayern München und führt ihn Ende 2017 aus der Krise; gar zur Herbstmeisterschaft.

Jupp, eigentlich Joseph, Heynckes ist ein Phänomen in der schnelllebigen Fußballtrainerszene. Mit seinen 72 Lenzen zeigt der Routinier noch einmal allen, wie man erfolgreich Fußball spielt und dabei die Spieler bei Laune hält. Gerade für seine psychologischen wie empathischen Fähigkeiten verehre ich diesen bescheidenen und höchst disziplinierten Trainerfuchs, der nur selten laut wird. Zudem kennt Jupps Kampfgeist kein Alter und bildete sich in seiner Zeit als aktiver Spieler beim FC Borussia Mönchengladbach heraus. Hier, bei seinem Lieblingsverein, konnte er wachsen, indem er nicht nur Teil der legendären „Fohlenelf“, sondern auch ein treffsicherer Mittelstürmer wurde, der sogar Gerd Müller Konkurrenz machte. Doch die großen Erfolge und internationalen Pokale konnte er erst als Trainer einstreichen. Mit gerade einmal 33 Jahren, was damals noch ein Novum gewesen ist, wurde aus dem talentierten Spieler ein Trainer. Von Borussia Mönchengladbach über den FC Bayern München, Athletic Bilbao, CD Teneriffa, Real Madrid, den FC Schalke 04 bis hin zu Eintracht Frankfurt, Heynckes‘ Trainerstationen sind beeindruckend und nötigen Respekt ab. Aus Jupp, der mit 9 Geschwistern und in einfachsten Verhältnissen aufwuchs, ist ein Mann von Weltruhm geworden. Stück für Stück arbeitete er sich an die Spitze des nationalen wie internationalen Fußballolymps heran und wurde 2013 mit dem FC Bayern München nicht nur Triple-Sieger, sondern auch Welttrainer.

So verwundert es keineswegs, dass nun, im Jahre 2017, eine Biografie über ihn auf den Markt gekommen ist. Der versierte Biograf und Sachbuchautor Christoph Spöcker hat sich dieser Mammutaufgabe gestellt, wobei ein kurzweiliges, 176-seitiges Buch entstanden ist, das sowohl Laien als auch Kenner mitreißen wird. Denn der Mensch und der Fußballer/Trainer Jupp Heynckes unterscheide sich nicht großartig voneinander. Seine herzliche, liebenswert familiäre Art kommt an. Seine Grundtugenden Disziplin, Fleiß und Vertrauen sind urtypisch deutsch bzw. preußisch und machen aus guten Spielern erfolgreiche Spieler mit Teamplayerqualitäten. Kurzum, Spöcker schafft es, Heynckes‘ Trainingskonzept allgemeinverständlich abzubilden. Mehr noch, er zeichnet den Lebensweg des Ausnahmetrainers auf authentische Weise nach und vergisst dabei an keiner Stelle den zurückgezogen lebenden Menschen mit einem Faible für gute Musik und Haustiere. Jupp Heynckes ist einer aus dem Volk, verstellt sich nicht und punktet gerade durch dieses ehrliche Auftreten. Er verkörpert noch den Trainer-Typus väterlicher Freund und verabscheut die Rolle des Showmans, was ich bemerkenswert sympathisch finde.

Ich habe Spöckers Biografie mit Gewinn gelesen, weil diese einerseits persönliche Erinnerungen und Anekdoten aus Heynckes‘ Leben bereithält und andererseits darin ein Stück deutsche und spanische Fußballgeschichte enthalten ist. Gern hätte das Buch noch 100 Seiten mehr haben können.

FAZIT
Eine kurzweilige Biografie eines sympathischen Trainers mit Gentleman-Qualitäten, dessen Erfolge sich sehen lassen können und der darüber hinaus als Mensch bodenständig geblieben ist.

Bewertung vom 01.12.2017
Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige!
Fritzsche, Anja; Oma Maria

Oma, die Nachtcreme ist für 30-Jährige!


ausgezeichnet

Die Essenerin Maria Fritzsche, Jahrgang 1909, ist ein Phänomen. Fröhlich steuert die gelernte Innendekorateurin auf die 108 zu und wird dabei nicht müde, das Leben in vollen zu Zügen zu genießen und mit der gesamten Familie in den Urlaub nach Italien oder Spanien zu fahren.

Marias Enkelin Anja hat ihrer geliebten „Methusalem-Oma“ mit dieser humorigen Anekdoten- und Erlebnissammlung ein Denkmal gesetzt. Das Besondere an der Erzählung ist die Form, denn hier kommt Maria Fritzsche durchweg im O-Ton zu Wort und offenbart dabei gleichermaßen Witz und Charme. Denn in der quirligen Rentnerin steckt ein optimistisches Stehaufmännchen, das sich auch durch eine Herz-OP und einen Oberschenkelhalsbruch im hohen Alter nicht unterkriegen lässt. Das mag auch daran liegen, dass sie auf ihre Familie und hierbei vor allem auf Sohn und Enkeltochter stets zählen kann. Doch Maria ist nicht die einzige hochbetagte Großmutter im Hause Fritzsche, denn da gibt es auch noch Oma Mia, die 8 Jahre jünger als Maria ist, schnell vergisst und auch versorgt werden will. Kurzum, Anja und Familie haben mit den beiden betagten Damen eine Menge zu tun, aber dabei auch eine Menge Spaß.

Wer einmal erleben möchte, dass Altern nicht heißt, nicht mehr interessant bzw. nicht mehr leistungsfähig zu sein, sollte dieses kurzweilige Buch lesen, das mit allerhand humorigen, generationsübergreifenden Dialogen aufwartet. Und wer auch so alt wie Oma Fritzsche werden möchte, sollte ihren Lebensratschlag auf S. 98 beherzigen: „Lachen, positiv denken und immer weitermachen!“.

PS: Besuchen Sie doch einmal die Facebookseite von Oma Fritzsche: https://www.facebook.com/Oma107.

FAZIT
Ein ungemein lebensbejahendes Buch über eine flotte 107-Jährige, die stets liebevoll von ihren Angehörigen umsorgt wird. Vielleicht ist auch Letzteres Maria Fritzsches „wahres“ Altersgeheimnis?