Nachtzug nach Lissabon - Mercier, Pascal
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Pascal Mercier 

Nachtzug nach Lissabon

Roman

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Nachtzug nach Lissabon

Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Immer tiefer zieht es ihn in dessen Aufzeichnungen und Reflexionen, immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem Mann, den ein dunkles Geheimnis umgibt, zutiefst beeindruckt waren. Eine wundervolle Reise - die vergeblich sein muss und deren Bedrohungen der Reisende nicht gewachsen ist. Endlich kann er wieder fühlen, endlich hat er von seinem Leben zwischen Büchern aufgeblickt - aber was er sieht, könnte ihn das Leben kosten ...

"Ein Bewusstseinskrimi mit Tiefgang und ohne Gewähr. Ein beeindruckendes Buch." - Die Zeit

"Der Autor erkundet mit selten erreichter Genauigkeit und Klarheit, wie es heute ist, ein Mensch zu sein." - Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Ein fesselndes Leseabenteuer [...] ein wunderbarer Roman." - Der Spiegel


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 495 S.
  • Seitenzahl: 495
  • btb Bd.73436
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 120mm x 37mm
  • Gewicht: 411g
  • ISBN-13: 9783442734368
  • ISBN-10: 3442734363
  • Best.Nr.: 20765214
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 13.10.2007

"Al Gore bleibt die Lösungswege schuldig"

Trotz voller Terminkalender brauchen gerade Wirtschaftsführer Zeit, um neue Ideen aufzunehmen. Ein Weg dazu ist die Lektüre von Büchern. Vorstandsvorsitzende haben verraten, welches Buch sie im vergangenen Jahr beeindruckt hat. (geg.)

Wulf Bernotat.

Vorstandsvorsitzender der Eon AG, Düsseldorf.

Al Gores eindrucksvoller Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" war nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa zu Recht sehr erfolgreich. Das dazugehörige Buch bietet die Fakten dahinter, zum Nachlesen und für die Diskussion. Es ist mehr als das übliche "Buch zum Film", nicht zuletzt deshalb, weil der Leser einen Eindruck von Al Gores persönlichem Engagement gegen den Klimawandel erhält. Das verleiht seiner Arbeit Nachdruck und Glaubwürdigkeit. Wie der Film bleibt zwar auch das Buch überwiegend die Lösungswege schuldig. Ich empfehle das Buch trotzdem allen, die immer noch nicht wahrhaben wollen, dass wir schnell, vor allem aber unideologisch und pragmatisch gegen den Klimawandel handeln müssen.

Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer: Eine unbequeme Wahrheit. Riemann …

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"Der Autor erkundet mit selten erreichter Genauigkeit und Klarheit, wie es heute ist, ein Mensch zu sein."

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Gerrit Bartels nimmt diesen Roman, der seit Wochen in den Top 30 der deutschen Büchercharts zu finden ist, recht genau unter die Lupe - wohl um dem Geheimnis des nach seiner Meinung überraschenden Erfolges auf die Spur zu kommen. Sein Urteil fällt recht gemischt aus. Einerseits ist er von der kompositorischen Begabung des Autors Pascal Mercier - der eigentlich Peter Bieri heißt und Philosophieprofessor von Beruf ist - nicht wirklich überzeugt. Die Struktur des Buches nennt Bartels einen "leichten literarischen Fertigbau" und wirkliche Überraschungen hält die Geschichte auch nicht bereit, von ihrem "furiosen und aufregenden Auftakt" einmal abgesehen. Trotzdem ist der Rezensent mit dem Buch unterm Strich zufrieden, denn der portugiesische Arzt und Autor, den wir posthum dank der Sinnsuche von Merciers Protagonisten kennen lernen, ist ein interessanter Charakter. So entsteht das "komplexe, aus vielen inneren Widersprüchen bestehende Bild eines durchaus faszinierenden Menschen". Deshalb scheint es Bartels nur ein bisschen zu stören, dass die Geschichte des eigentlichen Protagonisten etwas ins Hintertreffen gerät und dessen Entwicklung manchmal etwas "aufgesetzt" wirkt. Die Stärke des Romans liegt nämlich nach Bartels Meinung woanders: er ist "eine schöne Anleitung dafür, das schwierige Handwerk der Freiheit zu erlernen."

© Perlentaucher Medien GmbH

"Hier wird Lesen zum Erlebnis. Diesen Roman hat ein begnadeter Schriftsteller und brillanter Philosoph geschrieben. Geradezu atemlos liest man dieses Buch, kann es kaum aus der Hand legen. ... Am Ende ist man mit Merciers Figuren vertraut wie mit sehr guten Freunden und nimmt von ihnen deshalb auch nur äußerst ungern Abschied. ... Ein Vademecum für Seele, Verstand und Herz. Bei seiner Lektüre wird Lesezeit zu etwas sehr Kostbarem: zu einer reichen, erfüllten Lebenszeit." Gunther Nickel, Die Welt, 28.08.04 "Ein doppeltes Ausnahmetalent: Als Peter Bieri ist er Professor für Philosophie, als Pascal Mercier schickt er sich an, ein gefeierter Bestseller-Autor zu werden." Gunther Blank, Welt am Sonntag, 31.10.04 "Ein fantastische Zugreise nach innen. Der Nachtzug, der Gregorius nach Lissabon brachte und von dort wieder zurücknimmt ins behäbige Bern, lässt sich als Metapher für die gesamte Lebensreise begreifen, die jeder, auch der, der lieber unerkannt bleiben möchte, anzutreten hat. ... Ein beeindruckendes Buch, ein Bewusstseinskrimi mit Tiefgang und ohne Gewähr." Otto A. Böhmer, Die Zeit, 25.11.04 "Ein Buch, das Poesie und Philosophie eng miteinander verschränkt." Eva Bachmann, Tages-Anzeiger, 20.10.04 "Ein Buch hat mich besonders beeindruckt, weil darin an Sprache, an erzählerischer Dichte und Philosophie alles drin ist: Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier. ... Ich las es in drei Nächten. Dann war ich überzeugt, dass ich mein Leben ändere." Iris Berben, Süddeutsche Zeitung, 29.09.06

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.11.2004

Die Telefonnummer auf der Stirn
In seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon” sucht Pascal Mercier einen Dichter, der er in Wahrheit selber ist
Kann ein Dichter ein Heiliger sein? Bei Kafka und bei Nietzsche hat es den Versuch gegeben, das literarische Werk, als spräche es nicht genug für sich selbst, durch die Hagiographie des Autors zu überhöhen. Das Resultat, wie nicht anders möglich, hat weitgehend in Kitsch bestanden. Einen Dichter definiert sein Werk; ein Werk aber stellt eine Entäußerung dar, es lässt den Urheber, wie eine entbundene Mutter, um so viel leerer zurück. Einen beeindruckenden Menschen muss der Dichter nicht auch noch abgeben, ja er darf sogar weit unter der Messlatte des Durchschnitts liegen, vorausgesetzt seine Texte taugen - während der Heilige ganz bei sich bleibt, beglaubigt allein durch sein Leben (höchstens dass er hier und da ein kleines Wunder tut). Der Heilige und der Autor, das sind Lebenswahlen oder vielmehr Lebensgnaden, die einander ausschließen.
Pascal Mercier setzt dennoch alles daran, einen literarischen Heiligen zu erschaffen. Auf direktem Weg, indem er ihn platterdings als agierende Figur einführt, kann dies …

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"Ein Vademecum für Seele, Verstand und Herz." Die Welt
Pascal Mercier, geboren 1944 in Bern, heißt im richtigen Leben Peter Bieri und ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. 2006 wurde ihm der "Marie Luise Kaschnitz-Preis" verliehen.

Leseprobe zu "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier

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Leseprobe zu "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier

Der Tag, nach dem im Leben von Raimund Gregorius nichts mehr sein sollte wie zuvor, begann wie zahllose andere Tage. Er kam um Viertel vor acht von der Bundesterrasse und betrat die Kirchenfeldbrücke, die vom Stadtkern hinüber zum Gymnasium führt. Das tat er an jedem Werktag der Schulzeit, und es war immer Viertel vor acht. Als die Brücke einmal gesperrt war, machte er nachher im Griechischunterricht einen Fehler. Das war vorher nie vorgekommen, und es kam auch nachher nie mehr vor. Die ganze Schule sprach tagelang nur von diesem Fehler. Je länger die Diskussion darüber dauerte, desto zahlreicher wurden diejenigen, die ihn für einen Hörfehler hielten. Schließlich gewann diese Überzeugung auch bei den Schülern, die dabeigewesen waren, die Oberhand. Es war einfach nicht denkbar, daß Mundus, wie alle ihn nannten, im Griechischen, Lateinischen oder Hebräischen einen Fehler machte.

Gregorius blickte nach vorn zu den spitzen Türmen des Historischen Museums der Stadt Bern, hinauf zum Gurten und hinunter zur Aare mit ihrem gletschergrünen Wasser. Ein böiger Wind trieb tiefliegende Wolken über ihn hinweg, drehte seinen Schirm um und peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Jetzt bemerkte er die Frau mitten auf der Brücke. Sie hatte die Ellbogen auf das Geländer gestützt und las im strömenden Regen, was wie ein Brief aussah. Sie mußte das Blatt mit beiden Händen festhalten. Als Gregorius näher kam, zerknüllte sie das Papier plötzlich, knetete es zu einer Kugel und warf die Kugel mit einer heftigen Bewegung in den Raum hinaus. Unwillkürlich war Gregorius schneller gegangen und war jetzt nur noch wenige Schritte von ihr entfernt. Er sah die Wut in ihrem bleichen, regennassen Gesicht. Es war keine Wut, die sich in lauten Worten würde entladen können, um dann zu verrauchen. Es war eine verbissene, nach innen gewandte Wut, die schon lange in ihr glimmen mußte. Jetzt stützte sich die Frau mit gestreckten Armen auf das Geländer, und ihre Fersen glitten aus den Schuhen. Gleich springt sie. Gregorius überließ den Schirm einem Windstoß, der ihn übers Brückengeländer hinaustrieb, warf seine Tasche voller Schulhefte zu Boden und stieß eine Reihe von lauten Flüchen aus, die nicht zu seinem gewohnten Wortschatz gehörten. Die Tasche ging auf, und die Hefte glitten auf den nassen Asphalt. Die Frau drehte sich um. Für einige Augenblicke sah sie reglos zu, wie die Hefte vom Wasser dunkler wurden. Dann zog sie einen Filzstift aus der Manteltasche, machte zwei Schritte, bückte sich zu Gregorius hinunter und schrieb ihm eine Folge von Zahlen auf die Stirn.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie auf französisch, atemlos und mit fremdländischem Akzent, »aber ich darf diese Telefonnummer nicht vergessen und habe kein Papier bei mir.«

Jetzt blickte sie auf ihre Hände, als sähe sie sie zum erstenmal.

»Ich hätte natürlich auch...«, und nun schrieb sie, zwischen Gregorius’ Stirn und der Hand hin und her blickend, die Nummer auf den Handrücken. »Ich... ich wollte sie nicht behalten, ich wollte alles vergessen, aber als ich den Brief dann fallen sah... ich mußte sie festhalten.«

Der Regen auf den dicken Brillengläsern trübte Gregorius die Sicht, und er tastete ungeschickt nach den nassen Heften. Wiederum, so schien ihm, glitt die Spitze des Filzstifts über seine Stirn. Doch dann merkte er, daß es jetzt der Finger der Frau war, die mit einem Taschentuch die Zahlen wegzuwischen versuchte.

»Es ist eine Zumutung, ich weiß...«, und nun begann sie, Gregorius beim Aufsammeln der Hefte zu helfen. Er berührte ihre Hand und streifte ihr Knie, und als sie sich beide nach dem letzten Heft streckten, stießen sie mit dem Kopf zusammen.

»Vielen Dank«, sagte er, als sie sich gegenüberstanden. Er deutete auf ihren Kopf. »Tut es sehr weh?«

Abwesend, mit gesenktem Blick, schüttelte sie den Kopf. Der Regen prasselte auf ihr Haar und lief ihr übers Gesicht.

»Kann ich ein paar Schritte mit Ihnen gehen?«

»Äh... ja, sicher«, stotterte Gregorius.

Schweigend gingen sie zusammen bis zum Ende der Brücke und weiter in Richtung Schule. Das Zeitgefühl sagte Gregorius, daß es nach acht war und die erste Stunde bereits begonnen hatte. Wie weit war »ein paar Schritte«? Die Frau hatte sich seinem Gang angepaßt und trottete neben ihm her, als ginge es den ganzen Tag so weiter. Sie hatte den breiten Kragen des Mantels so weit aufgestellt, daß Gregorius von der Seite nur ihre Stirn sah.

»Ich muß dort hinein, ins Gymnasium«, sagte er und blieb stehen. »Ich bin Lehrer.«

»Kann ich mitkommen?« fragte sie leise.

Gregorius zögerte und fuhr sich mit dem Ärmel über die nasse Brille. »Jedenfalls ist es dort trocken«, sagte er schließlich.

Sie gingen die Stufen hoch, Gregorius hielt ihr die Tür auf, und dann standen sie in der Halle, die besonders leer und still erschien, wenn die Stunden begonnen hatten. Ihre Mäntel tropften.

»Warten Sie hier«, sagte Gregorius und ging zur Toilette, um ein Handtuch zu holen.

Vor dem Spiegel trocknete er die Brille und wischte sich das Gesicht ab. Die Zahlen auf der Stirn waren noch immer zu erkennen. Er hielt einen Zipfel des Handtuchs unter das warme Wasser und wollte gerade zu reiben beginnen, als er mitten in der Bewegung innehielt. Das war der Augenblick, der alles entschied, dachte er, als er sich das Geschehen Stunden später in Erinnerung rief. Mit einemmal nämlich war ihm klar, daß er die Spur seiner Begegnung mit der rätselhaften Frau gar nicht auswischen wollte.

Er stellte sich vor, wie er nachher mit einer Telefonnummer im Gesicht vor die Klasse treten würde, er, Mundus, der verläßlichste und berechenbarste Mensch in diesem Gebäude und vermutlich in der gesamten Geschichte der Schule, seit mehr als dreißig Jahren hier tätig, ohne Fehl und Tadel in seinem Beruf, eine Säule der Institution, ein bißchen langweilig vielleicht, aber geachtet und sogar drüben an der Hochschule gefürchtet wegen seines stupenden Wissens in den alten Sprachen, liebevoll verspottet von seinen Schülern, die ihn in jedem Jahrgang von neuem auf die Probe stellten, indem sie ihn mitten in der Nacht anriefen und nach der Konjektur für eine entlegene Stelle in einem alten Text fragten, nur um jedesmal aus dem Kopf eine ebenso trockene wie erschöpfende Auskunft zu bekommen, die einen kritischen Kommentar zu anderen möglichen Meinungen mit einschloß, alles aus einem Guß und mit einer Ruhe vorgetragen, die nicht die Spur von Ärger über die Störung erkennen ließ – Mundus eben, ein Mann mit einem unmöglich altmodischen, geradezu altertümlichen Vornamen, den man einfach abkürzen mußte und nicht anders als so abkürzen konnte, eine Abkürzung, die überdies das Wesen dieses Mannes ans Licht hob, wie kein anderes Wort es gekonnt hätte, denn was er als Philologe in sich herumtrug, war in der Tat nichts weniger als eine ganze Welt, oder vielmehr mehrere ganze Welten, da er neben jeder lateinischen und griechischen Textstelle auch jede hebräische im Kopf hatte, womit er schon manchen Lehrstuhlinhaber für das Alte Testament in Erstaunen versetzt hatte. Wenn ihr einen wahren Gelehrten sehen wollt, pflegte der Rektor zu sagen, wenn er ihn einer neuen Klasse vorstellte: Hier ist er.

Und dieser Gelehrte, dachte Gregorius jetzt, dieser trockene Mann, der einigen nur aus toten Wörtern zu bestehen schien und der von Kollegen, die ihm seine Beliebtheit neideten, gehässig der Papyrus genannt wurde – dieser Gelehrte würde mit einer Telefonnummer den Raum betreten, die ihm eine verzweifelte, offenbar zwischen Wut und Liebe hin- und hergerissene Frau auf die Stirn gemalt hatte, eine Frau in einem roten Ledermantel und mit einem märchenhaft weichen, südländischen Tonfall, der wie ein endlos in die Länge gezogenes Flüstern klang, das einen schon durch das bloße Anhören zum Komplizen machte.

Als Gregorius ihr das Handtuch gebracht hatte, klemmte die Frau einen Kamm zwischen die Zähne und frottierte mit dem Tuch das lange schwarze Haar, das in dem Mantelkragen lag wie in einer Schale. Der Hausmeister betrat die Halle und warf, als er Gregorius sah, einen verwunderten Blick auf die Uhr über dem Ausgang und dann auf seine Armbanduhr. Gregorius nickte ihm zu, wie er es immer tat. Eine Schülerin hastete an ihnen vorbei, drehte sich im Lauf zweimal um und lief weiter.

»Ich unterrichte dort oben«, sagte Gregorius zu der Frau und zeigte durchs Fenster hinauf zu einem anderen Gebäudeteil. Sekunden verrannen. Er spürte seinen Herzschlag. »Wollen Sie mitkommen?«

Gregorius konnte später nicht glauben, daß er das wirklich gesagt hatte; aber es mußte wohl so gewesen sein, denn auf einmal gingen sie nebeneinander auf das Klassenzimmer zu, er hörte das Quietschen seiner Gummisohlen auf dem Linoleum und das Klacken der Stiefeletten, wenn die Frau den Fuß aufsetzte.

»Was ist Ihre Muttersprache?« hatte er sie vorhin gefragt.

»Português«, hatte sie geantwortet.

Das o, das sie überraschend wie ein u aussprach, die ansteigende, seltsam gepreßte Helligkeit des ê und das weiche sch am Ende fügten sich für ihn zu einer Melodie, die viel länger klang, als sie wirklich war, und die er am liebsten den ganzen Tag lang gehört hätte.

»Warten Sie«, sagte er jetzt, holte sein Notizbuch aus der Jacke und riß ein Blatt heraus: »Für die Nummer.«

Er hatte schon die Hand auf der Klinke, da bat er sie, das Wort von vorhin noch einmal zu sagen. Sie wiederholte es, und da sah er sie zum erstenmal lächeln.

Das Schwatzen brach schlagartig ab, als sie das Klassenzimmer betraten. Eine Stille, die ein einziges Staunen war, füllte den Raum. Gregorius erinnerte sich später genau: Er hatte diese überraschte Stille, diese sprachlose Ungläubigkeit, die aus jedem einzelnen Gesicht sprach, genossen, und er hatte auch seine Freude darüber genossen, daß es ihm möglich war, auf eine Weise zu empfinden, die er sich nicht zugetraut hätte.

Was ist denn jetzt los? Die Frage sprach aus jedem einzelnen der gut zwanzig Blicke, die auf das sonderbare Paar an der Tür fielen, auf Mundus, der mit nasser Glatze und regendunklem Mantel neben einer notdürftig gekämmten Frau mit bleichem Gesicht stand.

»Vielleicht dort?« sagte Gregorius zu der Frau und deutete auf den leeren Stuhl hinten in der Ecke. Dann ging er nach vorn, grüßte wie gewohnt und setzte sich hinters Pult. Er hatte keine Ahnung, was er zur Erklärung hätte sagen können, und so ließ er einfach den Text übersetzen, an dem sie gerade arbeiteten. Die Übersetzungen kamen zögernd, und er fing manch neugierigen Blick auf. Auch verwirrte Blicke gab es, denn er – er, Mundus, der jeden Fehler noch im Schlaf erkannte – ließ reihenweise Fehler, Halbheiten und Unbeholfenheiten durchgehen.

Es gelang ihm zu tun, als blickte er nicht zu der Frau hinüber. Und doch sah er sie in jeder Sekunde, er sah die feuchten Strähnen, die sie aus dem Gesicht strich, die weißen Hände, die sich ineinander krampften, den abwesenden, verlorenen Blick, der zum Fenster hinausging. Einmal holte sie den Stift hervor und schrieb die Telefonnummer auf den Zettel. Dann lehnte sie sich wieder zurück und schien kaum mehr zu wissen, wo sie war.

Es war eine unmögliche Situation, und Gregorius schielte auf die Uhr: noch zehn Minuten bis zur Pause. Da erhob sich die Frau und ging leise zur Tür. Im Türspalt drehte sie sich zu ihm um und legte den Finger an die Lippen. Er nickte, und lächelnd wiederholte sie die Geste. Dann fiel die Tür mit einem leisen Schnappen ins Schloß.

Von diesem Augenblick an hörte Gregorius nichts mehr von dem, was die Schüler sagten. Ihm war, als sei er ganz allein und von einer betäubenden Stille umschlossen. Irgendwann stand er am Fenster und folgte der roten Frauengestalt mit dem Blick, bis sie um die Häuserecke verschwunden war. Er spürte, wie die Anstrengung in ihm nachhallte, die es ihn gekostet hatte, ihr nicht nachzulaufen. Immer wieder sah er den Finger an ihren Lippen, der so vieles bedeuten konnte: Ich will nicht stören, und: Es bleibt unser Geheimnis, aber auch: Lassen Sie mich jetzt gehen, es kann keine Fortsetzung geben.

Als es zur Pause klingelte, blieb er am Fenster stehen. Hinter ihm gingen die Schüler ungewohnt leise aus dem Zimmer. Später ging auch er hinaus, verließ das Gebäude durch den Hintereingang und setzte sich auf der anderen Straßenseite in die Landesbibliothek, wo ihn niemand suchen würde.

Zum zweiten Teil der Doppelstunde war er pünktlich wie immer. Er hatte die Zahlen von der Stirn gerieben, sie nach einer Minute des Zögerns im Notizbuch festgehalten und dann den schmalen Kranz von grauem Haar getrocknet. Nur die feuchten Flecke auf Jacke und Hose verrieten noch, daß es etwas Ungewöhnliches gegeben hatte. Jetzt nahm er den Stoß durchnäßter Hefte aus der Aktentasche.

»Ein Malheur«, sagte er knapp. »Ich bin gestolpert, und da sind sie herausgerutscht, in den Regen. Die Korrekturen dürften trotzdem noch lesbar sein; sonst müßt ihr mit Konjekturen arbeiten.«

So kannten sie ihn, und hörbare Erleichterung ging durch den Raum. Ab und zu noch fing er einen neugierigen Blick auf, und auch ein Rest von Scheu war bei einigen in der Stimme. Sonst war alles wie früher. Er schrieb die häufigsten Fehler an die Tafel. Dann ließ er die Schüler still für sich arbeiten.

Konnte man, was in der nächsten Viertelstunde mit ihm geschah, eine Entscheidung nennen? Gregorius sollte sich die Frage später immer wieder stellen, und nie war er sicher. Doch wenn es keine Entscheidung war – was war es dann?

Es begann damit, daß er die auf ihre Hefte blickenden, nach vorne gebeugten Schüler auf einmal betrachtete, als sähe er sie zum erstenmal.

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Kundenbewertungen zu "Nachtzug nach Lissabon" von "Pascal Mercier"

23 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3.6 von 5 Sterne bei 23 Bewertungen **** sehr gut)
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Bewertung von selina aus Berlin am 27.03.2013 ***** weniger gut
Ein Lehrer retter einer Frau das Leben, als diese sich von einer Brücke in den Tod stürzen will. Kurze zeit später ist diese verschwunden, er findet in ihren Zimmer nur noch eine Fahrkarte für einen Nachtzug nach Lissabon und macht sich auf den Weg um mehr über die geheimnissvolle Frau herraus zu finden.
Ich mag das Buch und der Film ist auch gut.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von sternchen_betti aus Raunheim am 26.03.2012 ***** ausgezeichnet
Sehr interessante und mitreißende Geschichte mit vielen Facetten, die einen zum ständigen Weiterlesen animieren. Ich kann es nur empfehlen. Klasse

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Bewertung von buchwürmchen aus reutlingen am 22.08.2011 ***** sehr gut
Ausbruch aus dem Alltag und das von einem gewissenhaften Menschen, von dem man eine Kurzschlussreaktion nie erwartet hätte. Eine Begegnung auf einer Genfer Brücke, eine mysteriöse Frau, Spurensuche nach Zeitzeugen und ein Nachtzug, das sind nur ein paar Elemente die dieses wunderbare Buch ausmachen. Ob sich diese Geschichte in der Realität erleben lassen würde, ist völlig irrelevant, wichtig: ein sehr ruhiges, nachdenkliches Buch, indem die Schicksale der Protagonisten im Mittelpunkt stehen.
Obwohl die Geschichte rührend, spannend und abwechslungsreich ist, bleiben viele Fragen offen: wer war die Frau auf der Brücke, was ist mit der Telefonnummer, kehrt Gregorius nach Lissabon zurück? Viele Türen bleiben offen, andere knallen zu.
Leider sind auch die vielen philosophischen Passagen und unglaublich langen Sätze, teilweise etwas schwer verständlich. Trotz allen Makeln, ich werde das Buch auf jeden Fall noch einmal lesen!

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von sabatayn76 am 09.12.2010 ***** weniger gut
Vom Reisen durch Europa und zu sich selbst

Inhalt:
Raimund Gregorius, gewissenhafter und diensteifriger Lehrer für Griechisch, Latein und Hebräisch an einem Berner Gymnasium, bemerkt auf dem Weg zur Arbeit eines Morgens eine Frau auf einer Brücke, die sich möglicherweise suizidieren möchte. Jene Frau schreibt Gregorius eine Telefonnummer auf die Stirn, begleitet ihn dann in die Schule und verschwindet schließlich wieder aus seinem Leben. Die Begegnung mit der geheimnisvollen Frau, von der Gregorius keinen Namen, jedoch die Nationalität kennt, sowie ein Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, das er von einem Buchhändler geschenkt bekommen hat, verändern sein Leben: der einst vorbildliche und verantwortungsbewusste Gregorius verlässt spontan die Stadt und macht sich auf den Weg nach Lissabon.

Mein Eindruck:
'Nachtzug nach Lissabon' ist ein sprachlich anspruchsvolles Buch mit oft langen Schachtelsätzen und philosophischen Betrachtungen über das Leben. Dieser Aspekt des Buches hat mir sehr gut gefallen. Weniger gut haben mir die unrealistischen Schilderungen gefallen: Ein Mann, der von jetzt auf nachher sein beschauliches Leben hinter sich lässt, weil er eine Frau auf einer Brücke gesehen und ein Buch von einem portugiesischen Autor in die Hände bekommen hat? Eine Frau, die einem fremden Mann eine Telefonnummer auf die Stirn schreibt? Ein Mann, der nach kürzester Zeit eine ihm zuvor unbekannte Sprache spricht (Das lässt sich meiner Meinung nach auch nicht durch die Tatsache erklären, dass der Mann Philologe ist und mehrere Sprachen spricht)?

Mein Resümee:
Ein anspruchsvoller Sprachstil und philosophische Betrachtungen machen meiner Meinung nach noch kein gutes Buch aus, solange der Inhalt so unnachvollziehbar und unrealistisch bleibt.

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Bewertung von Xirxe aus Hannover am 30.09.2010 ***** ausgezeichnet
Dieses Buch ist mal wieder ein gelungenes Beispiel für einen völlig mißlungenen Klappen- und Umschlagtext und was daraus wird: Mehr als die Hälfte der Bewertungen (von mehr als 300 bei einem anderen Buchversand :-)) sind gut bis sehr gut, ca. ein Drittel schlecht bis sehr schlecht und lediglich 10% finden es 'so ok'. Kein Wunder: Wer sich ein Buch kauft aufgrund der vollmundigen Ankündigung als Krimi ('Bewußtseinskrimi!'), in dem der Protagonist Raimund Gregorius um sein Leben fürchten muss, wird schwer enttäuscht sein von dieser Lektüre. Statt Verbrechen und gefährlichen Situationen ist der Schwerpunkt dieser Reise nach Lissabon eine Suche. Die Suche nach dem, was den wahren, echten Menschen ausmacht.
Klingt, als ob sich um einen weiteren der zahllosen Lebensratgeber handelt: Wer bin ich? Was will ich? Erkenne dich selbst! Das Ganze verpackt in eine unterhaltsame Rahmenhandlung, die Gregorius auf der Suche nach einem portugiesischen Autor (Prado) nach Lissabon führt. Doch weit gefehlt. Statt der üblichen mittlerweile alltäglichen Ratschläge wie 'Gönnen Sie sich eine Auszeit und entdecken Sie, was SIE wollen!', legt der Autor Schicht für Schicht all die Einflüsse offen, die das eigene Ich einzwängen, bedrängen, leiten.... Doch ist das was dann bleibt, das eigene ICH?
Durch das Lesen der Schriften des verstorbenen Prados und der Erforschung dessen Lebens erfolgt Gregorius' zunehmende Erkenntnis seines eigenen Ich. Prado war besessen von dieser Frage, wer er selber war und Gregorius beginnt verstärkt sich ebenso diesen Fragen zu stellen wie ganz zwangsläufig auch die Leserinnen und Leser.
Doch dies ist nur ein Thema (wenn auch das hauptsächliche) um das dieses Buch kreist. Es geht um Gott, um den Tod, das Miteinander der Menschen... Ein ungemein reichhaltiges, inhaltsschweres Werk das sich dennoch nicht allzu schwer liest. Doch es ist keine Unterhaltungslektüre die nur zu konsumieren ist. Um's eigene Gedanken machen wird man kaum herum kommen :-)

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Buch mit Leinen-Einband

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Bewertung von Lesewürmchen aus Juist am 20.08.2010 ***** ausgezeichnet
Ein unglaubliches Buch...
Nachtzug nach Lissabon ist ein Buch für jeden der gerne nachdenkt, für jeden der dem Zwang unterliegt sich selbst und anderen Fragen über sich und das Leben zu stellen. Die langen Sätze und die tiefgehende, ehrliche Schreibweise von Peter Bieri machen das Buch und in ihm jedes einzelne Wort zum Erlebnis.
Ich sollte den vorherigen Bewertern zustimmen, das man es vielleicht in Ruhe lesen sollte, um nach zu denken, über des Absatz oder sich selbst.
Ich kann von mir sagen, das ich manche Stellen so schnell gelesen habe das mir keine Zeit blieb um Luft zu holen, mache Stellen sind einfach zu mitreißend, als das man eine kostbare Minute vergeuden möchte nur um zu reflektieren. Tolles Buch, galante und atemstockende Schreibweise, ein genialer Schriftsteller und Philosoph.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 24.05.2010 ***** weniger gut
Also ich muss sagen, dass mich dieses Buch ein bisschen enttäuscht hat. Am Anfang ist es wirklich spannend aber im Laufe der Geschichte wird es immer langweiliger. Es mag zwar sicher auch viele geben, denen das Buch gefallen könnte aber ich musste mich am Ende wirklich durchkämpfen um es fertig zu lesen.

Insgesamt kann ich das Buch deshalb nicht weiterempfehlen.

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Bewertung von andi aus Burg am 13.05.2010 ***** ausgezeichnet
Raimund Gregorius, Lehrer am Gymnasium, ist ein wahrer Gelehrter. Er wird von seinen Kollegen beneidet und geschätzt, er ist bei seinen Schülern beliebt und vor allem ist er eines, absolut korrekt. Dieser Gregorius, Lehrer des Griechischen, begegnet auf dem Weg zur Schule einer jungen Frau. Von nun an ist alles anders. Er verlässt die Schule mitten im Unterricht und begiebt sich auf eine Reise, deren Ziel zunächst Lissabon ist. Gregorius begiebt sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen portugiesischen Autor. Er begegnet dabei einer Vielzahl interessanter Menschen und findet dabei sowohl immer mehr über den Autor als auch sich selbst heraus.
Nachtzug nach Lissabon ist ein absolut beeindruckendes Buch von Pascal Mercier. Besondes faszinierend fand ich die Briefe Prados, die Gregorius auf seiner Reise nach und nach liest. Sie sind so voller Tiefgang und innerer Wärme, dass man sicher das ganze Buch auch noch ein zweites oder drittes Mal lesen kann, ohne den Zauber des Gefühles "Ich bin tief beeindruckt" zu verlieren.

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Bewertung von Werner aus Würzburg am 10.06.2009 ***** ausgezeichnet
Ein wunderbares Buch, sehr gut geschrieben. Dieses Buch sollte man mit Ruhe lesen, denn es regt zum Nachdenken an. Manche Absätze habe ich ein zweites Mal gelesen.
Besonderes Vergnügen bereitete mir der Schauplatz Lissaboin, weil ich mich da relativ gut auskenne und viele der Örtlichkeiten einschätzen konnte.
Auch die Grundstimmung dieser Stadt konnte ich sehr gut nachvollziehen. Ich war begeistert von diesem Buch und habe es bereits mehrfach verschenkt.

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Bewertung von Marke aus Hamburg am 30.08.2008 ***** schlecht
Das Buch war langweilig und ich musste mich wirklich durchkämpfen, um es zu Ende zu lesen. Es ist nicht zu empfehlen!

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