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Im Mai mailt Hanna an ihre Schwägerin in Dublin: Komm, dein Bruder wird verrückt! Zwei Tage später landet Jetti Lenobel in Wien - und Robert ist verschwunden. Doch Jetti glaubt nicht daran, dass der Bruder verrückt geworden ist. Sie kennt ihre sehr ungewöhnliche jüdische Familie. In der ist immer mit allem zu rechnen. Dann kommt die Nachricht des Bruders: "Ich bitte dich, dass Du mit niemandem darüber sprichst!!! Ich will es so. Ich bin in Israel, dem Land der Väter. Aber an die Väter denke ich nicht." In den merkwürdigen, verschlungenen Lebensläufen der Geschwister Jetti und Robert, seiner…mehr

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Produktbeschreibung
Im Mai mailt Hanna an ihre Schwägerin in Dublin: Komm, dein Bruder wird verrückt! Zwei Tage später landet Jetti Lenobel in Wien - und Robert ist verschwunden. Doch Jetti glaubt nicht daran, dass der Bruder verrückt geworden ist. Sie kennt ihre sehr ungewöhnliche jüdische Familie. In der ist immer mit allem zu rechnen. Dann kommt die Nachricht des Bruders: "Ich bitte dich, dass Du mit niemandem darüber sprichst!!! Ich will es so. Ich bin in Israel, dem Land der Väter. Aber an die Väter denke ich nicht." In den merkwürdigen, verschlungenen Lebensläufen der Geschwister Jetti und Robert, seiner Frau, ihrer Kinder und Freunde, erzählt Köhlmeier packend von dem, was jeder sein Leben lang mit sich trägt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Seitenzahl: 544
  • Erscheinungstermin: 20.08.2018
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446261303
  • Artikelnr.: 53413698
Autorenporträt
Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, lebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien. Bei Hanser erschienen die Romane Abendland (2007), Madalyn (2010), Die Abenteuer des Joel Spazierer (2013), Spielplatz der Helden (2014, Erstausgabe 1988), Zwei Herren am Strand (2014), Das Mädchen mit dem Fingerhut (2016) und Bruder und Schwester Lenobel (2018), außerdem die Gedichtbände Der Liebhaber bald nach dem Frühstück (Edition Lyrik Kabinett 2012) und Ein Vorbild für die Tiere (Gedichte, 2017) sowie die Novelle Der Mann, der Verlorenes wiederfindet (2017). Michael Köhlmeier wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für sein Gesamtwerk und 2019 mit dem Ferdinand-Berger-Preis.  
Rezensionen
Besprechung von 05.09.2018
Der Teufel, die Liebe und die Politik
Als begnadeter Erzähler hat Michael Köhlmeier alle großen Märchen und Sagen der westlichen Welt interpretiert. In diesem Frühjahr führte er mit einer
knappen Rede Österreichs Rechtspopulisten vor. Und gerade ist sein neuer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ erschienen. Zeit für einen Besuch
VON MARIE SCHMIDT
Das ist das Böseste, was mir je in meinem Leben eingefallen ist“, sagt Michael Köhlmeier. Dabei ist es nur ein Märchen: Bei einer Hochzeitsfeier holt der Tod den Bräutigam. Die Braut hadert und ruft den Teufel zur Hilfe. Sie will alles geben, um ihren Mann zurückzubekommen. Der Teufel verspricht siebzig glückliche Jahre, gesunde Nachkommen und einen Tod zur gleichen Zeit. Dafür will ihm die Frau ihre Seligkeit verkaufen. „Oh, sagt der Teufel, er sei in der Tat an der ewigen Seligkeit interessiert, aber nicht an ihrer, sondern an der ihres Mannes.“
Da schaudert es den Schriftsteller Köhlmeier. Dabei ist es keine alte Geschichte, sondern seine eigene, wir unterhalten uns gerade über ein Kunstmärchen aus seinem neuen Roman. Aber wie es sich für das Genre gehört, gerät ihm die Angelegenheit zum archetypischen Dilemma: Wie soll sich die Frau entscheiden? Besteht die Liebe darin, das Beste für den anderen zu wollen, auch wenn das bedeutet, sich trennen zu müssen? Oder ist nur das gemeinsame Glück der Sinn der Liebe? Egal, was sie tut, die Braut wird dem Geliebten Schaden zufügen – eine böse Falle.
In diesem Frühjahr hat Köhlmeier schon einmal über das Böse gesprochen, in anderer Sache. Da stand er auf einer Bühne in der Wiener Hofburg und war weiß im Gesicht. Vor ihm saßen Regierungsvertreter der nationalkonservativen FPÖ, es war eine Feier des Parlaments zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. Köhlmeier, 69, sollte als österreichischer Intellektueller sprechen. Es sagte, er stelle sich vor, wie die Getöteten des NS-Regimes ihn zur Verantwortung rufen: „Was wirst du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angehören, deren Mitglieder immer wieder naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben?“ Politikergesichter erstarrten. Er kenne die Codes, mit denen die Rechten ihre Ressentiments camouflieren. Dann zitierte er antisemitische Vorfälle der vergangenen Jahre in der Partei oder ihrem Umfeld. „Zum großen Bösen“, schloss er, „kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein zu sein schien für eine große Empörung.“
Danach rumorte es in Österreich, die Rechten fühlten sich mit den Nazis verglichen und warfen Köhlmeier vor, er habe den Gedenktag instrumentalisiert. Sah man, durch den Aufruhr neugierig geworden, die Rede als Video im Internet an, staunte man über Köhlmeiers gefasste Schlichtheit. Eigentlich sagte er nichts, was nicht jeder in dieser Situation hätte sagen können. Aber manchmal besteht die Kunst eben darin, im geeigneten Moment das Offensichtliche klar auszusprechen.
Wie hält man so eine Rede? Was weiß der Schriftsteller über das Böse? Und was machen Märchen in einem modernen Roman? Michael Köhlmeier hat zum Gespräch zu sich nach Vorarlberg eingeladen. Das ist die schöne, bergige Gegend, in der der Rhein, bevor er deutscher Schicksalsfluss wird, muntere Schleifen zwischen Österreich und der Schweiz zieht. Er heißt dort „Alter Rhein“ und verschwindet bei Bregenz im Bodensee. Hier, in dem kleinen Ort Hohenems, ist Köhlmeier aufgewachsen. Hinter der Gartenmauer steht er und zupft an den Sträuchern, gebräunt, in hellen Sommerkleidern. Er bittet in den Garten seines Elternhauses. Der Spätsommer brütet über den Obstbäumen. Köhlmeier richtet den Schatten eines hellgrünen Sonnenschirms auf die Terrasse und entschuldigt sich für den Geruch. Gestern hat er mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, ein Hochbeet angelegt und zuunterst Fallobst als Kompost hineingefüllt. In der Nacht sei er aufgewacht von dem fauligen Geruch, der jetzt herbstlich herüberweht. Die Sonne steht auch schon tiefer.
Wenn er an das Haus seiner Kindheit denke, sei es aber nicht dieses, sagt Köhlmeier. Er hat es mit seiner Familie umgebaut, angebaut, im Garten steht ein Pavillon voller Bücher, eine gläserne Bibliothek. Vier Kinder haben seine Frau und er hier aufgezogen, eine Tochter ist 2003 mit 21 Jahren durch einen Unfall ums Leben gekommen. Er habe sich nie vorgestellt, wieder in seinem Elternhaus zu wohnen, sagt er. Aber dann musste seine sechsköpfige Familie von zwei Schriftsteller-Einkommen leben und das Haus stand leer.
Um Geld zu verdienen, fing er an, Sagen des klassischen Altertums nachzuerzählen. Bei Abendveranstaltungen, in Büchern, in Hörfunk und Fernsehen. Nach und nach hat sich Köhlmeier durch die wichtigsten abendländischen Geschichten erzählt: die Sagen, das Alte Testament, das Leiden Jesu, die Nibelungen, Shakespeare-Stoffe und Märchen der Brüder Grimm, von Hans Christian Andersen, aufgeschnappte, ausgedachte. Man müsse aufpassen, dass man nicht der Märchenonkel der Nation werde, sagt Köhlmeier. Aber die Honorare blieben gut. Und seine ruhige, fast flüsternde Stimme verleiht allem eine spezielle Stimmung. Manchmal stockt er gegen jede Regel des Satzbaus, reißt Spannungsmomente in seinen Redefluss.
Zu den Nacherzählungen kommen seine Romane, einige nur novellenlang, andere Panoramen ganzer Biografien und Epochen. „Abendland“ hieß sein größter, „Bruder und Schwester Lenobel“ heißt der gerade erschienene jüngste. In diesen Büchern tauchen Figuren manchmal unter und erst Hunderte Seiten oder gar einige Romane später wieder auf. Robert Lenobel, eine Hauptperson des neuen Romans, kam früher nur am Rande vor, über seine Schwester hieß es in den Prosaminiaturen „Nachts um eins am Telefon“ von 2005: „Mit dem Geist kann die Natur partout nicht umgehen. Darum kommt es vor, dass eine schöne, schlanke, intelligente Frau wie Jetti immer wieder schöne, schlanke, aber dumme Männer zugewiesen bekommt. Das, sagt sie, sei das Unglück ihres Lebens.“
Was wird aus so einer, wenn sie älter wird? Köhlmeier sagt, dass er nie mit einem Thema oder einem Plot im Kopf zu schreiben beginnt, sondern mit den Figuren. Er redet über sie, psychologisiert, spekuliert, welche Zukunft ihnen bevorstehen könnte, als seien es Freunde, die er eine Weile nicht gesehen hat. „Ach, das passiert also mit dem, wenn ich mal eine Zeit lang etwas anderes schreibe“, habe er über die Figur Sebastian Lukasser gedacht, die eigentlich eine Art Schriftsteller-Alter-Ego ist. Als gehe die Entwicklung in der fiktiven Welt ohne sein Zutun weiter und entfremde die Figuren ihrem Autor.
Das Hauptereignis von „Bruder und Schwester Lenobel“ ist denn auch die Entwicklung der Charaktere, ihre Konstellationen. Die Geschichte abstrakt zusammenzufassen, ist dagegen schwer möglich. So viel lässt sich sagen: Der Bruder, Robert Lenobel, verschwindet eines Tages und seine Frau ruft seine Schwester Jetti zur Hilfe. Die drei sind Herrschaften in ihren Fünfzigern, mit einer Vergangenheit und stabilen Angewohnheiten. Die ersten Kapitel verbringen nur die Schwägerinnen zusammen in einer Wohnung in Wien und überziehen einander abwechselnd mit Vorwürfen und Zuneigung. Ein intensives Kammerspiel zweier Frauen: zur Eifersucht verurteilt und zur Solidarität verdammt.
Überhaupt lässt sich der Roman wahrscheinlich am besten in Figurenpaare aufschlüsseln. Da wären die Geschwister, Robert und Jetti: Sie eine erotoman Getriebene, die doch immer „den Richtigen“ sucht und innerlich leer wird, wenn sie begehrt, die ganze Frau auf Empfang für den Anderen. Robert dagegen spürt sich vor allem selbst, wenn er sich verliebt, „wie ich sein könnte. Es gibt nichts Aufregenderes“.
Und dann Robert Lenobel und sein bester Freund Sebastian Lukasser: Der eine ist Psychoanalytiker und sucht, von der Liebe erleuchtet, nach dem Wesen seiner jüdischen Identität. Der andere, der Schriftsteller, fängt ganz faustisch vom Teufel zu reden an: „Ich glaube an nichts. Aber dem Teufel ist das egal.“ Zum Schluss treten die Söhne dieser Männer auf und tragen die Geschichte in die nächste Generation. „Ich hätte es gern gehabt, dass es ein Familienroman wird“, sagt Köhlmeier, als stehe das letztlich nicht in seiner Macht.
Zwischen die Kapitel hat er je ein Märchen gestellt. Er denke sich ihre Funktion musikalisch, erklärt er, sie sollen „Gefühlsassoziationen“ wecken, die Stimmung für das Folgende vorbereiten. Es sind düstere Märchen, nicht wenige handeln von einem krummen Deal mit dem Schicksal, wie das Märchen von Teufel und der Braut. Und schließlich geht sogar in einem der ganz realistisch erzählten Kapitel über die Geschwister Lenobel eine Mephisto-Gestalt durchs Bild, schwarz-rot gekleidet, Hemd bis zum Nabel offen, schallendes Lachen, schmierig verführerisch, anscheinend mit Blitz und Donner im Bunde.
Köhlmeier gibt sich unschuldig. Das sei ja interessant, aber dahinter stecke kein Plan, den habe er nicht als Teufel angelegt: „Sehen Sie, da wirken die Märchen.“ Und trotzdem beginnt er jetzt, über den Leibhaftigen zu extemporieren: Der deutsche Mephisto sei doch nur ein eloquenter Zyniker, ein Künstlerverführer. So harmlos stelle man sich das Böse vor. Aber was habe dann, die Politik des 20. Jahrhunderts angeleitet? Was für ein Böses sehe man in Eichmann in Jerusalem oder in den Aufzeichnungen von Heinrich Himmler?
Köhlmeier empört sich über Versuche, böse Taten erklären zu wollen oder biografisch zu begründen, Leute wie Andreas Bader oder den Prostituiertenmörder Jack Unterweger als irgendwie authentische Böse zu sehen. „Das unerklärbar Böse“, sagt er, „hält keiner aus.“ Köhlmeier argumentiert, wie er schreibt, in Geschichten und großen Bögen, denkbar unabstrakt. Es bleibt der Besucherin überlassen, sich, was er sagt, vielleicht so zusammenzufassen: Die Menschen fürchten das Irrationale, vernünfteln das Böse der Märchen zum Beispiel einfach weg. Das wirklich Böse entsteht aber gerade aus dem Rationalismus, den scheinbar folgerichtigsten Gründen.
Ob diese Erkenntnis bei seiner Rede beim Gedenktag des Parlaments eine Rolle spielte? Er sei, sagt Köhlmeier, nicht als Schriftsteller dort aufgetreten, sondern als engagierter Bürger, der die Politik der Leute kannte, vor denen er auftrat. Deshalb sagte er auch: „Es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben“. Der an dem Tag abwesende Kanzler Sebastian Kurz verstand das als Vergleich seiner Flüchtlingspolitik mit „Nazis und Nazi-Kollaborateuren“. Tatsächlich spielte Köhlmeier auf die Staaten an, die es bei der Konferenz von Evian 1938 ablehnten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Ist denn aber das vor 80 Jahren sich ankündigende Menschheitsverbrechen je eine geeignete Bezugsgröße, um die Politik von heute zu kritisieren? Ist der Vergleich nicht immer zu wuchtig? Schon richtig, sagt Köhlmeier: „Aber wann, wenn nicht bei so einem Gedenktag, soll man daran erinnern, dass man aus der Geschichte zumindest etwas lernen kann?“ Mutig sei er sich nicht vorgekommen, und er habe persönlich auch fast nur zustimmende Reaktionen erhalten. Als politischer Autor will er trotzdem nicht gelesen werden: „Wenn man an meinen Büchern die Tendenz des Autors erkennen könnte, hätte ich völlig versagt“.
In Köhlmeiers literarischer Welt sind populistischer Aufruhr und aktivistischer Eifer also höchstens ein Grummeln im Hintergrund. Sie gehört ganz den Figuren und menschlicheren Motiven. Während er den Besuch an der Gartenpforte verabschiedet, führen sein Alter Ego Sebastian, die Geschwister Lenobel und die Teufel verschiedener Sphären vermutlich ihr Eigenleben weiter, dem der Schriftsteller im nächsten Roman auf die Spur kommen muss.
Er bittet in den Garten seines
Elternhauses. Der Spätsommer
brütet über den Obstbäumen
Eine Mephisto-Gestalt geht durchs
Bild: schmierig verführerisch,
mit Blitz und Donner im Bunde
„Wenn man an meinen Büchern
die Tendenz des Autors erkennen
könnte, hätte ich völlig versagt.“
Kein Märchenonkel, kein politischer Aktivist, einfach nur Schriftsteller: Michael Köhlmeier.
Foto: Peter-Andreas Hassiepen
Michael Köhlmeier:
Bruder und Schwester Lenobel. Roman. Hanser Verlag, München 2018.
544 Seiten, 26 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 24.11.2018
Erst muss der Hund gestorben sein

Es war einmal ein Psychiater in Wien: "Bruder und Schwester Lenobel" von Michael Köhlmeier ist eine Familienaufstellung für Fortgeschrittene.

Von Sandra Kegel

Michael Köhlmeier ist ein leidenschaftlicher Erzähler, und dass Literatur alles darf, also auch aus der Geschichte schöpfen und sie verformen, diese dichterische Freiheit nimmt er sich seit jeher heraus. Wie ein roter Faden zieht sich von seinen ersten Büchern an - von seinem Expeditionsroman "Spielplatz der Helden" über sein panoramatisches "Abendland", das ein ganzes Jahrhundert durchmisst, bis zu den "Abenteuern des Joel Spazierer" und "Zwei Herren am Strand" - die Verschmelzung von Historie und Phantasie. Doch Köhlmeiers Interesse gilt nicht nur historischen Stoffen, sondern auch den mythischen Quellen. Sein Werk lässt dabei erkennen, dass beiden Seiten dieses Schriftstellers, dem Nacherzähler antiker Stoffe wie dem Schöpfer historischer Fiktionen, dieselbe Art des Erzählens als DNA zugrunde liegt. Es ist das Verfahren, improvisierend aus dem reichen Fundus der Überlieferungen zu schöpfen.

Auch in seinem aktuellen Roman zieht der österreichische Autor eine solche Ebene der narrativen Transformation ein. Zwar lässt sich "Bruder und Schwester Lenobel" in erster Linie als ein zeitgenössischer Familienroman beschreiben, der aus der Gegenwart des Wiener Geschwisterpaares Robert und Jetti immer aufs Neue Ausflüge in die Vergangenheit der jüdischen Elternund Großelterngeneration unternimmt. Allen dreizehn Kapiteln des Romans jedoch ist zum Auftakt jeweils ein Märchen vorangestellt. Und diese Texte, bei denen es sich zum Teil um Kunstmärchen handelt, zum Teil aber auch um jene Urstoffe, die etwa den Brüdern Grimm als Vorlage für ihre Bearbeitungen dienten, sollen nicht etwa Leseanweisungen für die folgende Kapitel darstellen. Eine solch direkte Indienstnahme wäre zu schlicht für Köhlmeiers Erzählverfahren. Der Autor zieht die überlieferten Stoffe vielmehr heran, um mit ihnen zu spielen. Seine Prosa folgt keinem naiven Realismus, sondern vielmehr jongliert er mit den unterschiedlichen Erzählinstanzen. Dadurch wird der Blick auf archetypische Verhaltensmuster, die von Urformen der Angst getrieben sind, gelenkt. Vor allem aber macht der Schriftsteller kenntlich, dass erst im Erzählen von Geschichten der Mensch zu sich kommt.

Daher ist es auch kein Wunder, dass Köhlmeiers zentrale Figur, Robert Lenobel, als Psychiater in Wien tätig ist. Auch zu ihm kommen Menschen in Not, die hoffen, über das Erzählen und Sichmitteilen, ihre Probleme zu lösen. Wer erzählt, ist schließlich immer noch da, wie schwer das eigene Unglück auch wiegt. Tatsächlich aber ist es der professionelle Zuhörer selbst, der hier in der Bredouille steckt. Verheiratet mit der Buchhändlerin Hannah und Vater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern, verschwindet dieser Robert eines Tages urplötzlich und lässt seine Angehörigen so ratlos wie verzweifelt zurück. Niemand, weder seine Ehefrau, noch seine Schwester oder Freunde der Familie scheinen zu wissen, was passiert sein könnte. Wurde Robert Opfer eines Verbrechens, oder hat er Selbstmord verübt, fragen sich Hannah und Jetti. Dass Robert sich buchstäblich in Luft aufgelöst hat, bleibt zunächst das große Rätsel.

Hannah ruft deshalb ihre Schwägerin Jetti in Irland an, die dort seit einigen Jahren eine Agentur für Kultursponsoring leitet. Jetti überlegt nicht lange und setzt sich ins Flugzeug, um Hannah beizustehen. Als die beiden Frauen, die wiederum untereinander ein kompliziertes Verhältnis verbindet, schließlich in der Wohnung der Lenobels zusammenkommen, entspinnt sich unter den Frauen ein Gespräch, das bald vor allem um eigene Brüche und Umbrüche kreist.

Diese Paarkonstellation zieht sich als Motiv durch den gesamten Roman, der auf mehr als fünfhundert Seiten Stück für Stück die mitunter dramatische Familiengeschichte der Lenobels vor allem durch das Spiel der Verdoppelung und der Spiegelung darlegt. Da gibt es die Eltern Lenobel, deren Verhalten auf die Kinder Robert und Jetti so maßgeblich einwirkte, wie diese wiederum selbst durch das Schicksal der eigenen Eltern geprägt wurden. Denn das Trauma von Flucht und Verfolgung wird hier über mehrere Generationen hinweg weitergereicht: Jettis und Roberts Großeltern mütterlicherseits wurden im Konzentrationslager ermordet, während die Großeltern väterlicherseits zwar noch rechtzeitig nach Israel entkommen konnten, dort aber später Doppelselbstmord begingen.

Verwandtschaftliche wie auch wahlverwandschaftlichen Paare tauchen auch in der nachwachsenden Generation auf, etwa in der Gestalt der inzwischen groß gewordenen Kinder Klara und Hanno wie auch in der Annäherung zwischen Hanno und David, der sich seinem neuen Freund als unehelicher Sohn Sebastian Lukassers zu erkennen gibt.

Da ist es also wieder, der Schriftsteller Sebastian Lukasser, der nicht nur für diesen Roman, sondern für Köhlmeiers Werk insgesamt eine Schlüsselfigur ist. Er taucht in gleich mehreren Romanen von "Abendland" über "Madalyn" bis zum "Joel Spazierer" und jetzt hier auf. Er ist meist eine Randfigur, die gleichwohl stets mit allen Protagonisten auf je eigene Weise in Kontakt steht. Ein Alter Ego des Autors darf man hinter der mitunter erratischen Figur vermuten, in der Köhlmeier indes nicht unbedingt eigene Erfahrungen verarbeitet, sondern sie vielmehr als Reflexionsfigur für alle möglichen Projektionen in den Raum stellt.

Dass jeder Mensch seine ganz eigene Familienmythologie mit sich herumschleppt, von ihr inspiriert, ebenso aber getrieben oder verfolgt wird, auch davon handelt dieser herausragend erzählte Roman. Robert Lenobel, so viel darf man immerhin verraten, ist nicht tot, sondern taucht irgendwann an der Klagemauer in Jerusalem auf. Er, der sich selbst verlorengegangen ist, sucht hier Aufschluss auf sich selbst. Doch nicht die Klagemauer bringt ihn am Ende weiter. Eher lässt sich die Krise des Mannes in seinen mittleren Jahren mit einem jüdischen Sprichwort beschreiben, wonach das Leben erst beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist.

Michael Köhlmeier: "Bruder und Schwester Lenobel". Roman.

Carl Hanser Verlag. München 2018. 544 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Micheal Köhlmeiers Prosa folgt keinem naiven Realismus, sondern vielmehr jongliert er er mit den unterschiedlichen Erzählinstanzen. Dadurch wird der Blick auf archetypische Verhaltensmuster, die von Urformen der Angst getrieben sind, gelenkt. Vor allem aber macht der Schriftsteller kenntlich, dass erst im Erzählen von Geschichten der Mensch zu sich kommt ... Ein herausragend erzählter Roman." Sandra Kegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.18 "Wenn alles im Leben stimmt, kommt die Krise und mit ihr die Frage, wer man ist. Ab da wird es richtig interessant." Iris Radisch, Die Zeit, 22.11.18 "Ein fulminantes und sprachmächtiges Porträt der Seelenabgründe, Liebesverluste und Träume der Generation gebildeter Babyboomer." Zeit Literatur, 41/2018 "Der Roman zeigt Michael Köhlmeiers Freude am Fabulieren und Philosophieren, die er kombiniert mit den spannenden Fragen nach Liebe und Schuld, Vergangenheit und Zukunft und der dauerhaften Sehnsucht nach dem Seelenverwandten. Existentielle Themen, die - so klug und leicht erzählt - stets aktuell und fesselnd sind." Barbara Geschwinde, WDR3, 10.09.18 "Der begnadete Kulturerklärer Michael Kölhmeier bohrt sich in die Tiefen der verkümmerten Babyboomer-Seelen ... So entfaltet sich in diesem Roman vor unseren Augen eine Landschaft des Inneren, die zerklüftet ist von der Geschichte des 20. Jahrhunderts, von Erlösungssehnsüchten und Trennungen - in einer erzählerischen Meisterschaft, die ihresgleichen sucht." Iris Radisch, Die Zeit, 06.09.18 "Ein intensives Kammerspiel zweier Frauen: zur Eifersucht verurteilt und zur Solidarität verdammt." Marie Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 05.09.18 "Köhlmeier ist ein Meister darin, den Menschen mit all seinen Süchten und Sehnsüchten zu beschreiben ... Er versteht es wie nur wenige andere, zwischenmenschliche Beziehungen zu analysieren." Martin Maria Schwarz, HR 2 Kultur, 24.08. "Michael Köhlmeier hat erneut ein grandioses Familienepos geschaffen ... Jeder Umweg, jede neue Figur lädt zum Verweilen ein ... Man will bleiben, so lange wie möglich." Stefanie Panzenböck, Falter, 22.08.18 "Die seltsame Ménage-à-trois, die Köhlmeier leichthändig vor uns ausbreitet, hat das Zeug zum Kammerspiel mit Tendenz zum Roadmovie." Susanne Schaber, Die Presse, 04.08.18…mehr