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Der Krieg, der 
alles veränderte Er fegte die alte Welt hinweg und zeichnete das Antlitz des 20. Jahrhunderts: Der Erste Weltkrieg ließ Imperien zerbrechen, er löste Revolutionen aus und läutete die Ära der Ideologien und Diktaturen ein. Herfried Münkler stellt den Krieg in seiner Gesamtheit dar - seine Ursachen und Folgen, seine politischen wie menschlichen Dimensionen. Er porträtiert Generäle und Soldaten im Bewegungs- wie im Stellungskrieg, erzählt vom Leben, Leiden und Hoffen an der Heimatfront. Das Zeitpanorama eines epochalen Konflikts, das zahlreiche Neubewertungen vornimmt und die…mehr

Produktbeschreibung
Der Krieg, der 
alles veränderte
Er fegte die alte Welt hinweg und zeichnete das Antlitz des 20. Jahrhunderts: Der Erste Weltkrieg ließ Imperien zerbrechen, er löste Revolutionen aus und läutete die Ära der Ideologien und Diktaturen ein. Herfried Münkler stellt den Krieg in seiner Gesamtheit dar - seine Ursachen und Folgen, seine politischen wie menschlichen Dimensionen. Er porträtiert Generäle und Soldaten im Bewegungs- wie im Stellungskrieg, erzählt vom Leben, Leiden und Hoffen an der Heimatfront. Das Zeitpanorama eines epochalen Konflikts, das zahlreiche Neubewertungen vornimmt und die tiefgreifenden Erschütterungen durch den Großen Krieg vor Augen führt.
"Unsere Urkatastrophe und unsere Geburt ... 
das brillanteste Buch über den Ersten Weltkrieg, eiskalt, 
elegant, elegisch." DIE ZEIT
  • Produktdetails
  • rororo Taschenbücher Bd.62785
  • Verlag: Rowohlt Tb.
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 928
  • Erscheinungstermin: Juni 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 151mm x 57mm
  • Gewicht: 908g
  • ISBN-13: 9783499627859
  • ISBN-10: 349962785X
  • Artikelnr.: 41775904
Autorenporträt
Münkler, Herfried
Herfried Münkler, geboren 1951, ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Viele seiner Bücher gelten mittlerweile als Standardwerke, etwa «Die neuen Kriege» (2002), «Imperien» (2005), «Die Deutschen und ihre Mythen» (2009), das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, sowie «Der Große Krieg» (2013) und «Die neuen Deutschen» (2016), die beide monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste standen. Zuletzt erschien "Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft" (2016, zusammen mit Marina Münkler), das ebenfalls ein Bestseller war.
Rezensionen
Das brillanteste Buch über den Ersten Weltkrieg. Die ZEIT
Besprechung von 09.12.2013
Die Selbstvernichtung
Die fatale Neigung, Politik am Wünschen und Sehnen auszurichten: Herfried Münkler hat ein kluges Buch
über die deutsche Politik und die Kriegsführung 1914-1918 geschrieben
VON STEPHAN SPEICHER
Am 31. August 1918 erklärte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, warum sein Land Krieg führe. Das deutsche Reich identifizierte er als dunkle Macht, die das Recht der Menschen auf freie Gestaltung ihres Lebens abtöte: „Es ist ein Krieg, die Nationen und Völker der Welt gegen jede solche Macht, wie die heutige deutsche Autokratie sie darstellt, zu sichern; es ist ein Bekenntniskrieg, und ehe er gewonnen ist, können die Menschen nicht frei von Furcht leben.“
  Ziemlich genau elf Monate zuvor, am 28. September 1917, hatte der deutsche Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Richard von Kühlmann, vor dem Hauptausschuss des Reichstags seine Sicht dargelegt: „Es steht uns noch klar im Gedächtnis, das alte Europa, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass für keinen der Staaten in diesem alten Europa der Zustand, wie er in den letzten vierzig Jahren bestanden hat, so unerträglich war, dass er auf die Gefahr der Selbstvernichtung hin seine Abstellung erreichen musste.“
  Kühlmann konnte sich mit seiner Auffassung, die einen Verständigungsfrieden nahelegte, in Deutschland nicht durchsetzen. Wilson war siegreich in seinem „Bekenntniskrieg“, die versprochene Freiheit von Furcht hielt allerdings nicht lange an. Von heute aus werden die meisten leichter Kühlmann zustimmen, der von der Gefahr der Selbstvernichtung sprach und Zustände würdigte, die „nicht so unerträglich“ seien als Wilson und sein„Bekenntniskrieg“.
  Wenn nicht alles täuscht, wächst das Interesse der Deutschen am Ersten Weltkrieg. Lange stand er aus naheliegenden Gründen im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Das Jahr 1945 oder besser, die Konferenzen von Jalta und Potsdam sahen aus wie die Antwort auf 1914. Die Welt Vorkriegseuropas wirkte – jedenfalls politisch – dahingegangen. Durch einen Zufall stand Stefan Zweig auf dem Bahnhof von Feldkirch, als Kaiser Karl 1919 ins Schweizer Exil ging. Hinter dem Fenster eines Eisenbahnwaggons erkannte er die Gestalt des Kaisers. „Ich schrak zusammen: Der letzte Kaiser von Österreich, der Erbe der habsburgischen Dynastie, die siebenhundert Jahre das Land regierte, verließ sein Reich.“
  Das war, um Zweigs Autobiografie zu zitieren, „Die Welt von gestern“. Heute sind wir da nicht mehr so sicher. Die Monarchien sind dahin, aber die Probleme des Balkans sind zurückgekehrt, auch die Nationalitätenprobleme. Der Kampf um die Ukraine stellt politische Aufgaben, die Europa bis 1989 nicht kannte. Und ist China womöglich „in der Position des wilhelminischen Deutschlands“, ein Aufsteiger wirtschaftlich und politisch, der seine Nachbarn ängstigt und sich einer Strategie der Einkreisung gegenübersieht?
  Diese Frage zum Beispiel stellt sich Herfried Münkler in seinem Buch zum Ersten Weltkrieg. Münkler ist Politologe an der Humboldt-Universität, das spürt man seiner Arbeit an, ganz entschieden zu ihrem Vorteil. Er bedenkt die eigene Stellung zur Geschichte der Jahre 1914-1918; wenn er in die Gegenwart ausgreift, geschieht es mit Fingerspitzengefühl. Die Forderung Österreichs an Serbien, mit eigenen Beamten an der Aufklärung des Attentats von Sarajevo beteiligt zu werden, nehmen wir heute als unerfüllbar wahr, als Angriff auf die serbische Souveränität. Münkler macht uns kurz darauf aufmerksam, dass die USA oder UdSSR bei einem vergleichbaren Terroranschlag ganz selbstverständlich darauf bestanden hätten, respektive bestehen würden, einbezogen zu werden. Hier geht und ging es um die Position einer Hegemonialmacht – das Unglück war, dass Österreichs tradierte Ansprüche auf dem Balkan nicht mehr griffen.
  Münkler neigt nicht zu Großtheorien. In der Frage nach dem Ausbruch des Krieges nimmt er eine Haltung ein wie Christopher Clark. Nicht nur hält er die Verantwortung für ähnlich verteilt, er stellt auch lieber die Frage nach dem Wie als die nach dem Warum. An der Vorstellung vom „langen Weg“ in den Krieg stört ihn der Fatalismus. 1914 war das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich und Großbritannien leidlich entspannt. Sollte nicht die kapitalistische Ordnung, die weltwirtschaftliche Verflechtung einen Krieg der großen Mächte ausschließen? Nicht bloß die Liberalen, auch Karl Kautsky, führender Kopf der Sozialdemokratie, hat 1914 so gedacht. Und wenn die Überlegung in die Irre führte, war sie nicht schlechthin unsinnig. Den Interessen des Kapitals lief der Krieg entgegen, aber diese Interessen dominierten die Politik nicht im unterstellten Ausmaß. Der Ökonom Josef Schumpeter sprach 1918 vom atavistischen Charakter des Imperialismus, der in den Krieg geführt habe.
  Dem Zufall in der Geschichte eine große Rolle zuzuweisen – das Attentat auf Franz Ferdinand gelang gegen alle Wahrscheinlichkeiten –, ist eine Kränkung, eine Kränkung aller und speziell natürlich der Historiker. Münkler glaubt, dass diese Kränkung in der Kriegsursachenforschung eine große Rolle gespielt hat: Man könne meinen, die entgegengesetzte Auffassung von den tiefen Wurzeln des Krieges „habe sich aus psychotherapeutischen und nicht aus wissenschaftlichen Gründen durchgesetzt“. Vor allem aber ist die Vorstellung vom (fast) zwangsläufigen Charakter der Entwicklungen dem Fatalismus nahe, sie schwächt das Verantwortungsgefühl der Beteiligten. Und darin, im mangelnden Verantwortungsgefühl, oder vielleicht richtiger, in dem mangelnden Mut, diesem Gefühl zu gehorchen, sieht Münkler das Unheil auf deutscher Seite begründet. Bismarck habe ein politisch unreifes Volk zurückgelassen, hat Max Weber gesagt, das beobachtet auch Münkler.
  Denn es gibt selbstverständlich nicht nur das Hin und Her der Zufälle. Ein durchgehender Zug der deutschen Politik seit Bismarcks Entlassung ist die Schwäche der Politik. Keiner der folgenden Kanzler hat die Kraft, den Ansprüchen der Militärs entgegenzutreten. Der Schlieffenplan und die Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg sind die Momente, in denen sich zeigt, dass die Kriegsführung nicht den politischen Plänen folgt, sondern umgekehrt ihnen befiehlt. Immer noch kann die Tagebuchnotiz Kurt Riezlers,Sekretär des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, vom Januar 1917 erschüttern. „Sprung ins Dunkle (. . . ) Folgte die Geschichte den Gesetzen der Tragödie, so müsste Deutschland an dem verhängnisvollen U-Boot-Krieg, an dem sich seine ganzen tragischen Irrtümer bisher verkörperten, zugrundegehen.“
  Das Schreckliche an dieser Situation: Es gab sehr wohl Einsicht in das elementare Problem der deutschen Kriegsführung („die ganzen tragischen Irrtümer“), bei Bethmann Hollweg etwa, auch bei Falkenhayn, dem zeitweiligen Generalstabschef, andere Namen lassen sich hinzufügen. Die Donaumonarchie war ein schwacher Bundesgenosse, die geostrategische Lage bedrohlich. Deutschland hätte längst auf einen Verständigungsfrieden zusteuern müssen. Wenn das doch nicht geschah, so lag es nicht allein an den Militärs, sondern in gleichem Maße an einer aufgepeitschten Öffentlichkeit.
  In keinem der Krieg führenden Länder hat es eine solch ungehemmte Fabrikation von Literatur zum Krieg gegeben. Münkler führt das, sehr plausibel, auf die fehlenden Kriegsziele zurück. Was war es, was die Deutschen erreichen wollten? Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn konnten Ziele namhaft machen, das Deutsche Reich allenfalls hoffen, die angenommene Einkreisung aufzusprengen.
  Aber weil es keine praktikablen Zwecke gab, fanden Schriftsteller und Wissenschaftler das Feld für Träumereien frei vor sich liegen. In dem Maße, wie die Opfer immer größer wurden, wuchsen die Ansprüche auf Annexionen. Die Toten sollten nicht umsonst gefallen sein. Die öffentliche Kriegszieldiskussion hat furchtbaren Schaden angerichtet, nach außen, aber auch nach innen. Jede Kompromissbereitschaft wurde angesichts der phantastischen Hoffnungen als „Flaumacherei“ diskreditiert. Dass militärische Erfolge – und das Reich hatte eine Reihe von Erfolgen – zu nutzen gewesen wären, um Frieden zu maßvollen Bedingungen zu erreichen, das wollten wenige hören. Als die Front 1918 einbrach, war ein ganzes Land entsetzt. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass die Bereitschaft zum Verständigungsfrieden auch unter den Entente-Mächten nicht sehr groß war.
  Ähnlich verlief auch die Diskussion um den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Auch hier meldeten sich viele Geisteswissenschaftler zu Wort, oft hervorragende Männer ihrer Disziplin wie der Altphilologe Wilamowitz-Möllendorf, aber nicht ausgewiesen in Seefahrt und Seekriegsführung. Sie verwandelten eine technische Frage, die nach Möglichkeiten und Risiken, in eine Charakterfrage. Deutschland sollte sich stark und vor allem entschlossen zeigen. Aus ihren Fächern, in denen „Intention“ und „Sinn“ entscheidende Kategorien waren, auch „Reinheit des Wollens“ (was die deutsche Position auszeichnen sollte), bewegten sie sich auf ein Gebiet, wo eine Kosten-Nutzen-Kalkulation das Richtige gewesen wäre. Das voluntative Moment – es wird gewollt, was so verlockend gut ist – gewinnt die Oberhand, die Betrachtung der Umstände sinkt dagegen ab.
  Der Erste Weltkrieg zeigte die öffentliche Meinung in ihrer ganzen verderblichen Kraft. Wo vernünftige Ziele fehlten, da stellte sich der Sinn ein, der Glaube, alle Anstrengungen und Leiden brächten vielleicht keine zählbaren Vorteile, aber so etwas wie Läuterung. Solche Vorstellungen grassierten auch in England – das ähnlich wie Deutschland sich fragen musste, was es mit diesem Krieg zu gewinnen hatte. Aber über diese Läuterungsidee hinaus gab es eine spezifisch deutsche Hoffnung, die als „Schützengrabensozialismus“ bezeichnet wurde, als Verbrüderung im Zeichen der Not. Noch im Herbst 1917 schrieb Alfred Döblin: „Der Krieg hat eine Volksgemeinschaft geschaffen, wie die langen Friedensjahre nicht (. . . ) Die Volksgemeinschaft hat sich erhoben über die Kasten und Stämme.“ Diese Idee hat den November 1918 überlebt, der Nationalsozialismus hat sie sich zunutze gemacht.
  Herfried Münklers Buch trägt den Untertitel „Die Welt 1914-1918“, der nicht ganz gedeckt ist. Es ist eine Geschichte Deutschlands im Krieg, die Entente-Mächte kommen nur am Rande vor. Und es ist eine dezidiert politisch-militärische Geschichte, soziale und ökonomische Fragen interessieren wenig. Innerhalb dieser selbst gesetzten Grenzen aber ist Münkler ein enorm gedankenreiches Buch gelungen. Bewunderungswürdig gelingt es ihm, die Punkte herauszupräparieren, an denen man die bis jetzt ungelösten respektive sich stetig erneuernden Probleme studieren kann. Aus keinem Krieg, so schreibt Münkler, könne mehr gelernt werden als aus dem Ersten Weltkrieg. „Er ist ein Kompendium für alles das, was man falsch machen kann.“
Münkler greift in die Gegenwart
aus – mit Fingerspitzengefühl und
geostrategischen Überlegungen
Jede Bereitschaft zum
Kompromiss wurde als
„Flaumacherei“ denunziert
In dem Maße, wie die Opferzahlen immer größer wurden,
sollte Deutschland sich stark und entschlossen zeigen. Unser Bild zeigt eine Werkstatt, in der während des Ersten Weltkriegs Prothesen
für Kriegsversehrte hergestellt wurden.
Foto: Scherl/SZ Photo
Herfried Münkler lehrt Theorie der Politik an der Berliner Humboldt-Universität. Bekannt wurde er mit dem Buch „Die neuen Kriege“ (2002). Für „Die Deutschen und ihre Mythen“ erhielt er 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Foto: dpa
    
  
  
Herfried Münkler:
Der große Krieg.
Die Welt 1914-1918. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2013. 924 Seiten, 29,95 Euro, E-Book
25,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Im Ganzen überzeugend und ausgewogen findet der Militärhistoriker Werner Rahn Herfried Münklers voluminöse Gesamtdarstellung des Ersten Weltkrieges. Vorgeschichte und Verlauf des Krieges lässt sich Rahn vom Autor in neun Kapiteln darlegen, sachkundig und mittels kommentierten Fotos und Kartenmaterial auch anschaulich, wie er findet. Münkler erklärt ihm Strategien, Logistik, Waffentechnik und -wirtschaft sowie die einzelnen Offensiven zu Land, zu Luft und zu Wasser. Dass der Autor mitunter die Terminologie der Kriegsmittel nicht vollends beherrscht, fällt Rahn zwar auf, stört seinen positiven Gesamteindruck aber nicht. In Sachen Funkaufklärung hätte sich der Rezensent allerdings im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen etwas mehr Information gewünscht. Münklers Ausführungen über die Auswirkungen des Krieges auf unsere Gegenwart scheinen Rahn allerdings wieder kritisch und genau genug. Das Literaturverzeichnis mit über 800 Titeln imponiert ihm.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.02.2014
Auf See nicht sattelfest
Die Realität des Ersten Weltkriegs weiß Herfried Münkler dem Leser eindrucksvoll zu vermitteln

Der Erste Weltkrieg war für George F. Kennan die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" und für einige Historiker sogar der Auftakt eines neuen "Dreißigjährigen Krieges". Vorgeschichte und Geschichte des Krieges führten vor Jahrzehnten in Deutschland zu heftigen Debatten. Es sei hier nur an die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer und seiner Schüler über Kriegsschuld und Kriegsziele des Deutschen Reiches erinnert. Eine Gesamtdarstellung des Krieges aus seiner Feder blieb allerdings aus. Wer sich damals in der neueren Literatur über Ursachen, Verlauf und Folgen des Krieges detailliert informieren wollte, war von 1968 an auf die Werke von Peter Graf von Kielmansegg und Hans Herzfeld angewiesen. Erst 35 Jahre später veröffentlichte Michael Salewski seine Geschichte des Weltkriegs.

Wenn nun der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler eine in jeder Hinsicht gewichtige und mit 924 Seiten sehr umfangreiche Gesamtdarstellung vorlegt, kann man davon ausgehen, dass sein Werk in der breiten Öffentlichkeit mit großem Interesse zur Kenntnis genommen wird. Die neun Kapitel spannen den Bogen von langen und kurzen Wegen in den Krieg bis zur aktuellen Einordnung des Weltkriegs "als politische Herausforderung". Im ersten Kapitel wird die zentrale Frage erörtert, ob das Deutsche Reich langfristig auf einen Krieg hingearbeitet habe oder ob kurzfristig politische Fehler, Ungeschick und "ein verfassungstechnisch nicht unter Kontrolle gebrachtes Militär den Konflikt zum großen Krieg eskalieren ließen". Ähnlich wie Christopher Clark kommt Münkler zu dem Ergebnis, dass für die Entscheidungen im Juli 1914 die "Blankoschecks" ausschlaggebend waren, die Deutschland den Österreichern, Russland den Serben und Frankreich den Russen ausgestellt hatten. Somit lag der "Schlüssel zum Krieg" in Petersburg. Die russische Mobilmachung führte dann dazu, dass in Deutschland der "Generalstab und nicht die Regierung entschied, welche Optionen zur Verfügung standen".

In den folgenden Kapiteln wird detailliert, sachkundig und anschaulich der Verlauf des Krieges vom Scheitern des Schlieffen-Plans im September 1914 bis zum Waffenstillstand im November 1918 geschildert. Dabei werden alle Ebenen der Kriegführung wie Politik, Strategie und Koalitionskriegführung, Waffentechnik und Rüstungswirtschaft, Operationsplanung und Logistik bis hin zur Taktik in ihrer Wechselwirkung angemessen berücksichtigt; dies gilt auch für die Seekriegführung mit den Elementen Blockade und Handelskrieg sowie für die Luftkriegführung mit den Ansätzen eines strategischen Luftkriegs.

Ab Herbst 1914 erstarrten im Westen die Fronten, und bis Sommer 1918 scheiterten auf beiden Seiten alle Offensiven mit dem Ziel eines strategischen Durchbruchs. Demgegenüber gelang es dem deutschen Heer an der Ostfront mit geschickter Operationsführung mehrfach, russische Großverbände so einzukesseln, dass sie kapitulieren mussten. Bei der Beschreibung der Kämpfe kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, wodurch sich dem Leser die Realität des Krieges eindrucksvoll erschließt.

Zur Realität des Krieges gehörten auch Meutereien und Kampfstreiks. Als im Frühjahr 1917 große Teile der französischen Armee nicht mehr angreifen wollten, wurden 550 Soldaten zum Tode verurteilt und 45 Urteile vollstreckt. Italien ging noch radikaler vor und führte die römische Praxis des "Dezimierens" wieder ein, bei der von einer meuternden Einheit jeder zehnte Mann hingerichtet wurde. Demgegenüber blieben deutsche Kriegsgerichte mit insgesamt weniger als 50 Todesurteilen "zurückhaltender als die aller anderen europäischen Mächte".

Das Kapitel über die "Ausweitung des Kampfes" behandelt detailliert den See- und den Luftkrieg. Doch zeigt sich hier, dass der Autor in der Terminologie der damaligen Seekriegsmittel nicht ganz sattelfest ist. Es ist ihm offensichtlich nicht klar, was ein Großkampfschiff (capital ship) war. So soll die Royal Navy 1916 in der Skagerrakschlacht sechs (statt drei) Großkampfschiffe verloren haben, was ein grandioser deutscher Erfolg gewesen wäre. Beim Handelskrieg zur See wird übersehen, dass London bereits 1913 dazu übergegangen war, Handelsschiffe zur Verteidigung gegen Hilfskreuzer zu bewaffnen. Dies war völkerrechtlich umstritten, wie dem offiziösen Jahrbuch "Nauticus" von 1914 zu entnehmen ist.

Mit dem Einsatz von U-Booten im Handelskrieg beschritt Deutschland ab Februar 1915 militärisch und völkerrechtlich neue Wege, da U-Boote die Regeln des Prisenrechts nur unvollkommen einhalten konnten. Die einzelnen Phasen dieses Handelskriegs werden leider nicht stringent anhand der Chronologie herausgearbeitet. Daher entsteht der Eindruck, dass U-Boote auch im Handelskrieg vor allem Torpedoangriffe bevorzugten; tatsächlich war der Einsatz der Bordgeschütze viel effektiver. Dies zeigte sich vor allem von Oktober 1916 bis Januar 1917, als die U-Boote nach Prisenordnung im Monatsdurchschnitt mehr als 320 000 BRT Schiffsraum versenkten.

Diese Einsätze führten zu keinem Konflikt mit den Vereinigten Staaten von Amerika und hätten als Druckmittel möglicherweise dazu beitragen können, einen Verhandlungsfrieden anzustreben. Doch diese Phase des U-Boot-Krieges bleibt ausgeblendet. Es fehlt auch der Hinweis auf den strategischen Zusammenhang zwischen der verhängnisvollen Entscheidung für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ab Februar 1917 und dem deutschen Bündnisangebot an Mexiko. Das legendäre Zimmermann-Telegramm wurde vom britischen Marinenachrichtendienst entziffert und an die amerikanische Regierung weitergeleitet. Seine Veröffentlichung in Washington und die Bestätigung der Richtigkeit durch Staatssekretär Zimmermann in Berlin führten in den Vereinigten Staaten zu einem Stimmungsumschwung und letztlich im April 1917 zum Kriegseintritt dieser Seemacht. Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die NSA-Aktivitäten wäre eine kurze Ergänzung zur Entstehung und Bedeutung von Room 40 der britischen Admiralität (nicht des Kriegsministeriums) angebracht, da hier die Keimzelle der modernen Funkaufklärung entstand.

In dem Kapitel über den Zusammenbruch der Mittelmächte wird deutlich, wie sich das Deutsche Reich 1917/18 im Ansatz zu einer Militärdiktatur entwickelt hatte mit Erich Ludendorff an der Spitze, dem es 1918 über Monate hinweg gelang, die militärische Niederlage zu verschleiern. Da es jedoch die Reichstagsmehrheit aus SPD und Zentrum versäumte, "energische Initiativen für einen Friedensschluss [...] zu ergreifen", konnte "die Oberste Heeresleitung nach Belieben schalten und walten", bis es letztlich zu spät war.

In dem Schlusskapitel über den Weltkrieg als politische Herausforderung werden die Auswirkungen des Krieges auf die Gegenwart beschrieben und interpretiert. So weist der Politikwissenschaftler Münkler kritisch darauf hin, dass auf dem Balkan bis heute zwischenstaatliche Konflikte nicht ausgeräumt sind. Es gehöre daher zur sicherheitspolitischen Herausforderung der Europäischen Union, "dafür zu sorgen, dass die mitteleuropäisch-balkanischen Konflikte nicht erneut zum Ausbruch kommen". In der globalen Perspektive sieht Münkler das heutige China in der Position des wilhelminischen Deutschland im Übergang zum 20. Jahrhundert. Durch die maritime Aufrüstung dieser asiatischen Großmacht sei eine chinesisch-amerikanische Konfrontation denkbar, "die ähnlichen Mustern folgt wie der deutsch-britische Gegensatz am Anfang des 20. Jahrhunderts".

Die ausgewogene Darstellung stützt sich auf die fast unübersehbar gewordene Spezialliteratur über den Ersten Weltkrieg. Das Literaturverzeichnis umfasst über 800 Titel, wobei die älteren amtlichen Reihenwerke des Reichsarchivs und des Marinearchivs nicht berücksichtigt wurden. 12 Karten von verschiedenen Kriegsschauplätzen und einigen Schlachten, wie zum Beispiel Tannenberg und Verdun, sind zum Verständnis der Darstellung hilfreich. Eine methodische Besonderheit des Bandes sind 80 gut ausgewählte eindrucksvolle Bilder, meist Fotografien von Politikern und Soldaten, Gefechtsfeldern, Schützengräben, Waffen und nicht zuletzt von Gefallenen. Der Wert dieser Bilder liegt darin, dass sie nicht nur inhaltlich zum jeweiligen Textabschnitt passen, sondern auch ausführlich kommentiert werden. Die Belege der Zitate sind im Anhang kapitelweise als Endnoten zusammengefasst, die zum Teil auch für weitere Erläuterungen genutzt werden. Leider ist die Suche nach Anmerkungen nicht einfach, da der Verlag darauf verzichtet hat, bei den Kopfzeilen die jeweiligen Seitenzahlen des dazugehörigen Haupttextes anzugeben.

Für eine Neuauflage wäre eine knappe Zeittafel hilfreich, zumal im Inhaltsverzeichnis nur ein Ereignis datiert wird: Sarajevo, 28. Juni 1914. Münkler beginnt seine Darstellung mit der These, dass der Erste Weltkrieg der Brutkasten war für fast alle Technologien, Strategien und Ideologien, "die sich seitdem im Arsenal politischer Akteure befinden". Im Endergebnis wird diese These bestätigt, und somit liegt cum grano salis eine überzeugende Gesamtdarstellung des Großen Krieges vor.

WERNER RAHN

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2013. 924 S., 29,95 [Euro].

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