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Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere…mehr

Produktbeschreibung
Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere als einfach. Er und seine Frau Prudence leben zwar noch zusammen, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Selbst die Fächer im Kühlschrank sind getrennt. Während Juge um seine Kandidatur kämpft, kann Paul entscheidende Hinweise für die Aufklärung der Anschläge liefern. Doch letztlich verliert Juge gegen einen volksnahen ehemaligen Fernsehmoderator, und die Erkenntnisse aus Pauls Recherche sind nicht minder niederschmetternd für die Politik des Landes.Als Paul von seiner Arbeit freigestellt wird, kommt es zu einer Annäherung zwischen ihm und seiner Frau und die beiden finden wieder zueinander. Ein unerwartetes, wenn auch fragiles Glück ...Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe, das komplexe Zusammenspiel von Gesellschaft und Politik und die weitreichende, oftmals kaum wahrnehmbare Verknüpfung von Politischem und Privatem - das sind die Themen des neuen Romans von Michel Houellebecq, dem großen Visionär der französischen Literatur.
  • Produktdetails
  • Verlag: (DuMont Buchverlag)
  • Seitenzahl: 624
  • Erscheinungstermin: 11. Januar 2022
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 147mm x 58mm
  • Gewicht: 815g
  • ISBN-13: 9783832181932
  • ISBN-10: 3832181938
  • Artikelnr.: 62897659
Autorenporträt
Houellebecq, MichelMichel Houellebecq, 1958 geboren, gehört zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Seine Bücher werden in über vierzig Ländern veröffentlicht. Für den Roman 'Karte und Gebiet' (2011) erhielt er den Prix Goncourt. Sein Roman 'Unterwerfung' (2015) stand wochenlang auf den Bestsellerlisten und wurde mit großem Erfolg für die Theaterbühne adaptiert und verfilmt. Zuletzt erschien der Essayband 'Ein bisschen schlechter' (2020).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Dlf-Rezension

Rezensentin Sigrid Brinkmann hält Michel Houellebecqs neuen Roman für "überladen und zerdehnt". Zu viele Themen, dabei zu wenig Kohärenz, zu wenig Sex und ein zu zaghafter Blick auf die Existenzkrisen seiner Figuren. Immer wenn Brinkmann "Momente der Wärme" wahrnimmt, kommt ihr der Autor mit Exkursen über Krebstherapien, Raymond Aron, Pascal oder die Trinkgewohnheiten seines Helden in die Quere. Brinkmanns Vermutung: Der Autor provoziert noch, indem er nicht mehr provoziert und mit dem intriganten Verhalten der Figuren wie auch mit Thriller- und Spionageroman-Elementen nur noch spielt. Wie die Katze mit der Maus.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2022

Liebe ist für alle da
Michel Houellebecqs neuer Roman heißt „Vernichten“, aber der Titel täuscht:
Das Buch ist eine meisterhafte Ode an die Familie, an Frankreich, sogar an die Ehe
Auf dem Cover der Jahresausgabe 2014 der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo war eine Karikatur des Schriftstellers Michel Houellebecq abgebildet. Er wurde als wahrsagende alte Fuchtel mit Kopftuch und Kristallkugel verspottet, die dem Publikum verkündet, was das neue Jahr bringen mag: „2015 verliere ich meine Zähne“, lautet die Zeile. Einige Tage später erschien Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Darin beschreibt er das Vordringen des politischen Islam und die politische und existenzielle Erschöpfung der akademisch gebildeten Mittelschicht. Und er schildert, wie maskierte Männer durch Paris ziehen und die Magazine ihrer Maschinengewehre leeren.
Als kurz danach die Anschläge gegen Charlie Hebdo und der Angriff auf Kunden eines koscheren Supermarkts Frankreich dem Horror aussetzten, lasen viele den Roman anders, nämlich als Prophezeiung. Hätte es die Attentate nicht gegeben, hätte man Michel Houellebecq der islamophoben Übertreibung bezichtigt. Seitdem aber wurde er den Ruf, mehr zu ahnen und zu spüren als die meisten, nie wieder los. Man liest seine Bücher also nicht mehr allein wegen seiner Sprache, den Figuren und den Gedanken, sondern auch aus Eigennutz: Um zu erfahren, wie es um uns alle steht und wie es weitergeht. Vom Standpunkt der Zeitkritik her ist das interessant, aber literarisch ein unerträgliches Programm. Der Autor, der in der Liga der Nobelpreisträger schreibt (zu denen er natürlich niemals gehören wird), wird sich kaum damit zufriedengeben, Trends literarisch zu bearbeiten. Er wird mehr versuchen – und in seinem neuen Roman „Vernichten“ schauen wir dabei zu, wie ihm das gelingt.
Durch leichtsinnigen Optimismus ist Houellebecq noch nie aufgefallen: In seinem bisher letzten Buch „Serotonin“ ging es um die unaufhaltsame Welle von Suiziden unter Landwirten. Doch schon hier schlich sich ein neues Element ein, eine Form von Fröhlichkeit, die mitunter nahezu alberne Lust an überspannten Bögen, auch eine diskrete Lebensfreude. All dies wird in dem am Dienstag erscheinenden Roman für die Leser immer deutlicher werden. Es ist kaum zu glauben: Houellebecq hat tatsächlich einen Gesellschaftsroman geschrieben, der seine Leserschaft nicht völlig fertig und mit dringendem Bedürfnis zurücklässt, sich auf der Stelle zu besaufen. Sondern amüsiert, gerührt und versöhnt. Wie konnte das passieren?
Houellebecq kennt sein Publikum und geizt nicht mit jenen Effekten, die seit Jahrzehnten Teil seines unterhaltsamen Versprechens sind: Auch der Protagonist Paul meckert in „Vernichten“ herzerfrischend. Einmal muss er mit dem Zug fahren und begreift die neue Welt nicht mehr. Im TGV erfasst Paul der Schwindel zwischen dem „Zen-Bereich“ mit Telefonierverbot und den „Burger-Kreationen“ im Speisewagen, es ist eine durchdesignte und durchgeknallte Reisewelt, in der die Nutzer nicht mehr allein befördert, sondern erzogen werden. Paul beklagt die „allgemeine Wendung, die die Dinge genommen hatten, mit diesem pseudoverspielten, in Wahrheit aber auf eine quasifaschistische Weise normativen Ambiente, das Stück für Stück die letzten Winkel des alltäglichen Lebens infiziert hatte“. Es ist eine Welt mit einem Übermaß an Informationen und einem Mangel an Stil, resigniert und sehr komisch, wenn Paul auf der armselig überkandidelten Speisekarte einer mittelklassigen Hotelkette das Gericht „Seine Majestät, der Hummer“ findet.
Houellebecq operiert in diesem Roman ein wenig wie ein Sternekoch, der auf eine lange Erfolgsgeschichte zurückblickt. Bestimmte Gerichte und Produkte muss er einfach anbieten – und so wie es im seit Generationen mit drei Michelin-Sternen gewürdigten Restaurant der Familie Troisgros in Roanne immer Lachs in Sauerampfersauce geben wird, so hat Houellebecq politischen Pessimismus, satirische Porträts französischer Prominenz und die detaillierte Schilderung teils hochkomischer heterosexueller Erotik auf dem Menü. Aber all diese Elemente dominieren in dem neuen Buch nicht, sie schauen nur vorbei. Es gibt auch eine zeitkritisch-politische Rahmenhandlung, ein beeindruckendes narratives Konzept zu künstlicher Intelligenz, das Phänomen der deep fakes und terroristische Akteure unbekannter Provenienz, aber es ist, als würde das Schicksal der Figuren im Lauf des Romans einen Turboantrieb zünden. Die sogenannten großen Themen bleiben zurück wie die Kulissen eines falsch finanzierten Science-Fiction-Epos in der andalusischen Landschaft.
Das ist auch deshalb möglich, weil bei Houellebecq hier erstmals ein Politiker vorkommt, der nicht auf hundert Meter gegen den Wind als Mischung aus Angeber und Versager zu erkennen ist. Das Frankreich, das er hier beschreibt, ist in den Händen des guten Ministers Bruno. Unschwer zu erkennen als Alter Ego des amtierenden französischen Wirtschafts- und Finanzministers Bruno Le Maire, der ein Freund von Houellebecq ist. Der Roman-Bruno ist ein gebildeter Mann, der sein Lebensglück im Studium der Akten und in der Bewältigung kniffliger Krisen findet. Dafür ist er in Fragen der Kulinarik eine Niete: Über die Pizza mit vier Käsesorten reicht Brunos gastronomischer Horizont nicht hinaus. Der intensive Kontakt mit dem fleißigen Mann führt zu einer unglaublichen Wandlung: Das ist das erste Buch Houellebecqs, in dem nicht lustvoll der Untergang der französischen Industrie prophezeit wird. Bruno hat den
Automobil-Energie-Komplex Frankreichs mehr oder weniger im Alleingang gerettet – und wenn es spät wird im Ministerium, trägt er weithin vergessene Gedichte auswendig vor. Es muss Liebe sein. Und sie wird in der Realität erwidert: In Le Monde wurde der echte Bruno Le Maire, der den Roman natürlich schon gelesen hatte, kürzlich mit den Worten zitiert, seiner Meinung nach hätte Houellebecq den Nobelpreis verdient.
Der ganze Roman kommt mit einem gewaltigen politisch-medialen Getöse daher, aber er befreit sich davon achselzuckend, wird immer klarer und leiser. Im Lauf der Kapitel verliert er den politisch-terroristischen Überbau: Es geht dann vor allem um eine gewöhnlich gestörte französische Familie und ihre Schicksalsschläge. Der Vater wird zum Pflegefall, kann kaum noch kommunizieren und die Einrichtung, in der er untergebracht wird, droht vor Sparmaßnahmen und allgemeiner Lieblosigkeit zum Todestrakt zu werden. Der Protagonist Paul knüpft wieder Kontakte zu seinen beiden Geschwistern, der klugen, wenn auch esoterisch-naseweisen Cécile, und dem unglücklichen Aurélien, der mit der linken Journalistin Indy verheiratet ist, die Houellebecq mit fröhlichem Hass überzieht. Zwischen ihnen allen und der Lebensgefährtin des Vaters sowie einer Pflegerin entwickelt sich nun aber eine bei diesem Autor völlig unerwartete Form des Zusammenhalts, eine humanistische Dynamik der Solidarität. Gemeinsam gelingt es ihnen, das Schicksal des Vaters so zu verbessern, dass sein Leben wieder menschenwürdig genannt werden kann.
Houellebecq erzählt hier unter einem dystopischen Titel eine Mut machende Geschichte familiärer Nähe, die das ganze umfangreiche Buch erhellt. Sein Grundton existenzieller Verlorenheit – man irrt einsam durch die Straßen des Lebens und sobald man den ganzen Jammer der Welt erfasst, stirbt man allein – begleitet die Leserin und den Leser, aber es entwickelt sich hier auch etwas gegen Ende des Lebens. Die Hilfe kommt nicht von der Medizin, sondern ergibt sich aus körperlicher Zuwendung und familiärer Pflege.
Die atemberaubendste Geschichte in diesem spektakulären Roman ist die der Ehe des Protagonisten Paul zu Prudence, die beiden kennen sich seit Studienzeiten. Zu Beginn des Romans ist ihre Beziehung am Ende, sie führen nur noch parallele Leben in der gemeinsamen Wohnung (auch aus Kostengründen, Paris ist teuer), nur den Kühlschrank nutzen sie noch gemeinsam, auch hier aber sind Pauls Fleisch- und Wurstfabrikate klar getrennt von den veganen Bio-Produkten der Mitbewohnerin. Der Name dieser Ex-Geliebten ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass an Sex nicht mehr zu denken ist, Paul ist sich nicht mal sicher, ihn technisch noch zu beherrschen. Prudence interessiert sich für den Wicca-Kult und ist auf dem besten Wege, eine der vielen grotesken Frauenfiguren zu werden, die durch den Houellebecqschen Kosmos irren.
Aber die Sorgen der Familie, die Krankheit des Vaters setzen etwas in Bewegung, und die erledigte Ehe zeigt plötzlich wieder Zeichen erst von Nähe, dann von Zuneigung, schließlich sogar von Sex. Die für das ganze Werk so wesentliche Beschreibung sexueller Interaktion findet eine frische Bedeutung: Sie verbindet die Figuren miteinander und die Paare mit dem Leben, und festigt sie dann im Kampf gegen Krankheiten und Siechtum. In diesem Roman geht noch ziemlich viel Sex, wenn sonst nichts mehr geht, und in diesen Momenten bleibt der Tod dann außen vor.
Dass er sich den guten Paul dennoch holt, sollte man natürlich einplanen, aber die Frage ist eher, wie er bis dahin leben soll. Auf dem Weg solcher Erörterungen begegnet Paul das Buch „Der Fetzen“ von Philippe Lançon. Der Journalist war am
7. Januar 2015 in der Redaktion von Charlie Hebdo. Er überlebte das Attentat, verlor aber seinen Unterkiefer. In dem Buch schildert er die vielen Operationen, seinen mühsamen Weg zurück ins Leben. In „Vernichten“ umkreist der Protagonist, der sonst gerne über andere Bücher und Autoren spottet, den „Fetzen“ und man ahnt, dass er ihn gerne fix und fertig machen möchte. Aber er hält sich zurück. Ein Wunder. In der Bedrängnis einer mühsamen Krebstherapie mit miesen Chancen greift Paul zum selben Mittel, das schon Lançon durch die Tage half: dem Buch. Houellebecq feiert in bei ihm ungewohnter Emphase die immense Kraft guter Literatur, die ihn aus dem Elend einer Chemotherapie in die Welt von Sherlock Holmes transportiert: „Was außer einem Buch hätte eine solche Wirkung erzielen können?“
Die ansteckende Begeisterung für diese alte Kulturtechnik ist also eine Säule der irdischen Erlösung, die andere, die Houellebecq hier neu begeistert entdeckt, ist ausgerechnet die Ehe. In seinem Kosmos zeichnet sie sich besonders durch die unschlagbare Kombination aus pornomäßig gutem Sex und wenigen Worten aus, aber zum ersten Mal beschreibt Houellebecq dabei auch eine Möglichkeit, aus der existenziellen Tristesse der menschlichen Einsamkeit zu entkommen. Und ganz nebenbei gelingt es ihm, auf eine ebenso spannende wie humorvolle Weise das Panorama einer Gesellschaft zu beschreiben, deren kulturelle Ressourcen im Grunde noch intakt sind. Mit „Vernichten“ legt Houellebecq einen (von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek virtuos ins Deutsche übertragenen) Roman vor, der seine Leserinnen und Leser dorthin führt, wo Trost und Hoffnung wohnen. Das Leben endet immer tödlich – aber bis dahin hält es nicht nur Schmerz und Lächerlichkeit bereit. Sondern auch Glück. Sogar Würde. Wenn sogar Michel Houellebecq zu dieser Erkenntnis gelang, muss etwas dran sein.
NILS MINKMAR
Er hat einen Roman
geschrieben, der amüsiert
und versöhnt. Wirklich?
Die Hilfe kommt nicht von der
Medizin, sondern ergibt sich
aus familiärer Pflege
Da ist diese unschlagbare
Kombination aus pornomäßig
gutem Sex und wenigen Worten
Es ist kaum zu glauben: Beim notorischen Misanthropen Houellebecq entwickelt sich so etwas wie eine humanistische Dynamik.
Foto: Andreu Dalmau/picture alliance
Michel Houellebecq: Vernichten. Roman. DuMont Buchverlag.
11. Januar 2022.
624 Seiten. 28 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.01.2022

Wahlkampf am Abgrund

Michel Houellebecq hat einen Politthriller geschrieben. Sein letztes Werk?

Michel Houellebecq hat in seinem neuen Roman eine Bombe versteckt. Sie trifft nicht die Frauen, nicht die Religion und auch nicht die Politik, obwohl "Vernichten", wie das Buch heißt, sehr wohl ein politischer Roman ist, eine Erzählung, die über weite Strecken im französischen Wirtschaftsministerium spielt, während des Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2027. Die Bombe am Ende des Buches, im letzten Satz der Danksagung des Schriftstellers, trifft vielmehr ihn selbst: "Ich", schreibt Michel Houellebecq, "bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt: für mich ist es Zeit aufzuhören."

Er will aufhören? Jetzt? Warum? Gerade ist man durch die 620 neuen Seiten hindurchgeflogen, in enormem Tempo deshalb, weil "Vernichten" mit einer rätselhaften geometrischen Zeichnung, mit unbekannten Schriftzeichen als Spionagethriller beginnt, dessen mögliche Auflösung einen, selbst als alles schon hoffnungslos erscheint, weiter vorantreibt - da soll es zu Ende sein? Zu Ende auch mit dieser Sprache, der manche vorwerfen, dass sie "ohne Stil" sei, obwohl ja "die Abwesenheit von Stil, der Nicht-Stil", wie der Schriftsteller Rainald Goetz das genannt hat, Houellebecqs eigentliches Stilphänomen ist? Einmal abgesehen davon, wie extrem gut sich diese stillose Sprache liest.

Wie immer bei Houellebecq weiß man nicht, wie ernst seine Selbstinszenierung gemeint ist. Das ist sein Spiel. Er schafft es allerdings, mit der Ankündigung seiner Abdankung ein Gefühl der Trauer zu verstärken, das einen während "Vernichten" die ganze Zeit schon begleitet hat. Denn tatsächlich handelt der Roman von einer Abschiedstournee: dem Abschied von der Welt der Politik, von der Arbeit, der Familie - allein die Liebe bleibt.

Aber von vorn: Es beginnt damit, dass im Internet verschlüsselte anonyme Botschaften auftauchen, geometrische Figuren auf gehackten kommerziellen und behördlichen Websites, mit denen sich, wenn man sie anklickt, Videos starten lassen. Diese Videos fallen deshalb auf, weil sie digitale Spezialeffekte realisieren, die von den besten Spezialisten auf dem Gebiet für unmöglich gehalten werden; weil die Rechenleistung, die sie aufbringen, alles bisher Bekannte übersteigt - und weil sie einen Angriff von Unbekannten auf Bekannte inszenieren: Im zweiten Video steht der Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Juge mit hinter dem Rücken gefesselten Händen in einem Garten.

Eine Einstellung weiter ist er in ein langes schwarzes Gewand gekleidet, mit einer Kapuze über dem Kopf, und wird zu einer Guillotine geführt, die ihn köpft. Wobei sein Kopf daraufhin einen Grashügel hinunterrollt und direkt vor der Kamera liegen bleibt. Diejenigen, die es sehen, könnten schwören, einer tatsächlichen Enthauptung beigewohnt zu haben. Es folgt im Roman auf einer ganzen Seite: die Zeichnung einer Guillotine mit den Fachbegriffen ihrer Einzelteile.

Zur gleichen Zeit befindet sich der lebende Bruno Juge in seiner Dienstwohnung im Wirtschafts- und Finanzministerium, nach dem Pariser Viertel Bercy benannt, in die er dauerhaft eingezogen ist, seitdem seine Frau ihn betrügt. Im Pyjama trifft er auf einem der Korridore auf seinen Berater und Freund Paul Raison, der - es ist spätnachts - gerade das Büro verlassen will, und lädt ihn ein, in der Dienstwohnung noch etwas mit ihm zu trinken. Raison ist der Sohn eines ehemaligen Geheimdienstagenten. Für Houellebecq ist es diese Verwandtschaftsbeziehung, die den Link zwischen Thriller und Politroman herstellt und es ihm erlaubt, von einem zum anderen Genre zu wechseln - bevor die Erzählung ganz ins Private abdriftet.

Im Netz tauchen weitere Videos auf: ein Containerschiff aus Schanghai wird in zwei Hälften gerissen - nur handelt es sich hier nicht mehr um Trickaufnahmen, sondern um einen tatsächlichen Anschlag auf ein Welthandelsziel, dem eine ganze Anschlagsserie folgt. Immer anonym. Paul Raison ist in die Aufklärung involviert, während er Bruno Juge gleichzeitig im Präsidentschaftswahlkampf begleitet. Zwar wird Juge, obwohl es kurz so aussieht, nicht selbst als Kandidat für das Präsidentenamt nominiert, sondern ein volksnaher ehemaliger Fernsehmoderator. Er ist aber kurzzeitig als Premierminister vorgesehen - bis zu einer Verfassungsänderung, die den Premierminister abschaffen und ein präsidentielles Regierungssystem einführen soll: "Es hat etwas Postdemokratisches, wenn du so willst", erklärt Bruno seinem Freund. "Aber das machen jetzt alle so, anders funktioniert es nicht mehr, die Demokratie als System ist tot, ist zu langsam, zu schwerfällig." So gehen die terroristischen Anschläge in "Vernichten" mit der Vernichtung der Demokratie einher.

Die Anspielungen auf das politische Leben im Frankreich der Gegenwart sind dabei aufdringlich unsubtil. Unübersehbar trägt Bruno Züge des amtierenden französischen Wirtschaftsministers Bruno Le Maire. Erst vor einigen Tagen berichtete der "Figaro", dass Michel Houellebecq im Juli 2019 im Ministerium beim Frühstück gesehen worden sei. Er habe zuvor angerufen und darum gebeten, das Gebäude und die dortigen Büros sehen zu dürfen, und sei nicht enttäuscht worden. Was auch deshalb nicht verwundert, weil der Schriftsteller und Le Maire sich seit 2005 kennen.

Houellebecq lebte in Irland, als damals sein Hund starb. Le Maire ermöglichte es ihm, die sterblichen Überreste nach Frankreich zurückzuführen und den Hund dort zu beerdigen, so der "Figaro". Seitdem schreiben sich der Schriftsteller und der Politiker regelmäßig, den es alles andere als zu stören scheint, mit dem aktuellen literarischen Großereignis assoziiert zu werden.

Der Wirtschaftsminister kommt, als Hochbegabter und begnadeter Redner, im Roman ja auch nicht zu schlecht weg. Anders als der zu Beginn noch amtierende Präsident der Republik, der in "Vernichten" ohne Namen bleibt und Macron in vielem doch ähnelt: "Dieser hatte im Grunde die Träume von einer start-up nation aufgegeben, die seine erste Wahl ermöglicht, objektiv jedoch zur Schaffung einiger prekärer und unterbezahlter, an Sklaverei grenzender Arbeitsstellen in unbeherrschbaren multinationalen Konzernen geführt hatten", heißt es im Roman. "Im Grunde", sagt Bruno schließlich zu Paul, "hat der Präsident eine, genauer gesagt eine einzige politische Überzeugung", die sich in einem einzigen Satz zusammenfassen lasse: "Ich bin dafür gemacht, Präsident der Republik zu sein." In Bezug auf alles andere, die zu treffenden Entscheidungen, die Ausrichtung des staatlichen Handelns, sei er zu fast allem bereit, solange er das Gefühl habe, dass es in Richtung seiner politischen Interessen gehe.

Als Pauls Vater einen Hirnschlag erleidet und im Koma liegt, in einem schwer zu erreichenden Weiler im Beaujolais, fünfzig Kilometer nördlich von Lyon, fährt der Sohn zu ihm - und bleibt damit auf den Spuren der Aufklärung der terroristischen Anschläge: Inzwischen ist ein Boot mit Geflüchteten zwischen Ibiza und Formentera versenkt und sind die Ertrinkenden von einem anderen Schiff aus gefilmt worden. Sein Vater, stellt Paul fest, musste in seiner Zeit beim Geheimdienst eine weit größere Nummer gewesen sein, als er je vermutet hätte.

Mit der Reise aufs Land und den immer ausgedehnteren Aufenthalten dort dringt Houellebecq dabei in jene Welt der Provinz vor, die mit der Großstadt und ihren Bewohnern kaum noch etwas gemein zu haben scheint. Während in Paris die Wahlkampfmanagerin mit dem lustigen Namen Solène Signal erläutert, dass "die Kluft zwischen den herrschenden Klassen und der gewöhnlichen Bevölkerung so groß wie nie zuvor" sei und "der Rassenhass ein nie gekanntes Ausmaß erreicht" habe, durchgeistern die Ängste der Provinz mehr und mehr auch Pauls nächtliche Träume. Sein Schwager, ein Notar, gehört dem Identitären Block an; seine Schwester wählt mit großer Überzeugung und noch größerer Selbstverständlichkeit Marine Le Pen, sein labiler jüngerer Bruder, ein Restaurateur für Wandteppiche, führt eine völlig zerrüttete Ehe. Um eine Familienangelegenheit zu regeln, hat auch Paul nichts dagegen, ein Kommando alter Identitärer anzuheuern.

Und auch wenn es kurz so aussieht, dass diese Familie, die hier auf dem Land zusammenkommt, um sich um den kranken Vater zu kümmern, einen letzten Zusammenhalt bilden könnte, ist die Auflösung längst im Gange - alle haben ihren Anteil am "Vernichten".

Allein die Beziehung zu Prudence, Pauls Ehefrau, ist von dieser Dynamik ausgenommen, was vor allem daher rührt, dass ihre Ehe zu Beginn des Romans bereits verloren scheint, es also schlimmer kaum noch werden kann: Schon lange haben sie ihre Wohnung in zwei Teile geteilt, auch die Kühlschrankfächer, haben unterschiedliche Bäder und sehen sich kaum noch, führen, obwohl in einer Wohnung, zwei völlig getrennte Leben, wobei Prudence nicht nur Veganerin geworden ist, sondern sich auch einer Naturreligion zugewandt hat.

Angesichts der Sterblichkeit des Vaters und Schwiegervaters verbessert sich das Verhältnis der beiden jedoch. Eine Annäherung findet statt, eine Liebe, die für Houellebecq ungewöhnlich nur deshalb ist, weil die Frau, die Paul jetzt wieder begehrt und liebt, ausnahmsweise im mittleren Alter ist. Das hat es in seinem Werk so noch nicht gegeben (ein Escort-Girl kommt natürlich auch vor, nur währt der Spaß nicht lange, weil sie sich, das kann sich der Schriftsteller nicht verkneifen, als die Tochter von Pauls Schwester herausstellt).

Den Romantiker Michel Houellebecq gibt es seit jeher: "Und die Liebe, die alles so leicht macht, / Dir alles schenkt, und zwar sogleich; / Es gibt, in der Mitte der Zeit / Die Möglichkeit einer Insel" heißen jene Gedichtzeilen, die man im Band "Gestalt des letzten Ufers" und in seinem Roman "Die Möglichkeit einer Insel" findet. Sie bringen die Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen zum Ausdruck, eben das, was Houellebecq zum Romantiker und nicht zum Zyniker macht. Doch macht das "Vernichten" auch vor der Liebe nicht halt.

Michel Houellebecqs düstere Vision beschreibt - in einer irrwitzigen Tour de Force der Gegenwartsbezüge, oft ironisch, unterhaltsam und heillos abgründig - den immer enger werdenden Radius eines Menschen, der zunächst in Gesellschaft und Politik keinen Halt mehr findet, nicht in der Familie und dem zuletzt auch die Liebe abhandenzukommen droht. Manchmal verliert er dabei selbst den Halt und lässt angefangene Erzählstränge einfach liegen, was einen fast wütend macht, was aber zur Engführung des Radius dazugehört: Die Welt wird immer kleiner. Letztes Rückzugsgebiet ist der eigene kranke Körper. Da reicht die Kraft nicht mehr für die Zusammenführung der losen Enden.

"Vernichten" erinnert uns daran, dass wir, wo es uns möglich ist, mit dem Vernichten aufhören könnten. Nur er, Michel Houellebecq, soll bitte nicht aufhören zu schreiben. Aber vielleicht war das mit dem Aufhören ja auch gar keine Bombe, sondern nur einer seiner Scherze.

JULIA ENCKE.

Michel Houellebecq: "Vernichten". Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek, Dumont Verlag, 624 Seiten, 28 Euro (erscheint am 11. Januar).

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»Der umwerfendste Schriftsteller unserer Gegenwart.« Julia Encke, F. A. S. »Ganze 545 Romane erscheinen in diesen Tagen in Frankreich, aber geredet wird nur von einem.« Die Welt, Martina Meister, 07.01.2022 »So zart hat Michel Houellebecq noch nie geschrieben.« NZZ, Benedict Neff, 11.01.2022 »Zu Recht rühmt und fürchtet man diesen Autor als Seismograph, ja, als Prophet.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, Edo Reents, 11.01.2022 »Mehr noch als in anderen seiner Romane verhandelt 'Vernichten' tiefgreifende Fragen der condition humaine.« NZZ, Björn Hayer, 09.01.2022 »So unverhohlen romantisch und anrührend wie noch nie.« Focus, Jobst-Ulrich Brand, 08.01.2022 »Es ist der bisher ruhigste Roman des Autors, geprägt von einer tiefen Melancholie.« SWR, Wolfgang Schneider, 07.01.2022 »Diese letzten 120 Seiten schreibt Michel Houellebecq mit zärtlicher Schonungslosigkeit, mit einer Leidens- und Liebesradikalität, die in seinem bisherigen Werk ihresgleichen sucht.« Kölnische Rundschau, Hartmut Wilmes, 11.01.2022 »Ein exzellenter Autor.« Die Presse, Anne-Catherine Simon, 07.01.2022 »Eine meisterhafte Ode an Frankreich, an die Familie, sogar an die Ehe.« Süddeutsche Zeitung, Nils Minkmar, 08.01.2022 »Er versteht doch immer wieder zu überraschen.« Berliner Zeitung, Cornelia Geißler, 10.01.2022 »Ein Roman, den man nicht aus der Hand legen kann, und der am Ende trotz allem Gesichter voller Hoffnung hinterlässt.« Libération »Sicher ist, dass Houellebecq die 'Größe' eines Balzac besitzt« Le journal du dimanche »'Vernichten' ist Houellebecqs Meisterwerk.« La Libre Belgique »Ein großer Roman über die Übel der Gesellschaft.« Le Figaro »Houellebecq hat einen Gesellschaftsroman geschrieben, der seine Leserschaft nicht völlig fertig und mit dringendem Bedürfnis zurücklässt, sich auf der Stelle zu besaufen. Sondern amüsiert, gerührt und versöhnt.« Süddeutsche Zeitung, Nils Minkmar, 08.01.2022 »Sie zeigen einen gleichermaßen bekannten wie völlig unbekannten Houellebecq am Werk, sind gekonnt locker und unterhaltsam erzählt, tragen Züge eines Balzac'schen Gesellschaftspanoramas und zeugen von einer gewissen Altersmilde.« Der Tagesspiegel, Gerrit Bartels, 09.01.2022…mehr
»Ein großer Roman über die Übel der Gesellschaft« LE FIGARO »Ein Roman, den man nicht aus der Hand legen kann, und der am Ende trotz allem Gesichter voller Hoffnung hinterlässt.« LIBERATION »Sicher ist, dass Houellebecq die 'Größe' eines Balzac besitzt« LE JOURNAL DU DIMANCHE »›Vernichten‹ ist Houellebecqs Meisterwerk« LA LIBRE BELGIQUE