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Ilija Trojanow hat sein Lebensbuch geschrieben: Ein schwindelerregender Blick in den Abgrund zwischen Macht und Widerstand.
Konstantin ist Widerstandskämpfer, einer, der schon in der Schulzeit der bulgarischen Staatssicherheit auffällt und ihrem Griff nicht mehr entkommt. Metodi ist Offizier, Opportunist und Karrierist, ein Repräsentant des Apparats. Sie sind in einen Kampf um Leben und Gedächtnis verstrickt, der über ein halbes Jahrhundert andauert. Ilija Trojanow entfaltet ein breites zeitgeschichtliches Panorama von exemplarischer Gültigkeit. Eine Fülle einzelner Momente aus wahren…mehr

Produktbeschreibung
Ilija Trojanow hat sein Lebensbuch geschrieben: Ein schwindelerregender Blick in den Abgrund zwischen Macht und Widerstand.

Konstantin ist Widerstandskämpfer, einer, der schon in der Schulzeit der bulgarischen Staatssicherheit auffällt und ihrem Griff nicht mehr entkommt. Metodi ist Offizier, Opportunist und Karrierist, ein Repräsentant des Apparats. Sie sind in einen Kampf um Leben und Gedächtnis verstrickt, der über ein halbes Jahrhundert andauert.
Ilija Trojanow entfaltet ein breites zeitgeschichtliches Panorama von exemplarischer Gültigkeit. Eine Fülle einzelner Momente aus wahren Geschichten, die Trojanow seit den Neunzigerjahren in Gesprächen mit Zeitzeugen gesammelt hat, verdichtet er zu einer spannenden Schicksalserzählung von menschlicher Würde und Niedertracht. 'Macht und Widerstand' ist bewegende Erinnerungsarbeit, ein Roman, wie man ihn in seiner Entschiedenheit und poetischen Kraft lange nicht gelesen hat.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 477
  • 2015
  • Ausstattung/Bilder: 480 S. 220 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 154mm x 38mm
  • Gewicht: 694g
  • ISBN-13: 9783100024633
  • ISBN-10: 310002463X
  • Best.Nr.: 42671475
Autorenporträt
Ilija Trojanow, geb. 1965 in Bulgarien, aufgewachsen in Kenia, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise: 1995 den Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf sowie ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds e.V., 1996 den Marburger Literaturpreis, 1997 den Viktor-von-Scheffel-Preis und Thomas-Valentin-Preis der Stadt Lippstadt und 2000 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2009 wurde ihm der Preis der Literaturhäuser verliehen und 2010 wurde er als 'poetischer Chronist der großen Exil- und Migrationsphänomene der Moderne' mit dem Würth-Preis geehrt.
Rezensionen
Besprechung von 20.08.2015
Keine Überzeugung ohne die Bereitschaft, zu sterben

Ilija Trojanows großer Roman "Macht und Widerstand" über die kommunistische Herrschaft in Bulgarien ist ein literarisches Monument für die Dissidenten im Ostblock.

An der Wand von Konstantin Scheitanows Wohnung im vierzehnten Stock eines Hochhauses in Sofia hängt ein Brief: "Gemäß der von uns vorgenommenen Untersuchung in den Archiven der Staatssicherheit hat sich herausgestellt, daß die Staatssicherheit keine Informationen über Sie zusammengetragen hat." Dieses Schreiben hat Scheitanow kurz vor der Jahrtausendwende erreicht, da war der Zusammenbruch des Ostblocks und also auch der kommunistischen Herrschaft in Bulgarien bereits zehn Jahre her. Irgendwann in diesem Jahrzehnt erhielt Scheitanow eine Haftentschädigung im Gegenwert von zehntausend Dollar für seine jahrelange Verfolgung durch das frühere Regime zugesprochen. Davon hat er sich die kleine Wohnung kaufen können. Und nun erfährt er, dass es über ihn, den Dissidenten, gar kein Dossier bei der bulgarischen Stasi geben, dass er somit nie bespitzelt worden sein soll. Der verurteilte Staatsfeind hat den Staat angeblich nie interessiert. Scheitanow stellt fest: "Von dir fehlt in den Akten jede Spur. Ergo, du hast als freier Mensch nicht existiert. Das Archiv hat das letzte Wort."

Nicht bei Ilija Trojanow. Der 1965 in Sofia geborene Schriftsteller, dessen Familie aus Bulgarien nach Deutschland floh, als der Sohn sechs Jahre alt war, hat für seinen neuen Roman "Macht und Widerstand" nicht die bulgarischen Archive befragt, sondern die Menschen, deren Schicksale in den Akten stehen. Oder manchmal aus gutem Grund eben auch nicht stehen. Er hat vor allem mit früher inhaftierten Gegnern des kommunistischen Systems in Bulgarien gesprochen, aber auch mit Offizieren der dortigen Staatssicherheit. Was seine Gewährsleute ihm erzählten, hat er zu zwei exemplarischen Romanfiguren verdichtet, deren eine für die Macht, die andere für den Widerstand steht.

Konstantin Scheitanow, geboren 1933, ist der Widerständler, den Teufelskerl liest man ihm am Namen ab. Der zweite Protagonist ist sein Antagonist und heißt Metodi Popow. Drei Jahre älter als Scheitanow, ist er auf dieselbe Schule in der Kleinstadt Panagjurischte gegangen, hat sich jedoch auf die andere Seite geschlagen, auf die Seite der Macht: Popow wird "Professionist". Als Scheitanow nach einer von ihm durchgeführten Sprengung eines Stalin-Denkmals im Februar 1953 festgenommen und wochenlang verhört und gefoltert wird, tritt als einer seiner Peiniger der alte Schulkamerad Metodi Popow auf. Beide kennen einander genau, es ist der Beginn eines lebenslangen Duells.

Bei dem Popow immer die Nase vorn hat, auch noch 1999, dem Jahr, in dem der Roman einsetzt. Von seiner Wohnung aus kann Scheitanow das luxuriöse Anwesen des einstigen Stasi-Offiziers sehen, der nach 1989 seiner vielfach gehäuteten Partei die Treue gehalten und im demokratischen Bulgarien trotzdem als Geschäftsmann reüssiert hat. Oder gerade deswegen.

Trojanow verteilt die Handlung seines Buchs auf beide Hauptpersonen: Mal erzählt Scheitanow, mal Popow (mit leichtem Übergewicht auf Seiten des Widerständlers). Beide blicken, ausgelöst durch die wiederholte Konfrontation mit dem jeweils anderen, auf ihr Leben zurück, kommentieren aber auch die postkommunistische Gegenwart, in der sich nun Popow verfolgt fühlt durch die Bemühungen Scheitanows, das eigene Schicksal als "Lagerist" (Lagerhäftling) aufzuklären, was zwangsläufig die unrühmliche Rolle des unverändert mächtigen Mannes ans Tageslicht zu bringen droht. Zudem holt diesen die Vergangenheit auch noch in Person einer Enddreißigerin ein, die behauptet, Popows Tochter zu sein, gezeugt mit der wehrlosen Insassin eines Frauenlagers. Daran wiederum kann sich der angebliche Vergewaltiger nicht erinnern.

Ilija Trojanow ist als Schriftsteller berühmt geworden mit seinem historischen Roman "Der Weltensammler" (2006). In "Macht und Widerstand" erweist er sich als Schicksalssammler: Aus den Elementen mehrerer echter Biographien montiert er seine beiden Figuren, die trotz der Disparatheit ihres Ursprungs vollkommen schlüssig erscheinen. Unterbrochen werden deren weitgehend als innere Monologe gehaltene Schilderungen durch zwei weitere Kapitelgruppen. Das sind einmal Originaldokumente aus dem Archiv der Staatssicherheit - natürlich hingetrimmt auf die Person des fiktiven Konstantin Scheitanow, aber tatsächlich entstammen alle der Akte eines einzelnen Gewährsmanns von Trojanow. Darin gibt es Denunziationsschreiben und Spitzelberichte, Dienstanweisungen und Gesprächsprotokolle, Personenlisten und Eingaben - alle im Buch in traditioneller Schreibmaschinenschrift gesetzt, so dass sie schon typographisch von der Fiktion geschieden sind. Das Wissen um die Authentizität dieser Dokumente macht die Lektüre des Romans geradezu gespenstisch. Trojanow erweist sich als Meister literarischer Doku-Fiktion.

Und dann gibt es zwanzig "Jahreserzählungen", in denen der Autor, ausgehend von konkreten Ereignissen, die sich von 1944 bis 2007 erstrecken, Schlaglichter auf die konstante Repression in Bulgarien wirft. Hier spielen Scheitanow und Popow nur sporadisch mit, die Texte gelten meist Parallelgeschehnissen, die teils tragisch, teils skurril, immer aber vom titelgebenden Antagonismus aus Macht und Widerstand geprägt sind. Trojanow wählt hierfür die unterschiedlichsten Prosaformen: Groteske, Chronik, Dialog, Sentenzensammlung - um nur wenige zu nennen. Und ganz am Anfang, einmal in der Mitte und dann wieder zum Schluss erzählt er die herzzerreißende Geschichte einer alten Frau, deren Bruder vor langer Zeit von der Staatssicherheit verschleppt wurde und nie zurückkehrte. Nun nimmt die Greisin das Schweigen um sie herum mit einem Kassettenrecorder auf: "Das ist alles, was von meinem Bruder übrig geblieben ist." Diese winzige Seitenerzählung im Roman ist eine der eindrucksvollsten Szenen nicht nur in "Macht und Widerstand, sondern in der ganzen langen Reihe von literarischen Darstellungen totalitärer Diktaturen.

Es gibt aber noch eine zweite Bezugsgröße für den Roman: "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss, jene 1975 bis 1981 erschienene monolithische semifiktive Schilderung des antifaschistischen Kampfs deutscher Exilanten in den dreißiger Jahren. So entgegengesetzt die jeweiligen ideologischen Positionen der beiden Autoren sind, so verwandt sind sie in den jeweils stärksten Passagen beider Romane im Pathos ihres Schreibens.

Weiss allerdings beschwor nicht umsonst im Titel seiner Trilogie die Schönheit einer als aussichtslos erscheinenden Verweigerung gegenüber der Macht. Bei Trojanow liest sich das dagegen zum Beispiel in einer Szene aus einer der Jahreserzählungen, als ein Häftling nach wochenlanger Isolation aus dem karzer, einem engen Erdloch, geholt wird, so: "Keiner hat erwartet, dass sich der Kopf heben würde, dass sich die Augen dieses Wesens noch einmal öffnen würden. Der Blick, werden in Zukunft die wenigen überlebenden Lageristen bezeugen, in privaten Gesprächen, in publizierten Erinnerungen, jene, die nahe genug standen, um ihm in die Augen schauen zu können, sei klar gewesen, durchdringend, und die Worte, die es von sich gab, wider Erwarten laut und weithin vernehmbar. ,Dort unten in der Erde, im Sterben, habe ich die Wahrheit erkannt: Nur Bomben, Feuer, Blut werden das Volk vor der Pest der Herrschenden retten ...' Ein Beben durchfährt den Körper, der sich aufgerichtet hat, das Wesen sackt auf der Erde zusammen." Keine Spur ist in "Macht und Widerstand" von expliziten Kunstbetrachtungen à la Peter Weiss, aber im Bild dieses Homo sacer steckt auch eine Ästhetik des Widerstands: eine heroische. "Du hast keine Überzeugung", fasst Scheitanow sein Leben zusammen, "wenn du nicht bereit bist, dafür zu sterben."

Deshalb war es ihm gelungen, in der Stasi-Haft über alle brutalen Versuche hinweg, ihn zum Reden zu bringen, zu schweigen. In der postkommunistischen Gegenwart des Romans dagegen muss er einen Vertrauten nach dem anderen als früheren Verräter entlarven. Der Freundeskreis wird immer kleiner, Scheitanow immer verbissener, auch immer verhasster. Als er, das Aushängeschild für aufrechte Oppositionelle, 2007 in eine Kommission für die Archive der Staatssicherheit gewählt werden soll, erhält er im Parlament sieben von 240 Stimmen.

Und doch verschafft Trojanow dem Widerständler am Ende einen Sieg, den traurigsten, den man sich denken kann, weil er nicht durch eigene Kraft erfolgt: einen Sieg durch die Zeit. Doch ihn überhaupt erringen zu können hat eine Beharrungskraft bei Konstantin Scheitanow vorausgesetzt, die im Roman als geradezu un-, gewiss aber übermenschlich erscheint. Mit dieser Figur hat Ilija Trojanow ein Emblem der Dissidenz geschaffen. So wie Konstantin Scheitanow am Ende bleibt, so wird auch dieses Buch bleiben.

ANDREAS PLATTHAUS

Ilija Trojanow: "Macht und Widerstand". Roman.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 479 S., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 15.09.2015
Jenseits der Aktenlage
Für seinen Roman „Macht und Widerstand“ hat Ilija Trojanow jahrelang in bulgarischen
Archiven recherchiert – der politische Ertrag des Buches ist am Ende größer als der literarische
VON JÖRG MAGENAU
Metodi ist ein Vertreter des alten kommunistischen Regimes in Bulgarien. Als Geheimdienstmann hatte er dort jahrzehntelang treue Dienste geleistet und wurde zum Fachmann in Verhörtechnik und Foltermethoden. Seit der Wende verdient er gut als „Biznismann“, die alten Kontakte bewähren sich weiterhin. Der kommunistische Macht- und Unterdrückungsapparat ließ sich bruchlos in einen mafiösen Kapitalismus überführen – mit identischem Personal.
  Auf der anderen Seite steht Konstantin, ein alter Anarchist, der nach einem Bombenanschlag auf eine Stalin-Statue im Jahr 1953 Gefängnis und Lagerhaft erlitt und anschließend ein Leben als Observierter und Objekt der Staatssicherheit führte. Die beiden kennen sich noch aus der Schule, begegnen sich immer wieder im Lauf der Jahrzehnte, voller Verachtung gegen die Überzeugungen des anderen. „Macht und Widerstand“ –so die etwas simple Gegenüberstellung im Titel des neuen Romans von Ilija Trojanow – führt das auf mehr als 400 Seiten durch. Aber der Roman wäre von vornherein gescheitert, wenn er sich nicht mehr vornehmen würde, als lediglich das Gute, Aufrichtige mit dem Bösen, Opportunistischen zu konfrontieren. Denn ganz so einfach ist es nun wahrlich nicht, nicht einmal in Bulgarien.
  Trojanow ist der bulgarischen Geschichte eng verbunden, die er über ein halbes Jahrhundert hinweg aus dieser Doppelperspektive heraus nachschreibt. Er ist 1965 in Sofia geboren, seine Eltern flohen 1971 nach Deutschland und von dort weiter nach Kenia, wo der Vater als Ingenieur in Nairobi arbeitete. Erst Mitte der 80er-Jahre kehrte Ilija Trojanow nach Deutschland zurück, doch Bulgarien hat er weiter im Reisegepäck. Sein Debüt als Romancier, „Der Weltensammler“, war auch sein größter Erfolg; doch den Rezensenten, die nun „Macht und Widerstand“ als sein Opus magnum bezeichnet haben, widerspricht Trojanow nicht. Jahrelang hat er Material gesammelt für diesen Roman, in Archiven geforscht und ein eigenes Privatarchiv angelegt, mit zahlreichen Menschen in Bulgarien gesprochen, Opfer des Regimes zumeist, die, wie er sagt, überquellen vor lauter Erzählbedarf. Auf der Seite der einstigen Machthaber hatte er es dagegen schwerer, Gesprächspartner zu finden, bei ihnen war das Schweigebedürfnis stärker ausgeprägt als der Mitteilungsdrang.
  Metodi ist allerdings sehr mitteilsam, er spricht unentwegt, wenn auch nur mit sich selbst, sein Rechtfertigungsbedürfnis ist groß. Ausgelöst wird dieser Rededrang durch eine junge Frau, die eines Tages in seiner mit Sicherheitstechnik gespickten Villa auftaucht und sich als seine Tochter ausgibt. Metodi kann oder will sich aber nicht an die Mutter erinnern, die Gefangene in einem Straflager war, in dem er zum Wachpersonal gehörte. Und doch fasst er allmählich Vertrauen zu dieser Tochter, wie er überhaupt eine gar nicht so unsympathische Figur abgibt. Er ist zwar durch und durch verlogen, schafft es aber immer wieder, sich mit Überzeugungen auszustaffieren, und dass es einst, im Kampf gegen den Faschismus, durchaus Gründe gab, zum Kommunisten zu werden, ist ja nicht ganz falsch. Sein Schillern, seine Verschlagenheit, seine mit Zutraulichkeit getarnte Brutalität, seine Berechnung sind jedenfalls interessanter als die eindimensionale Oppositionshaltung Konstantins, dessen gesamte Existenz auf Widerstand und nichts sonst ausgerichtet war und ist.
  Konstantin geht seiner eigenen Geschichte anhand von Akten und Verhörprotokollen nach. Doch anders als in Deutschland gab es in Bulgarien keine revolutionäre Inbesitznahme der Stasi-Hinterlassenschaften. Noch heute regeln daher diejenigen, die einst die Akten anlegten, den Zugang zu ihnen. Vielleicht ist von daher auch Konstantins verbissener Glaube nachvollziehbar, in diesem schwer zugänglichen Archivmaterial die Wahrheit finden zu können. Alles, was dann zum Vorschein kommt – und Trojanow dokumentiert eine Menge Akten – ist aber einigermaßen läppisch, bürokratisch, ahnungslos. Und Konstantins Suche, wer von den Verschwörern damals in den Verhören wie viel preisgeben hat, wer wen wann verriet, mag für ihn von Bedeutung sein, ein neuer, durchdringender Blick auf die Geschichte ergibt sich daraus nicht.
  In Deutschland – und dies ist ein deutschsprachiger Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht – sind Stasi-Verstrickungen und DDR-Vergangenheit im Lauf von 25 Jahren gründlich aufgearbeitet worden; die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte hat längst ihre eigene Geschichte hervorgebracht. In Bulgarien steht das noch aus, deshalb kann man nur hoffen, dass Trojanows Roman dort eine Debatte anstoßen wird. Konstantin bewirbt sich schließlich um den Vorsitz in einer Parlamentarischen Untersuchungskommission. Das Parlament aber lehnt ihn mit großer Mehrheit ab. So ist dort die Lage. Hierzulande aber recycelt „Macht und Widerstand“ Bekanntes mit unbekanntem Material.
  Man würde sich wünschen, dass der Roman sich stärker vom Politischen lösen würde und die existenziellen Fragen in den Blick bekäme. Das Problem des Widerständlers, der sein Leben ganz dem Widerstand weiht, liegt ja auf der Hand: Je mehr er sich auf seine Gegner fixiert und auch im Nachhinein auf diese Geschichte fixiert bleibt, umso mehr verliert er aus den Augen, worum es denn eigentlich gehen sollte. Was heißt es, Anarchist zu sein? Was wäre die Alternative gewesen? Davon ist nur wenig zu erfahren. Dass Konstantin so rettungslos an der Vergangenheit hängt und nicht mehr loskommt davon, ist Teil seiner Traumatisierung. Sein eigenes Leben hat er darüber aus den Augen verloren.
  Freiheit, so heißt es an einer Stelle, gab es in der Diktatur paradoxerweise nur im Gefängnis und nur dort, wo die Gefangenen ihre Überzeugungen und damit ihre Würde bewahrten gegen die Brutalität der Folterknechte. Das ist ein schöner, frommer Gedanke. Umso mehr gälte es dann aber doch hinterher, frei zu werden von der eigenen Geschichte. Worum geht es in Zukunft? Was ist das gute Leben?
  Vor dieser Frage kapitulieren beide, Metodi und Konstantin. Der eine sucht nur den Wohlstand und die Bequemlichkeit und richtet sich in der Lüge ein. Der andere sucht nach der Wahrheit in der Vergangenheit – und vergisst darüber zu leben. Doch von dieser Tragik ist in „Macht und Widerstand“ nur wenig zu spüren. Trojanow entkommt nicht der Versuchung, seinen Helden des Widerstands ein wenig zu glorifizieren. Das ist gut, um die historische Aufarbeitung in Gang zu setzen. Das ist zu wenig für einen wirklich gelungenen Roman.
Seit der Wende verdient
Metodi nicht schlecht –
er ist jetzt „Biznismann“
Noch heute wird der Zugang zu
den Verhörprotokollen von denen
geregelt, die sie einst anlegten
    
  
  
  
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, steht mit seinem neuen Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015.
Foto: dpa
Der Rotarmist als Superman: In Ilija Trojanows Roman wird eine Hauptfigur wegen eines Anschlags auf eine Stalin-Statue inhaftiert – im postsozialistischen Bulgarien werden schon mal Denkmäler der Sowjetarmee von Unbekannten popkulturell übermalt.
Foto: dpa
  
  
  
  
Ilija Trojanow: Macht und Widerstand. Roman.
S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2015.
480 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 21,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein Roman im erzählerischen Sinne ist das nicht, meint Rezensent Samuel Moser in der NZZ. Und doch ist es die Form des Buchs, die ihn die Grausamkeit des Inhalts besonders deutlich spüren lässt. Zwei Personen sind die Hauptfiguren: der Anarchist Konstantin Scheitanow, der in der kommunistischen Ära im Arbeitslager saß, und sein Stasi-Verfolger, Oberst a.D. Metodi Popow. Ihre - manchmal ganz ohne Bezug nebeneinanderstehenden - Selbstbetrachtungen werden ergänzt durch die "Jahre", die hier als griechischer Chor auftreten, und die Originaldokumente von Stasiverhören. Es ist ein "symmetrisches und statisches Buch", so Moser, das den Schrecken und die Verwüstungen, die der Kommunismus hinterlassen hat, nicht interpretiert und darum die entstandene Lähmung umso besser transportiert. Den hoch beeindruckten Rezensent packte jedenfalls mit einer der Hauptfiguren das "graue Grausen".

© Perlentaucher Medien GmbH
hat der 50-Jährige für seinen Roman eine komplexe, sehr anspruchsvolle literarische Form gefunden.[…] ein vielstimmiger, intelligent strukturierter, passagenweise brillant geschriebener Roman.