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3 Kundenbewertungen

Sie ist das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts, ein literarisches Universum, Spiegel der Welt und der Literatur: Die Suche nach der verlorenen Zeit weiß mit ihrer betörenden und überwältigenden Wirkung immer neue Generationen von Lesern zu begeistern. Nun liegt die viel gerühmte, von Luzius Keller revidierte und kommentierte Übersetzung Eva Rechel-Mertens' erstmals in einer dreibändigen Ausgabe vor.
Band I: Unterwegs zu Swann + Im Schatten junger Mädchenblüte
Band II: Guermantes + Sodom und Gomorrha
Band III: Die Gefangene + Die Flüchtige + Die wiedergefundene Zeit

Produktbeschreibung
Sie ist das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts, ein literarisches Universum, Spiegel der Welt und der Literatur: Die Suche nach der verlorenen Zeit weiß mit ihrer betörenden und überwältigenden Wirkung immer neue Generationen von Lesern zu begeistern. Nun liegt die viel gerühmte, von Luzius Keller revidierte und kommentierte Übersetzung Eva Rechel-Mertens' erstmals in einer dreibändigen Ausgabe vor.

Band I: Unterwegs zu Swann + Im Schatten junger Mädchenblüte

Band II: Guermantes + Sodom und Gomorrha

Band III: Die Gefangene + Die Flüchtige + Die wiedergefundene Zeit
Autorenporträt
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist zu einem Mythos der Moderne geworden. Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem - nur vermeintlich müßigen - Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. In Swanns Welt, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, Im Schatten junger Mädchenblüte, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der Suche nach der verlorenen Zeit wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben. Eva Rechel-Mertens, geboren 1895 in Perleberg, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Berlin und Marburg. Sie war als Übersetzerin aus dem Französischen tätig, ihr Hauptwerk war Prousts À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Eva Rechel-Mertens starb 1981 in Heidelberg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.07.2021

Er studierte allein sich selbst und die Welt

Die Länge der "Suche nach der verlorenen Zeit" wäre eine Zumutung, wenn sie nicht tiefen Sinn hätte: Über Marcel Proust, das Gesellschaftstier und den phänomenalen Seelenzergliederer, der nie arbeiten musste.

Von Jürgen Kaube

Die Bedeutung eines Werkes erschließt sich meistens nicht durch einmalige Lektüre. Doch was machen wir, wenn der wiederholten Lektüre durch das Werk selbst Grenzen gesetzt sind? Kaum eine Erinnerung an das Romanwerk von Marcel Proust, die nicht zu den vielerlei Gründen, von ihm fasziniert zu sein, den Hinweis auf seine Länge hinzufügt. Der vor einhundertfünfzig Jahren geborene Autor hat mit "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" im Grunde nur ein einziges Buch geschrieben, in sieben Bänden und auf ungefähr viertausendfünfhundert Seiten. Ein Buch über einen Erzähler, das aus seiner Perspektive berichtet, wie er zum Schriftsteller wird, indem er seinen Kindheitserinnerungen nachgeht, den "Sensationen" der Natur und Kunst, der Liebe und der Eifersucht, der Interaktion in den adeligen und bürgerlichen Salons in Paris zwischen Belle Époque und Erstem Weltkrieg sowie der Erfahrung des eigenen Müßiggangs - auch das heißt "temps perdu", vertane Zeit. Viertausendfünfhundert Seiten zur Frage, woran sich geistige Weltwahrnehmung einer Zeit schult.

Alles andere aus Prousts Feder sind Vorarbeiten, Seitenwege, interessante Übungen, diesseits der Forschung aber unwichtig und wichtig allenfalls zum Verständnis der Entstehung des großen Romans. Das eine Werk wiederum, da ist nichts zu machen, erschließt sich allein durch vollständige Lektüre. Es hat keinen Sinn, nur die Kindheitserinnerungen des Erzählers im ersten Band zu lesen, die Beschreibungen der Pariser Partys in Band drei für ein eigenständiges Buch zu halten oder sich ganz den Fanatismen des masochistischen Eros in Band fünf zu widmen. Prousts Figuren kehren wieder, sie altern im Roman, sie haben überraschende Karrieren, oder es wiederholt sich in ihnen, was zuvor geschah.

Die Geliebte des ersten Protagonisten etwa, Charles Swann, zu dem und seiner Tochter der Erzähler in Band eins aufschaut, hält den Maler Vermeer für einen Zeitgenossen und verliert das Interesse an ihm, als sie erfahren muss, man wisse nicht einmal etwas über seine Frau. Drei Bände und zwanzig Jahre später denkt in "Sodom und Gomorrha" die Geliebte des Erzählers, Albertine, als von den Vermeers in Holland die Rede ist, es handele sich um eine dortige Familie, und verneint, sie zu kennen. So geht es ständig. Ein ganzes Kapitel widmet der Erzähler eingangs der These, in Ortsnamen sei die Essenz der Orte aufbewahrt, später himmelt er fast einen ganzen Band lang eine Herzogin nicht zuletzt aufgrund ihres Namens an, noch später tritt ein Professor auf, der die Geselligkeit ständig mit etymologischen Ableitungen von Eigennamen unterhält oder quält. Nichts geht verloren, vieles zeigt erst seine schöne, dann seine groteske oder böse Seite. Die "Recherche" existiert nur in der Einzahl. Das macht sie zu einem der längsten Romane der Literaturgeschichte.

Doch der Anatole France zugeschriebene Satz, das Leben sei zu kurz, Proust hingegen zu lang, bezog sich nicht so sehr auf den Umfang des Werks. Er meinte Prousts Sätze, deren Nebensatzverkettungen dem Dichter die Beschreibung eingetragen haben, er formuliere im Französischen deutsch.

Nehmen wir nur diesen über die bettlägerige Tante des Erzählers: "Sie liebte uns wirklich und wahrhaftig, es hätte ihr Genuß bereitet, uns innig zu beweinen, die etwa in einem Augenblick, da sie sich wohlfühlte und nicht an Schweißausbrüchen litt, eintreffende Nachricht, daß das Haus einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen und die ganze Familie dabei umgekommen sei, daß bald kein Stein mehr davon stehen werde, wobei ihr aber noch Zeit bleibe, sich ohne Eile in Sicherheit zu bringen, sofern sie auf der Stelle aufstehe, hat sicher als Möglichkeit in ihren Hoffnungen eine Rolle gespielt, besonders da sich hier zu dem nicht ganz so ins Gewicht fallenden Vorteil, ihre ganze Liebe zu uns in langer Wehmut auszukosten und zum grenzenlosen Staunen des ganzen Dorfes unseren Trauerzug anzuführen - mutig, wenn auch tiefgebeugt, todgeweiht, aber ungebrochen -, noch jene weit verlockendere gesellt hätte, daß sie dann gerade im richtigen Augenblick ohne enervierendes Zaudern den Sommer auf ihrem hübschen Landbesitz Mirougrain hätte verbringen können, wo es einen Wasserfall gab."

An dieser Stelle ist erkennbar, dass die Längen Prousts oft nicht solche der Hingabe an Reflexion sind, die dem Roman zunächst seine kontemplative Atmosphäre geben und später, wenn die Eifersucht mächtig wird, über Hunderte von Seiten zu so unerbittlichem wie sinnlosem Hin- und Herwenden von Verdächtigungen und taktischen Plänen führen. Proust ist vielmehr lang aus Genauigkeit, hier in der Schilderung einer maliziösen Seele. Er häuft ihre scheinheiligen Motive, um sie am Ende in die selbstgerechte Freude am Besitz eines Wasserfalls münden zu lassen. Aber Seebilder, Theaterabende, Blumen, Klaviersonaten und Gesichter behandelt er ganz genauso, mit unermüdlicher Aufmerksamkeit. Immer entdeckt er dabei etwas Vergleichbares. Wendungen, etwas sei "wie" etwas anderes, stehen auf jeder dritten Seite: "Er verkroch sich wie ein Reisender, der ohne Neugier, stumpf und starr, in der Eisenbahn im Halbschlaf seinen Hut über die Augen schiebt." Alles, was zum Hinsehen, Beschreiben und Denken zwingt, hängt bei ihm untereinander zusammen. Theaterlogen sind Meeresgrotten, Restaurants Aquarien, Liebe nur die Bedingung dafür, das Leid der Eifersucht auskosten zu können. Gilles Deleuze hat es so formuliert: Prousts Dichtung rivalisiere mit der Philosophie.

Warum also soll man sich auf den weiten Weg dieses Werks begeben, womöglich sogar mehrfach? Warum etwa, so hat ein früher Kritiker sinngemäß formuliert, einem Knaben sechzig Seiten lang bei seinem vergeblichen Versuch folgen, ohne Gutenachtkuss einzuschlafen? Eine Antwort darauf liegt im Arsenal der Figuren Prousts. Sie werden meistens ganz klar gezeichnet und bis in die Winkel ihrer Kleinlichkeit und Größe ausgeleuchtet. Und dann werden sie auf einmal ihr Gegenteil. Oder besser: Es wird deutlich, dass wir und oft auch der Erzähler etwas Entscheidendes an ihnen nicht bedacht haben. Schon die Angst des Knaben vor dem strengen Vater beispielsweise, der ihn bestimmt bestrafen wird, wenn er die mütterliche Zuwendung durch Wachbleiben zu erpressen versucht, geht völlig ins Leere. Swann hängt sein Leben an eine Frau, die ,nicht von seinem Genre' ist. Die schreckliche Salonbetreiberin Madame Verdurin, die wir tausend Seiten später fast vergessen haben, steigt am Ende durch eine dritte Ehe phantastisch auf. Den furchteinflößenden Baron Charlus, Inbegriff ältesten aristokratischen Selbstbewusstseins, finden wir zuletzt als masochistisches Opfer von bezahlten, für ihn also "unechten" Sadisten.

Überhaupt werden vor allem die Befürchtungen wahr, die man gar nicht hatte. Auch das führt zur Länge des Romans: Es gibt in ihm kaum Figuren, von denen feststeht, dass es Nebenfiguren bleiben werden. Zunächst auf drei Bände angelegt, hat ihn wohl nur Prousts Bewusstsein vom Schreiben gegen die eigene tödliche Krankheit davor bewahrt, noch weiter anzuwachsen.

Doch es ist nicht das hingebungsvoll wie polemisch gezeichnete geistige Tier- und Pflanzenreich, durch das Proust die Leser am meisten beschenkt. Und es sind auch nicht die Hunderte von Aphorismen im Stil der französischen Moralistik, auf die er seine Beschreibungen oft zulaufen lässt, von "Was man weiß, gehört nicht einem selbst" über "Sobald man zu zweit ist, verschwinden die Ideen" bis zum Satz über den Tod des Dichters Bergotte, in den Züge von Anatole France eingegangen sein sollen: "Man kann nur sagen, daß alles in unserem Leben sich so vollzieht, als träten wir mit der Bürde in einem früheren Dasein übernommener Verpflichtungen in das derzeitige ein; die Umstände unseres Erdendaseins bedingen keineswegs, daß wir uns für verpflichtet halten, Gutes zu tun, zartfühlend, ja höflich zu sein."

Prousts Roman, so hat Ernst Robert Curtius in seiner soeben neu aufgelegten wunderbaren Studie von 1925 notiert, sei geschrieben von einem Menschen, der weder einen Beruf noch je die Sorge hatte, vom Romaneschreiben leben zu müssen. Der Erzähler studiert nur sich selbst und die Welt, kein Fach. Er hat keine Karriere, es sei denn, man bezeichnete seine Aufnahme in den Salon der Herzogin von Guermantes so. Man kann die Stellen leicht abzählen, an denen in der "Recherche" von Geld oder gar wirtschaftlichem Drangsal die Rede ist. Fast möchte man sagen: aber von allem anderen Drangsal schon. Jede Form von Leid - geschlechtliches, religiöses, intellektuelles, politisches - wird erkundet, um nicht zu sagen ausgekostet, so als bliebe der Kunst, die sich von glücklichen Erinnerungen nährt, ansonsten nur die Hohlform des Glücks. Das war sein Beruf, die Herstellung eines Messinstruments für Leid und Glück. Es ist aufgrund der Sachverhalte, die mit ihm gemessen werden sollen, ein Unikat. Das sekundäre Glück, diese Messung nachzuverfolgen, ist groß. Es gibt keinen Grund, sich den Roman kürzer zu wünschen.

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»Der beste, der einzige Roman, der je geschrieben wurde.«
DIE WELT

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 24.08.2010

Ewigkeitswert für einen Augenblick
Das Hörbuch: Es ist vollbracht – Peter Matic hat Marcel Prousts „Die wiedergefundene Zeit“ eingelesen
Weil alles seine Zeit hat, kommt nun auch diese an ihr Ende. Nach 9380 Minuten, festgehalten auf 128 CDs, nach 156 Stunden und 20 Minuten also oder sechseinhalb ununterbrochenen Tagen, mündet die erste komplette Lesung der „Recherche du temps perdu“ in das Wort, mit dem alles begann, das Wort namens Zeit. Diese und der Weltkrieg, der Erzähler und der Baron von Charlus sind die vier Hauptdarsteller des letzten, ausreichend monumentalen Teils „Die wiedergefundene Zeit“. Peter Matic liest ihn mit derselben noblen Geschmeidigkeit, derselben zurückhaltenden, leicht austriakisch eingefärbten Akkuratesse, die bereits während der 137 Stunden zuvor die „Landschaften unseres Lebens“ und deren innere Geographie plastisch auferstehen ließen.
Wie bannt man das Ich, wie fasst man die Zeit? Marcel Proust schichtet das Thema der „Recherche“ hier neu ineinander, greift sämtliche Themen und Tonlagen noch einmal auf, um sie in einem letzten Entschluss aufzuheben. Der bisher nicht durch sein Agieren, sondern sein Räsonieren und seinen Müßiggang charakterisierte Erzähler will jenes Buch endgültig schreiben, das uns als „Recherche“ bereits vorliegt, die teleskopische Geschichte, wie ein Mensch zur Welt und die Welt in den Menschen kam. Welt meint hier alle sonderbaren Dinge zwischen gedämpftem Rindfleisch und begehrtem Menschenleib, Geräusch und Geruch und Bewegung, die dem Geist ein Erleben seiner selbst schenken. Der Ich-Erzähler wird auf diesem Weg um Erkenntnisse, wie sie ihm perlengleich aus der Feder rieseln, einen Bogen machen: „Ein Buch, das Theorien enthält, ist wie ein Gegenstand, an dem noch ein Preisschild hängt.“
Theoriengesättigt und handlungsreich ist die „Wiedergefundene Zeit“. Sie besteht aus präzisen inneren wie äußeren, nach Art eines Rondos wiederkehrenden Handlungen. Der Erste Weltkrieg bildet den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Im Pariser Salon der Madame Verdurin oder bei Monsieur Bontemps findet das große Kriegspalaver statt. Draußen tragen die Damen „zylinderartige Hüte“, Riemengebilde an den Füßen und „Tonnenkleider“ als Zeichen patriotischer Gesinnung. Der Erzähler notiert kühl, zu den „glücklichsten Fügungen dieses traurigen Krieges“ gehöre die Fähigkeit, „aus einem bloßen Nichts kokette Dinge zu zaubern“. Er protokolliert, er kommentiert, er lässt sich unwillkürlich davontragen ins Vergangene, sobald das Geräusch einer Dampfröhre oder der Klang eines Löffels, der den Teller berührt, ihn auf eine „Erinnerungsstrecke“ führt. Madame Verdurin erhält derweil Croissants gegen ihre Migräne, dank eines Attests von Dr. Cottard. „Ach“, entfährt es ihm, „ach, hätte Albertine noch gelebt“, zu der er in der „allerschmerzlichsten, eifersüchtigsten und, wie es scheint, individuellsten Liebe“ sich verbunden wusste, „ach, ich war allein.“
Die Wonnen der Melancholie bleiben in der „menschlichen Flora“ ephemer wie jene des Glücks. Im Gegensatz zum bisherigen Empfinden verdankt sich das „Freudegefühl“ jetzt einer anderen inneren Schichtung. Proust kleidet den Wandel in einen seiner typischen Schachtelsätze, die zu lesen und zu akzentuieren höchste Konzentration erfordert. „Das kam daher“, hebt Matic fast im Märchenton an und lässt die erste kleine Pause folgen, um in einem Rutsch anzuschließen, „dass das Glück, welches ich verspürte, nicht mehr aus einer rein subjektiven Spannung meiner Nerven herrührte, die uns von der Vergangenheit isoliert“, – kurzes Innehalten – „sondern im Gegenteil von einer Ausweitung meines Geistes, in dem sich die Vergangenheit neu gestaltete“, – kleine Pause – „zur Gegenwart wurde“, – Pause – „und mir“ – Pause – „nur für den Augenblick – ach – Ewigkeitswert verlieh.“
Wenn Glück Vergegenwärtigung meint: Wie ist es dann um die aktuell erlebte Gegenwart bestellt? „Alles nutzt sich ab, alles geht unter“, aber für Verzweiflung hat der Erzähler wie jeder „Gesellschaftsmensch“ keinen Raum in sich. Auch der erst soziale, dann physische Untergang des Baron von Charlus, eines halbgebildeten Gecken, der sich während des Krieges im „Tempel der Schmach“ mit einer Nagelpeitsche traktieren lässt und aus Gründen der Männerknappheit „sich mit kleinen Jungen abzugeben“ lernt, bleibt dem Betrachter ein Schauspiel. „Der alte, heruntergekommene Fürst“, blind und gelähmt, wird zur König-Lear-Figur. Matic schenkt ihm einen bewegenden Abgang, indem er sich dessen verzerrte, abgehackte Redeweise zu eigen macht: „Er fand kein Ende, alle Angehörigen seiner Familie oder seiner Kreise aufzuzählen, die nun nicht mehr waren. (. . . ) Mit triumphierender Härte beinahe wiederholte er monoton, leicht stotternd und grabesdumpf . . . “ – es folgt das Defilée der Toten.
Uns gewöhnlich unsichtbar
Die Zeit, die wiedergefunden wird, ist das, was bleiben wird im Wort. Das Glöckchen an der Gartentür, das in Combray erklang, die Pflastersteine vor dem Palais der Guermantes, der Geschmack der Madeleines und immer wieder diese und jene besondere Körperdehnung, denn „Beine und Arme sind voll von schlummernden Erinnerungen“: Alle diese Reize können das Vergangene gegenwärtig setzen und so die Gegenwart durchleuchten. Peter Matic findet hierfür einen Klang, der seinerseits kostbar ist und elegant und nach Erlebtem schmeckt, ganz so, als würde er „die Gestalt bezeichnen, (. . . ) die uns gewöhnlich unsichtbar bleibt, die Zeit.“
ALEXANDER KISSLER
MARCEL PROUST: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7. Die wiedergefundene Zeit. Der Hörverlag, München 2010. 15 CDs, ca. 1137 Min., 99 Euro.
Peter Matic, hier in einer Aufführung der Volksoper Wien im vergangenen Jahr Foto: Lilli Strauss/AP
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Staunenswert ist das Projekt, an dem der Franzose Stephane Heuet schon ein Weilchen sitzt und, wenn alles gut geht, für mehr oder minder den Rest seines Lebens noch sitzen wird. Er erarbeitet nämlich eine Comic-Version von Marcel Prousts Jahrhundertroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Im Original sind bereits fünf Bände erschienen, dieser hier ist der dritte in deutscher Übersetzung, nämlich der zweigeteilte Proust-Unterroman "Im Schatten junger Mädchenblüte". Heuet gewinnt, stellt der Rezensent Christian Schlüter fest, im Fortgang seiner Produktion neue Freiheiten. Er lässt souveräner als zu Beginn mehr Text einfach weg und räumt die ligne-claire-Bildflächen öfter mal frei. Das ist nur gut so, findet Schlüter, der auch den Umgang mit den Bildklischees lobt - schließlich sei Erinnerung als Wiederholung beziehungsweise die Frage der Wiederholbarkeit schon Prousts ureigenes Thema.

© Perlentaucher Medien GmbH
"In der Tat kann diese Aufnahme süchtig machen. Matic versteht es wie kein Zweiter, Prousts Prosa, die an kunstvollen Bandwurmsätzen ebenso reich ist wie an Reflexionen und ausführlichen Beschreibungen scheinbar nebensächlicher Dinge, zum Schwingen zu bringen......Die Gesamtausgabe ist ein Meilenstein in der Geschichte des Hörbuchs und Matics Lesung eine Meisterleistung der Sprecherkunst."