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Sie ist das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts, ein literarisches Universum, Spiegel der Welt und der Literatur: Die Suche nach der verlorenen Zeit weiß mit ihrer betörenden und überwältigenden Wirkung immer neue Generationen von Lesern zu begeistern. Nun liegt die viel gerühmte, von Luzius Keller revidierte und kommentierte Übersetzung Eva Rechel-Mertens' erstmals in einer dreibändigen Ausgabe vor.
Band I: Unterwegs zu Swann + Im Schatten junger Mädchenblüte
Band II: Guermantes + Sodom und Gomorrha
Band III: Die Gefangene + Die Flüchtige + Die wiedergefundene Zeit
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Produktbeschreibung
Sie ist das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts, ein literarisches Universum, Spiegel der Welt und der Literatur: Die Suche nach der verlorenen Zeit weiß mit ihrer betörenden und überwältigenden Wirkung immer neue Generationen von Lesern zu begeistern. Nun liegt die viel gerühmte, von Luzius Keller revidierte und kommentierte Übersetzung Eva Rechel-Mertens' erstmals in einer dreibändigen Ausgabe vor.

Band I: Unterwegs zu Swann + Im Schatten junger Mädchenblüte

Band II: Guermantes + Sodom und Gomorrha

Band III: Die Gefangene + Die Flüchtige + Die wiedergefundene Zeit
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.4830
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 5200
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 5200 S. 200 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 172mm x 134mm
  • Gewicht: 3204g
  • ISBN-13: 9783518468302
  • ISBN-10: 3518468308
  • Best.Nr.: 48055836
Autorenporträt
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und starb am 18. November 1922 in Paris. Sein siebenbändiges Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist zu einem Mythos der Moderne geworden. Eine Asthmaerkrankung beeinträchtigte schon früh Prousts Gesundheit. Noch während des Studiums und einer kurzen Tätigkeit an der Bibliothek Mazarine widmete er sich seinen schriftstellerischen Arbeiten und einem - nur vermeintlich müßigen - Salonleben. Es erschienen Beiträge für Zeitschriften und die Übersetzungen zweier Bücher von John Ruskin. Nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905, der ihn in eine tiefe Krise stürzte, machte Proust die Arbeit an seinem Roman zum einzigen Inhalt seiner Existenz. Sein hermetisch abgeschlossenes, mit Korkplatten ausgelegtes Arbeits- und Schlafzimmer ist legendär. In Swanns Welt, der erste Band von Prousts opus magnum, erschien 1913 auf Kosten des Autors im Verlag Grasset. Für den zweiten Band, Im Schatten junger Mädchenblüte, wurde Proust 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Die letzten Bände der Suche nach der verlorenen Zeit wurden nach dem Tod des Autors von seinem Bruder herausgegeben.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt:
Erster Teil:
Combray
Zweiter Teil:
Eine Liebe von Swann
Dritter Teil:
Ländliche Namen: Der Name Anhang
Zur Textgrundlage
Anmerkungen
Literaturhinweise
Inhaltsübersicht
Namenverzeichnis
Rezensionen
"Der beste, der einzige Roman, der je geschrieben wurde."
DIE WELT
Besprechung von 05.10.2013
Verbleibe doch, du bist so schön

Vor sechzig Jahren begann Eva Rechel-Mertens das Großwerk einer kompletten Übersetzung von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ins Deutsche. Sie wurde zum Standardwerk. Nun wagt sich Bernd-Jürgen Fischer an eine neue Fassung.

Von Martin Mosebach

Im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschien 1953 der erste Band des großen Proust-Romans "À la recherche du temps perdu" in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens. Sie erzählte gern, dass ihr Lehrer Ernst Robert Curtius ihr 1921 ein Buch gegeben habe, "dessen Titel Sie nicht verstehen werden" - das war eben "Du côté de chez Swann", dessen Bedeutung sich tatsächlich erst bei der Lektüre erschließt. 2013, genau sechzig Jahre später, erscheint nun eine neue deutsche Übersetzung, der ihr Autor Bernd-Jürgen Fischer, als Autor eines umfangreichen Handbuchs zu Thomas Manns Josephsroman bekannt geworden, mehr als zehn Jahre seines Lebens gewidmet hat.

Auch wer die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens liebt und ihr den literaturhistorisch hohen Rang zuerkennt, der ihr gebührt - Generationen deutscher Leser haben Proust aus den Händen der Rechel-Mertens empfangen -, wird das Vorhaben einer neuen Übersetzung nach so langer Zeit nicht als sakrilegisch verdammen. Auch die beste Übersetzung kann nur eine Annäherung an das Original sein, und solche Annäherungen können aus verschiedenen Richtungen erfolgen und jeweils neue Akzente setzen. Obwohl auch Luzius Keller, der die Rechel-Mertens-Übersetzung zuletzt von manchem Fehler und manchem Missverständnis reinigte, sich vorhalten lassen musste, dass die verbesserten Sätze nun manchmal nicht mehr so schön klangen wie die weniger richtigen der ersten Ausgabe.

Keine Untersuchung eines Textes ist so lehrreich wie der Versuch, ihn zu übersetzen; im Grunde handelt es sich beim Übersetzen um die fruchtbarste Methode, Erkenntnisse über die Natur eines Stücks Literatur zu gewinnen - das gilt sogar für die eigene Literatur: In Goethe und Jean Paul eröffnen sich dem Deutschen neue Einsichten, wenn sie in französischer Übersetzung erscheinen. Deutsche Leser von Proust werden also neugierig sein, welche Nuancen eine neue Übersetzung des Meisterwerks herauskitzeln mag. Wo hat der Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer ein solches Ungenügen bei der Lektüre der kanonisch gewordenen alten Übersetzung empfunden, dass er sich zu seinem Titanenwerk gezwungen sah?

Es ist dem Rezensenten unmöglich gewesen, den soeben erschienenen ersten Band "Auf dem Weg zu Swann" Satz für Satz in der Gründlichkeit zu untersuchen, die eine solche Arbeit verdient. Nicht mehr als ein erster Eindruck soll die Proust-Leser anregen, sich selbst das endlose Vergnügen zu bereiten, das im Abwägen der Möglichkeiten besteht, zu einem wirklichen Äquivalent des französischen Ausdrucks zu gelangen.

Schon der Titel macht aufmerksam. Er kommt dem Original, das wörtlich "Auf Swanns Seite" heißt, näher als das poetische "In Swanns Welt" von Eva Rechel-Mertens, und das ist sinnvoll, weil sich die ganze Romanerzählung anhand der beiden Einrichtungen entfaltet, die die Spaziergänge der Familie im ländlichen Combray einschlagen - entweder nach Guermantes oder eben zu Charles Swanns Landhaus. Aber nun will der Leser wissen, wie Fischer den berühmt gewordenen ersten Satz des Romans angeht, Eva Rechel-Mertens "vollkommenes kleines Wiegenlied". "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen", lautet er bei ihr. Es spricht für Fischers Weisheit, das Gelungene nicht um jeden Preis verbessern zu wollen - er opfert die Gelegenheit, schon mit dem ersten Satz aufzutrumpfen, und bleibt bei Rechel-Mertens.

Aber schon der zweite Satz sucht nach neuen Lösungen. Im Französischen beginnt er mit einer der typischen Partizipialkonstruktionen: "Parfois, à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite . . ." Rechel-Mertens: "Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze gelöscht war, so schnell zu . . ." Fischer hingegen umständlicher und etwas weniger nah: "Manchmal, wenn ich noch kaum die Kerze ausgelöscht hatte, schlossen sich meine Augen so schnell . . ." Ja, richtig, Proust schreibt fermaient, aber im Deutschen fallen die Augen zu beim Einschlafen, erst recht beim hier geschilderten unwillkürlichen Einschlafen; auch die Auflösung der Partizipialkonstruktion in einen Passivsatz ist näher am Original.

Zwei Sätze später geht es um das Hereinragen der Träume in das Erwachen: "Cette croyance . . . " - Eva Rechel-Mertens wählt "Vorstellung", Fischer "Einbildung" - "ne choquait pas ma raison . . ." Eva Rechel-Mertens: "meine Vernunft nahm kaum Anstoß an ihr . . .". Fischer: "sie verstörte nicht etwa meine Vernunft . . .". "Anstoß" ist offensichtlich näher an choquer, "Verstörung" ist einem nur sekundenlangen Prozess weniger angemessen. Im nächsten Satz ist von der métempsycose die Rede, die beide Übersetzer mit "Seelenwanderung" zutreffend wiedergeben - man könnte sich aber fragen, ob dieses auch im Französischen seltene Fremdwort, das aber den Bezug zur platonischen Vorstellung von der Seelenwanderung im Unterschied zur indischen deutlich machen will, nicht beibehalten werden sollte.

Wenig später geht es um die obscurité, die Dunkelheit im Schlafzimmer, "sanft und erholsam für meine Augen, aber vielleicht noch mehr für meinen Geist" (Fischer) - "à qui elle apparaissait comme une chose sans cause, incompréhensible, comme une chose vraiment obscure". Für Eva Rechel-Mertens ist diese Dunkelheit "grundlos, unbegreiflich, wahrhaft ,dunkel' . . .", mit den Anführungszeichen versucht sie den Doppelsinn des Wortes "dunkel" vielleicht nicht sehr elegant anzudeuten. Fischer möchte wortgetreu sein und gibt der chose damit im Deutschen ein Gewicht, das sie im Französischen nicht hat; sein Dunkel ist "wie eine Sache ohne Ursache . . ., unverständlich, wie eine ganz und gar dunkle Sache" - chose dürfte hier höchstens mit "etwas" wiedergegeben werden, vom Gleichklang "Sache - Ursache", der bei französischen Stilisten der Flaubert-Schule womöglich noch mehr perhorresziert wird als im Deutschen, einmal ganz abgesehen.

Ein paar Sätze weiter erwacht der Erzähler abermals im Dunkel für einen Augenblick, "le temps d'entendre les craquements organiques des boiseries, d'ouvrir les yeux pour fixer le kaléidoscope de l'obscurité". Unter den craquements organiques hat man sich doch wohl die Geräusche von Mäusen und Siebenschläfern hinter der Wandtäfelung vorzustellen - bei Eva Rechel-Mertens "ein Knacken im Gebälk", bei Fischer das keineswegs richtigere "lebendige Knacken im Gebälk". Gravierender ist aber Fischers Fehldeutung des Wortes fixer: "die Augen zu öffnen, um das Kaleidoskop der Dunkelheit anzuhalten". Was soll das eigentlich heißen? Fixer heißt "anstarren", und der Erzähler schildert ein Starren in die Dunkelheit, bei dem sich, wie jeder es kennt, eigentümlich Farbsensationen ergeben können, sich träge bewegende Farbfelder, die man mit den Bewegungen innerhalb eines Kaleidoskops vergleichen könnte - der Kaleidoskopeffekt ergibt sich erst durch das Starren, ist aber dann unbeherrschbar und kann keinesfalls "angehalten" werden.

Ist das ein Suchen in den Krümeln? Aber wodurch zeichnet sich eine Übersetzung aus, die dem Original näher zu kommen beansprucht, als es der gefeierten Vorgängerin gelungen ist? Man kennt bei Neuübersetzungen die Versuchung, gepfefferter zu werden als die Vorgänger und dem Leser zu suggerieren, bisher sei ihm der Text in einer prüden Version bekannt gemacht worden. Dem entspräche etwa, ein paar Sätze weiter, wenn von chaleur, der Wärme des schlafenden Körpers, die Rede ist, bei Fischer "die Brunst". Der Erwachende stellt sich im Halbschlaf vor, eine Frau hätte auf ihm gelegen: "mon corps courbaturé" - Eva Rechel-Mertens wählt "zerschlagen", Fischer "lahm" - "par le poids de sa taille". Taille steht hier offensichtlich, um corps nicht wiederholen zu müssen, soll aber dasselbe heißen. Fischer hingegen schreibt in gewähltem érotisme vom "Gewicht ihrer Lenden" - die unfreiwillige Komik besteht hier auch darin, dass "Lenden" als Pars pro Toto im Deutschen jedenfalls vornehmlich auf den männlichen Körper bezogen werden.

Dabei gibt es durchaus Stellen, die eine kühnere Lösung vertragen könnten. Die berühmte Madame Verdurin wird in ihrem Kreis, den sie tyrannisch regiert, "Patronne" genannt, als sei sie nicht die plutokratische Salonnicre, sondern die Wirtin eines Gasthauses. Sie ist mit ihrer brachial ausgeübten Gastfreundschaft "die Chefin" ihrer Gäste, das ist die elegante Ausflucht, die Eva Rechel-Mertens gefunden hat, und hier folgt Fischer ihr getreulich, der es sonst auch dort anders macht, wo es nicht zwingend wäre.

Zum Schluss noch der Schlüsselsatz des ersten Bandes, dessen verschiedene Behandlung durch die Übersetzer sehr schön den Unterschied beider Arbeiten deutlich macht. Der Erzähler nimmt auf dem Teelöffel die Madeleine zu sich, eingetaucht in Lindenblütentee: "Et tout d'un coup le souvenir m'est apparu." Eva Rechel-Mertens übersetzt: "Und dann mit einem Male war die Erinnerung da." Fischer bevorzugt: "Und dann ist mir ganz plötzlich die Erinnerung erschienen." Schon richtig, da steht apparu, und das heißt "erschienen". Aber leider "erscheint" im Deutschen die Erinnerung nicht, sie kommt, man hat sie, sie ist da. Und die Lösung von Eva Rechel-Mertens hat noch dazu für sich, die Dramatik des beschworenen Augenblicks zu erfassen.

Mit Vergnügen und Neugier liest man hingegen Bernd-Jürgen Fischers reichen Anmerkungsteil, der das Umfeld der großen Erzählung weit verästelt erschließt; auf diese Abteilung der Neuübersetzung werden auch die Kenner ungern verzichten wollen, allein ihretwegen schon gehört das Buch in die Bibliothek der Proust-Leser.

Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". 1: Auf dem Weg zu Swann.

Aus dem Französischen und mit Anmerkungen von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam Verlag, Stuttgart 2013. 694 S., geb., 29,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Martin Mosebach gibt freimütig zu, dass ihm für einen genauen Vergleich zwischen der alten Übersetzung von Eva Rechel-Mertens und der nun vorliegenden von Bernd-Jürgen Fischer die Muße fehlt. Oder, wie er schreibt: Dem interessierten Leser soll hier nicht der Spaß am Vergleichen vorweggenommen werden. Es sei dem Rezensenten verziehen. Immerhin nimmt er sich die Zeit, anhand einiger Textstellen die Probe aufs Exempel zu machen und beweist damit, dass der Übersetzer hier für ihn kein Sakrileg begeht. Schon der Titel des ersten Bandes von Prousts Meisterwerk ist für Mosebach näher dran, als der bei Rechel-Mertens. Und wenn Fischer den ersten Satz einfach wie gehabt stehen lässt, erfüllt das Mosebach mit Respekt, da er nicht gleich sozusagen in die Vollen langt. Das macht der Übersetzer dafür im zweiten Satz und kann Mosebach nicht überzeugen. Gleichfalls beim Schlüsselsatz des ersten Bandes der Recherche. Hier vermag Fischer laut Mosebach nicht wie Rechel-Mertens die ganze Dramatik des Madeleine-Moments zu erfassen und greift übersetzerisch haarscharf daneben. Kleiner Trost für all die Mühe: Der Anmerkungsteil erschließt dem kritischen Rezensenten den Text sehr umfangreich, das macht ihm Freude und lässt ihn die Übertragung allen Proust-Fans zu guter Letzt doch noch ans Herz legen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 14.11.2013

14. November 1913 Vor 100 Jahren erschien der erste Band von Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“
Die chemische
Reaktion des Leidens
Bernd-Jürgen Fischer bringt Prousts „Recherche“ noch
einmal komplett ins Deutsche – der erste Band liegt vor
VON INA HARTWIG
Mit dem Titel geht es schon los. „Du côté de chez Swann“ – was soll das, bitteschön, bedeuten? Grammatisch ist das ein Clash, ein Zusammenprall zweier Ortsbestimmungen, und keineswegs das vornehme Französisch, das Marcel Proust nachgesagt wird. „Auf der Seite von bei Swann“ wäre die wörtliche Übersetzung, was natürlich weder Rudolf Schottlaender befolgte, der erste Übersetzer Prousts ins Deutsche, noch Eva Rechel-Mertens, die in den Fünfzigerjahren als bisher Einzige die sieben Bände von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vollständig übertragen hat; sie prägte den bis heute bei deutschsprachigen Proust-Lesern geläufigen Titel „In Swanns Welt“. Schottlaender hatte 1926 „Der Weg zu Swann“ vorgeschlagen. Jetzt, hundert Jahre nach der Originalausgabe, will Bernd-Jürgen Fischer die „Recherche“ noch einmal komplett übertragen; der erste Band liegt vor. Er nennt ihn „Auf dem Weg zu Swann“.
  Man kann lange darüber streiten, ob „côté“ treffend mit „Seite“, „Weg“ oder „Welt“ zu übertragen sei. Wichtig ist, dass ein weiterer Band der „Recherche“ das Wort im Titel führt: „Le côté de Guermantes“. Rechel-Mertens hatte, konsequent, „Die Welt der Guermantes“ daraus gemacht; Fischer kündigt „Der Weg nach Guermantes“ an. Mit „Unterwegs zu Swann“ versus „Guermantes“ hat sich Luzius Keller vorgewagt, als er Rechel-Mertens’ Übersetzung für die kommentierte Frankfurter Proust-Ausgabe bei Suhrkamp (1994-2002) überarbeitete; damit wurde die Titel-Korrespondenz der beiden „côtés“ ausgerechnet von einem der besten Proust-Kenner eliminiert.
  Der arme Rudolf Schottlaender, dessen „Swann“ von dem einflussreichen Romanisten Ernst Robert Curtius brutal verrissen worden war, durfte nicht weitermachen. Walter Benjamin und Franz Hessel haben die Staffel übernommen, aber nur „Im Schatten junger Mädchen“ und „Die Herzogin von Guermantes“ geschafft. Damit war die Ära der deutsch-jüdischen Proust-Übersetzer fürs Erste beendet.
  Das ist ein großer Jammer und nicht nur deshalb von Belang, weil Charles Swann, in dessen „Welt“ Proust uns eben hier einführt, ein Jude ist und damit Gegenpol zur „Welt“ der katholischen Aristokratie, prototypisch vertreten durch das Geschlecht der Guermantes (zu dem neben der Herzogin auch der schwule Charlus zählt). Die ganze „Recherche“, deren Gesellschaftsleben durch die Dreyfus-Affäre die härteste Prüfung erfährt, ist von Gegensätzen, von getrennten Welten oder Seiten, gekennzeichnet. Der tiefste Graben dürfte zwischen einem republikanisch gesinnten Judentum verlaufen und einer Aristokratie, die die Französische Revolution am liebsten rückgängig machte. Proust, erzogen von einer jüdischen Mutter, deren Humor er aufgesogen hat, witterte offenbar schon früh die Illusion vollständiger Integration. Sein jüdisch-katholisches Elternhaus war keineswegs die Regel, vielmehr im Paris der Jahrhundertwende die Ausnahme.
  Im ersten Band der „Recherche“ befinden wir uns in der jüdisch-republikanischen Illusionsphase: Swann, steinreich, gebildet, Mitglied des Jockeyclubs, ist ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, bis hinein in höchste Regierungskreise. Bei den Eltern des Erzählers in Combray ist er ein gern gesehener Gast (seinetwegen muss Marcel auf den sehnlich erwarteten mütterlichen Gute-Nacht-Kuss verzichten). Swann ist verheiratet mit Odette, einer ehemaligen Kokotte, und hat eine Tochter, Gilberte, in die sich der Erzähler, durch eine Weißdornhecke spähend, verliebt.
  „Du côté de chez Swann“ besteht aus drei Teilen, wovon der mittlere und längste, „Eine Liebe von Swann“, rückblickend aus Sicht eines allwissenden Erzählers berichtet wird, als Roman im Roman. Die Story geht vor die Geburt Marcels zurück, als Swann einer Frau verfiel, die „nicht sein Genre“ war; eben Odette. Von Wagner versteht die Dame etwa so viel „wie der Hund vom Klavierspielen“ (Schottlaender) oder „wie die Kuh vom Zitherspielen“ (Rechel-Mertens) oder: die Wagners Opern anzuhören „so viel interessiert wie eine Kuh das Stricken“ – so übersetzt Fischer und wirft ein gelungenes „na, viel Spaß!“ hinterher. Damit kommt er dem Originaltext durchaus nah: „Entendre du Wagner . . . avec elle qui s’en soucie comme un poisson d’une pomme, ce serait gai!“ Sieh an, bei Proust sind’s Fisch und Apfel, die Odettes musikalischen Stupor anzeigen! Redewendungen sind das Schlaraffenland der Übersetzer. Das Vergnügen sei ihnen gegönnt.
  Empfindlicher muss man auf Eingriffe reagieren, die an die Substanz des Gedankengebäudes rühren. So ist im Original in Bezug auf Swanns notorische Eifersucht vom „chimisme même de son mal“ die Rede. Diesen „Chemismus seines Leidens“ hat bislang lediglich Luzius Keller übernommen; alle anderen stören sich daran. Bei Rechel-Mertens wird eine „merkwürdige Alchemie“ daraus, die im Original aber nicht zu finden ist: „Ainsi, par le chimisme de son mal, après qu’il avait fait de la jalousie avec son amour, il recommencait à fabriquer de la trendresse, de la pitié pour Odette.“ Fischer, dazu neigend, Fremdwörter zu unterdrücken, schreibt: „So also begann er wieder nach dem gleichen Umwandlungsverfahren seines Leidens, mit dem er aus seiner Liebe seine Eifersucht erzeugt hatte, Zärtlichkeit und Mitleid für Odette hervorzubringen.“ Es ist ja nicht so, dass Proust der „Chemismus“ unterlaufen wäre! Er trifft vielmehr den Kern der Sache: Eifersucht folgt chemischen Gesetzen; sie ist zugleich Bedingung der Liebe und eine Krankheit. Diese Sinnlichkeit chemischer Reaktionen hat mit romantischer Hingabe und geteilter Zuneigung nichts, aber auch gar nichts zu tun. Für Prousts böse Liebestheorie, die sich in der Beziehung des Erzählers zu Albertine noch steigern wird, ist Swann das Urmodell.
  Hinzu kommt: Prousts Roman steckt voller Ärzte-Satire, was pikant ist angesichts der medizinischen Großkarriere seines eigenen Vaters (Choleraforscher, Universitätsprofessor, Akademiemitglied), von dessen Wissen er offenkundig profitierte. So sehr, dass die Ärzte der „Recherche“ im Grunde Hochstapler sind, allen voran Doktor Cottard aus dem „kleinen Kreis“ der Salonkönigin Madame Verdurin. Da passt es doch ganz vorzüglich, wenn es über Swanns Liebe resümierend heißt, sie sei, „wie man es in der Chirurgie ausdrückt, nicht mehr operabel“.
  Um Prousts Biss hat sich der lange Zeit unterschätzte Rudolf Schottlaender hochverdient gemacht. So macht er beispielsweise aus „ça ne devrait pas être permis de jouer Wagner comme ça!“ (wörtlich: Es sollte nicht erlaubt sein, Wagner so zu spielen!): „Es ist einfach polizeiwidrig schön, wie er seinen Wagner kann.“ Man vernimmt hier das unverklemmte, gewitzte, das moderne Deutsch der Weimarer Republik, das die Nazis konsequent zu vernichten wussten. Eva Rechel-Mertens’ Übertragung mit ihrer ausgewogenen, stilsicheren Sprache bleibt kanonisch. Luzius Keller liefert den interessantesten, werkgenetisch aufschlussreichen Anmerkungsteil. Auch Bernd-Jürgen Fischers Apparat beeindruckt durch eine schwerpunktmäßig historische Detailfülle.
  Die neue Übersetzung vermag die von Eva Rechel-Mertens dennoch nicht abzulösen, das lässt sich nach dem ersten Band bereits sagen. Zu schwankend sind bei Fischer die Sprachebenen; mal altertümelnd, dann wieder kommt mit einer „Bauernmaid“ (für „paysanne“) eine allzu forsche Färbung herein. Sicher, „Fehler“ lassen sich in jeder Übersetzung nachweisen. Was die Neuübersetzung eines Klassikers aber leisten muss, ist, den Ton zu treffen, den des Werks wie den der Gegenwart. Bei Fischer fehlen Glanz und zeitgenössischer Drive. Das eben war bei Schottlaender, aller „Fehler“ zum Trotz, anders.
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 1: Auf dem Weg zu Swann. Übersetzung und Anmerkungen von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam Verlag, Stuttgart 2013. 693 Seiten, 29,95 Euro.
Wagners Musik interessiert Odette
so viel „wie eine Kuh das Stricken“
    
    
So profan sah sie aus, die Erstausgabe von Band eins des monumentalen Romans:
Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu –
Du côté de chez Swann“ erschien 1913 bei Bernard Grasset, Paris. FOTO: OH
Im Schatten junger Männerblüte: Marcel Proust im Kreis
seiner Freunde, Robert de Flers (links) und Lucien Daudet, undatierte kolorierte Aufnahme.
FOTO: RUE DES ARCHIVES / SÜDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO
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