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Benutzername: Volker M.
Danksagungen: 654 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 548 Bewertungen
Bewertung vom 02.05.2021
Die größte Chance aller Zeiten
Friedrich, Marc

Die größte Chance aller Zeiten


weniger gut

Auch wenn der Titel des Buches "Die größte Chance aller Zeiten" zunächst optimistisch klingt, bleibt sich Marc Friedrich als Crash-Guru treu. Wie in seinen vorangegangenen Büchern, die er noch zusammen mit Matthias Weik verfasst hat, sieht er für unser jetziges Geldsystem keine Hoffnung mehr und prophezeit den unumkehrbaren finalen Kollaps des Euro bis spätestens 2023. Für ihn hat die Zeitenwende begonnen und er empfiehlt zur Vermögenssicherung die Investition vor allem in "Sachwerte" wie Bitcoin, Edelmetalle und Rohstoffe.

Auf sehr anschauliche und nachvollziehbare Weise skizziert der Autor verschiedene Szenarien für den kommenden Crash, bei der die Corona-Pandemie als Brandbeschleuniger wirkt. Er geht dabei ausführlich auf die mittlerweile ausweglose Situation in der Schuldenkrise ein, prognostiziert einen deutlich zunehmenden Vertrauensverlust in unser Papiergeld und zeigt, dass die Notenbanken bald ihre gesamte Munition verschlossen haben. Das größte Geldexperiment aller Zeiten nähert sich dem Ende.
Aber die Ursachen liegen nicht nur in unserem Finanzsystem begründet. Friedrich prangert zurecht auch politische und gesellschaftliche Missstände an, wobei einige der populistischen Kapitelüberschriften auch aus der Bild-Zeitung stammen könnten ("Die Politik ist nicht die Lösung, sie ist oftmals das Problem", " Keine Berufspolitiker! Amtszeit beschränken!")

Friedrich ist in seinem Element: Angst machen, Panik schüren und sich als Crash-Prophet inszenieren. Die Schuld für die Verunsicherung haben natürlich die anderen: "Leider wird viel Angst über die Medien und die Politik kolportiert" - sowas nennt man wohl Realsatire. Ein bezeichnender Satz findet sich in fast jedem Kapitel: "All das habe ich in meinem letzten Buch schon prognostiziert". Genau so ist es. Zumindest die erste Hälfte des Buches liest sich wie eine Aneinanderreihung altbekannter Thesen und Analysen, die Friedrich auch noch redundant erzählt. Sicherlich sind diese nicht grundsätzlich falsch, auch wenn häufig Quellenangaben zur Überprüfung seiner Aussagen fehlen.

Erst in der zweiten Hälfte des Buches wird Friedrich mit Vorschlägen zur Vermögenssicherung konkret. Überrascht haben mich blumige Aussagen wie "Wir werden sehen, dass diese Krise der Anfang überfälliger Veränderungen zum Besseren war. Denn wir werden in den nächsten Jahren in ein goldenes Zeitalter eintreten, nicht nur, was Wohlstand und Gesellschaft angehen, sondern auch menschlich und spirituell" oder "Wir sollten Krisen willkommen heißen und umarmen". Es wäre historisch allerdings das erste Mal, dass ein totaler Systemkollaps nicht in den Krieg führte. Eine so kuschelige Botschaft vom Crash-Guru ist doch einigermaßen verwunderlich.

Ob die vorgestellten Lösungen zur Vermögenssicherung ausreichen werden, bezweifle ich, denn die Politik sitzt letztendlich am längeren Hebel - dem des Gesetzgebers. Aus meiner Sicht ist die Darstellung insgesamt zu wenig differenziert. So kommen z. B. Bitcoins deutlich zu positiv weg, deren Risiken Friedrich kaum erwähnt. Keine Notenbank der Welt wird mittelfristig eine anonyme Konkurrenzwährung dulden und mir ist auch völlig schleierhaft, warum Industrierohstoffe in einer Weltwirtschaftskrise werthaltig bleiben sollten. Ein Indexregister zum Nachschlagen gibt es ebenso wenig wie Empfehlungen zu weiterführender Literatur.

Neben dem fast schon pathologischen Selbstbewusstsein Friedrichs, das aus fast jedem Satz trieft, hat mich die penetrante Eigenwerbung für seine Honorarberatung, seinen „Sachwerte“fonds und den kostenpflichtigen Newsletter extrem gestört. Ein lautes, aber leider nicht sehr hilfreiches Buch.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.04.2021
The Photo Publications of Dr. Paul Wolff & Alfred Tritschler, 1906-2019
Heiting, Manfred; Lemke, Kristina; Schwartzreich, Edward S.; Stamm, Rainer; Wiegand, Thomas

The Photo Publications of Dr. Paul Wolff & Alfred Tritschler, 1906-2019


ausgezeichnet

Manfred Heiting hat bereits eine zweibändige Monografie der deutschsprachigen Fotobücher bis 1945 verfasst („Autopsien“) und sich damit als enzyklopädischer Spezialist gezeigt. Bei dieser Recherche ist ihm ein Name immer wieder aufgefallen, der sich durch eine unglaubliche Vielseitigkeit, bei gleichzeitig hoher ästhetischer Qualität und fototechnischer Innovation und Perfektion auszeichnet: Dr. Paul Wolff. Zusammen mit Alfred Tritscher betrieb er in den 30er- und 40er-Jahren die wohl erfolgreichste deutsche Bildagentur. Paul Wolff starb bereits 1951, Tritschler führte die Firma bis 1963 weiter, fotografierte aber auch danach noch bis zu seinem Tod 1970. Dies ist auch die Erklärung dafür, dass Tritschlers Fotografien im Bewusstsein der interessierten Öffentlichkeit viel präsenter sind und seine Vintageabzüge auf Auktionen regelmäßig zu guten Preisen gehandelt werden. Paul Wolff ist auf Auktionen quasi nicht präsent und von ihm sind auch kaum Vintageabzüge bekannt, die wenigen existierenden haben ein für Sammler ungünstig kleines Format. Sein riesiges Werk ist dagegen in fotoillustrierten Büchern, Publikumszeitschriften, Postkarten und Industriefotografie überliefert, die damit zum Mittel werden, seiner Bedeutung für die Fotografie und die Prägung unserer Sehgewohnheiten gerecht zu werden.

„Dr. Paul Wolff & Alfred Tritschler“ gibt gar nicht erst vor, vollständig zu sein, aber die Monografie ist so vollständig, wie sie nach derzeitigem Wissensstand sein kann. Die Autoren haben nicht nur minutiös Biografisches ans Licht gebracht, sondern sind tief in Wolffs Kosmos eingetaucht, der im Spannungsfeld zwischen kommerzieller Fotografie und Neuer Sachlichkeit Bahnbrechendes geleistet hat. Auch die dunklen Seiten werden nicht verheimlicht, denn Wolff und Tritschler waren auch im Auftrag nationalsozialistischer Propaganda tätig, wenn auch nur aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und nicht aus politischer Überzeugung. Den Nazis blieb Wolff stets etwas suspekt.

Anders als in „Autopsien“ beschränken sich die Autoren in dieser Monografie nicht auf deutschsprachige Bucherzeugnisse, sondern erfassen auch ausländische Ausgaben, was den Umfang noch einmal deutlich erweitert. Es werden alle bekannte Auflagen bibliografisch dokumentiert, fast immer auch mit der Abbildung der Einbände und Schutzumschläge, sowie deren bekannte Varianten. Selbstverständlich sind auch exemplarische Fotoseiten (meist) verkleinert faksimiliert, wobei wie schon in „Autopsien“ die exzellente Bildbearbeitung auffällt, die sämtliche Spuren des Alters beseitigt.

Alle Texte sind zweisprachig (englisch/deutsch), die Legenden sind dagegen durchgehend englischsprachig. Da alle Titel aber in der Originalsprache wiedergegeben sind, beschränken sich die englischen Vokabeln auf die üblichen Deskriptoren (author, publisher...).

Dieses Buch ist erkennbar von einem Sammler konzipiert, auf rastloser Suche, mit untrüglichem Auge für Qualität und der Hartnäckigkeit, wie sie eben nur ein Sammler hat. Manfred Heiting mag im Vorwort bescheiden darauf hinweisen, dass Vollständigkeit nicht sein Ziel war. Dem ist er aber verdammt nahegekommen.

Bewertung vom 22.04.2021
Jaakko Kahilaniemi
Kahilaniemi, Jaakko

Jaakko Kahilaniemi


gut

Um „100 hectares of understanding“ zu verstehen, braucht man ein wenig Hintergrund über den Fotografen: Der Finne Jaako Kahilaniemi ist eigentlich ein Stadtmensch und die 100 Hektar Wald, die er geerbt hat, liegen irgendwo im Nirgendwo der finnischen Taiga. Was aber macht eine Stadtpflanze mit einer Million Quadratmeter Nadelwald? Jaako Kahilaniemi transformiert ihn zur Kunst, indem er sich dem Boden, der Natur und den Menschen auf verschiedenen Ebenen nähert. Dabei stellt er auch fest, dass die nur scheinbar unangetastete Natur bereits direkte und indirekte Auswirkungen menschlicher Eingriffe zeigt: Gerodete Areale, Spuren schwerer Fahrzeuge im durchwühlten Morast, Entwässerungsgräben. Aber es gibt auch die natürlichen Spuren des Lebens und des Vergehens: Neu aufkeimende Fichten, Flechten und Moose, Bodenproben in unterschiedlichen Stadien der Zersetzung. Kahilaniemi verfremdet das biologische Material, indem er es aus seinem Kontext entfernt, bearbeitet, mal in Eisblöcken einfriert, mal zersägt oder in Serien fotografiert. Es ist eine sehr individuelle Annäherung an „sein“ Land, aber ich als Betrachter hatte schon den Eindruck, dass diese Annäherung schwierig war. Einige Fotos sind eine stumme Anklage, wenn dort, wo einmal ein Baum stand, nur mehr rote Punkte darauf hinweisen. Auf der anderen Seite nutzt Kahilaniemi ausgerissene Jungbäume, den Boden und zersägte Stämme letztlich auch nur zu seinem persönlichen, diesmal künstlerischen Zweck. Die Natur als verwertbarer Besitz, sei es als Nutzholz oder „Nutzkunst“? Die Ausmaße sind natürlich in den beiden Fällen völlig andere, aber zumindest mir hat sich das Konzept dieser versuchten Annäherung an einen Naturraum nicht ganz erschlossen. Der Widerspruch bleibt bis zum Schluss.

Bewertung vom 20.04.2021
Ausgeliefert
MacGillis, Alec

Ausgeliefert


ausgezeichnet

Amazon, Google, Facebook, Apple und Microsoft gehören zu den Giganten der Technologiebranche. Sie haben in den letzten Jahrzehnten sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft vor allem in den USA dramatisch verändert, die regionale Ungleichheit erhöht und die wirtschaftliche Konzentration in einem bisher ungeahnten Maß gefördert. Alec MacGillis erzählt am Beispiel von Amazon, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, welche Sprengkraft in ihr steckt und warum die Corona-Pandemie als Brandbeschleuniger wirkt. Amazon ist dabei das perfekte Brennglas, um die wachsenden Unterschiede zu verdeutlichen, steht aber stellvertretend für alle Techgiganten.

Das Internet verbindet uns und sollte eigentlich ermöglich, überall zu wohnen und zu arbeiten, egal wie weit wir voneinander leben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Tech-Konzerne verstanden schnell, wie wichtig der Standort ist: Man siedelt sich dort an, wo ähnliche Unternehmen zu finden sind. Die Infrastruktur stimmt und es ist einfacher, Angestellte zu finden. Diese Clusterbildung ist auch für qualifizierte Angestellte positiv, denn sie finden nach einer Kündigung schnell wieder einen guten Job. Minutiös, anhand von vielen Beispielen und langzeit-begleiteten Einzelschicksalen zeigt MacGillis die erheblichen Nachteile dieser Konzentration auf. Rasant steigende Mieten und Hauspreise, Obdachlosigkeit, unverfrorene Einflussnahmen der Giganten auf die Politik, Einfordern von Subventionen, Spaltung der Gesellschaft, zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, Ausnutzen der Marktführerschaft, Unterdrückung von Gewerkschaften – das sind nur einige der Themen, die der Autor behandelt. Er mahnt die Politik hier steuernd einzugreifen und hofft auf US-Präsident Biden und die Demokraten, die bereits zu Trumps Regierungszeit im Justizausschuss einen umfangreichen Untersuchungsbericht über die Dominanz der Tech-Giganten veröffentlicht und den Kongress aufgefordert haben, Maßnahmen zur Zerschlagung dieser Unternehmen zu ergreifen. "Unsere Wirtschaft und unsere Demokratie stehen auf dem Spiel" war ihre abschließende Warnung. Bisher ist aber nichts weiter passiert.

MacGillis' Sprache ist klar und verständlich, die Übersetzung des Buches ins Deutsche sehr gut gelungen. Er schreibt kurzweilig, fesselnd und es gelingt ihm, die großen Themenbogen zu spannen. Vom Aufstieg und Niedergang der Stahl- und Autoindustrie über das branchenübergreifende Sterben von Geschäftsmodellen (Zeitungen, Einzelhandel etc.) bis zur Übernahme der Wirtschaftsmacht durch Technologie- und Digitalkonzerne wie Amazon, Google & Co.. Mit vielen, mir bisher unbekannten Details insbesondere über Amazon beschreibt MacGillis spannend und gut verständlich, wie das Unternehmen neue Standorte (Zentrale, Logistik, Rechenzentrum) sucht bzw. sich die Städte bei Amazon mit immer extremeren Subventionsangeboten bewerben müssen, wieso Steuervermeidung so wichtig für Amazon ist, wie die Logistikzentren arbeiten, warum der Marketplace so kritisch ist und wer den Preis für Amazons Kundenorientierung letztendlich zahlen muss. Dennoch sollte der Leser differenzieren und berücksichtigen, dass MacGillis' Recherchen nur Amazon USA betreffen. Aber viele der Entwicklungen (z. B. Steuervermeidung, Gewerkschaften) sind bereits heute in Europa zu erkennen. Vielleicht war die USA nur die Blaupause.

Bewertung vom 14.04.2021
Steinerne Macht
Matzerath, Simon;Büren, Guido von

Steinerne Macht


ausgezeichnet

Die seit dem 19. Jahrhundert von Amateuren betriebene „Burgenkunde“ hat sich in den letzten Jahrzehnten erkennbar professionalisiert und ist heute eine interdisziplinäre Burgenforschung geworden. Das gleiche gilt für die Festungsforschung, wobei im Vorwort zu „Steinerne Macht“ gleich auf die Schwierigkeiten der Begriffsabgrenzung „Burg“, „Schloss“ und „Festung“ hingewiesen wird. Die Übergänge sind vollkommen fließend, sowohl was die Architektur als auch die Nutzung angeht.

Trotz seines Umfangs von fast 700 Seiten im Halbfolioformat ist „Steinerne Macht“ keine auf Vollständigkeit ausgerichtete Enzyklopädie der Burgen, Festungen und Schlösser in Lothringen, Luxemburg und dem Saarland, sondern fokussiert sich auf eine repräsentative Auswahl aus allen Architektur- und Nutzungstypen, sowie Zeitstellungen, wobei jeweils die bedeutendsten und/oder besterhaltenen Beispiele vorgestellt werden. Vorangestellt sind Übersichtsartikel von fachkundigen Autoren, die jeweils eine summarische Gesamtschau zu einem bestimmten Bautypus über die Gesamtregion erstellen, z. B. frühmittelalterliche Burgentypen, Renaissanceschlösser, Festungen, historistische Burgen etc.. Der umfangreichere Teil widmet sich im Anschluss ausführlich den exemplarisch ausgewählten Gebäudestrukturen, die dann nach den drei Regionen geordnet sind. In jedem Einzelfall wird die dokumentierte (Bau)Geschichte zusammengefasst, und soweit möglich, werden auch Rekonstruktionszeichnungen gezeigt. Jedes Einzelkapitel ist ausgezeichnet illustriert, mit zahlreichen Luft- und Bodenaufnahmen, sowie Karten und Grundrissen. Ein besonderer Fokus liegt bei allen Autoren auf der Authentizität des aktuellen Bestandes und der Funde/Befunde der Vergangenheit. Durch die teilweise noch bis in jüngste Zeit sehr unsachgemäße „Restaurierung“ und ungenügende Befundsicherung ist die gesicherte Erkenntnis in der Burgenforschung eher die Ausnahme als die Regel. Oft sind Bauphasen kaum noch rekonstruierbar und nicht selten wurden bei Umbauten zur touristischen Umnutzung von Ruinen der Bauschutt bis zum Felsgrund undokumentiert abgetragen - ein unwiederbringlicher Verlust. Diese berechtigten Klagen ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk.

Umso erstaunlicher ist dann doch das Gesamtbild, das sich aus der Fülle der fragmentarischen Einzeldaten ergibt. Zwar weisen die Autoren stets darauf hin, wie schwierig die Übertragung von Befunden zwischen Objekten ist, aber dennoch lassen sich Grundprinzipien ableiten und es ist auch erkennbar, dass die noch im Boden befindlichen Überreste die wahrscheinlich wertvollsten sind. Gerade zu frühmittelalterlichen Turmhügelburgen gibt es kaum archäologische Untersuchungen, ja die meisten sind bisher nicht einmal kartiert. Hier lässt sich noch viel erforschen, im Gegensatz zu den malerischen, aber fast alle historistisch überformten Burgen, die touristisch oder wirtschaftlich erschlossen wurden.

Obwohl über zwei Dutzend Autoren an den Beiträgen beteiligt waren, ist die inhaltliche und sogar sprachliche Qualität sehr einheitlich, was bei solchen Kooperationen nicht oft vorkommt und auf eine gute Projektkoordination schließen lässt. Das Architektur- Fachvokabular wird beim Leser vorausgesetzt und es gibt leider kein Glossar im Anhang. Die Übersicht ist umfassend, sehr aktuell und legt den Finger deutlich in die Wunde, die der unsachgemäße Umgang mit dem historischen Erbe geschlagen hat. Erschreckend ist dabei weniger, was die ersten, noch ahnungslosen Burgenforscher im 19. Jahrhundert angerichtet haben, sondern eher, dass selbst moderne Stadtplaner nichts daraus gelernt haben.

Bewertung vom 12.04.2021
Jeder geht für sich allein
Wakatake, Chisako

Jeder geht für sich allein


ausgezeichnet

Momoko Hidaka ist 74, seit 15 Jahren Witwe und lebt alleine in einem Vorort von Tokyo. Sie hat keinerlei soziale Kontakte, dafür melden sich in letzter Zeit immer mehr Stimmen in ihrem Kopf. Stimmen aus der Vergangenheit, die seltsamerweise auch noch Dialekt sprechen. Momoko ist in Ibaraki aufgewachsen, im Nordosten der japanischen Hauptinsel, wo man einen stark gefärbten Dialekt spricht, der mit dem Hochjapanischen nur wenig Ähnlichkeit hat. Als Momoko vor 50 Jahren nach Tokyo „ausgewandert“ ist, hatte sie ihn sich mühsam abtrainiert, aber jetzt kommt der Dialekt mit Macht zurück. Und die Stimmen in ihrem Kopf sprechen Wahrheiten aus, die sich Momoko niemals eingestanden hätte: Ihr Leben lang hat sie sich angepasst und anderen gedient und dabei völlig vergessen, selber zu leben. Ob ihr noch genug Zeit bleibt, wenigstens einen Teil davon nachzuholen?

Chisako Wakatake hat mit ihrem Erstlingswerk in Japan einen Bestseller gelandet, denn sie traf einen Nerv. Die Situation, in der sich Momoko befindet, ist Realität für viele Millionen Japanerinnen in einer rapide alternden Gesellschaft. Wer in Japan reist, sieht überproportional viele alte Frauen im Straßenbild, vor allem auf dem Land, wo die Vergreisung der Gesellschaft besonders weit fortgeschritten ist. Momoko hatte insofern Glück, als dass sie eine sehr glückliche und liebevolle Ehe führte, nur ist ihr Mann leider früh verstorben. Viele Ehen in Japan waren arrangiert und eine lieblose Zweckbeziehung, die oft zerbricht, sobald der Mann in Rente geht. Auf dem Land haben die Frauen (nicht dagegen die Männer) enge soziale Netze - in Großstädten wie Tokyo aber nicht. Momoko ist zutiefst einsam, gesteht sich das aber erst sehr spät ein, mit einer typisch japanischen „da muss man eben durch“-Haltung.

Das Thema ist auf den ersten Blick ein wenig niederdrückend, aber ein literarischer Kniff gibt dem Ganzen doch einen humorvollen Anstrich: Die Stimmen in Momokos Kopf sprechen Dialekt und sie sind, für japanische Verhältnisse, von entwaffnender Ehrlichkeit. Man könnte sagen, die Stimmen der Vergangenheit lesen Momoko die Leviten und ziehen sie aus dem Tal der sich andeutenden Depression wieder heraus.

In der sehr gelungenen deutschen Übersetzung hat man den Dialekt ins Vogtländische übertragen, das Ähnlichkeiten mit dem Fränkischen hat. Man muss sich erst etwas einlesen, aber wenn man die Lautverschiebungen begriffen hat, wird der direkte Humor und die unverblümte Sprache der erfrischende Gegenpol zur gesellschaftlich angepassten Momoko. Und zum Schluss gibt das offene Ende (Japaner mögen keine klar abgeschlossenen Geschichten) genügend Raum für Optimismus.

Bewertung vom 09.04.2021
Einsiedeln, 2 Audio-CD
Hürlimann, Thomas; Leser, Joachim; Sander, Klaus

Einsiedeln, 2 Audio-CD


ausgezeichnet

Thomas Hürlimann war in den Sechzigerjahren Klosterschüler im Kloster Einsiedeln, ein von Benediktinermönchen diktatorisch geleitetes Internat. Er erzählt auf diesen zwei Audio-CDs frei und ohne Manuskript von seinen Erlebnissen, wobei die sprachliche Präzision und Strukturiertheit, mit der er berichtet, in jeder Hinsicht bemerkenswert ist. Man müsste das gesprochene Wort einfach nur aufschreiben und zwischen zwei Buchdeckel binden. Hürlimanns Geschichte ist packend, humorvoll pointiert, und beschreibt sehr anschaulich den Umbruch von einer 200-jährigen, diktatorischen Klosterhierarchie, die offenbar Sadisten und Psychopathen anlockt wie Motten das Licht, hin zur offenen Gesellschaft der 68er, die die Mönche mit gefängnisartig verschlossenen Türen eigentlich draußen halten wollen. Aber im Inneren gärt es bereits und einige der fortschrittlicheren Lehrer stehen zumindest heimlich auf Seiten der Schüler. Hürlimann beschreibt mit einem Augenzwinkern, wie die Schüler die rote Linie der Regelübertretungen immer weiter vorschieben, bis sich die Unzufriedenheit in einem Akt der (unblutigen) Revolution entlädt.

Es ist keineswegs so, dass Hürlimann den Unterricht im Kloster völlig verdammt, im Gegenteil. Die fachliche Qualifikation der Lehrer ist hervorragend, nur mit der pädagogischen hapert es manchmal, weshalb die nach alternativem Wissen hungernden und durch keine externen sozialen Kontakte abgelenkten Schüler immer neue Wege finden, „verbotene“ Bücher zu lesen. Am Ende sind diese Schüler ihren gleichaltrigen Kameraden in der Außenwelt intellektuell um Jahre voraus, was Hürlimann ohne Überheblichkeit, sondern eher verwundert feststellt. Es gelingt ihm auch sehr anschaulich, die biedermeierliche Schweizer Welt im katholischen Zug wieder lebendig werden zu lassen, in der er als Kind aufwuchs und die sich kurz darauf so radikal verändern wird.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Hürlimann in jedem Kapitel einen Spannungsbogen aufbaut, den er mit einem untrüglichen Gespür für das richtige Timing und die richtigen Worte am Ende auflöst. Jedes Kapitel funktioniert für sich fast autark und ist doch über einen größeren Erzählrahmen mit allen anderen verbunden. Wie jemand etwas so perfektes „aus dem Ärmel“ schütteln kann, ist mir immer noch ein wenig rätselhaft, aber es ist zweifellos großes Erzählkino für den Kopf. Ich hätte gerne noch stundenlang weiter zugehört.

Bewertung vom 07.04.2021
Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum
Engelmann, Bernt

Die unfreiwilligen Reisen des Putti Eichelbaum


ausgezeichnet

Die Eichelbaums haben Glück im Unglück: Kaum ein halbes Jahr nach Hitlers Machtergreifung im Juni 1933 gelingt ihnen die Flucht aus Deutschland, was ihnen einen entscheidenden Vorsprung verschafft. Zuerst lassen sie sich in Italien nieder, wo Vater Curt, ein in Berlin hoch angesehener Anwalt und Notar, für Filmgesellschaften Verträge aufsetzt, bis auch hier die Nazis so viel Einfluss bekommen, dass die Eichelbaums auf abenteuerlichen Wegen weiter bis Kuba fliehen. Ihr Sohn Richard „Putti“ ist da gerade mal 18 Jahre alt, aber bemerkenswert aufgeweckt und ungeheuer sprachbegabt. Diese Begabung, zusammen mit seinem Gespür für gute Gelegenheiten und die richtigen Kontakte, wird ihn bis in die US Armee führen, wo er in Europa kriegsentscheidende Momente miterlebt, aber durch viel Glück der echten Gefahr stets ausweicht.

Bernt Engelmann war Jugendfreund Richard Eichelbaums und hat dessen Erlebnisse, die an vielen Stellen an die bauernschlauen Geschichten eines Soldaten Schwejk erinnern, aufgezeichnet und mit Herzlichkeit und Humor zu einem packenden Abenteuer verdichtet. Das Besondere an „Putti“ Eichelbaum ist, dass er niemals verzweifelt, wodurch er selbst schwierige Situationen scheinbar mühelos meistert. Er ist immer menschlich, aufgeschlossen und extrem lernfähig. Im Lauf seiner Flucht wird er fünf Sprachen beherrschen, was ihm später beim Militär viele Möglichkeiten eröffnet. Die meisten davon bieten sich zufällig und ohne sein Zutun, aber er ergreift sie mit Neugier und ohne Furcht vor Neuem.

Bernt Engelmann schreibt in leicht verständlicher Sprache, niemals abgehoben oder in salbungsvollem Pathos, sondern mit einem humorvollen, fröhlichen Unterton, in dem die Bewunderung für seinen Freund mitschwingt. Das filmreife Leben Puttis, der immer mit einem blauen Auge davonkommt und dabei fürsorglich für seine Familie sorgt (denn der Vater kann später in den USA nicht mehr als Anwalt arbeiten), bietet sich für diese schelmische Grundstimmung förmlich an. Wenn es gefährlich wird, ist Putti entweder noch nicht da oder rechtzeitig weg. Es ist fast, als hielte jemand seine schützende Hand über ihn.

Das Buch ist sehr spannend, unterhaltsam und von einer zutiefst positiven Lebenseinstellung getragen. Über das weitere Leben Puttis hätte ich gerne noch ein wenig mehr erfahren, aber da schweigen sich Autor und Verlag leider aus. Soviel habe ich herausgefunden: Putti wird 1971 in München heiraten, aber in Florida leben, Kinder und Enkelkinder bekommen und nach seinem Dienst bei der Militäraufklärung eine offenbar sehr erfolgreiche Karriere als Bauunternehmer machen. Er stirbt 93-jährig in einem Millionärsviertel von Sarasota, FL. Mich hat es nicht gewundert und ich habe es ihm von Herzen gegönnt...

Bewertung vom 05.04.2021
Miss Merkel
Safier, David

Miss Merkel


ausgezeichnet

Angela Merkel ist im Ruhestand und genießt ihr Rentnerdasein in Klein-Freudenstadt am Dumpfsee in der Uckermark. Mit Mops Putin, Ehemann Joachim (genannt Achim) Sauer und Bodyguard Mike im Schlepptau versucht die Ex-Kanzlerin mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten, was ihr leidlich gelingt. Aber Angela fühlt sich erkennbar unterfordert und da kommt der Mord am Schlossherrn Philip von Baugenwitz gerade recht, denn der Blaublüter wurde tot im verschlossenen Verlies aufgefunden. Die Polizei glaubt an Selbstmord, aber Angela versteift sich auf Mord. Und plötzlich tauchen die Mordmotive im Dutzend auf. Das halbe Dorf und die ganze Schlossbesatzung hatten mit dem rüden Baugenwitz einige Hühnchen zu rupfen, denn der wollte das Traditionsgemäuer angeblich an einen reichen Texaner verkaufen und war häufiger Gast in vielen Betten. Die Kanzlerin ermittelt, und wo sie früher Horst Seehofer und Olaf Scholz ausbremsten, da hängen ihr heute Achim und Mike am Bein.

Die Idee ist nett, die Umsetzung routiniert, wie man es von einem Drehbuchautor erwarten darf, der regelmäßig für die öffentlich-rechtlichen Anstalten schreibt. Miss Merkel ist ein bisschen trutschig, aber freundlich resolut, ihr Mann Achim der stereotype Wissenschaftler: dröge, humorlos und sehr analytisch. Bodyguard Mike ist dagegen ein Kerl wie ein Baum, bei Kontakt mit der Weiblichkeit jedoch verklemmt wie ein Teenager mit Zahnspange. Aus den überzeichneten Charakteren entwickeln sich einige spritzige Dialoge und Situationen, aber bei aller Krimirhetorik wirkt die Uckermark bei David Safier wie eine Kopie des ländlichen Westens der Achtzigerjahre. Die Jugend hört Gloria Gaynor (welcher junge Mensch wüsste überhaupt noch, wer das war??) und man trifft sich mit Käse, Baguette und Rotwein züchtig am Dumpfsee. Bei mir hat die Atmosphäre Assoziationen an Serien wie „Inspektor Barnaby“ oder „Agatha Raisin“ hervorgerufen, die meist nach dem Schema „Verdacht aufbauen, Verdächtigen töten, neuen Verdacht aufbauen“ ablaufen, verpackt in eine eskapistische Umgebung, in der die echten gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart weitgehend vor der Tür bleiben. Die Kaffeerunde der Verdächtigen im Finale spielt beabsichtigt auf die typische Fallaufklärung durch Hercule Poirot an (Miss Marple machte es gelegentlich anders) und kriminalistisch ist das auch alles sauber und logisch gestrickt. Dass Miss Merkel am Ende ein paar Informationsbröckchen mehr als der Leser hat, teilt sie übrigens ebenfalls mit Poirot, weshalb das Mitraten aber etwas schwierig ist.

Nana Spier liest den Text wirklich hervorragend. Safier legt großen Wert auf geschliffene Dialoge und da kann die Sprecherin ihr ganzes schauspielerisches Talent zeigen. Jedem Charakter gibt sie eine eigene, unverwechselbare Stimme und Satzmelodie und Timing passen auf den Punkt. Da hört man gerne zu.

„Miss Merkel“ ist ein wenig nostalgisch angehaucht und spricht ganz sicher alle Bestager an, die auch Barnaby oder Poirot schätzen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.04.2021
Dracula
Bang,Claes/Wells,Dolly

Dracula


ausgezeichnet

Das ist wohl der zynischste Dracula der Filmgeschichte. Als Jonathan Harker ihn beispielsweise fragt, ob es im Schloss des Grafen noch andere Personen gibt, antwortet Dracula maliziös: „Eigentlich lebt hier niemand.“ Dieser Sarkasmus angesichts der eigenen untoten Überlegenheit und unwiderstehlichen erotischen Anziehungskraft durchzieht die gesamte Serie. Tot, aber in jeder Hinsicht ungeniert und moralisch durch nichts gehemmt. Claes Bang spielt den Grafen mit einer Mischung aus adeliger Herablassung, viriler Sexualität (freizügig in jede Richtung) und geistreichem Zynismus, die sich über alle bisherigen Darstellungen erhebt. Das gelingt ihm vor allem dank des hervorragenden Drehbuchs, das den Stoff auf eine sehr originelle Weise neu erfindet und in die Gegenwart fortführt.

Es beginnt damit, dass van Helsing zu einer katholischen Nonne mit Namen Agatha wird, die ihren Glauben verloren hat und im Kloster bleibt, „wie in einer schlechten Ehe. Man braucht als Frau mittleren Alters eben ein Dach über dem Kopf“. Die Vampirjagd ist für sie ein Ersatz für die Suche nach Gott, den sie als einfältiges Kindermärchen verspottet. Ihre gotteslästerlichen Bemerkungen messen sich im wahrsten Sinn mit Draculas Zynismus und die Wortgefechte der beiden gehören zum brillantesten, was in letzter Zeit über den Fernseher geflimmert ist. Nie hatte Dracula einen würdigeren Gegner als diese Frau. Jonathan Harker, Lucy Westenra und auch Renfield bekommen ebenfalls völlig neue Funktionen, die die logischen Brüche im Originalbuch von Bram Stoker sehr elegant ausbügelt. Gleichzeitig heben die Twists, die ich hier jetzt nicht verrate, die Geschichte auf ein neues intellektuelles Niveau.

Dem Drehbuch ebenbürtig ist die Ausstattung und die wirklich atemberaubende Kulisse. Alleine schon das Schloss Draculas, das in seiner labyrinthartigen Struktur ein wenig an die Bibliothek im „Namen der Rose“ erinnert, hat Kinoniveau und ist komplett analog gebaut und nicht digital programmiert, wie aus dem interessanten Bonusmaterial hervorgeht. Die gruseligen Masken verfolgen einen noch bis in die Träume. Aus Stokers Trivialschmonzette haben die Autoren ein intelligentes Katz und Maus-Spiel gemacht, indem sie die charakteristischen Elemente der Geschichte beibehalten, diese aber umdeuten und ansonsten fast alles auf den Kopf stellen. Die größte Überraschung ist dabei, dass dem Zuschauer durch diese Maßnahmen die erzählerischen und logischen Mängel der Originalgeschichte erst so richtig bewusst werden. Und gruselig ist das Ergebnis, wie kein Dracula-Film zuvor.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten produzieren Rosamunde Pilcher, die BBC Dracula. Das sollte uns wirklich zu denken geben.