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Benutzername: Volker M.
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Bewertungen

Insgesamt 269 Bewertungen
Bewertung vom 20.03.2019
Gut für dich!, 4 Audio-CDs
Nuhr, Dieter

Gut für dich!, 4 Audio-CDs


gut

Die Menschheit besteht nicht überwiegend aus Terroristen und morgen ist auch noch nicht der Weltuntergang. Wer überall nur Gefahren und Probleme sieht, der lebt weder gesünder noch glücklicher, sondern einfach nur ängstlicher.
Letztes Jahr hat Dieter Nuhr noch die Welt gerettet, dieses Jahr bleibt das Projekt etwas übersichtlicher, diesmal rettet er sich selbst. Von Hysterie, Wutbürgern und religiösen Fanatikern hält er nichts, aber das wissen wir ja schon. Dieter Nuhr hält lieber den Ball flach, steile Argumente mag er nicht. Und jetzt hat er also den Berater für alle Lebenslagen geschrieben, mit dem man ungeschoren durch unsere irre Gegenwart kommt... nun ja, schön wär's.

Ein Problem bei den neuen Texten ist, dass viele gar nicht neu sind. Im WDR laufen regelmäßig seine Glossen und davon habe ich eine ganze Menge spontan wiedererkannt. Als 3-Minuten Happen funktionieren die auch wirklich gut, ich mag Nuhrs sprunghafte Assoziationen wirklich gerne, wenn sie in verdaulichen Portionen serviert werden. Die Strategie passt auch zu Moderationen, aber weniger gut funktioniert dieser gemischte Gedankensalat, wenn der Text zumindest annähernd einen roten Faden braucht - und den sollte ein Ratgeber schon haben. Denn Nuhrs Ratschläge sind im Wesentlichen nicht satirisch gemeint, sondern nur überspitzt formuliert und im Übrigen sind die Lebensregeln aus der küchenpsychologischen Wühlkiste meistens sehr sinnvoll und auch praxisnah. Was mich nur stört, sind die wilden Haken, die seine Gedanken schlagen, sodass bei mir oft der Eindruck entstand, es ginge doch in erster Linie darum, eine Pointe unterzubringen und weniger um den Inhalt. Ohne argumentative Struktur blieb bei mir als Hörer manchmal nur die Erkenntnis: "Wie war das jetzt im Mittelteil? Lustig war's ja, aber was will mir der nette Mann eigentlich sagen?"

Wenn Nuhr keine praktikable Lösung hat, wie z. B. bei der Frage, wie man (religiöser) Intoleranz denn nun begegnen soll, dann stellt er lapidar fest "da habe ich jetzt auch keine Idee. Egal wie man's macht, man macht's falsch..." und springt zum Thema Kaninchenzüchter. Das ist natürlich auch eine Art, mit Hysterie umzugehen, aber ob's wirklich hilft?

Keine Lösung ist eben auch keine Lösung.

Bewertung vom 19.03.2019
Internationale Architektur
Gropius, Walter

Internationale Architektur


ausgezeichnet

Walter Gropius hat selber nur sehr wenige Bauwerke realisiert, als Multiplikator und Initiator ist er dennoch ein bedeutender Architekt geworden. Die "Bauhausbücher" sind auf seine Idee hin entstanden und es darf daher nicht verwundern, wenn der erste Band sich mit der modernen Architektur befasst, die in den späten Zwanzigerjahren wesentliche Impulse erhielt, die bis heute nachwirken. Die Funktion eines Bauwerks wird ins Zentrum gestellt und der Wille, mit den verfügbaren Mitteln (seien sie technisch oder ökonomisch begrenzt) zu einem funktional optimalen Ergebnis zu kommen. Dekoration um der Dekoration willen war Gropius ein Graus und für ihn Symbol eines überholten Architekturbegriffs.

"Internationale Architektur" ist bewusst als Bilderbuch konzipiert - Gropius benutzt den Begriff selber im Vorwort - mit wenig Text und viel Anschauungsmaterial. Die gezeigten Beispiele wurden von ihm subjektiv nach dem Kriterium ausgewählt, ob sie "zukunftsweisend" waren. Gemeinsame Merkmale, die sich über Kulturgrenzen hinweg offenbarten, betrachtete Gropius als Bestätigung für die von ihm propagierte Entwicklungslinie moderner Architektur. Formal ist das natürlich nicht korrekt, da er selber die Auswahl vornahm, aber letztlich wird der erste Band der Bauhausbücher zu einem der wichtigsten Publikationen zur Architektur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Walter Gropius war ein unermüdlicher Vermarkter seiner Ideen und mit dem Zerfall des Bauhauses ab 1933 werden sich diese Ideen in die ganze Welt verbreiten, vor allem aber in die USA. Spätestens dort wird der "international style" zur Weltkultur.

Interessant ist übrigens, dass Bruno Taut, von dem auch einige Beispiele im Buch abgebildet sind, kein Verfechter einer universellen und austauschbaren Weltarchitektur war. Er wanderte später nach Japan aus und zeigte sich begeistert von der dortigen Wohnkultur und Architektur, die auf die klimatischen und materiellen Anforderungen des Landes perfekt angepasst war (und gleichzeitig den auch von Gropius verfochtenen Minimalismus pflegte).

Hier liegt im Reprint die zweite Ausgabe vor, um 4 Beispiele gegenüber der Erstausgabe erweitert und mit 12 ausgetauschten Fotos. Der Einband entspricht ebenfalls dem Design der zweiten Ausgabe.

Im antiquarischen Original ist das Werk selten und seit einigen Jahren übertrieben kostspielig, einen Reprint gab es bisher nur einmal (von der Erstausgabe). Für Bauhaus-Enthusiasten eine echte Gelegenheit.

Bewertung vom 19.03.2019
Tanz auf dem Vulkan / Dancing on the Volcano
Zagolla, Robert

Tanz auf dem Vulkan / Dancing on the Volcano


gut

Schon auf Seite 9 kam mir der Verdacht, dass der Autor von "Tanz auf dem Vulkan" nicht besonders sorgfältig recherchiert hat. Da wird ein Foto untertitelt mit "Trubel vor der Gedächtniskirche bei der Ankunft der historischen Lokomotive "Adler". Um 1927". Zum einen existiert die historische "Adler" schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr, zum anderen sieht man auf dem Foto nur den Nachbau der "Adler" von 1935, also wurde das Foto frühestens 10 Jahre später aufgenommen. Nun, damit war mein Misstrauen erst einmal geweckt. Als ich dann aber ein anderes Foto entdeckte, das angeblich von 1930 stammte, auf dem man aber ein Plakat vom erst 1945 gedrehten Film "Rhapsody in Blue" sieht, und dieses auch noch mit "Filmbühne Wien" (am Kurfürstendamm) bezeichnet war, wurden meine grundsätzlichen Zweifel schon wieder bestätigt. Das Foto zeigt weder die Filmbühne, noch ist es von 1930. Wahrscheinlich ist es nicht einmal Berlin. Kleinere Nachlässigkeiten und unnötig ungenaue Bildlegenden gibt es noch weitere, nachvollziehbare Quellenverweise, die zur tatsächlichen Herkunft oder Datierung der Fotos beitragen würden, fehlen weitgehend. Alle Bilder stammen aus einer einzigen Quelle, nämlich von akg-images, einem kommerziellen Fotoarchiv.

Nun kann man von Einzelfällen nicht auf das Ganze schließen, aber die Angaben sollte man jedenfalls mit Vorsicht betrachten. Das Ziel des Buches ist auch, die Atmosphäre der Zwanzigerjahre darzustellen, und das gelingt ihm recht gut. Berlin erscheint als sehr technikaffine, fortschrittsgläubige und vergnügungssüchtige Metropole, die wie eine Insel im Deutschen Reich liegt. Das Buch thematisiert allerdings so gut wie nicht die bittere Armut und Arbeitslosigkeit, die eben auch zu den Zwanzigern gehört. Insofern wird nur die glänzende Seite der Medaille gezeigt, aber das ist vom Autor ausdrücklich beabsichtigt.

Ein interessanter Blick in die Goldenen Zwanziger, die eigentlich nur in Berlin stattfanden und auch nicht sehr lange dauerten. Mit der Weltwirtschaftskrise war alles schnell vorbei. Die teilweise groben Recherchepatzer und ungenauen Bildlegenden haben mich trotz des interessanten Konzepts sehr gestört.

Bewertung vom 16.03.2019
Fossilien an deutschen Küsten
Rudolph, Frank; Bilz, Wolfgang; Pittermann, Dirk

Fossilien an deutschen Küsten


gut

Das Vorrücken der Eiszeitgletscher verfrachtete riesige Mengen an Gesteinsschutt über teilweise mehr als 1000 Kilometer nach Süden. Das ist der Grund, warum man an den Küsten von Nord- und Ostsee eine unerreicht hohe Konzentration verschiedener Gesteine aus allen Erdezeitaltern findet, in denen sich natürlich auch Fossilien eingebettet haben. Diese fossilienhaltigen Geschiebe stehen im Fokus des Bestimmungsführers von Rudolph, Bilz und Pittermann.

Das Problem für ein solches Buch ergibt sich aus dem eingangs Gesagten: Nur an wenigen Stellen auf der Welt gibt es eine derart komplexe, durcheinandergewürfelte (!) Fossilienfauna, wie im Bereich der ehemaligen Vergletscherung in Europa. Die normale Stratigrafie ist komplett aufgehoben und man kann theoretisch jedes Fossil an jedem Ort finden. Die Fundortangaben, die bei den Fossilienabbildungen vermerkt sind, haben daher nur repräsentativen Charakter und beziehen sich auf das individuelle, im Buch gezeigte Fundstück. Das hat ein Mitrezensent offenbar gründlich missverstanden. Außerdem ist das Bestimmen von Fossilien bei weitem schwieriger als das Bestimmen von rezenten Lebensformen, da man meistens nur Fragmente vor sich hat. Die auf den ersten Blick umfangreiche Auswahl von über 800 Spezies, die in das Buch Eingang gefunden haben, schmilzt angesichts der 40 - 50 000 verschiedenen Arten, die man bisher an den Küsten Deutschlands gefunden hat, auf eine grobe Übersicht zusammen. Da auch die morphologischen Beschreibungen im Textteil in keiner Weise ausreichen, um eine sichere Bestimmung zu gewährleisten, geht aus meiner Sicht der Anspruch, der sich im Titel findet ("Fossilien finden und bestimmen") ins Leere. Zwar bemühen sich die Autoren, vor allem häufige Spezies zu zeigen, aber bei der Mehrzahl der Kurzbeschreibungen steht dann doch die Angabe "selten". Selbst die Abbildungen, zwischen vier und acht pro Seite, sind oft viel zu klein, um morphologische Besonderheiten zu erkennen. Hinzu kommt, dass bei nicht wenigen Exemplaren sogar die Größenangaben fehlen.

Zur groben Orientierung und als Beleg für die Vielfalt der Fossilien an deutschen Küsten ist das Buch gut geeignet. Als "Fundortführer" kann es aus genannten Gründen nicht fungieren (und im Gegensatz zum Titel stellen die Autoren das im Vorwort auch klar) und zur Artbestimmung ist es nur mit etwas Glück geeignet. Sicher kann man sich jedenfalls nie sein.

Bewertung vom 14.03.2019
Tomatenlust
Studer, Ute

Tomatenlust


ausgezeichnet

Seit einigen Jahren bin ich selber Tomatenenthusiast und probiere neben den bewährten immer wieder auch neue Sorten in meinem Garten aus. Von einigen der Tomatenpioniere, die hier im Buch vorgestellt wurden, habe ich sogar schon Saatgut bezogen, umso interessanter war es, sie einmal "in Aktion" zu erleben. Mit teilweise sehr kreativen Pflanzmethoden, für mich ganz neuen Praxistipps zur Anzucht (Pflanzen streicheln!), Düngung und Pflege haben mir die Profis viele Ideen geliefert, die sich mit wenig Aufwand umsetzen lassen. Die sympathischen "Steckbriefe", eigentlich kleine Reportagen, lassen nicht nur die Personen, sondern auch ihre sehr unterschiedlichen Gärten bzw. Äcker lebendig vor Augen treten, denn bei weitem nicht jeder Tomatenpionier betreibt die Tomatenzucht zum Broterwerb.

Ganz besonders nützlich waren für mich die Sortenempfehlungen. Jeder Tomatenpionier hat seine eigenen Lieblinge, sodass insgesamt eine ganze Menge zusammenkommt, aber das grenzt die Auswahl zumindest schon mal ein. Wenn man auf manchen Webseiten 1000 und mehr verschiedene Sorten angeboten findet, ist es leider reine Glücksache, ob man da mal einen Treffer landet. Dann lieber eine Empfehlung von Leuten, die schon hunderte Sorten angebaut und Erfahrung gesammelt haben, auch wenn die klimatischen Bedingungen nicht überall gleich sind. Das sollte man übrigens berücksichtigen, wenn man die Empfehlungen für den eigenen Anbau übernimmt.

Die vorgestellten Tomatenpioniere leben in (Süd)Deutschland, Kroatien, Österreich, Schweiz und Frankreich, womit die klimatischen Anforderungen ziemlich genau umrissen sind: Wer Tomaten im Freiland anbauen will, braucht warme, trockene Sommer. Im Gewächshaus klappt's auch anderswo.

"Tomatenlust" ist nicht nur informativ und die Tipps sind praxiserprobt, sondern es macht auch Freude, die unendliche Vielfalt der Tomaten im Bild zu sehen. Manche sind so schön, dass man sie ohne zu Zögern auch als Zierpflanzen verwenden kann. Und dank der EU-Sortenverordnung, mit der die Großkonzerne alle unliebsamen, weil samenechten Sorten vom Markt gedrängt haben, darf man auch wirklich keine der im Buch vorgestellten Sorten als Lebensmittel verkaufen, sondern nur als Zierpflanzen. Ein Glück, dass die Tomatenpioniere sich davon nicht haben bremsen lassen. Jetzt sind sie halt Zierpflanzengärtner und das scheint auch eine sehr befriedigende Tätigkeit zu sein.

Bewertung vom 13.03.2019
Herr Sonneborn geht nach Brüssel
Sonneborn, Martin

Herr Sonneborn geht nach Brüssel


ausgezeichnet

Ich war mal überzeugter Europäer, aber das ist schon lange her. Mittlerweile ist meine Begeisterung deutlich abgekühlt und spätestens seit ich Herrn Sonneborns Insiderbericht gelesen habe, vollständig erkaltet. Was er erzählt, klingt manchmal fast surreal und bestätigt die schlimmsten Vorurteile - und dabei haben die etablierten Parteien alles dafür getan, um ihn nicht mitspielen zu lassen. Ja, schlimmer noch, insbesondere die Mitglieder unserer Groko haben in Brüssel dafür gesorgt, dass spätestens ab 2024 eine Sperrklausel für Kleinparteien bei der Europawahl gilt. Auf Initiative von SPD und CDU und, jetzt haltet euch fest, auf persönlichen Wunsch von Frank Walter Steineimer, unserem Bundesgrüßaugust, der laut Verfassung zur politischen Neutralität verpflichtet ist! Aber was kümmert unsere Politikerkaste schon ein Verfassungsbruch, so was gehört doch mittlerweile zum Tagesgeschäft. Die früher im deutschen Recht verankerte Sperrklausel wurde ja auch bereits vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Jetzt kommt sie über das Europarecht eben wieder. So läuft's Business!

Martin Sonneborn ist seit 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments, und auch wenn ihn die etablierten Parteien gerne als Clown bezeichnen, "der die Würde des Parlaments verletzt", aus meiner Sicht sind es aber Figuren wie Elmar Brocken, der sich über jeden Anstand und normale Umgangsformen hinwegsetzt, Günni Oettinger, der die Klaviatur psychologischer Machtspielchen meisterhaft beherrscht oder Martin Chulz, der ganz tief im europäischen Intrigennetz drinsteckt, die die Würde des Parlaments verletzten. Sonneborns Bericht ist voll von Skandalen, von denen es leider nur ganz wenige bis in die Schlagzeilen gebracht haben und deren Hintergründe meist im Verborgenen bleiben. Unser PARTEI-Vorsitzender schaut ganz genau hin und man kann ihm viel vorwerfen, aber ganz sicher nicht, dass er die letzten vier Jahre nur auf dem Hintern gesessen, seine Leber ruiniert und Abgeordnetenbezüge kassiert hat. Das hat er natürlich auch getan und die Privilegien, mit denen ihn die EU überschütten, sind ein nicht kleiner Teil des Skandalberichts, aber er gibt sich äußerst viel Mühe, hinter die Kulissen zu schauen. Und das fachlich auf teilweise erstaunlich hohem Niveau für einen Anfänger! Er beherrscht die juristischen und strategischen Spitzfindigkeiten, mit denen man ihn ausbooten will, mindestens so gut wie seine Gegner. Und wenn der Gegner Groko oder AfD heißt, sogar noch besser, denn mit seinen spitzen Bemerkungen entlarvt er gnadenlos jede scheinheilige Argumentation und jedes Politschauspiel.

Das EU Parlament ist ungefähr so mächtig wie die Duma in Russland oder der chinesische Volkskongress. Die Demokratie ist hier in einem Ausmaß ausgehebelt, wie ich das nie für möglich gehalten habe. Eine deutsche Wählerstimme hat ein Zehntel des Gewichts einer belgischen, von Malta oder Luxemburg brauchen wir gar nicht erst zu reden. Das Parlament hat kein Initiativrecht und darf nur über Gesetze abstimmen, die ihm die Kommission vorlegt, die wiederum von keinem Wähler gewählt wurde. Der europäische Volksentscheid hat die politische Wirkung eines lauen Sommerwinds. Und all das verkauft man uns als "Mitbestimmung". Die Politiker wollen wissen, warum wir politikverdrossen sind? Für wie dumm haltet ihr uns eigentlich?

Da, wo Sonneborn einen Scherz macht, ist meistens ein handfester Skandal verborgen. Dass es den Politbonzen nicht gefällt, wenn ihnen jemand so genau auf die schmutzigen Finger schaut, kann ich gut verstehen, ebenso, dass sie ihn massiv versuchen, lächerlich zu machen. Der getroffene Hund jault eben. Nicht wahr, Herr Brok? Daraus ergibt sich aber auch, dass es offenbar notwendig ist, so einen Aufklärer direkt im EU-Parlament zu haben. Einen, dem man nicht die Akkreditierung entziehen kann, wenn er zu neugierig wird. Meine Stimme hat Sonneborn jedenfalls sicher und sein Buch gehört als Pflichtlektüre in jede Schule!

Bewertung vom 12.03.2019
Samurai

Samurai


ausgezeichnet

Die Sammlung von Ann und Gabriel Barbier-Mueller gehört zum qualitativ hochwertigsten, was man zu japanischen Rüstungen in der westlichen Welt sehen kann. Derzeit wird sie in bisher einmaligem Umfang in der Kunsthalle München gezeigt, begleitet von dem vorliegenden Katalog, der jedoch nicht das gesamte ausgestellte Material beschreibt. Aus mir unbekannten Gründen ist nur ein Teil (allerdings der größere) hier aufgenommen worden.

Bemerkenswert ist, dass diese Sammlung, obwohl so bedeutend, erst in den letzten 30-40 Jahren entstanden ist, als "neues" Betätigungsfeld für die Familie Barbier-Mueller, die bereits Museen mit Antiken und ethnologischer Kunst gestiftet hat. In der dritten Generation nahmen sich Ann und Gabriel Barbier-Mueller der japanischen Kriegerkaste an und es ist ihnen gelungen, einige herausragende Stücke zu erwerben. Die Mori-Garnitur, die einzige komplette und zusammengehörige Ausrüstung eines Daimyo außerhalb Japans, stellt dabei den Höhepunkt dar. Sie entstand vor über etwa 200 Jahre seit dem Ende der Momoyama-Zeit und ist in einem bemerkenswert guten Zustand. Mit dem Beginn der Edo-Periode wurde Japan nach Jahrhunderten im permanenten Bürgerkrieg endlich befriedet und die Rüstungen verloren ihren militärischen Wert. Stattdessen verschob sich ihre Bedeutung hin zu repräsentativen Aufgaben, sie wurden zu offiziellen Anlässen angelegt und waren auch Teil des Hofzeremoniells. Das erklärt die kostbare Ausstattung mit feinsten Materialien in handwerklicher Perfektion, der aber die Praktikabilität fehlt.

Auch wenn der Titel der Ausstellung es vielleicht suggeriert, aber das Element, das man unmittelbar mit den Samurai assoziiert, taucht in der Sammlung quasi nicht auf: Das Schwert. Die Barbier-Muellers haben sich ganz auf Rüstungen und ihre Begleitutensilien fokussiert und das Thema Waffen (bisher) nicht bearbeitet. Qualitätvolle Rüstungen sind im Übrigen viel seltener als qualitätvolle Schwerter, was vielleicht ein Grund für die Beschränkung ist, da so eine gewisse Chance besteht, irgendwann eine Sättigungsgrenze zu erreichen. Die Sammlung ist nach eigener Aussage auch noch nicht abgeschlossen und der heutige Stand eine Momentaufnahme.

Der zeitliche Schwerpunkt liegt tatsächlich auf den repräsentativ angelegten Stücken der (frühen) Edo-Periode, vor allem Helme, die in ihrer bemerkenswerten Vielfalt und ornamentalen Pracht erst richtig in der Nahsicht wirken. Viele Detailaufnahmen im Katalog zeigen daher die Perfektion japanischen Kunsthandwerks in den unterschiedlichsten Materialien. Die Beschreibungen geben nicht nur Auskunft über die Art der Verarbeitung, sondern auch über den historischen Hintergrund des ursprünglichen Trägers, soweit ermittelbar.

Die Textbeiträge sind von ausgewiesenen Kennern der Materie verfasst und liefern eine gute Übersicht über die Geschichte der japanischen Kriegerkaste, ihr elitäres Selbstverständnis, ihre materiellen Hinterlassenschaften (Burgen, Waffen, Rüstungen) und ihre Rolle in der Gesellschaft. Ungewöhnlich und sehr interessant, weil thematisch meistens übergangen, ist auch das Kapitel über die Frau im Samuraistand.

Auch wenn nicht alle ausgestellten Stücke im Katalog Aufnahme fanden, ist der Katalog alleine schon aufgrund der hervorragenden Fotos und der soliden Hintergrundinformationen eine Anschaffung wert. Wer noch Bedeutenderes sehen will, muss schon selbst nach Japan reisen.

Bewertung vom 11.03.2019
Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen
Reich, Matthias

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen


ausgezeichnet

Seit über 10 Jahren bin ich Japan-infiziert und lese auch sehr viel über das Land. Ich glaube, ich kenne mich ganz gut aus und trotzdem gibt es immer wieder mal Überraschungen. "Was Sie dachten, niemals über Japan wissen zu wollen" ist so eine. Es ist eines der Bücher, die hinter eine Fassade schauen, die für die Öffentlichkeit aufgebaut wurde und keine Nation kann das besser als die Japaner. Fassaden zu errichten und Masken zu tragen, darin sind sie wirklich Weltmeister. Nicht, dass Matthias Reich hier schmutzige Wäsche wäscht, nein, das ist nicht sein Ziel. Es kommen zwar auch unappetitliche Dinge als Tageslicht, wie die skandalös hohen Verurteilungsraten an japanischen Gerichten (> 99,8%, und das ist leider kein Gerücht!) oder der sehr freizügige Umgang mit sämtlichen Formen von bei uns mit hohen Strafen versehenen Varianten der Pornografie, oder auch die berüchtigte japanische professionelle Ineffizienz, aber das steht nicht im Vordergrund. Außerdem erklärt Matthias Reich sehr anschaulich und vor allem unterhaltsam, warum es so ist, wie es ist. Nun ja, zumindest versucht er es, denn nicht selten wissen die Japaner selber nicht mehr, warum sie etwas tun. Es ist halt Tradition und zumindest gegenüber dem Ausland halten Japaner Traditionen gerne sehr hoch. Ich empfehle für Interessierte den staatlichen Jubelsender NHK, der ein Japanbild verbreitet, wie es die Japaner lieben. Auch dazu kennt Reich hübsche Anekdoten.
Natürlich kommen die guten Seiten ebenfalls nicht zu kurz, denn davon hat Japan nicht wenige. Meistens erweisen sie sich allerdings bei näherer Betrachtung als zweischneidige Schwerter und für diese zwei Seiten der Medaille hat Matthias Reich ein Faible. Alles, was er berichtet, kennt er aus erster Hand, denn er lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Japan und ist auch mit einer Japanerin verheiratet. Und er hat ein Kind. Das ist übrigens wieder ein eigenes Kapitel, das sich zu erzählen lohnt, denn bezüglich Kindern sind Japaner ziemlich ambivalent.

Ein besonders unterhaltsamer Schwerpunkt ist die Sicht der Japaner auf den Rest der Welt und wie sie sich fremde Kulturen aneignen. Darin sind sie ebenfalls Weltmeister (und das seit über 1000 Jahren). Die Resultate sind manchmal zum Schreien komisch, und wenn ich an die sinnfreien Sprüche auf japanischen Handtaschen und Schulranzen denke, manchmal sogar auf "Deutsch", dann bekomme ich gleich wieder einen Lachanfall. Japaner sind von fremden Sprachen fasziniert, nur geht ihnen leider jegliches Talent dafür ab.

Mir hat sehr gefallen, wie Matthias Reich mit Witz aber ohne Häme über Japan berichtet. Vielleicht wird man ständig Opfer sinnloser japanischer Bürokratie, und ja, Japaner halten sich selbst dann noch sklavisch an Regeln, wenn sie erkennbar nicht zum Ziel führen, sondern Chaos erzeugen. Aber die Japaner sind eben auch Genies der Organisation, und wenn man bedenkt, wie viele Menschen dort auf engem Raum zusammenleben, dann bricht insgesamt bemerkenswert wenig Chaos aus. In den meisten Fällen zahlt es sich nämlich für die Gemeinschaft aus, wenn man sich an die Regeln hält. Das ist zum Beispiel mal etwas, da können wir uns in Deutschland gerne mal eine bis zwei Scheiben abschneiden, denn Regeln und Gesetze, so scheint es, gelten hier mittlerweile nur noch als Vorschlag. Oder man kann sich ein Vorbild daran nehmen, wie man mit öffentlichem Eigentum umgeht. Oder wie man den öffentlichen Nahverkehr im Schuss hält. Oder, oder, oder...

Bewertung vom 10.03.2019
Die Geburtskirche in Bethlehem
Kühnel, Bianca; Kühnel, Gustav

Die Geburtskirche in Bethlehem


ausgezeichnet

Die Geburtskirche ist ein Zeugnis frühchristlicher Kultur mit einer Ausstattung aus der Kreuzfahrerzeit, wie es in Palästina kein zweites gibt. Zwar sind die prachtvollen Mosaiken nur noch in Fragmenten erhalten, jedoch lässt sich fast die gesamte ehemalige Ausstattung anhand dieser Überreste und textlicher Quellen rekonstruieren, was bisher für kein anderes Bauwerk dieser Zeit möglich ist.

Der frühchristliche Bau der Geburtskirche wurde im 12. Jahrhundert, nur wenige Jahrzehnte, nachdem Bethlehem kampflos den Kreuzrittern übergeben wurde, mit Mosaiken und Inschriften ausgeschmückt. Das Bildprogramm ist im mittelbyzantinischen Stil gehalten, wie er auch aus anderen Kirchen bezeugt ist. Außergewöhnlich und in seinem Umfang absolut einzigartig sind allerdings die Inschriften, die einen großen theologischen und kirchenhistorischen Bogen spannen und sich auf eine Reihe regionaler und ökumenischer Konzile beziehen. Im Gegensatz zur üblichen Praxis werden die Konziliarsteilnehmer jedoch nicht figürlich gezeigt, sondern die eigentlichen Beschlüsse in Textform referenziert, die die bildlichen Begleitdarstellungen erkennbar dominieren. Das ist sehr ungewöhnlich für eine Zeit, in der kaum jemand lesen konnte und theologisches Wissen in der Regel über Bilder transportiert wurde.

Aber auch der figürliche Mosaik-Schmuck ist herausragend und, wie die umfangreiche Restaurierung in der jüngeren Vergangenheit zeigte, zusammen mit der restlichen Ausstattung entstanden. Die christlichen Geneaologie-Motive greifen zurück auf umfassende Konzepte mit bis in die Antike zurückreichenden Wurzeln, die in die gesellschaftliche und theologische Tradition des westeuropäischen Mittelalters eingebettet sind. Auch gibt es zahlreiche liturgische Bezüge im Bildprogramm, die allerdings noch nicht in Bezug zu einer speziellen Liturgie gesetzt werden können, wie das z. B. schon bei der Grabeskirche möglich war. Bianca und Gustav Kühnel zeigen in ihrer Monografie, dass der Ausstattung ein einheitliches Konzept zugrundeliegt, das sich zum einen auf den heiligen Ort und die prophezeite Geburt (und als bildlichen Kontrapunkt den Tod und die Auferstehung) Christi stützt, zum anderen aber auch machtpolitische und liturgische Botschaften sendet, die ein mittelalterlicher Besucher sicher zu interpretieren wusste.

Der Band ist mit umfangreichem Bildmaterial ausgestattet, das den Zustand der Mosaiken nach der Restaurierung zeigt. An einigen Beispielen wird aber auch die erstaunliche Veränderung der Wirkung dargestellt, die mit der Restaurierung einherging. Die handwerkliche Qualität des Originals war hervorragend und das wird erst jetzt wieder sichtbar. Die Textbeiträge sind fachlich qualifiziert, sprachlich transparent und auch für interessierte Laien gut verständlich.

Im Anhang hat Erich Lamberz die zweisprachige Stifterinschrift und die Konziliarsinschriften anhand der erhaltenen Fragmente und einer im 17. Jahrhundert veröffentlichten Transkription der übrigen Texte neu editiert. Seine umfassende philologische Analyse unterstützt die Erkenntnisse zur Funktion, die das figürliche Programm ergänzt. So wird die Geburtskirche als zentraler Ort erkennbar, in dem Kreuzfahrerkönig, byzantinischer Kaiser und die lokalen Kirchen einen gemeinsamen Weg finden, ihren Glauben zu leben, in demonstrativer friedlicher Koexistenz. Und wenn man an die gewalttätige Gegenwart in Palästina denkt, kommt es einem fast wie eine Botschaft aus der Vergangenheit vor: Es geht eben auch anders.

Bewertung vom 06.03.2019
Der Crash ist da
Homm, Florian; Krall, Markus; Hessel, Moritz

Der Crash ist da


ausgezeichnet

Dieses Buch unterscheidet sich von vielen seiner Themenverwandten durch konkrete Handlungsempfehlungen für die verschiedenen kurz- und langfristigen Szenarien. Die Autoren erläutern, wann man Aktien und Anleihen verkaufen oder kaufen soll, welche Branchen und Unternehmen der Anleger meiden soll, auf welche Frühindikatoren und Kennziffern man achten sollte, wie man Investitionen absichern kann und worauf Investoren in der Bilanz achten sollen, um "Zombie-Unternehmen" zu identifizieren. Hierzu haben sie die 500 größten AGs der Welt unter die Lupe genommen und analysieren, welche Unternehmen z.B. von einem Zinsschock profitieren würden und welche besonders anfällig wären.

Neben der Analyse des aktuellen Marktumfelds (überbewertete Unternehmen, steigendes Zinsniveau in den USA und seine Auswirkungen auf die Unternehmensgewinne, Verschuldung von Privathaushalten, Unternehmen und Staaten, Pulverfass China etc.) gehen die Autoren auch auf die technologischen Trends ein, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft in den nächsten 10 Jahren nachhaltig und fundamental verändern werden (Künstliche Intelligenz, Blockchain, 3D-Druck etc.).

Selbst wenn es nicht zu einem Crash kommen sollte, werden die Finanzrepressionen immer weiter zunehmen. Durch die Nullzinspolitik werden bereits heute die Sparer enteignet und Staatshaushalte durch die unkompensierte Inflation entlastet. Aber im Giftschrank sind weitere Maßnahmen. So ist eine "Vergemeinschaftung deutscher Vermögenswerte" (zu deutsch: Zweckentfremdung von Vermögen deutscher Steuerzahler für die Rettung von Banken) denkbar oder Zwangshypotheken auf Immobilien bzw. eine Sondersteuer (wie z.B. heute schon in Griechenland: 10 Euro/qm - eingezogen mit der Stromrechnung).
Besonders in wirtschaftlichen Krisen sehen die Autoren die Geldanlagen im Ausland vor einem Staatseingriff besser geschützt als in Deutschland oder innerhalb der EU und machen daher Vorschläge für die physische Aufbewahrung von Gold im außereuropäischen Ausland oder die Gründung einer Limited Liability Company (LLC/LTD) z. B. in Neuseeland, um unabhängig von der europäischen Gesetzeslage investieren zu können.
Für den Euro sehen die Autoren schwarz und resümieren: "Die Regierungen können nur die weiße Flagge der Kapitulation hissen und ihre eigene Abspaltung vom Währungsblock vorschlagen. Um sich von diesem sinkenden Schiff zu retten, wäre ein Austritt aus der Eurozone wohl die einzig vernünftige Lösung."

Insgesamt ist das Buch ein sachlicher, praxisnaher und verständlicher Ratgeber mit vielen Denkanstößen und Handlungsempfehlungen. Die Vorschläge der Autoren dienen dabei als Ausgangspunkt für weitere Recherchen, denn Privatanleger sollten nur in Anlageprodukte investieren, die sie auch verstehen.

Ganz so sicher scheinen sich die Autoren dann doch nicht zu sein, denn sie prophezeien im Schlusskapitel gleich drei mögliche Szenarien: "Alles wird gut", "Weiter so!" oder der totale Kollaps. Auch schließen sie nicht aus, dass ein "Kuddelmuddel" im Crash endet. Am Ende dürfen sie sich dann auf die Schulter schlagen und "hab' ich's doch gesagt!" rufen. Zumindest das ist sicher.