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Benutzername: Volker M.
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Insgesamt 307 Bewertungen
Bewertung vom 10.01.2019
Leben mit den Göttern
MacGregor, Neil

Leben mit den Göttern


ausgezeichnet

Wir leben in erstaunlich säkularen Zeiten. Verglichen mit anderen Epochen spielt die Religion heute nur eine untergeordnete Rolle, aber diese Phase scheint nun zu Ende zu gehen. Der Islam schickt sich an, die Welt seinen Regeln zu unterwerfen und damit offenbart er eine wesentliche Eigenschaft, die Religion immer schon hatte, die wir aber fälschlicherweise gerne ignorieren: Religion war immer schon ein Instrument zur Ausübung politischer Macht.

Neil McGregor, bis 2015 Direktor des British Museum, untersucht in "Leben mit den Göttern", was Religion im Inneren ausmacht und wie der Glaube mit dem Staat und der Gesellschaft wechselwirkt, in denen er verankert ist. Obwohl die gezeigten Objekte zum großen Teil aus dem British Museum stammen, ist das Buch keine Geschichte der Religionen geworden, sondern es verknüpft die materiellen und immateriellen Spuren mit der grundlegenden Frage, wie die Menschen mit ihren Göttern gelebt haben und heute leben.

Von den Ursprüngen der Religion vor 40.000 Jahren bis zu den islamischen Glaubenskriegen unserer Zeit spannt sich der Bogen. Feuer, Wasser, Erde Licht sind Symbole, die sich in teilweise abgewandelter Form noch heute in den Riten wiederfinden und genauso finden sich für alle Religionen Orte, an denen die Rituale der Gemeinschaft durchgeführt werden (oder wurden) und die ihre Spuren hinterlassen haben.

Neil McGregor stellt immer wieder die sinn- und gemeinschaftstiftenden Grundlagen der Religionen heraus und betont ihre grundlegend friedfertigen Absichten, aber die Argumentation wirkte auf mich dann bemüht entschuldigend, wenn es um Erklärungen für die heutigen Gewaltexzesse und den religiös motivierten Hass geht. Aus meiner Sicht viel wichtiger ist, dass McGregor sehr eindrücklich zeigt, dass es so etwas wie eine unpolitische Religion nicht gibt - und auch nie gegeben hat. Religion prägt Gesellschaften und diese sind wiederum die Grundlage der Politik. Ohne Zweifel wären einige der schönsten Kunstwerke der Menschheit ohne Religion nie geschaffen worden, aber einige der größten Kunstwerke wurden auch von religiösen Fanatikern gezielt zerstört. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Wer das ignoriert, spielt mit unserer Freiheit und unserer Zukunft.

McGregor ist ein großartiger Vermittler von Wissen. Es gelingt ihm hervorragend, die vielen Schichten und Sichtweisen freizulegen, die hinter einem Objekt, einem Ort oder einem Brauch stecken. Das hat mich schon bei seinem "Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" sehr beeindruckt und es gelingt ihm auch dieses Mal wieder. Bis in die frühe Neuzeit hatte Kunst meist einen spirituellen Hintergrund und den übersieht man oft. Heute stehen die Künstler oder sogar der Materialwert im Vordergrund, früher war es der dargestellte Heilige. Aber es gibt auch ein vielfältiges immaterielles Erbe der Religionen, das zu entschlüsseln genauso interessant ist: z. B. Pilgern, das Gebet und der Gesang. Dies sind verbindende Elemente, aber McGregor übersieht gerne, dass sie oft gleichzeitig dazu dienen, Andersgläubige auszugrenzen. Oft stehen die neuen Tempel auf den Resten der alten, auch wenn der angebetete Gott ein anderer ist, als Symbol der Unterwerfung. Religion verbindet eben nur diejenigen, die zur Gemeinschaft gehören, das wird zunehmend klar, je weiter man in den Kapiteln voranschreitet. McGregors Fazit zur Rolle der Religionen ist positiv und hoffnungsvoll. Man darf aber durchaus auch anderer Meinung sein..

Bewertung vom 09.01.2019
Was wächst wo?
Willery, Didier

Was wächst wo?


ausgezeichnet

Vor über einem halben Jahrhundert hat die Gärtnerlegende Karl Förster sein in Jahrzehnten gesammeltes Wissen über Stauden in den berühmten "Lebenden Gartentabellen" veröffentlicht, die seitdem mehrfach aktualisiert wurden. Dort hat er Informationen zu Blühzeitpunkt und -farbe, Wuchshöhe, Standortanforderungen und noch viele andere Merkmale übersichtlich sortiert und dem Gartenplaner damit ein wertvolles Instrument an die Hand gegeben. Die Sache hat für Laien nur einen Haken: Es gibt nirgendwo Abbildungen, es sind tatsächlich nur Tabellen.

Wer sich mit der Botanik nicht ganz so gut auskennt, der ist mit "Was wächst wo?" aus meiner Sicht besser bedient. Hier erhält der Leser fast dieselben Informationen, allerdings ergänzt um viele Abbildungen, die meist einen repräsentativen Vertreter einer Gattung darstellen. Das hilft in vielen Fällen schon mal, um eine Vorstellung zu bekommen. Bei Gattungen, die sehr stark züchterisch bearbeitet wurden und von denen es besonders viele Sorten gibt, muss man allerdings noch im Internet nachrecherchieren. Aber das ergibt sich eigentlich immer, spätestens, wenn man bestellt, denn diese Arten- und Sortenfülle, die im Buch beschrieben ist, findet man in keiner Gärtnerei. Insgesamt sind etwa zwei Drittel der im Buch vorgestellten Pflanzen bebildert.

Die Angaben enthalten Informationen zur Wuchsform und -höhe, Blühzeit und -farbe, und anderen dekorativen Eigenschaften (Duft, Rinde, Früchte etc.). Sortiert sind die Tabellen nach Farben, zusätzliche Listen enthalten einen jahreszeitlich geordneten Blühkalender und bei den Gehölzen noch eine Sortierung nach Wuchsform. Am Schluss findet sich ein Kapitel zu besonders schwierigen Standorten (Gehölzrand, feuchte oder kalkhaltige Böden, Windlagen, Schatten etc.). Die meisten botanischen Pflanzennamen sind nicht ins Deutsche übersetzt, nur in den Fällen, wo es in der Regel keine Verwechslungsmöglichkeit gibt. Anders als die lateinischen Namen sind die deutschen nicht immer eindeutig und im Fachhandel werden daher die Pflanzen auch nie über ihre eingedeutschten Namen identifiziert. "Geranien" gehören zum Beispiel gar nicht zu den Geranien... Bei der Bestellung hilft also der lateinische Name, unter Freunden und Bekannten löst er dagegen eher Irritationen aus ("Aha, ein Spinner").

Eine Anmerkung noch: Didier Willery ist Franzose und seine Angaben zur Winterhärte beziehen sich auf französisches Klima, das wir in Deutschland nur im äußersten Westen und Nordwesten haben (mit atlantischem Einfluss). Wenn also die Frosthärte nicht mit konkreten Temperaturangaben versehen ist, besser nochmal nachrecherchieren. Die Zantedeschia kommt z. B. in den meisten Regionen Deutschlands nicht ohne Hilfe über den Winter.

Ein schönes, übersichtliches und für die Planung sehr nützliches Buch.

Bewertung vom 08.01.2019
Wunderschöne Orchideen Europas
Mossberg, Bo; Pedersen, Henrik

Wunderschöne Orchideen Europas


sehr gut

Es gibt eine ganze Reihe Bücher über europäische Orchideen. Die meisten dienen mehr oder weniger explizit als Bestimmungshilfen, wobei gerade die Orchideen wegen ihrer teilweise sehr ausgeprägten Hybridisierfähigkeit ein außerordentlich schweres Thema sind. Kein Bestimmungsbuch löst dieses Problem wirklich überzeugend und das ist nicht einmal als Vorwurf gemeint. Selbst die Experten streiten bis heute über schwierige Gattungen wie Ophrys, Epipactis oder Dactylorhiza.

"Wunderschöne Orchideen Europas" bemüht sich erst gar nicht um Vollständigkeit und das Buch ist auch nicht wirklich als Bestimmungshilfe konzipiert. Es fehlt ein echter Schlüssel, die Gattungen werden nicht vollständig dargestellt, Verbreitungsgebiete und Biotope sind nicht ausreichend beschrieben, als dass sie eindeutige Zuordnungen bei vielen Arten ermöglichen würden. Der Fokus liegt auf einem ganz anderen Gebiet und der ist aus meiner Sicht nicht weniger interessant, sondern umgeht elegant die eben angesprochenen Schwierigkeiten, indem er gerade auf die Besonderheiten und außergewöhnlichen Strategien der Orchideen im Detail eingeht. Neben den ansprechenden Aquarellen sind es vor allem die Texte, die einen Mehrwert bieten, den man so in keinem anderen Buch über europäische Erdorchideen finden wird. Die Autoren gehen auf phylogenetische Eigenarten der einzelnen Gattungen genauso ein, wie auf die verblüffend vielfältigen Fortpflanzungsstrategien, die oft wieder Auswirkungen auf Hybridisierung oder Fortpflanzungsrate haben. Orchideen wechselwirken sehr stark mit ihrer Umgebung, was sie entsprechend empfindlich auf Umweltveränderungen reagieren lässt. Auch auf die lokalen Sippen mit ihrem teilweise stark abweichenden Habitus wird an zahlreichen Beispielen eingegangen. Spätestens jetzt muss es jedem Leser klar werden, wie komplex und eigentlich unlösbar das Problem der Artabgrenzung bei Orchideen tatsächlich ist.

Der Hauptfokus der vorgestellten Arten liegt in Skandinavien, der Heimat der Autoren, aber es gibt auch Beispiele aus dem Mittelmeerraum. Die meisten kommen auch in Deutschland vor, oft an ihren Verbreitungsgrenzen und nicht flächendeckend, aber immerhin.

Wie gesagt, es ist ein Buch, das nicht als Bestimmungshilfe gedacht ist, aber eine Quelle ungewöhnlicher Detailinformationen zu einigen der schillernsten Vertreter europäischer Orchideen darstellt.

Bewertung vom 06.01.2019
Shomon. Das Tor der Klause zur Bananenstaude
Kikaku, Takarai; Kyorai, Mukai; Ransetsu, Hattori

Shomon. Das Tor der Klause zur Bananenstaude


ausgezeichnet

Über die legitimen Nachfolger des Dichters Bashô herrscht Uneinigkeit. "Schüler" hatte er viele, obwohl es schwer ist, zwischen Anhängern und wirklich von ihm Unterwiesenen zu unterscheiden. Zur Shômon, der Bashô-Schule, gehören daher selbst Autoren, die kaum mit ihm Kontakt hatten. Vier Namen tauchen allerdings in allen Anthologien auf, die nach dem Vorbild der "Zehn Weisen aus dem Kreis des Konfuzius" in mehreren Versionen nach Bashôs Tod zirkulierten: Kikaku, Kyorai, Ransetsu und Jôsô.

Kikaku und Ransetsu waren Bashôs Lieblingsschüler, die im Lauf der Zeit einen jeweils eigenen, persönlichen Stil entwickelten, während Kyorai stets den "reinen Stil" seines Lehrers verteidigte, bis weit über dessen Tod hinaus. Im heutigen Japan steht Kyorai aus diesem Grund immer ein wenig im Schatten der Diskussion, weil er eher als talentierter Kopist denn als eigenständiger Künstler wahrgenommen wird.

Im Gegensatz zu Bashô haben seine Schüler im Westen bisher keine monografische Würdigung erfahren. Ihre Werke werden gerne in Teilen zitiert und fehlen nur in wenigen Haiku-Sammlungen, aber oft, wenn nicht meistens, wird der Komplexität dieser Verse nicht genügend Rechnung getragen. Feingeistige Übertragungen aus dem Japanischen springen ausnahmslos zu kurz, wenn sie auf eine Kommentierung verzichten, so elegant sie sich im Deutschen auch anhören mögen. Ein Haiku ist weit mehr als ein natur- und jahreszeitenbezogener Sinnspruch. Haiku sind durchdrungen von literarischen Querverweisen, die in ihrer Zeit zum japanischen Bildungskanon gehörten, sie enthalten subtile Anklänge an Riten und Gebräuche, die hier im Westen kaum jemand kennt und vor allem ist die japanische Sprache in erheblichem Ausmaß unbestimmt, was den Übersetzer vor die Wahl stellt, welchen Bedeutungsaspekt er vernachlässigen will. Grammatische Spitzfindigkeiten lassen sich oftmals gar nicht ins Deutsche übertragen. Ohne eine fachkundige Kommentierung entgeht dem Leser also der größte Teil dessen, was für Japaner den Reiz eines Haiku ausmacht.

Ekkehard May ist mir zum ersten Mal als exzellenter Kommentator von Bashôs Haibun begegnet und in der gleichen Eindringtiefe hat er auch die Werke der drei Shômon-Schüler Kikaku, Ransetsu und Kyorai bearbeitet. Der Aufbau folgt dabei der auch in der japanischen Kommentarliteratur üblichen Struktur: Auf der rechten Seite steht zum einen die phonetische Umschrift des Originaltextes, gefolgt von der deutschen Übertragung. Auf der linken Seite befindet sich eine umfangreiche Erklärung, die alle wesentlichen Aspekte der Interpretation berücksichtigt. Im Anhang werden ggf. weitergehende Analysen angeboten, insbesondere zu Querverweisen auf chinesische und japanische Referenzen. Es bietet sich an, nach der Lektüre des Kommentars den Vers noch einmal zu lesen, weshalb die Struktur mit ihrer Rechts/Links-Aufteilung selbst im Deutschen sinnvoll ist, obwohl wir, anders als die Japaner, von links nach rechts schreiben.

Sehr schön herausgearbeitet werden die stilistischen Besonderheiten der drei Autoren. Kikaku deutet in seinen Versen meisterhaft zeitliche und räumliche Bewegung an, ohne sie explizit zu benennen. Kyorai verwendet gerne einen für ihn typischen Kunstgriff, indem er gerade das NICHT Gesagte meint und überhaupt eine sehr persönliche Handschrift besitzt, ganz anders als der Ruf, der ihm vorauseilt. Ransetsu ist dagegen ein wunderbares Beispiel dafür, wie viele Bedeutungsebenen in einem scheinbar schlichten Vers verborgen sein können. Ekkehard May erklärt die Hintergründe auch für den Laien und den des Japanischen nicht Kundigen sehr transparent und leicht nachvollziehbar, ohne dass man den Eindruck hat, irgendetwas Wesentliches zu versäumen. Auch für Leser, die sich nicht unbedingt für Lyrik interessieren, ist dieser Band ein höchst interessanter Zugang zur japanischen Kultur, die nun einmal sehr stark an die Schriftlichkeit gebunden ist. So eingängig und gleichzeitig unterhaltsam wird dieses Wissen nur selten vermittelt.

Bewertung vom 02.01.2019
Izakaya
Jedliczka, Sandra; Dimant, Eduard; Müller, Tobias; Baltow, Nicole

Izakaya


ausgezeichnet

In Japan sind Izakayas eine Art Kneipe, in der man sich nach Feierabend trifft (Rentner sieht man auch schon mal am Vormittag...). Es geht dort in erster Linie um flüssige Nahrungsaufnahme, aber man bekommt auch kleinere Speisen, die oft sehr liebevoll angerichtet sind. In Japan isst das Auge immer mit, selbst bei Fertiggerichten, die man im Supermarkt kauft. Wir reisen seit vielen Jahren regelmäßig im Land und haben uns in den japanischen Way of Life verliebt, der von Sorgfalt, Rücksicht und kultureller Tradition geprägt ist. Auch kochen wir regelmäßig japanisch und haben schon eine ganze Reihe Kochbücher im Regal.

Das Mochi ist ein Restaurant in Wien, das sich einer besonderen Küche verschrieben hat: Japanische Grundrezepte und Kochprinzipien verschmelzen mit europäischen Zutaten. Außerdem legt man dort auf eine sehr geschmackvolle und japanisch inspirierte Präsentation großen Wert. Es sind kleine Kunstwerke, und wie ich auf der Webseite gesehen habe, nicht einmal besonders teuer. In Düsseldorf, wo ich regelmäßig japanisch Essen gehe, bekommt man diese Qualität jedenfalls nicht zu dem Preis.

Die Rezepte im Buch sind mit wenig Aufwand in jeder Küche nachzukochen. Man braucht allerdings eine Quelle für ein paar japanische Zutaten, die man nicht unbedingt in jedem Asiamarkt bekommt. Über das Internet ist aber auch das kein Problem und es lohnt sich. Kombu, Miso und Katsuoboshi sind absolut notwendig, Sansho und Yuzu sehr zu empfehlen. Wer viel japanisch kochen möchte, sollte sich übrigens überlegen, ob er sich einen Katsuoboshi-Hobel anschafft, denn sonst gehen die fertigen gehobelten Bonitoflocken schnell ins Geld.

Mich hat sehr überzeugt, wie die Köche vom Mochi das japanische Prinzip verinnerlicht haben, das Lebensmittel möglichst unverfälscht zu verarbeiten. Wenige Geschmacksnoten in einem Gericht, dafür eine sehr hohe Produktqualität. In Japan isst man bekanntlich rohen Fisch und zu vielen Reis- oder Sobagerichten bekommt man auch rohe Eier, die man sich am Tisch über das Essen schlägt oder einrührt (so ein Rezept ist auch im Buch). Das zeugt schon davon, wie hoch der Standard ist. Man muss daher für einige der Rezepte auch extrem frischen Fisch haben, aber bei Weitem nicht alle sind Fischgerichte und die wenigsten sind roh.

Obwohl die Küche auf den ersten Blick einfach erscheint, ist sie das nur vom technischen Standpunkt. Die Gerichte lassen sich leicht nachkochen, aber die Geschmackskombinationen sind sehr innovativ und mit großer Sorgfalt ausprobiert. Von der Präsentation ganz abgesehen, da kommen sogar Sternerestaurants in Zugzwang. Sehr gefallen hat mir auch das stilvolle Seitenlayout.

Eines der schönsten Japan-Kochbücher, die ich kenne. Und im Gegensatz zu vielen anderen lassen sich diese Gerichte auch in Europa ohne größere Probleme nachkochen. Wirklich schade, dass ich nicht in Wien wohne...

Bewertung vom 01.01.2019
Der unterlegene Mensch
Grunwald, Armin

Der unterlegene Mensch


ausgezeichnet

In den zurückliegenden Jahren der Digitalisierung haben sich trotz positiver Errungenschaften viele negative Folgen gezeigt: Datenmissbrauch, digitale Erpressung, Bedrohung der Privatheit, Manipulation der öffentlichen Meinung und vieles mehr. Dieses Buch von Armin Grunwald konzentriert sich aber auf einen anderen Aspekt: Kann es sein, dass der Mensch seine Souveränität schleichend an die digitale Technik abgibt und haltlos abhängig wird, ohne es zu merken? Übernehmen Algorithmen zukünftig seine Entscheidungen? Wird der Mensch blind vor Begeisterung, blind aus Bequemlichkeit? Droht ihm gar die digitale Unmündigkeit?

Der Autor Armin Grunwald ist u. a. Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung (ITAS) in Karlsruhe und berät den Deutschen Bundestag in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. Mit diesem Hintergrund erklärt er, welchen Einfluss die Digitalisierung auf unsere Lebensbereiche hat und welchen Stellenwert dabei der Mensch einnimmt, heute und in Zukunft. Werden Roboter die besseren Mitarbeiter sein? Kann das den Arbeitsmarkt zusammenbrechen lassen? Wird das Auto als Symbol der Freiheit weiter existieren oder werden Algorithmen das Steuer übernehmen? Werden digitale Ärzte die besseren Diagnostiker sein? Können wir der Maschine am Ende mehr vertrauen als dem Menschen? Wird der Mensch durch technische Bauteile optimiert?

Grunwald gelingt eine spannende und zugleich äußerst kritische Analyse, die Schwerpunkte mit Fragestellungen setzt wie "Wo bleibt der Mensch?", "Wer ist Herr und wer ist Knecht?" und "Wer muss sich anpassen?". Dabei sieht er bereits heute unsere Freiheit und Demokratie in Gefahr und nennt hierfür viele gefährliche Entwicklungen (Big Data, Social Media, Beschleunigung, Automatisierung, Kriminalität etc.). Die Digitalisierung spielt Diktaturen in die Hände und destabilisiert Demokratien. Das Beispiel China mit seinem Scoring für systemkonformes Verhalten zeigt dies in drastischer Weise.

Ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten? Der Buchtitel "Der unterlegene Mensch" lässt dies vermuten, aber dennoch zieht Grunwald letztendlich eine versöhnliche Quintessenz: "Unsere Aufgabe ist es, die digitalen Technologien so zu entwickeln und einzusetzen, dass wir ein möglichst gutes analoges Leben führen können." Das klingt genauso wolkig, wie es wohl gemeint ist. Aus meiner Sicht bleibt es leider Wunschdenken, weil vielerorts die demokratische Kontrolle erkennbar nicht mehr funktioniert. Grunwalds Optimismus wirkt da wie das Pfeifen im dunklen Wald.

Vieles in dem Buch ist eine Entzauberung digitaler Visionen und es wird Zeit, die digitalen Techniken wieder als Mittel zum Zweck anzusehen und zum Wohl des Menschen einzusetzen. Wie wir das im Wettstreit mit Diktaturen und Kriminellen erreichen sollen, steht allerdings in den Sternen.

Bewertung vom 31.12.2018
Skulpturensammlung Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Skulpturensammlung Staatliche Kunstsammlungen Dresden


ausgezeichnet

Es kommt nicht oft vor, dass der zweite und dritte Band einer Reihe vor dem ersten veröffentlicht wird, da aber die römische Rundplastik der Dresdner Skulpturensammlung bisher gänzlich unpubliziert war, wurde dieser Teil bewusst vorgezogen. Die in Band I vorgestellten Skulpturen der Frühzeit bis zum Hellenismus sind dagegen in Teilen bereits bearbeitet. Auch ist der Umfang etwas kleiner, da dieser Teil erst relativ spät angelegt wurde, obwohl die Sammlung als Ganzes die älteste nördlich der Alpen ist. Zwischen 1882 und 1905 füllte der damalige Direktor Georg Treu die thematische Lücke im Bestand. Zu dieser Zeit hatten die großen Antikensammlungen den mediterranen Raum schon weitgehend abgegrast, aber Treu machte aus der Not eine Tugend: Während die in den vergangenen Jahrhunderten entdeckten Skulpturen der Antike fast ausnahmslos massiv überarbeitet, restauriert und nach dem Zeitgeschmack ergänzt wurden, sind die Dresdner Stücke zum großen Teil im unversehrten Fundzustand. Damit hatten sich auch noch die originalen Farbspuren erhalten, weshalb Georg Treu nicht zufällig zu einem der ersten Forscher auf dem Thema Farbigkeit antiker Skulpturen wurde.

Wie schon in den vorangegangenen Bänden werden die Objekte technisch im Detail beschrieben, insbesondere die Um-, Ent- und Re-Restaurierungen im Spiegel der sich wandelnden Sicht auf die Kunst, dem Selbstverständnis der Museen und der zeitbedingten Aufstellungspraxis. Insbesondere die Textbeiträge fokussieren sich gerade auf den Aspekt der Rezeptionsgeschichte von der Antike bis heute. Nicht beabsichtigt ist eine kunsthistorisch-archäologische Studie und einige herausragende Einzelstücke, wie die erst kürzlich publizierten Reliefs aus dem Palast Assurnasirpals II. oder die ebenfalls bereits publizierte Sammlung Siegelin wurden ausgespart. Dafür sind einige "Fremdkörper", wie die bronzezeitlichen Kykladenidole, sowie etruskische und punische Objekte aufgenommen.

Im Fokus des ersten Bandes stehen vor allem die Verwendung, die Aufstellung und die Wahrnehmung der Skulptur von der Antike bis ins 18. Jahrhundert, als die ersten öffentlichen Museen entstanden. Im alten Griechenland gab es keine Kunst in Privatbesitz. Kunst diente dem Andenken und dem Ritus und bis auf kleine Hausaltäre blieben Skulpturen öffentlich. Erst im Römischen Reich werden Skulpturen, bevorzugt gerade solche aus Griechenland, zur Dekoration und als Statussymbole im privaten Raum aufgestellt, ohne dass die öffentliche Skulptur verschwunden wäre. In der Neuzeit vergegenwärtigt die antike Skulptur dagegen die glorreiche Vergangenheit und wird damit als historisches Objekt wahrgenommen. Für alle diese Kontexte gibt es ausgezeichnete Belege in der Dresdner Sammlung.

Der zweite Textbeitrag widmet sich der Sammlungsgeschichte im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und untersucht die Zielsetzung, sowie die politisch-gesellschaftlichen Hintergründe für den Schwerpunkt auf griechischer Klassik und Hellenismus. Hier ist Georg Treu tatsächlich eine Schlüsselfigur, indem er das Albertinum zu einem Museum der Weltplastik umwandeln wollte. Seine Aufstellungs- und Ausstellungskonzepte wirken ausgesprochen fortschrittlich und er betrieb eine sehr zielgerichtete Ankaufpolitik auf der wissenschaftlichen Höhe seiner Zeit. Ein weiterer Textbeitrag beleuchtet den Bestand kykladischer Marmoridole in Dresden auch vor dem Hintergrund pseudowissenschaftlicher Interpretation und Raubgrabung.

Der Katalogteil enthält neben zahlreichen, überwiegend schwarz-weißen Abbildungen umfangreiche bibliografische, technisch beschreibende und Provenienzangaben. Darüber hinaus werden aktuelle Deutungen, stilistische Parallelstücke, sowie technische und typologische Besonderheiten aufgeführt. Ein ausführliches Literaturverzeichnis und mehrere Register schließen den Band ab.

Bewertung vom 31.12.2018
Von allen Seiten anders
Müller-Bechtel, Susanne

Von allen Seiten anders


ausgezeichnet

Die Aktzeichnung hat traditionell in der Kunstgeschichte keinen guten Ruf. Sie gilt als rückwärtsgewandt, seriell und wenig innovativ und wurde wissenschaftlich mehr oder weniger ignoriert. Die umfangreichsten Publikationen befassen sich daher auch weniger mit dem Thema an sich, als der Aufarbeitung geschlossener Sammlungsbestände oder von Werkverzeichnissen, in denen die Aktzeichnung quasi Nebenprodukt war (z. B. von Schadow oder Mengs). Übergreifende Untersuchungen gibt es wenige und wenn, dann ist die Zielsetzung häufig sehr eingeschränkt.

"Von allen Seiten anders" ist die erste umfassende Schrift zu diesem geradezu jungfräulichen Thema und das Ergebnis der Habilitationsschrift der Autorin Susanne Müller-Bechtel. Die von ihr ausgewählten Sammlungen oder erschlossenen Werkgruppen stehen repräsentativ für die Aktmalerei zwischen dem ausgehenden 17. Jahrhundert und etwa 1850. Die Studie stellt dabei keineswegs eine flächendeckende Aufarbeitung allen erhaltenen Materials dar (wie sollte es auch, angesichts der enormen Fülle), sondern die untersuchten Gruppen stehen für abgeschlossene Perioden von jeweils etwa 50 Jahren, unterschiedliche akademische Zielsetzungen und auch geografisch weit auseinanderliegende Provenienzen.

Susanne Müller-Bechtel untersucht den Prozess der Entstehung von Aktzeichnungen im akademischen wie im außerakademischen Raum, die didaktische Zielsetzung, sowie die praktische Anwendung des Angeeigneten im ausgearbeiteten Werk. Sie beleuchtet die Aktmalerei tatsächlich von "allen Seiten", wodurch der Titel bewusst zweideutig wird: Die scheinbar serielle Darstellung "klassischer" Posen durch die Kunststudenten weicht aufgrund der unterschiedlichen Standpunkte im Aktsaal nämlich geringfügig ab, wodurch eben gerade kein serielles Produkt entsteht, sondern in bestimmten Grenzen Individualität erkennbar wird, die dem Studenten für seine eigenen Werke als variables Repertoire zur Verfügung steht. Zwischen Aneignung von historisch gewachsenem "Handwerk" und der künstlerischen Neuschöpfung gibt es alle Übergangsstufen. Selbst die viel geschmähte Ausbildung im 18. Jahrhundert zielte gerade NICHT darauf, Motive einfach nur zu kopieren und blind den Meistern nachzueifern. Die Professoren an der Akademie wurden monatlich ausgetauscht, damit sich deren Handschrift nicht auf die Schülergeneration vererbt. Müller-Bechtel untersucht sehr detailliert und mit einer Fülle an ausgezeichnetem Bildmaterial die unterschiedlichen Aspekte, die teilweise regional, teilweise ideologisch geprägt sind. Selbst die anti-akademischen Nazarener orientieren sich in ihren privaten Zirkeln (Stichwort Lukasbund) zwar an bestimmten akademischen Unterrichtsmethoden, verarbeitet diese aber vor dem Hintergrund der künstlerischen Wahrheitsfindung und unter Abkehr von den klassischen Posen und Modellen. Letztlich nehmen die Akademien nach 1800 diese Impulse auf und konzentrieren sich zunehmend auf die Pose als "eingefrorener Moment" eines Menschen in Bewegung. Lebendigkeit und Natürlichkeit als Spiegel der Wahrheit. Susanne Müller-Bechtel zeigt exemplarisch an einigen Vertretern, dass das Aktstudium für die Historienmalerei im deutschsprachigen Raum zweifellos von Bedeutung war.

Obwohl als Habilitationsschrift verfasst, lässt sich der Text auch für den Laien problemlos durchdringen, da die Autorin weitgehend auf Fachvokabular verzichtet und auch keine sprachlichen Nebelkerzen wirft, wenn sie sich argumentativ auf schwachem Grund bewegt. In einem angenehm klaren Stil und sehr transparent beleuchtet sie 200 Jahre Aktzeichnung und räumt mit vielen Missverständnissen und Fehlurteilen auf. Eine sehr lesenswerte und ausgezeichnet illustrierte Arbeit, die ein vernachlässigtes Gebiet der Kunstgeschichte erstmals erschließt.

Bewertung vom 30.12.2018
Blauer Schatz der Gärten
Foerster, Karl; Kühn, Norbert

Blauer Schatz der Gärten


ausgezeichnet

Als hätte er es geahnt: Schon im Vorwort zu seinem Klassiker "Blauer Schatz der Gärten" hoffte Karl Foerster bereits 1941, dass dieses Buch, mit neuem Wissen angereichert, ohne das alte gänzlich zu verwerfen, einmal neu aufgelegt werden würde. Bis in die Mitte der Fünfzigerjahre besorgte er diese Aufgabe noch persönlich, dann folgten mit großem zeitlichen Abstand andere. Und jetzt, 78 Jahre nach der Erstauflage, gibt es die sechste umfassende Neubearbeitung, wobei Foersters Originaltexte unverändert übernommen und durch aktuelle Beiträge und fachkundige Kommentare ergänzt wurden. Unter den neuen Autoren ist auch Konrad Näser, der Nachfolger Foersters in dessen Staudengärtnerei in Potsdam, der trotz seines beachtlichen Alters immer noch sehr aktiv in der Gartenszene unterwegs ist (und im Übrigen ein äußerst liebenswerter und hilfsbereiter Mensch ist... aber das nur nebenbei).

Die reine Farbe Blau ist in der Natur nicht allzu häufig und dementsprechend fasziniert waren die Gärtner von ihr seit jeher. Blau ist ein Hingucker und ein Vermittler. Es zieht die Blicke auf sich und mildert starke Farbkontraste, es passt fast in jede Pflanzung und einige der schönsten Prachtstauden brillieren im strahlendsten Blau.

Natürlich denkt bei den Schlagworten "Foerster" und "Blau" zuerst mal jeder an den Rittersporn, um dessen Züchtung sich Karl Foerster besonders verdient gemacht hat. Es ist kein Zufall, dass diesem Dauerbrenner gleich drei Beiträge gewidmet sind. Sie zeigen, wie sorgfältig Foerster bei der Zucht vorging, welche Ziele er sich setzte und wie er sie erreichte. Konrad Näser hat vieles davon selber miterlebt und er zieht in seinen Beiträgen Bilanz zwischen dem, was es einmal gab und dem, was es heute noch gibt. Ich habe selber einige Foerster-Sorten aufgepflanzt und bin immer wieder erstaunt, wie vital und gesund sie nach 80 Jahren vegetativer Vermehrung noch sind.

Aber einiges von dem, was Foerster lobt, ist heute aus den Sortimenten verschwunden, teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht. Die bearbeitenden Autoren haben jede bei Foerster erwähnte Sorte auf Verfügbarkeit geprüft und auch vereinzelte Fehleinschätzungen Foersters, was Eltern, Nomenklatur oder geografische Herkunft angeht, korrigiert. Die molekulargenetischen Methoden von heute hatte Foerster natürlich nicht zur Verfügung.

Er war ein feinfühliger Beobachter und ein Schriftsteller, der in einem unnachahmlichen Stil schrieb. "Blumig" trifft es aus den unterschiedlichsten Gründen wohl am besten. Aber selbst, wem sein manchmal fast schon esoterischer Duktus etwas zu viel ist, der wird dennoch von seiner ungebremsten Begeisterung angesteckt, ganz abgesehen von der profunden Sachkenntnis, die seine Texte vermitteln. Diese wird in der Neuauflage aufs Beste durch zusätzliche Beiträge ergänzt, die den Fokus dort setzen, wo der Züchtungsschwerpunkt heute liegt und wo der "Blaue Schatz" auch Lücken hat. Iris, Astern, Salbei, Geranium bekommen einen eigenen Auftritt. Nicht dass Foerster sie nicht erwähnt, aber es gibt eben noch viel mehr zu sagen.

Besonders hat mich beeindruckt, wie innovativ Foerster in seiner Zeit dachte, welche Experimentierfreude in seiner Pflanzenwahl steckte und wie viel Wissen er sich selber erarbeitet hatte (weil er es musste). Ob ihm die vielen "Eintagsfliegen", die heute im Sortiment herumschwirren, gefallen würden, darf ich bezweifeln. Wie viele engagierte Züchter in seine Fußstapfen getreten sind, das dagegen hätte ihn sicherlich gefreut. Foersters Erben sind immer noch sehr aktiv.

Bewertung vom 23.12.2018
Die frühen Christen
Leppin, Hartmut

Die frühen Christen


ausgezeichnet

Mit dem Tod Jesu gerät das Christentum bereits in seine erste große Krise. Es ist nicht einmal im Ansatz abzusehen, dass es sich einmal zu einer Weltreligion entwickeln könnte und die Glaubensgemeinschaft muss sich in einer religiös zersplitterten Gesellschaft erst einmal orientieren. Jesus war Jude und das Christentum referenziert sich, wie das Judentum, auf das alte Testament, aber was bedeutet das für die Praxis des gelebten Glaubens? Über Jahrhunderte wird darüber gestritten, was genau das Christentum ausmacht und erst mit Konstantin dem Großen, der es zur römischen Staatsreligion kürt, kommt dieser Findungsprozess zu einem vorläufigen Abschluss.

Hartmut Leppin hat also nicht zufällig Konstantin als Scheidemarke gewählt, um das Thema inhaltlich zu begrenzen. Mit Konstantin lösen sich viele Widersprüche in einer kanonisierten Lehre auf, die von da an unbarmherzig durchgesetzt wird. In den fast vierhundert Jahren dazwischen haben sich unzählige Untersekten gebildet, die sich durch Berührung mit anderen Religionen (die nicht weniger zersplittert waren) und im Versuch, im Alltag zu bestehen, ständig neu erfanden. Die Quellenlage ist dabei erstaunlich vielfältig und vor allem reichhaltig. Es sind nicht nur die bekannten apokryphen Texte, die letztlich nicht im offiziellen Bibelkanon aufgenommen wurden, sondern auch antike Historiker wie Cassiodor oder Flavius Josephus, die frühen Kirchenväter und selbst antike Romanautoren lassen Einblicke in die Konflikte und die Lebensrealität der frühen Christen zu. Wie grenzten sie sich gegenüber dem Judentum ab? Wo gab es Überschneidungen? Was war überhaupt das Alleinstellungsmerkmal des Christentums in einer Zeit, in der fast jeder an Wundertätigkeit, Dämonen und die Präsenz der Götter auf Erden glaubte? Was machte Jesus so einzigartig und warum hatte er über seinen Tod hinaus überhaupt noch Anhänger?

Hartmut Leppin gelingt es in einer sehr anschaulichen und transparenten Weise, die alten Quellen zum Sprechen zu bringen und eine über das halbe Römische Reich verstreute, anfangs meist im Untergrund lebende Glaubensgemeinschaft wieder zum Leben zu erwecken. Ohne dass er sprachlich in akademische Untiefen abdriftet, übersetzt er die Gedankenwelt der frühen Christen in unsere heutigen Begriffe und Vorstellungen, und auch wenn er Originalquellen zitiert, so lässt er den Leser niemals mit unklaren Formulierungen oder ungewohntem Sprachgebrauch alleine. Genau das hat mich an diesem Buch besonders gefreut, denn man darf keinesfalls unterschätzen, wie sehr Sitten, Gewohnheiten und für den Schreiber Alltägliches in antiken Texten unterschwellig präsent sind. Ohne dieses Wissen ist es oft kaum möglich, den eigentlichen Sinn zu erschließen. Und gerade im frühen Christentum, das sich zwischen Verfolgung und Assimilierung, im Konflikt mit Judentum, Götter- und Staatskult ständig neu ordnen muss, wo über die Statthaftigkeit der Ehe genauso vehement gestritten wird wie über jüdische Speisegesetze, Kaisertreue oder Bestattungsriten, gerade dort kommt es manchmal eher darauf an, was nicht gesagt wird, als auf das, was geschrieben steht. Das Christentum, wie es Leppin darstellt, ist ein äußerst lebendiger Organismus, der nach seiner Nische in der Gesellschaft sucht und für den die Weihe zur Staatsreligion durch Konstantin mehr oder weniger aus heiterem Himmel kommt. Bis dahin gab es zwar zahlreiche Versuche einer Vereinheitlichung der Glaubenslehre, auch der Kanonisierung der Schriften, aber diese waren letztlich erfolglos.

"Die frühen Christen" ist eine zwar anspruchsvolle, aber den Laien keineswegs überfordernde Lektüre, die alle Facetten des frühchristlichen Lebens, der sich entwickelnden Organisationsstrukturen und der spirituellen Selbstfindung sehr transparent und bei aller Detailtiefe immer verständlich darstellt. Mein Eindruck war, dass das Christentum wohl niemals lebendiger war, als in den ersten dreihundert Jahren seiner Existenz.