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Benutzername: Volker M.
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Bewertungen

Insgesamt 403 Bewertungen
Bewertung vom 03.06.2020
Der Horla

Der Horla


ausgezeichnet

Guy de Maupassants „Horla“ ist eine der klassischen Horrorgeschichten, die im 19. Jahrhundert das Genre begründet haben. Er verwendet dafür erstmals Motive, die heute in Literatur und Film nicht mehr wegzudenken sind, vor allem aber das Motiv der Bedrohung, gegen die man sich nicht wehren kann. Ob „Alien“ oder „Terminator“, Steven King oder Wolfgang Hohlbein, sie alle nutzen dieses Stilmittel.

Die Geschichte eignet sich besonders für die szenische Lesung, da sie als Tagebuch in der Ich-Form verfasst ist und die unmittelbaren Gefühle des Protagonisten wiedergibt. Das spielt Jens Wawrczeck natürlich etwas in die Karten, doch was er hier als „Sprecher“ leistet, sprengt jeden normalen Rahmen. Das ist ein fiebriger Monolog, der zielstrebig in den Wahnsinn führt, mit kleinen Zwischenhochs, bei denen sich der Erzähler schon gerettet fühlt, aber am Ende doch den Kampf gegen den Wahnsinn verliert. Der Text hat alleine schon eine hohe suggestive Wirkung, aber zusammen mit Wawrczecks Vortrag und den geschickt und sparsam eingesetzten musikalischen Mitteln wird er zum Ereignis. Ich höre sehr viele Hörbücher, aber diesem hier würde die Bezeichnung in keiner Weise gerecht. Das ist ein Live-Hörspiel vom Allerfeinsten.

Bewertung vom 01.06.2020
Der digitale Weltkrieg, den keiner bemerkt
Modderkolk, Huib

Der digitale Weltkrieg, den keiner bemerkt


ausgezeichnet

Wir sind im Krieg - zumindest im digitalen! Und das bereits seit über 10 Jahren, als die erste offensive digitale Waffe "Stuxnet" für einen Angriff auf eine Nuklearanlage im Iran eingesetzt wurde. Wie später bekannt wurde, steckte der US-amerikanische und israelische Geheimdienst dahinter. Die Bevölkerung nahm die Bedrohung erst wahr, als der Virus in die freie Wildbahn geriet und weltweit Tausende von Rechnern infizierte. Der Iran reagierte auf den Stuxnet-Angriff und führte erfolgreiche Angriffe auf unterschiedliche westliche Ziele durch: In New York verschaffen sich iranische Hacker Zugriff auf einen Staudamm und sie greifen die Netzwerke der UN an.
Durch die Cyberattacke auf den Iran hat der Westen ein bis dahin unbekanntes digitales Wettrüsten ausgelöst. Mit der Entwicklung digitaler Waffen verfolgen China, Russland, USA, Iran, Nordkorea, Frankreich und Großbritannien ein offensives Cyberprogramm. Unsichtbare Angriffe erfolgen überall und Beispiele gibt es genug, wie Huib Modderkol in seinem Buch "Der digitale Weltkrieg" zeigt. Kein Tag vergeht ohne digitales Scharmützel, allerdings meist lautlos und nicht-öffentlich.

Der investigative Journalist Modderkol, der für die niederländische Tageszeitung "de Volkskrant" arbeitet, beschäftigt sich seit Jahren mit den negativen Auswirkungen der Digitalisierung, der Arbeit der Geheimdienste und den Bedrohungen durch digitale Netzwerke. Seine Veröffentlichungen waren stets spektakulär und sorgten für viel Wirbel.
Eine Zusammenfassung seiner Recherchen hat der Autor in diesem Buch aufbereitet. Sie basiert auf Gesprächen mit über 100 Personen, darunter (ehemalige) Mitarbeiter der niederländischen Geheimdienste, Beamte verschiedener Ministerien, Sicherheitsexperten und anderen Fachleuten.

Viele seiner Themen beziehen sich auf die Niederlande. So beschreibt er, wie es Hackern gelang, in das angeblich hochgesicherte System von DigiNotar einzubrechen, eigene Zertifikate auszustellen und damit die Niederlande fast in einen "Blackout" zu stürzen. Nicht minder spannend sind seine Ausführungen über den Angriff auf KPN, einen großen niederländischen Telekommunikationsanbieter. Einem Hacker ist es nachweislich gelungen, die Kontrolle über das gesamte KPN-Netzwerk zu erlangen und beliebige Aktion auszuführen. So konnte er den Internetverkehr ausspähen, das Fernsehen abschalten oder die Notrufnummer 112 lahmlegen. Das Unternehmen war ernsthaft bedroht.
Aber auch internationale Themen werden kurzweilig präsentiert (Trump, Cozy Bear und Fancy Bear, Snowden, Huawei, Kaspersky ...) und zeigen, dass wir uns schon mitten im digitalen Weltkrieg befinden. So gibt es Tausende chinesischer Hackergruppen, die sich täglich aus Fernost in Unternehmen im Westen einloggen und plündern. Sie sind flexibel und gehen aggressiv und vorsichtig zugleich ans Werk. Sie müssen keine Angst davor haben, entdeckt zu werden: Die Identität von Hackern wird selten bekannt. Und außerdem stehen sie unter dem Schutz der chinesischen Regierung. Ähnlich ist die Situation in Russland. Modderkol zeigt anhand vieler Beispiele, dass sich die Art der Spionage verändert hat und es nicht mehr nur darum geht, feindliche IT-Systeme zu erforschen oder Daten abzugreifen, sondern IT-Systeme zu zerstören.

Deutlicher als Modderkol in seinem Buch kann man es kaum machen: Digitale Angriffe von Regierungen und Hackern sind an der Tagesordnung und werden in der Öffentlichkeit (und größtenteils auch in der Politik) kaum als Gefahr wahrgenommen. IT-Systeme sind nicht sicher, sei es durch geheime Sicherheitslücken oder durch absichtlich implementierte Hintertüren für Geheimdienste. Man muss nicht erwähnen, dass Deutschland nur zuschaut. Die Gerichte haben unsere „Geheimdienste“ längst beschränkt und qualifiziertes Personal wird im Ausland besser bezahlt. Eine positive Zukunftsaussicht ist das nicht.

Bewertung vom 31.05.2020
Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten
Vasari, Giorgio

Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten


ausgezeichnet

Giorgio Vasaris Künstlerviten sind die ersten ernstzunehmenden Versuche einer Kunstgeschichte und insbesondere die Biografien der Protagonisten der italienischen Renaissance gehören bis heute zu den wichtigsten Sekundärquellen, in denen oft Details berichtet werden, die sonst nirgendwo überliefert sind. Durch die vielen Anekdoten und den im wahren Sinn mitreißenden Erzählstil waren die Viten lange Zeit ein Bestseller, bis spätestens im 18. Jahrhundert, mit dem Beginn des Primärquellenstudiums, viele Diskrepanzen und auch Fehler insbesondere bei den Künstlern des Trecento auffielen und Vasari als Lügner und Aufschneider verunglimpft wurde. Erst im 20. Jahrhundert wurde dieses Urteil revidiert und so gilt Vasari heute für die Zeit des 16. Jahrhunderts als eine relativ verlässliche Quelle.

Seine enge Freundschaft mit Michelangelo spiegelt sich ganz besonders in der geradezu hymnischen Verherrlichung seiner Werke wider. Vasari war, wie viele seiner Zeitgenossen, der Meinung, dass die Kunst der Antike unübertroffen gewesen sei, indem sie die Natur als ideales Vorbild nahm. Diese Kenntnisse seien über ein Jahrtausend verloren gegangen und erst mit Giotto beginnt das Wiedererwachen der alten Fähigkeiten, die in Michelangelos Werk kulminieren. Michelangelo brilliert in allen Künsten: Der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur, die Vasari auf eine Ebene stellt (ein im Übrigen seit 1500 Jahren heiß diskutiertes Thema). Seiner Meinung nach übertrifft Michelangelo die antiken Künstler sogar noch, womit seiner Theorie nach, der unvermeidliche Abstieg bereits eingeleitet ist. Anders als heute sah Vasari die Kunst als Zyklus und er sich als Zeitgenosse eines Gipfels der Kunstfertigkeit.

Da seine Ausführungen nicht immer bis in alle Details korrekt sind (oder in einigen Fällen auch grundfalsch), sind die Künstlerviten ohne eine Kommentierung als Faktensammlung ungeeignet. Hierzu gibt es bereits eine geradezu ausufernde Literatur und die von Alessandro Nova herausgegebene 45-bändige Fassung ist das derzeit umfangreichste Werk hierzu. Die Manesse-Ausgabe hat die Kommentierung entsprechend auf das Notwendige beschränken müssen, also die Lebensdaten und Kurzbiografien der erwähnten Personen, sowie eine Korrektur der relevanten Fehler. Es werden zwar keine Quellenangaben gemacht, die Auswertung entspricht aber im Wesentlichen dem Kenntnisstand von 1970. Dieser unterscheidet sich jedoch kaum vom heutigen, wenn man die Eindringtiefe des Kommentars berücksichtigt. Es ist eine Lese-, keine Studienausgabe.

Vasari begeistert auch heute noch, vor allem, weil er selber von der Kunst und den Künstlern begeistert war. Das spricht aus jeder seiner Zeilen, auch wenn manchmal das italienische Temperament mit ihm durchgeht. Der Thron, auf den er Michelangelo setzt, kann gar nicht hoch genug sein und so schließen seine Viten auch mit dem großen Meister. Danach, davon war Vasari überzeugt, kann es nur den Abstieg geben.

Bewertung vom 28.05.2020
Geheimnisvolle Schönheiten
Friedrich, Tobias

Geheimnisvolle Schönheiten


ausgezeichnet

Was Tobias Friedrich in seinem Bildband zusammengestellt hat, sind nicht einfach nur Tierfotos. Das ist Ästhetik pur, jedes Bild ein Kunstwerk für sich. Das Individuum löst sich auf in einem Rausch aus Farbe und Form, und Friedrich spielt dabei geschickt mit Schärfenebenen und Bildaufteilung. Nichts scheint dem Zufall überlassen und doch bleibt die Stimmung in jeder Situation natürlich, ohne dass man je merken würde, welcher enorme technische Aufwand hinter jedem einzelnen Bild steckt. Das ahnt man höchstens, wenn Friedrich über seine Tauchgänge in sämtlichen Weltmeeren berichtet, wie er den perfekten Moment abwartet, in der Dämmerung taucht und mit Scheinwerfern seine Motive aus dem Dunkeln holt. Das ist nämlich das Besondere an diesem Buch: Alle Aufnahmen stehen vor einem tiefschwarzen Hintergrund, wodurch die Motive oft wie gemalt wirken. Nichts lenkt vom Wesentlichen ab, wie auf einer Bühne im Schwarzen Theater. Die Formen sind dabei abenteuerlich vielfältig, von abstrakt bis surreal, von manieristisch bis klassisch.

Die Texte sind kurz und beschreiben jeweils einen Lebensraum innerhalb der Wassersäule. Von den Gezeitentümpeln kurz unter der Oberfläche, die Friedrich mit einem speziellen Weitwinkelobjektiv einfängt, bis in etwa 100 Meter Tiefe, wo kein natürliches Licht mehr hinfällt. Die gezeigten Tiere werden meistens nicht systematisch benannt, es geht dem Autor viel mehr darum, die Schönheit der Meeresbewohner insgesamt in den Fokus zu stellen und damit für den Schutz der Meere zu werben.

Friedrich ist nicht der Erste, der die Technik des schwarzen Hintergrunds anwendet, aber mir ist bisher kein Buch in die Hände gefallen, das bei schwarzen Seiten nicht ein großes Problem hatte: Fingerabdrücke! Jede einzelne Seitenberührung bleibt erkennbar, selbst wenn man sich gerade erst die Hände gewaschen hat. Eigentlich müsste man solche Bücher mit Handschuhen lesen, nicht aber bei „Geheimnisvolle Schönheiten“: Das Papier ist genial gewählt! Es hat keine störenden Reflexionen, gleichzeitig aber eine dichte, glatte Oberfläche, die einen absolut präzisen Druck erlaubt (das ist nämlich das Problem von matten Druckpapieren, die dafür unempfindlich gegen Fingerabdrücke sind). Trotzdem hinterlässt auf diesem Papier kein Fingerabdruck auch nur die leiseste Spur. Es ist erstaunlich, dass sich so wenig Verlage um solche Dinge Gedanken machen, Terra Mater hat das aber genial gelöst!

Tobias Friedrich ist schon mit einigen Preisen für Tierfotografie ausgezeichnet worden und wenn man dieses Buch gesehen hat, dann weiß man auch warum. Seine Fotos sind einfach unwirklich schön!

Bewertung vom 27.05.2020
50, 2 MP3-CD
Yokoyama, Hideo

50, 2 MP3-CD


ausgezeichnet

Es gibt nicht viele japanische Krimis, geschrieben von Japanern, die den Weg in den Westen finden. Oft braucht man einiges Hintergrundwissen, um das für unsere Begriffe seltsame Verhalten der Japaner zu erklären, die im Übrigen auch ein Wertesystem haben, das sich sehr von unserem unterscheidet. Hideo Yokoyama hat den Sprung über die Kulturgrenze hinweg geschafft und seine Krimis zeigen sehr eindrücklich, wie die japanische Gesellschaft tickt und wie insbesondere das japanische Justizsystem „funktioniert“. Hier ist das Gesichtswahren stets wichtiger als die Wahrheit.

So gerät der Polizist Soichiro Kaji in die Mühlen der Justiz, nachdem er seiner schwerkranken Frau den Wunsch erfüllt hat, sie zu töten. Obwohl sein Geständnis unvollständig ist, einigen sich Staatsanwaltschaft und Polizeibehörde darauf, den Fall schnell zu den Akten zu legen und damit dieser ehrenrührige Mord nicht mit der Polizei in Verbindung gebracht wird, entlässt man Kaji vor der Verhaftung noch kurzerhand aus dem Dienst. Doch der Kriminalkommissar Kazumasa Shiki lässt auch danach nicht locker, bis er die Lücken in Kajis Geständnis erklären kann.

Die Erzählstruktur des Romans ist ungewöhnlich, denn sie folgt exakt den Stufen des japanischen Justizwesens: Zunächst sieht der Leser die Ereignisse durch die Augen von Shiki, anschließend durch die des Staatsanwalts, danach des Verteidigers und des Gefängniswärters. Die Geschichte entwickelt sich dabei völlig linear, d. h. man sieht nicht die gleichen Vorgänge aus unterschiedlicher Sicht, sondern so wie Kaji durch das Justizsystem wie auf einem Fließband geschleust wird, so geben die Erzähler sich den Staffelstab in die Hand. Dabei erfährt man ganz nebenbei die Prinzipien, nach denen in Japan Verwaltungen und Hierarchien funktionieren. Es herrscht ein Kadavergehorsam schlimmster Güte, bei dem nichts in Frage gestellt werden darf. Karriere macht, wer sich völlig an das System anpasst und schon der Verdacht von Opposition kann zur sofortigen Versetzung in die Provinz führen. Korruption, also die Rechtsvereitelung, wird weniger durch Schmiergeld erreicht als durch Erpressung, auch und gerade über die Dienststellen hinweg. Als Europäer wundert man sich im Übrigen, wegen welcher Bagatelldelikte man in Japan im Gefängnis landet. Solche Prozesse würde bei uns wahrscheinlich wegen Geringfügigkeit eingestellt. Wer in Japan ins Visier der Polizei gerät, hat schon verloren, denn dort werden 99 % der angeklagten Personen auch schuldig gesprochen - sonst würde der Staatsanwalt ja das Gesicht verlieren. Wer „50“ gelesen (oder gehört) hat, der weiß, dass das kein Hirngespinst ist und zu welchen deformierten Persönlichkeiten die ständige Unterwerfung führt.

Zum Schluss wird die Geschichte ein wenig zu sehr strapaziert und die Auflösung ist für einen Europäer weit weniger schockierend als für zartbesaitete Japaner, die es nicht wagen, einen Zigarettenstummel auf die Straße zu werfen. Aber vor dem Hintergrund, dass man einen eindrucksvollen und seltenen Einblick in das japanische Justizsystem erhält, bleibt der Plot über die gesamte Zeit trotzdem spannend.

Gerhard Garbers liest sehr routiniert und mit angenehmer Stimmführung. Das einzige, was man der Produktion vorwerfen muss, ist die falsche Aussprache nahezu aller Eigennamen, die im Roman vorkommen. Da mache ich dem Sprecher nicht mal einen Vorwurf, aber die Regisseurin hätte sich ja durchaus vorher mal informieren können. Dafür ist sie schließlich da.

Bewertung vom 26.05.2020
Erinnerungen eines Insektenforschers Bd.10
Fabre, Jean-Henri

Erinnerungen eines Insektenforschers Bd.10


ausgezeichnet

Als vor 10 Jahren der Verlag Matthes & Seitz damit begann, die „Souvenirs entomologiques“ von Jean-Henri Fabre zu übersetzen, da habe ich innerlich frohlockt. Fabres monumentales, einst zum Literaturnobelpreis nominiertes Hauptwerk wurde bislang nur verstümmelt ins Deutsche übertragen und von den 10 Bänden des Originals waren insgesamt nicht mal einer verfügbar. Und jetzt gleich alle! Die Macher haben sich damals wohl nicht wirklich vorstellen können, was sie sich da aufladen und wären Friedrich Koch zwischenzeitlich nicht noch Ulrich Kunzmann und nun auch Heide Lipecky zur übersetzerischen Unterstützung geeilt, das Projekt wäre wohl nicht zu einem guten Ende gekommen. Koch ist mittlerweile 87 und kann nun auf fast 4000 Seiten insektenkundlicher und sprachlicher Raffinessen zurückblicken.

Der 10. und letzte Band ist fertig, das Werk ist vollendet und ich bin mehr als verblüfft, dass Fabre immer noch auf dem gleichen hohen Niveau schreibt und forscht, wie zu Beginn. Das Kompliment gilt ebenso auch den Übersetzern, die heute vielleicht sogar noch eleganter schreiben und im Lauf der Jahre fast so etwas wie einen eigenen Stil entwickelt haben. Melodiös und elegant, wie das Französische nun einmal ist, bildhaft, wie nur Fabre Naturbilder schaffen konnte, und mit unbändiger Lust an der Wissenschaft und ihrer Vermittlung.

In jedem Band hat Fabre auch ein Kapitel mit Kindheitserinnerungen eingeschoben, so auch diesmal, und die Fülle und der Artenreichtum, der einem da entgegenschlägt, sind einfach unfassbar. Was Fabre vor seiner eigenen Haustüre fand, dafür muss man heute ganze Landstriche absuchen und wird wahrscheinlich trotzdem leer ausgehen. Fabre sieht die Natur als Gottes Schöpfung, von Evolution hält er nicht viel, auch wenn er sie jetzt nicht mehr so fundamentalistisch bekämpft, wie in den ersten Bänden.

Fabre war 83 und damit für seine Zeit ein uralter Mann, auch wenn er danach noch fast 10 Jahre leben wird. Aber der letzte Band setzt jetzt eine Art Schlusspunkt. Er berichtet mit feinem Humor davon, wie er in die Ehrenlegion aufgenommen wurde, stolz ist er darauf sicherlich, aber es ist ein bescheidener Stolz. Fabre hat nie mit seinen Fähigkeiten geprahlt, sie waren ihm Notwendigkeit, seinen Wissensdurst zu stillen, nie akademischer Selbstzweck. Und dieser unstillbare Wissensdurst durchzieht auch den letzten Band wie ein roter Faden, sei es, wenn er metertiefe Gruben aushebt, um an die Larven des Stierkäfers zu gelangen (heute übrigens fast ausgestorben), oder winzige Rüsselkäferchen auf Königskerzen und Schwertlilien beobachtet. Auch seinem zweiten großen Hobby widmet er ein Kapitel, den Pilzen und ihrer Beziehung zu den Insekten. Manchmal ist der Aufwand gigantisch, den er treibt, um seine bohrenden Fragen zu beantworten, und er steht modernen Ansätzen in nichts nach. Die Eleganz seiner Apparaturen und Experimente ist immer erstaunlich, genauso wie seine Fähigkeit, auch noch im „schmutzigsten“ Insekt die Schöpfung zu preisen. Im letzten Band untersucht er z. B. die blaue Fleischfliege, die er hingebungsvoll mit toten Vögeln füttert und dabei gleich noch eine parasitäre Erzwespe entdeckt. Nie käme ihm in den Sinn, Ekel zu empfinden, dafür ist Fabre zu sehr fasziniert von den komplexen Zusammenhängen zwischen Werden und Vergehen.

Die letzten zwei Kapitel stammen aus dem Nachlass. Sie handeln von Glühwürmchen und dem Kohlweißling und sind noch nicht ganz ausgefeilt. Vielleicht wollte Fabre noch einen 11. Band schreiben, wer weiß das schon. Dazu gekommen ist es jedenfalls nicht. Acht Jahre nach den letzten Souvenirs stirbt Fabre im Alter von 92 Jahren, eine Berühmtheit, aber sein Ruhm wurde auch missbraucht. Dass jetzt seine Erinnerungen komplett auf Deutsch verfügbar sind, wird ihn hoffentlich auch hierzulande auf das Podest stellen, auf dem er in Frankreich längst steht. Und wer von Fabre immer noch nicht genug hat, der kann nach 4000 Seiten einfach wieder vorne anfangen. Der erste Band ist immer noch verfügb

Bewertung vom 19.05.2020
Breaking out of Tradition

Breaking out of Tradition


ausgezeichnet

In der japanischen Kultur hat das Handwerk bis heute einen besonders hohen Stellenwert. Nirgendwo auf der Welt erhalten herausragende Handwerkskünstler den Titel „lebender Nationalschatz“ und nirgendwo wird für nicht antikes Kunsthandwerk so viel Geld ausgegeben. Dabei messen sich die Meister stets an ihren Vorgängern, die sie ausgebildet und von denen sie den Betrieb übernommen haben. Oft bleiben die Werkstätten dabei nicht in der Blutlinie, sondern besonders talentierte Mitarbeiter werden vom Altmeister adoptiert, um die Qualität auch in der nächsten Generation sicherzustellen.

Das klingt nach einem sehr rückwärtsgewandten, traditionellen Kunsthandwerk und in vielen Bereichen ist das auch so. Aber in jeder Kategorie gibt es immer wieder Individuen, die das Handwerk weiterentwickeln und bei gleichbleibend hohem Qualitätsstandard neue, innovative Wege gehen.

Neben der Keramik ist die Lackarbeit die Königsklasse japanischen Kunsthandwerks. Seit über 300 Jahren bewegt sie sich auf einem weltweit unerreichten Niveau und ihre Techniken erlauben es, die unterschiedlichsten Materialien vorzutäuschen. Gold und in geringerem Maße auch Silber sind dabei wesentliche Elemente, die in erstaunlicher Variabilität eingesetzt werden. Wer einmal die geheimnisvoll schimmernden Oberflächen und die unglaublich feinen Zeichnungen auf hochwertigen Lackarbeiten gesehen hat, der wird die Faszination verstehen, die längst auch im Westen angekommen ist.

Jan Dees und sein Partner René van der Star haben über Jahrzehnte eine der besten Privatsammlungen japanischer Lackarbeiten aus der Meiji- und Taisho-Periode zusammengetragen, die derzeit im Lackmuseum Münster zusammen mit Leihgaben aus Japan und Europa ausgestellt wird (sobald die Coronabeschränkungen wieder aufgehoben sind...). Die Stücke zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Lackkunst nach dem Ende der Samuraiherrschaft auf neue Wege begibt und vor allem neue Interessentenkreise erschließt. War die Lackkunst vor 1868 dem Adel und repräsentativen Zwecken vorbehalten, fällt dieser Käuferkreis nach der Meiji-Restauration weitgehend aus. Jan Dees ist einer der wenigen Spezialisten im Westen, die sich mit dieser Entwicklung ausführlich befasst hat und sein einleitendes Kapitel im Katalog ist sicher eine der qualifiziertesten Zusammenfassungen zum Thema, die man hier finden kann. Ich muss darauf hinweisen, dass sie, wie der gesamte Katalog auf Englisch verfasst ist, das aber sehr eingängig und gut lesbar ist. Dees arbeitet heraus, wie sich der Umbruch sowohl in der Produktpalette als auch in der Bildwahl ausdrückt und wie es den japanischen Meistern gelingt, Tradition und Modernisierung in ihren Werken zu vereinen. Nationale Ausstellungen sind dabei wichtige Triebfedern der Entwicklung, die sich oberflächlich betrachtet vom Alten trennt, bei näherem Hinsehen aber die traditionellen Motive in abgewandelter Form beibehält. Im Katalog finden sich dann zahlreiche Beispiele, die diesen Prozess auf allerhöchstem Niveau nachvollziehen lassen. Durch die meist originalgroße Darstellung und die vielen Detailvergrößerungen lässt sich erst erkennen, was man selbst in der Ausstellung kaum sehen wird, nämlich die unerreichte Präzision in der Materialbeherrschung, ein charakteristisches Merkmal aller japanischen Handwerkskünste.

Wer sich für japanische Lackarbeiten interessiert, der sollte die einmalige Gelegenheit dieser Ausstellung unbedingt nutzen. Auf diesem Niveau sind sie in Europa ausgesprochen selten. Und wer die Ausstellung, aus welchen Gründen auch immer, nicht besuchen kann, der erhält mit dem Katalog einen Schatz an Information und japanischer Ästhetik, die man so schnell nicht vergisst.

Bewertung vom 13.05.2020
Die genial einfache Vermögensstrategie
Weber, Martin

Die genial einfache Vermögensstrategie


ausgezeichnet

Wer kennt nicht die beeindruckenden Darstellungen, in denen mit einer geringen Sparrate in jungen Jahren "schnell" eine Million Euro im Alter werden kann? Aber Sparen bedeutet auch Konsumverzicht und erfordert Selbstdisziplin. Und da fangen die Probleme für viele schon an. Das Autorenteam rund um Martin Weber zeigt, mit welchen einfachen Anlageformen eine Vermögensstrategie entwickelt werden kann, die so flexibel ist, dass sie die einzelnen Lebensphasen wie z. B. Ausbildung, Heirat, Kinder, Hausbau und Rente optimal abdeckt. Wo andere Ratgeber aufhören - in der Regel mit dem Vermögensaufbau - denken die Autoren einen Schritt weiter und erläutern, wie man im Alter sein Geld wieder ausgeben kann. So einfach es klingt, so schwer ist es aber in der Praxis. Abhängig davon, ob etwas zum Vererben übrig bleiben oder am Ende das Vermögen verbraucht werden soll, muss auch die Vermögensstrategie gestaltet sein. Und schließlich will man auch im Alter seinen Lebensstandard halten, eine eventuelle Pflege bezahlen können und nicht in Armut enden.

Die fünf Autoren Jacobs, Laudenbach, Müller, Schreiber und Weber sind Wissenschaftler und
Professoren an deutschen Hochschulen und Universitäten. Sie forschen auf dem Gebiet der "Behavioral Finance" und beschäftigen sich verkürzt ausgedrückt mit der Psychologie der Anleger. Sie räumen auf mit Mythen rund um die Geldanlage, zeigen Anlegerfehler (z. B. systematische Selbstüberschätzung, Verlustaversion, Ungeduld, häufige Strategiewechsel, "Framing") und erläutern, wie man Fallstricke vermeidet. Zur Untermauerung ihrer Aussagen ziehen sie für ihre Empfehlungen die neuesten empirischen Studien heran.
Abgeleitet aus einem wissenschaftlichen Modell beschreiben sie eine Strategie zur Vermögensaufteilung, um ein optimiertes Rendite-Risiko-Portfolio zusammenzustellen. Was sich theoretisch anhört, ist in der Praxis verblüffend einfach, denn die Autoren zeigen, wie man aus nur zwei marktbreiten Indexfonds oder ETFs seinen eigenen Plan aufbauen kann und dabei seine individuelle Risikobereitschaft und -tragfähigkeit berücksichtigt.

Ein weiterer, oft unterschätzter Schwerpunkt ist das "Langlebigkeitsrisiko". Die klassische Vermögensstrategie blendet häufig die Unsicherheit über den Todeszeitpunkt aus. Schließlich weiß niemand im Voraus, wie lange er leben wird. Dies ist aber bei der Geldanlage ein Problem, da das angesparte Kapital ja bis zum Lebensende ausreichen oder sogar noch etwas vererbt werden soll und dies bei vielen Unwägbarkeiten (z. B. Pflege). Die Wissenschaft hat hier ein hilfreiches Instrument entwickelt, um mit Unsicherheit umzugehen: das Konzept der Wahrscheinlichkeit. Und so zeigt das Autorenteam, wie optimale Strategien für kontinuierliches "Entsparen" (d. h. Geld ausgeben) aussehen können (z. B. Einmalzahlung vs. Verrentung, konstante vs. variable Entnahme). Ein Tipp: Zur Verdeutlichung des Kapitalbedarfs im Alter und Berechnung von Szenarien, gibt es im Internet zahlreiche Rechner.

Die einfach umsetzbare Vermögensstrategie sowie die Empfehlungen für das Entsparen im Rentenalter sind die Highlights dieses Ratgebers. Die Autoren zeigen in verständlicher Art und Weise, wie eine optimale Geldanlage für alle Lebensphasen hinweg aussehen kann. Und dies - im Gegensatz zu vielen anderen Ratgebern, die eher persönliche Meinungen wiedergeben - aus wissenschaftlicher Sicht und basierend auf zahlreichen Studien.

Bewertung vom 09.05.2020
Das Grosse Buch vom Schwert
Laible, Thomas

Das Grosse Buch vom Schwert


ausgezeichnet

Als ich mich vor zwei Jahren im Internet nach „guten“ Schwertern umgeschaut habe, bin ich fast wahnsinnig geworden. Es gibt eine dermaßen große Auswahl, die unterschiedlichsten Typen und natürlich ist alles allerbeste Qualität. Ich habe Stunden mit Recherchen verbracht und war hinterher kaum klüger, so dass ich mich letztlich auf die Expertise eines Händlers verlassen habe. Wirklich beurteilen konnte ich „mein“ Schwert eigentlich nie, außer dass es mir gefiel.
Das hat sich jetzt grundlegend geändert. Der Titel „Das große Buch vom Schwert“ legt die Latte des Anspruchs ja ziemlich hoch, aber diese Latte ist mit Bravour übersprungen. Ich bin restlos begeistert. Da schreibt einer, der bis ins Detail Ahnung hat und er schreibt so, dass es ein blutiger Laie genauso versteht, wie ein Fortgeschrittener noch seine Aha-Erlebnisse hat. Das ganze Buch ist für Anwender geschrieben, nicht für Theoretiker. Alle Aspekte, die von Interesse sind, werden behandelt, teilweise in bemerkenswerter Tiefe. Es geht hauptsächlich um echte Schwerter, weniger um Dekomaterialien für die Wand, daher sind Themen wie Konstruktion und Materialien, aber auch Pflege und Schärfen sehr ausführlich beschrieben. Großen Wert legt der Autor auf die korrekte Bezeichnung und die Merkmale von unterschiedlichen Schwerttypen, auch und gerade, damit man ein gemeinsames Vokabular hat und weiß, was genau gemeint ist. Alles ist hervorragend und sehr umfangreich bebildert, wobei die Abbildungen alleine schon ein Fest für die Augen sind. In diesem Zusammenhang steht auch das hochinteressante Thema „Filmschwerter“, die Thomas Laible aber nicht nur vor dem Hintergrund der Ästhetik betrachtet, sondern auch ihre Funktionalität untersucht. Da gibt es ein paar Überraschungen. Ebenfalls sehr interessant sind die Erklärungen zum Schwert(schau)kampf und den Schnitttests mit eingeweichten Schilfmatten, sozusagen die modernen Formen der Schwertverwendung.

Für mich in der Rückschau äußerst interessant ist das Kapitel „Kaufberatung“. Ich habe damals nichts falsch gemacht, das ist ja schon mal erfreulich. Aber ich habe auch im Nachhinein noch extrem viel gelernt. Besonders überzeugt hat mich, dass der Laible Themen, die in einschlägigen Foren kontrovers diskutiert werden, auch als solche identifiziert und eine eigene Meinung hat. Gerade bei der Pflege und dem Schärfen gibt es offenbar viel Online-Streit, aber ich finde, die pro und contra Argumente sind so transparent dargestellt, dass jeder auch für seine Anwendung die richtige Entscheidung treffen kann.
Gerade für Einsteiger finden sich konzentriert die wesentlichen Informationen, die man sonst mühsam und vor allem ohne fachliche Bewertung im Internet zusammensucht: Wer bietet was an? Wie ist die Qualität? Neben den Massenherstellern werden auch die absoluten Top-Schwertschmiede vorgestellt, deren Stücke auch schon mal fünfstellige Summen kosten.

Das Buch bietet ein Schatz an qualifizierter Information und ist außerdem noch ein prächtiger Bildband, der die Faszination Schwert in allen Details vermittelt.

Bewertung vom 08.05.2020
Antiquitäten
Kolbinger, Alfred

Antiquitäten


weniger gut

Antike Möbel haben derzeit ein existenzielles Nachfrageproblem. Der Einrichtungsstil ist eklektisch geworden und die Erbengeneration behält höchstens einzelne, besondere Stücke, aber ganz sicher nicht das ganze Biedermeierzimmer, das die Eltern teuer zusammengesammelt haben. Biedermeiermöbel kosten heute noch ein Zehntel von dem, was man vor 30 Jahren bezahlt hat und den Möbeln des 18. Jahrhunderts geht es kaum anders.

Alfred Kolbinger kennt und benennt das Problem. Er ist selber Restaurator und versucht mit seinem Buch das Interesse für schöne Möbel wieder zu entfachen, insbesondere wirbt er für fachgerechte Restaurierung und zeigt einige schöne Beispiele hierzu. Wie der Untertitel bereits andeutet, gliedert sich das Buch in mehrere Abschnitte, angefangen von der Stilkunde bis zur Kaufberatung.

Fangen wir mit der Stilkunde an. Die ist, mit Verlaub, weitgehend unbrauchbar. Schon die Zeittafel mit den Epochenbezeichnungen in Deutschland, Italien, Frankreich und England enthält gravierende Fehler. Die eigentliche „Stilkunde“ besteht aus einem einzelnen Beispielfoto für jede Stilepoche (Gotik, Renaissance, Manierismus, Barock...) und einer kurzen Beschreibung, die oftmals nicht einmal die stiltypischen Elemente erwähnt. Von regionalen Bezügen fehlt jede Spur. Der Autor sagt zwar im Vorwort selbst, dass sein Buch keine Stilkunde ersetzt, aber dann darf man damit auch nicht auf dem Titel werben. Genauso oberflächlich ist die kleine Übersicht über einige Holzarten. Wer z. B. von geriegeltem Ahorn spricht, sollte zumindest auch einen zeigen.
Wesentlich besser haben mir die Kapitel zu Konstruktionselementen und Schadbildern gefallen. Hier ist der Autor erkennbar in seinem Element und die zahlreichen Beispiele guter Restaurierungsarbeit geben dem Leser einen Einblick, auf was man beim Kauf oder der Beauftragung eines Restaurators achten muss. In der Hochzeit des Antikmöbelhandels, also in den Siebziger- und Achtzigerjahren, wurden Möbel durch „Restauratoren“ regelrecht hingerichtet.
Ein wenig zu oft erwähnt Kolbinger die Dienstleistungen, die der Restaurator auch (kauf)beratend anbietet, häufig verknüpft mit dem Anreißen eines Problems, das er dann, weil es zu komplex sei, nicht weiter ausführt. Ich muss leider feststellen, dass er sehr oft ein Thema an der Stelle beendet, wo es über ein Niveau hinausgeht, das man als interessierter Laie sowieso schon hat.

Insgesamt ist mir das Buch deutlich zu oberflächlich und dient wohl eher der Geschäftsanbahnung für den Restaurator. Als grundlegende, wenn auch schwache Einführung ins Thema geht es noch gerade durch, aber es dient nicht der ernstgemeinten, vertieften Information für eine breite Öffentlichkeit.