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Volker M.

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Insgesamt 636 Bewertungen
Bewertung vom 27.05.2022
Die Kosmos-Mittelmeerflora
Schönfelder, Peter;Schönfelder, Ingrid

Die Kosmos-Mittelmeerflora


ausgezeichnet

Die Flora des Mittelmeerraums hat mich immer schon fasziniert. Sie ist in einem Ausmaß bunt, vielfältig und aromatisch, dass man als Botaniker aus dem Schwärmen nicht herauskommt. Bei einer geschätzten Artenzahl von 24.000 eine Auswahl für einen exkursionstauglichen Naturführer zu treffen, ist nicht einfach, aber Peter und Ingrid Schönfelder haben ein derart umfassendes Praxiswissen, dass ihnen diese Aufgabe tatsächlich gelungen ist. Peter Schönfelder ist leider 2020 überraschend verstorben, sodass sein Schüler Ralf Jahn die Überarbeitung des bereits 1984 erstmals erschienenen Pflanzenführers übernommen hat. Viele Arten werden aufgrund genetischer Untersuchungen heute in anderen Gattungen oder Familien geführt, sodass die Aktualität ein sich ständig bewegendes Ziel ist.

Ein einfacher Bestimmungsschlüssel ist die „Eintrittskarte“ in die Systematik des Buches, das den Leser ansonsten vor allem über die aussagekräftigen Fotos zum Ziel führt. Der Bestimmungsschlüssel löst bis auf Familienebene auf und zu jeder Familie gibt es ein entsprechendes Kapitel mit den alphabetisch sortierten Artensteckbriefen, die aber nicht weiter über Bestimmungshilfen erschlossen werden. Die nächsten Filter sind, wie gesagt, die Fotos, weitere Eingrenzungen erlauben die detaillierten Beschreibungen der charakteristischen Merkmale. Die reduziert verwendete (deutsche) Fachsprache wird über ein bebildertes Glossar erklärt, aber in der Regel sind die Texte ohne weiteres verständlich. Ebenfalls für die Identifizierung hilfreiche Daten sind die Blütezeit, die Wuchshöhe und Angaben zu den typischen Biotopen, in denen man die Pflanze findet. Eine grobe Verbreitungskarte, deren Auflösung aber kaum unter 30.000 km2 geht, grenzt ggf. die Auswahl ein.

Es sind vor allem die Pflanzen dargestellt, die entweder besonders häufig und landschaftlich prägend sind, oder besonders auffällig und attraktiv, also genau die Elemente, die den Pflanzenliebhaber üblicherweise anziehen. Gerade vor diesem Hintergrund ist die Trefferwahrscheinlichkeit relativ groß, und auch wenn man im Zweifel nur eine ähnliche Art findet, wäre mit entsprechender Spezialliteratur die weitere Suche deutlich vereinfacht. Ich habe auch bei heimischer Flora immer wieder festgestellt, wie wichtig es ist, ein Gefühl für die charakteristischen Gattungs- und Familieneigenschaften zu bekommen, um schnelle (und richtige) Ergebnisse zu erzielen.

Im Rahmen der Möglichkeiten ist „Mittelmeer-Flora“ ein sehr guter Kompromiss zwischen botanischer Vollständigkeit und handlicher Praktikabilität.

Bewertung vom 27.05.2022
Howard Carter und das Grab des Tutanchamun

Howard Carter und das Grab des Tutanchamun


weniger gut

Es ist bis heute eine der größten Entdeckungen der Archäologie: Howard Carter findet im November 1922 im Tal der Könige den Eingang zum Grab Tutanchamuns. Zu seinen Lebzeiten publizierte er einen dreibändigen Grabungsbericht für die interessierte Öffentlichkeit, die geplante wissenschaftliche Ausarbeitung konnte er aber nicht mehr realisieren, da er wenige Jahre nach dem Ende der Ausgrabungen verstarb. Seine umfangreiche Grabungsdokumentation vermachte seine Nichte dem Griffith Institute der Universität Oxford, die diesen Schatz bis heute hütet und noch regelmäßig ergänzende Dokumente erwirbt. So lassen sich heute viele Umstände der Entdeckung in erstaunlicher Detailliertheit rekonstruieren.

„Howard Carter und das Grab des Tutanchamun“ beleuchtet anhand von 50 Objekten aus dem Bestand des Griffith Institute chronologisch Carters Arbeit. Darunter befinden sich zahlreiche Originalaufnahmen, Tagebucheinträge, Pläne und Zeichnungen, denn Carter war ein exzellenter Zeichner, dessen Präzision sogar die Fotos übertreffen, die während der Ausgrabung gemacht wurden. Allerdings geben gerade die Fotos sehr anschaulich die unmittelbare Fundsituation wieder, die immer verloren geht, aber wichtige archäologische Informationen birgt. Das können vergängliche Materialien, wie Blumenkränze sein, oder antike Verhüllungen kostbarer Objekte, die rituellen Zwecken dienten.

Das Buch bemüht sich erkennbar um eine postkoloniale Aufarbeitung des Materials, allerdings verfallen die Autoren geradezu reflexhaft in eine Herabwürdigung der Arbeit der „Weißen“ (dieses Wort wird tatsächlich ständig verwendet, ohne dass sich die Verfasser des inhärenten Rassismus bewusst werden) und einer Überhöhung ägyptischer Beiträge. Ist auf einem Bild ein ägyptischer Hilfsarbeiter zu sehen, wird nie versäumt auf „die ungleichen Machtverhältnisse“ hinzuweisen und anklagend vermerkt, dass der Name des Betreffenden „nicht überliefert ist“. Auch auf heutigen Fotos werden Hilfskräfte üblicherweise nicht namentlich gewürdigt und die „ungleichen Machtverhältnisse“ sind schlichtweg das Resultat mangelnder fachlicher Kompetenz im Ägypten der Zwanzigerjahre. Während die Bestände des Griffith Institute mittlerweile vollständig digitalisiert der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, sucht man ähnliche Projekte bei der aktuellen ägyptischen Altertumsverwaltung vergeblich. Im Gegenteil, man ist dort sehr bemüht, Fremde von Informationen fernzuhalten und den Inhalt von Fachpublikationen zu kontrollieren. Auch die allgegenwärtige Korruption in der ägyptischen Bürokratie (damals wie heute), die unkontrollierten Raubgrabungen und die Plünderung des Nationalmuseums in Kairo, mit bis heute nicht wieder aufgetauchten Objekten aus Tutanchamuns Grab, werden in dieser ideologisch verzerrten Darstellung mit keinem Wort erwähnt. Dagegen fehlt nie der Hinweis auf nicht nachgewiesene, aber von lautstarken Autoren propagierte Verfälschungen der Dokumentation Carters und dem „Raub“ einiger unbedeutender Kleinfunde, die Carter als „Andenken“ nach England mitgenommen hatte. Sie wurden im übrigen längst restituiert.

Es ist bedauerlich, dass dieses ansonsten so lesenswerte und eindrucksvolle Buch in die Mühlen einer politischen Indoktrination geraten ist, die in Großbritannien (dem Land der Originalausgabe) noch weiter fortgeschritten ist, als hierzulande. Letztlich tut man der Aufklärung damit nichts Gutes, denn es führt zu einer Verzerrung in die andere Richtung und entfernt uns von der Wahrheit, die aus vermeintlicher politischer Korrektheit nicht mehr dargestellt werden kann. Howard Carter war kein undankbarer Sklaventreiber, sondern ein hervorragender Wissenschaftler, der mit großer Akribie und auf der Höhe seiner Zeit ein unglaublich komplexes Projekt gemeistert hat. Dass er in der Hierarchie oben stand, lag vor allem an seinen Fähigkeiten und nicht an seiner Hautfarbe.

Bewertung vom 25.05.2022
Error 404
Paniagua, Esther

Error 404


sehr gut

Ein Ausfall des Internets hätte für uns verheerende Folgen. Nicht nur, weil wir keine Youtube-Videos mehr anschauen, Filme und Serien streamen, Videoanrufe tätigen oder uns in den sozialen Medien wie Facebook und Whatsapp durchposten könnten, was viele schon für eine Katastrophe halten. Nein, ein längerer Blackout des Internets würde viel weitreichendere Konsequenzen haben und wäre vergleichbar mit einem Ausfall des Stromnetzes. Das Kommunikationssystem würde genauso zusammenbrechen wie unsere kritische Infrastruktur und wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe verursachen. Es wäre auch ein Ende von Home-Office und Online-Handel. Wie diese Folgen wirklich im Detail aussehen könnten, wissen nicht einmal jene Personen, die eigentlich Bescheid wissen sollten, also die „Experten“, die in unseren Regierungen für die nationale Sicherheit zuständig sind. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie hilflos die Regierungen weltweit agierten - trotz angeblicher Krisenpläne. Zumindest sind sich die „Experten“ einig: Die Frage ist nicht, ob es zu einem Internet-Blackout kommen wird, sondern nur wann.

Esther Paniagua beleuchtet in ihrem Buch zunächst, wie es zu einem Ausfall des Internets kommen könnte und beschreibt verschiedene Szenarien, wie z. B. Angriffe auf das DNS (eine der wichtigsten Dienste bei der Beantwortung von Internetanfragen), die Zerstörung von Unterseekabeln, das bewusste Abschalten durch autokratische Regierungen, ein Sonnensturm oder ein terroristischer Angriff auf IT- und Kommunikationssysteme mit Hilfe von elektromagnetischen Impulsen ... und natürlich Cyberangriffe jeglicher Art.

Leider geht die Autorin aber nicht auf die Frage ein, was NACH dem Internet-Blackout passiert, sondern beschreibt nur lapidar, dass man davon ausgeht, "dass bei einem Übergang von einem Zustand der Normalität zu einem Zustand der Krise nach einer Frist von 48 Stunden das Chaos ausbricht". Sie weiß auch, "je länger die Unterbrechung, desto größer die Folgen", aber das sind letztlich alles triviale Allgemeinfloskeln. Stattdessen geht Paniagua sehr ausführlich auf die mit dem Internet verbundenen Gefahren ein, wie z. B. Verbrechen, Sucht, Desinformation und Verbreitung von Hass. Dabei führt sie viele Beispiele aus der Vergangenheit an und stützt sich bei ihren Ausführungen auf aktuelle Studien. Ihre Analysen sind interessant und haben mir neue Blickwinkel auf das Thema geöffnet. Neben den Gefahren hätte sie aber aus meiner Sicht auch die vielen Vorteile des Internets und unserer Vernetzung aufzeigen sollen. Auch wenn das Internet nicht der erhoffte Ort der Gleichheit und Toleranz geworden ist, ist es eben auch nicht alleine ein Ort der "Ungleichkeit und Diskrimierung, der Tyrannei, der Radikalisierung und der Kriminalität“. Die Auswirkungen bedrohen allerdings die Regierbarkeit der Gesellschaft, untergraben die Demokratie, zerstören den sozialen Zusammenhalt und beschleunigen die ökologische Katastrophe. Treffender hätte man kaum formulieren können.

Am Ende des Buches zeigt Paniagua mögliche Wege für einen Neuanfang auf.

Das Buch hat mit "Error 404: Der Ausfall des Internets und seine Folgen für die Welt" eindeutig den falschen Titel, da nur die möglichen Ursachen eines Internetausfalls, aber eben nicht deren Folgen thematisiert werden. Meine Erwartungshaltung wurde diesbezüglich herbe enttäuscht. Dennoch schafft es Esther Paniagua mit ihren Analysen und Beispielen, die dunklen Seiten des Internets anschaulich zu vermitteln und den Leser von notwendigen Änderungen zu überzeugen. Ob es hilft?

Bewertung vom 24.05.2022
Bekenntnisse eines Betrügers
Raina, Rahul

Bekenntnisse eines Betrügers


gut

Ramesh Kumar kommt von ganz unten. Als Sohn eines Teeverkäufers, der ihn brutal als Sklave missbraucht, ist ihm ein trauriges Schicksal bestimmt, bis eine resolute Nonne ihn aus den Fängen seines Vaters befreit und ihm eine solide Bildung verschafft. Bildung wird auch die Grundlage für sein Geschäft, bei dem Ramesh für reiche, untalentierte oder faule Kinder die „All India“ Prüfung ablegt. Die All Indias öffnen den führenden Absolventen sämtliche Türen des Landes. Ein durchaus einträgliches Geschäft, bis Ramesh für seinen „Kunden“ die All India Prüfung als Erstplatzierter gewinnt. Die Sieger des Wettbewerbs sind so etwas wie Nationalhelden und stehen im Licht der Öffentlichkeit. Droht der Schwindel jetzt aufzufliegen?

Rahul Raina legt zu Beginn ein atemberaubendes Tempo vor, mit einer Gagdichte, die an gute Standup-Comedy erinnert. Wie er mit der bigotten, korrupten und nationalistischen Gesellschaft Indiens umspringt, lässt wirklich kein Auge trocken. Mit Sarkasmus seziert er gnadenlos die Dünkelhaftigkeit der oberen Kasten, die Unangreifbarkeit der reichen Eliten und die Aussichtslosigkeit der armen Unterschicht. Er legt den Finger in jede Wunde und Indien hat viele davon: Die Überbevölkerung, die nicht nur durch Unwissenheit, sondern auch durch ständige Predigten von der indischen Überlegenheit gefördert wird, die unglaubliche Umweltverschmutzung, der tief sitzende Hass auf alles Westliche und auf Pakistan im Besonderen, und natürlich das Kastenwesen, das niemand überwinden kann. Raina beschreibt den allgegenwärtigen Schmutz und die unwürdigen Lebensbedingungen der Armen mit einem Fatalismus, der einem das Lachen im Hals stecken bleiben lässt.

Das erste Drittel hat den Charakter einer Köpenickiade, einer Aufsteigergeschichte, bei der der Held mit Witz und Geschick die Gesellschaft aufs Kreuz legt, indem er die ungeschriebenen Regeln ausnutzt und manipuliert, doch dann gibt es einen kompletten Umschwung, der zum einen der Geschichte die Leichtigkeit nimmt und anderseits auch den Tonfall ändert. Die Satire weicht ziemlich unvermutet einem turbulenten Kriminalroman, bei dem es im wahren Sinn hin und her geht. An verschiedenen Stellen bleibt dabei die Logik auf der Strecke und ich hatte den Eindruck, dass der Autor beim Schreiben selber nicht wusste, in welche Richtung er den Plot entwickeln sollte. Am Schluss gibt es einen weiteren Dreh und die letzten 30 Seiten sind dann eine bittere Abrechnung mit Indiens Gesellschaft. Der Humor ist da schon länger nur noch ansatzweise erkennbar, stattdessen hat mich dieser ungebremste Hass gegen den Westen, gegen alles „Nicht-Indische“ erschreckt, der Indien offenbar tief im Inneren regiert. Hier entsteht gerade unser nächster Todfeind, neben den bereits bestehenden, also China, dem Islam und Russland. Das war mir in dieser Deutlichkeit bisher nicht bewusst.

Das erste Drittel hat mir ausnehmend gut gefallen. Da hat die Geschichte Tempo, Witz und Originalität. Doch dann wird es zunehmend unlogisch, der Text wird sehr dialoglastig (keine von Rainas Stärken) und der Hass zum dominierenden Leitthema. Das ist ab einem gewissen Zeitpunkt eigentlich nicht mehr lustig, aber für einen klassischen Kriminalroman ist die Handlung zu wenig ausgearbeitet und die Charaktere sind in ihrer persönlichen Entwicklung nicht wirklich nachvollziehbar. Wäre Rahul Raina stilistisch und erzählerisch da geblieben, wo er auf den ersten 100 Seiten war, ich hätte dem Buch alle verfügbaren Sterne gegeben. So ist die Geschichte leider etwas unbefriedigend.

Bewertung vom 19.05.2022
Im wechselnden Licht
Deseyve, Yvette

Im wechselnden Licht


weniger gut

Die Friedrichswerder Kirche in Berlin hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Als eines der zentralen Werke Friedrich Schinkels war sie zunächst als protestantische Kirche in Verwendung. Nach der starken Beschädigung im Zweiten Weltkrieg und der weitgehenden Vernachlässigung der Ruine in der DDR bis weit in die Siebzigerjahre hinein wurde die originalgetreue Rekonstruktion erst nach der Wiedervereinigung vollendet. Heute ist das Gebäude Außenstelle der Alten Nationalgalerie und beherbergt die Skulpturen des 19. Jahrhunderts, wobei die zeitlichen Grenzen vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert reichen.

„Im wechselnden Licht“ beleuchtet zum einen die Bau- und Nutzungsgeschichte, aber auch die Einordnung der ausgestellten Skulpturen in den Kontext der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Ferner bemühen sich die Autoren um einen Katalog der Dauerausstellung, sowie um eine Darstellung der Künstlerbiografien. Sämtliche Texte sind sowohl im deutschen Original als auch in englischer Übersetzung verfügbar.

Zunächst ist mir aufgefallen, dass die Auswahl der Exponate teilweise nicht sehr glücklich ist. Zwar mag der Wunsch, Künstlerinnen einen größeren Raum zu geben, Berliner politischen Vorgaben geschuldet zu sein, aber wenn dies nur auf Kosten der Qualität zu erreichen ist, ist der Ansatz kontraproduktiv und verzerrt die Realität. Einer bildhauerischen Dilettantin (im kunsthistorischen Sinn, nicht als Herabsetzung gemeint) wie Kaiserin Viktoria von Preußen mit einem höchstens drittklassigen Werk hier einen Raum zu geben, ist eine Beleidigung für das Auge und auch die routinierte Büste Wilhelms I. einer Angelica Facius zeigt lediglich die Handschrift ihres Lehrers (und Werkstattleiters) Christian Daniel Rauch und nichts Eigenständiges. Das wäre alles kein Problem, gäbe es genug Stellfläche, aber in der Dauerausstellung haben nur 50 Werke Platz.

Die Texte sind auf der einen Seite inhaltlich etwas oberflächlich und kaum einmal referenziert, so als hätten sie ein reines Laienpublikum als Adressaten. Andererseits sind sie in fast schon bürokratischem Deutsch und so hölzern verfasst, als ob ihr Schicksal zwischen Aktendeckeln in einem Archiv wartete. Die Künstlerbiografien sind äußerst knapp gehalten und der Werkkatalog so rudimentär, dass nicht einmal die Maße der Werke genannt werden. Erstaunlicherweise sind zahlreiche Exponate auch nur als Gipskopien ausgestellt.

Insgesamt sind für mich sowohl die Ausstellung als auch der Begleitkatalog qualitativ enttäuschend. „Im wechselnden Licht“ hat zumindest bei mir nicht zur Erleuchtung beigetragen.

Bewertung vom 17.05.2022
Meisterklasse
George, Elizabeth

Meisterklasse


ausgezeichnet

Elizabeth George gehört zu den erfolgreichsten Krimiautoren der Welt. Ihre Stories sind bis ins Detail stimmig, ihre Figuren lebendig und der Spannungsaufbau hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Aber wie schafft sie das? „Meisterklasse“ macht jedenfalls kein Geheimnis daraus: Genie ist auch bei Elizabeth George 1 % Inspiration und 99 % Transpiration. Schreiben ist einfach unglaublich viel Arbeit. Der Aufwand, den George in die Recherche steckt, in die verschiedenen Vorarbeiten, die Entwurfsfassungen, die Personensteckbriefe und die Ausarbeitung der Szenen erklärt jedenfalls sehr nachvollziehbar, warum ihre Geschichten so gut funktionieren. Sehr strukturiert und mit zahlreichen Beispielen und Übungsideen geht sie vom Allgemeinen zum Speziellen, vom ersten Gedanken bis zum Lektorat der Endfassung.

Dabei stellt Elizabeth George stets klar, dass dieses Vorgehen für SIE das Richtige ist. Jeder Autor muss letztlich seinen eigenen Weg finden, nur das Ergebnis muss bestimmten Kriterien gehorchen, damit aus einer guten Idee auch ein guter Roman wird. Diese Prinzipien gelten für alle fiktionalen Bücher und man kann sie getrost als die 10 Gebote der Schriftstellerei bezeichnen (obwohl es mehr als 10 Regeln sind, die man beherrschen sollte). Genau vor diesem Hintergrund ist „Meisterklasse“ nicht nur ein Buch, das angehende Autoren mit Gewinn lesen können, sondern jeder, der Krimis mag. Wie oft habe ich mich gefragt: Was stimmt mit dieser Szene nicht? Warum nimmt mich die Story nicht gefangen? Was stört an einer bestimmten Person? Ja, woran macht es sich fest, ob ein Krimi gut ist, oder nicht? Elizabeth Georges anschauliche Erklärungen, kombiniert mit vielen Beispielszenen aus ihrem Krimi „Doch die Sünde ist scharlachrot“, an denen ihre Arbeitsweise sichtbar wird, lassen mich jetzt auch andere Romane mit ganz anderen Augen lesen. Es ist ein bisschen wie in der Musik: Je mehr man über Instrumentierung und Komposition weiß, umso genauer hört man hin und umso mehr Feinheiten entdeckt man. Genießen kann man Musik selbstverständlich auch ohne diese Kenntnisse, aber zu wissen, wie es „funktioniert“ macht einen ganz eigenen Reiz aus. Und steigert die Bewunderung für die, die es meisterhaft beherrschen.

Ich habe „Meisterklasse“ in wenigen Tagen verschlungen, ein Buch, das mir im wahren Sinn die Augen geöffnet hat. Man muss kein Schriftsteller werden wollen, um daraus dauerhaften Nutzen zu ziehen. Genauso, wie man kein Huhn sein muss, um ein faules Ei unter frischen zu erkennen.

Bewertung vom 16.05.2022
Die Veitskapelle in Mühlhausen

Die Veitskapelle in Mühlhausen


ausgezeichnet

Die Veitskapelle in Mühlhausen bei Stuttgart ist ein besonderer Glücksfall, von denen es in Deutschland nicht viele gibt. Hier hat sich eine nahezu vollständige mittelalterliche Kirchenausstattung erhalten, ohne barocke Überformung, ohne allzu zerstörerische „Restaurierungen“ und in einem wunderbar geschlossenen Ensemble. Grund dafür ist, wie so oft, Armut. Es klingt aus heutiger Sicht für den Raum Stuttgart vielleicht etwas deplatziert, aber bis ins 19. Jahrhundert fehlte der Gemeinde Mühlhausen schlicht das Geld für eine Modernisierung und mit dem Beginn der Mittelalterbegeisterung ab 1840 wurde die Bedeutung der Veitskapelle schnell erkannt. Um 1880 gab es eine erste Restaurierung, nach dem Zweiten Weltkrieg, den die Veitskapelle beschädigt, aber weitgehend erhalten überstand, gab es eine zweite Restaurierungsphase, die bis heute anhält. Nicht alle Maßnahmen waren aus heutiger Sicht sachgerecht. Die umfassende, exzellent dokumentierte Kampagne von 2007 bis 2013 erfasste detailliert den Status quo und beseitigte zahlreiche Primär- und Sekundärschäden. Die Arbeiten wurden eng vom Landesdenkmalamt begleitet und nun mit einiger Verspätung in diesem Band publiziert.

Die Sorgfalt, die bei allen Überlegungen waltete, lässt sich aus der technischen Dokumentation ablesen. Ein einleitendes Kapitel beleuchtet zusätzlich die Baugeschichte, sowie in der Folge den Stand der kunstgeschichtlichen Diskussion. Insbesondere die Frage des böhmischen Einflusses auf die Wandmalereien ist mit letzter Sicherheit noch nicht geklärt. Das ikonografische Bildprogramm wird analysiert, fehlende Elemente werden postuliert und zur Datierung bzw. Abfolge der Malerei Methoden der vergleichenden Kunstgeschichte sowie der Kunsttechnologie herangezogen.

Die folgenden Kapitel „durchleuchten“ den Baukörper von außen nach innen: Die Sicherung der Dachkonstruktion (noch aus dem Baujahr 1382!), der Ersatz des schadhaften Außenputzes aus den Sechzigerjahren, die Restaurierung der steinernen Architekturteile, sowie die Sicherung der originalen Wandmalereien werden mit zahlreichen Aufnahmen, Übersichtsplänen und fachlich detaillierten Beschreibungen erfasst. Typisch für heutige Maßnahmen ist der interdisziplinäre Ansatz, bei dem nicht nur hochspezialisierte Handwerker, sondern auch Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen beteiligt sind. Interessant sind in dem Zusammenhang die Untersuchungen zur angewandten Maltechnik, die z. B. in Schablonen einsetzte, sowie die chemische Analyse der Malgründe, die teilweise noch völlig unberührt sind und daher selten authentische Einblicke ermöglichen, und außerdem die Abgrenzung von Original und späterer Restaurierung erlauben. Bei der Innenausstattung wird ein Fokus auf die Arbeiten an der Altarretabel gesetzt. Im Anhang finden sich Fotos sämtlicher bei den Arbeiten identifizierter Steinmetzzeichen, sowie Transkriptionen der historischen Bauakten aus dem 19. Jahrhundert.

Es hat zwar fast 10 Jahre gedauert, bis alle beteiligten Autoren ihre Beiträge abgeliefert haben, aber die Dokumentation erfüllt dafür auch alle Anforderungen, die man heutzutage an stellt. Die Fehler der Vergangenheit, als Restaurierungsmaßnahmen höchstens mit einer Rechnung im Kirchenarchiv festgehalten wurden, werden sich zum Glück nicht wiederholen und sind zum Teil durch den retrospektiven Ansatz der Untersuchungen sogar korrigiert worden.

Bewertung vom 15.05.2022
Alles, was Sie über Trading wissen müssen
Elder, Alexander

Alles, was Sie über Trading wissen müssen


ausgezeichnet

"Alles, was Sie über Trading wissen müssen" richtet sich in erster Linie an kurzfristige Händler (= Trader), die mit Kauf und Verkauf von Finanzinstrumenten wie Wertpapieren, Optionen und Rohstoffen Geld verdienen wollen. Aber auch langfristigen Investoren vermittelt Alexander Elder - ehemals Psychiater in New York und jetzt professioneller Trader und Coach - wertvolles Wissen rund um die Themen Psychologie, Taktik, Risikomanagement und Dokumentation.

Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um die deutsche Übersetzung des 2014 auf Englisch erschienenen Buches "The New Trading for a Living".

In 11 Kapiteln beschreibt Elder die für einen Trader relevantesten Themen. "Persönliche Psychologie" behandelt z. B. den Personenkult der Börsengurus und deren Auswirkungen auf Anleger. Besonders interessant fand ich die Lektionen für Trader, die eine Verluststrähne haben und nicht wissen, wie sie aus ihr herauskommen. Dabei lehnt er sich an das 12- Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker an und überträgt diese Grundprinzipien auf das Trading ("Die anonymen Verlierer"). Aber auch das Wissen um die "Massenpsychologie" (typische Verhaltensmuster der Anleger, Psychologie von Trends) ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. So sind Charts für ihn Fenster zur Massenpsychologie und analysieren das Verhalten der Anleger. Um diese lesen zu können, geht Elder auf die "Klassische Chartanalyse" (Welche Chartmuster sind objektiv, welche subjektiv, Unterstützung und Widerstand, Trenderkennung) sowie "Computerunterstützte Technische Analyse" (Indikatoren, Oszillatoren, Gleitende Durchschnitte) ein. Sehr gut gefallen haben mir dabei seine ganz konkreten Trading-Regeln, die bei der Umsetzung hilfreich sind.

"Risikomanagement" war für mich das wichtigste und hilfreichste Kapitel, weil die Unfähigkeit mit Verlusten umzugehen, eine der schlimmsten Fallstricke beim Trading ist. Der Mensch neigt grundsätzlich dazu, Gewinne schnell mitzunehmen, hingegen bei Verlust-Trades zu warten, dass sie wieder in die schwarzen Zahlen kommen. Manchmal bis zum Totalverlust. So gibt es für Elder zwei Möglichkeiten, ein Depot schnell zu ruinieren: keine Stopps verwenden sowie Trades eingehen, die für das Depot zu groß sind. Seine 2-und-6-Prozent-Regel, die dies verhindert, ist einfach zu merken und unkompliziert umzusetzen. Auch wenn ich Stopps sehr kritisch sehe, hat mich Elder zumindest zum Nachdenken angeregt.

In "Gute Aufzeichnungen" beschreibt Elder, warum unbedingt ein Trading-Tagebuch geführt werden sollte. Es dient als erweitertes Gedächtnis und ermöglichen eine Erfolgskontrolle mit Nachjustierung des eigenen Regelsystems. Hierzu stellt der Autor einige Checklisten und Formulare vor, die als Grundlage für die eigene Dokumentation dienen können.

Elders Buch sticht unter allen Trading-Ratgebern vor allem durch seine praktischen Umsetzungsempfehlungen und neue, teils ungewöhnliche Sichtweisen hervor. Es handelt sich um ein anspruchsvolles Arbeitsbuch, das Zeit, Aufwand und Konzentration abverlangt. Über 350 Seiten ist das eine echte Aufgabe - aber es lohnt sich!

Bewertung vom 12.05.2022
Japan für Anfänger
Iyer, Pico

Japan für Anfänger


ausgezeichnet

Pico Iyer hat eine ungewöhnliche Definition für „Anfänger“. Seit über 30 Jahren lebt er in Japan und dennoch bezeichnet er sich selber als Anfänger, wenn es darum geht, Japan und die Japaner zu verstehen. Das liegt ganz sicher daran, dass er immer noch so gut wie kein Japanisch spricht, denn Integration funktioniert nun einmal in erster Linie über Sprache, aber selbst wenn er Japanisch perfekt beherrschte, würde er als Ausländer niemals als gleichwertig akzeptiert. Man sollte Toleranz nie mit Akzeptanz verwechseln.

Ich bin vor Corona selber oft im Land gewesen und ein ausgewiesener Japan-Fan. Das Reisen dort ist wunderbar, aber man lernt leider nur die Oberfläche kennen, denn die Japaner sind Meister darin, Masken zu tragen und eine den Umständen angepasste Rolle zu spielen. Pico Iyer hat das in seinem kleinen, aber sehr pointiert geschriebenen Buch wunderbar erfasst.

„Meine Kollegin verbringt jeden Tag zwei Stunden damit, sich zu schminken“, sagt meine Frau auf dem Weg zum Kaufhaus, in dem sie arbeitet.
„Damit alle sie ansehen?“
„Nein. Damit niemand sie ansieht.“

Iyers Kapitel sind aus zahllosen solcher Miniaturszenen zusammengesetzt, wie ein Puzzle, dem immer mehr Teile hinzugefügt werden, bis sich ein Bild ergibt. Anekdoten, kluge Beobachtungen, auch von anderen Schriftstellern und Reisenden aufgeschnappte, und immer wieder selbst Erlebtes. Dadurch, dass Pico Iyer, der mit einer Japanerin verheiratet ist, mitten in der Gesellschaft lebt, gelingen ihm Aufnahmen der japanischen Seele, wie sie nur wenigen möglich sind. Er ist ein brillanter Autor, der kein Wort verschwendet, um einen Gedanken auf den Punkt zu bringen. Präzise, geistreich und gleichzeitig äußerst unterhaltsam, wie ich noch kein Buch über Japan in den Händen gehalten habe.

Pico Iyer ist kein Anfänger, aber er verzweifelt immer noch an den gesellschaftlichen Zwängen, den Regeln, denen die Japaner selbst dann noch in blindem Kadavergehorsam folgen, wenn sie erkennbar in den Untergang (oder zu keiner Lösung) führen, und er verzweifelt an der Undurchschaubarkeit der Rolle, die ein Gegenüber gerade spielt. Natürlich hat er sie verstanden und damit den Mythos Lügen gestraft, dass man „das nur verstehen kann, wenn man Japaner ist“. Aber er ist immer der außenstehende Beobachter, der Fremde, der Chronist, und nie Teil der japanischen Gemeinschaft. Das kann er auch nicht werden, so sehr er sich auch bemüht. Die koreanischen Kriegsgefangenen, die nach dem Weltkrieg in Japan blieben und nicht nach (Nord)Korea zurück wollten, besitzen selbst in der dritten Generation noch nicht die japanische Staatsbürgerschaft und Halbjapaner haben es an japanischen Schulen besonders schwer. Pico Iyer beleuchtet beide Seiten dieser Medaille mit Zuneigung und ganz ohne Bitterkeit, denn ihm ist natürlich auch bewusst, dass seine äußerst mangelhaften Sprachkenntnisse im täglichen Miteinander vieles erschweren. Seine Beobachtungen schildert er respektvoll mit einem Augenzwinkern, aber er schweigt auch nicht über die Schattenseiten des unreflektierten Kadavergehorsams, der Japaner zu gewissenlosen Soldaten machen kann. Das Konzept der „Schuld“ ist in Japan unbekannt.

„Japan für Anfänger“ wird jeder Anfänger zweifellos mit großem Gewinn lesen, aber wer sich mit Land und Leuten schon tiefergehend beschäftigt hat, der begreift erst richtig, wie brillant dieses Buch geschrieben ist. Möglicherweise das beste über Japan seit Lafcadio Hearn.

Bewertung vom 11.05.2022
The Luxury of Private Aviation

The Luxury of Private Aviation


sehr gut

Ich gebe zu, es ist eine Welt, die mir verschlossen ist. Weder besitze ich einen Privatjet, noch würde ich mir einen mieten, wenn ich auf Geschäftsreisen bin. Die Firma Luxaviation macht genau das, sie vermieten Privatjets, und „The Luxury of Private Aviation“ ist sowohl spannender Einblick in ein äußerst verschwiegenes Geschäft als auch Werbung für ihre exklusiven Dienstleistungen. Der Leser staunt über die Annehmlichkeiten, die schon in den 20er-Jahren dem Passagier zur Verfügung standen und mit welchen Extravaganzen die Stars und Sternchen der Sechziger und Siebziger durch die Luft reisten. Heute ist die Privatfliegerei Teil des Big Business, wo es auf jede Minute ankommt: Keine Verspätungen, kein lästiges Schlangestehen, erlesene Speisefolgen, aufmerksames Bordpersonal. Das hat natürlich seinen Preis, aber darüber redet Jana App-Sandering nicht, die Chefin des Kundenservice von Luxaviation, genauso wenig wie über ihre tatsächlichen Kunden. Wohl aber darüber, wie man Wünsche erfüllt, bevor sie ausgesprochen werden, wie man geeignetes Personal findet, was echter Luxus ist und wie man eine verwöhnte Klientel noch überraschen kann.

Das Ganze wird mit Hochglanzbildern fast schon ins Abstrakte überhöht. Die Jets sind Kunstwerke des Designs, egal ob in der Luft oder am Boden, die Uniformen verunstaltet kein Fältchen, gerade so wie die jugendlich glatten Gesichter der Stewardessen. Es ist eine Welt der Illusion, voll strahlenden Lächelns, edler Inneneinrichtungen und in Szene gesetzter Hochtechnologie. Das Ganze wird eingebettet in Texte, bei denen man spürt, wie lange die Marketingstrategen an jedem Komma gebastelt haben, wenn sie gekonnt über den gesellschaftlichen Wert des Luxus philosophieren. Und Zitate gibt es von Paul Klee bis Aristoteles. Nicht alle Quellen stimmen zwar, aber im Zweifel gradet man eben up. „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Von allem nur das Beste“ stammt nicht von Winston Churchill, sondern von Oscar Wilde, aber der saß als verurteilter Sodomist bekanntlich im Gefängnis. Da ist Old Winston doch die unverfänglichere Wahl. Wer weiß, welcher Kunde das Buch in die Hände bekommt...

Menschen, die sich alles leisten können, sind oft schwer zu beeindrucken. Wie man es vielleicht doch schafft, zeigt Luxaviation jedenfalls auf sehr stilvolle Weise. Hier ist der Kunde wirklich König. Oder Millardär.